Spottmedaille 1742

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Spottmedaille 1742

Beitragvon klaupo » Mi 21.07.04 12:57

Hallo zusammen,

ich möchte hier eine Medaille (40 mm) vorstellen, die mir eigentlich nur ein einziges Rätsel aufgibt. Der Hintergrund scheint durch das Jahr 1742 geklärt.

Preußen erhält im Bündnis mit Frenkreich die Grafschaft Glatz, Ober- u. Niederschlesien von Österreich; Maria Theresia gewinnt Böhmen zurück und besetzt Bayern. Werner Stein, Kulturfahrplan für das Jahr 1742.


Das linke Bild zeigt also vermutlich unter der Umschrift DIE KONIGIN VON UNGERN ZIEHT EIN BETJERSCHE HOSEN AN den unbehosten Wittelsbacher Karl Albert, dessen betjersche (Leder-?) Hosen Maria Theresia, assistiert von einer Zofe, soeben anzieht, d.h. sie hat Bayern besetzt. Im Schriftband über ihr ist zu lesen VOUS AVEZ PERDU. Unter der Szene steht die Jahreszahl MDCCXLII.

Das rechte Bild zeigt unter der Umschrift DIE ENTBLOSTE KONIGIN VON UNGARN Maria Theresia im Evaskostüm, links daneben eine weibliche (oder auch klerikale männliche?) Gestalt, die grade Hand anlegt und rechts den König von Preußen, Friedrich II, der sich mit ihren Kleidern aus dem Staube macht. Im Spruchband über ihm steht zu lesen J’AI GAGNÉ, d.h. er hat ihr Schlesien abgenommen. Unter der Szene steht ebenfalls die Jahreszahl MDCCXLII.

Und nun kommt das Fragezeichen: Wo mag diese Medaille entstanden sein? Meines Erachtens erfüllen beide Seiten aufgrund der despektierlichen Gestaltung der drei hohen Herrschaften den Tatbestand der Majestätsbeleidigung, und dieses Delikt dürfte seinerzeit nicht ungeahndet durchgegangen sein. Wo also mochte man sein Vergnügen an dieser Situation gehabt und sie karikiert ins Bild gesetzt haben? - Österreich, Bayern und Preußen scheiden meiner Ansicht nach aus!? Hat jemand eine Idee? :roll:

Gruß klaupo
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Beitragvon Lutz12 » Mi 21.07.04 18:33

Hallo Klaupo,
nur unbewiesene Vermutungen: Ich denke, dass es eine Habsburger Prägung ist, weil es aus dieser Zeit auch andere (ähnlich bissige) Stück auf (oder gegen) Maria Theresia gibt. Die Sammlung Montenuovo (Österreichische Medaille) enthält z.B.
Nr. 1707: 1742 "Pragmatische Sanction. Spott-Medaille: EEDE EN VERBONDE GEBROOKEN etc. W. 7857. 42 mm, AE" ss 1,-
Nr. 1712: 1743 " Spottmed. Av. DAS IST DAS VERITABLE UNGARISCH WASSER. Drei Knieende vor der Königin. Rv. Trophaeon. 38 mm, AE" ss M 2,- s.g.e. 1,-
Nr. 1746: 1744 "Spott-Med. Av. DIE ENT BLOSTE KONIGIN VON UNGARN. W. 7875. 39 mm, AE " ss M 2,- s.g.e. 1,-
Nr. 1747: wie 1746 aber MDCCXLII (statt LIV) auf beiden Seiten, 40 mm, AE s.g.e. 2,-
weiter hab ich es erstmal nicht verfolgt. Ich würde aber bei Österreich weiter suchen.
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Beitragvon mumde » Mi 21.07.04 19:34

Hallo Klaupo, erstmal zur Deutung der Bilder: Friedrich II. erscheint auf dieser Medaille nicht. Friedrich II. wurde nie mit Allongeperücke dargestellt. Der Mann mit den lang herabhängenden Haaren ist auf beiden Seiten Karl VII. Im Wittelsbach-Katalog, Nr. 1905, wird solch ein Stück folgendermaßen beschrieben: "Spottmedaille auf den anfangs glücklichen Erfolg der Waffen Karls VII. gegen Maria Theresia und den bald erfolgten Glückswechsel.
A.) DIE ENTBLOSTE KONIGIN VON UNGARN Maria Theresia steht nackt zwischen einem Kardinal (Fleury) und dem Kaiser Karl VII, der ihr Gewand davonträgt. ...
R.) DIE KONIGIN VON UNGERN ZIEHT EIN BEIJERSCHE HOSE AN Maria Theresia mit der Krone auf dem Haupt zieht eine Hose an; hinter ihr ein Kammermädchen und zur Seite wieder der Kaiser, dem nun seinerseits die Beinkleider mangeln und dem die Krone vom Haupt fällt. ..."
Es gibt aus dieser Zeit recht viele sogenannte "Volksmedaillen", in Bronze gegossene, handwerklich und oft auch künstlerisch anspruchslose Medaillen, die von Privatunternehmern hergestellt und auf den Märkten usw. an die Bevölkerung verkauft wurden. Einige sind satirisch, andere feiern die Siege Friedrichs II.; die von Dir gezeigt Medaille freut sich ja ganz offenbar über den Erfolg Maria Theresias und verhöhnt den Bayern Karl VII., ist mit der Darstellung der nackten Königin aber als österreichische offizielle Auftragsarbeit undenkbar.
Die Medailleure solcher Volksmedaillen sind unbekannt. Von einigen sehr primitiv gemachten auf die Siege Friedrichs II. weiß man, daß sie von den Brüdern Pinchbeck in London hergestellt wurden. Es gibt auch welche (z. B. die von Lutz genannte Mont. 1707 auf die Pragmatische Sanktion), die Umschriften in niederländischer Sprache haben. Bei manchen dieser Medaillen habe ich den Eindruck, daß sie sich an Vorbildern des Medailleurs Holtzhey orientieren, der in Amsterdam arbeitete (für Volksmedaillen aber nicht in Frage kommt, da er handwerklich mehr drauf hatte). Da die südlichen Niederlande (das heutige Belgien) damals ja österreichisch waren, hatten sicher auch die Niederländer Interesse an den Vorgängen im Reich. Die nördlichen Niederlande waren freie Republik, wo viele aufrührerische Schriften gedruckt wurden, die sonst nirgendwo erscheinen durften. Vielleicht wurde dort auch so manche satirische Medaille gegossen und dann ins Reich geschmuggelt, genau wie die Bücher. Aber die meisten sind sicher anonym an Ort und Stelle entstanden, also in Österreich, Bayern, Preußen, und der Verkäufer hat halt geschaut, daß er sie nicht grad einem Polizisten zum Kauf anbot.
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Beitragvon klaupo » Mi 21.07.04 19:36

Hallo Lutz,

danke erstmal für den Hinweis auf die Sammlung Montenuovo - ich hab zufällig heute über diese Sammlung gelesen. Natürlich sind meine Überlegungen unbewiesene Vermutungen, aber daß das Stück in einer österreichischen Sammlung auftaucht - es ist wohl die Nr. 1747, die du zitiert hast - sagt nur aus, daß sie sich auf Österreich bezieht, nicht aber unbedingt, daß sie auch aus Österreich kommt. Zum Vergleich: Viel niederländischer als die Nr. 1707 geht es nicht, der Text bedeutet in etwa "Vereint gebrochene Eide", wenn ich das richtig umsetze. Mir ist mittlerweile Sachsen als mögliche Herkunft in den Sinn gekommen, aber ich lasse mich gern eines besseren belehren! :D

Gruß klaupo

Hallo mumde, vielen Dank! Ich sehe grade, da war ich mal wieder ein wenig zu spät dran! :oops:
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Beitragvon Lutz12 » So 25.07.04 17:07

Hallo klaupo,
Du hast natürlich recht, ich denke jede Quelle hilft erstmal der Sache auf den Grund zu kommen. Inzwischen habe ich in einem gerade erworbenem Buch das Stück nochmal gefunden. Gisela Förschner "Frankfurter Krönungsmedaillen" verzeichnet das Stück unter Nr. 291. Es existiert demnach in 40 mm als Kupfer und als versilbertes Exemplar (jeweils Guss?). Gewichtsangabe Cu=16,92 g, versilbert= 17,12 g. Zum Text eine (etwas andere) Deutung: J´AI GAGNE (Ich habe gewonne). Die Medaille ist überschrieben: Versilberte Spott-Medaille 1742 auf den Wechselfall des Kriegsglücks (unsigniert).
Im gleichen Buch sind unter Nr. 339 bis 346 weitere Spottmedaillen (in Varianten) angeführt die als "aus gleicher Werkstatt" bezeichnet werden.
Der Hersteller bleibt aber im Nebel, war anderseits aber sehr produktiv (geschäftstüchtig). Die Nachfrage muß entsprechend hoch gewesen sein.
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Beitragvon chinamul » So 25.07.04 17:55

Hallo, Ihr Experten mit den beneidenswerten Kenntnissen!

Mal eine Bemerkung, die Klaupo wohl nicht sehr viel weitergeholfen hätte: Ist es nicht sehr schade, daß solche Medaillen so gänzlich aus der Mode gekommen sind? Wieviel prächtiger Stoff böte sich da gerade heute, sich über unsere Regierenden jedweder Couleur lustig zu machen, und genügend Absatz gäbe es ganz bestimmt auch. Der Unmut des Volkes hätte so ein Ventil, und außerdem wäre es auch noch ein schönes neues Sammelgebiet.

Gruß

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Beitragvon Lutz12 » So 25.07.04 18:56

An Motiven wäre fürwahr kein Mangel. Allerdings habe ich den Eindruck, dass in Deutschland Medaillen immer nur dann gekauft werden, wenn sie aus Edelmetall und in PP sind und auch "Streng limitiert" werden, damit Wertsteigerungen so gut wie garantiert sind. Das Motiv (wie auch beim Euro) spielt wohl selten eine Rolle.
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Beitragvon mumde » So 25.07.04 22:32

In den letzten 40 Jahren sind ja wahrlich mehr als genug Medaillen fabriziert worden. Aber sie sind geprägt worden auf das Jubiläum irgendeiner Stadt, auf bestimmte Ereignisse der Geschichte, auf Bundesländer, Bundespräsidenten, Bundeskanzler usw., d. h. auf Ereignisse, die eine lange Planungszeit ermöglichen. Medaillen auf Olympische Spiele z. B. feiern nicht den aktuellen Sieger im 100-m-Lauf, sondern sie zeigen das Stadion, in dem er gelaufen ist, oder einen anonymen antiken Diskuswerfer usw., also Bilder, die man schon ein paar Jahre im Voraus planen und entwerfen kann. Es fehlt die Aktualität, es fehlt die Flexibilität, es fehlt das schnelle Reagieren (vom handwerklichen Können mal ganz abgesehen).
Vom Medailleur Karl Goetz, der seine aktivste Zeit im I. Weltkrieg und in der Weimarer Republik hatte, ist bekannt, daß er früh morgens in der Zeitung etwas las, was ihn interessierte, und dann ging er in seine Werkstatt und modellierte eine Medaille dazu. Das Gießen dauerte noch ein paar Tage, aber dann war die Medaille fertig und konnte seinen Kunden angeboten werden.
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Beitragvon Lutz12 » So 25.07.04 23:28

Auch heute kann man als Auftraggeber eine Medaille im Idealfall in ca. 8 Wochen fertigstellen (Prägemedaille - Guss keine Erfahrung!). Problem ist aus meiner Sicht der Preis. Selbst bei einfachsten Medaillen (ohne künstlerischen Anspruch) kann man bei einschlägigen Deutschen Medaillenproduzenten keinen niedrigen Preis erwarten, qualititiv hochwertige Medaillen (die leider rar sind) bergen wohl ein zu hohes finanzielles Risiko, so das sich niemand daran wagt. Der Kommerz steht an 1. Stelle und die schon 10 mal verwendeten Motive der den meisten bekannten Serienmedaillen werden wieder aufgewärmt. Schön oder originell findet die wohl kaum noch jemand.
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Beitragvon klaupo » Mo 26.07.04 00:05

Ich habe mich ein wenig in dieses amusante Stück verbissen und bin nach den bisherigen Hinweisen mal einen ganz anderen Weg gegangen - den (pseudo-) philologischen. In meiner grenznahen Nachbarschaft ist nämlich die Schreibweise IJ nicht ungewöhnlich! :D Nach meinem Lesefehler BETJERSCHE und der korrekten Schreibweise von mumde BEIJERSCHE habe ich dieses Wort bei google eingegeben, und ich bekam ausschließlich (!) niederländische Ergebnisse! Ich bin aus diesem Grunde und den oben genannten Querverbindungen zwischen Österreich und den Niederlanden recht sicher, daß das Stück niederländischer Provenienz ist!

Gruß klaupo
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Beitragvon Lutz12 » So 05.09.04 19:26

Hallo klaupo,
Deine Vermutung wird gestützt von Dr. phil. R. Gaettens in seinem Buch "Warum und wie sammelt man Münzen und Medaillen" erschienen 1926 bei A.. Riechmann & Co. in Halle wird das Stück auf Tafel XVI. abgebildet und als Holländische Medaille bezeichnet.
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Re: Spottmedaille 1742

Beitragvon klaupo » Sa 18.03.17 21:41

Manchmal stößt man per Zufall nach Jahren auf recht interessante Informationen. Im aktuellen Fall geriet ich an einen Kupferstich, auf den der unbekannte Künstler für das Motiv seiner Medaille als Vorlage zurückgegriffen hat. Dieser Stich stammt von einem englischen Kupferstecher und Drucker - Nathaniel Parr (Lebensdaten unbekannt?). Von ihm existiert eine Karikatur, aus welcher der vermutlich niederländische Künstler eine Figurengruppe für das Avers seiner Medaille herausgearbeitet hat. Ich zeige deshalb hier noch einmal das Avers der Medaille.

1742_Satire_Bayern_Av.jpg


Eine Abb. und eine ausführliche Beschreibung des Stichs (auf Englisch) findet sich dann hier:

http://www.britishmuseum.org/research/c ... 1-7&page=1

Gruß klaupo
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