Literatur zu Byzanz

Moderator: Wurzel

Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Wurzel » Mo 07.06.10 07:28

Hui.

da läuft mir schon jetzt das Wasser im Mund zusammen. Da ich schon das Vergnügen hatte das eine oder andere von Dr.Andreas Urs Sommer zu lesen bin ich mir ziemlich sicher, das das Werk recht fundiert sein wird.

Ich freue mich :D
http://www.pflege-am-boden.de/
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Fr 09.07.10 21:50

Mischa Meier (Hg): Sie schufen Europa. Historische Portraits von Konstantin bis Karl dem Großen. Mit 23 Abbildungen und Karten, C.H. Beck, München 2007, 358 Seiten.

Der mittlerweile hinlänglich bekannte Meier ist Herausgeber dieser Sammlung historischer Skizzen, deren Kristallisationskerne historische Persönlichkeiten der europäischen und vorderasiatisch-arabischen Übergangsepoche von der Spätantike zum frühen Mittelalter sind.
Das Inhaltverzeichnis ist These, Provokation im besten Wortsinn: Konstantin der Große, Theodosius der Große, Alarich, Geiserich, Leo der Große, Attila und Aetius, Hengist und Horsa, Eurich, Chlodwig, Theoderich, Justinian I., Chusro I., Alboin, Muhammad, Herakleios, Leon III. Pippin, Irene, Harun ar-Rasid und schließlich Karl der Große: eben, alles gute Europäer!
Die Idee hinter dieser Auswahl ist klar: Europa ist von außen wie von innen geformt worden, häufig in schmerzhaften, weil kriegerischen Abgrenzungsprozessen, die nie bloße Ausgrenzungen von, sondern Positionierungen zu – beispielsweise dem Islam – waren.
Allein diese Auswahl ist anregend und gibt bei der nicht notwendig chronologischen Lektüre dem leidlich historisch vorgebildeten Leser wunderbare Ansatzpunkte zu eigener geistiger Tätigkeit.
Die Artikel selbst sind von unterschiedlicher Qualität – zumeist an den gebildeten Laien gerichtet, bieten sie Grundlageninformation, kombiniert mit neuesten Forschungsergebnissen, die über ein kleines Literaturverzeichnis zu jedem Kapitel zumeist pauschal nachgewiesen werden. Es bieten sich also gute Möglichkeiten auf rund zehn Seiten kompakte Informationen zum historischen Feld der oben Genannten zu erhalten, wenngleich manches Mal für meinen Geschmack zu sehr die historische Klatschspalte zu Wort kommt. Aber bisweilen liest man ja auch derlei gerne.

Erfreulich ist natürlich auch, dass mit Justinian, Herakleios, Leon und Irene, also vier von zwanzig, auch die historische Rolle des byzantinischen Reiches nummerisch ausreichende Würdigung findet:

Justinian I. und die Wiederherstellung des Römischen Reiches – Das Trugbild der Erneuerung,
Herakleios und das Ende der Antike im Osten – Triumphe und Niederlagen,
Leon III. und die Anfänge des byzantinischen Bilderstreits – Regeneration im Osten und neue Konflikte,
Irene und das Kaisertum um 800 – Nur eine ehrgeizige Frau?

Die Kapiteltitel sind gleichsam kurze Zusammenfassungen, den Leser erwarten also keine interpretatorischen Überraschungen und inhaltlichen Novitäten, weshalb auch. Zumal manches Forschungsergebnis einen (mich) auch nicht gerade aus allen Wolken fallen lässt. Z.B., dass Leons syrische Herkunft mittlerweile als sicher gelten kann und die Notiz, er sei Isaurier, auf textkritischem Wege widerlegt werden konnte.
Hochgradig verstörend empfand ich den Artikel über Irene. „Irene war, so läßt sich abschließend sagen, eine Frau, die offenbar über einen enormen Ehrgeiz verfügte, über einen großen Willen zur Macht. Ihre Legitimationsdefizite als Frau konnte sie einige Jahre glücklich ausgleichen. Ihre Politik hingegen stellte keinen bedeutenden Höhepunkt dar, sieht man von der Einführung der Bilderverehrung ab. Allein der der Umstand, daß sie als Frau in die Männerdomäne der direkten kaiserlichen Machtausübung einbrechen konnte, macht sie interessant.“
Schuf sie nun Europa mit oder nicht, ist sie einfach die Quotenfrau? Wenn ja, was soll das, wenn nein, was soll dann diese Formulierung?

Das Buch bietet gute, informative Zwischendurchhappen, die das historische Bewusstsein teilweise wunderbar erweitern, auch taugen die Texte durchweg als gute Erstinformationen, mitunter erschöpfen sie sich aber auch damit.

Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » So 14.11.10 17:27

Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz und die Kreuzzüge. Kohlhammer, Urban Taschenbücher, Bd.595, Stuttgart, 2004. 280 Seiten, 18€.
Und
Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usama ibn Munquid, Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzzüge (Usama ibn Munquid Kitab al-I´tibar: Buch der Belehrung durch Beispiele), Gustav Kiepenheuer Leipzig und Weimar, 1981. 280 Seiten, dereinst 14,40 Ost-Mark

Es gibt eine unübersehbare Menge Literatur zum Thema Kreuzzüge, keine Zeit der jüngeren Geschichte, in der es nicht Konjunktur hatte. Denn es fand jede Generation einen ihr gemäßen Zugang zu den Kreuzfahrern, deren Bild so unweigerlich großen Schwankungen unterlag, von den christlichen Helden bis zu den intoleranten Barbaren, bar jeder Kultur, bar jedes Mitgefühls.
Eng mit dem Verständnis Kreuzfahrer selbst ist das Bild Byzanz´ in all den Werken verbunden: analog, quasi antithetisch zum Frankenbild schwankt dieses mit, auf und ab. Grob gesagt: Hegt der Autor Sympathie für die christlichen Ritter, so sind die Byzantiner meineidige, hinterhältige Schwächlinge, sieht der Autor die wilden Recken kritisch, so erleidet Byzanz, das blühende, das kultivierte, zumeist den Todesstoß, der nicht selten ein Dolchstoß ist, und eigentlich stehen die Türken nur wegen der Kreuzfahrer nicht nur vor Wien sondern auch in Beitrittsverhandlungen mit der EU.
Dieses Problem etwas differenzierter zu betrachten, macht sich Lilie zur Aufgabe. Kreuzzug für Kreuzzug geht er dabei vor, befragt die Quellen, lateinische und byzantinische, bewertet die Ausgangslage, beobachtet den Verlauf und bespricht die Ergebnisse. So zeichnet sich langsam das Panorama der Bündnis-, Vertrags-, Diplomatie- und Schlachtengeschichte im östlichen Mittelmeerraum zwischen 1080 und 1204, weitergestreckt noch bis 1453.
Der Leser wird schnell gewahr, dass dies eigentlich nur die Oberfläche des Problems darstellt, dass all die Verträge, Eide und Schlachten nur das Ergebnis einer tiefer liegenden Ebene sind: der Ebene der gegenseitigen Fremdheit, der unüberbrückbaren kulturellen, politischen und weltanschaulichen Differenz zwischen den beiden Machtblöcken.
Dadurch, dass die Kreuzfahrer sich zwar gebeten, aber so nicht gewollt in die Belange und die Interessenssphäre Byzanz´ einmischen, zwängen sie das Reich in eine Zweifrontensituation zwischen Westeuropa und dem christlichen oder wahlweise muslimischen Osten, der es letztenendes nicht gewachsen ist. Byzanz will und kann nicht auf Gedeih und Verderb alles für die „Befreiung“ Jerusalems in die Bresche werfen, sondern es will und muss die Balkanprovinzen – gegen alles, was aus Italien und dem Norden kommen kann - sichern und mit den Seljuken um Kleinasien ringen, und es kann auch keine plündernden Heereszüge im ausgebluteten Hinterland und auch nicht in den Großstädten brauchen. Daraus entsteht Enttäuschung, daraus Misstrauen und 1204 erobern die Jerusalempilger Konstantinopel.

Für den Leser ist es bisweilen ein mühsamer Weg durch all die wechselnden Konstellationen, Bündnisse, Durchzüge usw., aber auch voller inhaltlicher Doppelungen, bis er endlich nach 181 Seiten bei den „Schlussfolgerungen“ anlangt. In diesen Schlussfolgerungen bietet der Autor endlich eine Bündelung all der zuvor ausgebreiteten Fakten. Für eilige Leser reicht es vielleicht, diesen Abschnitt zu lesen. Die komplette Verworren- und Vertracktheit und damit wohl auch so etwas wie die Tragik der Situation erschließt sich allerdings erst in der Abfolge der Details.

Flankierend zur Sekundärliteratur gibt es mittlerweile gute Quellenwerke, etwa: „Die Kreuzzüge“ in der dtv-Dokumente-Reihe oder “Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht“, erschienen im gleichen Verlag. „Die Kreuzzüge aus byzantinischer Sicht“ ist bislang – natürlich/leider – noch nirgends erschienen. Ganz interessant zu lesen sind „Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usama ibn Munquid, Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzzüge“. Das Buch stellt zunächst einmal so etwas wie die erste Autobiographie der arabischen Literatur dar, besteht jedoch über weite Strecken aus eher einer Anekdotensammlung zu den Themen „Kampf“ und „Jagd“. Der Autor ist Spross der Herrschersippe von Shaizar, einer befestigten Stadt in Syrien, die über Jahrzehnte Zankapfel zwischen Byzantinern, Kreuzfahrern und unterschiedlichen Araberfamilien/-dynastien war. Dieses Buch zeigt die, von Lilie vorgezeichneten, vertrackten Verhältnisse sozusagen hautnah auf, auch wenn die Byzantiner in gewisser Weise Randfiguren dieser Lebensgeschichten sind: Selbst die politisch entscheidende – misslungene – Belagerung Shaizars durch Johannes II. und die Kreuzfahrer von Antiochia und Edessa erlebt der Autor zwar aktiv aber doch irgendwie als Ereignis unter vielen.

Link zu Schaizar:http://de.wikipedia.org/wiki/Schaizar
Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Di 07.12.10 01:34

Andreas Urs Sommer: Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491-1453. Mit einem Anhang: Die Münzen des Kaiserreichs von Trapezunt. Battenberg Verlag, Regenstauf, 2010. 524 Seiten, 49,90€. ISBN 978-3-86646-061-4.

Es gibt Bücher, auf die wartet man, bis sie endlich geschrieben werden. Und so fehlte bislang einfach eine “einigermaßen umfassende (Darstellung) der byzantinischen Münzprägung von 491 bis 1453 n. Chr. in deutscher Sprache“ (Sommer, S.7). Und jetzt ist sie da.

Wer sich an so etwas als Autor heranmacht, handelt sich gleich eine Menge Kritiker ein: Die Preise stimmen so nicht, warum fehlt diese Münze, die Abbildungen sind nicht gut, die Auswahl ist zu subjektiv und so weiter; schon Luther wusste: »Wer am Wege bauet, der hat viel Meister«.
Deshalb tut man als Leser gut daran, um falschen Vorstellungen vorzubeugen, zunächst einmal das zu lesen, was dem Katalog vorangestellt ist: das Vorwort und das Kapitel: Wie ist dieser Katalog aufgebaut?

Das Wichtigste hier in Kürze:
1. "Das Buch „beansprucht nicht, ein vollständiger Typenkatalog zu sein (…) sondern für Sammler, Händler und Historiker eine repräsentative Übersicht (…) zu geben. Darüber hinaus bietet dieser Katalog aber auch eine ganze Reihe bislang unpublizierter Stücke“ (S.7)
2. „Die hier vorgestellten byzantinischen Münzen stammen mit Ausnahme von einem guten halben Dutzend Raritäten (…) aus einer Privatsammlung, die während der letzten 25 Jahre aufgebaut worden ist und heute rund 4000 Stück umfasst (S.7)
3. „Der Hauptzweck dieses Buches ist, byzantinische Münzen leicht bestimmbar und damit einem weiteren Publikum zugänglich zu machen“ (S.8 ).

Fangen wir mit dem zweiten Punkt an. Hier wird eine Privatsammlung vorgestellt. Das ist als Konzept eines Bestimmungsbuches ungewöhnlich und bringt gewöhnlich Probleme mit sich.

Die Sammlung ist exquisit und breit angelegt zugleich, wobei ich grob vereinfachend die Faustregel aufstellen möchte: Besondere Stücke sind zumeist auch in der Erhaltung exquisit, Allerweltsstücke finden sich häufig auch in Allerweltserhaltungen. Das ist schade, denn wie gerne würde man durchgehend Sahneschnittchen sehen, Prachtexemplare, auch von den Folles Constans´ II. Aber es mag dem Sammler auch nützen, denn in den allermeisten Fällen wird ihm z.B. der Standardfollis des Anastasius, Sear 19, Sommer 1.15, in einer vergleichbaren Qualität begegnen, wie sie durch die Exemplare 1.15.2 und 1.15.3 repräsentiert wird. Hier manifestiert sich eine weitere Besonderheit: Sommer zeigt bisweilen mehrere Exemplare desselben Typus, das ist hilfreich beim Entwickeln von Seh- und Bestimmungserfahrungen und interessant ohnehin, auch wenn viele Sammler von einigen Typen, die mehrfach auftauchen, ihrer Lebtag kein einziges Stück in ihre Sammlung werden legen können. - Die Sammlung ist exquisit!
Die Preisvorschläge, abgestuft nach den Erhaltungsgraden s-ss-vz, beziehen sich auf den Preis, den ein Sammler für bereits bestimmte Stücke im Handel (nicht auf Messen, ebay etc.) auszulegen bereit sein sollte. Erfreulicherweise werden bei einigen Münzen auch Unterschiede in den Jahrgängen gemacht. Ein Jahrgang- und Offizinsammeln ist in Byzantinerkreisen zwar nicht gerade weit verbreitet, stellt für eine größer angelegte Sammlung aber natürlich immer eine Entwicklungskonsequenz dar.
Die Abbildungen sind zugunsten des Kontrastes stark aufgehellt, was bedeutet, dass sich das Auge sicher noch oft an den hellen Grundton gewöhnen muss, dafür erhält man aber Bilder zu jeder Münze und in sehr guter Detailqualität. Farbige Abbildungen verbieten sich bei diesem Preis – leider.

Ja, wer so viele Münzen besitzt, der macht sich heutzutage verdächtig, verdächtig der Kulturgüterhamsterei, Schlimmeres inklusive. Aber Sommer kontert dies: Erstens publiziert er seine Sammlung, macht sie für Forscher und Sammler gleichermaßen zugänglich, und das zu einem – für ein Fachbuch dieser Kategorie – durchaus erschwinglichen Preis. Dies können viele, rein zu wissenschaftlichen Zwecken angelegte Studiensammlungen namhafter Forschungsanstalten (Sammeln darf ja keinen Spaß machen, sondern soll dienen, „Hilfswissenschaft“ und so…) nicht von sich behaupten. Und Sommers Sammlung ist bedeutend. Das Werk selbst wartet mit diversen wissenschaftlich verwertbaren („dienen“ und so…) Einschätzungen des Autors auf. Denn in der universitären byzantinischen Numismatik läuft seit Jahren nichts mehr. Dies ist eine der allzu wenigen, auch wissenschaftlich bedeutsamen Äußerungen der letzten Zeit auf diesem Gebiet und in diesem Umfang!
Zweites belegt Sommer Stück für Stück den Erwerb seiner Sammlung: welches Stück, wo, wann erworben? Jeder kann es nachlesen.
Und drittens wurde vor der Publikation jedes Stück nochmals mit der „StolenWorks of Art Database von INTERPOL abgeglichen, um sicherzustellen, dass keine der Münzen irgendwo als gestohlen gemeldet worden ist“ (S.7). Das ist mustergültig, und das gesamte Vorgehen in Zeiten beschlagnahmter Sammlungen auch ein deutliches Zeichen in alle Richtungen.

Der Tatsache, dass es sich hier um die Präsentation einer Privatsammlung handelt, ist auch geschuldet, dass der Kern der byzantinischen Münzen immer wieder durch kleinere und größere Sammelgebiete flankiert wird: Ost- und Westgoten tummeln sich da, ein paar Bulgaren und auch eine sehr umfangreiche Sammlung von Münzen des Kaiserreichs von Trapezunt, einem Gebiet, zu dem Publikationen mehr als Mangelware sind. Von den letzteren abgesehen, sind diese Kleinsammlungen aber eher Schmankerl, als dass sie Bestimmungshilfen darstellen würden - will sagen, dass man in diesen Fällen besser andere Werke zu Rate zieht.

Damit wären auch schon die Punkte eins und drei der obigen Liste abgehandelt. – Kommen wir also zum letzten: „Der Hauptzweck dieses Buches ist, byzantinische Münzen leicht bestimmbar und damit einem weiteren Publikum zugänglich zu machen“

Das Sammeln byzantinischer Münzen ist in vielerlei Hinsicht eine exotische Sache, aber es könnte sein, dass mehr Leute Spaß und Freude daran hätten, wenn die Einstiegshürden bei der Informationsbeschaffung für viele geringer wären: Die wenigen Bücher hierzu sind fast alle vergriffen, somit schwer erhältlich, deshalb teuer, und zudem fremdsprachig. Das Internet versorgt uns nur spärlich mit hinreichenden Informationen. Sommers Buch senkt diese Hürden deutlich.
Viele byzantinische Münzen sind tatsächlich leicht zu bestimmen, wenn man sehen und lesen kann, was darauf steht. Dies hängt aber an zwei Faktoren, nämlich der Lesbarkeit der Münze und der Lesefähigkeit des Betrachters. Den ersten Punkt versucht das Buch durch gute Münzen und ordentliche Abbildungen zu befördern, aber das ist wohl Ziel einer jeden derartigen Publikation und somit etwas, das man erwarten kann. Außerdem ist die Qualität der Münzen, wie bereits erwähnt und natürlicherweise, recht unterschiedlich. Die eigene, schlecht erhaltene Palaiologenmünze nach der Abbildung von Sommers schlecht erhaltener Palaiologenmünze „leicht“ zu bestimmen, dürfte schwierig werden.
Ob dieses Buch auch die Lesefähigkeit des (angehenden) Sammlers weiter ausbildet, hängt weitestgehend am Leser selbst, wie dieser gewillt ist zu lernen. Das Buch selbst gibt Stützen und Leitlinien hierzu, mitunter aber in knapper Form. Der Einleitungsteil umfasst etwa 15 Seiten. (Die beste EINFÜHRUNG ist für mich nach wie vor Whitting: Münzen von Byzanz! – Leider vergriffen)

Kommen wir also zur Kernfrage: Braucht man dieses Buch?

Um byzantinische Münzen leicht bestimmen zu können, braucht man mehr als dieses oder ein anderes Werk, denn, viele byzantinische Münzen sind eben auch überhaupt nicht leicht zu bestimmen, nicht mit Sear, nicht mit den DOCC und auch nicht mit Sommer, eben weil man nichts darauf erkennen kann oder das Stück total verprägt ist oder, oder, oder.
Trotzdem brauchen Anfänger und Geübte ein Bestimmungsbuch, das Internet bietet keinen echten Ersatz. Brauchte man früher da unbedingt Sears „Byzantine coins and their values“, so hat man heute zumindest die Wahl, welches Buch man sich zuerst kauft: den Sear oder den Sommer.
Sear ist etwas umfangreicher und jeder kennt ihn, auch international. Außerdem bietet er detailliertere Informationen zu auftretenden Offizin- und Jahresangaben auf der Münze. Sommer hingegen bietet mehr Abbildungen, da jeder Typ abgebildet ist, er ist in Deutsch, aktueller und über jede Buchhandlung problemlos (und im Regelfall günstiger) zu beziehen. Zudem finden sich einige Münzen im Sommer, die wiederum Sear nicht kennt. Jedes ist gut, beide sind besser!
Der Autor erhebt keinen Anspruch, die„dicken Brocken“ (DOC, MIB,…) der Spezialliteratur zu ersetzen. (Mann kann übrigens durchaus würdevoll byzantinische Münzen sammeln, ohne die dicken, teuren Brocken privat zu besitzen.) Die Notwendigkeit für ein Handbuch bleibt.

„Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491-1453. Mit einem Anhang: Die Münzen des Kaiserreichs von Trapezunt“ bietet eine große, durchaus repräsentative, bebilderte Auswahl an byzantinischen Münzen, eine kompakte Hinführung zum Thema und den einzelnen Regentschaften mit den wichtigsten Basisinformationen, ein aktuelles, umfangreiches Literaturverzeichnis, erweitert um knappe Referate zum Forschungsstand bei einzelnen Münzen (mitunter sehr spannend) und natürlich Preiseinschätzungen zu jeder Münze in drei Erhaltungsstufen (über die man sich natürlich streiten kann, wobei auch hier gilt: erst mal lesen, was Herr Sommer selbst zu den Preisen sagt, dann gegenprüfen und dann streiten…).

Die Initiative des Battenberg Gietl Verlages für ein solches Projekt ist hoch anzurechnen. Zumal es dem Sammler nunmehr möglich ist, mit drei Büchern des Verlages die Zeitspanne zwischen dem 4.Jhdt.v.Chr. bis 1453 für Rom und Byzanz zu überblicken. Außerdem erschienen unlängst zwei Publikationen zur byzantinischen Siegelkunde.

Unter http://www.romaion.de ist im Zusammenhang mit Andreas Urs Sommers Buch eine Anlaufstelle eingerichtet worden „um Anfragen und Hinweise der Leserschaft entgegen(zu)nehmen und mit Ihnen diskutieren zu können. Wir sind gespannt und ganz besonders der Autor freut sich auf Ihre Reaktion!“

Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Scheleck » Di 07.12.10 11:00

Hallo Posa,
trefflicher kann man das Werk von Dr. Andreas Urs Sommer nicht rezensieren. Mich hat die kritische Betrachtung
des Werkes sehr überzeugt und bedanke mich für die ausführliche Beschreibung.
Mit besten Grüßen Scheleck
Das Auge schläft, bis es der Geist mit einer Frage weckt.
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Di 11.01.11 23:52

Robert Feind: Byzantinische Siegelkunde, Eine Einführung in die Sigillographie von Byzanz. Gietl Verlag, Edition Münzen und Sammeln, 2010. Softcover, 209 Seiten.

Es wurde hier bereits auf zwei Phänomene hingewiesen: Die Wichtigkeit privaten Engagements im Bereich der Hilfswissenschaften zur Byzantinistik und die erfreuliche Offenheit des Battenberg-Gietl Verlages für derlei Projekte. Wen nimmt es also Wunder, wenn beide Fälle bei vorliegendem Buch zum Tragen kommen.
Die byzantinische Paranumismatik kennt zwei klassische Disziplinen, Metrologie (ja, darum kümmert sich auch jemand, ganz privat) und Sphragistik; letztere, die Siegelkunde, hat sich Robert Feind zum Thema erkoren, es liegen mittlerweile zwei Publikationen hierzu von ihm vor: das „Wörterbuch byzantinischer Monogramme und Eigennamen“ (Gietl-Verlag 2010) und die oben genannte Einführung. Aber die Sigillographie ist damit sicher noch nicht ausgereizt, es wird da noch einige Themenfelder für ihn geben.
Byzantinische oder (spät)römische Bleisiegel sind kein unbeliebtes Sammelgebiet, ihr regelmäßiges Auftreten in Saal- und Internetauktionen zeugen davon. Manch einer wird das eine oder andere Exemplar sein eigen nennen können, aber wirkliche Kenner dieser Materie sind wohl eher selten, denn, „das Lesen byzantinischer Bleisiegel erfordert ein komplexes Wissen“ (Feind, S.9).
Feind nimmt den Leser hierbei freundlich bei der geistigen Hand und führt ihn herum und zeigt ihm das Wichtigste, was er wissen sollte: Was ist ein solches Siegel? Wer siegelte? Wie? Womit? Wozu? Und was kann uns darauf so alles begegnen?
Doch ab jetzt ist das gemächliche Schlendern vorbei, die Arbeit beginnt: Neben nützlichen Hinweisen zu Erwerb, Konservierung und Pflege (S.48-52), erhält der Leser kompakte Hilfestellungen zur Deskription, Lesung und Datierung (S.53-72) sowie zur konkreteren historischen Einordnung des Siegels (S.73-118), wobei der steigende inhaltliche Umfang der Teilgebiete sicher kein Zufall ist: Je genauer man es haben will, desto kniffliger wird es, desto mehr Spezialwissen brauche ich – womit dann auch die Zuständigkeitsgrenze des Buches erreicht wäre. Das Ganze funktioniert weitestgehend über Schemata, Listen und Tabellen, die dem Interessierten etwas Stehvermögen abverlangen, doch niemand - und Feind schon gar nicht - hat jemals behauptet, dass es wirklich einfach wäre, ein solches Siegel in Gänze zu erfassen. Etwas Griechisch sollte man schon können und bezeichnenderweise dankt Robert Feind unter anderen seinem (ich vermute mal alten) Griechischlehrer für die kritische Lektüre.
Das Buch ist als Einführung konzipiert. Es bietet dem willigen Leser, Sammler und Studenten rasche aber keineswegs oberflächliche Orientierung im Individualdickicht der Siegeldokumente. Eine Reihe von Selbstversuchen haben mich darin bestätigt: Man kann mit diesen Informationen Einzelstücke recht gut zeitlich verorten und ihnen Informationen zu den Personen in Amt und Familie entnehmen. Natürlich weiß man nach diesem ersten Einstieg noch ganz viel nicht, jedoch ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein – natürlich: Schema zu weiterführender Literatur (S.76) bei diversen Fragen (Ikonographie, Ämter, Titel, Metrik,...) weisen Wege aus dem Fragendschungel. Man muss nur wollen.
Die Probe aufs Exempel bietet das Buch im sog. Katalogteil. Hier stellt der Autor einige Exemplare seiner Sammlung in recht guten, vergrößerten Farbabbildungen vor. Nach der Beschreibung erfolgt hier jeweils eine schrittweise Datierung nach dem zuvor beschriebenen Eingrenzungsprinzip sowie eine kurze Kommentierung der Stücke.

Eine deutschsprachige Einführung zu diesem Thema gab es bislang nicht und mit einem Preis von unter 30€ wird dem Leser hier nicht zu viel versprochen; gut angelegtes Geld, wenn man ein paar Siegel besitzt und nicht so recht weiß, was man da eigentlich hat oder man demnächst eines kaufen möchte oder einfach etwas mehr wissen will.
Und was, wenn mich aber nur Münzen interessieren? Erstens gibt es für den ganz exklusiven Geschmack auch Kaisersiegel und zweitens „kommentieren“ Siegel in gewisser Weise die Münzprägung (oder umgekehrt?): Auch hier gibt es die Blockmonogramme, nur eben viel länger, auch hier gibt es Kreuzmonogramme, nur eben viel früher, auch hier gibt es vertraute ikonographische Typen: den bärtigen Emmanuel, die stehende Hodegetria, das Brustbild des Hl. Georgios, es gibt anonyme Siegel, allerdings bis ins 14.Jhdt und es gibt viele Varianten von Ornamenten ober- und unterhalb der Aufschrift, die uns unglaublich bekannt vorkommen. Ach ja, Bulgaren gibt es auch darunter. Gibt es auch Lateiner? Und sind die Siegel aus Trapezunt auch alle fast gleich?

Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Fr 21.01.11 22:45

Klaus Weber: Byzantinische Münzgewichte. Materialkorpus für 1-Nomisma-Gewichte. Studien zur Vielfalt der Ausführungsform, Metrologie und Herstellung. Maß und Gewicht, Beihefte zur Zeitschrift für Metrologie, Nr.10 – Okt. 2009
Bezug über Herrn Klaus Schröter: kl_schroeter@web.de, Preis: 29,00 + 2,50€ Versand oder über den gut sortierten Münzhändler des Vertrauens (z.B. auch auf Vcoins)

Diese, dem ein oder anderen womöglich bereits bekannte Publikation bildet den dritten Teil der Reihe: „Lobenswerte Privatinitiativen zur Byzantinistik“.

So eine Münze besteht streng genommen aus drei Komponenten: dem Münzbild, das ist wohl das, was den Sammler zumeist interessiert, dem Metall und dem Gewicht. Die letzten beiden Punkte dürften dereinst die Zeitgenossen weit stärker interessiert haben, regelten sie doch den Wert und damit die Kaufkraft dieses Metallstücks.
Um den Wert eines Geldstückes, vor allem bei Edelmetall, taxieren zu können, musste es also gewogen werden und dazu brauchte man wiederum Gewichte. Spätantike und/oder byzantinische Gewichte sind in relativ großer Zahl auf uns gekommen und vor allem in großer Variationsbreite. Entsprechend der unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten, variieren die Gewichte zunächst natürlich nach Gewicht, Form, Material und Gestaltung.
Klaus Weber hat sich hierbei stark eingeschränkt. Wie der Titel besagt, geht es hier um „bronzene“ 1-Nomisma-Gewichte, also um Münzgewichte, die idealerweise 4,55g wiegen sollten. Diese Beschränkung ist aber relativ, denn unter dem Spezialbegriff: Gewicht zu 1 Nomisma verbirgt sich eine ungeheure Fülle unterschiedlichster Objekte, unterschiedlichster Erscheinung.

Weber hat, und dies geschah in dieser Form zum ersten Mal, gesammelt, untersucht, verglichen, ausgewertet und dargestellt:

1. Die Gestaltung. Die Darstellung umfasst rund 500 (!) Gewichte, die Auswahl kann also als repräsentativ gelten. Jedes dieser Gewichte stellt ein Unikat dar, mal mehr, mal weniger liebevoll gestaltet, vom kruden Bronze- oder Messingblöckchen mit eingeschnitzter Wertangabe N bis hin zu wertig durch Silbereinlagen und/oder aufwändige Punzierungen geschmückten Exemplaren. Allein der Katalogteil in Foto (rund 250) und Schemazeichnung erfreut Herz und Auge, für Sammler ein Muss!
2. Das Gewicht. Das Massenspektrum der untersuchten Stücke bewegt sich zwischen 2,7 und 5,4g, der Schwerpunkt liegt bei 4,2g. Was also haben unsere Byzantiner damit wie gewogen?
3. Materialzusammensetzung und Herstellung. Weber bietet hier einen Überblick über die Legierungsanteile und die Herstellungsweise, bei der grundsätzlich zwei Wege unterschieden werden können. Auch die Methoden der Verzierung und seltene Fälle von Nacheichungen werden hier ausführlich besprochen und dokumentiert. Interessant ist bei diesem Punkt vor allem, dass die Metallzusammensetzung, die sich nach dieser Untersuchung variabler zeigt als bislang angenommen, Auskunft über die Herkunft des Stückes geben kann.
4. Sonderformen. Eine besonders interessante Gruppe der Münzgewichte stellen die Exemplare dar, die aus verrufenem Münzmaterial hergestellt wurden. Dies sind umgearbeitete Bronzen teils aus römischer, teils aus frühbyzantinischer Zeit. (Der hier lediglich angerissene Themenkomplex wurde vom Autor in der Zwischenzeit weiterverfolgt und aufgearbeitet, und noch in diesem Jahr soll hierzu eine weitere Publikation Klaus Webers erscheinen.)
5. Ein Anhang bietet darüber hinaus einen Überblick über einige Semissis- und Tremissisexemplare.

Weber hat aus privatem Antrieb einen außerordentlich aufwändigen wissenschaftlichen Apparat zur Erforschung und Analyse der Münzgewichte zum Einsatz gebracht. Dabei kommt er zu interessanten und bedeutsamen Ergebnissen. Die Arbeit ist ein Ausschnittswerk zum Thema der Münzgewichte, Weber stellt so manchen Wegweiser zu angrenzenden Problemfeldern; hier ist noch viel an Wissen zu erarbeiten, für den Wissenschaftler, wie für den Leser und Sammler.

In diesem Zusammenhang wäre gerade für die wachsende Sammlerschaft dieser interessanten Relikte ein einführender Überblick sehr wünschenswert. 1-Nomisma-Gewichte sind vor allem in ihrer Varianz spannende, zudem erschwingliche Stücke, die schwereren Gewichte bis hinauf zur Libra bieten für den Sammler vor allem durch ihre mitunter reiche Gestaltung einen besonderen Reiz.

Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Do 17.02.11 13:19

Frank Thiess: Die Griechischen Kaiser. Die Geburt Europas. Paul Zsolnay Verlag Hamburg Wien, 1959.
Mit zahlreichen Kunstdruckbildern und 14 Karten, 928+15 S. Vergriffen, antiquarisch ab 1€, zumeist zwischen 5 und 15€.

Frank Thiess ( http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Thiess ) war weder Historiker noch Byzantinist im Speziellen, sondern, sagen wir: Kulturmensch mit vielen Facetten: Schriftsteller, Dramaturg, Regisseur, Journalist, Publizist,… Seine Lebenszeit umfasst die bewegte Epoche zwischen ausgehendem Kaiserreich und Deutschem Herbst. Während der NS-Diktatur standen einige seiner Bücher auf dem braunen Index, seine „Innere Emmigration“ begleiteten teils aggressive Vorwürfe seinerseits in die Richtung der Exilschriftsteller.
Nicht selten bediente Thiess sich historischer Vorlagen für literarische Produktionen, und mit „Das Reich der Dämonen“ erschien 1941 ein erzählerisch angelegter Überblick über die Antike des klassischen Hellas bis zum frühen Byzanz. Das Buch, in seiner, jegliche Gewaltherrschaft verdammenden Tendenz, wurde verstanden und prompt verboten.
1959 setzte Thiess dieses Projekt weiter fort und ließ „Die Griechischen Kaiser“ inhaltlich anschließen. Das Buch ist kein Geschichtsbuch, es ist Geschichtsbetrachtung, die Reflexion nahezu ewiger Themen wie Gewalt, Kultur, Werteerhalt und - wandel vor dem Hintergrund sich ereignender historischer Übergänge und Umbrüche. Ein wenig erinnert es an Friedells fulminante Kulturgeschichten, mit den hauptsächlichen Unterschieden, dass Thiess weniger begnadet, dafür aber auch weniger Unsinn erzählt.

Thiess baut auf ein breites und tiefes Quellen- und Literaturwissen zur byzantinischen Geschichte auf, wohl gemerkt mit den Einschränkungen, dass es die verfügbaren Quellen und die Literatur des Jahres 1941 sind. Somit könnte man „Die Griechischen Kaiser“ getrost der Altbücherkiste übergeben, wären da nicht ein paar wichtige Vorteile dieses Buches:

1. Es ist gut lesbar. Thiess war Schriftsteller, er verstand sein Fach, er konnte erzählen. Dennoch fabuliert der Autor nicht: „Uns bleibt nichts übrig, als aus den verbürgten Tatsachen vorsichtige Schlüsse zu ziehen und die Lücken auf Grund von Vermutung und Wahrscheinlichkeit zu interpolieren.“ (S.134f.) Und Thiess interpoliert gut: nicht immer, aus heutiger Sicht, richtig und manchmal auch ein wenig viel, aber wenn er, wie beim Mord an Maurikios, wortmächtig den edlen Helden untergehen und den schurkischen Wüstling, Trinker, Schlächter und Proleten Phokas triumphieren lässt, dann, um zu zeigen, wie groß das Gefälle zwischen beiden Regierungen war und wie schnell sich alles ändern kann. Manches, was bei ihm sicherlich spekulativ angelegt war, findet sich heut bei seriösen Historikern wieder.

2. Es ist inhaltlich umfassend. Das Buch behandelt den Zeitraum der späten Justinianepoche bis zur Regierungsübernahme durch Leon III. Während die meisten Autoren die Regierungszeit Tiberios Konstantinos´ mit den Worten zusammenfassen: „Der Perserkrieg ging weiter, der Kaiser machte sich beliebt indem er den Staatsschatz verpulverte und sein Nachfolger war Maurikios“, gönnt Thiess diesem Kaiser und seiner Regierungszeit immerhin gute 70 Seiten. Kaiser für Kaiser erfährt der Leser was in Konstantinopel und dem restlichen Reich vor sich ging: beim Volk, im Palast, in den Kirchen; wo waren die militärischen Brennpunkte, welche herausragenden Persönlichkeiten prägten die Epoche, was kennzeichnet den neuen Geist der Regierung, welche neuen Probleme treten auf, wie entwickelten sich alte? Und so ist der emsige Leser plötzlich hervorragend, sagen wir, über Armenien informiert.

3. Die Kombination der Punkte 1. und 2. ergeben teilweise überraschende Erkenntnisse. Z.B. wurde fast nur in Ägypten Papyrus produziert. Papyrus war leicht zu produzieren, billig und das große byzantinische Reich brauchte eine Menge billigen Beschreibstoffes: Verwaltung, Literatur, Alltag. Ägypten wird erobert. Es gibt keinen billigen Beschreibstoff mehr. Das muss Konsequenzen haben.

4. Thiess ist ein Intellektueller von mehr als ausreichendem Format. D.h., im Gegensatz zu Norwich, der eigentlich nur angelesene Geschichten sammelt und reproduziert, kann Thiess die Informationen sinnvoll gruppieren und an geeigneter Stelle Verknüpfungspunkte setzen, die im Leser Verständnis für diverse Probleme wecken, und es ihm erlauben, Schlüsse daraus zu ziehen. Der Autor wollte, dass man, vielleicht sogar die ganze Menschheit aus der Geschichte lernt. Davon kann man halten was man will, doch zumindest gelingt es ihm Probleme zu verdeutlichen: Was hieß ein 50jähriger Krieg für ein Land wie Syrien, ein Volk wie die Perser, für das Verhältnis Untertan-Regierung, für die Wirtschaft des Gesamtreiches,…?

Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf der kulturellen Leistung Byzanz´ für das Werden eines zivilisierten Europas: Ohne Byzanz keine Zivilisierung der Barbaren in Ost und West unter einer werteorientierten Kirche (ja, darüber kann man auch streiten, aber lassen wir das!). Und ja, es ist teilweise überaltert, und es bedient sich mitunter (vor allem gegenüber den „Horden Asiens“) einer Sprache, die, sagen wir: nicht mehr zeitgemäß ist. Überdies reflektiert das Buch, analog zur byzantinischen Geschichte, stark - mehr oder minder unterschwellig - die Situation Europas der ersten Hälfte des 20Jhdts., wie gesagt: Der Autor geht von einer Lehrenträchtigkeit der Geschichte aus

Ein weiteres Problem liegt in der geistigen Ausrichtung des Buches: Thiess wertet. Das hat zur Folge, dass Kaiser, die in seinem Sinne dem Reich und damit Europa dienlich waren, enorm gut weggkommen, schädliche Regenten jedoch in Abgründe verdammt werden, die man sich kaum tief genug vorstellen kann: Der Mangel an politischen wie militärischen Fähigkeiten geht hier meist mit charakterlichen Defiziten einher; und der Autor weiß genau, was für byzantinische Kaiser vonnöten war. Es liegt auf der Hand, dass Herakleios bestens dabei wegkommt, inklusive der Schaffung und Gestaltung der Themenordnung, von der wir mittlerweile wissen, dass sie – seien wir vorsichtig – nicht unbedingt auf Herakleios zurückzuführen ist. Erfreulich ist hingegen der Versuch, ein positives Bild vom bisweilen arg gescholtenen Justinus II. zu entwerfen. Konstans II. leidet leider unter unterdurchschnittlichen Qualifikationen, die in Kombination mit Charakterschwächen zu einer problematischen Gemengelage der Unzulänglichkeiten führt, wohingegen Phokas eigentlich der Leibhaftige selbst ist. Mögen wir sein Andenken verfluchen und Lehren daraus ziehen! Großer Herakleios, hilf!

Das Buch ist mit Vorsicht, aber dennoch zu genießen.


Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon kuddlbutschi » Mi 23.02.11 22:03

als ich angefangen habe mich für die byzantinische geschichte zu interessieren und mir bücher anschaffte musste ich bald feststellen das oft alles sehr kurz und oberflächlich abgehandelt wird und der haupteil sich auf den kaiser justinian beschränkte.ich bekam das buch als geschenk und habe es sicher 3-4 mal gelesen.....es ist für mich begeisternd und einleuchtend geschrieben.natürlich ist das buch schon ein wenig älter aber das heist doch gar nichts,welche großen neuen wissentschaftlichen erkenntnisse hat man seit 1950 denn gemacht ?-gibt es neue bücher seit 1950 bis jetzt von tacitus,prokop oder anderen Geschichtsschreibern?-oder sind es nur neue ansichten der autoren?bei wen kommt phokas besser weg als herakleios? ich sehe im letzten abschnitt von posas beitrag kein problem in der geistigen ausrichtung des buches.wenn ich schreibe "von der wir mittlerweile wissen"(ist für mich fakt)" und dann nicht unbedingt auf herakleios zurückzuführen"( nicht unbedingt heisst für mich mit großer wahrscheinlichkeit doch ) passend müsste man eher für wissen ....wir nehmen an schreiben.ich finde das buch klasse und sehr empfehlenswert.
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon orthodoxcoins » Do 03.11.11 22:39

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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Di 13.12.11 16:54

Wolfgang Drösser: CHRISTUS AUF MÜNZEN - IN ZEICHEN, WORTEN UND BILDERN: ROM, BYZANZ UND AXUM.
Broschiert, S. 202, Abb. 193, Brühl 2011, ISBN 978-3-00-034413-8; 24,80€

„ `Christus auf Münzen´ - eine numismatische Veröffentlichung, die sich zunächst an Nicht-Numisatiker wendet, um ihnen neue Horizonte zu erschließen“ (S.5), so beginnt die Vorbemerkung Wolfgang Drössers für sein neues Buch. Wolfgang Drösser, Historiker und Theologe, möchte mit dieser Publikation nicht nur Münzen besprechen, sondern er wünscht sich, seine Publikation möge „vor allem unter dem Aspekt der Christlichkeit, […] gesehen werden“ (S.5). Das klingt etwas nach „Münzen für Christen“ und das klingt wiederum ein wenig nach „Weltliteratur für Eilige“ oder „Seneca für Manager“, nach dem leicht zwanghaften Versuch gesellschaftliche Gruppen an ein meist kulturelles Thema heranzuführen, das nicht zu deren genuinem Umfeld gehört. Aber seien wir nicht voreilig.

Drösser bietet einen Überblick über die Präsenz christlicher Zeichen auf Münzen von den berühmten aber zarten, zeichenhaften, fast geheimen Anfängen unter Konstantin I. bis ins ausgehende byzantinische Mittelalter mit seiner Omnipräsenz des bildhaft dargestellten Christus, also gut 1100 Jahre Münzgeschichte – oder eben Geschichte geprägter Christlichkeit. Der Untertitel des Buches verweist auf Rom, Byzanz und Axum. Es ist leicht ersichtlich, dass der mengenmäßige Schwerpunkt auf Byzanz, dann auf Rom, dann auf Axum und zuletzt auf den zahlreichen angedeuteten Randgebieten liegt, deren Münzprägung vom byzantinischen Hauptstrang stark beeinflusst wurde: Süd-, Ost- und Südosteuropa, der christliche Orient, und selbst bis ins ferne Dänemark reichen Drössers Nachweise.

Und damit kommen wir zum methodischen Hauptanliegen des Buches: Das Aufzeigen von Entwicklung in der Fülle der Einzelstücke. Von den abgebildeten 193 Münzen fallen 61 auf Rom, 105 auf Byzanz, 14 auf alle Randgebiete gemeinsam und immerhin 11 auf das gemeinhin wenig bekannte und beachtete Axum. Die Bilder ähneln sich in der Qualität der Münzen, durchweg respektable Exemplare, mithin von der Kategorie „Traummünze“, doch unterscheiden sie sich stark in der Abbildungsqualität. Dies rührt daher, dass der Autor, wer könnte es ihm verdenken, die Bilder anderer (z.B. Auktionshäuser) in Anspruch und Dienst nahm. Jede dieser Münzen stellt nun einen Mosaikstein im Entwicklungsbild dessen dar, was Drösser hier kenntnisreich ausbreitet. Ein paar Meilensteine seien genannt: Natürlich das Silbermedaillon Konstantins mit Christogramm am Helm, die Darstellungen des Labarums, das die Schlange durchbohrt, die prominenten Christogramme auf Großbronzen von Magnentius und Decentius, die ersten Semisses mit Staurogramm im Feld unter Theodosius II., das erste Medaillon mit bildlicher Darstellung Christi unter Marcian, das Auftauchen des Stufenkreuzes unter Tiberius II. , das erste Bittgebet unter Herakleios, die erste Christusdarstellung auf Münzen unter Justinian II., das Auftauchen von ersten Kryptogrammen mit Marienbezug unter Justin II. und so weiter und so fort. Diese kleine Auswahl verdeutlicht das Problem, mit dem Leser und Autor gleichermaßen kämpfen: eine unheimliche Faktenflut. Drösser begegnet dem, indem er mehrschrittig vorgeht: Er untergliedert in Epochen, gibt kurze historische Einführungen zu den jeweiligen Regenten oder Dynastien, bespricht innerhalb dieser Kleinzeiträume die auftretenden Phänomene und fasst dann am Ende erneut zu einem Grobüberblick (fettgedruckt) zusammen. Und das ist auch gut so, denn, wagen wir einen kurzen Blick:
„Auch Folles mit drei Kreuzen sind zu verzeichnen. Ungewöhnlich ist ein Folles, bei dem ein Kreuz über dem Kopf des Kaisers zu schweben scheint. Auf einem Follis aus Nicomedia wird das Motiv der Hand Gottes (manus dei) aufgenommen, die das Diadem über den Kopf des Herrschers hält. Die Gestaltung der Achtelfolles (5 Nummi) ändert sich noch markanter: An die Stelle des Zahlzeichens tritt auf dem Revers ein großes Christogramm (Abb.68)“ (S.65-66).
(Kenner werden bemerkt haben, dass hier gerade die Prägung Justins I. besprochen wird.) Zu jeder der angesprochenen Münzen wird im Anhang via Fußnote eine Referenznummer (meist RIC, DOC und/oder Sear) angegeben, abgebildete Münzen befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Text. Hier nimmt es also offensichtlich jemand genau. Das Problem, das dabei entsteht ist klar: wir lesen eine Liste. Dies sprachlich zu fassen gelingt dem Autor mal besser aber eben auch mal schlechter.
Zur genauen Arbeit gehören ein vernünftiges, aktuelles Literaturverzeichnis, Regententabellen, ein bisweilen recht informatives Glossar, sowie ein Anmerkungsteil. Drösser möchte nicht nur für Numismatiker schreiben, daher packt er viele Informationen in den Anmerkungsteil, der mit 546 Fußnoten aufzeigt, dass es noch mehr zu sagen gäbe. Das sind zum einen die erwähnten Katalognummern der Münzen, zum anderen aber auch Literaturzitate. Der Autor hält sich mitunter eng an bereits existierende Teilbesprechungen des Themas (etwa Hahns Veröffentlichungen zu den Axumiten) und bündelt diese in ein Gesamtwerk, sodass man, vorausgesetzt man kennt alle einschlägigen Artikel, vielleicht nicht viel Neues zu erwarten hat.

Etwas erstaunlich empfinde ich die Tatsache, dass fast nur in den Fußnoten bisweilen auf Originalquellen verwiesen wird, ohne deren Überzeugungs- und Informationskraft im Text selbst zu nutzen. Z.B.: Es geht um die Ähnlichkeit zwischen Tropaeum und Kreuzeszeichen und die dazugehörige Fußnote verweist nur auf DIE klassische Belegstelle zu diesem Thema, Minucius Felix´ `Octavius´.
Die dazugehörige aber nicht abgedruckte Stelle lautet: „nam et signa ipsa et cantabra et vexilla castrorum quid aliud quam inauratae cruces sunt et ornatae? Tropaea vestra victricia non tantum simplicis crucis faciem, verum et adfixi hominis imitantur. – Denn die Feldzeichen, die Fahnen und Standarten eurer Lager: was sind sie anderes als vergoldete, verzierte Kreuze? Eure Siegeszeichen ähneln in ihrer Gestalt nicht nur der Grundfigur eines Kreuzes sondern sie erinnern sogar an einen daran angehefteten Menschen.“ Das wäre vielleicht nutzbar gewesen.

Der Text will laut eigenem Bekunden den Nichtnumismatikern „neue Horizonte“ erschließen und die Numismatiker mit den „christliche[n] Gegebenheiten“ (S.5) vertrauter machen. Bei just dieser Zielsetzung ist es schade, dass auf die schriftlichen Quellen: etwa Johannes von Damaskus, Johannes Chrysostomus, Gregor von Nyssa, Kyrill von Jerusalem und wie sie alle heißen, verzichtet wurde. Angesichts der Tatsache, dass diese Herren Zeitgenossen unserer Münzen waren und sie doch einiges zu den Themen Kreuz und Christus, Bild und Zeichen zu sagen hatten, fehlen sie mir ein wenig. Ich denke das wäre für beide Gruppen ein Gewinn gewesen und hätte selbst für eingefleischte Rein-Numismatiker ein durchaus zumutbares Maß an Christlichkeit dargestellt. Schließlich ist der religiöse Kontext dieser Münzen für ihr Verständnis unabdingbar, denn, es sind sicherlich keine Münzen nur für Christen, wohl aber Münzen von Christen, die diese, so wie sie sind, auch als Dokument ihres Glaubens prägten.

Vor diesem Hintergrund ist „Christus auf Münzen“ durchaus eine richtige und wichtige Publikation, die mit 24,80€ nicht zu teuer bezahlt ist, die das, was sie zeigen will, die Entwicklung christlich geprägter Bildlichkeit auf Münzen zwischen Konstantin I. und Konstantin XI., hervorragend zeigt. Ob sie anderen neue Horizonte aufschließt, müssen andere entscheiden, für das zweite Ziel, die Vermittlung „christlicher Gegebenheiten“, hätte nach meinem Empfinden ruhig mehr Christentum gewagt werden können.
Nicht verschweigen sollte man auch einige größere und kleinere Fehler, die Drösser unterlaufen sind, wie z.B. die Zuschreibung eines anonymen Follis der Klasse I zum Fürstentum Antiochia oder Edessa. Auch wären sicherlich manche Thesen des Buches zu diskutieren.
… Fehler unterlaufen und Diskussionen sind fruchtbar…

Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Scheleck » Di 13.12.11 17:53

Toll, selten eine so gute kurze und auf den Punkt gebrachte Rezension eines Buches gelesen.
Herzlichen Dank dafür lieber POSA
von Scheleck
Das Auge schläft, bis es der Geist mit einer Frage weckt.
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Di 24.01.12 22:01

Alain Ducellier (Hrsg.): Byzanz. Das Reich und die Stadt. Campus Verlag, Frankfurt a. M.–New York 1990.
614 Seiten, ISBN 2-7351-0358-7 (französisch) 3-593-34130-1 (deutsch)

Es ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil des Sammelgebietes Byzanz, dass sich das allgemeine Interesse daran in Grenzen hält. Denn Konkurrenz belebt das Geschäft, und Belebung bedeutet leider auch ein Mehr an Fälschungen, unseriösen Bearbeitungen und vor allem höhere Preise. Der Römersammler kann ein Lied davon singen – manch einer in dur und allegro aber auch viele in moll: grave, con dolore.
So können wir uns, zumindest über die Preise bei nicht-numismatischer Literatur bisweilen vergnügt die Hände reiben. So auch in diesem Fall. Das Buch ist hervorragend ausgestattet. Solides Leinen-hardcover, überzeugende Bebilderung in Farbe und (überwiegend) schwarz-weiß und über 600 Seiten hervorragender Text. Der Internethandel bietet es bisweilen für 5 € aufwärts an.

Der Orignaltitel der französischen Ausgabe lautet „Byzance et le monde orthodoxe“, also „Byzanz und die orthodoxe Welt“. Warum der Übersetzer meinte, diese Präzisierung - aber damit auch unzulässige Einengung - durchführen zu müssen, ist unklar. Denn der Focus dieses Buches liegt nicht auf Byzanz als Reich und Stadt, sondern tatsächlich auf der ganzen orthodoxen Oikumene und ihren Nachbarn.
Dies führt direkt zum Kernkomplex des Buches:

1.      Byzanz lebt bis zum Ende von und mit seinem Universalitätsanspruch
2.      Die Macht des Reiches ist stets relativ und fußt zumeist auf der Schwäche der Nachbarn
3.      Dies erkennend ergibt sich eine meist defensive, diplomatieorientierte Politik
4.      Herrscher, die diese Grundkonstante nicht erkennen und auf Expansion hinarbeiten, schaden dem Reich häufig kurz- und mittelfristig (eine langfristige Prognose entfällt aufgrund der sich stets überschlagenden Ereignisse) durch Aufblähung des kostspieligen Militärs, die Schaffung neuer, meist gefährlicherer Gegner und die finanzielle und personelle Unhaltbarkeit größerer Eroberungen. „Die tiefere Wahrheit offenbart dagegen ein Gedanke des Kaisers Isaak Komnenos aus dem Jahre 1057, als Byzanz die tödliche Auswirkungen seiner übertriebenen Expansion (Anm.: etwa durch die Annexion des wichtigen Pufferstaates Armenien) – die das neugewonnene Land den Türken öffnet – verspürt: Wenn die Mittel fehlen, „Wird aus dem Mehr ein Weniger““ (S.23)

Es liegt im Wesen der Defensivpolitik, dass sie nicht auf Expansion angelegt ist, sodass ein unaufhaltsamer Schwund der Reichsfläche unausweichlich ist. Die Entwicklung wird als stetiger Rückgang mit ebenso stetiger „Neudefinition des Zentrums“ (S.15) und damit des Macht- und Zuständigkeitsbereiches beschrieben: vom Mittelmeerreich zum eurasischen, weiter zum ägäischen Reich, dessen Ende der Stadtstaat Konstantinopel und die Reste auf der Peloponnes markieren. Die Kaiser, denen diese Neudefinition jeweils gelingt, sind nach Meinung der Autoren, die wahren Retter des Reiches. Dass unsere Byzantiner dies ähnlich gesehen haben mussten, beweisen harte, meist posthume Kritiken an Herrschern, deren „Blick sich zu Horizont verirrte“.


Parallel dazu läuft eine weitere Gedankenkette zur Wirtschaft des Reiches. Die Autoren kommen hierbei zu folgenden Ergebnissen:

1. Das byzantinische Reich ist in wirtschaftliche Kleinzellen geteilt, deren jeweiliges Zentrum eine Klein- oder Mittelstadt ist. Hier werden vor allem die Handwerks- und Agarerzeugnisse der Umgebung gehandelt. Der internationale Handel geht an den meisten dieser Zellen vorbei.
2. Ackerbau und Handwerk funktionieren auf der Basis antiker oder frühmittelalterlicher Erkenntnisse, sie sind daher erprobt und in sich ausgereift.
3. Innovation findet nicht statt, dadurch gerät das Reich wirtschaftlich mehr und mehr ins Hintertreffen, z.B. gegenüber den islamischen Nachbarreichen, die durch ihre stetigen Eroberungszüge sich immer neue Innovationsquellen erschließen. Byzanz schrumpft räumlich und kommt dadurch vergleichsweise mit wenig Novitäten in Berührung. Innovative Ideen kommen über Händler von außen, sie sickern aber nicht bis in die byzantinische Bevölkerung durch, es kommt zu kolonialismusähnlichen Verhältnissen.
4. Die weitgehende und bedürfnislose Autarkie der Wirtschaftszellen bilden aber ein zähes Fundament, da der Verlust einer oder auch vieler dieser Zellen auf die in sich funktionierende Nachbarzelle nahezu keinen Einfluss hat. Somit kann das Reich enorme Verluste verkraften, ohne insgesamt zu kollabieren. Und so können sofort nach dem Fiasko von 1204 mehrere gut funktionierende Staatengebilde entstehen und sich Zellen wie Mistra oder Trapezunt unabhängig behaupten. Die Plünderer und Nachbarreiche kommen, gehen und vergehen, das Reich schrumpft zwar, doch es bleibt. (Man denke etwa an die Seldschuken: eine Zeit lang gefährliche Gegner, verschwinden sie irgendwann, während Byzanz weiterbesteht) Byzanz als politisches und wirtschaftliches Gebilde ist zwar rückständig, es lässt sich aber – überspitzt formuliert - mit einem Kaiser, einem Patriarchen, einer Handvoll Handwerkern und drei Dutzend Bauern überall und jederzeit behaupten und notfalls neu errichten. Somit kann es unendlich geschwächt werden ohne unterzugehen und verschwindet erst mit dem Verschwinden des Kaisers als Institution und der, für das Riesenreich der Osmanen erstaunlich mühsamen, endgültigen Eroberung aller Gebiete.
5. Der endgültige Zusammenbruch wird durch, im byzantinische Herrschaftsgebiet verstärkt auftretende, Naturwidrigkeiten wie Erdbeben, Seuchen und Missernten eingeläutet und schließlich verstärkt. So sind wohl gegen Ende des Reiches viele Stadt- und Festungsmauern durch Erdbeben geschwächt oder gar baufällig, der Bevölkerungsrückgang führt zum Rückgang bebauter Ackerfläche und damit zur Vergrößerung von Sumpfbrachen, von wo aus wiederum die Malaria die Situation verschärfen kann. Wo einmal der Wurm drin ist...

Der dritte Gedankenstrang thematisiert die Wirkungsmacht Byzanz´ als Oberhaupt der orthodoxen Oikumene. Hier, so die Autoren, erweist sich Byzanz als eigentliche Großmacht im welthistorischen Sinne und es kommt zur einzig dauerhaften Expansion: Parallel zur Lösung vom Westen breitet sich byzantinische-orthodoxe Religiosität im angrenzenden Nahen Osten und Osteuropa aus und erfährt seine Höhepunkt in der Missionierung des russischen Reiches. Diese Tatsache vermag auch die osmanische Eroberung nicht auszulöschen.

Das Buch ist ein umfassender Überblick über das Phänomen „Byzanz“ - weit über „die Stadt und das Reich“ hinaus. Es ist Kultur-, Wirtschafts- und politische Geschichte in einem und wird diesem Anspruch auch gerecht. Natürlich bringen diverse Einzeluntersuchungen zu einzelnen Punkten mehr, man ist mit diesem einen Buch im Regal aber für viele Fragen bestens ausgerüstet, besser und aktueller als mit manch anderem. Besonders gewinnbringend erscheint mir der Blick auf die militärische Schwäche Byzanz´zu sein. Man ist häufig geneigt, den Regenten Rettung und Erhalt des Reiches zuzuschreiben, die militärisch aktiv und erfolgreich waren. Dass diese Erfolge meist allzu kurzfristig und kostspielig waren, wird geflissentlich übersehen. Der bald darauf folgende Kollaps ist nicht immer einfach mit den wohlfeilen unfähigen Nachfolgern zu erklären. Manch ein Nachfolger hätte sich vielleicht als fähiger erweisen können, wenn er nicht mit auflaufenden Problemen der großen Eroberungen belastet worden wäre. Bereits Thiess (s.o.) sah in der Tat der Nachfolger Iustinians, das Reich geordnet gesundzuschrumpfen, die bedeutendere und staatstragendere Leistung als die Eroberungen des großen Vorgängers. Besonders interessant ist diese These für das 11. und 12. Jahrhundert zwischen dem Auftreten der Seldschuken und 1204.

Das Autorenkollektiv ist eine prominent besetzte Gruppe französischer Byzantinisten und Mittelalterspezialisten: Alain Ducellier, Michel Kaplan, Michel Balard und Jean-Pierre Arrignon, um nur einige zu nennen. Ein angenehmer Nebeneffekt ist die gute Lesbarkeit des Buches. 600 Seiten Text, 15 Seiten thematisch gegliederte Bibliographie, 12 Seiten Glossar, 14 Seiten Register. Man bekommt etwas geboten: Viel Neues, Spannendes, Interessantes. Und vermutlich je billiger, desto schlechter erhalten. Schnäppchen möglich. Byzanz eben.

Gruß Posa
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Do 05.07.12 23:09

Feind, Robert: Verse auf byzantinischen Bleisiegeln – Verses on Byzantine lead seals
Teil 1: A-Π - Vol. 1: A-Π; Battenberg-Gietl-Verlag, Edition M&S;
1. Auflage 2012; 510 Seiten, 14,8 x 21 cm, Broschur
ISBN: 978-3-86646-838-2 Preis: 65,00 EUR

Robert Feind dürfte in Sachen byzantinische Bleisiegel kein Unbekannter mehr sein. Mit seinen weiteren Titeln „Byzantinische Siegelkunde. Eine Einführung in die Sigillographie von Byzanz“ und „Byzantinische Monogramme und Eigennamen / Byzantine monograms and personal names“ (beide im Battenberg-Gietl-Verlag) hat er sich bereits um einen einfacheren Zugang zu diesem Themenkomplex verdient gemacht.
Nun legt er mit dem ersten Band einer zweibändig angelegten Veröffentlichung zu den so genannten „metrischen Siegeln“ nach. Der zweite Band, so viel sei gesagt, befindet sich in Vorbereitung und soll – hoffentlich bald - erscheinen; dies ist auch dringend notwendig, da dieser zweite Band die für die Arbeit wichtigen Register erhalten soll. Aber alles der Reihe nach!
Metrische Siegellegenden, also in Versen verfasste Aufschriften, tauchen ab dem 11.Jhdt auf. Sie geben manchmal Auskunft über Person und Beruf des Siegelnden, manchmal wird darin besonderer Schutz und Beistand seitens einer/-s Heiligen erfleht und manchmal nichts von alledem: „Wessen Siegel dies (ist), erkenne, indem Du das Schreiben ansiehst“ (Feind, 1181a, S.451). Die Texte sind, für Byzanz nicht anders zu erwarten, stark konventionalisiert: Es geht um Glauben, Amt und Würden.

Feind hat ein gros dieser Siegellegenden gesammelt, transkribiert und sie dann ins Deutsche und Englische übersetzt. Zudem liefert er einen ikonographischen Hinweis, eine Datierung, Literaturangaben, sowie eine metrische Bestimmung. Das ist so noch nicht auf dem Markt, vor allem die Bündelung metrischer Siegel überhaupt, kombiniert mit der Übersetzung der Legenden füllen eine Lücke in der bisherigen Siegelliteratur und machen das Buch hilfreich und wertvoll. Die Sammlung ist wohl kaum vollständig, aber doch so umfangreich, dass der Leser einigen Gewinn aus diesem Buch ziehen kann:
a) Es ist eine grundlegende, sorgfältige Einführung zum Thema.
b) Die Texte sind übersetzt und zwar in zwei moderne Fremdsprachen und eine davon ist Deutsch. Das ist alles keineswegs selbstverständlich.
c) Interessiere ich mich für ein spezielles Siegel oder einen Inschriftentyp, stehen mir weitere, vielfältige, gezielte Literaturhinweise zu Verfügung.
d) Ich kann mich auch mit dem Problem der Metrik auseinandersetzen – sofern ich das will und ein gewisses Grundverständnis für das Problem mitbringe. Feind erläutert freilich die absoluten Grundlagen des Themas, wem es allerdings schon zu Schulzeiten vor Jambus und Daktylus grauste, dem mag auch unter Umständen trotz Feinds Buch der byzantinische Zwölfsilber ein, Achtung: Kalauer, Buch mit sieben Siegeln bleiben. Allerdings gilt auch hier, wie bei aller Kultur, der Genuss steigt mit dem Wissen.
e) Versuche ich ein Siegel, dessen Legende tatsächlich metrisch ist, anhand dieses Buches zu bestimmen und zu übersetzen, so ist die Erfolgsaussicht, zumindest ein ganz ähnliches zu finden, relativ hoch. Finde ich ein gleiches, so ist ja alles gut; finde ich nur ein ähnliches, so erhalte ich zunächst wichtige, hilfreiche Informationen und darüber hinaus greift Punkt c). Das Erscheinen des zweiten Bandes mit den angesprochenen Registern dürfte die Trefferquote nochmals merklich erhöhen.

Ergänzt wird das Ganze durch eine Vielzahl von themenaffinen Listen: gängige Abkürzungen, typische Varianten und Synonyme für bestimmte Begriffe und Namen (z.B. 65 Arten der Anrede Mariae, so etwa: „All-Lobgepriesene“, „Soldatin“ oder „recht Benannte“), Redewendungen, häufige Verben und so weiter.

Zum Preis: 65,- ist nicht wenig, aber Informationen zu rund 1400 Siegeln können schon mal den Preis eines mittelmäßigen, aber lesbaren Siegels wert sein. Zudem ist Siegelliteratur absolute und damit sauteure Spezialliteratur und es ist Robert Feind und dem Battenberg-Gietl-Verlag zu danken, dass hier eine kleine Hausbibliothek zum Thema byzantinische Bleisiegel heranwächst, die für vergleichsweise wenig Geld erworben werden kann (Siegel 65,-, Monogramme und Eigennamen 34,-, Einführung 26,- ). Das ist schon aller Ehren wert.

Um den Preis niedrig zu halten, wurde auf Bilder verzichtet. Das ist einerseits verständlich und richtig („Die metrischen Siegel werden nicht noch einmal abgebildet“, Feind, S.32), andererseits ist der Sammler doch nicht zuletzt Augenmensch (ja, natürlich ist er zunächst einmal homo tangens) und die subtile Erotik von Listen und Tabellen ergötzt doch in weit geringerem Maße. Wenigstens ein paar wenige Bilder, Schmankerln, hätten sicher gut getan.
Und weil der Preis relativ niedrig ist und weil viel Information auf engem Raum geboten wird, ist dieses Buch natürlich etwas für die Landes- und Institutsbibliotheken der Republiken in nah und fern, aber es ist vor allem etwas für den Sammler und den interessierten Studenten (jeweils beiderlei Geschlechts).
Die Bindung des dicken Buches ist ordentlich und verspricht Dauerhaftigkeit.

Summa summarum: Die metrischen Siegel sind ein spannendes Gebiet, das uns ungleich näher an den Theodoros-Normal-Byzantiner heranbringt, als es Münzen je tun können, denn es sind persönliche Dokumente: trotz oder vielleicht sogar wegen der konventionalisierten Form. Und Robert Feinds Buch „Verse auf byzantinischen Bleisiegeln“ gibt uns zu diesem Gebiet einen enorm vielseitig passenden Schlüssel. Neugierige hereinspaziert!


Gruß Posa


Auf der Homepage des Battenberg-Gietl-Verlages findet sich unter dem entsprechenden Titel eine kleine Leseprobe.
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Re: Literatur zu Byzanz

Beitragvon Posa » Mi 03.10.12 13:44

Robert Feind: Byzantinische Monogramme und Eigennamen / Byzantine monograms and personal names Alphabetisiertes Wörterbuch / Alphabetized lexicon
1. Auflage 2010, 392 Seiten, 14,8 x 21 cm, Broschur, ISBN: 978-3-86646-826-9 Preis: 34,00 EUR

Die fachwissenschaftliche Kritik hat es nicht immer gut gemeint mit den Arbeiten Robert Feinds zu den byzantinischen Bleisiegeln. So erschienen im „Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik“ JÖB 61 (2011) Rezensionen zu Feinds Einführungsschrift und dem hier besprochenen Monogrammbuch (im Internet eingeschränkt einsehbar als „Kundenrezensionen“ bei „amazon“ und den entsprechenden Büchern). Das Ehepaar Seibt, Fachwissenschaftler von Rang, fanden wenig Gefallen an den Arbeiten. Wohlwollender wurden beide Bücher von Cécile Morrisson in der Revue numismatique 167 (2011) besprochen.

Werner Seibt kommt ziemlich schnell zum Punkt: „Da schon länger keine weiterführenden Arbeiten zu byzantinischen Monogrammen erschienen sind, greift man erwartungsvoll zu dieser neuen Publikation, die allerdings dem Anspruch nicht ganz gerecht wird.“ Es folgen Hinweise auf Unnötigkeiten und Versäumnisse: „Die Einleitungskapitel mischen Richtiges mit wenig Überzeugendem: Dass etwa NK (geläufige) Abkürzungen für Niketas, Nikephoros, Nikolaos und Nikostratos sein sollen, Φ für Philippikos, Philippos und Philoxenos, oder Ιω für Ioannes, ist mehr als entbehrlich.“ Um schließlich mit dem Hauptvorwurf: „So manche Auflösungen, die in bisherigen Arbeiten geboten wurden, sind schlichtweg unrichtig, werden aber kritiklos übernommen“ zu dem Schluss zu kommen: „Für viele Monogramme können wir heute mehrere plausible und zusätzlich manche wenig geläufige Lesungsmöglichkeiten anbieten, erst recht, wenn möglicherweise 'mitzulesende' Buchstaben berücksichtigt werden. […] Monogrammen können nicht nur Namen (Individual-, Familien- oder andere Beinamen, geographische Bezeichnungen), Titel, Ämter und Invokationen zugrundeliegen, sondern auch gute Wünsche (wie etwa das päpstliche bene valete), und manch Anderes ist denkbar. Hier ist noch viel an seriöser Forschung von Nöten."
Das Adjektiv „seriös“ grenzt natürlich beiläufig den „engagierten Amateur“ Feind und seine Arbeiten aus der erlauchten Gruppe echter Forscher aus. Hm.

Was bietet das Monogrammbuch? Da wäre als Einstieg ein „Abkürzungs- und Literaturverzeichnis“. Halten wir uns zunächst einmal vor Augen, dass das Buch für Anfänger in dieser Materie geschrieben wurde, so ist dieses Verzeichnis nützlich: Es bringt viele der wichtigsten Editionen, Literatur zum Thema, sowie grundlegende Nachschlagewerke – alles natürlich nur in Auswahl, doch nicht nur für den Anfänger mehr als ausreichend und der Fortgeschrittene hat, seien wir ehrlich, eh nicht nur dieses eine Buch und damit diese eine Literaturliste zur Verfügung. Er wird also seinen Weg schon finden und die von Seibt als zusätzlich wichtig eingestuften Werke von Dr. E. Stepanova und die Sammlung der Ermitage werden ihm nicht verborgen bleiben. Eine kleine Übersicht findet sich z.B. unter http://search.driver.research-infrastru ... Stats=true .
Wer Russisch kann ist hier klar im Vorteil. Ich kann es nicht und deshalb bringen mir Hinweise darauf auch relativ wenig. Aber ich bin ja auch kein seriöser Forscher.
Es folgen im Buch der „Hinweis zur Benutzung“ und „die Anleitung zur Entschlüsselung byzantinischer Monogramme“. Hier erläutert Feind, geduldiger und kleinschrittiger als es je ein Fachwissenschaftler zuvor getan hat, denn eine veröffentlichte Anleitung hierzu gab es nämlich bislang nicht, wie ein solches Monogramm entschlüsselt werden kann. Wohlgemerkt: „KANN“! Der Erfolg des Unterfangens hängt von vielen Faktoren ab: Lesbarkeit und Erhaltung des Monogramms selbst, Erfahrung des Entschlüsselnden usw. Zudem weist Feind ausdrücklich darauf hin: „Die genaue Auflösung von byz. Monogrammen bleibt dabei immer etwas hypothetisch“(S.15). Die von W.Seibt maßgeblich mitentworfene Methode basiert darauf, alle lesebaren Buchstaben des Monogramms in eine alphabetische Reihenfolge zu bringen und anhand dieser Reihenfolge Namen und/oder Titel des Siegelnden zu ermitteln. Bislang war es so, dass einem das private Alphabetisieren nicht viel weiterhalf, da weiterführende Listen der Aufschlüsselungen nicht besonders gut zugänglich waren. Feind sammelte nun diese und legt mit seinem Buch erstmals ein „Alphabetisiertes Wörterbuch“ griechischer und lateinischer Monogramme vor. Dabei gibt es die Buchstabenliste (1.Transkription), die sinntragende Neuordnung in griechischen (2. Transkription) und lateinischen Buchstaben (Übersetzung) sowie ggf. ein oder mehrere Literaturzitate, wo das betreffende Siegel aufzufinden ist. Bsp.:
α,γ,ε,μ,ν,ο,ρ,σ - Γερμανόσ - Germanos - Bulgaria 3, 2247(Mo 16), Berlin I 7, PLRE III 49, SBS 6, 157, SBS 8, 154, Zacos I 343-4, 622, 1300

Das ist enorm praktisch, da die bislang verstreuten Informationen nun an einem Platz gesammelt sind. Die Liste bietet neben bereits entschlüsselten Monogrammen auch weitere gängige Namen und Titel, die somit auch schon alphabetisiert sind und womöglich noch auftauchen werden. Auf ein Problem sei hingewiesen: Feind bündelt die bisher entschlüsselten Monogramme klassischer Editionen. Er entschlüsselt nicht neu und übernimmt damit etwaige Fehler der Editionen. Darauf weist W. Seibt zu Recht hin. Allerdings entwertet dies das Buch nicht generell. Zumal, erstens, unterschieden werden muss zwischen offenbar fehlerhaften Auflösungen und Auflösungen, die Prof. Dr. W. Seibt aus diesem oder jenem Grund anders liest und zweitens sind schließlich hoffentlich nicht alle bislang alphabetisierten Monogramme falsch entschlüsselt worden. Was müsste man denn in diesem Fall von der Fachwissenschaft denken?
Formulieren wir es positiv: Ist ein überall erhältliches Buch, das, sagen wir, grob geschätzt 85% richtige Entschlüsselungen bündelt, erstmalig eine bewährte wissenschaftliche Methode auch für den absoluten Laien erläutert und finanziell erschwinglich ist, nicht ein guter Baustein für weitere seriöse Forschung? Ein weit besserer als es Zettelkästen in Wien und verstreute Informationen mit den gleichen Fehlern je waren? Ich meine schon. Natürlich hätte Feind alle Monogramme überprüfen können und hunderte neuer Lesarten ermitteln können. Aber dann wäre das Buch erst und auch nur vielleicht im Jahre 2035 erschienen. Womöglich hätte auch ein noch so engagiertes Amateur- und Sammlerleben gar nicht ausgereicht. So haben wir zwar die alten Fehler, aber immerhin auch greifbare Möglichkeiten um in Anderlecht, Berlin und Cincinnati zu bestimmen, zu sammeln und weiter zu forschen.
Den letzten Teil des Buches bildet eine Sammlung von „Monogramm-Abbildungen eines Teils der enthaltenen Sammlungen und Editionen“, also eine Konkordanz, mit deren Hilfe eine Art von Schnellbestimmung oder zumindest Groborientierung möglich ist.
So, und nun am Ende noch ein kleiner Test: Nennen Sie vier griechische Namen, die mit NK abgekürzt werden können… Na, haben Sie auch an Nikostratos gedacht? Ich finde das nicht entbehrlich.

Das Buch bietet, wie Feinds andere Veröffentlichungen (s.o.), einen gut aufgebauten, schnellen Einstieg in das Thema, was es – wie üblich - bislang in dieser kompakten Form nicht gab. Die Auflösung der Monogramme bleibt ein schwieriges Geschäft und der Erfolg zweifelhaft. Aber mit dem Buch ist der Weg von einem verwirrenden Zeichen zu einer sinnvollen LeseMÖGLICHKEIT mit klassischer Referenz erheblich kürzer geworden.

Gruß Posa
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