Stand der Prägetechnik und Stempelherstellung

Deutschland vor 1871

Moderator: Salier

Stand der Prägetechnik und Stempelherstellung

Beitragvon wpmergel » Sa 04.02.06 21:59

Mir fallen immer wieder Münzen auf, deren Umschrift eigenartig gestaucht oder umgekehrt gespreitzt aussieht. Es dabei um Prägungen vor 1700. Ich bin bisher davon ausgegangen, daß ein Stempel in seiner Gesamtheit "geschnitten" wurde - also auch soweit vorhanden die Jahreszahl. Jetzt habe ich aber Hinweise, daß schon modulare Stempel mit auswechselbaren Zahlen/Zeichen existierten.

Gibt es (wissenschaftliche) Untersuchungen über den Stand der Prägetechnik und Stempelherstellung für den Zeitraum 1200-1700?
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Beitragvon wpmergel » Mo 06.02.06 15:25

Joachim Stollhoff von der Münzen & Medaillen GmbH hat mir eine umfassende Antwort gemailt, die ich hier für alle posten möchte:

Münzstempel wurden mit Punzen hergestellt. Es gab z. B. eine Punze für das Brustbild, je nach Größe der Münze eine Punze für das Wappen oder eine nur für den Schild und eine weitere für den Helm, dann Buchstabenpunzen usw. Das Brustbild kann deshalb auf mehreren Stempeln völlig gleich aussehen, aber die Buchstaben der Umschrift haben eine unterschiedliche Stellung, denn sie wurden alle nacheinander in den Stempel gepunzt. Ich habe das mal bei Talern der Grafschaft Leuchtenberg aus der Zeit um 1547 beobachtet: Da steht St. Georg über dem Drachen, einen Wappenschild und eine Fahne in der Hand. Diese Taler wurden für den Schmalkaldischen Krieg in großen Mengen geprägt, und diese Prägemengen erforderten mehrere gleich aussehende Stempel. Das Bild sieht immer völlig gleich aus, nur sind Teile des Bildes gegeneinander verschoben, z. B. die Fahnenspitze und die Schwanzspitze des Drachen sind mal näher aneinander, mal weiter voneinander entfernt. Das Bild wurde aus mehreren Punzen zusammengesetzt, eine Punze für Kopf und Oberkörper, eine für den Arm mit Fahne, eine für die Beine des Georg und den Drachen, usw.
Bei den Zwischenräumen in der Umschrift kommt's halt darauf an, wie konzentriert der Stempelschneider arbeitete und wieviel Übung er hatte. Ich kenne einen Sammler, der Schreibfehler auf Münzen sammelt, also THAELR statt THALER usw. Sowas kommt vor, und es bedeutet nur, daß der Stempelschneider unkonzentriert war und die Punzen in der falschen Reihenfolge eingeschlagen hat. Und so kommt es auch vor, daß er vorne mit der Umschrift anfängt und zum Schluß merkt, daß er die Punzen zu eng gesetzt hat und er die letzten Zwischenräume etwas breiter machen muß, oder umgekehrt hat er zu großzügig angefangen und muß nun die Buchstaben enger aneinander setzen.
Größere Münzen, z. B. Taler, wurden immer mit mehreren Schlägen geprägt, wenn es Hand- und keine Maschinenprägungen sind. Eine so breite Fläche konnte man nicht mit einem Hammerschlag prägen. Aber es wurden nicht mehrere Stempel oder Stempelteile eingesetzt, um dieselbe Münzseite zu prägen.
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Beitragvon Denar » Sa 11.02.06 19:45

Hallo

Prägetechnik und Stempelherstellung 1200-1700 !!!

Zu dem Bericht von Joachim Stollhoff hab ich eine Frage.
Kann es nicht doch sein, daß um 1200-1300 die Prägestempel ohne Punzen direckt ins Eisen geschnitten wurden?

Denar
Zuletzt geändert von Denar am Mo 20.02.06 14:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Obelix » So 12.02.06 00:33

Denar hat geschrieben:Hallo

Prägetechnik und Stempelherstellung 1200-1700 !!!

Zu dem Bericht von Joachim Stollhoff hab ich eine Frage.
Kann es nicht doch sein, das um 1200-1300 die Prägestempel ohne Punzen direckt ins Eisen geschnitten wurden?

Denar
Also ich denke das die Punzen für die Prägestempel erst wesentlich später erfunden wurden!
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Beitragvon wpmergel » So 12.02.06 14:28

Ich finde in meinen Unterlagen keinerlei Hinweise, seit wann Patritzen-Stempel verwendet wurden. Diese haben allerdings - weil Sie für den Münzmeister sehr wertvoll waren - bestens gehütet. Die daraus geschlagenen Matritzen- Stempel wurden meist als Altmetall entsorgt. Deshalb kann man anahnd der Vorkommen dieer Patritzen Rückschlüsse ziehen. Der bisher älteste von mir gefundene Patritzenstempel ist aus dem Anfang des 17. JH - es gibt aber sicherlich viel ältere Exemplare.
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Beitragvon Locnar » So 12.02.06 16:22

Also ich denke das die Punzen für die Prägestempel erst wesentlich später erfunden wurden!



Glaub ich nicht !!!
Gruß
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Beitragvon leodux » So 12.02.06 19:44

Hallo,

Punzen zur Anfertigung der Prägestempel gab es nachweißlich schon bei den Brakteatenstempeln im 12. Jahrhundert. Ich denke, daß man sogar schon in der Antike solche Punzen verwendet hat.
Damit es keine Mißverständnisse gibt: Das waren Kugel-, Strich- und sonstige Punzen, mit denen man den Prägestempel direkt bearbeitete. Patrizen, mit denen man einen kompletten Stempel anfertigen konnte, gab es erst deutlich später.

Grüße

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Beitragvon wpmergel » So 12.02.06 20:45

leodux hat geschrieben:Hallo,

Punzen zur Anfertigung der Prägestempel gab es nachweißlich schon bei den Brakteatenstempeln im 12. Jahrhundert. Ich denke, daß man sogar schon in der Antike solche Punzen verwendet hat.
Damit es keine Mißverständnisse gibt: Das waren Kugel-, Strich- und sonstige Punzen, mit denen man den Prägestempel direkt bearbeitete. Patrizen, mit denen man einen kompletten Stempel anfertigen konnte, gab es erst deutlich später.

Grüße

leodux

Diese einfachen Punzierwerkzeuge sind bekannt - mir war beim Beitrag mumdes neu, daß Stempel schon früh aus - ich glaube im heutigen Computerzeitalter würde man es (Text)-Bausteine nennen - sich ergänzenden Punzierungen hergestellt wurden. Wie bei vielen technischen Entwicklungen, gibt es wohl keinen eindeutigen Termin. Es sind vielmehr langfristige Prozesse und Entwicklungen an deren Ende die heutige Lasertechnik steht.
Ich finde es aber interessant, sich auch einmal mit dieser Seite der Münzen zu befassen.
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Beitragvon leodux » So 12.02.06 21:27

Hallo wpmergel,

Walter Kühn schreibt in seinem Buch "Die Brakteaten Heinrich des Löwen", daß bei dem Brakteaten Nr.31 (Braunschweig, 12. Jahrhundert) Mähne und Oberkörper des Löwen mit einer einzigen Punze in den Stempel geschlagen wurde.
Wenn dem so ist, dann wäre das ein sehr frühes Beispiel für die von Dir genannten "Bausteine", also eine sehr komplexe Punze, mit der man einen größeren Teil des Stempels in einem Arbeitsgang herstellen kann.

Grüße

leodux
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Beitragvon wpmergel » Mo 13.02.06 09:17

Hallo leodux,

danke für die Quellenangabe. Ich bereite gerade die Brakteaten Adolf I. für meine hp auf. Bei vielen ist die Zuordnung zu Waldeck fraglich. Es fällt auf, daß Teile verdächtig deckungsgleich sind und andere Bereiche sich elementar unterscheiden. Das sollte eigentlich nur durch Patritzen möglich gewesen sein.

Leider haben so wenige Brakteaten die Zeit überdauert, daß man wirklich stempelgleiche Exemplare heute nicht mehr findet.
Herzliche Grüße aus Waldeck
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Beitragvon leodux » Di 14.02.06 00:33

wpmergel hat geschrieben:Leider haben so wenige Brakteaten die Zeit überdauert, daß man wirklich stempelgleiche Exemplare heute nicht mehr findet.

Hallo,
bei einigen Brakteaten aus Braunschweig ist das zum Glück etwas anders. Durch die beiden großen Funde von Mödesse sind gößere Stückzahlen einiger Münztypen erhalten geblieben. Da dürften auch etliche stempelgleiche Stücke darunter sein. Ich weiß nur nicht, wie weit die Stempelunterschiede bisher wissenschaftlich bearbeitet wurden.

Damit der Leser weiß, welchen Brakteatentyp ich in meinem letzten Posting gemeint habe, veröffentliche ich hier mal ein Foto davon.

Grüße

leodux
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kuehn_31.jpg
Kühn 31; Berger 639-640; Fund Mödese I, 33a
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