Mythologisch interessante Münzen

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Mythologisch interessante Münzen

Beitragvon Peter43 » Sa 08.10.05 15:50

Als Motto möchte ich diesem Thread die folgenden Worte von Gottfried Benn voranstellen ('Roman des Phänotyp'):

Aber Jahrtausende leben in unseren Seelen,
Verlorenes, Schweigendes, Staub; Kain, Zenobia,
die Atriden schwingen ihre Thyrsosruten her.


Als erste Münze möchte ich hier eine Münze des Caracalla vorstellen. Es ist ein AE22 aus Alexandria/Troas mit der Abbildung des Apollo Smintheus auf dem Revers. Die Inschriften sind auf Lateinisch, da es sich um eine römische Kolonie handelt.

Apollo Smintheus

Caracalla AD 198-217
AE22, 6.1g
Av.: ANTONINV - S PIVS AV
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: GEN CO - L - AUG TRO
Genius steht frontal, Kopf n.l., hält Cornucopiae li. und Kultstatue des
Apollo Smintheus in der ausgestreckten re Hand.
cf. Lindgren & Kovacs 331 (andere Av.- und Rev.-Legende)
Selten, fast SS

Die Verehrung des Apollo Smintheus erstreckt sich interessanterweise nur auf Kleinasien, insbesondere war Alexandria/Troas ein Hauptort dieses Kultes. Dies ist bekanntlich eines der stärksten Argumente für den asiatischen Ursprung des Apollokultes. Hier ist die mythologische Erklärung:

Nach der Zerstörung Trojas begannen die Griechen, sich nach Osten auszubreiten. Sie besiedelten die Ägäischen Inseln und die Westküste Kleinasiens. Die Verehrung Apollos in dieser Landschaft hatte einen seltsamen Ursprung. Als die alten Teukrer, aus Kreta herüber mit ihrem Könige Teucer kommend, an dieser Küste Kleinasiens gelandet waren, gab ihnen das Orakel den Befehl, da zu bleiben, wo sie ihre Feinde aus der Erde würden hervorkriechen sehen. Als sie nun in Hamaxitos, einer Stadt dieser Landschaft, angekommen waren, benagten die Mäuse, aus der Erde hervorschlüpfend, in einer Nacht alle ihre Schilde. Sie sahen auf diese Weise den Spruch des Gottes erfüllt, ließen sich in der Gegend nieder und erbauten dem Apollo eine Bildsäule, der eine Maus, was in äolischer Mundart Smintha bedeutet, zu Füßen lag. (Apollon. sp. Strab. I.XIII p.604 & 613)

Es gibt zwei verschiedene Darstellungen des Apollo Smintheus:
a. Ein Kultbild, auf dem er frontal steht und eine Maus in der Hand hält.
Dies ist die Statue, die typisch ist für Alexandria/Troas. Sie ist auch auf
meiner Münze abgebildet. Daß sie vom Genius der Kolonie gehalten
wird, kann dafür sprechen, daß der Apollotempel staatliche Zuschüsse
erhalten hat. (Pat Lawrence)
b. Ein Kultbild, auf dem Apollo nach li steht und mit dem Fuß auf eine
Maus tritt. So gab es z.B. in Chryse eine Statue des Apollo Smintheus
von Scopas, die genau diese Stellung zeigt. Auch sie findet sich auf
Münzen abgebildet.

Die Bedeutung des Epitheton 'Smintheus' wird unterschiedlich interpretiert:
1. Es kommt von dem Ort Sminthe/Troas, wo Apollo schon in
vorgriechischer Zeit verehrt wurde. Apollo Smintheus also = der Apollo
aus Sminthe.
2. Auf äolisch heißt 'smintha' Maus. Apollo also = der Mäuse-Gott. Die
Maus galt in der Antike als Symbol der prophetischen Kraft, weil sie als
inspiriert galt durch die von der Erde aufsteigenden Ausdünstungen.
3. Apollo der Mäusetöter. Die Griechen hatten die Mäuse bereits als
Schädlinge erkannt und verehrten Apollo als ihren Beschützer vor den
Mäusen.

Ich persönlich tendiere zur Interpretation #2. Die letzte halte ich für zu rationalistisch.

Die erste Erwähnung des Apollo Smintheus findet sich in Homers Ilias I, 39. Zu Beginn der Ilias wird beschrieben, wie Apollo die Griechen mit einer Seuche schlägt, weil Agamemmnon Chryseis, die Tochter seines Priesters Chryses entführt, und seinen Priester gedemütigt hatte:

Und wie er einsam jetzt hinwandelte, flehte der Alte
Viel zum Herrscher Apollon, dem Sohn der lockigen Leto:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest,
Smintheus! hab ich dir je den prangenden Tempel gekränzet,
40 Oder hab' ich dir je von erlesenen Farren und Ziegen
Fette Schenkel verbrannt; so gewähre mir dieses Verlangen:
Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoß den Achaiern!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Schnell von den Höhn des Olympos enteilet' er, zürnendes Herzens,
45 Auf der Schulter den Bogen und ringsverschlossenen Köcher.
Laut erschallen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,
Als er einher sich bewegt'; er wandelte, düster wie Nachtgraun;
Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, und schnellte den Pfeil ab;
Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.
50 Nur Maultier' erlegt' er zuerst und hurtige Hunde:
Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß hinwendend,
Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.


Daß man allerdings soweit geht zu sagen, die Griechen hätten die Mäuse bereits als Überträger von Seuchen erkannt, wie ich auch gelesen habe, würde ich ablehnen. Dies auch deswegen, weil es der Rattenfloh ist, der die Pest überträgt, und der Bösewicht die Ratte ist und nicht die Maus.

Lit.:
Der kleine Pauly
Homer, Ilias
Ovid, Metamorphosen

Dank an Pat Lawrence, von der die beiden anderen Münzbilder stammen.

Mit freundlichem Gruß
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caracalla_troas_lindgren331.jpg
smintheus1.jpg
smintheus2.jpg
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Beitragvon Peter43 » Sa 08.10.05 23:23

Amphilochos

Da ich heute abend etwas Zeit habe, hier eine weitere Münze mit einem mythologischen Thema. Es ist ein AE31 des Valerian I. aus Mallos in Kilikien.

Valerian I. 252-260 n.Chr.
AE 31, 19.89g
Av.: IMP C LIC VALERIANVS PI FE AVG (lat.)
Belorbeerte Büste, cürassiert, n.r.
Rv.: MALLO COLONIA (lat.)
Amphilochos, nackt bis auf Chlamys, steht n.l., hält Lorbeerzweig; zu
seinen Füßen ein Wildschwein. Hinter ihm ein Tripod auf einem
Podium mit einem Globus (oder Ei?) darüber, um den sich eine
Schlange windet.
im Abschnitt SC
SNG Levante 1298 (derselbe AV.-Stempel); SNG France 1933 (derselbe Av.-Stempel); BMC 13; SGIC 4498
Sehr selten (nur 13 Münzen aus der Zeit des Valerian bekannt!), fast SS, leichte Rauhigkeit, kleine Gußlöcher (durch die Herstellung bedingt)
veröffentlicht bei Wildwinds

Mallos war eine der ältesten Städte in Kilikien. Es heißt, daß der Halbgott Amphilochos ihr Gründer gewesen sei. Der war der Sohn des Amphiaros und der Eripyle und ein großer Held und Seher, wie sein Vater. Als Bruder des Alkmaion beteiligte er sich am berühmten Zug der Sieben gegen Theben. Er erscheint auch als einer der Freier um Helena und kämpft vor Troja. Mit dem Seher Kalchas reist er nach Klaros bei Kolophon, wo Kalchas in einem Seherstreit gegen Mopsos unterliegt und an gebrochenem Herzen stirbt.

Mopsos, der Sohn des Apollon und der Manto, der Tochter des Teiresias, war der größte Seher seiner Zeit. Zusammen gründeten sie Mallos in Kilikien. Sie verabredeten, Mallos abwechselnd für ein Jahr zu regieren. Mopsos war der erste und Amphilochos ging nach Argos in seine Heimat zurück. Als er nach zwölf Monaten zurückkehrte, um die vereinbarte Regierung zu übernehmen, weigerte sich Mopsos und wollte ihn verjagen. Die verlegenen Einwohner schlugen vor, diesen Streit in einem Zweikampf zu entscheiden. In diesem Kampf töteten beide sich gegenseitig. Damit sich Mopsus und Amphilochos nicht bei ihrer Totenfeier beschimpfen konnten, wurden die Scheiterhaufen nach verschiedenen Seiten errichtet.

Doch es kam dazu, daß ihre Totengeister den Streit einstellten, sich in Freundschaft verbanden und beschlossen, ein gemeinsames Orakel zu errichten. Dieses Orakel in Mallos war nach Delphi das berühmteste der Antike, ja es heißt, seine Vorhersagen seien zuverlässiger gewesen als die von Delphi. Die Antworten erfuhren die Priester in ihren Träumen und schrieben sie auf kleine Wachstafeln. Der Preis waren zwei Kupferstücke.

Unter Severus Alexander wurde Mallos Römische Kolonie. Daher die lateinische Inschrift auf der Münze.

Lit.:
Der kleine Pauly
Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
Kerenyi, Griechische Heroen-Sagen
Hederich. Gründliches Mythologisches Lexikon

Mit freundlichem Gruß
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valerianI_mallus_snglev1298.jpg
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:14

Hier möchte ich eine meiner neuesten Erwerbungen vorstellen. Es ist:

Apollo Sauroktonos - der Eidechsenkiller

Nikopolis ad Istrum/Moesia inferior, Geta 198-202
Ae 25, 11.38g
obv. Λ CEΠPTIMI ΓETAC KAICAΡ
drapierte Büste, bloßer Kopf n.r.
rev. [YΠ AVP Γ]A[ΛΛ]OC NIKOΠOΛITΩN ΠPOC ICTPON
Apollo, nackt, belorbeert, mit gekreuzten Beinen n.r. stehend, r.
Hand nach hinten erhoben, hält Pfeil, l. Hand ruht auf Baumstumpf
vor ihm; am Baum eine Eidechse, die Apollo berührt
AMNG 1654, SS (Eidechse nur teilweise zu sehen wegen der schwachen Prägung); selten, nur 1 Ex. in AMNG ex. coll. Lübbecke

Wenn wir uns die Rückseite ansehen, erkennen wir Apollo, der uns allerdings etwas fremdartig vorkommt. Wir sehen eine jugendvollen, lächelnden Apollo, der entspannt an einem Baum steht und eine Eidechse betrachtet, die am Baum sitzt. Im selben Augenblick hat er aber einen Pfeil in der Hand, mit der er das kleine Tier aufspießen wird. Uns läuft ein Schauder über den Rücken! Was ist ist los mit Apoll?

Mit dieser Frage zielen wir mitten ins Herz der griechischen Mythologie. Die Personen der griechischen Mythologie sind nämlich nicht einfach nur griechische Erfindungen, sondern sie haben eine lange Vorgeschichte, die in dunkle Vorzeiten führt und meistens in den Osten weist, nicht nur in das antike Kleinasien, sondern bis nach Sumer und Babylon. Und so ist das mit Apollo auch!

Wir alle kennen Apollo als strahlenden Lichtgott (Phoibos), als Gott der Wissenschaften, der Musen und der Weissagung. Dies hat Nietzsche 'Apollinisch' genannt im Gegensatz zum 'Dionysischen', der dunklen Seite des Triebhaften und Unkontrollierten. So ist Apollo der griechische Gott kat' exochen

Doch wenn wir genau hinsehen, dann entdecken wir fremdartige, furchtbare Eigenschaften an ihm. Bereits als Säugling erwürgte er die Python (daher die Pytheas in Delphi), er tötete mitleidslos die unschuldigen Söhne der Niobe mit seinen Pfeilen und zog dem Marsyas bei lebendigem Leibe die Haut ab. Er 'geht wie die Nacht' (Homer) und schlägt die Menschen mit der Pest. Er hat die Troer unterstützt gegen die Griechen und den Achill getötet. Stammt sein Name Phoibos nicht viel eher von 'phobos = furchtbar'? Die Griechen führten seinen Namen auf 'apollymi' zurück (Apollo der Vernichter!)

Er hat eine Affinität zum Chthonisch-naturhaften, was wir sehen an seiner Vorliebe für Haine und Bäume, und an seiner Bziehung zu verwandten Gottheiten wie Poseidon, Hermes, Dionysos und Hades. So wurde er zum Gott der Nymphen, Musen, Charitinnen und anderer Naturgeister. Bogen und Leier - diese zwei entgegengesetzten Attribute charakterisieren seine ambivalente Natur.

Da eines seiner Epitheta Lykeios ist, haben Wissenschaftler seine Herkunft nach Kleinasien verlegt. Andere meinen, sein Ursprung sei babylonisch, da man Altäre gefunden hat mit der Inschrift 'Apolunas' und Keilschrifttexte 'Ap-pa-li-u-na-as' in einem Vertrag zwischen dem Herrscher von Wilusa und dem Hethiterkönig Muwatalli. Heute wird Lykeios aber eher als 'Wolfsgott' interpretiert und so der hellenistische Anteil an Apollo wieder gestärkt. Als Ergebnis der bisherigen Forschungen müssen wir jedoch gestehen, wir kennen seinen Ursprung nicht (Der kleine Pauly).

In der Mythologie von Apoll habe ich keine Geschichte mit einer Eidechse gefunden. Von Plinius dem Älteren kennen wir aber die Beschreibung einer Statue von Praxiteles (4.Jh. v.Chr.) die Sauroktonos heißt, der Eidechsentöter. Seine Beschreibung: Ein jugendvoller Apollo steht neben einem Baum, hält einen Pfeil und schaut auf eine Eidechse, die den Stamm emporklettert. Die Originalbronzestaue ist verlorengegangen, aber es gibt 2 Kopien im Louvre und in den Vatikanischen Museen. 2004 hat das Cleveland Museum of Arts eine Bronzestatue erworben, die von 350-275 v.Chr. zu stammen scheint. Diese Kopien zeigen Apollo in einer etwas anderen Stellung als auf meiner Münze. Aber wir finden diese auch auf Münzen (siehe die Website von Doug Smith!). Doch lassen sie alle den von Plinius beschriebenen Pfeil vermissen.

Sei es nun eine Abbildung von Plinius' Beschreibung des Sauroktonos des Praxiteles oder nicht. Auf jeden Fall zeigt die Rückseite dieser Münze exemplarisch die zwei Seiten des Apoll: Hier der jugendvolle, lächelnde Lichtbringer und im selben Augenblick der mitleidslose Killer aus Spaß!

Wer sich für eine ausführlichere Diskussion interessiert: http://www.forumancientcoins.com/board/ ... ic=21050.0

Mit freundlichen Grüßen

Die Statue ist die Kopie aus den Vatikanischen Museen
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geta_amng1654_1.jpg
sauroktonos_vatican_2.jpg
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:30

Apollo Lykeios

Hier ein neuer Beitrag zum Thema APOLLO. Ich möchte dabei auf den etwas älteren Beitrag über Apollo Sauroktonos verweisen, den man in diesem Thread finden kann. Zunächst möchte ich die Münze vorstellen:

Moesia inferior, Markianopolis, Macrinus & Diadumenian 217-218
AE28 (Pentassarion), 11.86g
geprägt unter dem Legaten Furius Pontianus
Av.: AΥT KM OΠEΛ CEΥ MAKPEINOC KM OΠE ANTΩNEINOC
Büste des Makrinos, drapiert und belorbeert, n.r., bloßer Kopf des
Diadumenian n.l.
Rv.: ΥP ΠONTIANOΥ MAP - KIANOΠOΛEITΩN (AP in Ligatur)
Apollo, nackt, mit Locken, steht frontal, Kopf n.r., hält Bogen in der li
Hand und hält re Hand über den Kopf; eine Schlange windet sich um
einen Baumstumpf r.
im li. Feld E (für Pentassarion)
Moushmov 520; PIC 726; Varbanov I, pp. 91-92, No.881 (Bestimmung durch Patricia Lawrence)
SS, veröffentlicht bei Wildwinds
Apollo in der sog. Lykeios Pose, die typisch ist für Markianopolis

In Athen haben wir Hinweise auf einen Kult des Apollo Lykeios in ziemlich frühen Zeiten. Die Apollodarstellungen von Tarsos mit den Wölfen in der Hand sind sehr umstriitten. Der hier abgebildete Apollo hat nur mit Athen zu tun, wo im 4. Jh. v.Chr. der berühmte Bildhauer Praxiteles (oder vielleicht Euphranor) diese Statue für ein Heiligtum geschaffen hat, offensichtlich nicht als Kultbild, sondern für den Temenos, den parkähnlichen Tempelbezirk des Lykeion. Dieses berühmte Lykeion lag nord-östlich von Athen außerhalb der Stadt und umfaßte nicht nur das Heiligtum des Apollo sondern auch das Gymnasion, in dem die Sophisten lehrten, Protagoras, und dann Aristoteles mit seinen Schülern. Dies hatte deshalb auch den Namen Lyzeum.

Diese Statue wurde sofort berühmt und immer wieder und wieder kopiert, in dieser typischen, sinnlichen, Hand-über-dem-Kopf Stellung. Da diese Statue ziemlich frontal steht, konnte sie gut für Tempel verwendet werden, besonders wenn eine neugegründete Stadt einen brauchte, oder als Weihegeschenk innerhalb und außerhalb des Heiligtums. Lukian schreibt, daß Apollo an einer Stele lehnt, mit einem Bogen in seiner li. Hand und daß er seine re. Hand über seinen Kopf hält wie nach einer großen Anstrengung. Pick sagt, da alle Markianopolis-Typen den Baumstumpf haben, daß die Originalstatue aus Bronze gewesen sei und deshalb keine Stütze gebraucht hätte. Die Kopien allerdings waren in der Regel aus Marmor und variierten die Stütze. Heute wissen wir, daß die Originalstatue aus Bronze war, aber zur kompositorischen Vollständigkeit ebenfalls eine Stütze hatte. Lukian ist übrigens eine der besten Quellen für Skulpturen, da er sie alle selbst gesehen hat.

Als Zugabe ein Bild der besten Louvre-Statue des Apollo Lykeios, die es gibt, und die genau den Typ von Markianopolis wiedergibt (ca. 350 v.Chr.).

Hier nun eine Zusammenstellung der wichtigsten Lykeios-Interpretationen:
1. Lykeios = der Lykier. Dies erklärt gut die Tatsache, daß er Troja
gegen die Achäer verteidigte, was auf einen kleinasiatischen Ursprung
hindeutet. Gestützt wird diese Interpretation durch hethitische
Inschriften. Dieser Meinung war z.B. auch Wilamowitz.
2. Lykeios, von Lykos = der Wolf. Apollo Lykeios als Beschützer der
Schäfer und der Schafherden vor Überfällen durch Wölfe. Dies ist ein
Ausdruck einer alten tiergestaltigen Gottheit, des 'Wolfsgotts' Lykaon-
Lykurgus.
3. Lykeios = der Strahlende, wie Phoibos. Wesensgleich dem
löwengestaltigen, anatolischen Lichtgott Syros

Zusammenfassung:
Nach dem heutigen Wissen ist Apollo ein großer bogenführender Heil- und Todesgott skythisch-indogerm. Nordvölker, der im Wolfssymbol seinen unterweltlichen Aspekt kundtat. Zur Zeit der idg. Einbrüche in der Ägäis wurde er verschmolzen mit den klein-asiatischen Letoiden, den Sohn- und Bruderkonsorten der mediterranen Jungfrau-Mutter Leto-Artemis. Der berühmte Orakelgott, der er in historischer Zeit immer war, bewahrte immer einen gewissen Fremdcharakter, der wohl auch die Wertschätzung des delph. Apollo durch den Lyder Kroisos erklärt.

Lit.:
Der kleine Pauly
Hederich, Gründliches Mythologisches Lexikon

Dank an Patricia Lawrence

Mit freundlichem Gruß
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macrin&diadum_markianopolis_pick726.jpg
apollo_lykeios_louvre.jpg
Zuletzt geändert von Peter43 am So 11.03.07 15:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:38

Apollo Lykeios - oder nicht?

Beschäftigt man sich mit Apollo Lykeios, dann gehört unbedingt die nächste Münze zu diesem Thema, ein AE37 des Maximinus I. aus Tarsos. Der abgebildete Apollo wird nämlich regelmäßig als Apollo Lykeios bezeichnet.

Kilikien, Tarsos, Maximinus I 225-238
AE 37, 19.31g
Av.: AΥT.K.Γ.IOΥ.OΥH.MAΞIMEINOC
Π-Π in li und re Feld.
Büste, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone n.r.
Rv.: TAPCOΥ THC MHTPOΠOΛEΩ
Apollo Lykeios, nackt, belorbeert, steht frontal, hält in jeder Hand
einen toten Wolf(?)
AMK im li Feld, Γ.B im re Feld
SNG Levante 1099 (diese Münze); SNG France 1590 (dieselben Stempel)
(Bestimmung durch Barry Murphy)
Selten, fast SS

AMK steht für 'ΠPΩTH, MEΓIΣTH, KAΛΛIΣTH', 'die Erste, die Größte, die Schönste'. Diese Bezeichnung erhielt Tarsos - wie auch andere Städte - 215 n.Chr. aus Anlaß des Feldzugs von Caracalla gegen die Parther.
Γ.B sind Zahlen, 3 und 2, und bedeuten 'Hauptstadt dreier Provinzen, Inhaber zweier Neokorien'. Als Tarsos unter Valerian eine dritte Neokorie erhielt, änderte sich diese Inschrift nämlich in Γ.Γ. (nach Curtis Clay)

Schaut man sich die sog. toten Wölfe aber einmal genau an, dann sehen sie eher wie Hunde aus und nicht wie Wölfe! Patricia Lawrence war so freundlich, mich auf eine ganz andere Interpretation des Reverses hinzuweisen:
Bekircan Tahberer spricht im 'Celator' die Vermutung aus, daß es wirklich 2 Hunde sind, die Apollo hier trägt. Lychopron, ein Dichter des 3.Jh. spricht nämlich von den mythologischen Gestalten Mopsus und Amphilochos als den 'Hunden des Apolls', die ihn begleiten, so wie die Hunde die Artemis. So würden dann diese Hunde Mopsus und Amphilochos symbolisieren. Untermauert wird diese Hypothese durch die Tatsache, daß bis jetzt weder eine Apollo-Lykeios-Statue in Tarsos gefunden wurde, im Gegensatz etwa zu Mallos, wo Mopsos und Amphilochos hochverehrt wurden, und wo auch Apollostatuen standen, noch gibt es Münzen aus Tarsos mit dem typischen Lykeios-Bild. Wohl aber gibt es Münzen mit Perseus und dem Apollo, der 'die Wölfe' hält. Ganz anders in Mallus: Mopsos selbst war ein Sohn des Apollo, und Amphiolochos war der Sohn des Amphiaraus von Argolis, eines Apollopriesters. So haben beide eine enge Beziehung zu Apollo. Seine Wahrsagekunst hatte Mopsos von Apoll.

Man muß wissen, daß zu dieser Zeit ein heftiger Wettstreit der Städte um die Einrichtung von Nekorien und Weihestätten bestand. Besaß eine Stadt z.B. einen berühmten Wahrsagetempel, wie Mallos, dann war das soviel wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Von überallher strömten die Menschen in die Stadt, mit ihnen das Geld, und die Stadt wurde reich. Das war damals so, wie heute die Städte darum kämpfen, Austragungsorte für die Weltmeisterschaft zu werden. Mallos gehörte dabei zu den berühmtesten Wahrsagestätten Kleinasiens wegen der Grabmäler von Mopsus und Amphiolochos. Wenn jetzt Tarsos diese beiden als 'Hunde des Apolls' darstellte, konnte es seine Stellung gegenüber Mallos deutlich aufwerten, ja es war der Versuch, sich über Mallos zu erheben.

Wir haben leider das Problem, daß die frühen Anatolier versäumt haben, irgendwelche Aufzeichnungen zu machen, oder falls doch, dann sind diese nicht aufgehoben worden oder untergegangen. Auf jeden Fall ist die abgebildete Statue eine typische Kultstatue für einen Tempel, und kein Bildnis in einem kleinen Landschaftsschrein. Wahrscheinlich war sie ebenso wunderschön und bedeutend wie die von Kanachos in Milet, wo Apoll einen Hirsch auf der Hand hält. Leider haben wir keine Möglichkeit
herauszubekommen, ob sie wirklich aus dem 6.Jh. stammt oder nur eine 'wundersame Entdeckung' aus späteren Zeiten ist.
(Patricia Lawrence)

Auf jeden Fall ist dies kein Apollo Lykeios, weil der immer so dargestellt wurde, wie es auf dem berühmten Standbild aus Athen zu sehen ist.

Lit.:
Der kleinePauly
Bekircan Tahberer, Apollo Lykeios in Ancient Tarsus Numismatics, Celator #30

Dank an Curtis Clay und Patricia Lawrence

Mit freundlichem Gruß
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maximinusI_tarsos.jpg
Zuletzt geändert von Peter43 am So 11.03.07 15:15, insgesamt 4-mal geändert.
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:42

Marsyas

Im Augenblick scheine ich mich zu überschlagen, aber hier ist die nächste Münze, die ich vorstellen möchte. Es ist ein republikanischer Denar von L. Censorinus aus der gens Marcia:

gens Marcia, L. Censorinus
AR - Denar, 3.68g, 24.17mm
Rom 82 v.Chr.
Av.: ohne Legende
Belorbeerter Kopf des Apollo n.r.
Rv.: L. CENSOR
Marsyas geht n.l., starrt nach oben, hat die r. Hand erhoben, trägt
Weinschlauch über der Schulter; hinter ihm hohe Säule, darauf
drapierte Figur (Minerva?)
Crawf. 363/1d; Syd. 737; Kestner 3155; BMCR Rome 2657; Marcia 24
SS+/-VZ

Diese Münze ist deswegen von Interesse, weil sie auf die Sage von Marsyas anspielt. Marsyas war ein Silen oder Satyr, einer der Begleiter des Pan, der die Flöte fand, die Athene kurze Zeit vorher erfunden hatte.
Aber als Athene in einem Spiegel sah, wie häßlich ihr Gesicht aussah, wenn sie Flöte spielte, und die anderen Göttinnen über sie lachten, warf sie die Flöte weg mit dem furchtbaren Fluch, daß derjenige, der sie aufheben sollte, das schlimmste Schicksal erleiden sollte. Das aber war nun Marsyas. Marsyas lernte nun, immer besser Flöte spielen, und als er sich auf der Höhe seiner Kunst fühlte, forderte er übermütig Apoll zu einem Wettstreit heraus. Der Sieger sollte mit dem Verlierer machen können, was er wollte. Die Musen sollten Schiedsrichter sein. Doch Apoll trickste bei diesem Wettstreit Marsyas aus. Als er seine Kithara spielte begann er dazu zu singen. Da Marsyas dies mit seiner Flöte nicht nachmachen konnte, verlor er den Wettstreit. Apollo hing ihn in einen Baum und ließ ihm von einem Skythen bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Durch sein Blut - oder durch die Tränen der Musen und der anderen Satyrn - soll dann der Fluß Marsyas entstanden sein (Ovid, Metamorphosen, Buch VI, 382-400)

Kulturgeschichtlich gesehen erschöpft sich die Bedeutung des Marsyas nicht in der Gestalt eines plumpen Satyrs: Er war ursprünglich ein phrygischer Flußgott oder Quelldämon des Marsyas, der im Tale Aulokrene bei Kelainai fließt. Er war der Schutzheros von Kelainai und spielte eine Rolle bei der Abwehr der Galater (der kleinasiatischen Gallier). Er wurde früh in den Kreis der Kybele einbezogen. Erst die Griechen machten ihn zu einem Satyr.

So war die Bedeutung des Marsyas auch in Rom eine andere als bei den Griechen. In Rom war er nicht der geschundene Satyr, der im Wettstreit mit Apollo unterlag, sondern hatte eine staatliche Funktion: Er stand für die republikanische Freiheit und für das, was wir heute als rechtsstaatliche Ordnung bezeichnen. Auf dem Forum in Rom stand eine Statue des Marsyas, ein beliebtes Kunstobjekt, das sehr verehrt wurde. Dies wurde von Römischen Kolonien nachgeahmt und wurde als Symbol ihrer Autonomie angesehen, so z.B. in Alexandreia/Troas oder in Tyros, die Marsyas auf ihre Münzen gesetzt haben.

Hier habe ich ein Bild der Marsyas-Skulptur aus den Kapitolinischen Museen in Rom, die ich bei einer Klassenfahrt 1962 besucht habe. Es zeigt die römische Kopie eines verlorengegangenen hellenistischen Originals aus dem 2.Jh. v.Chr. Dieses Motiv ist deswegen bemerkenswert, weil es das einzige Mal in der antiken Kunst ist, bei dem eine hängende Figur abgebildet wird, ein Motiv, das dann in der christlichen Kunst eins der Hauptthemen wird in der Gestalt des am Kreuz hängenden Christus.

Anm.: Inzwischen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, das Marsyas eine Anspielung auf Marcius sein soll, wie es soviele auf republikanischen Münzen gibt, eine unauffällige Methode sich in Erinnerung zu rufen.

Wer sich für eine ausführlichere Diskussion interessiert: http://www.forumancientcoins.com/board/ ... ic=21015.0

Mit freundlichem Gruß
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censorinus.jpg
marsyas_capitolin.jpg
marsyas_capitolin.jpg (8.91 KiB) 12430-mal betrachtet
Zuletzt geändert von Peter43 am Mo 05.01.15 00:32, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:48

Die zwei Nemeseis von Smyrna

Smyrna, Ionien, frühes 3. Jh.
AE - AE 27
3. Neokorie 211-260 n.Chr.
Av.: IEPA CYNKΛHTOC
jugendliche Büste des Senats, drapiert, n.r..
Rv.: CMYP Γ NE - EΠ ΠΩΛΛI - ANOY
Zwei drapierte Nemeseis stehen sich gegenüber, die re. hält einen
Meßstab, die li. ein Zügel. Zu Füßen der re. ein Rad. Beide zupfen an
ihrer Kleidung unterhalb des Kinns.
SNG von Aulock 7951; BMC cf. 227 ff.
gutes S

Ok, diese Münze ist nicht in sehr gutem Zustand. Ich habe sie mit 'gut S' eingestuft. Was mich an ihr angezogen hat, waren die 2 Nemeseis. Ich kannte bisher immer nur eine Nemesis, und so bin ich natürlich der Frage nachgegangen, woher kommen plötzlich zwei dieser Schicksalsgöttinnen?

Es gibt 2 mögliche Erklärungen. Die eine ist, daß dies zwei Seiten einer einzigen Gottheit sind, nämlich eine freundliche und eine unerbittliche. Nemesis ist eine Göttin aus Kleinasien, wo sie als Adrasteia bekannt ist, und das heißt 'die Unnachgiebige'. Sie ist einerseits die Göttin der gerechten Verteilung, dann aber auch die Rächerin der Hybris, des Übermuts. Sie sorgt dafür, daß die Bäume nicht in den Himmeln wachsen.

Die andere Erklärung beruht auf einer Geschichte, die Pausanias in seinen 'Beschreibungen von Griechenland' 7.5.3. erzählt:
Alexander der Große jagte einmal am Berg Pagos nahe Smyrna, und nach der Jagd kam er zu einem Heiligtum der zwei Nemeseis und fand dort eine Quelle und vor dem Heiligtum eine Platane, die über das Wasser ragte. Während er unter der Platane schlief, so wird erzählt, kamen die beiden Nemeseis und baten ihn, hier eine Stadt zu gründen und die Einwohner von Smyrna aus der alten Stadt hierher zu führen. Und so zogen sie dann aus freiem Willen hierher und gaubten fortan an zwei Nemeseis anstatt an eine, und nannten ihre Mutter Nyx, die Göttin der Nacht, während die Athener meinten, daß der Vater der Rhamnischen Göttin der Meeresgott Okeanos sei (Rhamnos hatte einen berühmten Tempel der Nemesis).
So ist nach dieser Geschichte die eine Nemesis die Göttin der alten Stadt Smyrna, die andere die der neuen Stadt Smyrna.

Der Kult der zwei Nemeseis von Smyrna ist kein alter Kult. Er kann nur bis in die Zeit von Julius Caesar zurückverfolgt werden. Seine große Bedeutung erlangte er erst in der Kaiserzeit zusammen mit dem Kaiserkult. Wahrscheinlich spielte er eine Rolle bei der Integration von Smyrna in das römische Kaiserreich. Die Abbildung der zwei Nemeseis auf Münzen von Smyrna wird oft als ein Symbol für die politische Allianz mit anderen Städten gesehen. Die letzten Münzen wurden unter Gallienus geprägt.

Noch einige Bemerkungen zu den Legenden. HIEPA CYNKΛHTOC (zu ergänzen BOYΛH) ist der heilige Senat, hier dargestellt als Personifikation mit sehr jugendlichem Portrait (im Gegensatz zu Rom, wo er immer älter und ehrwürdiger aussieht). EΠ ΠΩΛΛIANOY ist der Eparch Pollianos. Der Eparch war der Gouverneur der Provinz, Pollianos ein Stratege des Gordian III.

Γ NE ist die Abkürzung von Γ NEΩKOPΩN, das bedeutet die 3.Neokorie.
Eine Neokorie war das Recht einer Stadt, einen Tempel des Kaiserkults zu pflegen und zu erhalten. Dieses Recht wurde immer vom Kaiser verliehen und war eine hohe Ehre, die das Ansehen einer Stadt erheblich erhöhte. Deshalb gab es eine erbitterten Wettstreit der Städte um diese Neokorien, besonders in Asia minor. Stolz wurden sie selbst auf den Münzen vermerkt. Sie dienen heute auch zur Datierung der Münzen. Die 3.Neokorie von Smyrna dauerte von 211-260 n.Chr. Verfiel ein Kaiser allerdings der Damnatio Memoriae, wurde dessen Neokorie ebenfalls gelöscht und die Zahl der Neokorien verringerte sich um Eins.

Ist es nicht erstaunlich, was in einer so unscheinbaren Münze alles steckt? Und dabei habe ich nur die Oberfläche gekratzt. Deshalb liebe ich die Provinzprägungen so sehr! Sie sind einfach faszinierend!

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:52

Der Raub der Persephone

Hier möchte ich meine neueste Erwerbung vorstellen, für die ich mich begeistern kann. Ich hoffe, daß es mir gelingt, etwas von dieser Begeisterung weiterzugeben.

Lydien, Maionia, Marcus Aurelius, 161-180 n.Chr.
AE 35, 24.70g
Av.: AVT KAIC - ANTΩNEINOC AVP
belorbeerte Büste n.r.
Rv.: EΠI KVEINTOV B APX A MAIONIΩN
Hades mit im Wind wehendem Himation steht in n.r. rasender Quadriga, hält Zügel und Zepter in der li Hand, hat den Kopf nach hinten gewendet und hält mit der re. die sich wehrende Persephone umarmt, die in Verzweiflung ihre Arme ausstreckt. Unter den Pferden liegt ihr herabgefallener Blumenkorb, über ihnen fliegt Eros.
SNG von Aulock 3018; ex coll. Burnstein, ex Auktion Peus #366, 2000
Selten, SS, zwei Schrötlingsrisse, aber hübsche blaugrüne Patina der Felder in schönem Kontrast zu den Figuren.

Diese Münze habe ich nicht wegen des Avers erworben, sondern wegen des interessanten Reversmotivs. Es zeigt den berühmten Raub der Persephone. Dieses Motiv ist in der Malerei und der Plastik oft aufgegriffen worden. Ich erinnere nur an die berühmte Plastik des Bernini in der Villa Borghese in Rom und an die Gemälde von Rembrandt, Rubens und Dell'Abate, um nur einige zu nennen.

1. Mythologie

Hades verliebte sich in Persephone, die Tochter der Demeter, und bat Zeus um Erlaubnis, sie zu heiraten. Zeus fürchtete, seinen ältesten Bruder zu beleidigen, wußte aber auch, daß Demeter es ihm nie verzeihen würde, wenn Persephone in die Unterwelt verbannt werden würde. So antwortete Zeus 'diplomatisch', daß er ihm diese Bitte weder erfüllen noch sie ablehnen könnte. Das ermutigte Hades, Persephone zu entführen, gerade als sie auf einer Wiese Blumen pflückte, und sie in seinem von Pferden gezogenen Wagen in die Unterwelt mitzunehmen.

9 Tage lang suchte Demeter ihre Tochter und rief vergebens nach ihr. Nur von Hekate erhielt sie einen Hinweis, der ihr aber nicht half. Am 10. Tag kam sie nach Eleusis zum König Keleus. Dort hütete Triptolemos das Vieh seines Vaters. Von ihm erfuhr sie folgendes: Während seine Brüder Eumolpos und Eubuleus ihre Schafe bzw. Schweine hüteten, sei plötzlich ein schwarzer Wagen erschienen, dessen Treiber ein schreiendes Mädchen umschlungen hielt. Mit diesem Beweis in der Hand rief Demeter Hekate, und die beiden zwangen Helios, der alles sieht, zuzugeben, daß der Entführer Hades war und daß sein Bruder Zeus ihm zugestimmt hatte. Demeter war so empört darüber, daß sie allen Bäumen und Pflanzen verbot, Früchte zu tragen, damit das menschliche Geschlecht ausstürbe.

Da sah Zeus sich gezwungen Hermes zu Hades zu schicken mit der Botschaft, daß alle dem Untergang geweiht seien, wenn er Kore - ein anderer Name der Persephone - nicht zurückgäbe. So wurde Hades gezwungen, Kore zurückzugeben, allerdings unter der Vorraussetzung, daß sie nicht von der Totenspeise gegessen habe. Da sie das beteuerte, sollte Hermes sie wieder in seinem Wagen in die Oberwelt bringen. Askalaphos aber, ein Gärtner des Hades, hatte gesehen, wie sie sieben Kerne eines Granatapfels gegessen hatte, und so befahl ihm Hades, mit Hermes mitzufahren. Demeter war voller Freude, als sie ihre Tochter in Eleusis begrüßen konnte. Als sie aber von dem Granatapfel erfuhr, befiel sie größere Trauer als zuvor und sie erneuerte ihren Fluch über die Erde.

Endlich konnte Zeus seine Mutter Rhea überreden, eine Lösung zu finden. Und die sah so aus: 3 Monate im Jahr sollte Kore bei Hades als Königin der Unterwelt leben und den Titel Persephone tragen, und die übrigen 9 Monate sollte sie in der Oberwelt bei Demeter leben. Hekate aber sollte die Einhaltung des Abkommens überwachen. Da erst entschloß sich Demeter, nach Hause zurückzukehren und den Fluch aufzuheben. Zuvor aber stiftete sie in Eleusis die berühmten Eleusinischen Mysterien und unterrichtete Triptolemos, Eumolpos und Keleus in ihrer Anbetung. Der Verräter Askalaphos wurde in einem Erdloch eingeschlossen, und als Herakles ihn befreite, von ihr in eine Eule verwandelt.

2. Hintergründe

Im Lateinischen wird immer von Proserpina gesprochen. Diese wurde zwar seit 249 v.Chr. in Rom zusammen mit Dis pater in Säkularspielen verehrt. Ihre Herleitung von Persephone allerdings ist irrig. So war sie in den Säkularspielen nur zuständig für 'bellum prospere geri posse'. Sie hat mit der griechischen Persephone nichts zu tun. Wenn lateinische Dichter von Proserpina sprechen, dann ist immer die griechische Persephone gemeint. Diese wird seit ca 500 v.Chr. in Italien bekanntgewesen sein.

Persephone war die griechische Göttin der Unterwelt und die Gemahlin des Hades. Aber wie so oft bei griechischen Gottheiten, geht ihre Geschichte weit in die Vergangenheit zurück. Namensvarianten im attischen, thessalischen, lakonischen und lokrischen lassen einen vorgriechischen Ursprung vermuten. So ist ihr Name z.B. ethymologisch verwandt mit der semitischen Todesgöttin Anat, mit der Persäis, einem Namen der Hekate, und dem etruskischen maskierten Totendämon phersu (von dem das Wort Person stammt!). Das spricht übrigens für die Theorie einiger Wissenschaftler, daß die Etrusker aus Maionia stammen, dem homerischen Namen für Lydien.

Mykenisch hieß sie Pe-re-sa, im Linear B gibt es den Namen pe-re-ja, von dem auch der Name Aphrodite abstammt. Sie war zunächst eine Doppelgöttin Demeter und Kore, bzw. Persephone. Erst bei Hesiod wurde Kore zur Tochter der Demeter. Diese Doppelgöttinnen waren früher weit verbreitet. Sie gab es z.B. im Lydischen (Lametrus neben Artemis), im Umbrischen als Torsa Prestota Cerfia und im Oskischen als Ammai Kerriiai und Futrei Kerriiai. Im Messapischen gab es die beiden Göttinnen Damatira/Doimata und Grahis/Graiva, was alte Frau bedeutet im Sinne von Erdmutter. Es gibt auch die Auffassung, daß es sich ursprünglich um eine Dreiergottheit gehandelt haben kann: Demeter, Persephone und Hekate! Nach Kerenyi geht so der Kore-Raub bis ins 3. Jt. zurück!

Das Motiv des Blumenpflückens und die bedeutsame Rolle der Frucht (Granatapfel) sind minoisch-mediterrane Symbolik. Sie deuten darauf hin, daß es sich um ein prähellenisches Vegetationsdrama handelt. Das Verschwinden und das Wiedererscheinen der Kore mündet in mystisch geprägte agrar-chthonische Begehungen, Anspielungen auf die existentiellen Phänomene Tod, Hochzeit und Befruchtung.

In klassischer Zeit spielten eine große Rolle die griechischen Mysterien in Eleusis, in Messenien, in Unteritalien und auf Sizilien. Diese hatten starke orphisch-dionysische Einflüsse. Kore lebte in späthellenischer Zeit gewandelt weiter in den Isis-Mysterien. Ihre andere Seite, die ursprüngliche erinyenhafte mit Hekate-Artemis-Selene verwobene Schlangen- und Totengöttin, wurde von der Orphik bewahrt und ging ein in die Liturgie der synkretistischen Zauberpapyri.

Lit.:
Ovid, Metamorphosen V, 385-425
Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen
Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
Der kleine Pauly

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 00:54

Als Zugabe hier noch die Plastik 'Raub der Proserpina' von Bernini und das Gemälde von Rembrandt.

MfG
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 01:09

Der Schlangenkult des Alexander von Abounoteichos

Damit es nach einer Woche ohne eine neue Münze nicht zu Entzugserscheinungen kommt, hier also ein neuer Beitrag. Es ist eine Münze von Geta aus Augusta Trajana:

Geta AD 209-211
AE 30, 16.5g
Av.: AVT KΠ CEΠT - IMOC ΓETAC
Büste, cuirassiert von hinten gesehen, mit Strahlenrone n.r.
Rv.: AVΓOVCTHC - TPAIANHC
Schlange in vier kunstvollen Windungen sich aufreckend, mit Nimbus und
Strahlenkranz
Ref.: nicht inVarbanov
fast VZ, braune Patina

Es gibt auf den antiken Münzen viele Schlangendarstellungen. Ich erinnere nur an die Schlange als Attribut der Salus, oder an die berühmten Cistophoren, bei denen eine Schlange aus der Cista mystica klettert. Die gehört zum Dionysoskult, und wurde auch bei den Eleusinischen Mysterien in den Prozessionen mitgetragen. Um die geht es hier aber nicht.

Es spricht einiges dafür, daß die Schlange, die sich hier in vier kunstvollen Windungen nach oben reckt und deren Kopf mit Nimbus und Strahlenkranz umgeben ist, Glykon, der Schlangengott ist. Der wurde in der Mitte des 2.Jh. vom griechischen Propheten Alexander von Abounoteichos erfunden. Dies können wir zumindestens aus den Schriften des griechischen Autors Lukian von Samosate (ca.120-ca.190) schließen.
In einer dieser Schriften macht er sich in deftiger Form lustig über den Scharlatan, den er Alexander, den Orakelhändler, nennt. Abgesehen von seinen Angriffen können wir immerhin akzeptieren, daß dieser Kult, zumindestens die Schlange, die von Alexander verehrt wurde, in Thrakien ihren Ursprung hatte, wo bereits seit dem 4.Jh. v.Chr. Schlangenkulte bekannt waren. Es wird z.B. erzählt, daß die Mutter von Alexander dem Großen schwanger geworden sei, nachdem sie mit einer Schlange geschlafen hatte. Der Prophet Alexander brachte den Gott, eine sehr große Schlange, in seine Heimatstadt Abounoteichos in Paphlagonien und baute dort einen Tempel, der dann zu einer berühmten Orakelstätte wurde.

Es gibt eine interessante Inschrift von Caesarea Trocetta in Asia Minor, die einen Apollopriester erwähnt, der sich 'Miletus, Sohn des Glykon und der Paphlagonia' nennt. Vielleicht konnten die Eltern dieses Mannes keine Kinder zeugen und besuchten den Tempel des Glykon, wonach die Frau schwanger war. Kinder, die so durch göttliches Eingreifen geboren wurden, erhielten oft den Namen des Gottes, um an seine Hilfe zu erinnern. So bestätigt diese Inschrift in gewissem Sinne die Behauptung des Lukian, daß der Scharlatan Alexander in einer viel weltlicheren Bedeutung bei der Schwängerung der Frauen mitgeholfen hat.

Zahlreiche Weihegaben, Statuen und Münzen, die in dem ganzen Bereich zwischen Donau und Euphrates gefunden wurden, beweisen, daß der Kult des Schlangengottes Glykon lebendig blieb zumindestens noch ein Jahrhundert. nach dem Tod des Propheten. Alexander, der nun als Sohn des Podalirus und Enkel des Asklepios(!) galt, erhielt nach seinem Tod selbst religiöse Ehren und galt jetzt als der Prophet seines Gottes.

Sein Erfolg bei der Erfindung eines neuen religiösen Kultes scheint symptomatisch zu sein für die Veränderung in der religiösen Haltung, weg vom überlieferten Glauben, die um sich griff im späten 2. und 3.Jh. und die endlich im Aufstieg des Christentums gipfelte.

Neben einem Bild der Münze habe ich ein Bild einer Plastik aus dem Museum von Constantia/Rumänien (dem antiken Tomis) eingestellt, die genau dem Schlangengott Glykon entspricht. Man sieht hier, daß diese Schlange eher einen Menschen- oder Löwengott besitzt. Von dieser Schlange schreibt Lukian:
Dann hatten sie auch lange vorher schon einen Schlangenkopf aus Leinen vorbereitet und fertiggemacht, der etwas von einem menschlichen Aussehen hatte, der voll bemalt war und sehr lebensecht wirkte. Er konnte den Mund öffnen und schließen durch die Benutzung von Pferdehaaren, und eine gespaltene schwarze Zunge, wie die einer Schlange, auch durch Pferdehaare gesteuert, konnte ausgestreckt werden.

Literatur:
Lukian von Samosata, Alexandros oder der Lügenprophet

Online Information:
http://www.tertullian.org/rpearse/lucia ... xander.htm
http://gutenberg.spiegel.de/gregorov/ha ... adr215.htm
Wie erfindet man einen neuen Kult?
http://66.249.93.104/search?q=cache:GhA ... berg&hl=de

Wer sich für eine weitergehende Diskussion interessiert, die im Augenblick auch noch läuft, dem empfehle ich den folgenden Thread: http://www.forumancientcoins.com/board/ ... #msg148549

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon chinamul » So 09.10.05 08:58

Hallo Peter43!

Mit deiner Wiedergabe der Av.-Legende des Geta scheint etwas nicht zu stimmen!

Gruß

chinamul
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 13:29

@chinamul:

Danke, schon korrigiert!
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Beitragvon chinamul » So 09.10.05 14:33

Hallo Peter43!

Es ist schon bemerkenswert, welch bedeutende Rolle die Schlange in vielen voneinander weitgehend isolierten Kulturen spielt. Sie muß die Menschen wegen ihrer einzigartigen Gestalt weltweit fasziniert haben. Selbst wenn wir einmal die geflügelte Schlange der indianischen Kulturen außer Acht lassen, finden sich immer noch genügend andere Beispiele dafür, wie unterschiedlich diese Tieren gerade auch im religiösen Bereich gesehen wurden.
Das alte Testament beschreibt die Schlange drastisch als die Inkarnation des Bösen, als Erbfeindin des Menschen, die ihn das Verbleiben im Paradies gekostet hat und die es deshalb zu bekämpfen und zu töten gilt.
Hingegen ist sie im Ägypten der Kaiserzeit als Agathodaimon (ΑΓΑΘΟΣ ΔΑΙΜΩΝ = gutartige Gottheit) Schutzgeist der Stadt Alexandria und taucht dementsprechend häufig auf den alexandrinischen Münzen auf. Sie trägt auf dem aufgerichteten Kopf den Skhent, eine hohe Doppelkrone, die sich aus einer weißen und einer roten Krone zusammensetzt. Diese nur ganz bestimmten Gottheiten vorbehaltene Doppelkrone steht für die ständige Anwesenheit der jeweiligen Gottheit sowohl im Leben als auch im Tod, auf der Erde wie im Himmel. In griechischen Häusern spendete man dem Agathodaimon nach jeder Mahlzeit Wein und verehrte ihn in hellenistischer Zeit mit Hausaltären. Es gibt allerdings für diese frühe Zeit keine Belege, die den Agathodaimon in Schlangengestalt zeigen, sondern er wurde oft als Zeus dargestellt. In der Kaiserzeit wird die Bezeichnung Agathodaimon auch auf philhellenische römische Kaiser wie Nero, Hadrianus und Marcus Aurelius angewendet.

HADRIANUS 117 - 138
BI Tetradrachme Alexandria 120/121 (Jahr 5)
Av.: ΑΥΤ ΚΑΙ ΤΡΑΙ ΑΔΡΙΑ ΣΕΒ - Belorbeerte und auf der linken Schulter leicht drapierte Büste rechts; rechts davon liegende Mondsichel
Rv.: Agathodaimonschlange mit Skhent aufgerichtet; links Caduceus und rechts Getreidebüschel umschlingend
Links und rechts im Feld: L - E (= Jahr 5)
Geißen 804 var. (Rv. dort ohne Getreidebüschel) - 12,94 g

Gruß

chinamul
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 15:07

@Chinamul:

Die alexandrinische Münze mit dem gekrönten Agathodaimon ist natürlich nicht nur hochinteressant, sondern auch noch wunderschön!

Ich glaube, man kann neben der allgemeinen Schlangenverehrung bei Salus, Asklepios u.a. zwei Arten von Schlangenkulten unterscheiden: Den Alexandrinischen mit dem Agathodaimon, der sich dann auch nach Griechenland ausbreitete, und den Pontischen, den der Prophet Alexander sich ausgedacht hat. Die Frage ist, ob die Schlange mit den 4 kunstvollen Windungen zum Glykonkult des Alexander gehört, oder zu einem der besonders in Thrakien verbreiteten allgemeinen Schlangenkulten, von denen wir nicht viel wissen. Da die Plastik der Schlange im Museum von Constanzia der Beschreibung des Lukian entspricht, nimmt man an, daß sie Glykon darstellt. Genau diese Darstellung zeigt die Rs. einer Münze von Lucius Verus, die netterweise Patricia Lawrence gefunden hat, und die den Namen GLYCON auf der Rückseite trägt. Und man kann gut erkennen, daß ihr Kopf fast genauso aussieht, wie der Kopf der Statue von Constanzia.

Dies sind relativ frühe Darstellungen von gewundenen Schlangen. Später sind sie immer kunstvoll in 4 oder mehr Windungen gewunden. Da besteht natürlich die Frage, ob dies auch noch Darstellungen von Glykon sind, zumal die Köpfe dieser Schlangen nicht menschlich, sondern schlangengemäß aussehen. Ich muß zugeben, daß da schon eine gewisse Unsicherheit besteht.

MfG
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Beitragvon Peter43 » So 09.10.05 18:58

Haimos

Dies hier ist eine Bronzemünze von Elagabal aus Nikopolis ad Istrum. Ister ist der alte Name der unteren Donau. Nach ihm soll Österreich auf lateinisch Austria heißen, also nicht etwa Ostreich. Nikopolis wurde von Trajan gegründet. Der Name sollte an seine Siege über die Daker erinnern. Ursprünglich gehörte es zur Provinz Thrakien, wurde dann von Septimius Severus der Provinz Untermösien zugeschlagen. Tatsächlich lag Nikopolis nicht direkt an der Donau, sondern an einem kleineren Nebenfluß. Heute Nikup bei Veliko Turnovo in Bulgarien.

Elagabal 218-222 n.Chr.
AE 27, 15.94g, geprägt unter dem Legat Novius Rufus
Av.: AΥT M AΥP - ANTΩNEINOC
Büste, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone, n.r., Aegis auf der
li. Schulter
Rv.: ΥP NOBIOΥ POΥΦOΥ NIKOΠOΛITΩN / ΠPOC ICTP / ON
Der jugendliche lokale Berggott Haimos sitzt auf einem Felsen, lehnt
sich zurück gegen einen Baum, hat die Hände über dem Kopf; hinter
ihm springt ein Hirsch n.r., ein Bär kommt aus einer Höhle unter ihm
(und verfolgt ihn?).
AMNG 1953 (pl. III, 23, derselbe Rev.-Stempel); Varbanov 3084
seltener Reverstyp, VZ (das schönste Ex., das bisher auf dem Markt war!)

Haimos war ein thrakischer König, der Sohn des Boreas und der Oreithyia. Er wurde mit Rhodope verheiratet, die er sehr liebte. Ihre Liebe war so groß, daß sie sich gegenseitig Zeus und Hera nannten. Wegen dieser Blasphemie wurden sie vom wahren Zeus in die gleichnamigen Berge verwandelt (Ovid Met. VI, 87).

Haimos und Rhodope sind die wichtigsten Gebirgszüge des Balkan. Der Balkan ist auch heute noch als wildes Gebirge bekannt. In der Antike gab es nur wenige Durchgangswege. Diese kreuzten sich u.a. in Nikopolis. Der Revers mit Felsen, Baum, Bär und Hirsch gibt diese rauhe Natur recht gut wieder. Es war ein beliebtes Jagdgebiet, und Haimos erscheint in der Pose eines Jägers, der sich gerade ausruht. Die Hand über dem Kopf ist in der Regel ein Zeichen der Erschöpfung. Auf anderen, früheren Münztypen steht AIMOC im Feld ausgeschrieben, aber zu dieser Zeit war das jedem Betrachter klar.

Daß sich zwei Liebende Zeus und Hera nennen, und deshalb von den Göttern bestraft werden, ist ein Locus classicus. Diese Geschichte wird auch erzählt von Keyx und Alcyone, die dafür in Vögel verwandelt wurden, er in einen Taucher und sie in einen Eisvogel (Ovid Met. XI, 410).

Lit.:
Ovid, Metamorphosen
Der kleine Pauly
Hederich, Gründliches Mythologisches Lexikon

Mit freundlichem Gruß
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