Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

Moderatoren: chinamul, Homer J. Simpson

Beitragvon Peter43 » Sa 27.10.07 02:19

Hallo Brutus!

Du siehst, was alles hinter einer eher unscheinbaren Münze stecken kann. Und das soll ja auch der Sinn dieses Threads sein: Sich nicht mit der Münze allein zufriedenzugeben, sondern den Anstoß zu geben, alle Informationen zusammenzusuchen, die es zu der Münze gibt: Numismatisch, historisch, mythologisch, ikonographisch oder kunsthistorisch. Erst dann wird das Münzensammeln von einem Zusammentragen von netten Stücken zu einer erfüllenden, befriedigenden Beschäftigung, ja zu einer richtigen Leidenschaft!

Dazu gehört aber auch, daß man sich mit Literatur versorgt. Und nicht nur mit numismatischen Katalogen, sondern auch mit Literatur zu den behandelten Themen! Ich schätze, daß ich bisher fast 10% der Gesamtsumme, die ich für Münzen ausgegeben habe, in Literatur investiert habe.

Mit freundlichen Grüßen
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Beitragvon Peter43 » Fr 02.11.07 20:09

Hallo an Alle!

Heute ist ein kleiner Jubiläumstag: Der Thread 'Mythologisch interessante Münzen', der auch im amerikanischen Forum unter dem Titel 'Coins of mythological interest' läuft, hat heute insgesamt mehr als 50.000 Zugriffe!

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Pscipio » Sa 03.11.07 14:03

Das hat er auch wahrlich verdient! An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für all die Mühen, die du für diesen Thread auf dich nimmst!

Lars
Nata vimpi curmi da.
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Beitragvon chinamul » Sa 03.11.07 17:41

Pscipio hat geschrieben:Das hat er auch wahrlich verdient! An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für all die Mühen, die du für diesen Thread auf dich nimmst!

Dem habe ich nichts hinzuzufügen !

Gruß

chinamul
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Beitragvon Peter43 » Sa 03.11.07 17:48

Ich danke euch!

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon brutus68 » Di 06.11.07 15:05

hallo peter,

hiermit möchte ich mich auch bei dir bedanken. aber auch bei all den anderen, die mir mit hintergrundinformationen helfen.

die meisten münzen erstehe ich derzeit wegen ihrer attraktivität, die mein auge erfreut. danach erschließen sich erst die historischen belange zumeist durch das forum hier.

mfg
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Beitragvon chinamul » Di 06.11.07 18:04

brutus68 hat geschrieben:die meisten münzen erstehe ich derzeit wegen ihrer attraktivität, die mein auge erfreut. danach erschließen sich erst die historischen belange zumeist durch das forum hier.

Mir scheint, daß das nicht der schlechteste Zugang zur Beschäftigung mit der antiken Numismatik ist. Die ist und bleibt nämlich auch - und nicht zuletzt - eine Sache der Sinne.

Gruß

chinamul
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Beitragvon Peter43 » Do 08.11.07 22:37

Byzas - der Gründer von Byzanz

Vor kurzem gelang es mir, diese seltene Münze in meine Sammlung einzufügen. Und wie ihr alle wißt, begnüge ich mich damit allein grundsätzlich nicht, sondern versuche, das, was hinter der Münze steckt, zu ergründen. Hier ist das Ergebnis:

Münze:
Thrakien, Byzantium, Severus Alexander, 222-235 n.Chr.
AE 25, 7.68g
Av.: AVT KM AVR CEV ALEZA[NDROC] AVG
Büste, drapiert und cuirassiert, belorbeert, n.r..
rev. BYZAZ
Kopf des Byzas, bärtig und behelmt, n.r.
S+/fast SS, dark-green patina

Die bärtige, behelmte Büste des mythischen Gründers Byzas war bisher nur auf pseudo-autonomen Prägungen von Byzantium bekannt. Schönert-Geiss, Münzprägung von Byzantium, Teil II, S. 20: "Exakt zu datierien ist die Byzas-Serie, die 66 Exemplare mit 23 Vs- und 37 Rs-Stempeln umfasst, da ihre Rss. gleiche Beamte registrieren wie die Provinzialprägung." Daten der fünf bekannten Ausgaben:
128-135 n. Chr.
164-169 n. Chr.
Ca. 175 n. Chr.
Ca. 176 n. Chr.
202-205 n. Chr.
Auf dieser Münze von Severus Alexander erscheint dagegen das Porträt von Byzas zum ersten Mal auf der Rs. Der Vs-Stempel der Münze war bereits bekannt, gekoppelt mit vier Rs-Typen unter dem Beamten Fronto, mit Legende EPI FPONTWNOC BVZANTIWN, Schönert-Geiss V 218, Kat.-Nr. 1761-1767, Taf. 103.
(Curtis Clay)

Mythologie:
Von Byzas gibt es zwei verschiedene Sagen, die aber oft miteinander verschmolzen sind. Die erste Version findet sich bei Stephanos Byzantinos, einem griech. Sprachlehrer in Byzanz (um 500 n.Chr), und Diodoros Sikolos, einem griech. Geschichtsschreiber, der ungefähr 60 v.Chr. in Alexandria gelebt hatte, in seinen Bibliothecae historicae liber 49. Die zweite Version kennen wir von Petrus Gyllius, der auf Befehl des französischen Königs Franz des I. durch Griechenland, Asien nd Afrika reiste, um die dortigen Länder zu beschreiben. Er schrieb de topographia Constantinopoleos[/] und de Bosporo Thracio[/i], die 1561 erschienen., nach seinem Tod 1555.

Nach der griech. Mythologie war Byzas der Sohn des Poseidon und der Keroessa. Als Zeus sich in Io verliebte, die Tochter des Inachos, des Königs von Argos, mußte er Io vor der Eifersucht und der Rachsucht seiner Ehefrau Hera verstecken. Dazu verwandelte er seine Geliebte in eine wunderschöne weiße Kuh mit goldenen Hörnern. Auf ihren Wanderungen überquerte Io den Bosporos, der danach auch den Namen erhielt (bous-phoros = griech. Kuh-Furt). Nachdem sie wieder ihre eigentliche Gestalt angenommen hatte, gebar sie dem Zeus die Koroessa. Koroessa aber gebar später dem Poseidon, dem älteren Bruder des Zeus und Gott des Meeres, einen Sohn. Dies war Byzas der Megarer. Er wurde der Gründer von Byzantion und gab auch dem Goldenen Horn (griech. Chryosokeras den Namen nach seine Mutter. Nach anderen war Byzas der Sohn der Najade Byzia und heiratete später Phidaleia, die Tochter des Königs Barbyzos.

Nach der anderen griechischen Sage war Byzas ein griechischer Kolonist, oder auch Führer oder König, der dorischen Siedlung Megara in Griechenland, Sohn des Königs Nisos. Er habe das Orakel des Apollon in Delphi befragt und dieses habe in seiner üblichen zweideutigen Art und Weise ihn beauftragt, sich gegenüber dem 'Land der Blinden' niederzulassen und eine Kolonie zu gründen. So führte er eine Gruppe von megarischen Kolonisten durch den Hellespont und fand eine ideale Siedlungsstätte gegenüber von Chalkedon dort wo das Goldene Horn und der Bosporos sich treffen und in das Marmarameer fließen. Er behauptete, die Chalkedonier müßten blind gewesen sein, daß sie nicht die Vorzüge dieses Landes auf der europäischen Seite gegenüber der asiatischen Seite erkannt hätten. So vollendete er das verkündete Orakel und gründete 667 v.Chr. die Stadt Byzantion auf der europäischen Seite des Bosporos.

Hintergrund:
Funde aus dem Neolithikim belegen, daß die Ufer des Bosporus schon sehr früh besiedelt waren. Bereits für die Griechen war diese Meerenge von entscheidender Bedeutung. Hier fuhren die Schiffe entlang, die Athen und andere Städte mit Getreide aus der heutigen Ukraine versorgten. Zur Sicherung dieses strategisch wichtigen Punktes, der gleichzeitig Schlüsselstelle der Landverbindung von Europa nach Asien sowie des Seewegs von der Ägäis ins Schwarze Meer ist ist, wurde von megarischen Siedlern um 685 v. Chr. die erste Kolonie auf der asiatischen Seite des Bosporus gegründet: Kalchedon. In der bereits von Thrakern besiedelten Gegend auf der europäischen Seite kam es 17 Jahre nach der Gründung von Kalchedon zu einer zweiten Stadtgründung durch die Megarer, zusammen mit Kolonisten aus Argos und Korinth. Der thrakische Name der neuen Siedlung, Byzantion, wurde später als der eines der legendären Anführer, Byzas aus Megara, gedeutet. Byzas selbst ist ein häufiger thrakischer Name.

Es handelt sich bei den Sagen um Byzas also um typische griechische Siedlermythen, wie wir sie überall in der griechschen Welt finden. Die Inbesitznahme fremden und bereits besiedelten Landes wird dabei immer so dargestellt, als habe es sich um menschenleere Gegenden gehandelt. Durch die neu gebildete Mythen wird dann der Anschluß an die mythologische Geschichte Griechenlands geschaffen und das ganze Unternehmen als göttlicher Auftrag interpretiert.

Wegen der günstigen strategischen Lage und seines ruhigen und geschützten Hafens wurde Byzantion sehr bald ein bedeutendes Handelszentrum. Im Jahre 513 v. Chr. eroberte der persische König Darius I. die Stadt. 324 n.Chr. vereinigte Konstantin I. beide Teile des Römischen Reiches und am 11. Mai 330 taufte er die neue Hauptstadt feierlich auf den Namen Nova Roma (= Neu-Rom). Sie wurde jedoch bekannter unter dem späteren Namen Constantinopel.

Besonders unter Kaiser Justinian I. (527–565), dem letzten großen oströmischen Herrscher, gelangte Constantinopel zu Ruhm und wurde prächtig ausgebaut (Hagia Sophia). Im Mittelalter blieb die Stadt das Zentrum des Byzantinischen Reiches und war lange Zeit die mit Abstand reichste und größte Stadt Europas. Im April 1204 eroberten dann aber Kreuzritter Constantinopel. Die Stadt wurde geplündert, zahlreiche Einwohner wurden ermordet und Kunstwerke von unschätzbarem Wert gingen unwiderruflich verloren. Auf rund 100.000 Einwohner reduziert, ihres früheren Ruhms beraubt, wurde die Stadt 1261 vom Byzantinischen Reich unter Michael VIII. zurückerobert.

Am 5. April 1453 begann die Belagerung Constantinopels durch das osmanische Heer unter Sultan Mehmed II. und am Morgen des 29. Mai wurde die Stadt erobert. Dies war nach über 1200 Jahren das endgültige Ende des Römischen Reiches.

Dazu eine Karte von der geographischen Lage Constantinopels.

Quellen:
Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon, 1770
Friedrich Prinz, Gründungsmythen und Sagenchronologie, 1979
Der kleine Pauly
Wikipedia

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
byzantium_sev_alexander_hell.jpg
Constantinople_map.jpg
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Beitragvon Peter43 » Do 08.11.07 22:46

Die Sibylle Herophile

Dieses Thema gehört zur Mythologie des Apollo Smintheus. Es ist sozusagen eine Ergänzung.

Die Münze:
Troas, Gergis, quasi-autonom, 400-241 v.Chr.
AE 9, 0.98g
Av.: Büste der Sibylle Herophile, frontal blickend, belorbeert, geschmückt mit zwei länglichen
Ohranhängern und einer Perlenkette
Rv.: Weibliche Sphinx, geflügelt, n.r. sitzend
im re Feld GER
SNG von Aulock 1513; BMC 2-4
selten, S+/fast SS

Über den Namen Herophile gibt es 2 verschiedene Versionen:
a. Er bedeutet 'Priesterin eines Volksstammes'
b. Er bedeutet 'der Hera zugetan'
Ich neige eher der ersten Erklärung zu, weiß aber nicht, ob sie wirklich richtig ist.

Mythologie:
Herophile war die Tochter des Apollo, oder des Ketophagos und einer idäischen Nymphe. Nach Kerenyi war sie die älteste der Sibyllen. Auf jeden Fall war sie eine der berühmtesten. Sie lebte um die Zeit der Zerstörung Trojas und war die Priesterin des Smintheums, des Heiligtums des Apollo Smintheus. Dort hatte sie den Untergang Trojas verkündigt. Und das kam so:
Kurz vor der Geburt des Paris hatte Hekabe (lat. Hecuba), die Frau des Königs Priamos von Troja, einen Traum, in dem sie einen Holzscheit gebar, aus dem zahllose feurige Schlangen krochen. Priamos befragte seinen Sohn Aisakos, den Seher, nach der Bedeutung dieses Traumes, und der weissagte, daß dieses Kind der Untergang des ganzen Landes sei, und bat, es zu töten.
Danach verkündigte Priamos, daß das Kind zusammen mit seiner königlichen Mutter getötet werden sollte. Priamos ließ daraufhin seine Schwester Kilia und ihren Sohn Munippos töten und begrub sie im heiligen Bezirk von Tros. Aber auch Hekabe gebar ihren Sohn, doch Priamos verschonte beider Leben, obwohl Herophile, die Priesterin des Apoll, darauf drang, daß Hekabe wenigstens das Kind töte. Endlich beauftragte Priamos seinen Hirten Agelaos mit dieser Aufgabe. Der nahm das Kind, setzte es aber aus Mitleid auf dem Berge Ida aus, wo es von einer Bärenmutter gefunden und gesäugt wurde. Als Agelaos nach fünf Tagen das Kind lebend vorfand, staunte er über dies Wunder und nahm es in einer Tasche (daher der Name 'Paris', später wurde er Alexander genannt) zu sich und zog es auf. Dem Priamos aber brachte er als Beweis für den Mord die Zunge eines Hundes. Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Herophile lebte zu Samos, zu Klaros, Delos und Delphi, und starb endlich in Troas. Daher ist auch ihr Grab im Hain des Apollo Smintheus zu sehen. Ihr Kult scheint aus hellenistischer Zeit zu stammen. Die zu Erythraia eigneten sich dieselbe als Landsmännin an, gaben für ihren Vater den Hirten Theodoros und obige Nymphe an und zeigten auf dem Berge Korykos eine Höhle, in der sie geboren worden sein sollte. Pausan. Phok. c.12.p.630

Hintergrund: Die Sibyllen
Das Wort Sibylle kommt aus dem Griechischen und bedeutet 'Prophetin'. Die alten sprechenden Sibyllen, wahrscheinlich alle vor-indoeuropäischen Ursprungs, saßen an bestimmten heiligen Orten und prophezeiten unter dem Einfluß einer chthonischen Erdgöttin. Später wanderten sie von Ort zu Ort. Homer scheint noch keine Sibylle gekannt zu haben. Erst bei Heraklit wird eine Sibylle erwähnt. Sie haben selbst keinen eigenen Namen, sondern erscheinen unter dem Namen des Ortes, an dem sie ihre Prophezeiungen aussprechen. Pausanias nennt als älteste Sibylle die Delphische. Die zweite Sibylle nach Pausanias sei dann Herophile von Samos gewesen, die aber auch in Delphi gewesen sei. Man sieht, daß es hier Unklarheiten gibt. Der Grund dafür ist, daß die Sibyllen zunächst nicht ortsfest waren. Auch ihre Geschichten mischen sich vielfältig.

Selbst die Anzahl der Sibyllen ist sehr unterschiedlich. Frazer schreibt, daß es historisch ursprünglich nur zwei gewesen seien, die Erythräische Sibylle und die Samische Sibylle, die etwas später gelebt habe. Erst Heraclides Ponticus 500 v.Chr.habe dann 3 unterschieden, die Phrygische, die Erythräische und die Hellespontinische, wobei die letzte dann unsere Herophile gewesen sein müßte. Später erhöhte sich ihre Zahl auf neun und sogar zehn, als die Römer noch eine Etruskische hinzufügten. Nach Lactanz, der Varro zitiert, waren es die folgenden:

(1) Die Persische Sibylle soll dem Orakel des Apollo vorgestanden haben. Allerdings bleibt ihr Standort unklar, sodaß sie auch Babylonische Sibylle genannt wird. Sie habe Alexander dem Großen seine Eroberungszüge vorhergesagt.
(2) Die Libysche Sibylle wird identifiziert mit der Priesterin des Apollo Amon Orakels von Siwa. Dieses Orakel in der libyschen Wüste hat bekanntermaßen Alexander der Große persönlich aufgesucht. Sie wird auch Lamia genannt.
(3) Die Delphische Sibylle ist allgemein als Pythia bekannt, obwohl auch ihr Name Herophile war. Sie war ursprünglich die Priesterin der Python, einer archaischen chthonischen Schlange. Später wurde Sibylle oder Pythia der Titel aller folgenden Priesterinnen von Delphi. Sie saß auf einem Tripod und sang ihre Vorhersagen, die sie der Sage nach von Gaia erhielt, in einem Zustand der Ekstase. Ihre Vorhersagen wurden von Hilfspriesterinnen interpretiert und waren bekannt für ihre Doppeldeutigkeit. Neue Forscher führen ihren verzückten Zustand zurück auf Methan und andere Gase, die an diesem Ort noch heute aus der Erde dringen (siehe Scientific American, Oktober 2003).
(4) Die Cimmerische Sibylle. Sie wurde von Gnaeus Naevus in seinem Buch über den Punischen Krieg erwähnt. Ihr Sohn Evander gründete in Rom den Tempel des Pan.
(5) Die Erythräische Sibylle saß in Erythrae, einer ionischen Stadt gegenüber von Chios. Apollodoros von Erythrae bekräftigte, daß sie den Trojanischen Krieg vorhergesagt habe und daß sie den Griechen sowohl den Untergang Trojas prophezeit habe, als auch daß später Homer alles falsch beschreiben werde. In ihrem Zusammenhang wurde zuerst der Begriff 'akrostikon' benutzt, weil sie ihre Prophezeiungen auf Blätter schrieb und diese dann so ordnete, daß die Anfangsbuchstaben ein Wort bildeten.
(6) Die Samische Sibylle von der Insel Samos.
(7) Die Cumäische Sibylle. Diese wurde von den Römern am meisten geschätzt. Sie saß in einer Höhle bei Cumae in der Nähe von Neapel. Sie wurde von Aeneas besucht, bevor er in die Unterwelt stieg. Sie soll auch Tarquinius Superbus, dem letzten römischen König, die Sibyllinischen Bücher verkauft haben, die dann von den viri quindecim verwaltet wurden. Die Sibyllinischen Bücher unterscheiden sich stark von den Vorhersagen der Sibyllen. Sie enthalten nämlich keine Prophezeiungen, sondern sind eine Auflistung von Maßnahmen und Riten zur Abwehr von Unheil. Diese Sibylle spielte auch bei den Christen eine große Rolle, weil sie in Vergils 4.Ekloge das Erscheinen eines Heilands vorhergesagt hatte, womit zwar Augustus gemeint war, was die Christen aber auf Jesus bezogen.
(8) Die Hellespontinische oder Trojanische Sibylle stand dem Orakel des Apollo von Dardania in Kleinasien vor. Sie wurde in Marpessos, einer kleinen Stadt bei Gergis geboren, zur Lebenszeit des Solon und Kyros des Großen. Marpessos gehörte damals zur Troas. Die sibyllinischen Bücher von Gergis wurden ihr zugeschrieben und im Apollotempel von Gergis aufbewahrt. Später kamen sie nach Erythrae, wo sie sehr berühmt wurden. Die Münzen von Gergis zeigen den Kopf dieser Sibylle.
(9) Die Phrygische Sibylle, die aber nur eine Doppelgängerin der Hellespontinischen Sibylle zu sein scheint.
(10) Die Tiburtinische Sibylle wurde der ursprünglichen Zahl von den Römern hinzugefügt. Sie befand sich in Tibur (heute Tivoli), einer etruskischen Stadt. Sie soll von Augustus besucht worden sein, der sie fragte, ob er sich als Gott verehren lassen sollte. Es kann sich dabei aber auch um die Cumäische Sibylle gehandelt haben. Von ihr gibt es eine Pseudoprophezeiung, in der sie die Ankunft Constantins des Großen und von Constans ankündigt. Da diese aber nachweislich erst 380 n.Chr. geschrieben wurde, handelt es sich dabei um ein sog. vaticinium ex eventu, eine Vorhersage, nachdem das Ereignis bereits geschehen ist. Aber dies ist ja bei allen Vorhersagen so, die in Erfüllung gegangen sind!

Hinzugefügt habe ich ein Bild der Sibylle von Cumae von Michelangelo. Sie befindet sich in der Sixtinischen Kapelle (1508-1512). Dort hat Michelangelo insgesamt fünf Sibyllen verewigt.

Quellen:
Der kleine Pauly
Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
Karl Kerenyi, Griechische Sagen
http://dark-legion.org/en/Sibyl
http://de.wikipedia.org/wiki/Sibylle_%28Prophetin%29
http://www.weblexikon.de/Sibylle_(Prophetin).html

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
gergis_SNGaulock1513.jpg
Sibylle von Cumae Michelangelo.jpg
Zuletzt geändert von Peter43 am So 18.11.07 01:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Peter43 » Sa 17.11.07 23:20

Der Stimmstein der Athena

Münze:
Pamphylien, Side, Valerian II., Caesar 256-258, Sohn des Gallienus
AE 30, 18.04g
Av.: POV LIK KOR OVALERIANON KAI CEB
Büste, drapiert und cürassiert, barhäuptig, n.r.; darunter Adler n.r. mit geöffneten Fügeln
c/m E in kreisförmigem Incus (Howgego 805)
Rv.: CIDHTWN - NEWKORWN
Athena (Sidetes), behelmt und in engem Peplos, frontal stehend, Kopf n.l., mit Palmzweig über der li
Schulter, läßt aus der herabhängenden re Hand Stimmstein in eine zweihenklige
Amphora fallen, die li neben ihr am Boden steht; re neben ihr ein Zweig mit einem
Granatapfel
Ref.: cf. SNG Pfälzer Privatsammlungen 882 (für Gallienus); wahrscheinlich unpubliziert
S/fast SS, Vs. rauh, Rs. leichte Prägeschwäche li und deutliche zirkuläre Spuren der Gättung beim Herstellungsprozeß
Das E im Gegenstempel soll die Münze warscheinlich vom Zehner zum Fünfer abwerten.
Die Münzen von Side zeigen oft einen Granatapfel, weil 'Side' auf pamphylisch 'Granatapfel' heißt.

Mythologie:
Sucht man Informationen zum Motiv der Athena mit Stimmstein, stößt man unweigerlich auf die Geschichte des Orestes, der zum Mörder an seiner Mutter Klytaimnestra wurde. Deshalb hier eine kurze Geschichte des fluchbeladenen Atridenhauses. Sie beginnt damit, daß Tantalos, um die Götter auf die Probe zu stellen, seinen Sohn Pelops schlachtet und ihn den Göttern zum Mahl vorsetzt. Niemand rührt es an, nur Demeter, die gerade um ihre Tochter Persephone trauerte, aß gedankenlos ein Stück seiner Schulter, das durch Elfenbein ersetzt wurde, nachdem er wieder zum Leben erweckt wurde. Tantalos aber wurde in den Tartaros verbannt.

Aber Pelops war nicht nur das unschuldige Opfer. Als er nach Elis ging, um um die Hand von Hippodameia, der Tochter des Königs Oinomaos, anzuhalten, überedete er Myrtilos, einen Sohn des Hermes, der zu der Zeit Stallmeister des Königs war, den Wagen des Oinomaos zu manipulieren, so daß der Wagen im Rennen zerbrach und Pelops Hippodameia gewann. Aber anstatt Myrtilos den versprochenen Lohn zu geben, stieß Pelops ihn von einer Klippe in die See, sodaß er ertrank. Hermes schwor der Familie des Pelops Rache. Der aber heiratete Hippodameia und nannte seine neue Heimat Peloponnesos (Insel des Pelops)

Atreus war der Sohn des Pelops. Zusammen mit seinem Bruder Thyestes tötete er seinen anderen Bruder Chrysippos. Wegen des Brudermordes wurden beide von Pelops verbannt und gingen nach Argos. Dort betrog Atreus die Göttin Artemis um ein goldenes Lamm. Aber da seine Frau Aerope mit Thyestes ein Liebesverhältnis hatte, gelangte das goldene Lamm heimlich zu Thyestes. Als die Mykener einen von ihnen zum König machen wollten, schlug Atreus vor, das sollte derjenige sein, der ein goldenes Lamm vorzeigen könnte. Das aber war für ihn überraschenderweise Thyestes. Zeus aber, aus Zorn über den Betrug, verhalf Atreus zum Thron von Mykene. Danach erfuhr er vom Ehebruch seiner Frau und beschloß, sich an Thyestes zu rächen. Unter dem Vorwand, sich mit ihm zu versöhnen, lud er ihn zu sich ein, schlachtete dort dessen Söhne (das scheint wohl bei den Atriden sehr beliebt gewesen zu sein!) und setzte sie ihm zum Mahl vor. Nachdem Thyestes das Fleisch gegessen hatte, zeigte Atreus ihm die abgeschnittenen Köpfe seiner Söhne und jagte ihn davon. Später heiratete Atreus Pelopeia, die Tochter des Thyestes. Diese war bereits schwanger von ihrem Vater und gebar den Aigisthos. Den schickte Atreus los, um den verhaßten Bruder Thyestes zu töten. Aber Thyestes erkannte seinen Sohn Aigisthos und der rächte ihn an Atreus.
Agamemnon war der Sohn des Atreus und der Aerope und der Bruder des Menelaos. Nach dem Mord an Atreus war Thyestes König von Mykene geworden. Agamemnon und Menelaos wurden durch ihre Amme vor Thyestes gerettet. Als sie erwachsen waren, half ihnen Tyndareus bei der Rückgewinnung des Thrones. Agamemnon heiratete Klytaimnestra, die Tochter des Tyndareus, nachdem er vorher deren ersten Mann, den Sohn des Thyestes, und ihr Neugeborenes getötet hatte. Menelaos heiratete Helena, die andere Tochter des Tyndareus. Agamemnon hatte mit Klytaimnestra drei Kinder: Elektra, Orestes und Iphigenia. Als Agamemnon zum Führer der Griechen im Krieg gegen Troja gewählt worden war, konnte die griechische Flotte wegen einer Windstille nicht nach Kleinasien übersetzen. Kalchas verkündete, daß erst Artemis besänftigt werden müßte, und zwar durch die Opferung der Iphigenia. Mit einer List - der angeblichen Verlobung mit Achilleus - wurde Iphigenia ins Lager der Griechen gelockt, um dort auf dem Altar geopfert zu werden. Im letzten Augenblick wurde sie von Artemis entführt und durch eine Hirschkuh ausgetauscht.
Nach der Eroberung Trojas kehrte Agamemnon mit der Seherin Kassandra nach Mykene zurück. Dort hatte Klytaimnestra alle die Jahre über mit Aigisthos zusammengelebt. Als Agamemnon nach der langen Reise ein Bad nahm, wurde er von Aigisthos und Klytaimnestra erschlagen, auch deswegen, was er ihr und der Iphigenia angetan hatte.
Nach der Tat hatte Aigisthos große Angst vor Orestes, da er sich vor dessen Blutrache fürchtete. Dazu aber hatte Apollo ihn aufgefordert. Er sollte den Mord an seinem Vater Agamemnon rächen. Unter einer List gelangte Orestes zusammen mit seinem Freund Pylades in die Burg des Aigisthos. Sie hatten sich verkleidet und meldeten dem Aigisthos den Tod des Orestes. In der darauffolgenden Nacht erschlugen sie dann Aigisthos und Orestes tötete mit schwersten Hemmungen seine Mutter Klytaimnestra.
Nach dem Mord an seiner Mutter wurde Orestes von den Erinyen, den Rachegöttinnen, verfolgt, die ihm Tag und Nacht keine Ruhe liessen. Wir würden sie heute als seine Gewissensbisse interpretieren. Orestes flüchtete sich nach Delphi in den Tempel des Apollo, der ihm den Muttermord befohlen hatte. Er wird von Apollo entsühnt, aber die äußere Entsühnung reichte nicht. Weiterhin wurde er von den Erinyen bedrängt. Jetzt kommt Athena ins Spiel, die ihn auffordert nach Athen zu gehen und sich einem Gericht zu stellen. Die Athener fordern, daß Athena das Urteil spricht. Die aber weigert sich, sondern überträgt den Athenern selbst diese Aufgabe. Sie setzt einen Rat geschworener Richter aus Bürgern der Stadt ein. Dieser Rat, der nach dem Versammlungsort Areopag hieß, sollte für alle Zeiten Bestand haben. Er bestand aus einer geraden Anzahl von Männern. Das Urteil wurde gefällt, indem schwarze und weiße Stimmsteine in eine Urne geworfen wurden. Sollte das Urteil unentschieden ausfallen, dann würde Athena - wie sie vor der Abstimmung bereits verkündete - einen weißen Stein in die Urne werfen. D.h. bei Gleichstand der Stimmen wäre der Angeklagte frei.
Das Rückseitenmotiv stammt nun aus der Zeit, in der Orestes sich in Athen den Richtern gestellt hatte. Athena wirft ihren Stimmstein in die Urne. Damit war Orestes freigesprochen. Danach gelingt es Athena, die Erinyen von dem Segen einer solchen Rechsordnung zu überzeugen. So werden aus den Erinyen, den Rachegöttinnen, die Eumeniden, die Wohlmeinenden.

In Euripides' Iphigenia kann ein Teil der Erinyen erst befriedigt werden, nachdem Orestes das Palladion, das hölzerne Artemisbild aus dem Land der Taurer geholt und nach Attika gebracht hat. Dabei befreit er seine Schwester Iphigenia. Der Sage nach hat Orestes später noch lange in Mykene geherrscht, bis er in hohem Alter an einem Schlangenbiß starb.

Hintergrund:
Die Atriden wurden von der Antike bis in unsere Zeit immer wieder zum Stoff von Dramatikern. Die Auffassung und die Interpretation der Mordtaten untescheidet sich bei den einzelnen Verfassern oft beträchtlich. Das Schicksal des Orestes wurde bereits in der Odyssee erwähnt, die ältesten und berühmtesten Stücke allerdings stammen von Aischylos, Sophokles und Euripides. Aber selbst Sartre hat noch 1942 sein Drama 'Die Fliegen' über Orestes geschrieben. Ich werde mich hier überwiegend auf Aischylos stützen. Er hat den mythologischen Stoff in seiner Trilogie 'Oresteia' , bestehend aus den Tragödien 'Agamemnon', 'Die Choephoren' (Das Totenopfer) und 'Die Eumeniden', bearbeitet, die 458 v.Chr. aufgeführt wurden.

Welche übergeordnete Bedeutung hat nun die Szene in Athen und warum wirft Athena einen weißen Stein in die Stimmurne? Apollo hatte Orestes zum Muttermord aufgefordert, um den Mord an seinem Vater zu rächen. Damit ist Apollo hier noch der typische Vertreter der archaischen Blutrache. Athena aber sehen wir bei Aischylos als Göttin, die im Gegensatz zu Apollo eine staatlich rationale Rechtsprechung.einführt. Wir befinden uns also mit der Sage von Orestes und den Eumeniden - so wie Aischylos es sieht - am Beginn einer kulturellen Wende. Ihm kommt es jetzt nicht mehr allein auf Orestes an, sondern er erhebt die Problematik auf eine allgemeine, menschheitsgeschichtliche Ebene. Es geht um das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, seine Freiheit und Unabhängigkeit von der Herrschaft der Götter. Eine archaisch-barbarische Epoche wird abgelöst von einer neueren, humanen. Es mutet merkwürdig an, daß die Erinyen den Muttermörder Orestes gnadenlos verfolgen, nicht aber die Gattenmörderin Klytaimnestra. Dies ist nur zu verstehen aus chthonischen Vorstellungen: Mit der Mutter ist der Sohn durch sein Blut verbunden. Nicht aber Klytaimnestra mit ihrem Gatten. Apollo sieht im Gegensatz dazu menschliche Bindungen, die über die Blutsbande hinausgehen, weil sie aus freiem Willen eingegangen werden, wie die Ehe. Während die Erinyen prähellenische Gottheiten sind, ist Apollo ein Olympier. So beginnt bei Apollo bereits eine Ablösung von den archaischen Sitten, aber erst durch Athena wird die neue Gesellschaftsordnung eingeführt. Und erst dadurch wird der Friede in der Polis gesichert. Athena hält hier nicht mehr Speer und Schild, sondern trägt einen Palmzweig über der Schulter!

So weist die Rs. dieser Münze auf eine wichtige Grundlage des Staates und des menschlichen Zusammenlebens hin. Ohne geordnetes Recht ist keine staatliche Gemeinschaft möglich. Dazu paßt auch, daß es eine Reihe von Darstellungen gibt, die Athena als Boule (Rat der Stadt) zeigen. Athena wird mit der Boule gleichgesetzt. Kein Wunder auch, daß sich diese Darstellungen überwiegend in Kleinasien finden. Wird doch dadurch die Verknüpfung mit dem griechischen Mutterland besonders deutlich. Und die Zurückführung der staatlichen Strukturen auf die mythologische Vorzeit der Griechen, verleiht jeder Stadt eine besondere Bedeutung.

Zum Stimmstein der Athena gibt es noch eine interessante Meinung von Kirchhoff. Bei einer Verhandlung auf dem Areopag war in der Antike auch der König anwesend, durfte aber eigentlich nicht abstimmen. So mußte er erst seinen Kranz, das Abzeichen seiner Würde, abnehmen und so zum Bürger werden, wenn er seinen Stimmstein in die Urne warf. Die Sage vom Stimmstein der Athena, wo sogar eine Göttin mitabstimmte, gab ihm sozusagen aus der Mythologie begründet das Stimmrecht.

Hinzugefügt habe ich ein Bild des Areopags. Es ist ein felsiger Hügel unterhalb der Akropolis. Sein Name bedeutet Areshügel. Hier soll der Sage nach über Ares gerichtet worden sein, nach seinem Mord an Halirrhotios. Dieser hatte sich an einer Tochter des Ares vergangen. Poseidon, der Vater des Toten, klagte Ares an. Angeblich habe auf dem einen Felsen der Ankläger, auf dem anderen der Verteidiger gesessen.
Ares aber wurde freigesprochen, weil es keine Zeugen gab. Dies war die erste Verhandlung eines Tötungsdeliktes auf dem Areopag. Die zweite Verhandlung war dann die des Orestes. Diese Darstellung unterscheidet sich also etwas von der des Aischylos. Das Bild stammt von
http://www.aeria.phil.uni-erlangen.de/

Quellen:
Hamburger, Käthe, Von Sophokles zu Sartre, Griechische Dramenfiguren antik und modern, 1962
Kirchhoff, Johann Wilhelm Adolf, Zur Frage vom Stimmstein der Athena, Berlin 1875
in: Monatsberichte der Königl. Preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1874, S.105-115
Kerenyi, Karl, Prometheus, Die menschliche Existenz in griechischer Deutung, 1959
Karl Kerenyi, Griechische Mythologie
Der Kleine Pauly

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » Di 18.12.07 00:18

Der Garten der Hesperiden

Wir hatten diesem Thema bereits eimal in diesem Thread. Es wurde von Chinamul vorgestellt: http://www.numismatikforum.de/ftopic11926-90.html
Deshalb will ich mir hier überwegend auf zusätzliche Informationen beschränken.

Schon lange war ich auf der Suche nach einer Münze, die sich auf den Raub der Äpfel der Hesperiden bezieht. Meistens ist dabei nur Herakles dargestellt, der in der ausgestreckten Hand mehrere Äpfel hält. Hier aber ist jetzt eine Münze aus Tarsos, die zusätzlich auch den Baum mit der Schlange zeigt. Jetzt haben wir das ganze Szenario zusammen. Es fehlen eigentlich nur noch die Hesperiden.

Die Münze:

Kilikien, Tarsos, Gordian III., 238-244 n.Chr.
AE - AE 35,
Av.: AVT KAI M ANTGOR[DIANOC CEB]
Büste, drapiert und cürassiert, von hinten gesehen, mit Strahlenkrone, n.r.
im Feld li und re P-P
Rv.: TARCOY MHTROPOLEW
Herakles, bärtig(?), nackt, frontal stehend, Kopf n.l., stützt sich mit der Rechten auf
seine Keule, hält über dem linken Arm das Löwenfell und hält in der ausgesreckten
Linken 5 Äpfel; li neben ihm ein oben verzweigter Baum, um den sich eine Schlange
windet.
im Feld re oben A / G, im Feld li unten M / K
Ref.: cf. SNG Copenhagen 383
sehr selten, gutes S/fast SS, auf der Rs. Glättungsspuren von der Herstellung

Mythologie:
Die goldenen Äpfel waren ein Geschenk der Gaia an Hera zu ihrer Hochzeit mit Zeus. Sie hatten die Eigenschaft, Jugend und ewiges Leben zu verleihen. Hera freute sich so sehr über sie, daß sie sie in ihrem eigenen göttlichen Garten anpflanzte. Die Hesperiden, Töchter der Nacht, sollte sie bewachen. Aber die Hesperiden, die bekannt waren für ihre süßen Stimmen, plünderten selbst den Apfelbaum und verschenkten die Früchte. So sollen sie z.B. dem Hippomenes Äpfel gegeben haben, damit er im Wettlauf gegen Atalante siegen konnte. Deshalb ließ Hera den wachsamen Drachen Ladon sich um den Baum schlängeln. Er sollte ihn also vor den Hesperiden schützen.

Da Eurystheus den Kampf des Herakles gegen die Hydra nicht anerkannte, da ihm Ioalos geholfen habe, mußte Herakles eine weitere Aufgabe lösen. Eurystheus gab ihm den Auftrag, ihm die Äpfel der Hesperiden zu holen. Im klassischen Kanon der Heldentaten des Herakles ist dies die elfte. Das Problem war, daß niemand wußte, wo sich der Garten der Hesperiden eigentlich befand. Angegeben wurde ein Ort weit im Norden bei den Hyperboräern, oder auch das Westliche Horn beim äthiopischen Hesperiai. Die landläufige Auffassung aber ist, daß er weit im Westen gelegen habe. Dazu paßt auch der Name der Hesperiden, deren Namen 'Abendmädchen' bedeutet, was ein deutlcher Hinweis auf den Westen ist.

So kam Herakles auf seiner Suche nach Illyrien und zum Po. Er bestand dabei einen Kampf mit Kyknos, einem Aressohn, bis Zeus den Kampf beendete. Das Gebiet um den Po war das Herrschaftsgebiet des Seegotts Nereus. Nymphen zeigten ihm den schlafenden Nereus. Herakles zwang ihn im Kampf, ihm zu verraten, wie er die goldenen Äpfel gewinnen könnte, obwohl Nereus sich wand und in verschiedene Gestalten verwandelte, dabei Proteus ähnelnd.

Eine andere Mythe (Aischylos) erzählt, daß Herakles das Geheimnis von Prometheus erfahren habe. Dieser Titan, ein Bruder des Atlas, war an einen Felsen des Kaukasus geschmiedet, wo jeden Tag ein Adler des Zeus kam, um von seiner Leber zu fressen, die nachts wieder nachwuchs. Herakles befreite ihn vom Felsen und Prometheus riet ihm, die Äpfel nicht selbst zu holen, sondern sie von Atlas holen zu lassen. Und das tat Herakles dann, wobei er Atlas, der verurteilt war, das Himmelsgewölbe zu tragen, austrickste.

Dabei änderte sich die Mythologie mit der Zeit. In den ältesten Versionen erhielt Herakles die Äpfel von den Hesperiden selbst. Dann, als Ladon den Baum bewachte, sollen die Hesperiden ihn durch ihren süßen Gesang eingeschläfert haben. In den letzten Versionen soll Herakles den Ladon vorher getötet haben. Die Geschichte wurde sozusagen im brutaler. Dabei war Ladon, ein Sohn des Typhon und der Echidna (oder der Keto und des Phorkys), kein Ungeheuer, sondern eine von den klugen Schlangen, die mehrere Sprachen sprach und verstand. Nach seinem Tod setzte ihn Hera aus Dankbarkeit für seine Dienste als Sternbild Draco an den Himmel.

Eine andere Mythe erzählt, daß König Busiris, von der Schönheit der Hesperiden angezogen, Schiffe schickte, sie zu entführen. Als seine Gehilfen sich am Strand über ihre Beute freuten und sich lustig machten, soll Herakles vorbeigekommen sein, habe sie befreit und zu ihrem Vater, der hier Atlas selbst ist, zurückgebracht. Als Dank habe er dann von Atlas die Äpfel erhalten und ist von diesem noch in Astrologie unterrichtet worden (Diodor. Sic. I. IV. c.27. p.162). Hier ist Atlas also nicht der tumbe Tor, als der er sonst dargestellt wird!

Herakles soll sogar selbst bereits einmal im Garten der Hesperiden gewesen sein, nämlich bei der Jagd auf die Hindin von Keryneia. Es gibt ein altes Vasenbild, daß die Hindin unter dem Baum mit den goldenen Äpfeln zeigt, beschützt von zwei Hesperiden. Herakles hat den Rükweg angetreten, weil es hieß, daß niemand aus dem Garten der Hesperiden zurückgelangen könne. Er war da soetwas wie das Jenseits (Kerenyi).

Nachdem Herakles die Äpfel dem Eurystheus gebracht hatte, gab der sie dem Herakles zurück, der sie dann der Athena schenkte. Da es aber nicht erlaubt war, das Eigentum der Hera zu stehlen, brachten Nymphen sie wieder in den Garten zurück.

Es wird auch erzählt (Apollonios), daß die Argonauten auf ihrer Suche nach dem goldenen Fell bei den Hesperiden vorbeikamen, am Tag, nachdem Herakles ihnen die Äpfel geraubt hatte. Die Göttinnen weinen und verwandeln sich aus Trauer vor den Augen der Helden in Bäume: eine Schwarzpappel, eine Ulme und eine Weide.

Hintergrund:
Nach Hesiod waren die Hesperiden die Töchter der Nacht, nach anderen des Phorkys oder des Atlas oder des Hesperos. Sie hüteten 'jenseits des Okeanos' ihre goldenen Äpfel und die Fruchtbäume des Göttergartens. Die Äpfel waren Symbole ewiger Jugend oder der Liebe und Fruchtbarkeit. Gaia hatte sie als Hochzeitsgeschenk für Hera und Zeus sprießen lassen. Ursprünglich war wohl dieser Wundergarten der Schauplatz des hieros gamos, der heiligen Hochzeit, gewesen. Es gibt ins Auge springende Übereinstimmungen mit dem biblischen Garten Eden, dem Paradies, in dem auch von einem wunderbaren Baum und einer Schlange die Rede ist.

Allerdings verschob sich der Ort des Gartens mit der zunehmenden geographischen Kenntnis der Griechen - oder der Vergrößerung ihres Weltbildes - immer weiter nach Westen. Zunächst war es Berenike auf einer Halbinsel des Golfs von Syrte in Libyen, dann das Atlasgebirge, später sogar eine unbekannte Insel im Atlantik.

Die Anzahl der Hesperiden variiert von drei über vier bis zu elf auf Vasenbildern. Hesiod nennt sie Aigle, Erytheia und Hesperthusa. Den letzten Namen zerlegt Apollodor in Hesperia und Arethusa und kommt so bereits zu vier Hesperiden. Das Hesperidenabenteuer des Herakles kommt in Bildzeugnissen erst gegen Ende des 6.Jh., in literarischen Zeugnissen erst im 5.Jh. vor. Ursprünglich pflückte Herakles die Äpfel aus eigenem Antrieb, erst später suchte er sie im Auftrag des Eyrystheus.

Im Barock war der Name 'Garten der Hesperiden' der Name von vielen künstlich angelegten exotischen Gärten insbesondere mit Zitronen- und Orangenbäumen. Wahrscheinlich waren die goldenen Äpfel auch eher Zitronen (oder Quitten), weil die Äpfel zur Zeit ihrer Mythologie eher ungenießbar waren. Berühmt sind die Gärten von Nürnberg und Bamberg. Näheres gibt es im Internet zu erfahren!

Hinzugefügt habe ich einen Ausschnitt aus dem berühmten Bild des attischen Malers Meidias. Es handelt sich dabei um eine rotfigure Hydria, 420-410 v.Chr., aus dem Britischen
Museum. Das Bild zeigt die Hesperiden und den Baum mit den goldenen Äpfeln, hier
zusammen mit der Zauberin Medea mit ihrem Kästchen von Zauberkräutern.

Quellen:
Der kleine Pauly
Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
Benjamin Hederich, Gründliches mythologischs Lexikon
Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen

Und alle, die an griechischer Mythologie interessiert sind, möchte ich hier noch einmal hinweisen auf die wunderbare Seite: www.theoi.com

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » Sa 29.12.07 22:32

Der Dionysoskult in Nysa-Scythopolis

Die Münze:
Samaria, Nysa-Scythopolis, Gordian III., 238-244 n.Chr.
AE - AE 25, 13.2g
geprägt 240 n.Chr. (Jahr 304)
Av.: [AVT KM ANT - GORDIANOC CE]
Büste, drapiert, belorbeert, n.r.
Rv.: NYC - C - KYQ IER ACY
Dionysos, nackt, Nebris hinter ihm herflatternd, n.r. tänzelnd, Kopf n.l., in der erhobenen
Rechten den Thyrsos haltend und zum Wurf ausholend, die Linke einer n.r. knieenden
kleinen Figur auf den Kopf legend; hinter ihm Panther n.l., Kopf n.r. gewendet.
im re Feld Palmzweig, darunter Datum D - T (Jahr 304 der pompejanischen Ära)
Ref.: Spijkerman 206, 59; SNG ANS 1054 var. (hat Traube im Rs.-Feld); BMC 12
Selten, fast SS
Nysa ist das heutige Bet-Shean in Israel. Aus genau diesem Ort stammt übrigens auch der Verkäufer!

Diese Münze hatte ich erworben, weil ich dachte, daß sich hinter der Darstellung auf der Rückseite, die ich mir nicht sofort erklären konnte, etwas Interessantes verbergen könnte. Und damit hatte ich recht! Es handelt sich dabei um neueste wissenschaftliche Meinungen, die deshalb auch noch nicht als gesichert gelten können. Allerdings halte ich sie für plausibel. Hier sind die Ergebnisse meiner Recherchen:

Darstellung und Interpretation
Die Assoziation von Dionysos mit Nysa-Scythopolis stammt augenscheinlich aus der hellenistischen Zeit und ist verknüpft mit der Neugründung der Stadt durch die Ptolemäer, die ja behaupteten, von Herakles und Dionysos abzustammen. Der Dionysoskult spielte in der Zeit der Ptolomäer eine zentrale Rolle und erreichte seinen Höhenpunkt unter Ptolemaios IV. (222-204 v.Chr.)

Der Dionysoskult in Nysa-Scythopolis scheint auch damit zusammenzuhängen, daß es eine Mythe gibt, die behauptet, daß diese Stadt der Platz sei, an dem Nysa, die Amme des Dionysos, bestattet worden sei. Nysa soll auch der Name der Region gewesen sein, in der Dionysos aufwuchs. Andererseits beriefen sich natürlich viele Städte auf Nysa, z.B. Nysa in Lydien, das einen bedeutenden Dionysoskult besaß!

Die Darstellung des Dionysos veränderte sich im Laufe der Zeit. Während er zunächst als eine ältere Person mit Bart dargestellt wurde, erschien er später als junge, nackte Gottheit mit langen wehenden Locken.

Unter Commodus prägte Nysa-Scythopolis Münzen mit zahlreichen verschiedenen dionysischen Themen. Die älteste ist ein Medaillon, geprägt unter Marcus Arelius, das den Kopf des jungen Commodus zeigt, wohl eine Erinnerung an die Reise in den Osten 175/176.

Rachel Barkay beschreibt dieses Medaillon folgendermaßen:
Hier wird Dionysos in einer gewalttätigen Szene gezeigt: Er geht n.r. und hält in der r. Hand einen kurzen Thyrsos, mit dem er auf den Kopf einer kleinen Figur deutet. In der li Hand hält er die Stirnlocke dieser Figur, die ihre Hand ausstreckt und zu fliehen versucht. Auf der li Seite attackiert der Pather eine andere kleine Figur. Dieselbe Szene erscheint auch auf einer Medaille des Septimius Severus.

Eine andere gewalttätige Szene, die die Darstellung auf diesem Medaillon wieder aufnimmt, erscheint auf Münzen des Elagabal und des Gordian III. Hier schwingt Dionysos den Thyrsos, erkennbar durch den Pinienzapfen, den man manchmal oben erkennen kann, und berührt den Kopf einer kleinen Figur. Bei Gordian III. scheint diese Figur eine Herme zu sein (Spijkerman). Jedenfalls scheint Dionysos hier eine kleine Figur zu bedrohen. So sieht es auch Meshorer. Hill vermutet bei der Münzdarstellung eine unbekannte Episode der Dionysosmythe, bei der Dionysos ein kleines Idol bedroht. Eckhel sieht in der kleinen Figur Priapos, andere sehen in ihr einen Satyr, der vor Dionysos hertanzt. Diese Darstellungen des Dionysos können in Zusammenhang stehen mit dem gewalttätigen und grausamen Aspekt des Dionysoskults. Sie sind assoziiert mit dem Bild des Dionysos als einem Gott, der die Menschen im Zustand der Ekstase unter dem Einfluß des Weins verletzt oder sogar tötet.

In Nysa-Scythopolis finden wir die reichsten Darstellungen des Dionysos und von Episoden aus seinem Leben auf städtischen Münzen. Nysa-Scythopolis war zweifellos ein Mittelpunkt des Dionysoskults. Diese Tatsache wird auch durch umfangreiche archäologische Funde bestätigt. Leider finden wir darüber in der Literatur nichts, und wir wissen nicht einmal, ob Nysa-Scythopolis den Anspruch erhob, wegen seiner Verknüpfung mit dieser Tradition einen Sonderstatus zu haben. Deshalb bleiben die Münzen von Nysa-Scythopolis unsere wichtigsten Quellen unseres Wissen über die wichtige Rolle des Dionysoskults in Nysa-Scythopolis.

Nun kann man aber - nach Haim Gitler - diese Szene auch völlig anders interpretieren. Er ist der Überzeugung, daß sie wahrscheinlich eine dionysische Prozession illustriert, die in Bezug steht zum Fest der Anthesteria.

Die Anthesteria, das Blütenfest, wurden zum Frühlingsbeginn in Athen und vielen ionischen Städten gefeiert. Am 2. Tag, der auf den 12. des Monats Anthesterion (Februar/März) fiel, wurde neuer Wein zeremoniell vor Dionysos gesegnet und in der ganzen Stadt wurde dieser Tag gefeiert durch das Trinken von Wein. Dazu benutzte man besondere Gefäße mit einer typischen Form. Sie waren gedrungen und hatten ein kleeblattänliches Mundstück. Sie waren unter dem Namen choes bekannt und dieser Tag, der wichtigste dieses Festes, wurde nach ihnen Choes genannt.

Viele dieser choes stammen aus dem 5. und 4.Jh. v.Chr. und zeigen Szenen der verschiedenen Phasen der Fröhlichkeit und des Spiels während des Festes. Eine war eine Initiationszeremonie, parastasis, in der dreijährige Kinder in die religiöse Gemeinschaft aufgenommen wurden. Dies war das erstemal in ihrem Leben, daß sie Wein rochen und schmeckten. Und zu diesem Zweck wurden spezielle Miniaturchoes hergestellt. Festtafeln wurden im Heiligtum des Dionysos aufgestellt, an denen die Kinder eine Auswahl an Leckerbissen und Spielzeug erhielten, bevor sie an der öffentlchen Dionysosprozession teilnahmen. Am Ende dieser Zeremonien waren die Kinder Mitglieder der städtischen Gemeinschaft. Auf der Grundlage dieser Schilderung wird die folgende Interpretation der Münzszene angenommen:

Dionysos ist halb bedeckt mit der Nebris, einem Pantherfell, das von seiner li. Schulter herabhängt. Hinter ihm her flattert eine Pfote und der Schwanz des Panthers; vor ihm ist wahrscheinlich eine andere Pfote. Der Junge zu Dionysos' Rechten hält einechoes in der ausgestreckten li. Hand und eine Rassel in der re Hand. Zu li Seite des Dionysos beugt ein anderer Junge seine Kniee und hält einen kleinen Panther. Diese Zuordnung scheint sicher zu sein, weil auf dem Medaillon von Septimius Severus auch ein keiner Panther zu sehen ist.

Die meisten Elemente dieser Szene haben ihre Parallele auf attischen choes des 5.-4.Jh. v.Chr., die von Kindern bei den Anthesteria benutzt wurden. Obwohl die Medaillons und Münzen von Nysa-Scythopolis erst rund 600 Jahrhunderte später geprägt worden sind, gibt es eine bemerkenswerte Übereinstimmung der Darstellung auf den Münzen dieser syrischen Stadt mit den attischen choes. Besonders auffallend ist die Ähnlichkeit in der Körperstellung der Kinder und wie sie die choes halten.

Meshorer glaubte, daß die Zunahme der Dionysosdarstellunge auf den Münzen einiger palästinensischer Städte während der Regierungszeit des Commodus die Einführung eines neuen synkretistischen Dionysoskults anzeigt. Jedoch zeigen die Übereinstimmungen der Münzen von Nysa-Scythopolis mit den weit älteren Darstellungen der Anthesteria auf choes, daß diese Zeremonien abgeleitet sind von dieser viel älteren Tradition. Unglücklicherweise gibt es keinen epigraphischen oder literarischen Beweis eines solchen Festes in Nysa-Scythopolis. Aber es ist interessant, daß es bis zur Herrschaft des Commodus nur einenTyp mit diesem Thema gab, aber daß während der 65 Jahre bis zum Ende der Münzprägung 240/241 nicht weniger als sieben verschiedene Typen mit dionysischen Szenen geprägt wurden. Wir kennen den Grund dafür nicht, aber wir können mit Sicherheit sagen, daß Nysa-Scythopolis ein wichtiges Zentrum der Dionysosverehrung in dieser Region war. Nicht überraschend allerdings, da diese Stadt nach der Nysa, der Amme des Dionysos, benannt worden war, die nach einer populären Tradition in Beth-Shean beerdigt worden war (Plinius, Hist.nat. V, 18, 74).

Die Photographie zeigt den Blick auf das heutige Beth Shean mit dem Tell.

Hinzugefügt habe ich noch das Bild einer choes des Oinokles-Malers (ca. 475-450 v.Chr.) mit der interessanten Darstellung einer Episode, wie sie sich bei den weinseeligen Anthesteria abgespielt hat. Wer kann erklären, was auf dem Bild dargestellt ist?

Quellen:
[1] Der kleine Pauly
[2] http://www.jewishvirtuallibrary.org/jso ... shean.html
[3] Barkay, Rachel "The Dionysiac Mythology on Coins of Nysa-Scythopolis (Beth Shean) in the Roman Period", Proceedings of the XIth International Numismatic Congress I, Louvain-la Neuve 1993, pp. 371-375.
[4] Haim Gitler, New aspects concerning the Dionysos cult in Nysa-Scythopolis, SNR 70, 1991, 23-28 (Schweizerische Numismatische Rundschau, ISSN 0035-4163)

Zu den Anthesteria siehe Apollonius Sophistes:
http://www.cs.utk.edu/~mclennan/BA/JO-Anth.html
oder mit einer etwas anderem Meinung:
http://homepage.univie.ac.at/elisabeth. ... 2choen.htm

Mit freundlichem Gruß
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nysa_scythopolis_gordianIII_Spijkerman59.jpg
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Beitragvon Peter43 » Sa 05.01.08 20:37

Eshmun - der phönikische Heilgott

Hier möchte ich wieder einmal eine Münze zeigen, deren Mythologie aus dem orientalischen Raum stammt. Wie die meisten wissen - oder zumindestens wissen sollten - ist die Anzahl der Gottheiten des Vorderen Orients riesenhaft und übersteigt die Anzahl der griechischen Götter bei weitem. Es sind sehr oft lokale Gottheiten, deren Namen oder deren Bedeutung nicht bekannt ist, da sie von Ort zu Ort wechseln. Hier ist das anders. Zudem ist dieser Gott mit der griechischen Mythologie verknüpft worden, wie wir es hier im Thread auch bei anderen Göttern bereits gesehen haben.

Die Münze:
Phönikien, Berytos, Elagabal, 218-222
AE 23, 10.72g
Av.: IMP CAES M [AVR AN - TONINVS] AVG
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: COL IV - L - AVG FE[L] / [BER]
Eshmun, nackt, Chlamys hinter dem Rücken, steht frontal, den Kopf n.r., in der
erhobenen Rechten einen Kanz haltend(?), zwischen zwei aufgerollten, sich
aufrichtenden Schlangen, deren Köpfe nach außen gewendet sind.
Ref.: BMC 16; Lindgren II, 120, 2270; SNG Copenhagen 120 (Stempelgleichheit der Rs.)
Sehr selten, SS, braune Oberflächen
ex CNG Electronic Auction 179

Mythologie:
Eshmun soll ein junger Mann aus Berytos gewesen sein, der vor allem die Jagd liebte. Dadurch fiel er der Göttin Astarte auf, die sich sterblich in ihn verliebte. Um ihren Nachstellungen zu entgehen, entmannte er sich selbst und starb. Um ihn nicht zu verlieren, erweckte Astarte ihn durch die Wärme ihres Körpers wieder zum Leben in der Gestalt eines Gottes (nach Photius). Es heißt auch, daß das Dorf Qabr Shmoun, nahe Beirut, immer noch die Erinnerung an das Grabmal des jungen Mannes wachhält. Eshmun ist vor allem bekannt als ein Heilgott. Sein Tod und seine Wiederauferstehung gab ihm zusätzlich die Rolle eines Gottes der Fruchtbarkeit, der stirbt und jährlich wiedergeboren wird.

Als Gott Eshmun mit Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst gleichgesetzt. Daher sehen wir ihn als Eshmun-Asklepios mit dem Symbol der Schlange, die ja für die Heilkräfte der Natur steht.

Hintergrund:
Eshmun war ein Heilgott der Nordwestsemiten und der Schutzgott von Sidon. Er ist bereits seit der Eisenzeit aus Sidon bekannt und wurde auch verehrt in Tyros, Berytos, Zypern, Sardinien, Malta und Carthago. Dort steht heute die Kapelle des heiligen Ludwig über seinem Tempel. Eshmun gehört also zum Pantheon der phönizischen Götter.

Nach Sanchuniathon hatte Sydik zunächst sieben Söhne, die mit den griechischen Kabiren identifiziert wurde. Eine Mutter war unbekannt. Später bekam er noch einen achten Sohn, eben Eshmun, von einer der Titaniden oder Artemiden. Der Name soll demnach 'der Achte' bedeuten.

Pausanias (7.23.7-8) zitiert einer Sidoner, der sagte, daß die Phöniker behaupteten, Apollo sei der Vater des Asklepos, so wie die Griechen es taten, aber anders als diese machten sie keine Sterbliche zu seiner Mutter. Die Phöniker haben dann Apollo mit der Sonne identifiziert, die durch ihren wechselnden Weg am Himmel ihre Gesundheit der Luft übertrage. Auch wird Apollo mit dem phönikischen Seuchengott Resheph gleichgesetzt. Apollo wird aber auch mit Sydik identifiziert. Dies kann allerdings der spätere Versuch sein, Eshmun Eltern zuzuweisen.

Der Tempel des Eshmun findet sich einen Kilometer von Sidon entfernt in einem üppigen Tal mit Zitronenhainen am Fluß Awwali. Dieser phönikische Tempel ist die einzige phönikische Stätte im Libanon, von der nicht nur die Grundmauern erhalten sind. Der Tempel wurde begonnen am Ende des 6.Jh. v.Chr. während der Herrschaft des Eshmunazar II. Spätere Anbauten wurden in römischer Zeit hinzugefügt. Ausgegraben wurde er 1963-1978 von Maurice Durand. Dabei wurden viele Votivgaben gefunden, besonders kleine Statuetten von Säuglingen und kleinen Kindern. Der Ort des Tempels wurde wahrscheinlich gewählt wegen der nahen Wasserquelle, die für Heilrituale benutzt wurde. Dazu gehörte auch, daß man dem Gott kleinen Statuen weihte, die den Namen desjenigen trugen, der geheilt werden sollte. Da es sich bei der Mehrheit dieser Votivgaben um Statuetten von Säuglingen und kleinen Kindern handelt, kann man Eshmun als den 'Pädiater' dieser Zeit betrachten!

Gefunden wurde auch eine Plakette von Eshmun und Hygieia, die Eshmun mit einem Schlangenstab zeigt. Meine Münze aus Berytos zeigt ihn zusammen mit 2 Schlangen. Eine ähnliche Abbildung findet sich auf einem sehr seltenen Denar des Geta, wo Asklepios-Eshmun mit den 2 Schlangen in einem Tempel steht. Ob dies der beschriebene Tempel in Sidon ist, weiß ich allerdings nicht. Andere Münzen, die den Kopf des Eshmun zeigen, manche mit einem geflügelten Kopf, finden sich von Melitta (Malta).

Hinzugefügt habe ich
(1) den Denar des Geta und
(2) ein Bild des Eshmun-Tempels von Sidon, wie man ihn heute sehen kann.

Quellen:
Wikipedia
www.ikamalebanon.com

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
berytos_elagabal_BMC216.jpg
geta_RSCIII_101a.jpg
Eshmun-Tempel in Sidon.jpg
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Beitragvon Peter43 » Fr 11.01.08 00:18

Die vorislamische Göttin Allat

Hier möchte ich eine interessante Interpretation der folgenden Münze vorstellen:

Arabia, Philippopolis, Philipp I., 244-249
AE 30, 17.30g
Av.: AVTOK KM IOVLI FILIPPOC CEB
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: FILIPPOLITWN - KOLWNIAC
Roma(?), in langer Kleidung, behelmt, sitzt n.l., hält Speer in der li Hand und
einen Adler mit zwei kleinen Figuren in der ausgestreckten rechten Hand; daneben
ihr Schild
im Feld l. und r. S - C
Ref.: Spijkerman 3
Selten, VZ
Die Bedeutung der beiden Figuren ist ungeklärt. Da es sich um eine dynastische Ausgabe handelt, kann es sich dabei um seinen Vater und ihn selbst(?) handeln.

Zu dieser Münze:
Um seine Familie zu fördern, überhäufte Philipp I. auch seinen verstorbenen Vater, Julius Marinus, mit großen Ehren, ja er vergöttlichte (deifizierte) ihn sogar. Philipps Familie stammte aus einer ziemlich unbedeutenden Stadt in der Arabia Trachonitis, die heute Shahba in Syrien ist, ungefähr 60 Meile östlich des Sees von Galiläa und 25 Meilen nördlich von Bostra, der Hauptstadt der römischen Provinz Arabia. Philipp nutzte seine neue Stellung als Kaiser, um seine Heimatstadt zu ehren. So erhob er sie zu einer römischen Colonia und benannte sie um in Philippopolis.

Zusätzlich zu diesen Ehrungen stattete Philipp sie mit vielen Verbesserungen aus. Er baute einen Tempel für die Verehrung seines nun gottgewordenen Vaters, und ließ zahlreiche Mosaike, ein Theater, Bäder und andere Tempel erbauen. Ihre Ruinen überlebten bis heute. Doch da die Stadt an keiner wichtigen Straße oder Handelsroute lag, verging nach seinem Tod ihr Wohlstand und ihr Ruhm schnell wieder.

Die Münzausgaben von Philippopolis blieben ein isoliertes Phänomen, da weder vor Philipp noch nach ihm Münzen geprägt wurden. Da sich nach Konrad Kraft keine Stempelverbindungen zu anderen Städten finden, ist es möglich, daß alle diese Münzen tatsächlich in Philippopolis selbst geprägt worden sind. Eine weitere Besonderheit ist, daß, obwohl Philippopolis eine römische Colonia war, alle Legenden in griechisch sind (außer dem SC).

Die Rückseiten zeigen eine sitzende und eine stehende Göttin. Während die stehende Göttin es verdient, mit Roma identifiziert zu werden, sollte die sitzende Göttin besser als Allat bezeichnet werden, da übereinstimmende Statuen in Palmyra und Suweida gefunden wurden.
(Numismatica Ars Classica)

Allat wurde mit Athena identifiziert und besonders vom Militär verehrt. Deshalb spricht vieles dafür, daß es sich bei der Figur auf der Rs. nicht um Roma handelt, sondern um Athena/Allat. Dazu paßt auch die Athenastatue aus dem Tempel der Allat aus Palmyra.

Al-Lat:
Al-Lat ist eine vorislamische Göttin der Araber und bereits von Herodot (I,131) bezeugt. Ihr Sitz wurde in einem viereckigen, weißen Stein angenommen und bei Wallfahrten wurden ihr Weihgeschenke und Schlachtopfer dargebracht. Idole der al-Lat wurden auch in Schlachten, speziell von den Mekkanern, mitgeführt. al-Lat wird im Koran, Sure 53, Ayat 19 bis 23 und 27, 28 neben al-Uzza und al-Manat erwähnt:
Nach Wellhausen, dem bedeutenden Islamisten, waren mit ihr zusammengesetzte Personennamen sehr häufig im palmyrischen Gebiet anzutreffen, so z. B. beim Sohn des Odenathus und der Zenobia, der bekannterweise den Namen Vaballatus trug. Auch gibt es durch Namensvergleich Hinweise, nach denen in späterer (noch vorislamischer) Zeit der Name al-Lat in Allah aufgegangen ist.

Im Gegensatz zur Theorie des Aufgehens steht die zeitgenössische Diskussion in der Frühzeit des Islam, ob al-Lat nicht stattdessen eine der Töchter Allahs sei, was allerdings dem Monotheismus des Islam widerspricht. Bemerkenswert ist jedoch die Schreibweise beider Namen. Allein durch Hinzufügen zweier Punkte über dem letzten Buchstaben von Allah wird aus dem 'h' ein 't', also Allat.

Al-Lat, Al-Uzza und Manat werden auch als drei verschieden Aspekte einer einzigen Göttin gedeutet. Sie wird dann als Mondgöttin gesehen. Die vorislamische Religion war matriarchal, wie die meisten semitischen Religionen. Der "Schwarze Stein" in der Kaaba soll ein Symbol dieser Göttin sein. So werden die sieben Priester in Mekka auch als "Beni Shaybah" (die Söhne der alten Frau) bezeichnet. Das siebenmalige Umschreiten der Kaaba steht wiederum in Verbindung mit der babylonischen Göttin Ischtar, welche durch die sieben Tore der Unterwelt reiste, um zu ihrer Schwester Ereshkigal, auch Allatu genannt, zu gelangen. Allatu wird als älterer Name von Al-Lat gedeutet.

Nach dem 'Buch der Götzen' (Kitab al-Asnam) von Hisham b. al-Kalbi, glaubten die vor-islamischen Araber, daß Allat in der Kaaba residierte und auch eine Statue in dem Heiligtum besaß: Ihre Bewachung war in den Händen des Banu-Attab ibn-Malik aus dem Stamm der Thaqif, der ein Ädificium über ihr erbaut hatte. Die Kureischiten, wie alle Araber, wollten darin Allat verehren. Sie benutzten auch ihren Namen, um ihre Kinder nach ihr zu benennen, und nannten diese Zayd-Allat oder Taym-Allat.... Allat wurde verehrt, bis auch die Thaqif den Islam annahmen, und der Prophet al-Mughirah ibn-Shubah schickte, der es zerstörte und den Tempel verbrannte.

Die Koreischiten waren der beherrschende Stamm in Mekka bis zum Erscheinen des Islam. Es war der Stamm, zu dem der Prophet Mohammed gehörte, aber auch der Stamm, der die anfängliche Opposition zu seiner Botschaft anführte.

Vom Koran gibt es ein Reihe von verschiedenen Versionen, etwa so wie vom Neuen Testament. Die endgültige Fassung wurde vom Kalif Osman um die Mitte des 7.Jh. zusammengestellt. Gab es nun im ursprünglichen Koran, gewisse Verse, die der Zensur zum Opfer fielen, weil sie nicht mit der orthodoxen Lehre in Einklang standen? Es gibt die berühmte Überlieferung, daß nicht nur der Erzengel Gabriel, sondern auch Satan dem Propheten einige Verse eingeflüstet haben soll. So sollen die drei heidnischen Göttinnen al-Lat, al-Ussa und Manat zunächst als 'hochfliegende Kraniche' bezeichnet worden sein, die eine Art Vermittlerrolle zwischen Menschen und Gott spielten. Da der Prophet diese mekkanischen Lokalgottheiten zunächst duldete, folgten sie seinem Aufruf, sich vor Gott niederzuwerfen.

Als aber später der Erzengel Gabriel dem Propheten kundtat, daß diese Verse vom Satan stammten, seien sie entfernt worden. Die Legende von diesen Versen - die den Hintergrund von Salman Rushdies umstrittenen Roman bildeten - wird auch heute noch kontrovers diskutiert. Die meisten muslimischen Gelehrten streiten diese Geschichte als erfunden ab. Manche westliche Islamwissenschaftler aber neigen dazu, sie für wahr zu halten. Sie wäre dann ein Zeugnis dafür, daß Mohammed die Mekkaner durch Schmeicheleien für ihre drei Göttnnen schneller von der Großmut Allahs überzeugte (Spiegel Nr.52, 22.12.07, 'Der Koran').

Hinzugefügt habe ich das Bild einer Statue der Athena aus dem Allat-Tempel von Palmyra und das Bild einer Plakette, die Allat auf einem Kamel zeigt.

Quellen:
- Spiegel Nr.52, 22.12.07, 'Der Koran'
- Wellhausen, Julius: Reste arabischen Heidentums, DeGruyter Verlag.
Berlin, Leipzig. 2. Ausgabe 1927.
- Salman Rushdie, Die Satanischen Verse
- http://de.wikipedia.org/wiki/Altarabische_Gottheiten
- http://www.indigogroup.co.uk/edge/blston2.htm
- http://hindustan.org/forum/archive/inde ... -2955.html
- http://www.nabataea.net/gods.html Das Nabatäische Pantheon
- http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Lat
- http://en.wikipedia.org/wiki/Allat
- http://www.muslim.org/islam/allah.htm

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » Do 17.01.08 15:17

Die Flucht des Aeneas aus Troja

Natürlich gehört die Geschichte von Aenas' Flucht aus dem brennenden Troja in diesen Thread. Aber ich mußte lange auf eine geeignete Münze warten, um dieses Thema zu bearbeiten. Ich wollte nämlich dazu nicht den Denar des Caesar nehmen, den alle kennen. Nun ist es mir gelungen, diese phantastische Münze in meine Sammlung einzureihen.

Troas, Ilion, pseudo-autonom, ca. 79-96 (Zeit der Flavier)
AE - (Orichalcum-)Semis, 6.86g, 19mm
Av.: Büste der Athena, in Kriegskleidung, mit korinthischem Helm, Aegis auf der Brust, Speer über der re Schulter, davor eine sich nach oben schlängelnde Schlange (von der Aegis?)
darunter ILI
alles im Punktkreis
Rv.: Aineias, bärtig, barhäuptig, in kurzer Kriegskleidung und in Stiefeln, n.r. gehend, n.l. blickend, führt seinen Sohn Askanios, in kurzem Chiton und zu ihm aufblickend, mit der re Hand und trägt im li Arm seinen Vater Anchises, bärtig, den Kopf verhüllt und nach vorne blickend.
im Punktkreis
Ref.: Bellinger T129; von Fritze 28; RPC II, 895; SNG Copenhagen 368; SNG von Aulock 154; BMC 20
Selten, SS, natürliche Orichalcumoberfläche, leichte Rauhigkeit
Pedigree:
ex Künker Auktion 133, Lot 8140 (dortige Beschreibung: Schlange windet sich um den Speer!)

Zu dieser Münze:
Da es auf dieser Münze keine Referenz zu einem Kaiser gibt, kann es sein, daß der ganze Gewinn aus dieser Prägung der Stadt überlassen wurde.
Von Fritze weist dieses Stück, dem ersten seit Augustus, aufgrund des Stiles der Flavischen Periode zu. Das scheint richtig zu sein; nur würde ich anmerken, daß eher Titus oder Domitian dieses neue Experiment gemacht haben könnten, als daß Vespasian erlaubt hätte, einen städtischen Semis auszugeben, der eine Konkurrenz zu seinen eigen Nominalen gewesen wäre. Ich würde deshalb vorziehen, ihn seinen Söhnen zuzuschreiben.
Die Darstellung des Aineias, der den Anchises trägt, erschien zuerst auf einer Tetradrachme des 6.Jh.aus Aineia in Makedonien und es heißt, "daß sie oft auf griechischen Denkmälern vorkäme", aber augenscheinlich haben solche entfernten Beispiele die Prägung unter Augustus wahrscheinlich nicht beeinflußt. Ein viel wahrscheinlicherer Vorgänger ist der Denar, den Julius Caesar um 48 v.Chr. im im Osten prägen ließ. Die Haltung der Figuren ist dieselbe, obwohl das Palladium nicht erscheint. Es ist nicht unmöglich, daß ein Exemplar in die Hand des Stempelschneiders geriet, der die Beziehung zu seiner Stadt und zu Augustus erkannte, dessen Adoption in die gens Julia ihm das Recht gab, Aeneas zu seinen Vorfahren zu erklären (Bellinger, Troy).
Die Stadt Ilium war von Augustus an der Stelle der legendären Stadt Troja gegründet worden. Aineias ist lat. Aeneas.

Anchises:
Anchises war König von Dardania in der Troas, Sohn des Kapys und der Themiste (Tochter des Ilion), Bruder des Lakoon, Vater der Hippodameia und des Aineias, des Sohns der Aphrodite. Anchises war berühmt wegen seine Schönheit, sodaß Zeus Aphrodite in Liebe zu ihm hatte entbrennen lassen. Als er einmal auf dem Idagebirge seine Rinder hütete - das war damals auch bei Köngen noch üblich! - erschien sie ihm als Kythereia in der Gestalt einer phrygischen Hirtin erschienen. Infolge dieser Liebesbegegnung gebar Aphrodite ihm den Aineias, verbot ihm aber, darüber zu erzählen, weil er nur ein Sterblicher war. Bekannt von Anchises ist noch, daß er heimlich sechs Füllen von den Pferden stahl, die Zeus dem Laomedon als Ersatz für den geraubten Ganymed gegeben hatte. Zwei dieser Schlachtrosse gab er später dem Aineais für seinen Streitwagen. Lange behielt Anchises das Geheimis für sich. Aber dann übertrat er Im Rausch dieses Verbot und voller Stolz erzählte er alles seinen Trinkkumpanen. Dafür wollte ihn Zeus durch seinen Blitz töten. Aber Aphrodite, die ihn immer noch liebte, lenkte den Blitz ab, sodaß er nur gelähmt (oder nach anderen geblendet) wurde. Wegen dieses Liebesthemas gehört die Mythe von Anchises und Aphrodite in den Umkreis der Mythologie der kleinasiatischen 'Großen Mutter'.

Aineias:
Seine Mutter Aphrodite bat Zeus, ihren Vater, dem Aineias Unsterblichkeit zu verleihen. Als Zeus damit einverstanden war, wusch ihm der Flußgott Numicius alle sterblichen Anteile hinweg, und Aphrodite machte ihn durch die Gabe von Nektar und Ambrosia zu einem Gott, den die Menschen später unter dem Namen Indiges verehrten (Vergil, Aeneis). Als Anführer der Dardaner kam er im trojanischen Krieg den Trojanern zu Hilfe. Apollo drängte ihn zu einem Zweikampf mit Achilles. Als er nahezu besiegt war, wurde er durch Poseidon gerettet. Dieser erklärte den Göttern: "Sogar Zeus wird zornig sein, wenn Achilles Aeneas tötet, dem trotz allem bestimmt ist, zu überleben und das Haus des Dardanos vor der Vernichtung zu bewahren. Der Linie des Priamos hat Zeus seine Gunst entzogen, und nun soll Aeneas König von Troja sein, und ihm sollen seine Kinder und Kindeskinder folgen für alle künftigen Zeiten." (Homer, Ilias 20, 300). Er wurde von Diomedes verwundet und von seiner Mutter Aphrodite gerettet. Diomedes griff darauf beide an, auch die Göttin, und Apollo rettete beide, indem er sie in senen Tempel in Pergamon entführte. Nach seiner Gesundung führte Apollo ihn wieder in den Krieg vor Troja zurück. Neben Hektor war er der größte Held der Trojaner.
Von der Flucht aus Troja gibt es verschiedene Versionen. So sollen die Griechen den freien Trojanern erlaubt haben, die brennende Stadt zu verlassen, und dabei das ihnen wichtigste mitzunehmen. Da wollte Aineias mit dem Palladium im Arm aus Troja fliehen. Als die Griechen seine Frömmigkeit sahen, erlaubten sie ihm, etwas zweites mitzunehmen. Aineias nahm jetzt zusätzlich seinen alten blinden Vater auf die Schulter. Das rührte die Griechen so sehr, daß sie erlaubten, seine ganze Familie mitzunehmen. In einer anderen Version hatte der Geist des toten Helden Hektors ihn vor dem Fall Trojas gewarnt, so daß er rechtzeitig aus der brennenden Stadt fliehen konnte, seinen blinden Vater dabei auf dem Rücken tragend. Mit ihm fliehen konnte auch sein Sohn Askanios, während seine Frau Krëusa (eine Tochter des trojanischen Königs Priamos) von den Griechen erschlagen wurde.
Nach seiner Flucht wurde er der Führer der überlebenden Trojaner. Zunächst fuhren sie nach Thrakien, wo er die Stadt Aineia gründete. Das Palladium aber gelangte nach langen Irrfahrten endlich nach Rom, und wurde dort zum Pfand des römischen Glücks.
Die Münze zeigt diese berühmte Szene. Allerdings findet sich das Palladium hier nicht. Grundsätzlich gehört aber alles, was nach der Flucht geschah, zur römischen Mythologie.

Askanios:
Homer kannte noch keinen Sohn des Aineias. Er ist also eine Figur der nach-homerischen Überlieferung. Er erscheint als Sohn des Priamos(!) bei Apollodor, im epischen Kyklos als Sohn des Aineias und der Eurydike. Erst bei Vergil und Livius ist er der Sohn des Aeneas und der Kreusa. Nach dem Fall von Troja herrscht er eine Zeitlang über die Daskyliten an der Propontis, bis er als Nachfolger seines Vaters auf die Ida oder nach Skepsis kommt. Seinen alten Namen Euryleon legt er dann ab. Sein römischer Name ist Ilus oder Iulus. So gelangte er zusammen mit Aeneas nach Italien und wird nach dem Tod (oder der Himmelfahrt!) seines Vaters dessen Nachfolger in Latium und damit zum Ahnherrn der gens Julia. Er gründete Alba Longa (Vergil, Aeneis). Caesar als Julier führte sich auf ihn zurück, und dann über Aeneas auf Aphrodite, die römische Venus. Die erste römische Darstellung der Flucht des Aeneas mit Anchises und Askanios findet sich deshalb auf dem berühmten Denar des Caesars, Crawford 458.

Hier ist eine Liste der Münzen, auf denen diese Szene abgebildet ist:
(1) Aineia, semi-autonom, Moushmov 6245
(2) Caesar, Denar, 47/6 n.Chr., Crawford 458
(3) Octavian, Aureus, Crawford 494
(4) Augustus, Segesta/Sizilien, 2 Typen: mit Kopf des Augustus, mit Kopf der Segesta
(5) Ilion, semi-autonom, Zeit der Flavier, Bellinger T129
(6) Hadrian, Semis, Ilion, Bellinger T134
(7) Marcus Aurelius, Ilion, Belinger T148
(8) Faustina, Skepsis
(9) Commodus(?), Mitte 180 n.Chr., Patrae, BMC 44
(10) Commodus, Corinth
(11) Mamaea, Skepsis, BMC 38

Quellen:
Homer, Ilias
Homerische Hymnen an Aphrodite
Vergil, Aeneis
Benjamin Hederich, Gründliche griechische Mythologie
Der Kleine Pauly
Bellinger, Troy the Coins
Wikipedia

Hinzugefügt habe ich
(1) ein Bild der Tetradachme aus Aineia, und
(2) das Bild eines attischen schwarz-figurigen Vorratsgefäßes mit Aineias und Anchises, das der Leagros Gruppe zugeschrieben wird (ca. 510 v.Chr.). Es befindet sich heute in der Getty Villa in Malibu.

Mit freundlichem Gruß
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ilion_BellingerT129.jpg
aineia_Moushmov_pl.XLVIII_19.jpg
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Zuletzt geändert von Peter43 am Sa 02.02.08 20:19, insgesamt 4-mal geändert.
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