Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Beitragvon Peter43 » Mi 05.08.09 17:50

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Beitragvon beachcomber » Mi 05.08.09 18:00

ich kann noch eine sphinx-darstellung auf einer iberischen münze nachliefern.ein as aus castulo.
grüsse
frank
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Beitragvon Peter43 » So 30.08.09 14:20

Derketo und Triton(?)

Ich habe mit diesem Beitrag lange gezögert, weil ich mir nicht klar war, ob meine Schlußfolgerungen richtig sind. Aber nach längeren Recherchen glaube ich, daß sie plausibel sind. Und was kann man auf diesem Gebiet mehr erwarten?

Palaestina, Askalon, Antoninus Pius, 138-161
AE 27, 16.52g, 26.81mm
geprägt 156/57 (Jahr 260 der Ära von Askalon)
Av.: ANTWNINOC - SEBASTOS
Kopf, belorbeert, n.r.
Rv.: ACKA[LWN] - ZC (= Jahr 260)
Derketo in langem Gewand, Gewandbausch über dem li Arm, [Mondsichel auf
dem Kopf,] steht frontal, Kopf n.l.(?), hält Langszepter in der li Hand und Taube
auf der ausgestreckten re Hand; zu ihren Füßen Triton in mehreren Windungen
n.l. schwimmend, mit beide Händen Cornucopiae vor sich her haltend.
Ref.: BMC Palestine, S.130, 197; Rosenberger 184 var. (anderes Datum); SNG ANS
723 var. (anderes Datum)
fast SS, braune Patina, leichte Rauhigkeit
Pedigree:
ex CNG electronic auction 168, lot 197
ex coll. J.S.Wagner
Anm.: Dieses Motiv gibt es auch für Severus, Diadumenian und Elagabal
CNG schreibt dazu:
Der Triton und die Taube lassen vermuten, daß es sich bei der Hauptfigur um Derketo handelt, eine phönikische Fruchtbarkeitsgöttin mit Beziehungen sowohl zu Astarte als auch Aphrodite, was beweist, daß es einen ungebrochenen Synkretismus bis in die Kaiserzeit gab.

Den Namen Derketo hatten wir übrigens bereits einmal erwähnt im Beitrag über Atargatis in diesem Thread.

(1) Derketo
Derketo soll eine Fürstin aus dem ältesten Adelsgeschlecht der Assyrer gewesen sein, die später göttlich verehrt wurde. Als sie einmal die Aphrodite beleidigt hatte, wurde sie von ihr mit einer leidenschaftlichen Liebe zu einem jungen Syrer bestraft. Als sie von ihm mit ihrer Tochter Semiramis schwanger war, habe sie ihn aus Scham getötet, ihre Tochter ausgesetzt, sich selbst aber in einen See bei Askalon gestürzt, wo sie in einen Fisch verwandelt worden sei. Als Semiramis gefunden wurde, wußte niemand woher sie kam. Aber ihre kostbaren Kleider ließen auf hohe Abkunft schließen, und daß sie mehrere Monate von Tauben genährt worden war, zeigte, daß sie sie die Gunst der Götter besaß. Daraufhin wurde sie die Tochter der Luft genannt. Es war die Semiramis, die durch das Weltwunder der Hängenden Gärten berühmt wurde. An der Stelle, an der Derketo im See untergegangen war, erbauten die Syrer ihr einen prächtigen Tempel; ihr Bild war das einer Jungfrau, die in einem Fischleib endete.

Derketo scheint mit Atargatis Eins zu sein. Auch mit Astarte. Der Unterschied ist der, daß Atargatis als Fischgöttin beschrieben wird, was bei Astarte nicht der Fall ist. Noch mehr ist dies der Fall bei Derketo, deren Name als Abweichung von Atargatis angesehen wird. Beide wurden als Frau mit Fischleib dargestellt. Der Hauptsitz ihrer Verehrung war Askalon. Später dichtete man hinzu, daß sie eine syrische Königin gewesen sei mit dem Namen Gatis. Da sie gerne Fische aß, habe sie befohlen, daß außer ihr niemand Fische essen dürfte, und so bedeute Atargatis eigentlich 'außer Gatis'. Eine typische Volksetymologie! Sie habe so streng geherrscht, daß man alle gefangenen Fische ihr bringen mußte, damit sie allein sie essen konnte. So haben später die Priester gekochte und gebratene Fische vor ihr Standbild gestellt und dann selbst aufgegessen. Tatsächlich aber wurde den Fischen göttliche Ehre erwiesen (Diod. Sic.)

Ihre Attribute sind neben dem Szepter der Fisch und die Taube.

(2) Triton
Auf dieser Münze ist Derketo zusammen mit einem Meerwesen dargestellt, das als Triton bezeichnet wird. Nach den meisten ist Triton der Sohn des Poseidon und der Amphitrite, nach anderen des Okeanos und der Thetis, aber auch der Sohn des Nereus.
Nach Hesiod lebte er mit seinen Eltern in einem goldenen Palast in den Tiefen des Meeres. Die Sage von den Argonauten plazierte ihn an die Küste Libyens. Als ihr Schiff, die Argo, an der Kleinen Syrte strandete, schleppte die Mannschaft ihr Schiff zum Tritonsee, von wo Triton, der Lokalgott, sie quer über die Wüste zum Mittelmeer zurückschleppte (Apoll. Rhod.). Er wird abgebildet als ein Mensch bis zu den Hüften mikt einem Fischschwanz. Sein Hauptattribut war das gewundene Gehäuse einer Meeresschnecke, die nach ihm ihm Tritonshorn heißt, aber manchmal auch der Dreizack des Poseidon oder ein Schild. Er war der Trompeter des Neptun und konnte durch den Ton aus seinem Horn die Meereswogen aufwühlen oder wieder beruhigen. Der Ton aus seinem Muschelhorn war so furchtbar, daß es die Giganten in die Flucht jagte, als sie die Götter angreifen wollten. Dies war sein ganzer Stolz. Als Misenos, der Trompeter des Aeneas, ihn einmal zu einem Blaswettbewerb herausforderte, habe er ihn aus Eifersucht ins Meer geworfen. Es heißt, daß Poseidon ihm die Amymone zugeführt habe.

Triton war wohl auch derjenige, der nach einer Sage aus Böotien auf das Vieh lauerte, das an das Ufer zum Trinken kam, und es raubte, zuweilen auch die kleinen Fischerboote angrifff. Deshalb setzte man ihm ein Gefäß voll Wein hin, das ihn schnell anlockte. Als er davon getrunken hatte, fiel er zum Schlafen am Ufer nieder, wo ihm mit einem Beil der Kopf abgeschlagen wurde. Dies ereignete sich bei Tanagra (Pausan. Boeot.).

Im Laufe der Zeit wurde Triton zum Namen eine ganzen Klasse von Individuen, wie es auch mit Pan oder Silen geschehen war. Weibliche und männliche Tritonen wurden in der Mehrzahl erwähnt und waren gewöhnlich die Begleiter von Meeresgottheiten.

Wahrscheinlich stammt die Vorstellung des Triton von den phönikischen Fischgottheiten.

Während meiner Recherchen kamen mir immer mehr Zweifel, ob es sich hier auf der Münze von Askalon tatsächlich um Triton handelt. Ich konnte nämlich nirgends finden, daß ein Cornucopiae zu seinen Attributen gehört. Und da ich nicht an die Beliebigkeit der Attribute glaube, ging ich auf die Suche nach einer anderen, glaubwürdigeren Erklärung. Und ich glaube, daß ich fündig geworden bin: Es handelt sich tatsächlich um Dagon!

(3) Dagon
Dagon war ein bedeutender nordwest-semitischer Gott, der Gott des Getreides und des Ackerbaus, der von den frühen Amoritern, dem Volk von Ebla und von Ugarit verehrt wurde und war wahrscheinlich der Hauptgott der Phöniker. Er ist identisch mit Marnas, welches sein griechischer Name ist (siehe den Artikel über Marnas in diesem Thread!). Wir finden ihn erwähnt im Alten Testament z.B. 1. Sam. 5, 1, fgg.; Richter 16, 23. Da das Wort Dag im Hebräischen Fisch heisst, so ist Dagon ohne Zweifel teilweise in Fischgestalt dargestellt gewesen, und gesellt sich so zu Atargatis oder Derketo, und kann neben jenem weiblichen ein männliches Princip des Lebens und der unendlichen Fortpflanzung gewesen sein. Übrigens hatte Atargatis einen Sohn namens Ichthys (= Fisch), der ebenfalls in diesen Zusammenhang gehört.

Leider ist die Etymologie nicht ganz so klar. Während wie gesagt eine Theorie den Namen ableitet vom Hebräischen dag, was 'Fisch' bedeutet, hat eine andere Theorie ihren Ursprung im Ugaritischen dgn 'Getreide', ebenso im Hebräischen. Philo Bybl. nennt ihn deshalb Siton als Erfinder des Getreides und des Pflugs und setzt ihn gleich mit Zeus Arotrios (= Pfüger).

Sein Name erscheint zuerst 2500 v.Chr. in den Maritexten und in Personennamen der Amoriter, bei den El, Dagan und Adad sehr häufig vorkommen. In Ebla war Dagan das Haupt der Stadtpantheons und umfaßte 200 verschiedene Gottheiten. Seine Gefährtin hieß einfach 'Herrin'. In Ebla war ein ganzes Stadtviertel nach ihm benannt.

Eine interessanter Hinweis auf Dagan findet sich in einem Brief des Itur-Asduu an König Zimri-Lim von Mari, 18.Jh.v.Chr. Er bezieht sich auf einen Traum eines Mannes von Shaka. In diesem Traum tadelte Dagan Zimri-Lims erfolglosen Versuch, den König der Yaminiten zu unterwerfen, und daß Zimri-Lim den Bericht über seine Taten nicht dem Dagan in Terqa überbracht habe. Dagan habe versprochen, wenn Zimri-Lim dies getan hätte: "Ich hätte die Könige der Yaminiten im Speichel der Fischer gekocht und sie ihm zu Füßen gelegt."

Um 1300 v.Chr. hatte Dagon in Ugarit einen großen Tempel und war im Pantheon der Götter als Dritter aufgeführt nach einem Vatergott und El, aber vor Ba'al (= Hadad/Adad). Hier gibt es auch Ansätze einer Mythologie: Er sei der Sohn des Uranos und der Ge gewesen, Bruder des El/Kronos, des Baitylos und des Atlas. Von Kronos erhält er nach der Überwältigung des Uranos eine der Nebenfrauen seines Vaters, welche, noch vor dessen Kastration von ihm schwanger, ihm den Hadad gebiert. Danach war er der Stiefvater des Hadad. Sonst ist keine weitere Mythologie bekannt.

In frühen sumerischen Texten wird Dagan nur gelegentlich erwähnt, wird aber in Akkad zu einem mächtigen Beschützer. Hammurapi nennt sich selbst "den Unterwerfer der Siedlungen entlang des Euphrats mit der Hilfe von Dagan, seinem Schöpfer." In einem assyrischen Gedicht erscheint Dagan als Richter über die Toten. In einem späten babylonischen Text wird er der Wächter der Unterwelt genannt.

Das Fischgott-Motiv ist in assyrischer und phoenikischer Kunst gefunden worden einschließlich von Münzen aus Ashdod und Arvad. So scheint es sinnvoll zu sein für ein Küstenvolk, wie es die Phönikier waren, ihn sich in dieser Gestalt vorzustellen. Als Meeresungeheuer erscheint Dagon auch im 1. Buch von John Miltons 'Verlorenem Paradies'.
Jedoch gibt es bisher keine direkten Funde, die diese Interpretation beweisen, allerdings auch keine, die sie widerlegen.

So wird der 'Triton' auf der Rs. eine Reminiszenz an Dagon, den Begleiter der Derketo, sein, dessen Abbildung natürlich von griechischen Vorstellungen beeinflußt ist.

Hinzugefügt habe ich ein Bild des Tritonenbrunnen, erschaffen von Gian Lorenzo Bernini 1643, auf der Piazza Barberini in Rom. Auf vier Delphinen erhebt sich der bärtige Triton und speit aus seinem Muschelhorn eine Wasserfontäne in die Luft.

Quellen:
Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
W.H.Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie (online)
Wihelm Vollmer, Lexikon der Mythologie (online)
Der kleine Pauly
http://en.wikipedia.org/wiki/Atargatis
http://www.geocities.com/SoHo/Lofts/293 ... intro.html
http://www.theoi.com/Pontios/Triton.html
http://www.bible-history.com/past/dagon.html
http://www.pantheon.org/articles/d/dagon2.html

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » So 30.08.09 14:24

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Beitragvon loron » Di 01.09.09 23:06

Hallo Peter43,
in deinem Beitrag zur Amaltheia schreibst du bzgl. Aigeai "Obwohl einiges noch an dieser Münze unklar ist, zeigt sie jedoch Hadrians Toleranz gegenüber der griechischen Sitte des Wortspiels mit Städtenamen."
Mit dieser Rückseitendarstellung, die sich in eine Serie von Patria-Mythen der Stadt (Perseus, Alexander, Athena) einreiht, gibt sich Aigeai als eine Zeusgeburtsstätte, als Ort einer Epiphanie, zu erkennen. Das Wortspiel macht natürlich einen besonderen Reiz aus. Aber unklar...?
----------------------------
Ich komme auch mit geringen Dosen guter Laune durch den Tag.
loron
 
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Beitragvon Peter43 » Di 01.09.09 23:19

Hallo Loron!

Als ich den Artikel schrieb, war es noch unklar, ob es sich um eine Tetradrachme oder eine Tridrachme handelte. So fehlte eine genaue Erklärung für den Münztyp.

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Submuntorium » Do 03.09.09 11:24

Hallo Loron,nur eine kurze Frage:
Rührt dein Benutzername von einer Siedlung in der nähe des heutigen Cervar-Porat an der West-Küste Istriens her?
viele grüße,
Submuntorium
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Beitragvon loron » Fr 04.09.09 00:32

Nö, wenn es nach mir ginge, hieße ich auch Priapos. Aber den Namen kann man leider nicht ändern!
loron
 
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Beitragvon Peter43 » Fr 11.09.09 14:49

Juno Martialis

Eine der seltsamsten Münztypen findet sich bei Trebonianus Gallus und seinem Sohn Volusian. Es ist die Type mit der Legende IVNO MARTIALIS. Diese Legende gab es weder vor ihm noch jemals wieder nach ihm. Ich muß gestehen, daß auch ich das Rätsel um diese Legende nicht werde lösen können, aber ich möchte hier zusammenstellen, was man sich bis heute dazu gedacht hat. Eigenartigerweise stammen diese Arbeiten alle aus dem 19.Jh. Ich habe jedenfalls keine neueren finden können. Aber ich bringe auch einige Überlegungen, die mir neu zu sein scheinen. Ich hoffe, daß ihr euch dann ein Bild davon machen könnt, worum es überhaupt geht. Doch zunächst 3 Beispiele dieser merkwürdigen Münzen:

#1
Trebonianus Gallus, 251-253
AR - Antoninian, 3.53g, 20.70mm
Antiochia, 251-253
Av.: IMP CC VIB TREB GALLVS AVG
Büste, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone, n.r.
unter der Büste 4 Punkte
Rv.: IVNO MARTIALIS
Juno in langem Gewand n.l. thronend, hält im li Arm Langszepter und in der re Hand
Getreideähren(?)
im Abschnitt 3 Punkte
Ref.: RIC V/1, (Antiochia) 83, pl.13, 18; C.47
S!, SS+, leicht getönt

#2
Trebonianus Gallus, 251-253
AR - Antoninian, 3.19g, 23.24mm
Mediolanum, 251-253
Av.: IMP CC VIB TREB GALLVS AVG
Büste, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone, n.r.
Rv.: IVNO MARTIALIS
Juno in langem Gewand n.l. thronend, hält im li Arm Langszepter und in der re Hand
Getreideähren(?)
Ref.: RIC V/1, (Mediolanum) 69, pl.13, 15; C.46
fast SS/S+, leicht getönt, feiner Schrötlingsriß bei 2h, Rs. schwach geprägt wie üblich

#3
Trebonianus Gallus, 251-253
AR - Antoninian, 2.95g, 22.53mm
Mediolanum, 251-253
Av.: IMP CC VIB TREB GALLVS AVG
Büste, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone, n.r.
Rv.: IVNO MARTIALIS
Juno in langem Gewand n.l. thronend, hält im li Arm Langszepter und in der re Hand
Getreideähren(?)
Ref.: RIC V/1, (Mediolanum) 69, pl.13, 15; C.46
fast SS/S+, leicht getönt, Schrötlingsschaden auf der Rs. bei 6h

(1) Zum Attribut:

Getreideähren
Die übliche Beschreibung des Objekts in der re Hand der Juno heißt 'Getreideähren', im RIC immerhin korrekterweise mit einem Fragezeichen versehen. Pichler schreibt: Soviel mir an Originalen ersichtlich geworden, ist selbst aus minder erhaltenen Stücken deutlich: für einzelne Ähren ist die Ausarbeitung zu massiv, das Attribut ist nach abwärts gehalten; es ist oben breiter, unten dünner und sieht an sich aus wie ein etwas aufgedrehter Zirkel von Handlänge. Die Ähren auf anderen Exemplaren sollen übrigens nicht geleugnet werden.

Wir haben also Münzen vor uns, bei denen das Objekt aussieht wie Ähren, z.B. Münze #1 aus Antiochia, und andere, bei denen es eher wie eine Zange aussieht, z.B. Münze #2 und Münze #3 aus Mailand. Nun kommen die Münzen mit den Getreideähren typischerweise aus Antiochia, während die aus Mailand die charakteristisch andere Form aufweisen. Da das Standbild der Juno Martialis in Rom stand, sollten doch die Stempelschneider in Mailand besser Bescheid gewußt haben. Der Einwand, daß es eigentlich Getreideähren sind und daß die Stempelschneider bei den anders aussehenden Münzen den Sinn nicht mehr erkannt hätten, ist nicht überzeugend. Denn Getreideähren wurden überall auf Münzen dargestellt. Was soll da mißzuverstehen sein? Dieser Einwand richtet sich also tatsächlich gegen die Auffassung von den Getreideähren. Wenn die Stempelschneider etwas mißverstehen konnten, dann war es die ungewöhnliche Abbildung einer Zange, einer Schere oder eines Doppelmessers, die dann in Unkenntnis als Ähren dargestellt wurden. Ikonographisch kommen Getreideähren vor bei Ceres, Annona, Tellus und Ops. Und schaut man sich die dort abgebildeten Getreideähren an, dann sieht man sofort die Unterschiede.

Ein weiteres Argument gegen die Getreideährenhypothese ist das Epitheton 'Martialis', was 'kriegerisch' heißt, jedenfalls eine Beziehung zu Mars herstellt. Da muß es einen doch stutzig machen, daß diese kriegerische Juno Getreideähren in der Hand halten soll, was nun wirklich nicht kriegerisch ist. Ich jedenfalls halte das nicht für überzeugend. Kurz gesagt: Getreideähren sind obsolet!

Also bin ich auf die Suche gegangen. Im ersten Teil werde ich die verschiedenen Deutungen aufführen und kommentieren. Beginnen will ich mit der ältesten bekannten Beschreibung dieses Typs. Sie stammt von dem großen Archäologen Johannes Joachim Winckelmann:

Winckelmann: Zange, Anspielung auf militärische Operation
Winckelmann (1717-1768) war der Oberaufseher der antiken Monumente in Rom und der eigentliche Begründer der Archäologie. Er schreibt über einen Fund: 'Unter den Göttinnen ist besonders eine Juno auf dem angeführten etrurischen Altare in der Villa Borghese zu merken, welche mit beiden Händen eine große Zange hält, und so wurde dieselbe auch von den Griechen vorgestellt. Dieses war die Juno Martialis, und die Zange deutete vermutlich auf eine besondere Art von Schlachtordnung im Angriffe, welche Zange forceps hieß, und man sagte, nach Art einer Zange fechten, forcipe et serra proeliari, wenn ein Heer im Fechten sich also teilte, daß es den Feind in der Mitte faßte und eben diese Öffnung machen konnte, wenn es vorwärts im Gefechte begriffen, im Rücken sollte angefallen werden.'
Dagegen hat Visconti (Mus. Pio-Clem. t.6.p.6. et 85.) bereits festgestellt, daß diese Figur mit der Zange in der Hand ursprünglich Vulcan gewesen ist, der das Oberteil verloren hat und nur durch eine unverständige Ergänzung zur weiblichen Gottheit geworden ist.

Roscher: Hebammenzange
Roscher, in seinem monumentalen Werk, denkt daran, daß Iuno Martialis wie die Iuno Lucina oder die griechische Eileithyia eine Entbindungsgöttin gewesen sein kann, falls das Attribut, das sie in der Rechten führt (wie bei dem alten Herabild in Argos) mit Sicherheit als Hebammenschere nachgewiesen werden kann. Dieses Bild soll in Argos gestanden haben, aber Pausanias hat es nicht mehr gesehen. Diese Erklärung scheint mir jedoch abwegig zu sein, weil sie nicht zu dem Epithet Martialis paßt, also zu wenig kriegerisch ist.

Visconti: Büschel Kräuter
G.B.Visconti (1722-1784), der Nachfolger Winckelmanns als Oberaufseher über die antiken Monumente in Rom, erklärt zweimal, wo er von dem dreiseitigen Borghesischen Altar spricht, den Winckelmann beschrieben hat (im Museo Pio-Clementino T.VI.p.86 und in den Monumenti Gabini p.215), diese Schere für ein Büschel Kräuter (groppo d'erbe). Einer alten Sage nach soll Juno einst den Mars geboren haben allein durch deren Berührung, weshalb sie dann Martialis genannt worden sei. Nach allgemeiner Auffassung waren die Eltern des Mars Jupiter und Juno (Hesiod Theog.v.921. Apollod). Jedoch sagen auch einige, es habe ihn Juno allein, ohne Jupiters Zutun, geboren, indem sie diesem nicht nachstehen wollte, als er die Minerva allein aus seinem Kopfe hervorgebracht. Er sei also bloß durch die Berührung einer Blume empfangen worden, die ihr die Göttin Flora dargereicht habe (Ovid. Fast. V.v.229). Diese Fabel aber ist relativ neu und soll nur von den lateinischen Dichtern herrühren (Hederich). Wird heute aber natürlich von Feministinnen kolportiert!

Lenormant: Die Schere der Parzen
Lenormant (nouv. gal. mythol. 76, Erklärung zu Taf. 10, 13, 14) deutet die Schere als Parzenzeichen wie das Schermesser des lysippischen Kairos. Es gibt nun auch tatsächlich noch Münzen aus Mediolanum, auf denen Juno ein Objekt aus 3 Teilen hält. So könnte jede der Parzen damit gemeint sein. Trebonianus habe das Kriegsglück nötig gehabt, führt Lenormant aus, und da wäre eine gute Beziehung zu den Parzen schon wichtig gewesen. William Henry Smith, der diese Interpretation anführt, meint jedoch, daß ihm in diesem Sinne die Parzenschere ein allzuwenig aktives Attribut sei.

Pichler: Die Schere als kriegerisches Instrument
Pichler sieht die Schere kriegerischer: Er erinnert daran, daß die Schere, forfex, nicht nur ein friedliches Hausgerät bedeuten muß. Es gibt zwar Darstellungen von Scheren auf Gemmen und auf Gemälden z.B. in Pompeji, wo sie zum Blumenschneiden benutzt wird, doch, wie gesagt, nicht dieses friedliche Gerät kann hier gemeint sein. Die Forfex in der Rechten der Göttin kann nicht eine Forficula genannt werden; denn im Verhältnis zur Figur ist sie mindestens von Handlänge, wenn nicht von Armlänge. Die Spitzen dürften stets in Winkelrichtung auseinandergehen.
So ist jene Form des V angedeutet, in welcher aufgestellt ein Truppenteil forfex heisst. Ausführlich schreibt darüber Flav. Renatus Vegetius (epit. inst, rei militar. III, 18), ein römischer Militärschriftsteller aus späterer Zeit. Diese militärische Stellung hat den Zweck, den Feind, wenn er in Form des cuneus anrückt, von beiden Seiten in die Flanke zu nehmen. Ob Trebonianus tatsächliche eine solche Taktik angewendet hat, kann nicht bewiesen werden. Immerhin war sie um 375 noch eine bekannte Sache.
Diese Interpretation kommt der von Winckelmann sehr nahe.

Eckhel: Haarschere
Der große Eckhel war der erste, der in dem Attribut eine Haarschere erkannte und diese Meinung mit gelehrten Zitaten verteidigte und aufrechthielt: "At vero iterum aio nummos huius argumenti copiosos, et nitidissimos musei Caesarei certam nobis forficulam offerre." Die Vorgeschichte ist diese: Nach der Eudocia Violarium des Villoison wird erzählt daß sich im Tempel der argivischen Juno ein Bild mit einer Schere befunden habe. Dies sei ein Zeichen der Reinlichkeit gewesen, weil man mit der Schere die Haare abschneide und dadurch die Reinlichkeit des Körpers befördere. Dasselbe sagt Suidas von Hera, und auch Codinus in seiner Beschreibung von Constantinopel (p.44.ed.Lugd). Es ist merkwürdig, daß, als unter dem Kaiser Trebonianus und seinem Sohn Volusian im Jahr 251 eine große Pest die Provinzen verheerte, man diesen uralten Typus der argivischen Juno vorgesucht und auf Münzen häufig abgebildet hat, eindeutig, um darauf hinzuweisen, daß durch Reinlichkeitsmaßnahmen die Seuche bekämpft werden könne. Die gewöhnlich in einem runden Tempelchen thronende, oder auch ohne Tempel vorgestellte Juno (wie in Tristan's Commentaires historiques T.II.p.668) hält in der linken Hand ihr Szepter und in der rechten eine Schere oder vielmehr ein Doppelmesser, das diese Stelle vertritt, aber von vielen fälschlicherweise für eine doppelte Ähre gehalten worden ist. Allein so gewiß Winckelmann irrte, als er in der Figur des Vulkans auf jenem Altar die Juno mit der Zange zu erblicken glaubte (da es sich dort eindeutig um Vulkan mit der Zange handelte), so gewiß ist hier von jener Barbierschere die Rede, die bei mehreren griechischen Schriftstellern und in Anagrammen der Analekten vorkommt, deren man sich zum Schneiden der Haare und oft auch für den Bart statt des Schermessers bediente. Der griech. Dichter benutzt dafür den Begriff phalis. Nur ist der Ausdruck Schere selbst der Sache gar nicht angemessen. Es waren zwei Messer, die mit ihrer Schärfe zusammengingen (machairai kourides, Pollux II.32.X.140. s.Sabina, oder die Toilette einer Römerin Th.I. S.313.Th.II.S.60.f.).
Damals allegorisierte man allgemein nach der stoischen Sichtweise die Juno für die zwischen Himmel und Erde befindliche Luft, und in dieser entstehen ja alle Krankheitsmiasmen (Karl August Böttiger, Ideen zur Kunst-Mythologie, 1826). Damit kommen wir zu zwei neuen Begriffen, die ich hier kurz erläutern möchte, die 4-Elemente-Lehre und die Miasmentheorie.

Die 4-Elemente-Lehre
Die Lehre von den 4 Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft geht wohl auf den griechischen Naturphilosophen Empedokles zurück, Er führte die 4 Elemente als Götter ein und wies bereits die Luft der Hera zu. Diese Lehre wurde später weiterentwickelt, z.B. von Platon (Crat. 404c), Aristoteles und nicht zuletzt von den Stoikern. In Alexandria bekam sie durch die dort übliche enge Verbindung mit der Religion eine spirituelle Note und wurde dann zum Geheimwissen (Esoterik). Allgemein wird dabei Juno für die unterste dicke Luft, Jupiter für die oberste, dünnere, oder sie für den Aer, und Jupiter für den Äther gehalten (Phurnus. de N.D. c.3; Cicero de N.D. I.II.c.26). Die anagrammatische Beziehung springt in griechischen Buchstaben sofort ins Auge HPA - AHP.

Die Miasmentheorie
Diese Theorie, die auf Hippokrates von Kos, 460-375 v.Chr. zurückgeht, sagt, daß die Epidemien durch giftige Ausdünstungen entstehen, die aus dem Bodens entweichen, von der Luft fortgetragen werden und dadurch die Krankheiten verbreiten. Diese Theorie war noch bis ins 19.Jh. verbreitet, bis Robert Koch durch seine Reinkultur den Zusammenhang zwischen Cholerabakterium und Krankheit 1884 überzeugend nachwies. Man braucht sich jetzt aber nicht darüber lustig zu machen. Max von Pettenkofer z.B. war ein überzeugter Anhänger der Miasmentheorie und wollte Robert Koch widerlegen, indem er eine Reinkultur von Typhusbazillen schluckte, ohne zu erkranken. Heute wissen wir, daß er durch seine Tätigkeit als Pathologe immun geworden war. Trotzdem konnte er auch mit der Miasmentheorie erreichen, daß die Cholera-Pandemie von 1892 nicht auf München übergriff, indem er das Münchner Abwassersystem sanieren ließ, aus denen die Miasmen aus dem Boden kommen sollten.

Man sollte bei diesen Ausführungen bedenken, daß Böttiger seine Arbeit 1826 geschrieben hat, also lange vor der Entdeckung der Bakterien durch Pasteur oder dem Beweis durch Koch, daß es sich bei ihnen um die tatsächlichen Krankheitserreger handelte. Bis dahin war die Miasmentheorie weit verbreitet, und die Menschen hatten damals noch mehr Verständnis für diese Vorstellung, was für uns 'aufgeklärte' Menschen heute nur schwer zu verstehen ist.

Will man jedoch die Bedeutung dieser Abbildung richtig einschätzen und beurteilen, muß man wissen, in welcher Zeit sie entstanden ist. Gallus' kurze Regierungszeit wurde unaufhörlich von Katastrophen überschattet. Die schlimmste aber war eine schreckliche Pestepidemie, der auch sein Mitkaiser Hostilian, der Sohn des Decius, zum Opfer fiel, und die eineinhalb Jahrzehnte im gesamten Römischen Reich wütete und zu schweren Verlusten unter der Bevölkerung und in der Armee führte.

(2) Zum Namen:
Nun kommen wir zum Namen MARTIALIS, der uns ein weiteres Rätsel aufgibt. Wörtlich bedeutet martialis 'zu Mars gehörig' (Georges) oder 'dem Mars heilig' (Stowasser). Damit ist es nicht automatisch gleichbedeutend mit 'kriegerisch' wie unser 'martialisch', aber natürlich schwingt diese Bedeutung mit.
a. Die Beziehung zu Mars ergibt sich dadurch, daß Juno der Sage nach die Mutter des Mars ist. Festus bezeugt, daß Mars als Mars Gradivus, der Schlachtvorschreiter, dem Grase entsprungen sei. Das Gras sei dem Mars heilig, erwähnt Servius (ad Aen.XII, 119). Da dem Mars also das Gras heilig war, könnte das dafür sprechen, daß es sich bei dem unklaren Attribut der Juno um ein pflanzliches Objekt handeln könnte. Denkt man an die parthenogenetische Geburtssage mit Hilfe einer Blume, könnte Juno demnach hier für Fruchtbarkeit stehen.
b. Mit der Erklärung, daß Juno hier eine Göttin der Fruchtbarkeit sei, ist verwandt die Meinung, diese Münze sei zur Ehre der Baebiana geprägt worden, die zwar die Frau des Kaisers war, aber zugunsten der Herennia Etruscilla auf den Titel Augusta verzichten mußte. Ein Trostpflaster' sozusagen.
c. Eine andere Erklärung versteht unter Martialis einfach die 'Juno des März', weil ihr Fest am 7. März auf dem Marsfeld stattfand. Ich halte diese Erklärung für zu oberflächlich. Ich meine, daß die Juno Martialis für Trebonianus eine sehr bedeutende Rolle gespielt haben muß. Und das war die Pestepidemie, die das römische Reich im Kern bedrohte. Da ist die Anknüpfung dieser ihm so wichtigen Gottheit an ein bloßes Datum allein wirklich nichtssagend.
d. Dann gibt es die Behauptung, daß Juno Martialis gleichzusetzen ist mit der Juno Perusina, der Juno aus Perugia. Diese Stadt in Etrurien, eine der bedeutenden Städte des etrurischen Zwölf-Städte-Bundes, war die Heimatstadt des Trebonianus, der er viele Vergünstigungen zukommenließ. Von dort habe sie bereits Octavian nach Rom geholt, weshalb einige sie auch Iuno Perusina Martialis nennen würden. Das ist historisch gut möglich, hilft uns aber sowohl bei der Erklärung ihres Namens oder gar der Erklärung ihres Attributes in keiner Weise weiter. Übrigens gibt es auch die Meinung, daß ihre Verehrung bereits seit dem Raub der Sabinerinnen nachgewiesen werden kann.
e. Bleibt noch als letzte Erklärung die Bedeutung 'kriegerisch', wenn auch nur indirekt durch den Bezug auf Mars. Das hat meiner Meinung nach etwas für sich. Allerdings müßte dann das Objekt in ihrer Hand in irgendeiner Weise kriegerisch interpretiert werden. Mächtig im Kampf gegen die Pest, das würde zu der Interpretation passen, die ich persönlich bevorzuge. Denn daß die Iuno Martialis etwas mit der Pestepidemie zu tun hat, scheint offensichtlich zu sein.

Juno Martialis hatte - wie bereits erwähnt - am 7. März auf dem Marsfeld ihr Fest. Ihr Tempel aber stand nach Sext. Rufus auf dem Forum Romanum. Leider sind bis heute keine Überreste dieses Tempels gefunden worden, die etwas Licht auf unsere Sache werfen könnten.

Zusammenfassung
Das Resumee der meisten Wissenschaftlicher klingt resignierend. Eckhel schreibt: "Aber warum Juno in diesem Beispiell Martialis genannt wird, kann ich bis jetzt nicht befriedigend erklären." Overbeck (griech. Kunstmythologie 1873, Hera S. 155-157) hält es für besser „die Juno martialis, besonders ihrer wechselnden und unklaren Attribute wegen, als ein ungelöstes Rätsel anzuerkennen, zu dessen Lösung auch in der Zukunft bei der Isoliertheit der ganzen Erscheinung wenig Hoffnung ist." Doch auch wenn ohne neue archäologische oder epigraphische Funde wenig Hoffnung zur Lösung dieses Rätsels besteht, scheint doch der Zusammenhang mit den Zeitereignissen von Pest und Krieg den Machtvorstellungen über Juno und Mars am natürlichsten zu entsprechen. Sie wurde zusammen mit allen anderen olympischen Göttern angerufen, um die Pest, die das römische Reich heimgesucht hatte, aufzuhalten.

Hinzugefügt habe ich ein Bild aus dem 19.Jh., das eine Allegorie der Cholera ist. Das Bild ist heute in der National Library of Medicine, Washington/USA

Quellen:
- Pausanias, Buch I, Argos
- Cicero, De natura deorum
- Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
- Michael Grant, Die römischen Kaiser
online:
- Johann Joachim Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums,
- Karl August Böttiger, Ideen zur Kunst-Mythologie, 1826
- William Henry Smith, Descriptive catalogue of a cabinet of Roman imperial large-
brass medals, 1834
- S. W. Stevenson, A Dictionary of Roman Coins, 1889
- W.H.Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
- http://www.roman-emperors.org/trebgall.htm
- Dr. Fritz Pichler; Numismatische Zeitschrift, Band 5 (1873), Wien, S.92-101
- http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Joachim_Winckelmann
- http://www.dictionaryofarthistorians.org/viscontig.htm

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » Fr 11.09.09 14:52

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Beitragvon loron » Fr 11.09.09 14:52

Ein toller Beitrag! Vielen Dank.
----------------------------
Ich komme auch mit geringen Dosen guter Laune durch den Tag.
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Beitragvon Peter43 » So 11.10.09 17:45

Einige Bemerkungen zum Phoenix

Natürlich haben wir über den Phoenix schon mehrmals in unserem Forum gesprochen, insbesondere möchte ich da auf den Historischen Thread hinweisen, wo er auf S.2 behandelt wird. Aber einen grundsätzlichen mythologischen Artikel hatten wir bisher nicht und das möchte ich hier nachholen.

Die Münze:
Ägypten, Alexandria, Antoninus Pius, 138-161
AE - Tetradrachme, 11.44g, 22mm
geprägt 138/9 (Jahr 2)
Av.: [AV]T [KT AIL ADR] - [AN]TWN[INOC EVCEB]
Bloßer Kopf n.r.
Rv.: AI - WN
Phoenix mit Nimbus n.r. stehend
im li und re Feld L - B (Jahr 2)
Ref.: Milne 1603; Geissen 1291; cf. Dattari (Savio) 2430; K&G 25.2
Selten, S+, porös
Pedigree:
ex CNG electronic auction 219, Lot 386
ex coll. Jörg Möller
AIWN = Ewigkeit

Mythologie:
Der Ursprung der Mythologie vom Wundervogel Phoenix findet sich in Ägypten. Dort spielte der Vogel benu, ein purpurner Reiher, eine wichtige Rolle. Während der Nilschwemme setzte sich dieser wunderschöne blaue Vogel auf eine hohe Stelle und ähnelte mit seinen glänzenden Federn den Sonnenstrahlen, die sich im Wasser spiegelten. Deshalb wurde er mit Ra, dem Sonnengott, assoziiert, als dessen Seele er galt. Verehrt wurde er besonders in Heliopolis (der Sonnenstadt). Nach der heliopolitanischen Sage hat sich Benu selbst aus dem Feuer erschaffen, das auf dem heiligen jsd-Baum im geweihten Bezirk des Ra-Tempels brannte. Er hatte sich dann auf einer Säule niedergelassen, die bnbn-Stein hieß, und die von den Priestern den Besuchern als heiligster Ort der Welt gezeigt wurde. In einer anderen Mythe wurde der berühmte Vogel zu Osiris gestellt, der sich ja auch einmal selbst erneuert hatte. Benu sei seinem Herzen entsprungen.

Der Name Benu kommt wahrscheinlich von weben, was aufsteigen oder scheinen heißt. In der letzten Periode wurde die Hieroglyphe des Vogels für den Sonnengott direkt benutzt. Als Symbol des Auf- und Untergangs der Sonne war Benu auch der Herr des königlichen Thronjubiläums. Und natürlich stand er in Verbindung mit der Nilschwemme und der Schöpfung. Während der Flut allein auf einem einzelnen hohen Felsen stehend repräsentierte der Reiher das erste Leben, das auf dem Urhügel erschien, der sich als erste Schöpfung aus dem Chaos des Wassers erhob. Dieser Hügel hieß auch ben-ben, was der Schrei des Benus bei der Erschaffung der Welt war und damit den Beginn der Zeit markierte. So war Benu auch der Gott der Zeit und ihrer Unterteilungen, der Stunden, Tage, Nächte, Wochen und Jahre. Er war früh mit dem Kalender verbunden und der Tempel des Benu war berühmt für seine Zeitmeßgeräte (Klepshydrae, Wasseruhren) und sein Priester war für den Kalender verantwortlich.

Bei den Griechen wurde der Phoenix zum ersten Mal von Hesiod (ca. 700 v.Chr.) erwähnt, der seine Lebensdauer ins Ungeheure verlängerte: Er sollte 972 Menschenalter, 100000 Jahre, leben! Und dann gibt es die berühmte Beschreibung von Herodot (2, 73), der sich dabei wahrscheinlich auf Hekataios stützte: Da (in Ägypten) gibt es auch einen heiligen Vogel, der Phoenix genannt wird, den ich selbst aber nur auf Bildern gesehen habe, weil er nur sehr selten nach Ägypten kommt, in Abständen von 500 Jahren, wie die Leute von Heliopolis sagen. Sie erzählen, daß er immer dann kommt, wenn sein Vater stirbt. Und wenn er wirklich so aussieht wie auf den Bildern, dann hat er ungefähr die Größe und das Aussehen eines Adlers, außer daß einige seiner Federn golden und andere rot sind. Dieser Vogel, sagen sie (aber ich kann diese Geschichte nicht glauben), macht nun folgendes: Aus Arabien kommend trägt er seinen toten Vater bedeckt mit Myrrhe zum Sonnentempel, und begräbt ihn dort. Und das macht er so: Er formt ein Ei aus Myrrhe so groß, wie er es gerade tragen kann, und dann macht er einen Versuch es zu heben, und wenn das gelingt, höhlt er dieses Ei aus und legt seinen Vater da hinein und verschließt die Öffnung wieder. Dann bringt er das ganze nach Ägypten in den Tempel der Sonne in Heliopolis.

Erst spätere Quellen erzählen, daß der Phoenix sich selbst verbrennt und dann aus den Flammen neu geboren wird. Leider habe ich nicht herausbekommen, von wann diese Variation stammt. Jedenfalls ist es diese griechische Sage, die bis in unsere Zeit die am meisten verbreitete ist. In dieser Form kommt sie auch in der Bibel vor (Hesekiel). Deshalb sollte der griechische Phoenix deutlich vom ägyptischen unterschieden werden!

Ovid läßt Pythagoras sagen, Phoenix sei der einzige Vogel, der sich selbst erneuere.
Tacitus erwähnt in seinen Annalen (6.28) das Erscheinen des Phoenix im Jahre 34 n.Chr. Da dies bereits 250 Jahre nach seinem letzten Erscheinen unter Ptolemaios III. geschehen war, gab es Anlaß zu Diskussionen über die Dauer einer Phoenix-Periode, die von einigen mit der Sothis-Periode von 1461 Jahren gleichgesetzt wurde. Kurze Zeit später, zur Regierungszeit des Claudius, tauchte wieder ein Phoenix auf, der sogar in Rom gezeigt wurde, doch Plinius der Ältere schreibt, daß dies wahrscheinlich nicht der echte gewesen sei (NH, 10.3-5). So entstand das Problem, echte von unechten Vögeln zu unterscheiden! Plinius soll geschrieben haben, daß der Vogel in einem Nest aus Zimt und ähnlich wohlriechenden Kräutern sterbe und dann aus den Knochen des toten Vogels ein neuer Phoenix geboren würde.

Martial hat dann den Phoenix als erster als Symbol für Roms Ewigkeit benutzt (Epigramme 5.7). Und in diesem Sinne muß wohl auch der Phoenix auf den Münzen der spätrömischen Serie FEL TEMP REPARATIO gesehen werden, als Wiederauferstehung des ewigen Roms. Philostratus (ca. 170 n.Chr.), der die Biographie des Apollonius von Tyana geschrieben hat, schreibt vom Phoenix, daß er in Indien gelebt habe, aber alle 500 Jahre nach Ägypten auswandern würde. Diese Auffassung ist offensichtlich beeinflußt von Garudas, dem Vogel des Hindugotts Vishnu. Laktanz und Claudian haben den Phoenix dichterisch bearbeitet.

Der ägyptische Phoenix wurde in der frühen christlichen Kirche sehr populär, sowohl in der Kunst, der Literatur als auch in der Symbolik. So machten die ersten Christen den Phoenix zum Symbol der Auferstehung, des Lebens nach dem Tod und des ewigen Lebens, ja zum Symbol für Christus selbst. Einer der frühen Kirchenväter, Flavius Clemens, schreibt ein längeres Kapitel über den Phoenix. Aber den wohl größten Einfluß in diesem Sinne hatte der Physiologus, ein anonymes Werk des 4.Jh. n.Chr., das wahrscheinlich in einer alexandrinischen Christengemeinde entstanden ist und im Mittelalter weit verbreitet war. Er schreibt: "Der Phoenix nun wird zum Sinnbild unseres Erlösers; auch dieser nämlich kam von den Himmeln herab und brachte seine beiden Flügel voll Wohlgeruch mit, das heißt voll vortrefflicher himmlischer Worte, damit auch wir im Gebet unsere Hände ausbreiten und geistlichen Wohlgeruch emportragen durch gute Lebensführung."

Hintergrund:
Eine alte Erklärung für den ägyptischen Phoenix war eine Vogelart aus Ostafrika. Dieser Vogel nistete auf Salzflächen, die für seine Eier und Küken zu heiß zum überleben waren. Deshalb baute er ein Nest, groß genug, seine Eier aufzunehmen, das er dann an einen kühleren Ort trug. Die aufsteigenden Wirbel der heißen Luft um dieses Nest herum hätten wie Flammenwirbel ausgesehen.

Der Benu hatte die Gestalt eines Reihers. So kann er gut nach dem Vorbild des Graureihers (Ardea cinera) oder des größeren Goliathreihers (Ardea goliath) entstanden sei, der noch rezent an der Küste des Roten Meeres lebte, heute aber ausgestorben ist. Zur Erinnerung an Benu wurde diese Art auch Benu-Reiher genannt (Ardea bennuides). Archäologen haben übrigens Überreste eines noch viel größeren Reihers am Persischen Golf gefunden, der vor 5000 Jahren gelebt hat. Es gibt einige Spekulationen, daß dieser Vogel vielleicht noch von ägyptischen Reisenden gesehen worden ist und der auslösende Moment war für die Vorstellung eines großen Reihers, der alle 500 Jahre in Ägypten gesehen wurde. Er hatte 2 lange Federn auf dem Kamm seines Kopfes und war oft mit der Atef-Krone des Osiris geschmückt (der Weißen Krone mit 2 Straußenfedern zu jeder Seite) oder mit der Sonnenscheibe.

Eine andere Erklärung für den mythischen Vogel ist der Zusammenhang mit der Sonne, insbesondere der totalen Sonnenfinsternis. Während einiger Finsternisse bildet die Sonnenkorona eine deutlich vogelähnliche Form, die wahrscheinlich auch zur geflügelten Sonnenscheibe im alten Ägypten und Mesopotamien inspiriert haben kann.

Kunstgeschichte:
Auf antiken Darstellungen, besonders auf Münzen der Kaiserzeit wie hier aus Alexandria, ist der Phoenix, den Herodot als adlergleichen Vogel beschreibt, ein Flügeltier auf hohen Stelzen, mit einem Nimbus oder eine Aureole um den Kopf, was ein Zeichen für Unsterblichkeit ist. Er symbolisierte den Wandel einer Ära. Aus der christlichen Kunst ist der Phoenix im Zusammenhang mit Christus- und Paradiesbildern bekannt, z.B. auf dem Apsismosaik in SS. Cosma e Damiano in Rom aus der Zeit von 526-530, in S.Clemente, S.Prassede u.a., und bereits im 3.Jh. war der sich selbst verbrennende und erneuernde Phoenix ein Symbol der Wiederauferstehung, wie in der Priscilla-Katakombe in Rom. Diese Symbolgehalte von 'Auferstehung' und 'Ewigkeit' wurden dann in der Renaissance wieder aufgenommen.

Hinzugefügt habe ich folgende Bilder:
(1) das Bild einer ägyptischen Wandmalerei eines Bootes mit dem Benu, der hier die
Sonnenscheibe auf dm Kopf trägt. Man erkennt die deutliche Ähnlichkeit mit einem Reiher.
(2) ein Ausschnitt des Apsismosaiks von S.Prassede in Rom. Man sieht den Phoenix mit
Nimbus ordentlich auf einer Palme sitzen.
(3) ein Bild der Wandmalerei aus der Priscilla-Katakombe in Rom, die 3 Kinder im Ofen
zeigt, dazu über ihnen den Phoenix als Symbol ihrer Wiederauferstehung

Quellen:
- Herodot,Historien II, 73
- Tacitus, Annalen
- Ovid, Metamor. XV, 392-407
- Physiologus, Kap.7
- Der Kleine Pauly
- Aghion/Barbillon/Lissarrague, Lexikon der antiken Götter und Heroen in der Kunst, 1994
- Jefferson Monnet, The Benu (Bennu) (online)
- Mattingly, FEL TEMP REPARATIO
- http://www.egyptianmyths.net/phoenix.htm
- http://www.livius.org/phi-php/phoenix/phoenix.html
- http://en.wikipedia.org/w/index.php?tit ... (mythology)&oldid=93996420
- http://en.wikipedia.org/wiki/Phoenix_(mythology)

Mit freundlichem Gruß

(wird fortgesetzt)
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Beitragvon Peter43 » So 11.10.09 17:52

(Fortsetzung)

Der Sothische Zyklus

Nun kommen wir zum zweiten Thema, das sich auf dieser Münze findet: dem Sothischen Zyklus. Also noch einmal zurück zu dieser bemerkenswerten Münze:
LB, das Jahr 2 der Regierungszeit des Antoninus Pius, markiert das Jahr 139 n.Chr. In diesem Jahr erneuerte sich nach Censorinus der große Sothische Zykus, ein Zyklus von 1461 Jahren, der immer dann begann, wenn der Sirius (griechisch Sothis) an derselben Stelle am Horizont aufging wie die Sonne.

Der ägyptische Kalender:
In der Frühzeit der ägyptischen Kalender wurden die Mondzyklen von I bis XII, zu 'Mondjahren' zusammengefaßt, fortlaufend durchgezählt, unbekümmert um den Ablauf der Naturjahres. Da aber bei der schon in der 1. Dynastie straff durchgeführten Verwaltung die Bewässerungs-, Bodenbestellungs-, Steuer- und Gestellungstermine auf das genaueste eingehalten werden mußten, so kam es zur Einführung schematischer Monate von je 3 Tagesdekaden, leicht an den Fingern abzählbar für jedermann. Der Beginn dieses festen Rumpfjahres von 360 Tagen mußte öffentlich ausgerufen werden und fiel wahrscheinlich auf den Tag der Öffnung der oberen Schleusen der Beflutungsbassins (um den 26. August des gregorianischen Kalenders), wenn die Pegelhöhe, die Wasserförderung und die Schlammanreicherung des Nils in Ober-Ägypten ihr Optimum erreicht hatte (Pauly).
So war dieses neilotische Jahr auf das engste mit der Nilschwemme verbunden.

Neben dieser neilotischen Jahresform findet sich schon früh im 3.Jt. v.Chr. ein an den Siriusaufgang (damals um die Zeit der Sommerwende und der Grünfärbung des Nils) angeknüpftes, in 3 gleichlange Jahreszeiten, Tetramenien (echet = Überschwemmung, projet = Winter, shomu = Sommer) aufgeteiltes Kalenderjahr. Dieses ägyptische Jahr hatte also nur 3 Jahreszeiten! In diesem schrieb sich z.B, ein Datum 'II echet: 2 Dekaden + 4 Tage'. Dieses Jahr hatte 365 Tage, von denen die letzten 5 Tage (Epagomenen) als unheilvoll galten. Plutarch hat folgende Sage überliefert: Der Gott Set und die Himmelsgöttin Nut hatten heimlich miteinander verkehrt. Die Sonne aber verfluchte die Nut, daß deren Kinder weder in einem Monat noch in einem Jahr geboren werden sollten. Nut wandte sich an den klugen Thoth um Rat. Dieser spielte mit der Mondgöttin Würfel und gewann ihr von jedem Tag des 360tägigen Jahres den 72. Teil ab, aus dem er 5 Tage bildete, die hinter den 12 Monaten angehängt wurden. Dadurch gewann das Sonnenjahr 5 Tage mehr als das alte Jahr, und das Mondjahr hatte nun 355 statt 360 Tage; was jenem gegeben wurde, mußte dieses verloren haben; und so konnten die fünf nachgeborenen Götter in die Welt eintreten.
Alle weiteren festen Jahresformen, wie die von Brugsch festgestellte annee sacree, die kanopische, die alexandrinische, die koptische u.a. sind unter jeweilig verschiedenen Gesichtspunkten aus der neilotischen und sothischen Form abgeleitete Gestaltungen, die sowohl unter sich, wie auch zu den ursprünglichen Jahresformen, in festen Zeitverhältnissen standen (Pauly).

Sothis:
Sothis (ägypt. spdt) war eine weibliche ägyptische Gottheit, verkörpert im bläulich schimmernden Hundsstern Sirius, der griechisch Sothis hieß. Da Sothis unmittelbar vor dem Beginn der Nilüberschwemmung am Morgenhimmel sichtbar wurde, galt sie als Bringerin der Nilschwemme, von der Ägypten abhing. Man ließ mit dem Sothis-Aufgang das Jahr beginnen; da das danach festgelegte ägypt. Kalenderjahr jedoch um 1/4 Tag zu kurz ist, wanderte der Sothis-Aufgang in ungefähr 1460 Jahren einmal durch das ganze Jahr (sog. 'Sothis-Periode', ein Ausdruck, der allerdings aus einer späteren Zeit stammt; die Ägypter selbst haben ihn nicht benutzt!). Da nach dem römischen Schriftsteller Censorinus im Jahr 139 n.Chr. (siehe unsere Münze!) eine neue Sothis-Periode begann, kann durch Rückrechnung ca. 2768 v.Chr. als wahrscheinliches Datum der Einführung des Kalenders in Ägypten angesehen werden (d.h. etwa zu Beginn der 2. Dynastie).

Die Ägypter erkannten vermutlich bereits in der Mitte des 3. Jt. v. Chr., daß ihr systematisiertes Kalenderjahr von 365 Tagen eine wachsende Abweichung gegenüber dem heliaktischen Aufgang des Sirius besaß, also gegenüber dem Stern, der (nach längerer Zeit der Unsichtbarkeit) die Nilüberschwemmungen anzeigte. So standen sich das Naturjahr von 365 1/4 Tagen und ein Kalenderjahr von 365 Tagen gegenüber. Diese Abweichung führte nach 4 Jahren zu einer Differenz zwischen Naturjahr und Kalenderjahr von schon einem Tag, bis beide Kalender nach 1460 Jahren wieder übereinstimmten. Diese Abweichung wurde in pharaonistischer Zeit nie korrigiert, der Versuch der Einführung der Schaltung eines 6. Epagomenentages unter Ptolemaios III. mißlang und selbst nach der endgültigen Reform durch Augustus hielt man in den Tempeln noch lange am alten, ungeschalteten Kalender fest. Wohl die Macht der Priesterschaft verhinderte eine Kalenderreform, so wurden die Könige vor der Krönung gezwungen, einen Eid zu schwören, daß sie nicht versuchen werden Schalttage oder Monate einzuführen oder an dem althergebrachten Jahr von 365 Tagen etwas zu ändern.

Die Altägypter feierten den Tag des Wiederauftauchens des Sirius über dem Morgenhorizont nach einer zuvor etwa 65 bis 70 Tage andauernden Unsichtbarkeit ausgelassen mit dem Sothis-Fest. Die Daten des heliaktischen Sirius-Aufgangs stellen daher einen wichtigen Stützpfeiler der altägyptischen Königs-Chronologie dar und sind in Verbindung mit dem Sothis-Zyklus von großer historischer Bedeutung.

Dies können hier nur kurze Anmerkungen sein. Das Thema ist sehr kompliziert, wie eigentlich alle Kalenderberechnungen, besonders weil es lange Zeit wissenschaftliche Widerstände gegen die Interpretation des Sothis-Zyklus gab. Für weitergehende Informationen empfehle ich die unten angeführten Artikel bei Wikipedia.

Einige Bemerkungen zur Zeitauffassung:
Die ägyptische Zeitauffassung war zyklisch. Alles wiederholt sich immer wieder auf ewige Zeiten. Aber dies geschieht nicht in einem ermüdenden Kreis wie wir es vom Buddhismus kennen, sondern eher wie in einer Spirale: es wiederholt sich zwar alles, Frühling, Sommer, Herbst, Geburt und Tod, ein neuer König, aber es ist jedesmals ein neues Jahr und ein neuer König, der neue Hoffnung mit sich bringt. Dies möchte ich als eine natürliche Zeitauffasssung bezeichnen.

Im Gegensatz dazu steht unsere christliche Zeitauffassung, die linear-eschatologisch ist. Sie geht geradlinig auf ein fernes Ziel zu, den Untergang dieser Welt am letzten Tag (eschaton) und dem dann folgenden Weltgericht. Dieses Gericht über Gut und Böse gab es auch im alten Ägypten, aber nicht am letzten Tag der Welt, sondern bei jedem Menschen gleich nach seinem Tod.

Hinzugefügt habe ich ein Bild, das zeigt, wie die ägyptischen Priester den heliaktischen Aufgang des Sirius (Sothis) beobachten, des Verkünders der Nilschwemme, von der Ägyptens Schicksal abhhängig war bis zum Bau des Assuanstaudamms.

Quellen:
- Der Kleine Pauly
- James P.Allen, Middle Egyptian: An introduction to the language and culture of
hieroglyphs, pp.104-106
- http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84gyptischer_Kalender
- http://de.wikipedia.org/wiki/Sothis-Zyklus
- http://www.astronomische-vereinigung-- -
- augsburg.de/artikel/astronomiegeschichte/fruehe-kulturen/teil-2-aegypten/

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » So 11.10.09 17:54

Amor und Psyche

Eigentlich handelt es sich hier um kein mythologisches Thema, sondern um ein Märchen. Aber da es von mythologischen Figuren handelt, denke ich, daß es hier gut aufgehoben ist.

Die Münze
Thrakien, Serdika, Septimius Severus, 193-211
AE - 3.05g
Av.: AV KL [...] - CEVHROC (HR ligiert)
Kopf, belorbeert, n.r.
Rv.: [C]ER - DWN
Eros, geflügelt, nackt, n.r. stehend, und Psyche, in Hüftkleid, n.l. stehnd,
umarmen sich; li ein brenneder Altar.
Ref.: nicht in Ruzicka (vgl. Nr.384 für Caracalla); nicht in Varbanov (engl.);
unpubliziert
sehr selten, fast SS, dunkelgrüne Patina
ex Gorny&Mosch Auktion 181, Lot 1696
Photo mit Erlaubnis von Lübke&Wedemann, Stuttgart
Ich hatte natürlich auf diese Münze geboten, daß sie dann aber für mehr als €2000 wegging, hatte ich nicht erwartet.

Die uns bekannte Geschichte geht zurück auf den Einschub in den Metamorphosen des Apuleius, die auch unter dem Namen 'Der goldene Esel' bekannt sind.

Das Märchen:
"In einem gewissen Lande lebten einst ein König und eine Königin, welche drei Töchter hatten. Reiz und Anmut schmückten die beiden ältesten in höchsten Grade. Doch verschwanden beide wie im Schatten neben dem strahlenden Glanze ihrer Schwester." Von nah und fern pilgerten die Menschen zu ihr, um sie anzusehen. Ja, es entstand das Gerücht, Venus selbst sei auf die Erde gekommen und wandle umher, und man begann sie anzubeten.

Niemand fuhr mehr zur Göttin Venus nach Paphos, nach Knidos oder Kythera. Ihre Tempel verfielen, ihre Altäre verwaisten. Das erfüllte Venus mit Zorn, und sie gab ihrem Unmut kund, daß eine Sterbliche sich mit ihr messe. Sie rief ihren Sohn Amor, führte ihn die Stadt, in der Psyche - so hieß die Prinzessin - lebte, erzählte ihm von dem Frevel und befahl ihm, sie mit einem seiner Pfeile zu verwunden, daß sie zur Strafe in Leidenschaft zur niedrigsten und verworfensten Kreatur auf der Erde entbrenne.

Psyche selbst hatte mit ihrer überirdischen Schönheit kein Glück. Sie wurde zwar bewundert und angestaunt, aber es fand sich kein Prinz, der um ihre Hand anhielt; während ihre beiden älteren Schwestern bereits früh glücklich verheiratet waren. Allein und hoffnungslos weinte sie ihre leeren Tage dahin. Ihre Schönheit wurde ihr selbst zum Greuel. Ihr betrübter Vater befragte das uralte Orakel des Apoll in Milet. Und Apoll gab ihm den Befehl, die Tochter geschmückt wie zur Hochzeit auf den höchsten Gipfel des Berges zu stellen, da ihr kein Sterblicher zum Gemahl bestimmt sei, sondern ein Ungetüm, falsch und grausam wie Otterngezücht, vor dem selbst der Styx sich scheue.

Da war ein Jammern und Wehklagen in der ganzen Stadt. Aber dem Befehl des Gottes konnte man sich nicht entziehen. In einem langen Trauerzug, der eher ein Leichenbegängnis als ein Hochzeitszug war, wurde die schluchzende Psyche zum angewiesenen Berg gebracht. Dort ließ man sie allein. Die Brautfackeln waren alle verlöscht durch die vergossenen Tränen.

Doch noch während sie auf das Ende wartete, fühlte sie sich sanft schweben. Ein Zephyr hob sie empor, trug sie in das darunter liegende Tal und legte sie in den blumigen Schoß eines weichen Rasens nieder.

Als sie nach erquickendem Schlaf erwachte, befand sie sich in einem anmutigen Park mit einem kristallklaren Bach, der sanftrauschend vom Felsen herabstürzte, und mit einem wunderschönen Palast, dessen Wände aus Gold waren und dessen Schönheit ihre Augen blendete. Sie trat ein und staunte über die überirdische Pracht. Da hörte sie eine Stimme, die nach ihren Wünschen fragte. Psyche merkte, daß irgendeine Gottheit sich ihrer angenommen hatte. Nach einem Bad ließ sie sich an einer Tafel nieder, die mit den vortrefflichsten Weinen und den auserlesensten Speisen gedeckt war. Niemand aber trug auf, alles schien wie von Zauberhand von selbst heranzuschweben. Nach dem Mahl trat ein unsichtbarer Sänger auf und ein anderer begleitete ihn auf der Zither. Danach begab Psyche sich zur Ruhe.

Mitten in der Nacht aber weckte sie ein leises Geräusch. Es ist ihr unbekannter Gemahl aus dem Orakel. Er liebt sie, eilt aber vor Tagesanbruch hinfort. Sofort sind wieder ihre unsichtbaren Dienstgeister bei ihr und umsorgen sie auf das Beste. So ging es eine Weile fort und Psyche genoss das ungewöhnliche Leben.

Inzwischen hatten ihre beiden Schwestern von ihrem Unglück gehört und eilten zu den untröstlichen Eltern. In dieser Nacht warnte Psyches unbekannter Gemahl sie vor dem Neid und der Bösartigkeit ihrer Schwestern. Aber in Sehnsucht nach ihnen verzehrt sie sich in Trauer, schmäht ihr neues Heim als goldenen Kerker und ißt und trinkt nichts mehr. Da gibt ihr Gemahl ihr schweren Herzens nach unter der Bedingung, daß sie niemals seine wahre Gestalt ausforsche.

Als die Schwestern sie überall rufen, holt sie den Zephyr, der die beiden sanft zu ihr hernieder bringt. Sie feiern ihr Wiedersehen und Psyche zeigt ihnen in den Palast. Sie staunen über alles und wundern sich über die unsichtbaren Dienstgeister. Dann fragen sie Psyche nach ihrem Gemahl. Sie erfindet schnell einen wunderschönen Jüngling, der aber meistens auf der Jagd sei. Dann werden sie reich beschenkt vom Zephyr wieder zurückgebracht.

Nun zeigt sich der Neid der Schwestern auf die glückliche Psyche und sie beklagen gegenseitig ihr eigenes Schicksal und beschweren sich über ihre eigenen Männer. Insbesondere finden sie den Stolz ihrer jüngeren Schwester unerträglich und beschließen, ihn zu brechen.

Erneut wird sie von ihrem Gemahl gewarnt, der ihr verspricht, ihr Kind werde unsterblich werden, wenn sie sein Geheimnis bewahre. Überglücklich verspricht sie ihm alles. Doch schon sind ihre Schwestern auf dem Weg zu ihr. Als sie sehen, daß Psyche schwanger ist, schmeicheln sie ihr und stehlen sich in ihr Vertrauen. Sie bringen das Gespräch auf ihren Gemahl und erinnern sie an das pythische Orakel. Das habe ihr als Gemahl ein Ungeheuer geweissagt, das sie nach der Entbindung verschlingen werde. Sie überreden Psyche, in der nächsten Nacht sich mit einer Lampe das Ungeheuer anzuschauen und ihm mit einem Messer den Kopf abzuschneiden. Und das tut Psyche. Aber als sie die Decke wegschlägt, sieht sie von allen Ungeheuern das holdeste und liebenswürdigste. Es ist Cupido, der süße Gott der Liebe! Sie prüft seine Pfeile und sticht sich unvorsichtigerweise. Nun verfällt sie der Liebe zu ihm, durch ihre eigene Schuld, doch ohne ihr Wissen. Sie bewundert die goldenen Locken und die purpurnen Fittiche und ist trunken vor Entzücken. Sie beugt sich über ihn zu einem Kuß. Da fallen einige Tropfen des heißen Öls der Lampe auf seine Schulter und vor Schmerz springt der Gott auf. Er fliegt auf den nächsten Baum und beginnt, sie auszuschelten, daß sie seine Liebe verraten habe. Um sie zu strafen, werde er sie jetzt für immer verlassen. Und damit flog er davon.

Als sie ihn nicht mehr sehen konnte, stürzte sich Psyche aus Verzweiflung in den nahen Fluß. Der aber hatte Mitleid mit ihr und trug sie auf eine Wiese, auf der Pan saß zusammen mit Echo und seinen Ziegen. Pan tröstete sie und riet ihr, zu Cupido zu beten. Auf ihrem weiteren Irrweg kommt sie zur Stadt einer ihrer Schwestern. Sie berichtet von ihrem unglückseligen Los, daß ihr Gemahl Cupido gewesen sei, sie ihn aber mit dem heißen Öl verletzte habe. Daraufhin habe er sie verflucht und sie - ihre Schwester - zur neuen Gemahlin bestimmt. Diese aber log ihr etwas vor vom Tode der Eltern und schiffte sich sofort zu besagtem Felsen ein. Oben angekommen rief sie den Zephyr zu Hilfe, sprang vom Felsen, und kam zerschmettert unten an. Mit derselben List bereitete sie ihrer zweiten Schwester dasselbe Schicksal.

Während Psyche auf der Suche nach Cupido war, lag der im Zimmer seiner Mutter und litt große Schmerzen an seiner Schulter. Eine Seemöve erfuhr das, und verleumdete ihn bei seiner Mutter Venus, die gerade beim Baden war. Cupido läge bei einer Buhlerin, treibe Unzucht, sie aber vergnüge sich beim Baden, und auf der ganzen Welt gäbe es keine Sittsamkeit mehr. Es gäbe keine Ehe mehr, keine Freundschaft noch kindliche Liebe. Als Venus nach dem Mädchen fragt und Psyche genannt bekommt, ergrimmt sie, begibt sich in das Schlafgemach ihres Sohnes und macht ihm die schlimmsten Vorwürfe. Zur Strafe werde sie ihn zu ihrer Feindin, der Mäßigkeit, schicken, die ihm den Köcher leeren, die Pfeile stumpf machen, die goldenen Haare abschneiden und die Flügel stutzen werde.

Da begegnen ihr Ceres und Juno, die bereits alles wissen. Sie versuchen den Zorn der Göttin zu besänftigen und zweifeln daran, daß Cupido etwas böses gemacht habe. So sei nun einmal seine Natur. Tatsächlich aber fürchteten auch sie sich vor seinen Pfeilen. Venus aber wurde dadurch noch unwilliger.

Inzwischen kommt Psyche zu einem Tempel, in dem Weizen- und Gerstenähren bunt durcheinanderliegen zwischen Kränzen und Sicheln. Sofort beginnt sie, alles zu sortieren und Ordnung zu schaffen. Da trifft Ceres ein, deren Tempel es ist, und wundert sich, daß Psyche selbst in ihrem Leid nicht die Ordnung ihres Heiligtums vergißt. Psyche wirft sich vor ihr nieder und bittet um Schutz vor der rachsüchtigen Venus. Aber Ceres muß sie abweisen, da sie mit Venus in Freundschaft verbunden ist. Psyche irrt weiter und kommt erneut zu einem Tempel. Diesmal ist es der Tempel der Juno, der Mutter des Himmels. Psyche wirft sich nieder und fleht die Göttin an, die sofort in ihrer Majestät vor ihr steht. Doch wieder wird sie enttäuscht. Jetzt ist sie bereit, sich Venus auszuliefern, auch wenn das ihr Verderben sein sollte.

Venus war inzwischen müde geworden, auf der Erde nach Psyche zu suchen. In einem goldenen Wagen, von Tauben gezogen und von Spatzen umgaukelt, fliegt sie zurück in den Himmel und begibt sich zu Jupiter. Stolz fordert sie Merkur als Helfer und bittet ihn, auf der Erde nach Psyche zu suchen. Dies tut Merkur und verspricht allen Menschen, die ihm helfen, Küsse der Venus. Psyche aber eilt zur Tür der Venus. Da begegnet ihr die Gewohnheit, eine Dienerin der Göttin, packt sie an den Haaren und schleift sie zum Thron der Venus. Als diese Psyche so sieht, beginnt sie laut zu lachen, und beschimpft sie als unwürdig, ihre Schwiegertochter zu sein, und übergibt sie der Angst und der Traurigkeit. Nachdem diese Psyche genug gequält haben, bringen sie sie zu Venus zurück. Diese stürzt sich auf Psyche, zerreißt ihr die Kleidung, beschimpft ihr noch ungeborenes Kind als Bastard und schüttet dann einen Haufen von Weizen, Gerste, Hirse, Mohn und anderen Körnern vor ihr aus und befiehlt ihr, diese bis zum Abend zu sortieren. Starr steht Psyche vor der unlösbaren Aufgabe. Aber da jammerte einer Ameise ihre Qual. Sie holte ihr ganzes Volk zusammen und bis zum Abend war alles in schönen Haufen sortiert. Venus aber erkannte dies nicht als Werk der Psyche an.

Am nächsten Morgen zeigte Venus ihr in einem nahen Wald am Ufer eines Flusses eine Herde von ungehüteten Schafen mit goldenem Vlies und forderte sie auf, ihr eine Flocke von der kostbaren Wolle zu bringen. Psyche machte sich auf, wollte sich aber in dem Fluß ertränken. Das Schilf aber bat, durch ihren Tod nicht den Fluß zu entweihen, noch sich den wütenden Schafen auszuliefern, sondern die Wolle von den Sträuchern zu pflücken, wenn die Schafe schliefen. So konnte sie den Befehl der Venus ausführen. Die aber war immer noch nicht besänftigt, sondern gab ihr eine neue Aufgabe: Um ihren Mut zu zeigen, solle sie oben auf einer schroffen Felsspitze Wasser schöpfen aus einem Fluß, der tief zum Styx herabfiele und selbst das Getöse des Kokytus übertöne. Mit einem Krug eilt Psyche zum Felsen. Fürchterliche Schlünde tun sich auf, in Höhlen drohen Drachen und bellen sie an. Sie ist gewiß, daß dies ihr letzter Auftrag ist, da sie diesen Ort nicht lebendig wird verlassen können. Wie entseelt steht sie da, selbst Tränen hat sie nicht mehr.

Aber die Not der unschuldig Leidenden war der allgütigen Vorsehung nicht verborgen geblieben. Sie schickte einen Adler, Jupiters Vogel, der über den Abgründen schwebend, den Krug füllte. Voller Freude überbringt Psyche ihn eiligst der Venus. Diese aber verspottet sie schnöde als Zauberin, gibt ihr eine Büchse und schickt sie in die Unterwelt zu Proserpina, um damit für einen Tag Schönheit von ihr zu holen, die sie selbst bei der Pflege ihres verletzten Sohnes verloren habe. Aber sie solle sich beeilen. Da ist Psyche klar, was Venus mit ihr vorhat. Der Hinweis auf den Orkus genügte. Sie ersteigt einen hohen Turm, um sich herabzustürzen. Der aber beginnt zu sprechen und erzählt Psyche von einem Tor zur Unterwelt am KapTänaron in Lakedaimon, wo sie gegen Fährgeld von Charon übergesetzt werden würde. Zwei Honigkuchen aber müsse sie mitnehmen, um damit den Cerberus zu besänftigen. Proserpina werde ihr dann das gewünschte geben. Sie dürfe nur die göttliche Schönheit in der Büchse nicht anschauen. Alles gelingt und sie kommt glücklich wieder zurück. Aber in der Wonne des Tageslichts überkommt sie der Wunsch, einmal die göttliche Schönheit zu schauen. Sie öffnet die Büchse; doch heraus kommt ein Todesschlaf, der Psyche auf dem Weg niederstreckt.

Inzwischen war Cupido wieder von seiner Wunde genesen und sehnte sich nach Psyche. Er entfloh seinem Gefängnis und seine Flügel trugen ihn zu ihr hin. Er befreite sie von dem Schlaf, steckte ihn in die Büchse zurück und weckte Psyche mit dem vorsichtigen Stich seines Pfeiles. Er wirft ihr ihre erneute Neugier vor, verspricht aber, von jetzt an für sie zu sorgen. Psyche bringt der Venus Proserpinas Geschenk.

Cupido aber schwingt sich auf zu Jupiter, klagt ihm seine Not und macht ihn seinen Wünschen geneigt. Huldvoll küßt Jupiter den kleinen Schelm und verspricht, ihm zu helfen, obwohl er selbst so oft unter seinen Pfeilen habe leiden müssen. Er rief eine Götterversammlung ein und forderte von allen, ihm zuzustimmen, dem Cupido endlich Zügel anzulegen und ihn zu verheiraten. Er habe sich auch schon selbst ein Mädchen ausgesucht. In Psyches Armen solle er ewig erfüllte Liebe finden. Venus aber tröstete er damit, daß von nun alles verboten werde, was der Schicklichkeit und den Gesetzen zuwieder sei.

Mercur wurde beauftragt, Psyche in den Himmel zu holen. Jupiter selbst reichte ihr den Becher der Unsterblichkeit und das herrlichste Hochzeitsmahl wurde gerüstet. Man lagerte sich umher. Ganymed schenkte dem Jupiter Nektar vom Ida ein, die Musen ergötzten die Gäste mit silbernen Stimmen und Apoll sang zur Leier. Venus tanzte mit Anmut. So wurde Psyche feierlich mit Cupido vermählt. Bald aber gebar sie eine Tochter, die von den Sterblichen Voluptas, die Lust, genannt wird.

(wird fortgesetzt)
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Beitragvon Peter43 » Do 12.11.09 15:41

(Fortsetzung)

Apuleius:
Apuleius von Madaura war ein Platoniker und Sophist des 2.Jh. n.Chr. Er wurde 125 n.Chr. in Madaura in Numidien geboren und wuchs in Karthago auf. An einen Studienaufenthalt in Athen schlossen sich weite Reisen in den Osten an, die sein Vermögen fast aufzehrten. Er war für kurze Zeit als Rechtsanwalt in Rom tätig, kehrte dann aber nach Africa zurück. Dort wurde er 158 wegen Zauberei angeklagt. Er hatte in Oea eine reiche Witwe, Aemilia Plautilla, geheiratet, die viel älter als er selbst war. Die Anklage hatte behauptet, er habe sie durch Zauber an sich gebunden. Nach seinem Freispruch zog er nach Karthago, wo er zum Priester des Kaiserkultes gewählt wurde. Apuleius genoß hohes Ansehen als Rhetor und als Wundertäter. Er wurde in Karthago durch Aufstellen einer Säule geehrt. Eine andere Statue stand unter den 80, die das Gymnasium Zeuxippos in Konstantinopel zierten. Da war er neben Vergil der einzige römische Dichter. Gerade weil er von der Zauberei freigesprochen worden war, galt er als großer Zauberer. Seine Wunder wurden mit denen des Apollonios von Tyana verglichen und über die Wunder Christi gestellt.

In Apuleius finden wir den Typus des gebildeten Provinzrömers jener Zeit. Er hat die Stoffe des Bildungserbes gründlich aufgenommen, aber sie sind nicht mehr Selbstzweck, sondern ihre rationale Durcharbeitung dient einer über sie hinausweisenden Frömmigkeit. Bald dient sie dem Platonismus, bald dem Isiskult, dem Apuleius angehangen hat. Den Platonismus wandelt er um in eine Geheimlehre, vielleicht deshalb, weil er nie Zutritt zum engeren Schülerkreis hatte. Seine Schulung im Stilistischen ist beachtlich; sie geht weit über das Rhetorische hinaus und befähigt ihn zu einer sehr nuancierten Ausdrucksweise, die vom Derben und Burlesken bis zum Zarten und Märchenhaften reicht, aber oft aufgeputzt ist.(Pauly)

Die Metamorphosen:
Von den überlieferten Schriften sind die 11 Bücher der Metamorphosen die bedeutendsten. Es handelt sich dabei um einen phantastischen Roman, der die Erlebnisse des Lucius erzählt, der in Thessalien in einen Esel verwandelt worden war. Die gleiche Handlung liegt der pseudo-lukianischen Erzählung 'Lykios der Esel' zugrunde und der von Photios knapp geschilderten Erzählung des Lukios von Patrai. Apuleius aber hat diesen Roman durch die Einlage von Spuk-, Räuber- und Liebesgeschichten zu einer echten fabula Milesia ausgeweitet. Wie alle Romane ist auch dieser so komponiert, daß hinter der vordergründigen Handlung, dem Abenteuer des Esels, eine hintergründige verstanden werden muß: Als irrende, vertierte Kreatur findet der Ich-Erzähler hin zur Erlösung im Isis-Mysterium. Eine Ekphrasis, ein Roman im Roman, ist dabei die Erzählung von Amor und Psyche.

Interpretationen:
Das von Apuleius überlieferte Märchen von Amor und Psyche hat eine lange Vorgeschichte. Es lassen sich vier verschiedene Hauptrichtungen der Interpretation unterscheiden: die symbolisch-allegorische, die mythologisch-literarische, die Märchentheorie und die psychoanalytische.

Reitzenstein sieht den Ursprung in einem iranischen Mythos, der den Weg der menschlichen Seele zu Gott zeigt. Dieser Weg führt durch Leiden und Prüfungen bis hinab in die Unterwelt. Merkelbach deutet die Geschichte der Psyche als die heilige Geschichte der Isis-Mysterien. Psyche ist Isis, die auf der Suche nach Osiris (Eros) die Welt durchirrt. Venus ist hier die grausam scheinende Isis, die den Menschen endlich doch zur Seligkeit führt, wenn er ihr treu dient. Damit spiegelt das Märchen den Gesamtroman. Diese symbolisch-allegorischen Deutungen sind alt, zum erstenmal bekannt aus dem 5.Jh. n.Chr.

Helm sieht in der Erzählung zunächst ein literarisches Werk, in dem sich Motive der Mythologie, der Romanliteratur und der erotischen Poesie finden. Die Ausdrücke, mit denen Apollo verhüllend Eros bezeichnet, finden sich bereits im Hellenismus. Der Palast des Liebesgottes sei dem Palast des Menelaos bei Homer nachempfunden oder dem Haus des Helios bei Ovid. Die Aufgaben, die Psyche zu erfüllen hat, hätten ihre Entsprechung bei Herakles: Das Sortieren der Getreidekörner vergleicht er mit dem Ausmisten des Augiasstalles, die wilden Schafe mit den Rindern des Geryones oder den Stuten des Diomedes, das Wasserholen entspräche dem Holen der Hesperidenäpfel und Psyches Gang in die Unterwelt sei parallel dem Gang des Herakles in den Orkus, wo er den Cerberus holt.

Demgegenüber hält Friedländer die Grundlage für die Erzählung des Apuleius für ein echtes Volksmärchen, dessen Motive in den Märchen der verschiedensten Völker wiederkehren. Allein im Beginn der Erzählung 'Erant in quadam civitate rex et regina' erkenne doch jeder Leser den bekannten Märchenanfang 'Es war einmal'. Gerade bei den Märchen der Brüder Grimm finden sich viele dieser Motive, aber auch schon bei Basile. Die Mißgunst der Venus erinnere an die Mißgunst der Königin in Schneewitttchen und das Körnersortieren würde jeden unvoreingenommenen Leser sofort an Aschenputtel denken lassen. Aber auch andere Parallelen finden sich augenblicklich: die unsichtbare Dienerschaft z.B. in Grimms Märchen Nr.90 'Der junge Riese', die neidischen Schwestern seien eine bekannter Topos, und daß sich der Geliebte nicht in seiner wahren Gestalt zeigt, entspricht den Märchen vom Typ 'Tierbräutigam'.

Die Tiefenpsychologen Neumann, von Franz und Bruno Bettelheim stellen einen direkten Bezug zum heutigen Menschen her, indem sie die Geschehnisse als Stufen im Entwicklungsprozeß menschlicher Liebesfähigkeit begreifen. Bettelheim zeigt, daß dies Märchen uns lehrt, daß der Versuch, Erlebnisse beschleunigen zu wollen, welche die Sexualität betreffen, verheerende Folgen haben kann. Das Märchen sei ein Gleichnis für die Schwierigkeiten - aber auch Möglichkeiten - über eine Bewußtseinsentwicklung zu einer reifen Liebesbegegnung zu gelangen.

Ob Apuleius dies alles wirklich so gemeint hat, muß wohl zweifelhaft bleiben. Es ist ein Kunstmärchen, das den Leser auf weiten Strecken entzückt. Ohne diesen Text wäre die abendländische Literatur um ein Juwel ärmer (Kurt Steinmann).

Kunstgeschichte:
In der attischen Vasenmalerei finden sich manchmal auf Bildern gefallener Krieger kleine bewaffnete und geflügelte Figuren als Darstellung der Seele. Es gibt auch Beispiele wo explizit 'Psyche' erwähnt wird. Auf weißgrundigen Lekythen sieht man kleine geflügelte Schattenbilder um eine Grabstele herum (um 444 v.Chr., Athen, NM). In ihren Liebesbeziehungen zu Cupido wird sie als hübsches junges Mädchen, oft mit Schmetterlingsflügeln, dargestellt. Dafür gibt es mehrere Beispiele in der pompejanischen Wandmalerei. Dies entspricht dem Glauben der Römer, ein Sterbender hauche seine Seele in Form einers Schmetterlings aus. Diese Allegorie wird auch auf römischen Sarkophagen aufgenommen.

Die berühmteste antike Skulptur wurde im 18.Jh. auf dem Aventin in der Nähe von S.Balbina entdeckt. Es ist eine Marmorgruppe von einem sich umarmenden und mit den Lippen berührenden Paar. Diese Skulptur ist auf unserer Münze dargestellt. Es handelt sich dabei um eine römische Kopie des 2.Jh. n.Chr. nach einem Original aus der Zeit um 200 v.Chr., das sich heute im Kapitolinischen Museum in Rom befindet. Zugeschrieben wird es dem Pasiteles (nicht dem Praxiteles!) bzw. der pasitelischen Schule, die von Plinius erwähnt wird.

In frühchristlicher Zeit finden sich Darstellungen der Psyche in Katakomben (Domitilla-Katakombe, Rom, 1.Hälfte des 3.Jh.). Diese Tradition setzt sich fort. Raffael hat mit seinen Schülern die Decke der Villa Farnesina um 1508-1511 mit der Geschichte von Amor und Psyche ausgemalt. Einen ähnlichen Zyklus gibt es in der Engelsburg von del Vaga (1543-1548). Ein dritter Zyklus findet sich im Palazzo del Te in Mantua von Giulio Romano (1528), hier manieristisch-erotisch aufgefaßt.

Aufgenommen wurde das Thema auch von Rubens und van Dyck. Im Klassizismus erneuerte sich die Symbolkraft der Legende: Canova hat sechs verschiedene Fassungen von Amor und Psyche geschaffen, in denen sich das jugendliche Paar in anmutigen Arabesken einander zuwendet (z.B. 1787-93, jetzt im Louvre; 1794-96, jetzt in der Eremitage). Es war ein Motiv für Thorvaldsen, Rodin, Chaudet und J.-L.David.

Von literarischen Bearbeitungen möchte ich hier nur Patrick Süskind erwähnen. In seinem berühmten Roman "Das Parfum" hat Baldini vor, den Duft "Armor und Psyche" von Pélissier zu kopieren. Im Gespräch mit Grenouille wird das Geheimnis der Zutaten gelüftet: Limette, Nelke, Storax, Orangenblüte, Bergamotte, Rosmarin, Rose, Jasmin und Moschus. Im gleichnamigen Film von Tom Tykwer riecht Baldini an dem von Grenouille nachgemischten und dabei verbesserten "Amor und Psyche", dabei hat er eine bezaubernde Vision von einem schönen Mädchen, das ihm in einer Sommergartenatmosphäre einen Kuß auf die Wange gibt.

Hinzugefügt habe ich
(1) ein Bild der berühmten Statue aus dem Kapitolinischen Museum in Rom
(2) ein Bild eines der Skulpturen des Canova.

Quellen:
- Apuleius, Der Goldene Esel, Rowohlts Klassiker
- Milo Manara, Der Goldene Esel, 2000 Schreiber & Leser
- Die Hausmärchen der Brüder Grimm, (1819)
- Giambattista Basile, Pentamerone (1634-36)
- Meisterwerke der griechischen und römischen Literatur, Interpretiert von Kurt
Steinmann, 1998 Reclam
- Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen, 1977 dva
- Günter Krampen, Zu Vorstellungen von der Psyche bei Apuleius von Madaura im
2.Jh. n.Chr., Psychologie und Geschichte, 1. Jg., Heft 2
- Aghion/Barbillon/Lissarrague, Lexikon der antiken Götter und Heroen in der Kunst,
2000 Reclam
- Der Kleine Pauly
- Smith, Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology (online)

Mit freundlichem Gruß
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