antike Stätten

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Re: antike Stätten

Beitragvon Iulia » Di 11.06.13 18:06

Hallo Altamura,
Angeregt durch Deinen schönen Bericht habe ich mir jetzt endlich den Lang gekauft, bevor er vergriffen ist. Wenn die Bücher angekommen sind, werde ich mal berichten, wie groß und wie schwer sie sind.
Als ich vor etlichen Jahren die Türkei bereist habe, habe ich immer gerne einen der entsprechenden 4 Bände von Bean dabei gehabt (kein schweres Papier!) und wie ich gerade sehe, gibt's den immer noch:
http://www.booklooker.de/B%FCcher/Angeb ... reis_total

Ja, man müsste mal wieder hin und ich hoffe, die fortschrittlichen Kräfte werden die Entwicklung der letzten Jahre in der Türkei aufhalten.
Gruß
Iulia
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Re: antike Stätten

Beitragvon Dapsul » Mi 12.06.13 00:21

Lang ist nicht sehr nützlich, Bean dagegen immer noch sehr. Und E. Akurgal, Ancient civilizations and ruins of Turkey.
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » Sa 15.06.13 20:21

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 5: Magnesia am Mäander (Folge 1)

Magnesia am Mäander liegt gar nicht am Mäander :wink: , sondern am Fuße des Thorax-Gebirges in einem kleinen Seitental des Mäander. Die ursprüngliche Siedlung am Fluss wurde etwa 400 v.Chr. verlegt, von der alten Stadt fehlt jede Spur.

Magnesia wurde in der jüngeren Vergangenheit bereits zweimal ausgegraben 8O . 1891-1893 waren deutsche Archäologen dort am Werk (schön dokumentiert ist das hier: http://archive.org/stream/magnesiaammae ... 7/mode/2up ), danach haben Überschwemmungen und von den Bergen herabströmender Schlamm die Stadt wieder begraben, so dass Magnesia seit Mitte der 1980er Jahre von türkischen Archäologen erneut freigelegt wird.
Vieles vom Figurenschmuck der Gebäude ist abtransportiert worden :? und befindet sich heute in den Museen von Paris, London, Berlin und Istanbul, vieles ist aber auch im 19. Jahrhundert von ortsansässigen Kalkbrennern verheizt worden :| .

Das wichtigste Bauwerk war der Tempel der Artemis Leukophryne, von dem allerdings nur noch ein wilder Steinhaufen übrig ist.

Magnesia_Artemistempel_01.JPG

Magnesia_Artemistempel_02.JPG

In einem Schutzbau sind große Kapitelle untergebracht, die vor Ort geblieben sind und eine Ahnung von der ehemaligen Größe des Tempels geben.

Magnesia_Kapitelle_01.JPG

Vor dem Tempel liegen die Reste eines Altars und eine heilige Quelle, umrahmt von den Resten alter Hallen, so dass sich insgesamt ein großzügiger Tempelbezirk ergibt. (Das Bild sieht wegen Gegenlicht leider etwas duster aus :? .)

Magnesia_Platz_01.JPG

Wie man sieht, war es auch in Magnesia am Boden etwas feucht, wenigstens zu einer heiligen Quelle passt das aber :D . Die Begrenzung des Quellbeckens bröselt leider schon wieder weg :? . Im Becken führen noch einige Stufen in die Tiefe (sieht man auf dem Bild aber nicht), was darauf schließen lässt, dass es hier auch trockenere Zeiten gab, wo man zum Wasser hinunter musste :wink: .

Magnesia_Platz_02.JPG
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » Sa 15.06.13 20:29

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 5: Magnesia am Mäander (Folge 2)

Passend zu Feuchtigkeit und Jahreszeit hüpften auf dem Platz auch Myriaden von gerade flügge gewordenen Fröschen herum. Die waren wenig mehr als zwei Zentimeter groß, wir mussten schwer darauf achten, dass wir kein Massaker anrichteten :wink: .

Magnesia_Platz_03.JPG

Neben uns und den Fröschlein hüpfte aber sonst gar niemand auf dem Gelände herum, das sieht nicht nur auf den Bildern so aus, das war so. Es gibt für das Gelände ein gar nicht so ganz kleines Empfangsgebäude (mit angeschlossener öffentlicher Toilette :D ), in dem uns der Zerberus der staatlichen Antikenverwaltung empfing und das moderate Eintrittsgeld entgegennahm. Damit ihm vor Unterforderung nicht so langweilig werde, hatte ein Kumpel auf dem Moped vorbeigeschaut (das Gelände liegt etwas außerhalb der nächsten Ortschaft), und da saßen sie nun wohl den ganzen Nachmittag und pflegten eine angeregte Unterhaltung :D .

Gleich vor dem Artemistempel stehen die Fundamente des Altares, mehr als die Fundamente ist leider nicht mehr da.

Magnesia_Altar_01.JPG

Interessant der Bindeplatz, wo die Opfertiere vor dem Altar angebunden wurden. Man erkennt dies an diesen seltsamen Vertiefungen in den Bodenplatten.

Magnesia_Altar_02.JPG

In diesen Platten war in der Mitte ein Metalldübel mit einem Ring oben eingelassen. Durch diesen Ring zog sich ein noch größerer Ring, der dann auf die Seiten frei beweglich war und an dem man die Tiere festbinden konnte. Und dieser bewegliche Ring hat dann im Laufe der Zeit diese Muster in die Platten eingerieben. Eine schematische Darstellung davon findet man hier auf der rechten Seite: http://archive.org/stream/magnesiaammae ... 0/mode/2up

Magnesia_Altar_03.JPG

(Derartige Platten gibt es auch in Klaros, da waren sie aber leider unter Wasser. :? )

Immer wieder sieht man in Magnesia an den Bauresten auch, wie die Steinblöcke verklammert wurden. Und hier gibt es noch Klammern, wo man sowohl den Eisenkern als auch die Bleiummantelung sehen kann.

Magnesia_Altar_04.JPG
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » Sa 15.06.13 20:38

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 5: Magnesia am Mäander (letzte Folge)

Am Rand des Tempelplatzes steht dieser Girlandenaltar mit dem Buckelrind, das ja eines der durchgehenden Motive auf den Münzen aus Magnesia ist.

Magnesia_Platz_04.JPG

Am Ende des Platzes folgt ein Torbau, durch den der Weg zur alten Agora führt. Der Blick ist hier schon von der Seite der Agora aus (das Wasser ist der Platz, kein Fischteich :wink: ), die störende Mauer wurde in byzantinischer Zeit eingezogen, als die Stadt erheblich geschrumpft war und man für die kleinere Bevölkerung den Mauerring etwas enger ziehen musste :? .

Magnesia_Propylon_01.JPG

Neben dem Tempelbezirk befand sich eine Marktbasilika, von der im wesentlichen aber nur noch die Grundmauern stehen. Einen Pfeiler und eine Säule hat man wieder aufgerichtet, vor allem, um das Kapitell mit der Skylla-Episode aus der Odyssee wieder aufzustellen.

Magnesia_Basilika_01.JPG

Magnesia_Basilika_02.JPG

Am Rande des Ausgrabungsgeländes befindet sich noch eine kleine Moschee mit Friedhof aus dem 15. Jahrhundert n.Chr.

Magnesia_Moschee_01.JPG


Was wir verpasst haben waren das Theater und das Stadion. Da hätte man noch außerhalb des eigentlichen Grabungsgeländes ein Stück den Hügel hinauf müssen, und dazu hatten wir keine Lust mehr.
Was das Stadion betrifft, war mein Stand nämlich dieser: http://maps.google.de/maps?q=t%C3%BCrke ... Crkei&z=18
also was Längliches in der Landschaft, bei dem man gerade noch ahnen kann, dass da mal was war.
Inzwischen hab' ich mitbekommen, dass das Stadion in den letzten zwei Jahren freigelegt wurde und jetzt so aussieht: http://www.posta.com.tr/yasam/HaberDeta ... leID=87988
Da hab' ich mich zwar etwas über mich geärgert :? , aber es werden der Gründe, mal wieder nach Ionien zu fahren, immer mehr :D .

Gruß

Altamura
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Re: antike Stätten

Beitragvon Iulia » So 16.06.13 13:54

Wieder ein schöner Bericht, Danke!
Vielleicht sollte man lieber im Mai oder Herbst dorthin, um die Überschwemmungen im Frühjahr zu vermeiden.
Jetzt habe ich die zwei Bände von Gernot Lang, Klassische antike Stätten Anatoliens, zu Hause. Sie wiegen fast 3 kg. Nicht nur deswegen ist der Lang als Reiseführer vor Ort unpraktisch. Ich würde ihn eher als Lexikon (von und für Laien) bezeichnen, denn die Städte sind alphabetisch geordnet mit einer Übersichtskarte im Miniaturformat. Der beachtliche Buchumfang ist völlig unnötig aufgebläht durch die ellenlange Auflistung von Münztypen und Münzlegenden unter den jeweiligen Städten - alles jedoch ohne Abbildungen, unvollständig, fehlerhaft und deshalb unbrauchbar. Das Beste an dem Werk ist das aus anderer Literatur zusammengesuchte Kartenmaterial und dass es wesentlich mehr Städte ( im Landesinneren und im Osten) als der Bean beinhaltet. Na ja, das tröstet mich etwas.

Gibt's noch Nachschlag, Altamura?
Gruß
Iulia
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Re: antike Stätten

Beitragvon emieg1 » So 16.06.13 14:16

Auch von meiner Seite herzlichen Dank für den Bericht... wie ich sehe, muss Ionen unbedingt noch auf meine polyglotte Speisenkarte :wink:

Altamura2 hat geschrieben:
Am Rand des Tempelplatzes steht dieser Girlandenaltar mit dem Buckelrind, das ja eines der durchgehenden Motive auf den Münzen aus Magnesia ist.


Wo du das gerade erwähnst, fällt mir ein, dass ich zum Thema "Löwe/Rind" vor kurzer Zeit noch über eine interessante Abbildung gestolpert bin: Ein Wannensarkophag mit der recht seltenen Darstellung "Löwe schlägt Buckelrind". Datiert wird er auf ca. 235 - 250 n.Chr. und ist im engl. Schloss Cliveden zu finden.
Dateianhänge
Cliveden.jpg
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Re: antike Stätten

Beitragvon Antonian » So 16.06.13 20:30

Besten Dank für Deinen super Bericht Altamura, mach weiter so. Das ist einfach vorbildlich. Prima finde ich es auch, das Du immer auch Beobachtungen und Details zeigst die man sonst nicht in den Ortsbeschreibungen finden würde, wie beispielsweise Wasserrohre, Bleiklammern und diverse Tiere die in den Ruinenstätten leben. Auch Deinen Erzählstil finde ich super. Das macht Deine Berichte so lebendig.
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » Di 18.06.13 21:06

Iulia hat geschrieben:... Vielleicht sollte man lieber im Mai oder Herbst dorthin, um die Überschwemmungen im Frühjahr zu vermeiden. ...

Das dachten wir uns irgendwann auch :wink: . Die Fahrt durch blühende Orangenhaine und das Grün überall wollte ich allerdings dann doch nicht missen. Auch diese Medaille hat eben zwei Seiten :wink: .

... Gibt's noch Nachschlag, Altamura? ...

Ja, wie schon angekündigt kommen noch Didyma, Milet und Priene (und ein paar Wasserbilder sind da auch wieder dabei :wink: ).
Aber mehr als einen Teil pro Woche schaff' ich nicht, wenn überhaupt :? , ich bitte also um entsprechende Geduld :wink: .

nummis durensis hat geschrieben:... wie ich sehe, muss Ionen unbedingt noch auf meine polyglotte Speisenkarte :wink: ...

Kann ich nur empfehlen, Du kannst dann ja hier nachschauen, was ich alles verpasst hab' und das dann nachliefern :D .

Antonian hat geschrieben:... Prima finde ich es auch, das Du immer auch Beobachtungen und Details zeigst die man sonst nicht in den Ortsbeschreibungen finden würde, ...

Diese Kleinigkeiten am Wegesrande interessieren mich immer besonders, da sie einem das Leben damals noch auf andere Weise näher bringen.
Ich kann ja mal schauen, ob ich am Ende noch eine Bonusfolge mit solchem Kleinkram zustande bringe.

Gruß

Altamura
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » So 23.06.13 14:26

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 6: Didyma (Folge 1)

Didyma, etwa 16 Kilometer südlich von Milet gelegen, war eine der bedeutendsten Orakelstätten der Antike. Der Apollontempel, in dem das Orakel seinen Sitz hatte, ist einer der größten in Ionien. Na ja, wäre gewesen, wenn er denn jemals fertiggestellt worden wäre :? .

Didyma_außen_01.JPG

Der Tempel hat im Laufe seiner Geschichte mehrere Bauphasen durchlaufen. Von den Persern wurde der zweite archaische Tempel im fünften Jahrhundert zerstört. Als Didyma Ende des vierten Jahrhunderts zu Milet kam, wurde ein hellenistischer Neubau begonnen, der aber vermutlich ob seines Gigantismus auch nach 600 Jahren Bautätigkeit nicht fertiggestellt war und dann in christlicher Zeit aufgegeben wurde.

Didyma_außen_02.JPG

Die Dimensionen sind erstaunlich, der Tempelunterbau besitzt am oberen Ende der Treppenstufen eine Fläche von etwa 50 auf 110 Metern, die Säulen der Vorhalle haben einen Durchmesser von knapp zwei Metern. Wenn man da zwischen den Säulenstümpfen steht und sich vorstellt, wie das bei Vollausbau ausgesehen hätte, dann kommt man sich ganz klein vor :| .

Didyma_außen_03.JPG

Die drei vollständig erhaltenen Säulen sind übrigens nicht wiederaufgebaut, man sieht sie schon auf alten Stichen aus dem 18. Jahrhundert (jetzt nach Christus :wink: ), sie haben also allen Erdbeben getrotzt.

Die Ausgrabung von Didyma wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts von französischen Archäologen begonnen, die jedoch angesischts der Dimensionen des Unterfangens bald aufgaben. Ab 1905 übernahmen deutsche Archäologen die Ausgrabung und arbeiten dort teilweise bis heute. Erschwert waren die Arbeiten zu Beginn auch dadurch, dass sich um und auf dem Ruinenfeld ein ganzes Dorf befand, mit dem man sich über den Umfang der Ausgrabung einigen musste 8O .
Sehr schön sieht man das auf diesem Bild: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit ... eabbed408e
(Es stammt aus Theodor Wiegand, "Siebenter vorläufiger Bericht über die von den Königlichen Museen in Milet und Didyma unternommenen Ausgrabungen", Berlin, 1911.)

Die Säulenbasen sind sehr aufwändig verziert, mit einer großen Vielfalt an Ornamenten.

Didyma_Säulenbasis_01.JPG

Didyma_Säulenbasis_02.JPG
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » So 23.06.13 14:32

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 6: Didyma (Folge 2)

Der Tempel war nicht komplett überdacht, im Inneren befand sich ein offener Hof mit heiliger Quelle, der nur vom Orakelpersonal betreten werden durfte. Die Pilger mussten ihr Anliegen von oberhalb der Treppe her verkünden, daraufhin wurde dann von den Branchidae der Orakelspruch produziert. Die Branchidae waren die quasi dynastisch organisierte Priesterkaste, die bis zum Hellenismus hier das Orakelgeschäft betrieb, danach wurde dieses von Milet sozusagen verstaatlicht.
(Mehr zu den mythologischen Anfängen von Didyma siehe auch hier: viewtopic.php?f=6&t=11926&p=262086#p262086 )

Der einzige Zugang zum Innenhof führt durch zwei gewölbte Gänge.

Didyma_innen_01.JPG

Der Innenhof hat beachtliche Ausmaße, zumal wenn man sich vorstellt, dass die heutige Mauerhöhe nur etwa einem Drittel der ursprünglichen entspricht. Im Hintergrund die Treppe, an deren oberem Ende die Orakelgesuche der Kundschaft entgegengenommen wurden.

Didyma_innen_02.JPG

Hier der Blick vom oberen Ende der Treppe auf den Innenhof.

Didyma_innen_03.JPG

Die heilige Quelle ist übrigens seit langem versiegt. Da, wo eigentlich Wasser hingehört hätte, war also keines :wink: .

Auf der Rückseite des Tempels sind sozusagen in situ die Einzelteile einer umgestürzten Säule fixiert. Man sieht auch schön, dass diese noch nicht fertiggestellt war, da die Kanneluren noch fehlen.

Didyma_Säulensturz_01.JPG

Überall auf dem Boden findet man (und nicht nur hier in Didyma, auch an anderen Orten haben wir das gesehen) eingeritzte Spielfelder für die Radmühle, einer antiken Variante unseres Mühlespiels. Vielleicht war der Andrang vor dem Orakel so groß, dass man sich da irgendwie die Zeit vertreiben musste :wink: .

Didyma_Spielfelder_01.JPG
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » So 23.06.13 14:46

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 6: Didyma (letzte Folge)

Jedes Jahr fanden in Didyma die Didymäen statt, alle vier Jahre sogar die "Megala Didymeia", die großen Didymäen. Bei diesen Kultfestspielen gab es sowohl sportliche als auch kulturelle Wettbewerbe, deren Spuren man noch sehen kann.

Das Stadion für den sportlichen Teil lag genau an der südlichen Längsseite des Tempels, dessen Treppenstufen als Zuschauertribüne verwendet wurden. Auf der anderen Seite gab es auch eine Tribüne, von der jedoch nur noch recht bescheidene Reste vorhanden sind.

Didyma_Stadion_01.JPG

Interessant sind die Überbleibsel des Hysplex, der Startanlage für die Laufwettbewerbe.

Didyma_Hysplex_03.JPG

Wie das ursprünglich mal ausgesehen hat, kann man hier in Augenschein nehmen: http://htmlimg1.scribdassets.com/4f9cot ... 2b891d.jpg
Das Bild stammt aus einem ganzen Buch zu diesem Thema, findet man hier: http://de.scribd.com/doc/10300571/P-Val ... ent-Stadia

In jüngerer Zeit hat man in Nemea, in Griechenland, die antiken Nemeischen Spiele wieder aufleben lassen und dafür einen solchen Hysplex nachgebaut. Wie der funktioniert, kann man in diesem Filmchen sehen: http://nemeangames.org/en/nemea-stadium/hysplex.html
Das sieht jetzt nicht besonders funktionsgerecht und professionell aus, aber die alten Griechen hatten da bestimmt auch mehr Übung damit als die neuen :wink: .

Für die Sieger in diesen Wettbewerben wurden auch Ehrenmale aufgestellt, deren Podeste heute ebenfalls noch recht zahlreich vorhanden sind. Man erkennt, dass da wohl meist noch Skulpturen draufstanden, die aber im Laufe der Zeit irgendwann abhanden gekommen oder in den Schmelzofen gewandert sind :? .

Didyma_Ehrenmale_01.JPG

Didyma_Ehrenmale_04.JPG

Diese zwei waren für den Athleten Tiberius Claudius Quirina Herakleides und den Kitharöden Aurelius Hierokles. Letzterer ein Künstler, der eigene Gedichte vorsang und dazu auf der Kithara zupfte.
Sowas kann man herausbekommen, wenn man lange genug sucht (oder Altgriechisch beherrscht :? ). Viele Inschriften von antiken Stätten sind nämlich im Internet aufgelistet, und mit etwas Geduld kann man einen vorliegenden Text aufspüren :D :
http://epigraphy.packhum.org/inscriptio ... okid%3D489
http://epigraphy.packhum.org/inscriptio ... okid%3D489 .

Aus manchen dieser Inschriften geht hervor, dass der Geehrte schon Sieger bei mehreren Wettbewerben im ganzen griechischen Raum gewesen ist. Da scheint es also auch schon Profis auf Tournee gegeben zu haben, ähnlich wie die Athleten heute, die im Sommer von einem Sportfest zum nächsten ziehen (oder die Bands von einem Fesival zum nächsten, um auch dem Kitharöden gerecht zu werden :wink: ).

Sozusagen das Logo von Didyma ist dieser Medusenkopf (zusammen mit einem zweiten) vom Fries des Außengebälks, der von der örtlichen Andenkenindustrie weidlich genutzt wird, man findet ihn auf alle möglichen Gebrauchs- oder Sinnlosgegenständen appliziert.

Didyma_Medusa_01.JPG

Unsere nächste Station war kultkonform dann Milet (oder hätte es umgekehrt sein müssen? 8O ), mit dem Didyma durch eine Prozessionsstraße verbunden war. Von dieser sieht man aber nicht mehr viel, es scheinen aber hie und da immer mehr Reste davon ans Tageslicht zu kommen. Wir sind jedoch mit dem Auto hingefahren, nachdem uns der dann seinen Dienst ausübende Parkplatzwächter noch kurz, bevor wir eingestiegen waren, entdeckt hatte und unbedingt auf der Entrichtung der Parkgebühr bestand :? .

Gruß

Altamura
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Re: antike Stätten

Beitragvon Invictus » So 23.06.13 15:33

Wie immer tolle Fotos und informative Berichte, wirklich toll, danke!

Gruß
www.RÖMISCHE MÜNZEN...

Weisheit beginnt mit der Entlarvung des Scheinwissens (Sokrates)
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » Sa 29.06.13 12:55

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 7: Milet (Folge 1)

Milet ist eine der ganz alten Städte in Kleinasien, die Besiedlung geht bis weit in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Milet hat so ziemlich alles mitgemacht, was die Geschichte des westlichen Kleinasiens geprägt hat. Was man heute sieht, sind im wesentlichen Reste aus hellenistischer und römischer Zeit (wie ja andernorts meist auch).

Ursprünglich lag Milet auf einer Landzunge, die den Golf von Milet beherrschte. Liegen tut es da immer noch, aber den Golf von Milet gibt es nicht mehr :wink: . Der in diesen Golf mündende Mäander hat ihn im Laufe der Zeit durch angeschwemmte Sedimente verlanden lassen. Ab etwa 1400 AD war Milet dann auch keine Hafenstadt mehr, heute sieht man das Meer von Milet aus nicht mehr (zumindest nicht von da, wo wir standen).

Man kann heute den ursprünglichen Umriss der Stadt noch gut erkennen. Das Grüne war das Festland (die Spitze der Landzunge, nach hinten geht das noch ein gutes Stück weiter), die braunen Felder links und im Hintergrund waren Meer. Der Mäander, den man links im Bild ebenfalls erkennt, umfließt heute fast die gesamte Halbinsel und macht eher den Eindruck eines behäbigen Regionalgewässers denn eines mächtigen Stromes, der ganze Landschaften umbaut :wink: .

Milet_Meer_02.JPG

Der eindrucksvollste Bau in Milet ist das Theater, das man bei der Anfahrt schon von weitem als erstes sieht.

Milet_Theater_01.JPG

In byzantinischer Zeit wurde es, wie viele andere Bauten dieser Art auch, als Festung und Wohnraum umgewidmet. Die Innenbebauung mit Wohnhäusern ist wieder entfernt, die Festung oben auf dem Theaterhügel gibt es noch. Für ihren Bau wurde, wie man aus der Nähe gut erkennen kann, das Theater geplündert, viele Steine von den Sitzreihen entdeckt man in der Mauer der Festung, und im Inneren des Theaters sieht man, dass oben was fehlt :? .

Milet_Theater_02.JPG

An den Treppen in der Cavea sind die Enden der Sitzreihen mit schönen Löwenfüßen geschmückt.

Milet_Theater_03.JPG

Interessant sind die vielen eingekratzten Inschriften auf den Sitzbänken. Viele davon fangen mit TOΠOΣ an, was ja so viel wie "Platz" bedeutet, da hat sich also jemand seinen Platz markiert :D .

Milet_Theater_04.JPG

Bei weiteren Nachforschungen erfährt man, dass es sich bei dieser Inschrift, auf Deutsch etwa "Platz der Blauen Unterstützer", um die Platzmarkierung einer der Zirkusparteien handelt. Dies waren Gruppen von mehr oder minder offiziellem Charakter mit im Detail immer noch unklarer Funktion, die in byzantinischer Zeit irgendwie in den Ablauf der Zirkus- und Theaterveranstaltungen eingebunden waren. Die Einordnung dieser Gruppen geht von "politisch-religiöse Partei" bis zu "mafiöser Hooligan-Gruppierung". Scheint alles recht kompliziert zu sein :? , ich bin dem dann nicht weiter nachgegangen (wer das tun will und viel Zeit dafür mitbringt :wink: : http://de.scribd.com/doc/52194259/Camer ... s-Factions , http://deepblue.lib.umich.edu/bitstream ... brykan.pdf ).
Kurzfassung wäre also: Hier haben die Blauen ihre Fankurve abgesteckt :D (es gab nämlich auch noch die Grünen).
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Re: antike Stätten

Beitragvon Altamura2 » Sa 29.06.13 13:04

Kleiner Bericht aus Ionien - Teil 7: Milet (Folge 2)

Oben vom Theaterhügel aus hat man dann noch einen schönen Blick über die Mäanderebene, hier etwa in Richtung Norden.

Milet_Meer_01.JPG

Östlich vom Theater liegt am Hang ein hellenistisches Heroon, von dem man aber nicht weiß, wem es gewidmet war :? . Es wird üblicherweise als Heroon I bezeichnet, da es noch zwei weitere mit ebenfalls unbekannten Heroen gibt. Ein schriftlich überliefertes Heroon für den Mathematiker Thales von Milet wurde bis heute leider noch nicht identifiziert.

Milet_Heroon I_01.JPG

Der Bau besitzt eine sehr eigentümliche Architektur. Tritt man durch den Gang ein, dann steht man in einem von einem Tonnengewölbe überspannten Raum. Unter einer Bodenplatte befand sich das Heldengrab, die fünf Nischen unten an der Rückwand dienten weiteren Bestattungen. Der Lichteinlass an der Rückwand (der mir hier etwas die Ausgewogenheit der Beleuchtung versaut hat :? ) ist aber vermutlich erst später entstanden.

Milet_Heroon I_02.JPG

In der Seitenwand befinden sich diese merkwürdigen Löcher 8O , die man auch andernorts in antiken Stätten findet.

Milet_Heroon I_03.JPG

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mir aufgegangen ist, dass es sich hier um eine Art Sekundärbergbau handelt. In späteren, metallarmen Zeiten (wann, weiß ich nicht) hat man hier die Wände aufgehackt, um an die Eisenklammern zu kommen, mit denen die Mauerblöcke verbunden waren. Daher ergibt sich bei regelmäßig geformten Mauerquadern auch eine gleichermaßen regelmäßige Anordnung dieser Löcher.

Weiter nach Osten fällt der Blick auf das Marktviertel, das bei unserem Besuch leider zu einer Seenplatte mutiert war :? .

Milet_Agora_01.JPG

Bei Trockenheit ist das ein schöner, weitläufiger Platz.
Zu Zeiten der wohl jährlich auftretenden Frühjahrsüberschwemmung hat man aber nicht viel davon (und einen Tretbootverleih gab es leider auch nicht :wink: ).
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