Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Beitragvon Peter43 » Fr 28.04.06 00:32

Orpheus zähmt die wilden Tiere

Hier möchte ich eine neue Münze vorstellen, über deren Besitz ich mich sehr freue, weil sie eine der wichtigsten Mythen der Griechen widergibt. Zwar ist ihr Erhaltungszustand nicht der allerbeste, aber es sind fast noch alle Details zu erkennen, insbesondere die Tiere auf der Rs. Auch die paar Münzen bei CoinArchives sind kaum besser.

Thrakien, Philippopolis, Geta, 209-212
AE 29
Av.: AVT KΠ CEΠTI - MIOC ΓETAC
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: Orpheus, in thrakischer Tracht und mit phrygischer Mütze, sitzt auf
Felsen n.r., und spielt auf der Lyra. Um ihn herum eine Reihe wilder
Tiere, von li oben im Uhrzeigersinn Eber, Stier, Löwe, Steinbock, Gans
und Wolf, Schakal und Storch.
im Abschnitt: ΦIΛIΠΠOΠO / ΛEITΩN
Varbanov 1422; Moushmov 5383, Tafel XXX, no.16
selten, S+/fast SS, hübsche dunkelgrüne Patina, leichte Rauhigkeit im li Rs.-Feld

Der thrakische Sänger Orpheus gilt als Sohn der Muse Kalliope und des thrakischen Königs Oiagros oder des Apoll, dessen Ruhm als Kitharöde er bald überflügelte. Die thrakische Herkunft wurde bis in die Neuzeit oft bezweifelt. Aber bereits die Griechen sahen ihn als Thraker, ebenso übrigens wie auch die Musen, die ebenfalls aus der Gegend des Olymp stammten.
Er ist in so viele Mythen verflochten, daß die Mythographen auf den Ausweg verfielen, mehrere Orpheus anzunehmen.
Orpheus ist bekannt bereits im 6. bis 5.Jh. aus Fragmenten des Simonides und aus einer Stelle der 'Alkestis' des Euripides, die 438 v.Chr. zuerst aufgeführt wurde.
Seine Sangeskunst wurde besonders in den orphischen Schriften gerühmt. Im Argonautenzug des Apollonius Rhodios wurde er zum größten aller Helden emporstilisiert und verdrängte darin sogar Theseus. Er war der keleustes, der Taktschläger der Ruderer, und beruhigte die Wellen des Meeres. Sein Gesang zur Lyra war so bewegend, daß die Felsen, ja ganze Gebirge zu ihm kamen, um ihn zu hören, daß die wilden Tiere sich zahm um ihn versammelten, daß die Bäume zu ihm wanderten, um ihm zu lauschen (Ovid Lib.X), daß die Flüsse aufhörten zu fließen und daß der Schnee auf den Bergen schmolz. In der Unterwelt weinten die Furien zum ersten und einzigenmal bei seinem Gesang.

Nachdem sein Versuch, die über alles geliebte Eurydike aus dem Hades zu holen, erfolglos geblieben war, entsagte er der Frauenliebe, beschloß, niemals mehr zu heiraten und führte die Knabenliebe in Thrakien ein. Ein halbes Jahr saß er in einer Höhle des Flußes Strymon und trauerte. Die Mänaden, die Begleiter des Bacchus, gerieten aber so in Zorn über ihn, daß sie sich auf ihn stürzten und da sie die Gewalt seiner Kunst fürchteten, töteten sie zunächst sein 'lebendes Theater': die Vögel, die Schlangen, die Scharen des Wildes, die Rinder, und zerrissen dann ihn selbst, den Heiligen, in einer Orgie der Gewalt. Sein auf die Lyra genagelte Kopf warfen sie in den Strymon geworfen, wo er weitergesungen haben soll. Die Wellen trugen ihn bis an den Strand von Lesbos, das zur Insel der Lyrik wurde. Seine Lyra wurde von Zeus unter die Sterne versetzt.
Nach seinem Tod trauerten die Vögel, das Wild, die Felsen, der Wald. Die Bäume legten ihre Blätter ab, die Flüsse schwollen an vor selbst vergossenen Tränen.

Doch die Seele des Orpheus durchsuchte die Unterwelt nach Eurydike, fand sie und nun endlich lustwandelten sie dort vereinten Schrittes. Erst im Tod gab es das ewige Glück!

Die Szene, wie Orpheus durch seine Musik die wilden Tiere zähmt, war in der römischen Kaiserzeit sehr bekannt. Die Idee, durch Poesie und Kunst die Barbarei zu zivilisieren, war durch die ganze römische Zeit hindurch ein beliebtes Thema. Es ist ein Sinnbild des Sieges der Kultur über die Barbarei. In diesem Sinne könnte es auch noch eine wichtige Rolle spielen in der heutigen Zeit!

Später schob sich dann mehr das Motiv von Orpheus und Eurydike in den Mittelpunkt. Vielleicht ist ja ein Mitglied des Forums im Besitz einer Münze, die dieses Motiv zeigt. Das wäre dann eine gute Gelegenheit, dieses Thema abzurunden!

Hinzugefügt habe ich das Bild eines Mosaiks aus Antiochia, dem heutigen Antakya in der Türkei. Es zeigt dieselbe Szene wie auf der Münze. Es ist ein
wunderhübsches Beispiel dafür, wie in einem Mosaik malerische Qualitäten ausgedrückt werden konnten. Dieses Motiv wurde auch noch im frühen Christentum verwendet. In der Priscilla-Katakombe in Rom gibt es ein Wandbild, das den Guten Hirten in der Gestalt des Orpheus zeigt.

Quellen:
Der kleine Pauly
http://www.hermetic.com/sabazius/orpheus.htm
http://www.religionfacts.com/jesus/imag ... rpheus.htm
http://www.dm-art.org/Dallas_Museum_of_ ... /ID_012647
http://etext.lib.virginia.edu/latin/ovi ... orph10.htm

MfG
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Beitragvon payler » Fr 28.04.06 14:33

...und wieder ein wunderbarer Beitrag!

Diese Provinzmünzen finden auch immer mehr mein Gefallen!
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Beitragvon Peter43 » So 30.04.06 02:16

Und noch ein Beitrag, dann kann ich ich endlich ruhig schlafen!

Telephos - der Sohn des Herakles

Telephos darf nicht mit Telesphoros verwechselt werden, dem Begleiter des Asklepios. Telephos ist ein Sohn des Herakles. Eine Szene dieser Sage wird auf der folgenden Münze dargestellt. Es ist ein AE 24 aus Damaskus in Syrien, geprägt für Volusian, den Sohn des Trebonianus Gallus.

Volusian 251-253
AE 24
Av.: IMP GALLO VOLOSSIANO AVG
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: [COL] DAM - [AS] MET[R]
Hindin mit Geweih(!) steht n.r., säugt den Säugling Telephos, der unter ihr sitzt
Rouvier 99
Selten, S+/fast SS

Nach dem kleinen Pauly:
Telephos, arkadisch-mysischer Held, Sohn des Herakles von Auge, der Priesterin der Athena Alea in Tegea, wird von Auges Vater Aleos im Gebirge Parthenion ausgesetzt, wo eine Hirschkuh ihn ernährt und Hirten ihn aufziehen. Korythos wird sein Pflegevater. Auge selbst wird in verschlossenem Kasten dem Meere preisgegeben und, in Mysien an Land getrieben, von König Teuthras als Frau (oder Pflegetochter) aufgenommen. Herangewachsen hat Telephos seine Oheime erschlagen, ist dafür mit Stummheit bestraft und zur Sühne vom Orakel auf die Suche nach seiner Mutter ausgesandt worden. Er kommt auch zu Teuthras, der ihm zum Lohne für seine Mithilfe in einem Kriege die Hand der Auge und das Recht der Thronfolge gewährt. Das Aufzischen einer Schlange während des Beilagers führt unter dramatischen Umständen zur Wiedererkennung zwischen Mutter und Sohn und verhindert die Vermählung. In einer anderen Version heiratet Telephos Teuthras' Tochter Argiope. Während des mysischen Vorspiels des trojanischen Krieges (die Griechen waren zunächst an einer falschen Küste gelandet!) besiegt Telephos die Achaier am unteren Kaikos. Er tötet Thersandros, empfängt aber selbst von Achilleus eine unheilbare Wunde (durch Eingreifen des Dionysos). In diesen Kampf gehört die Sosiasschale: Achilleus verbindet Patroklos. Der Spruch O TRWAC IACETAI (Troas wird heilen) nötigt Telephos nach 8 J. der Qual, die Achaier in Argos aufzunehmen, wo er gegen das Versprechen, den richtigen Weg nach Troia zu weisen, die Heilung durch Achilleus erwirkt. Soweit die Kyprien. Der troische Epenkreis ließ Telephos durch brutale Erpressung sein Ziel erreichen; er bedrohte den kleinen Orestes am Altar mit dem Schwert. Bei Euripides gibt sich Telephos im Bettlergewand als angebliche Feind des Telephos aus und verficht raffiniert dessen Sache. Als Heilmittel dienen Rost oder Späne der Lanze

Hintergrund:
Die Sage scheint ein Nachklang alter Kolonistenkämpfe mit Barbaren und eigenen Leuten zu sein. Schon die Kyprien bahnten eine Verbindung zu Troia an. In einer jüngeren Fassung stammt Telephos sogar aus Troia und heiratet eine Troerinn, Astyoche oder Laodike. Sein Sohn Eurypylos kämpft für Priamos. Die Attaliden von Pergamo betrachten Telephos als Ahnherrn und lassen am großen Altar den Telephosfries erstehen. Es entsteht ein 'Telephos-Roman', in dem z.B. die amazonenhafte Hiera eine Rolle spielt. Von ihr und Telephos sollen Tarchon und Tyrsenos stammen, die Etrurien kolonisierten. Die hellenistische Dichtung befaßt sich mit Telephos. Ennus und Accius schaffen lateinische Nachdichtungen des euripidischen Dramas. In Herkulaneum findet sich ein berühmtes Wandgemälde 'Herakles findet Telephos'

Eine Abbildung dieses Wandgemäldes habe ich beigefügt. Es wurde 1793 gefunden und zum Schutz mit dicken Gipsschichten versehen. Erst 2005 wurde es restauriert. Bis heute sind nicht alle Figuren erklärt. Links unten aber sieht man die Hirschkuh, die Telephos säugt und ihn gerade leckt.

Quellen:
Der kleine Pauly
Karl Kerenyi, Griechische Heroenmythen
Hederich, Gründliches Mythologisches Lexikon

Kyprien: Epische Zyklen, die in 11 Büchern die Vorgeschichte der Ilias von der Hochzeit des Peleus und der Thetis bis zur unglücklichen Landung in Teuthrakien und die Kämpfe in der Troas erzählen.

MfG
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Beitragvon Pscipio » So 30.04.06 09:02

Das ist eine niedliche Darstellung! Danke für die Hintergründe, sie waren mir bisher nicht bekannt.

Gruss, Pscipio
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Beitragvon Peter43 » Fr 05.05.06 22:57

Dionysos und Nikaia - Die Gründersage von Nicaea

Wir haben in diesem Thread bereits einige Male über Dionysos gesprochen. Diese Münze zeigt ein Motiv aus der Gründersage von Nicaea. Diese Sage gehört ebenfalls in den Sagenkreis um Dionysos. Ich beziehe mich hier auf das Lexikon, das bereits Goethe bei seinem 'Faust II' benutzt hat, Hederichs 'gründliches mythologisches Lexikon', 1770 Leipzig. Doch zunächst die Münze (man sieht, daß Nicaea mehr zu bieten hat als die langweiligen Münzen mit den Feldzeichen!):

Bithynien, Nicaea, Severus Alexander 222-235
AE 25, 9.18g
Av.: M AVR CEVH - ALEZANDROC
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: NI - [K] - AIEW - N
Dionysos, drapiert, mit Efeukranz, sitzt n.r., Kopf n.l., hält Thyrsos. Li neben ihm eine weibliche Figur (wahrscheinlich Nikaia), reich drapiert, frontal stehend, Kopf n.r., hält in der re Hand einen Kranz.
keine Referenz gefunden
fast SS

Zu den Figuren folgendes: Im Internet habe ich leider keine Referenz und damit auch keine Beschreibung finden können. Aber Dionysos ist klar wegen seines Thyrsos. Das ist der einzige bekannte Stab, der bebändert ist. Bleibt die Frage nach der weiblichen Figur. Zunächst kommt einem Artemis in den Sinn. Allerdings steht sie dann in der Regel neben ihrem Bruder Apoll! Dann fehlen ihre Attribute, Bogen, Pfeil, Hund oder Hirsch. Der Kranz gehört nicht zu ihr! Dann ist es nicht die Kleidung der Artemis. Nach der Geschichte von Dionysos und Nikaia kann es sich nur um die letzte handeln.

Die Nymphe Nikaia (lat. Nicaea), war eine Tochter des Sangarios, eines Flusses in Phrygien, und der Kybele (Memnon ap phot. p. 383). Sie war von ausnehmender Schönheit, aber dabei eine große Liebhaberin der Jagd, die sich gern in den Wäldern und zwischen den Gebirgen aufhielt (Nonni Dionys. XV. 170 sqq.). Hier verliebte sich Hymnos, ein Hirt dieser Gegend, in sie, der ihr fleißig nachging und sie beobachtete. (Ib. 204). Er fand aber kein Gehör bei ihr; und weil er nicht von ihr ablassen wollte, so wurde sie endlich böse und erschoß ihn mit einem Pfeil (Ib. 362). Dieses schwor Eros an ihr zu rächen, und er hielt sein Wort treulich. Denn als sie einst ganz erhitzt von der Jagd kam und sich in einem Bache wusch, so führte er den Dionysos dahin, daß er sie nackend sah. Er verwundete im dabei zugleich das Herz (Id. XVI. 1 sqq.). Allein Dionysos fand so wenig Gegenliebe bei ihr, als Hymnos, und sie bedrohte ihn mit dessen Schicksal (Ib. 156). Er hatte aber vorher schon einen Fluß in Wein verwandelt (Id. XIV fin.). Sie kam durstig von der Jagd dahin, berauschte sich und schlief ein. Dionysos, der ihr beständig gefolgt war, genoß nun, wozu er sie nicht hatte bewegen können (Id. XVI. 282). So bald sie ihren Zufall* erkannte, suchte sie ihrem Schänder das Leben zu nehmen. Weil sie aber solches nicht ins Werk setzen konnte, so erhängte sie sich selbst (Ib. 391). Doch gebar sie erst eine Tochter von ihm, welche Telete genannt wurde; und Dionysos erbaute eine Stadt, die er nach ihr Nikaia benannte (Ib. in fin.). Telete aber wurde eine seiner Anhängerinnen.
Es wird auch erzählt, daß er auch noch einen Sohn, Satyros, von Nikaia gehabt haben soll. Dann stände der für das männliche Prinzip, Telete für das weibliche Prinzip im Dionysoskult - eine sog. 'Koure' in seinem Zug. Als eine Personifikation der Initiationsriten (Telete = Initiation) ist sie eng verbunden mit Orpheus. Auf dem Helikon hat Pausanias noch eine Statue von Orpheus gesehen mit Telete an seiner Seite, und auf dem großen Fresko des Polygnotos von der Unterwelt in Delphi war Orpheus dargestellt wie er an einer Weide lehnt und dessen Zweige mit der Hand berührt, in derselben Weise wie Telete in einem Relief von Loukou neben dem Baum steht und seine Blätter berührt. Beide, er und sie, erhalten ihre Fruchtbarkeit durch den Kontakt mit dem heiligen Baum. Das Relief von Loukou stand wahrscheinlich über dem Grab eines Orphikers.

Seit dem 2.Jh.n.Chr. zeigen Münzen Nikaia als Stadtgöttin.

*Zufall, zur Zeit Goethes = Unfall, Unglück

Übrigens ist Nicaea die Stadt des berühmten Konzils von 325, an dem unser Osterfest festgelegt wurde (auf den 1. Sonntag nach dem ersten Neumond im Frühling!) und auf der der berüchtigte Streit um die Gestalt Jesu stattfind, nämlich 'homoousios' oder 'homoiousios'. Bekanntlich siegten die Homoousianer, was Hunderttausenden (oder Millionen?) Homoiousianern das Leben kostete!

Quellen:
Memnos von Herakleia
Nonnus, Dionysiaka
Der kleine Pauly
Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon

MfG
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Beitragvon Peter43 » Sa 06.05.06 19:44

Dido - Die Gründerin von Karthago

Die Münze:

Phönikien, Tyrus, Julia Maesa, Großmutter des Elagabal, 218-222
AE 30, 9.05g
Av.: IVLIA MAE - SA AVGV
Büste, drapiert, diademiert, n.l.
Rv.: TVRIORVM
Galeere, mit 10 Ruderblättern, fährt n.r., am hohen Hintersteven hängt ein Schild; hinten Steuerruder, sog. Rammsporn am Bug ist als Delphin geformt. Auf dem Schiff steht Dido n.l., drapiert, hält Cornucopiae im li Arm und in der ausgestreckten re Hand ein Zepter(?). Li neben ihr eine männliche Figur, gebückt, entleert Sack mit Sand über die Bordwand ins Meer, re neben ihr steht vornübergebeugt ein Seemann mit unbekanntem Objekt. Li unter dem Schiff Murexschnecke, re Garnele n.l.
Ref.: Rouvier 2408
sehr selten, S/S+, blau-braune Patina, leider im re Feld Beschädigung durch Reinigung

Die Münzlegende ist auf Lateinisch, weil Tyrus eine römische Kolonie war. Ich habe noch keine Erklärung für die 2. Figur auf dem Schiff, die gebückt li neben Dido steht. Für jede Information wäre ich sehr dankbar. Die Murexschnecke li unter dem Schiff ist eine der beiden Schneckenarten, aus denen im Altertum der Purpur gewonnen wurde. Auf dessen Herstellung hatte Phönikien zuächst ein Monopol, was seinen Reichtum begründete. Für 1g Farbstoff brauchte man 10.000 Schnecken! Bis heute befinden sich am Strand des Südhafens von Sidon meterhohe Schalenreste. Der Name Phönikien kommt vom griech. Wort phoinix für Purpur. In der eigenen Sprache hieß das Land Kanaan.

Die Geschichte von Dido und Aeneas ist eine der berühmtesten und tragischsten Liebesgeschichten der Antike. Leider ist sie eine rein römische Erfindung. Hier ist das, was wir wirklich über sie wissen:

Wir begegnen ihr zuerst bei Timaios: Sie habe (griech.) Theiosso (sonst nirgends belegt), phoinik. aber Elissa geheißen; Deido sei sie in Libyen wegen ihrer Irrfahrten genannt worden (Serv. auct.. Aen. 1, 340 aber: Dido id est virago Punica lingua). Dido ist die Tochter des tyrischen Königs Mutto (oder Methres nach Serv. Aen. 1, 343; oder Belus nach Verg. Aen. 1, 621) und Schwester des Pygmalion. Dieser tötete aus Habgier Didos Gatten (Acherbas nach Iust., oder Sychaeus nach Vergil). Dido flieht aus Angst vor ihrem Bruder mit den Schätzen ihres Gatten in Begleitung mehrerer Adliger nach Libyen. Um nicht von ihren eigenen Leuten zur Vermeidung eines Krieges zur Heirat mit dem libyschen König Hiarbas (nach Iust.) oder Iarbas (nach Vergil) gezwungen zu werden, stürzte sie sich in einen Scheiterhaufen. Das Exzerpt aus Timaios ist wesentlich verkürzt, ausführlicher sind Iust. 18, 4-6 und die bekannte Erzählung Verg. Aen. 1, 335-368 und 4, 1ff.; auch Serv. und Ap. Lib. 1 berichten davon: alle nach Jacoby ohne direkte Abhängigkeit von Timaios, ohne daß sich allerdings eine Quelle konstatieren ließe. Iust. gibt Namen, die in dem Timaios-Fragment fehlen, er erzählt Einzelheiten: Dido entkam mit List ihrem Bruder, der sie, durch Bitten der Mutter und Drohungen der Götter bewogen, nicht verfolgte; sie ging in Kypros an Land, wo sich nach dortiger Sitte 60 Jungfrauen ihren Begleitern hingaben, die als Stamm-Mütter Karthagos geraubt wurden (die Zahl gemäß den karthag. vornehmen Geschlechtern?); in Libyen kaufte sie so viel Land "wie mit einer Rindshaut umgeben werden könne, worauf sie diese in schmale Steifen schneiden ließ, daher heiße die Burg von Karthago Byrsa = Fell". Dies scheint aber eher Bosra gewesen sein, was auf phönikisch 'Festung' heißt. Karthago selbst bedeutet soviel wie 'Neue Stadt' auf phönikisch. Sie entwickelte sich bekanntlich zu der mächtigsten Stadt des westlichen Mittelmeeres und überdauerte auch den Niedergang ihrer Mutterstadt Tyrus. Dies alles fand statt am Ende des 9.Jh. v.Chr. Josephus legte es auf das Jahr 860 v.Chr.

Umstritten ist, wer die Begegnung mit Aeneas und die Liebesgeschichte erfunden hat. Frühere nahmen meist die ersten beiden Bücher des Naevius an; ihnen schlossen sich u.a., z.T. mit neuen Argumenten, neuere Autoren an. Nach den von Heinze geäußerten Zweifeln traten andere für eine Vergilische Erfindung ein. Sicherheit ist nicht zu gewinnen; die Liebe und Feindschaft Didos zu Aeneas gehört eher zu den Ursachen der punisch-römischen Feindschaft, trotz Vergils großartiger Darstellung. Nicht heranziehen dürfe man Äußerungen wie die des Macr. oder Anth. Plan. 16, 151, Vergil habe Dido - das Vorbild der Gattentreue und häufig auch nach Vergil noch so gesehen! - schlecht gemacht, denn Kunst und Wirkung Vergils übertrafen die eines Naevius bei weitem.

Reine Spekulation ist die Vermutung, in der Sagengestalt Dido verkörpere sich die karthag. Stadtgöttin Tanit (Dea caelestis).

Quellen:
Der kleine Pauly
Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
Iustinus, Epitome
Timaios von Tauromenion
Vergil, Aeneis
Ovid, Metamorphosen

Beigefügt habe ich ein Bild des berühmten Gemäldes von Giovani Battista Tiepolo, Der Tod der Dido, aus der Mitte des 18.Jh. Es befindet sich heute im Puschkin-Museum der bildenden Künste in Moskau. (copyright The Yorck Project)

MfG
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Beitragvon Pscipio » Sa 06.05.06 20:02

Oh, eine wundervolle Münze! Und wie immer herzlichen Dank für die Hintergrundinformationen! Ich kannte Dido und ihre Geschichte, natürlich, aber ich wusste bisher nicht, dass sie auf Münzen dargestellt wurde.
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Beitragvon Peter43 » Sa 06.05.06 21:37

Es gibt noch einige andere Motive aus Tyrus, z.B. diesen Valerian, wo sie den Bau von Karthago beaufsichtigt!
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Beitragvon Peter43 » Mo 08.05.06 09:47

Zu der Münze aus Tyrus habe ich neue Informationen erhalten, die ich euch nicht vorenthalten möchte. So habe ich z.B. herausbekommen, welche Bedeutung die gebückte männliche Figur li neben Dido hat! Ich fand sie bei Justinus Lib. XVIII, der eine Episode dieser Flucht schildert (hier scheint ihr Bruder Pygmalion bereits in Neu-Tyrus zu leben!). Der altertümliche Stil stammt aus dem Hederich:

So soll sie den Pygmalion habe wissen lassen, daß sie gesonnen sey, zu ihm nach Neu-Tyrus zu ziehen. Weil nun dieser geglaubet, daß sie solcher Gestalt des Sichäus Schätze mitbringen werde, so habe er ihr selbst einige von seinen Leuten zugeschickt, sie nach Neutyrus zu begleiten. Als sie sich aber mit diesen zu Schiffe begeben, so habe sie dieselben gezwungen, einige Säcke voll Sand ins Meer zu werfen, wovon sie hernach vorgegeben, daß es ihres hingerichteten Gemahls Geld gewesen. Sie habe auch die Sache selbst des Pygmalions Leuten so vorzustellen wissen, daß sie aus Furcht vor ihrem Könige, weil sie die Schätze nicht besser in Acht genommen, sich entschlossen, mit der Dido durchzugehen.

Da auf der Münze die Flucht der Dido aus Tyrus dargestellt ist, fügt sich zwanglos die Erklärung für den Mann li neben Dido ein: Er ist im Begriff einen der Säcke voll mit Sand über die Bordwand zu werfen!

Eine ähnliche Rs.-Darstellung findet sich übrigens noch auf einer Münze von Gordian III., Rouvier 2431 (bei Wildwinds), und von Elagabal, BMC 410.

Als Zugabe eine Abb. der Purpurschnecke Murex, die heute korrekt Hexaplex trunculus heißt, in der Stellung, in der sie auf der Münze abgebildet ist. Die Abb. stammt aus der Sammlung von Erik Feldhuis/Niederlande.

MfG
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Hexaplex_trunculus.jpg
Hexaplex_trunculus.jpg (8.14 KiB) 2221-mal betrachtet
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Beitragvon Peter43 » So 14.05.06 23:47

Battos - der untreue Hirt

Wir hatten über die Geburt des Hermes und seine frühen Taten bereits eimal in diesem Thread gesprochen. Hier handelt es sich um eine Lokalsage, die am ersten Tag nach der Geburt des Hermes spielt, auf die ich gestoßen bin, als ich in meinem neuen AMNG blätterte. Zunächst aber die Münze:

Moesia inferior, Nikopolis ad Istrum, Gordian III., 238-244 n.Chr.
AE 27, 13.43g
Av.: AVT KM ANTN(?) - GORDIANOC AVG
Büste, mit Strahlenkrone, cürassiert, n.r., Brustpanzer mit Gorgoneion, auf der li Schulter
die Ägis
Rv.: VP CAB MODECTOV NIKOPOLEITWN PROC ICTRON (ON ligiert)
Nackter Hermes li vorgebeugt stehend, den re Arm mit dem gesenkten Kerykeion auf
das hochgestellte Knie gestützt, den li Arm mit der Chlamys umwunden und die li Hand
mit dem Beutel in die Seite gestemmt.
AMNG 2056; Varbanov 3328
VZ/SS, seltene Büstenvariante, hübsche glänzend-grüne Patina

Zu dieser Münze schreibt Pick in einer Anmerkung:
Der Gegenstand, auf den der Gott seinen re. Fuß gestellt hat, sieht auf allen Exemplaren aus wie der rechtshin gerichtete Kopf eines bärtigen Mannes; ich glaube selbst Auge und Nase zu erkennen und halte einen Zufall für ausgeschlossen. An Argos ist wohl nicht zu denken; aber man könnte die Darstellung vielleicht auf die wenig verbreitete Sage von Battos beziehen, den Hermes wegen seines Verrates in einen Felsen verwandelte (Ovid Metam. 2, 680-707).
Dass der Typus wahrscheinlich auf ein grösseres Kunstwerk, eine Statue oder auch ein Gemälde, zurückgeht, wurde schon in der Einleitung gesagt.

Die Sage (nach Hederich):
Battos, ein Arkadier, hatte seinen Aufenthalt auf einem hohen Felse, der des Battos Warte hieß, daher er denn auch den Mercurius gar bald gewahr wurde, als solcher dem Apollo einen Teil seiner Rinder gestohlen und sie durch Arkadien getrieben hatte. Damit er aber doch solchen nicht verraten sollte, wenn etwan jemand hinter ihm herkäme, und nach solchen Rindern fragete, so vermochte ihn Mercurius, gegen eine große Verehrung, daß er ihm einen Eid tat, solches nicht zu tun. Er trauete ihm gleichwohl nicht, und versteckete also seine Rinder in der prionischen Höhle an dem Koryphasius, nahm eine andere Gestalt an, und meldete sich wieder bei dem Battos, versprach ihm ein Oberkleid, Chlaena, wenn er ihm sagen würde, ob er nicht einige Rinder habe vorbei treiben sehen. Weil sich nun Battos solches Kleid gefallen ließ, und folglich sagete, was er von den Rindern wußte, so schlug ihn Mercurius mit seinem Stabe, und verwandelte ihn in einen Stein. Nicander ap. Anson. Liberal. Metam. c.22.
Einige wollen, daß er insonderheit des Neleus Hirt gewesen, und erst eine Kuh zur Verehrung bekommen; als ihm aber hernach der verstellte Mercur eine schöne Kuh und einen Ochsen versprochen, so habe er sich an seinen Eid nicht gekehret, sondern gesagt, wo die Rinder hingekommen, daher denn auch der Stein, in welchen er verwandelt worden, den Namen des Indicis, oder Probiersteins, bekommen. Ovid Metam. III. v. 687.
Indessen wollen auch einige, Mercur habe ihn nur stumm gemacht, daher er denn darauf nach Delphi gegangen, den Apollo um Rat und Hilfe zu fragen. Ap. Nat. Com. lib. V. c.5.

Hintergrund:
Battos war ein messenischer Hirt im Dienste des Pyliers Neleus. Er sah, wie Hermes die Apollon gestohlenen Rinder vorbeitrieb, und gelobte ihm gegen das Geschenk einer Kuh eidlich Schweigen gegen jedermann: "eher werde der Stein dort es verraten". Um ihn auf die Probe zu stellen, kam Hermes bald in einer anderen Gestalt und versprach ihm einen Stier, wenn er ihm die Rinder weise. Battos brach seinen Schwur und wurde zur Strafe in einen Fels verwandelt. Ant. Lib.23, Ovd Metam. 2, 676-707.
Es handelt sich dabei um eine Volkssage, die sich mit spielerischer Etymologie (battolegein = plappern) an die Battou skopiai (die Warte des Battos) knüpfte. Dies war vielleicht eine durch ein Echo ausgezeichnete Örtlichkeit.
In Hom. h. 3, 87f. 185ff. ist ein nicht genannter Greis aus Onchetos der Verräter.

Quellen:
Der Kleine Pauly
Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
Ovid, Metamorphosen

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Beitragvon Metellus » Mo 15.05.06 09:42

Hi,

wollte hier mal ein dickes Lob für Peter43 aussprechen. Die Beiträge sind echt klasse. Man lernt hier noch viel über antike Mythologie.

Gruß

Metellus
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Beitragvon Peter43 » Do 25.05.06 14:19

Kadmos - Gründer von Theben

1. Die Münze:
Phönizien, Sidon, Trajan, 98-117 n.Chr.
AE 24, 8.72g
geprägt im Jahr 227 der Sidonischen Ära = 116/7 n.Chr.
Av.: [AVTO NER] TRAIA[NW KAI CE]
belorbeerte üste n.r.
Rv.: [SIDWNOS NAV] - ARXIDOS
Kadmos, mit Hüftmantel, steht n.l. auf einem Schiffsbug, Kopf n.r. gewendet, weist mit der ausgestreckten re Hand nach vorne. Berücksichtigt man die Mythologie, weist er den Weg nach Griechenland, dabei nach Sidon zurückblickend.
im Feld li. LZKS (retrograd für 227)
BMC 218; SNG Copenhagen 252; Lindgren-Kovacs 2329
Selten, S+, grün-rote Patina
(Der fehlende Text ergänzt nach Sear GIC 1087)

2. Mythologie:
Kadmos war der Sohn des phönizischen Königs Agenor, des Sohns Neptuns und der Libye, und seiner Frau Telephassa. Seine Geschwister waren Europa und die Brüder Phoinix und Kilix. Nachdem Zeus in der Gestalt eines Stieres die Europa geraubt hatte, wurde er zusammen mit seinen Brüdern ausgeschickt, Europa zurückzubringen oder nie mehr heimzukommen. So ging er zusammen mit seiner Mutter und einer Schar Phönizier and Bord eines Schiffes und begab sich auf die Suche. Er irrte durch das östliche Mittelmeer und besuchte viele Inseln. Vom Sturm nach Rhodos verschlagen, baute er dort dem Neptun einen Tempel. Er besuchte auch Thera, Kreta und Samothrake, und errichtete überall Tempel. Endlich kam er nach Thrakien, wo Telephassa starb. Da er nirgends etwas von seiner Schwester Europa hörte, begab er sich nach Delphi, um das Orakel zu befragen. Apollo antwortete ihm, er solle aufhören nach Europa zu suchen, sondern der Kuh folgen, die ihn führen würde, und dort, wo sie sich niederlege, eine Stadt bauen.

Kadmos folgte der Kuh bis Böotien, wo sie sich niederlegte, und ihm so den Ort zeigte, wo er eine Stadt bauen sollte. Doch als er die Kuh der Athene opfern wollte und einige Leute ausschickte, aus einem Brunnen des Ares Wasser zu holen, wurden sie von einem ungeheuren Drachen aufgefressen. Dies geschah auch noch anderen. Daraufhin tötete Kadmos den Drachen in einem Kampf. Athene riet ihm, die Drachenzähne auszusäen, woraufhin aus der Erde lauter bewaffnete Krieger emporstiegen und begannen, sich gegenseitig zu bekriegen, bis nur noch 5 übrig blieben. Diese sog. 'Spartoi' wurden zu den Ahnherren der späteren Thebaner. Er selbst aber mußte zur Sühne dem Ares ein Jahr als Knecht dienen, weil dieser Drache ein Sohn des Ares gewesen war. Der Drachenkampf soll am kastalischen Brunnen stattgefunden haben. Zudem soll Böotien nach dieser Kuh seinen Namen bekommen haben, denn auf griech. heißt die Kuh BOVS. Er erbaute dort die Burg Kadmeia, aus der dann später die Stadt Theben wurde (bei Homer das 'siebentorige Theben', zum Unterschied zum 'hunderttorigen Theben' in Ägypten). In der Ilias heißen die Thebaner deshalb auch noch Kadmeioi.

Man sagt von Kadmos auch, daß er den Griechen das phönizische Alphabet gebracht habe, dessen sich die Griechen bis heute bedienen und von dem auch das lateinische abstammt. Er soll den Dionysoskult in Griechenland eingeführt haben. Er soll der Erfinder der Schmiedekunst gewesen sein, die zuerst am Berg Pangaios in Thrakien ausgeübt wurde.

Der Beginn seiner Herrschaft war glücklich. Athene hatte ihm die Stadt und Burg verschafft, und Zeus hatte ihm die Harmonia zur Frau gegeben, seine Tochter mit Elektra (oder die Tochter von Aphrodite und Ares). Bei dieser Hochzeit waren alle Götter anwesend und beschenkten das Brautpaar reichlich. Die Musik machten Apollo und die Musen! Sein späteres Schicksal aber kehrte sich in Unglück!.

Er hatte zum Sohn Polydoros, der ihm auf den Thron folgte. Eine Tochter war Semele, die später von Zeus den Dionysos gebar, dann aber von ihm durch einen Blitz getötet wurde (siehe Beitrag in diesem Thread). Eine andere Tochter war Ino, die später von ihrem rasend gewordenen Mann gezwungen wurde, sich mit ihrem Sohn Melikertes ins Meer zu stürzen (siehe Beitrag in diesem Thread); eine dritte war Autonoe, die mit Aristaios den Aktaion zum Sohn hatte, der später von seinen eigenen Hunden zerrissen wurde, und schließ die Agaue, die Gemahlin des Echions, die in ihrer Raserei ihren eigenen Sohn, den Pentheus, zerriß.

Nach all diesem Unglück verließ Kadmos mit Harmonia seine Heimatstadt Theben und ging nach Illyrien, wo er den Encheleern im Krieg gegen die Illyrer half und aus Dank zum König von Illyrien gemacht wurde. Kurz darauf aber wurden Kadmos und Harmonia von Zeus in Schlangen verwandelt und in die Elysischen Felder versetzt.

Der Grund aber für das furchtbare Unglück der Familie war Hera, die sich rächen wollte, weil Zeus sie zunächst mit Europa, der Schwester des Kadmos, und dann mit Semele, der Tochter des Kadmos, betrogen hatte.

3. Hintergründe:
Der Name Kadmos kann abgeleitet werden von phönizisch 'Cadam', was 'der Morgen' heißt. Dann wäre Kadmos der, der aus dem Morgenland kam. In Theben selbst sind neuerdings 36 babylonische Siegelrollen gefunden worden - neben bedeutenden kretisch-mykenischen Kunstwerken -, sodaß starke orientalische Einflüsse der Kadmeia gesichert sind.
Wesentlich ist die Verknüpfung seines Lebensendes mit Illyrien, wo eine einheimische Kultstätte in die böotische Kadmos-Sage einbezogen wurde. Am Schluß von Euripides' Bacchen prophezeit Dionysos, daß Kadmos und Harmonia auf stierbespanntem Wagen zu einem fremden Volk in Schlangengestalt fahren würden; als dessen Führer würden sie gegen Hellas ziehen, bis es Delphi plündere; dann werde das Volk ein schlimmes Ende nehmen und das Paar, von Zeus geführt, ins Land der Seligen eingehen. Die Verwandlung in Schlangen bedeutet Heroisierung und ist eigentlich mit der Entrückung ins Elysium identisch. Darum wird sie von Ovid (Met. 4, 562ff.) auch ans Lebensende verlegt, aber als Strafe für die Tötung des Drachens.
Die Begründung für seinen Auszug aus Theben wird verschieden erzählt. Die Hilfe, die er den Encheleern gibt i Kampf gegen die Illyrer, wird so von Apollodor erzählt. Danach bekommt er spät noch einen Sohn, den Illyrios. Die Gräber des Kadms und der Harmonia wurden bei Epidamnos gezeigt.
Das griech. 'Kadmeia nike' wurde im Sinne unseres Pyrrhusiegs verwendet. Dieser Ausdruck kommt vor bei Herodot und Plato.
Insgesamt gesehen gilt Kadmos als großer Kulturbringer der Griechen, denen bereits bewußt war, daß ihre Schrift aus Phönizien kam, und daß auch die Bearbeitung des Eisens aus dem Osten stammte.Eine lustige Interpretation des Kampfs der aus den Drachenzähnen entstandenen Kriegern stammt von Alkias. Er meinte, daß es sich dabei um die Gelehrten gehandelt habe, die aus den mitgebrachten Buchstaben (den Drachenzähnen!) entstanden seien, und die sich seitdem gegenseitig die Köpfe einschlügen!

In der Geschichte Thebens in der Mythologie folgte weiterhin ein Unglück dem anderen. Ich erinnere nur an die Sage von Eteokles und Polyneikes und den Zug der Sieben gegen Theben und an die darauffolgende Geschichte der Epigonen.

Das gilt übrigens auch für die historischen Geschichte Thebens. Auch hier folgt ein Unglück dem anderen bis zur endgültigen Zerstörung der Stadt. Fast könnte man von Parallelen zur Mythologie sprechen!

4. Kunstgeschichte:
In der Antike war der Kampf des Kadmos gegen den Drachen ein beliebtes Thema, das mehrfach auf Vasen abgebildet wurde. Hier ist das rotfigurige Bild von einem Krater aus der Zeit von 360-340 v.Chr., das Python zugeschrieben wird. Es befindet sich heute im Louvre. Es zeigt Kadmos mit einer Hydria in der Hand vor dem Drachen der Ismenischen Quelle bei Theben. Er wird begleitet von Harmonia links neben ihm. Rechts steht Ismene, die zugehörige Quellnymphe.

MfG
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Beitragvon Peter43 » Sa 27.05.06 21:16

Darzalas - Der Große Gott von Odessos

Heute möchte ich euch einen der geheimnisvollsten Götter der griechischen Mythologie vorstellen, den Großen Gott von Odessos Darzalas. Eigentlich aber ist er ein thrakischer Gott. Dazu zeige ich 3 verschiedene Münzen:

1. Münze:
Thrakien, Odessos, Septimius Severus, 193-211
AE 27, 9.9g
Av.: AV KL CEP - CEVHR[O]C P
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: O - DHCCE - ITWN
Der Große Gott von Odessos, in Himation, steht n.l., hält Cornucopiae im li Arm
und opfert aus Phiale über Altar li
Ref.: AMNG cf. 2260 (hier mit Gorgoneion auf der Brust); SNG Copenhagen 672 var.
Stempelfehler im li unteren Rs.-Feld
Anm.: Der Große Gott hier noch ohne Kalathos!

2. Münze:
Thrakien, Odessos, Gordian III. und der Große Gott, 238-244
AE 27, 11.31g
Av.: AVT KM ANT GORDIANOC / AVG
Die sich gegenüberstehenden Büsten von Gordian III., drapiert und cürassiert,
belorbeert, n.r., und dem Großen Gott, in Himation und mit Kalathos, n.l., mit
Cornucopiae über der li Schulter
Rv.: OD - HCC - EITWN
Demeter, verschleiert und mit Peplos über langem Chiton, steht n.l., hält in der re
Hand Kornähre und Mohn, in der re Fackel (oder Zepter?)
im re Feld E (für Pentassarion)
Ref.: AMNG 2337 (nur 1 Ex. in London)
Anm: Demeter ist ebenfalls eine chthonische Gottheit!

3. Münze:
Thrakien, Odessos, Gordian III. und der Große Gott, 238-244
AE 27, 11.40g
geprägt wahrscheinlich 238 n.Chr.
Av.: AVT M ANT GORDIANOC / AVG
Die sich gegenüberstehenden Büsten von Gordian III., drapiert und cürassiert,
belorbeert, n.r., und dem Großen Gott, in Himation und mit Kalathos, n.l., mit
Cornucopiae über der li Schulter
Rv.: ODHC - C - EITWN
Preiskrone, verziert mit Zickzacklinien, in der Mitte Inschrift 'DARZALEIA'; oben
ragen zwei Palmzweige aus der Öffnung
im Feld unten E (für Pentassarion)
Ref.: AMNG 2371 (2 Exemplare)
Anm.: Die DARZALEIA waren Spiele zu Ehren des Großen Gottes (Pick, AMNG S.
526ff.)

Die Thraker bewohnten in der Antike das Gebiet nördlich von Griechenland bis zur unteren Donau. Sie bestanden aus zahlreichen einzelnen Völkern. Das bedeutendste waren die Odrysen. Das wichtigste der Bergvölker waren die Bessen, die als letzte von den Römern unterworfen wurden. Die Mösier waren der Rest der nach Kleinasien ausgewanderten Myser. Beiderseits der unteren Donau siedelten die Geten. Sie besiedelten aber auch Teile der Ägäis und Teile von Kleinasien. Samothrake z.B. war thrakisch, wie bereits der Name zeigt. Herodot schreibt (Herodot, Hist. 5, 3), die Thraker seien nach den Indern das größte Volk auf der Erde. Ihnen ist es aber nie gelungen, ein eigenes Reich zu errichten, weil sie untereinander zerstritten waren und sich bekriegten. Allerdings sprachen sie dieselbe Sprache und ihre Sitten waren die gleichen. Beherrscht wurden sie von Priesterkönigen.

Die Beziehungen zwischen Griechen und Thrakern waren sehr eng und zwar in beiden Richtungen. Orpheus und Museios waren Thraker. Dionysos (thrakisch dios = Zeus, nysos = Sohn) hatte seinen Ursprung wahrscheinlich bei den phrygischen Thrakern, kam dann zu den europäischen Thrakern und breitete sich im 8.Jh. v.Chr. langsam nach Griechenland aus. Auch Asklepios war Thraker (thrakisch. as = Schlange, klepi = sich um einen Stab winden). Das galt aber auch in umgekehrter Richtung. Die thrakischen Götter wurden mit griechischen Namen belegt. Von Hermes leiteten die thrakischen Könige ihre Herkunft ab. Die thrakische Muttergöttin Bendis, erwähnt bei Herodot und Platon, wurde thrakische Artemis genannt. Sie galt als die Große Göttin im thrakischen Weltbild und wahrscheinlich betrachteten sich die thrakischen Könige auch als ihre Söhne, weshalb viele von ihnen Teres und Kotys hießen, was von den Epitheta Tereia und Kotyto der Artemis abgeleitet war.

Die meisten der thrakischen Götter waren chthonischer Natur. Sie waren Erd- und Fruchtbarkeitsgötter mit starkem Bezug zur Unterwelt. Das, was die thrakische Religion entscheidend von der griechischen unterschied, war der Glaube an ein Leben nach dem Tode. Dies war den Griechen völlig fremd. Dieser Glaube war so stark, daß berichtet wird, die Thraker hätten beim Tod eines der ihren freudig gefeiert, bei der Geburt eines Kindes aber geweint. Dieser Glaube war auch der Grund für die gefürchtete Tapferkeit der thrakischen Reiter, die im Kampf ihr Leben nicht schonten. Deshalb war ihnen später der christliche Glaube nicht fremd, fiel auf fruchtbaren Boden, und im 4.Jh. n.Chr. starb ihr alter Glaube ab.

An der Spitze des thrakische Pantheon stand der 'Thrakische Reiter', der auf vielen Münzen abgebildet wird. Er war wohl eher keine personifizierte Gottheit, sondern ein Symbol Gottes und des Schöpfers alles Irdischen. Das Pferd galt den Thrakern als heilig und auch Götter wie Apollon, Dionysos, Asklepios und Ares wurden als Reiter dargestellt. So verschmolzen griechische Gottheiten mit thrakischen Vorstellungen. Dies geschah besonders in hellenistischer und römischer Zeit in den Griechenstädten des Pontos (Schwarzes Meer), der Ägäis und der Propontis (Marmarameer). Die Kulte der Isis und des Serapis faßten fast ausschließlich an der Küste Fuß, während das Inland thrakisch blieb.

Dies gilt insbesondere für den 'Großen Gott von Odessos Darzalas'. Darzalas war einer der bedeuterenden Gottheiten der Thraker und wurde als 'Großer Gott von Odessos Darzalas' der Hauptgott von Odessos, dem heutigen Varna in Bulgarien. Er behielt also seinen alten thrakischen Namen bei. Er war ein Unterwelts- und Fruchtbarkeitsgott, hieß auch nur 'Großer Gott (= Megas Theos) oder gar nur 'Gott'. Heute wird sogar diskutiert, ob dies nicht auch unter dem Einfluß der jüdischen Diaspora geschah. Er hatte viel Ähnlichkeit mit dem griechischen Serapis. So kann es gut sein, daß die Thraker ihn als ihren Darzalas, die Griechen aber als Zeus oder Serapis verehrten. Ihre Analogie war sehr groß. Beide waren ältere Männer mit wallendem Haupthaar und Vollbart und trugen das Himation. In der römischen Kaiserzeit, zumindestens seit Septimius Severus bekam der Große Gott auch noch den Kalathos (lat. modius). Das führt dazu, daß diese beiden Götter bei Münzbeschreibungen oft nicht unterschieden werden. Aber das typische Attribut des Großen Gottes ist das Cornucopiae, welches sich bei Serapis niemals findet. Auf Münzvorderseiten ist es manchmal schwer zu erkennen, weil es in die Legende hineinragt

Die Entwicklungsgeschichte beider Götter unterscheident sich stark. Serapis ist eine künstliche Gottheit, die von Ptolemäus I. aus politischen und religionspolitischen Gründen erfunden wurde, indem er Elemente des ägyptischen Totengttes Osiris-Apis mit dem zeusgestaltigen Weltenherrscher synkretisierte. Der Große Gott aber war die Verschmelzung einer thrakischen Gottheit mit griechischen Vorstellungen, was sich in natürlicher Weise über einen langen Zeitraum hinzog. Zuerst erscheint der Megas Theos auf Münzen des 3.Jh. v.Chr. Am Ende dieses Jahrhunderts findet sich der Große Gott auch in der Gestalt eines Reiters. Es findet also eine weitere Verschmelzung statt mit dem thrakischen Reiterheros. Der Name Megas Theos findet sich auf einer Tetradrachme des 3.Jh. v.Chr.

Leider ist über den Kult selbst wenig bekannt. Er war eine Kombination von griechischen und thrakischen Vorstellungen. Auf seinem Höhepunkt war er sicherlich verbunden mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tode und an das Seelenheil. Er war weit verbreitet in der Bevölkerung von Thrakien und Moesia inferior und ihm hingen Menschen aller sozialer Schichten und aller ethnischer Abstammung an. Zu dieser Zeit gab es auch einen Tempel in Istrion, und Tomis, Markianopolis und Dionysopolis gaben Münzen mit seinem Bild heraus. Soweit wir wissen, war er niemals ein Mysterienkult mit geheimen Gemeinschaften und Herarchien.

Die Priester des Großen Gottes spielten in Odessos eine große Rolle. Sein Oberpriester hatte in hellenistischer und römischer Zeit den Vorsitz der Volksversammlung inne. Zu Ehren des Darzalas fanden zur Zeit von Gordian III. sogar Spiele statt, die sogenannten DARZALEIA, wie auf meiner abgebildeten Münze dargestellt ist. Diese Spiele fanden nach einer gefundenen Inschrift im Jahre 238 statt, wahrscheinlich in Anwesenheit des Kaisers.

(wird fortgesetzt)
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Beitragvon Peter43 » Sa 27.05.06 21:25

(Fortsetzung)

Beigefügt habe ich das Bild eines Grabmals des Darzalaspriesters Asklepios aus dem Regionalmuseum für Geschichte in Varna. Es stammt aus Odessos und zeigt neben ihm seine Frau Ani und zwei seiner Sklaven. Die Inschrift sagt, daß Asklepios zur Aristokratie der Stadt gehörte und einer deren bedeutendster Bürger gewesen war. Er war einer der 'Stadtältesten Ärzte', Priester des Großen Gottes Darzalas, Vorsteher des Gymnasions und Träger vieler Ehrentitel. Unter dem Relief werden gezeigt ein Rundschild, ein Pferdekopf mit einem Speer dahinter, ein Helm und ein Schwert. Dies zeigt die enge Verbindung von Darzalas auch zum Thrakischen Reiter. So ist der Große Gott von Odessos Darzalas nach Pudill ein herausragendes Beispiel für Kultkontinuität und Synkretismus in Thrakien.

Quellen:
Der kleine Pauly, Thrakien
Pick, AMNG I/1
Rainer Pudill, Der große Gott von Odessos Darzalas, NNb 9/2000
http://www.kroraina.com/thracia/hb/thrac_hero.html (Grabmal)

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon Peter43 » Fr 02.06.06 13:29

Melqart-Herakles

Phönikien, Tyros, Trajan, 97-117
AR - Tetradrachme, 13.96g, 24mm
geprägt im Jahr IZ (17) = 112/13 n.Chr.
Av.: AVTOKRAT KAIC NER TRAIANOC CEB GERM DAK
belorbeerte Büste n.r.
dahinter Keule, darunter Adler n.r.
Rv.: DHMARC - EX IZ VPAT S
Büste des Melqart, belorbeert, n.r., Löwenfell um den Hals geknotet
Prieur 1517
fast SS

Melqart war als *mlk-qrt 'König der Stadt' ursprünglich der Stadtgott von Tyros. So erscheint er bereits als 'Mi-il-qa-tu in der Schwurgötterliste des Vertrages Asarhaddons mit Baal von Tyros. Die älteste Bezeugung liegt jedoch in der aramäischen Inschrift des Barhadad aus Bredsch in Nordsyrien. vor. Wahrscheinlich bestand eine Trinität von Melqart, Baal und Astarte, dem weiblichen Synhedros der beiden.

Der Kult des Melqart fand dann Verbreitung in Arados und Kition, Thasos, auf Sizilien und Sardinien, in Spanien (ein Zentrum seiner Verehrung war Gades, das heutige Cadiz), wahrscheinlich auch in Etrurien, vor allem aber in Nordafrika. In Karthago war Melqart einer der Hauptgötter, obwohl er in Inschriften nur selten henannt wird, doch wird er als Herakles im Vertrag zwischen Hannibal und Philipp II. von Makedonien erwähnt. So wird man wohl meist dort mit einem ursprünglichen Kult des Melqart rechnen müssen, wo später Herakles-Gestalten verehrt wurden! Von Alexander Severus wurde der Kult des Melqart von Leptis Magna her auch nach Rom eingeführt.

Noch ungeklärt ist der Wirkungsbereich des Melqart. Seine Tempel enthielten keine Götterbilder, verehrt wurden Steinsäulen, oft in doppelter Anzahl. Ich erinnere nur an die beiden ambrosialen Felsen, die in der Gründersage von Tyros eine Rolle spielen. Auf seinen Altären brannten ewige Feuer. Da Melqart auf Münzen dargestellt wird, wie er auf einem Hippocampus reitet, wird er auch für einen Meergott gehalten, im Gegensatz zu Baal, der bekanntlicherweise ein Berggott war. Melqart war deshalb auch Seefahrergott und wurde auf Vorgebirgen verehrt; z.B. als rs-mlqrt 'Kap des Melqart' = Herakleia Minoa auf Sizilien.

Die Phönizier waren Meister der Baukunst. Der Melqart-Tempel in Tyros wurde von Herodot hoch gepriesen, hieß damals aber bereits Herakles-Tempel. Er war zu seiner Zeit das bedeutendste Baudenkmal des östliche Mittelmeeres. Deshalb holte Salomon Baumeister aus Tyros, damit sie ihm seinen Tempel in Jerusalem bauten. Das geschah zur Zeit des Königs Hiram von Tyros 970-936 v.Chr. So ist der berühmte Tempel des Salomon wahrscheinlich eine Nachbildung des Melqart-Tempels in Tyros. Der Tempel in Tyros zeigte auch 2 große Säulen, eine goldene und eine aus Edelsteinen, die sogenannten 'Säulen des Melqart'. Dieser Name wurde dann auf den Felsen von Gibraltar übertragen und wurde dann später zu den 'Säulen des Herakles'. Übrigens stammt der heutige Name Gibraltar von Tarek ibn Zeyad dem Eroberer Spaniens 711 und hieß nach ihm 'Felsen des Tarik', Dschebel al Tarik.

Wahrscheinlich war Melqart ursprünglich eine Erscheinungsform der syrischen Vegetationsgottheit. Darauf deuten auch Nachrichten, daß Hiram von Tyros als erster im Monat Peritios (= Febr./März) eine 'Auferweckung (griech. egersis) des Herakles' gemacht habe (Menander bei Ios. ant. Iud. 8, 5, 3). Abweichend berichtet Eudoxos von Knidos, Herakles sei auf einer Fashrt durch Libyen von Typhon (= Baal Hammon?) umgebracht worden, von Iolaos aber durch den Geruch von Wachteln wieder zum Leben erweckt worden.

Wie viele syrische Götter, so nimmt auch Melqart - gleich Herakles - später Züge eines Sonnengottes an. Auf Münzen hat er deshalb als Symbole Adler und Löwe.

Auf der gezeigten Münze ist die Verschmelzung mit Herakles deutlich. Das Löwenfell und die Keule sind von Herakles übernommen.

Ob Melqart identisch ist mit Moloch, dem berüchtigten Gott des AT, dem Kinderopfer gebracht wurden, ist umstritten. Allerdings waren Menschenopfer zu der Zeit weit verbreitet, was z.B. auch bei Abraham zu sehen ist, der seinen Sohn Isaak dem Jahwe opfern wollte. Dagegen ist Melikertes, der in Korinth hoch verehrt wurde (siehe Beitrag in diesem Thread), wahrscheinlich identisch mit Melqart. Es ist bekannt, daß es in Griechenland Kolonien der Phönikier gegeben hat, die natürlich ihre religiösen Kulte mitbrachten.

Der kleine Pauly
http://en.wikipedia.org/wiki/Melqart
http://phoenicia.org/ (Hervorragende Seite über Phönikien!)
http://perso.wanadoo.fr/spqr (Bild des Tempels in Tyros)

Beigefügt habe ich ein Bild des Melqart-Tempels in Tyros, wie man ihn heute sieht.

MfG
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tyros_trajan_Prieur1517.jpg
Temple of Melqart in Tyre.JPG
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