Seit wann und warum "Prägejahr"

Wie zahlten unsere Vorfahren? Was war überhaupt das Geld wert? Vormünzliche Zahlungsmittel

Moderator: Locnar

Beitragvon Wurzel » Mi 09.07.08 08:18

Quentchen hat geschrieben:Jo, und es gibt auch Leute, die haben tagsüber nix anderes zutun, als sich in Bibliotheken rumzutreiben ... :wink:


Genauso wie es Leute gibt, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als das selbe für dich zu tun ;-)



In Byzanz würde übrigens von Kaiser Justinian das erste mal Jahreszahlen auf Münzen geprägt, hier zwar immer das Regierungsjahr das Kaisers, aber nach welchem Modell hier eine Datierung vorgenommen wurde ist ja auch nicht gefragt.
Zumal bei den Kaisern bekannt ist, von wann bis wann sie regierten und sich so das Prägejahr problemlos feststellen lässt.

Micha
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Beitragvon KarlAntonMartini » Mi 09.07.08 10:27

Quentchen hat geschrieben:
KarlAntonMartini hat geschrieben:Es gibt auch Bibliotheken. Gerade in München dürfte das kein Problem sein. Grüße, KarlAntonMartini


Jo, und es gibt auch Leute, die haben tagsüber nix anderes zutun, als sich in Bibliotheken rumzutreiben ... :wink:

Dann eben nicht ... sich hier gegenseitig "Literatur-Zitate" um die Ohren zu hauen, mag ja für die "Insider" chic sein ... mich schreckt das eher ab. Wenns denn wenigstens noch Links wären ... :cry: ... :wink:


Wenn es einen Link gäbe, hättest du den bekommen. Aber allein der Literaturtip ist für wen, den es wirklich interessiert, Gold wert. Und mit so einem Tip findet man den Text dann hier: http://books.google.de/books?id=VY1w9ZS ... J3kvx-hvgQ

Also maule hier nicht herum. Grüße, KarlAntonMartini
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Beitragvon Dietemann » Mi 09.07.08 11:27

Basil hat geschrieben:Das Thema wird erschöpfend behandelt in: Friedrich Fhr. v. Schrötter: "Wörterbuch der Münzkunde", Berlin 1970, S. 121 ff Gruß Basil


Klasse, danke für den Tipp, das Buch kannte ich noch nicht. Es übersteigt zwar mit gut 90,- € derzeit meinen Etat, aber mal sehen.

Gruß Dietemann
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Beitragvon Quentchen » Mi 09.07.08 13:19

Hallo KAM,

ich "maule" hier nicht rum ... ;)

Aber es ist doch offensichtlich, dass ich ein interessierter Laie bin, der zur Abwechslung auch mal 'ne interessante Frage stellt ... und nicht jemand bin, der jetzt mit enormen Aufwand (finanziell und Zeit) in ein neues Hobby einsteigt (bzw. altes wieder aufleben lässt).

Mir ginge es ja auch nicht bei der Antwort um eine wissenschaftliche Ausarbeitung, sondern um eine sachliche - auch von einem Laien verdauliche - "knappe" Antwort auf diese Frage.

Nachdem du so nett warst, mir diesen interessanten Link zu bieten, bin ich dir jetzt aber wirklich zu Dank verpflichtet ... also: Vielen Dank :)
Schöne Grüsse
Ralf
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Beitragvon KarlAntonMartini » Mi 09.07.08 13:53

Bitte. Wiewohl du bei der Lektüre bemerkt haben wirst, daß die Frage nach dem Warum auch nicht behandelt wird. Interessant war der Hinweis, daß auch die Kreuzfahrer zuerst nach Hedschra datierten. Das belegt die Tatsache, daß die Kreuzfahrerei nicht ausschließlich unfriedlich war. Ich würde die europäische Jahreszählung auch in Zusammenhang sehen mit der Innovationskraft des Spätmittelalters, mit dem Bewußtwerden von Entwicklung. Familiennamen und -wappen kamen gleichzeitig auf. Zufall? Der von den Arabern überlieferte Aristoteles wird von Thomas von Aquin umgeformt und Grundlage einer neuen Philosophie. Der gotische Stil wird entwickelt. Das war eine Zeit des Aufbruchs. Interessante Frage, die du stellst, aber ich fürchte, es wird nichts mit einer knappen Antwort. Grüße, KarlAntonMartini
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Beitragvon Quentchen » Mi 09.07.08 14:10

Hallo KAM,

jo, knapp wird/kann die Antwort auf das "Warum" anscheinend wirklich nicht werden ... trotzdem interessant, dass da (von euch) unterschiedlichste Aspekte eingebracht werden. Ich hatte da für mich an eher pragmatische Gründe gedacht, wie gleiches Münzbild (oder wie man das nennt) und geänderter Legierung von einem Jahr zum anderen, damit sowas unterscheidbar ist, z.B. für die diversen Umrechnungen, die damals ja den Geldverkehr erschwerten. Etwa so: die xy-Groschen von 1556 bis 1560 haben alle 2 Gramm Reinsilber, ab 1561 sind sie mit 1,5 Gramm Reinsilber geprägt ...

Dass diese erste Verbreitung des Jahreszahlgebrauchs offensichtlich auch mit einem kunstgeschichtlichen und "philosophischen" Umbruch zusammenfällt, wie du es andeutest, ist auch ein interessanter Aspekt.
Schöne Grüsse
Ralf
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Beitragvon KarlAntonMartini » Mi 09.07.08 14:33

Die praktische Seite konnte auch ohne Jahreszahl sichergestellt werden, zB durch jahresspezifische Münzzeichen. Das haben die Engländer bis ins späte 17. Jahrhundert gemacht. Die große Masse konnte damals sowieso nicht lesen. Grüße, KarlAntonMartini
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Beitragvon wpmergel » Mi 09.07.08 18:54

Dietemann hat geschrieben:
Basil hat geschrieben:Das Thema wird erschöpfend behandelt in: Friedrich Fhr. v. Schrötter: "Wörterbuch der Münzkunde", Berlin 1970, S. 121 ff Gruß Basil


Klasse, danke für den Tipp, das Buch kannte ich noch nicht. Es übersteigt zwar mit gut 90,- € derzeit meinen Etat, aber mal sehen.

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Beitragvon Pflock » Mi 09.07.08 20:46

Quentchen hat geschrieben:... Ich hatte da für mich an eher pragmatische Gründe gedacht, wie gleiches Münzbild (oder wie man das nennt) und geänderter Legierung von einem Jahr zum anderen, damit sowas unterscheidbar ist, ...

Solche Hinweise gab es schon auf den Münzen. Nur Zahlen wären damels nicht sehr hilfreich gewesen, da die meisten Menschen nicht lesen konnten.
Zum Bsp. war es im Mittelalter üblich, jedes Jahr die aktuellen (sowieso nur lokal gültigen) Münzen für ungültig zu erklären, zu verrufen. Die neue Ausgabe wurde dann im Münzbild etwas verändert.
Für jemanden der nicht lesen kann, ist das vermutlich auffälliger als eine geänderte Zahl. Es war also schlicht nicht notwendig die Jahreszahl aufzuprägen.

In dem Zusammenhäng fällt mir gleich eine andere Frage ein: Ab wann hatten die Menschen in Europa eigentlich ein Bewußtsein für das christliche Jahr in denen sie lebten? Ich meine, ab wann sagten sie: "Ich wurde am 14.01.873 geboren"? Es gab ja Zeiten und Regionen, in denen zählte man die Jahre seit der Thronbesteigung des amtierenden Herrschers. Zählten die Römer die Jahre wirklich auf Basis der Gründung Roms, wie ich es in einem Roman gelesen habe?
Gruß Pflock

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Beitragvon KarlAntonMartini » Mi 09.07.08 21:06

"PflockIn dem Zusammenhäng fällt mir gleich eine andere Frage ein: Ab wann hatten die Menschen in Europa eigentlich ein Bewußtsein für das christliche Jahr in denen sie lebten? Ich meine, ab wann sagten sie: "Ich wurde am 14.01.873 geboren"? Es gab ja Zeiten und Regionen, in denen zählte man die Jahre seit der Thronbesteigung des amtierenden Herrschers. Zählten die Römer die Jahre wirklich auf Basis der Gründung Roms, wie ich es in einem Roman gelesen habe?


Die Römer zählten wirklich ab urbe condita. - Und die Frage, die du aufwirfst, ist spannend. Das Bewußtsein der Zeit, die über die eigene Lebenszeit hinausreicht, bedeutet ja auch, daß man sich selbst in einer geschichtlichen Tradition sieht. Dazu paßt schon, daß Familiennamen und Familienwappen aufkamen. Hintergrund war zunächst in den Städten, aber auch am Land ein wachsender Wohlstand, der es den Leuten erlaubte, über die unbedingten Lebensnotwendigkeiten hinaus etwas "Luxus" anzuschaffen. Gewissermaßen geistlicher Luxus war das zur gleichen Zeit steigende Interesse am erhofften ewigen Leben. Deshalb füllten sich die neuen großen Stadtkirchen der Dominikaner und Franziskaner mit Gläubigen, die den Predigten zuhörten. Grüße, KAM
Zuletzt geändert von KarlAntonMartini am Mi 23.07.08 22:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon helcaraxe » Do 10.07.08 11:56

Zu den Römern: Es gibt einige wenige Münzen, die die Tausendjahrefeier Roms nach der Stadtgründung darstellen (ab urbe condita).

Wenn man so will, dann sind das die ersten Münzen Europas, die die Jahreszahl nach einer allgemeinen Zeitrechnung (und nicht nach einem Herrscher) zur Darstellung haben:

http://www.coinarchives.com/a/results.p ... rfeier+rom
Viele Grüße
helcaraxe
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Beitragvon Dietemann » Do 10.07.08 13:20

Aus wikipedia:
Der römische Mönch Dionysius Exiguus legte 525 aus Vorgaben der Bibel und des Neuen Testaments den Zeitpunkt der Geburt Christi für das Jahr 754 ab urbe condita (seit der Gründung Roms) fest. Er bezeichnete das erste Jahr des Lebens Christi mit einer Eins.

Der angelsächsische Benediktinermönch Beda Venerabilis (673-735) verfasste um 731 die "Kirchengeschichte des englischen Volkes". Er griff die von Dionysius verwendete Jahreszählung seit Christi Geburt wieder auf. Sie verbreitete sich von England im Verlauf des 8. Jahrhunderts über das fränkische Reich im Abendland und wurde um das Jahr 1060 von der Kirche von Rom definitiv in Gebrauch genommen.

Ergänzung:
Die mir bekannten Urkunden (aus dem Eschweger Raum) beginnen in der Regel im 12. Jahrhundert und verwenden alle bereits diese Jahreszählung. Das ist demnach auch nicht verwunderlich, denn es waren angelsächsische Mönche, die die Gegend stark beeinflussten (Bonifatius).

Auf Münzen beginnt die Jahreszählung allerdings erst deutlich später, ich meine 1504.

Gruß Dietemann
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Beitragvon Numis-Student » Mi 23.07.08 21:26

Hallo,
zum WARUM kann und will ich mich nicht äußern, aber hier ( http://www.coinarchives.com/a/lotviewer ... 16&Lot=482 ) gibts die meines Wissens nach erste datierte Münze. Natürlich die erste nach einer Ära datierte Münze, gerade bei den Römern lässt sich ja fast jede Münze nach Konsul (in der Republik) oder nach Ämterzählung (in der Kaiserzeit) datieren.

Den Schrötter sollte es antiquarisch für etwa 50 bis 60 Euro geben.

Schöne Grüße,
MR
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Beitragvon Dietemann » Mi 23.07.08 22:40

Numis-Student hat geschrieben:Den Schrötter sollte es antiquarisch etwa 50 bis 60 Euro kosten.

In Deutschland ist der nur für 85,- plus Porto zu haben, den Preis habe ich nur in Argentinien gesehen. Wenn Du ihn für 60,- € incl. Porto findest, überweise ich den Betrag.

Zur eigentlichen Frage:

In dem Münzvertrag zwischen Hessen und Sachsen von 1492 (Hoffmeister 1 Seite 58 ) heißt es:
Item, die Müntz Jarzahl, und des Münzmeisters Zeichen, unterscheid zu haben..

Die Jahreszahlen beginnen auf hessischen Münzen 1502 und mit der Talerprägung und sind von da an die Regel. Aus dem zitierten Münzvertrag geht meines Erachtens eindeutig hervor, dass dies ein Unterscheidungsmerkmal sein sollte, da von nun an in unterschiedlichen Ländern gleiche Münzen geprägt werden sollten. Hintergrund war wohl, der verstärkte Silberzugang aus Amerika, dadurch konnten nun mehr und größere Münzen geprägt werden.

Das gilt wiederum nur für Hessen (die Antwort für den mitteleuropäischen Raum steht daher noch aus)

Gruß Dietemann
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