Kaufkraft eines Groschen Mitte 18. Jahrhundert Westfalen

Wie zahlten unsere Vorfahren? Was war überhaupt das Geld wert? Vormünzliche Zahlungsmittel

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Kaufkraft eines Groschen Mitte 18. Jahrhundert Westfalen

Beitragvon rhwrpz » Fr 14.05.04 08:46

Hallo Allerseits,
meine Frage hat sicherlich nicht vordergründig mit dem Sammeln von Münzen zu tun, aber schließlich gehört m.E. nicht nur der rein numismatische Aspekt zum Sammeln sondern auch der historische. :?:
In der "Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff geht es u.a. auch um 6 Groschen, die jemand entwendet haben soll.
Schüler, die dieses Thema bearbeiten, fragen: Was soll der Aufstand um 6 Groschen? Das lohnt doch nicht. Diese 6 Groschen sind in der Zeit so um Mitte 18. Jahrhundert, nördliches Deutschland einzuordnen.
Welchen "Wert" hatten diese 6 Groschen damals in heutiger Kaufkraft gerechnet?
Kann mir dazu jemand Auskunft geben? :?:
Vielen Dank im Voraus.
Gruß
Reiner
rhwrpz
 
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Beitragvon corrado26 » Fr 14.05.04 11:25

"WAS VERDIENTE GOETHE ?

Im 18. Jahrhundert bezahlte man in Talern. Ein Taler wurde in 24 Groschen oder in 90 Kreuzer gewechselt.

Ein Handwerksmeister verdiente zur Zeit Goethes 200-600 Taler im Jahr. Das reichte für ein sehr bescheidenes Leben.

Was bekam man für einen Taler Ende des 18. Jahrhunderts?

Zum Beispiel 6 kg Fleisch oder 12 kg Brot, aber nur ½ Pfund Tee oder 1 kg Tabak oder 2 Flaschen Champagner.
Für zwei möblierte Zimmer und Kost musste man jährlich 100-120 Taler rechnen.
Elf Bewohner von Weimar hatten ein Jahreseinkommen, das über 2000 Taler lag.
Goethe war einer von ihnen. Als Schriftsteller nahm er bis 1787 jährlich 1500-2000 Taler ein, als Weimarer Geheimrat bekam er noch einmal soviel; 1816 betrug sein Ministergehalt gar 3100 Taler.
Das war recht üppig, wenn man die Einkünfte seiner Kollegen betrachtet:
Wieland bekam als Hofrat und Prinzenerzieher in Weimar 1000 Taler (später 600 Taler Pension).
Der Philosoph Kant verdiente als Professor in Königsberg 747 Taler, etwa so viel wie Lessing in Hamburg und Wolfenbüttel.
Als Hofmeister (Privatlehrer) bekam Hölderlin in Frankfurt 150-200 Taler; davon konnte man kaum leben.
Schiller hatte als Geschichtsprofessor in Jena nur 200, als Hofrat in Weimar dann 400 Taler (so viel wie die von Goethe nach Weimar geholte Hofsängerin Corina Schröter); erst ein Jahr vor seinem Tod konnte er (mit der leeren Drohung, an das Berliner Nationaltheater abzuwandern) 700 Taler beim Herzog rausschlagen."

Gruß
corrado26
Scio me nescire sed tamen censeo cogitare necesse esse
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Kaufkraft Ende 18. Jh

Beitragvon Ingrid Tolkmitt » Mi 23.03.05 13:38

da ich gerade an einer Chronik für ein Herrenhaus in Mecklenburg-Vorpommern arbeite, hatte ich selbst nach Daten für Kaufkraft - Thaler gesucht. Einige Daten fand ich unter
http://www.sardemann.de/html/chronik.html
SARDEMANN, A.: Chronik. Stammbaum der Familien Sardemann von 1634 bis 1962. o. J.

Meine Datenreihe hat noch große Lücken 1 Thaler 1764-1786
500 gr. Brot 0,04
1 Brötchen
1 Kilo Weizen gemahlen 0,03
1 kg Kartoffeln
1 Salzhering
1 kg Speck
1 Pfund Fleisch bester Qualität (Rind) 0,07
1 Kilo Schweinefleisch 1,67
100 gr. Schokolade
1 Kanne Bier (0,936 l)
1 Ds. Schnupftabak, 21,5 g 0,02
1 Pfund Kaffee
1 Kilo Tee 4,00
1 Hemd 1,00
1 Paar wollene Strümpfe 0,30
1 Paar Schuhe 1,00
1 Fahrrad
1 Tageszeitung/ Monat
1 Morgen Ackerland 0,00462
1000 Ziegelsteine

Wenn es dich interessiert, kann ich dir das Kapitel per Mail zusenden.

LG
Ingrid Tolkmitt
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Beitragvon Gast » Mi 23.03.05 13:54

Hmmm .... :?:

das ist so eine Sache mit der Umrechnung in heutige Kaufkraft. Mit Wechselkursen im heutigen Sinne hat das nichts zu tun - das wäre zu einfach.

Ich stolpere in der Zusammenfassung über das Fahrrad für einen Thaler.

Das kann kein Fahrrad, wie wir es heute kennen oder ähnlich gewesen sein, denn so etwas gibt es erst ab 1779.

Zu Bedenken gebe ich auch, daß Maßeinheiten, trotz gleichlautender Bezeichnungen im Laufe der Jahrzehnte u.a. auch regional unterschiedlich gegenüber heute z.T. total unterschiedlich bemessen wurden. PFUND (als Gewicht) und MEILE (als Entfernungseinheit) sind typische Beispiele. Selbst THALER war nicht gleich THALER, und das selbst auf engstem geografischen Raum.

Darüber hinaus darf man nicht verkennen, daß private Aufzeichnungen über die Kaufkraft von Zahlungsmitteln häufig subjektiv geprägt sind und waren. Viele ältere Leute vergleichen noch heute 1000 Mark von 1950 mit 500 EUR von heute und beschweren sich darüber, wie teuer alles geworden ist. Ich erinnere mich selbst noch, daß ein VW-Käfer Anfang der Sechziger Jahre für knapp 6000 DM verkauft wurde, und das war dieselbe DM, die man noch heute bei den LZBs gegen EUR umtauschen kann. EIn dem VW-Käfer entsprechendes Auto für 3000 EUR (neu) :?: :?: :?:

Also: Vorsicht mit voreiligen Umrechnungen und Analogien 8O

Aussagekräftig sind eigentlich nur im Verhältnis zu stabilen Leitwährungen umgerechnete Preisentwicklungen für ein und dasselbe Wirtschaftsgut über einen längeren Zeitraum (z.B.: Die Goldmark hatte während der Inflationszeit 1919 bis 1923 einen festen Wechselkurs, nämlich 4,2 zu 1 gegenüber dem US-Dollar. Wie entwickelte sich beispielsweise der Preis für ein Ei in Papiermark während der genannten Zeit von Woche zu Woche?).

petzlaff
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Beitragvon KarlAntonMartini » Mi 23.03.05 16:09

Zu Goethes Zeiten gab es auch keine Tafelschokolade zu kaufen. Auch die vom Statistischen Bundesamt herausgegebenen Preisindizes müssen wegen der ständigen Veränderung der Lebensgewohnheiten alle paar Jahre auf neu zusammengestellte Warenkörbe gestützt werden. - Vielleicht nähert man sich dem Problem einmal von der Sicht des Bestohlenen: Wenn also ein Handwerksmeister höchstens 600 Taler im Jahr hatte, also deren 50 im Monat, dann wäre der Verlust eines Vierteltalers 0,5 % seines Monatseinkommens gewesen. Lassen wir einen heutigen Handwerksmeister einmal 5000 Euro im Monat netto verdienen, wären 0,5 % 25 Euro. Für einen Durchschnittsverdiener von heute könnte also der Diebstahl eines 50 Euroscheins ähnlich wehtun, wie damals dem Bestohlenen aus der Judenbuche der Verlust der Münze. 6 Groschen sind also nicht ganz "peanuts" aber andererseits auch kein richtig großer Betrag gewesen.
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Beitragvon KarlAntonMartini » Mi 23.03.05 16:20

@reiner: die Schülerargumentation dürfte so sein: erst bringen die wegen lumpiger 30 cents jemanden um, dann muß eine Tusse ein Buch darüber schreiben und wir müssen das auch noch lesen! - Ich drück die Daumen, daß es dir geling, die Droste-Hülshoff schmackhaft zu machen!
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Beitragvon Gast » Mi 23.03.05 16:49

@reiner & @KAM

passend zur Osterzeit:

Einen für 30 Cent umbringen? Das war vor knapp 2000 Jahren preiswerter, wenn man die Münzbezeichnungen wörtlich nimmt:

Jesus Christus wurde für 30 Silberlinge (Denare = "Pfennige" des Tiberius) ans Kreuz genagelt. Das entspräche nach heutigem Massstab 15 Cent (bei vereinfachter Umrechnung 1 EUR = 2 DM).

Ohne blasphemisch sein zu wollen - ich habe dieses semantische Rechenbeispiel angeführt, um meine oben genannte Aussage "optisch" zu verdeutlichen.

Schöne Feiertage - petzlaff
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Kaufkraft

Beitragvon Ingrid Tolkmitt » Do 24.03.05 19:26

Lieber Petzlaff,

noch ungewohnt mit dem Versenden von Beiträgen im Chat, hatte ich anfangs einige Schwierigkeiten. Vielen Dank auf deine Reaktion zu meinen Beitrag Kaufkraft eines Groschen Mitte des 18. Jahrhunderts. In meiner Chronik versuche ich nicht umzurechnen sondern vergleichend darzustellen. Der von mir gebrachte Ausschnitt aus einer Tabelle – die auch noch ergänzt werden muss – zeigt die
Kaufkraft einzelner Währungen in den Jahren 1764 bis 2005
1 Thaler Goldmark Reichsmark D-Mark D-Mark Euro
1764-1786 1900 1930-38 1960-62 2000 2004

das aufgeführte Fahrrad stellt sich so dar
1 Fahrrad - 75,00 50,00 - 250,00 600,00

Dein Hinweis war mir nützlich, weil ich in den Spalten, die keinen Preis enthalten, einen Strich einfügen werde. Dein Vergleich VW ist genau das, was ich sagen will. Eine Währung ist nicht umrechenbar. Sie ist allerdings vergleichbar, wenn man Einnahmen/Ausgaben gegenüberstellt. Doch das allein genügt auch noch nicht, da der Preis einer Ware zum einen durch die Produktionskosten, zum anderen durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. So ist es nur natürlich, dass die Kaufkraft einer Währung in einzelnen Regionen Deutschlands sehr unterschiedlich sein kann.

Darauf weise ich in diesem Kapitel auch einleitend hin:
Ein „Thaler“ war eine Rechnungseinheit, deren Wert im 17. Jahrhunderts heute schwer einschätzbar ist. Bei einer vergleichenden Gegenüberstellung wird erkennbar, wie groß die Kaufkraft war. Es gibt für diesen Zeitraum kaum verlässliche Statistiken. Die Warenpreise standen zueinander in anderem Verhältnis als heute; Vieh und Getreide waren billig, Metalle - auch Eisen, Zinn und Kupfer - teuer. Leider ist es schwer, sich bei gelegentlich genannten Geldwerten früherer Zeiten eine Vorstellung von der Kaufkraft zu machen.

Meine Tabellen werde ich nach Ostern noch ergänzen, da ich im Geographischen Institut der Universität Kiel eine Reihe von Statistischen Jahrbüchern (1912-1960) entdeckt habe, die mir gewiss weiterhelfen.

Als eine der ersten Schokoladenfabriken in Deutschland gilt übrigens die im Jahre 1756 (oder 1765 Brockhaus) von Prinz Wilhelm von der Lippe in Steinhude gebaute Fabrik. Da Schokolade jedoch zu den Luxusgütern gehörte, wird sie für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich gewesen sein.
http://www.theobroma-cacao.de/geschich/ ... is1800.htm
1999-2005 Arne Homborg

Vielen Dank für Deine Anmerkungen und frohe Ostern
Ingrid Tolkmitt
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Ingrid Tolkmitt
 
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