Historische Fehler bei Münzbeschreibungen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Beitragvon Peter43 » Sa 08.07.06 21:02

Die Auloi

Nach dem Erwerb der folgenden Münze, bin ich etwas der Bedeutung und der Geschichte der Auloi nachgegangen. Die möchte ich hier vorstellen. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen und regt zu weiteren Nachforschungen an. Ich habe den Beitrag hier eingestellt, weil die Auloi in der Regel falsch als Flöte bezeichnet werden. Nach dem Lesen dieses Beitrags sind wir aber klüger und machen diesen Fehler nicht mehr!

Phrygien, Apameia, ca.3.Jh. n.Chr.
AE 19, 3.29g
Av.: DH - MOC
bärtige Büste des Demos, drapiert, n.r.
Rv.: APA - MEW - N (beginnend re oben)
Marsyas, nackt bis auf Chlamys, der hinter ihm herweht, n.r. gehend und die Auloi
spielend
BMC 50; SNG Copenhagen 200

Unter Aulos versteht man einmal das Aulosspiel (ohne oder mit Gesang), die sog. Auletik, aber auch das Korpus, das Instrument selbst. Bei ihm ist es besser in der Mehrzahl von Auloi zu sprechen, weil es sich um Doppelröhren handelt. Sie gab es halbdurchlöchert, durch und durch mit Löchern versehen, mit Löchern an der Seite und mit Löchern an der Unterseite. Sie konnten gestimmt werden: Benutzt wurden sie bei Trinkgelagen im Einklang, bei Hochzeitsfeiern im Oktavabstand. Manchmal sieht man, daß die beiden Röhren verschieden lang sind. Es kann sein, daß mit der einen Röhre die Melodie, mit der anderen eine Begleitung gespielt wurde.

Und jetzt kommt es: der Aulos ist keine Flöte, sondern ein Rohrblatt- (Zungen-) Instrument, also eher eine einfache Doppel-Oboe (oder Pfeife).

Man unterscheidet: Zungenstück, oberes Ansatzstück, die eigentliche Röhre und die Grifflöcher. Der Aulos heißt bei Pindar und Euripides auch Kalamos oder Libyscher Lotos.
Das Aulos-Paar hatte getrennte Zungen (sog. Doppelrohrblätter), diese hießen Joch. Wegen ihrer Empfindlichkeit wurden sie in einem kleinen Futteral (glottokomeion) aufbewahrt; das ganze Instrument kam in eine Tasche von ungegerbtem Tierfell (synbene). Beim Spiel wurden die Lippen auf das Rohrblatt gepreßt; der starke Druck der aufgeblasenen Wangen war durch eine Art Zaumzeug, die Phorbeia, abgestützt: Lederbänder, die vom Mund über die Backen zum Hinterkopf gespannt erscheinen.

Die Gegenschlagzungen (Doppelrohrblatt) wurden aus Schilfrohr (vom See Kopais), das man dünn schabte, verfertigt. Brach die Zunge, dann spielte man notfalls auf offenem Loch weiter. Die Instrumentenröhre (kalamos bombykias), schwach konisch geschnitzt, erlaubte wahrscheinlich durch ein kleines 'Überblasen' auch noch einige Obertöne. Wahrscheinlich wurden die (ovalen) Löcher auch halbverdeckt gespielt, daher waren auf dem Aulos alle Tonarten erreichbar. Ein 5.Griffloch (Daumen) kann bei strammem Sitz der Phorbeia in Gebrauch gewesen sein. Diodoros von Theben führte einen besonderen Mechanismus zum Öffnen und Schließen (drehbare Ringe?) ein, die mit Haken zum Drehen ausgestattet waren.
Als Material für das Corpus dienten außer Schilfrohr, Buchsbaum, Lotosholz, Lorbeer, auch Knochen der Hirsche, Esel, Adler, Geier; Elfenbein vermittelten wohl die Phoiniker. Boiotien, das Überfluß an Schilfrohr hatte, wurde zur Heimat der Aulosspieler, meist Thebanern.

Das Alter der Auletik wird unterschiedlich beurteilt. Athen sieht im heroischen Zeitalter die Auloi nur bei den Barbaren. Plutarch hält die Auloi für älter als die Kithara, aber das bleibt fraglich, insbesondere weil viele Aulosbegriffe vom Kitharaspielen kommen. Die peleponnesische Sage nennt den Troizenier Ardalos, Sohn des Hephaistos, den Erfinder der Auloi. Der erste historische Aulet war Klonos von Tegea. Die rein instrumentale Auletik breitete sich von Phrygien schnell aus und war als Kriegsmusik beliebt besonders bei den Lakedaimoniern. Bei den Phrygiern diente sie zur Totenklage. Die Elegie wurde stets von Auloi begleitet (armenisch elega = Rohr). Plutarch meint, das der Aulosklang to theion, das Göttliche, enthalte, und so religiöse Gefühle hervorrufe. In der Aulodik war dem Auleten, dem Aulosspieler, ein Aulode, ein Sänger, zugesellt.

Seit Pythagoras bekämpfte man den übermütig-panegyrischen Auloston. Wegen orgiastischer Wirkung wählte man den Aulos zur Begleitung des Dithyrambos. Kritisiert wurde das Instrument beim wilden Satyrchor, da es den Gesang erdrücke. Unter den vornehmen Athenern hielt Alkibiades den Aulos für unziemlich, da er das Gesicht des Spielers entstelle. Das paßt zu der Sage, in der Athene aus diese Grund den Aulos von sich warf. Wohl durch Euripides kam die Sage vom Wettkampf des Marsyas mit Apollo auf und die anschließende schreckliche Bestrafung. Auch die Prachtkleidung der Auleten, die üblich wurde, kam in die Kritik. Aristoteles äußerte sich ebenfalls abfällig und dann entstanden in Sokrates und seiner Schule neue, starke Gegner. Aristoteles wollte den Aulosunterricht verbieten, auch wegen der Nutzlosigkeit für die Geistesbildung. Bis in die Spätzeit galt so das Kitharaspielen als edler. Cicero meint, daß der Aulet nicht so geschickt zu sein braucht wie der Kitharoede. Diese Geringschätzung der Auletik wird in der Neuzeit praktisch von Nietzsche übernommen, der das Kitharaspielen 'apollinisch' , das Aulosspielen 'dionysisch' nennt.

Übrigens sind auf dem Münzbild gut die Grifflöcher zu sehen!

Quellen:
- Der kleine Pauly
- Anemone Zschätsch, Verwendung und Bedeutung griechischer Musikinstrumente in Mythos und Kult, Marie Leidorf 2002

MfG
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Beitragvon Antinoos » Mo 10.07.06 09:07

curtislclay hat geschrieben:Die richtige Auflösung wurde also bereits vor 140 Jahren entdeckt und publiziert!

Jep - ich habe ja mein Wissen auch aus "dem Pauly", und da steht Vaballathus nach der etwas kruden Logik unter "A" ("Julius AURELIUS ..."), also in einem Band vom Ende des vorvorigen Jahrhunderts...

curtislclay hat geschrieben:Dass das "Horn" des Elagabal der Vorderteil von einem Stierpenis ist, betrachte ich übrigens als einen interessanten Vorschlag, nicht aber als eine bewiesene Tatsache!

Was ist in der Antike schon bewiesen?! ;-)

-Frank
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Beitragvon curtislclay » Mo 10.07.06 17:37

In der Antike ist schon eine ganze Menge bewiesen, z.B. dass Elagabalus der Nachfolger von Macrinus war, dass E. den heiligen Stein von Emesa nach Rom gebracht hat, usw. Man muss natürlich versuchen, zwischen diesem festen Wissen und blossen Hypothesen zu unterscheiden!

Für die Auflösung von Vaballaths Titeln wird der Pauly-Artikel wohl von Sallets "Fürsten von Palmyra" und seinen Artikel in der Num. Zeitschrift 1870 zitiert haben?
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Beitragvon Peter43 » Di 16.01.07 16:08

Hier habe ich einen Antoninian des Postumus, der im RIC falsch beschrieben ist.

Postumus, 260-269 n.Chr.
AR - Antoninian, 22mm, 2.75g
Köln, 269 n.Chr.
Av.: IMP C POSTVMVS PF AVG
Büste, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone, n.r.
Rv.: COS - IIII
Victoria, nackt bis zur Hüfte, n.r. stehend, hält in der erhobenen
Rechten Kranz und in der Linken langen Palmzweig.
RIC 287; C.31
hübsches VZ

Den beschriebenen Kranz konnte ich allerdings nicht sehen! Sondern es handelt sich um die rechte Hand mit den vergrößerten Fingern. Und diese Geste ist für Victoria ganz untypisch. Und so wird die Rückseite bei Cunetio beschrieben als: Nemesis, halbnackt n.r. stehend, die re. Hand zum Kopf erhoben und in der Linken langen Palmzweig haltend.

So handelt es sich also nicht um Victoria, sondern um Nemesis! Diese Falschbeschreibung findet sich bereits bei Cohen, die dann - wie so oft - von RIC einfach abgeschrieben worden ist.

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon chinamul » Di 16.01.07 16:51

Es scheint in der Welt der römischen Götter und Personifikationen eine ganze Anzahl nicht genau festzulegender Figuren zu geben. Oftmals ist keine Umschrift vorhanden, die Klarheit bringt (s. auch unsere kürzliche Diskussion über Genius - Bonus Eventus).
Nicht alles, was einen Palmwedel hält, ist eine Victoria (s. Hilaritas) und offensichtlich ist auch nicht alles, was mit Flügeln versehen ist, eine solche. Besonders aber die Gewandung der Figur auf dem Postumus-Antininian wäre für eine Victoria ausgesprochen ungewöhnlich. Oben ohne und ohne den typischen schwingenden Rocksaum habe ich sie meiner Erinnerung nach noch nie angetroffen. Um was bzw. wen es sich hier handelt, weiß ich allerdings nicht. Hederich kennt zwar Darstellungen der Nemesis mit Flügeln, erwähnt aber nicht den hier sehr auffälligen und sicher auch bedeutungsvollen langen Palmwedel.

Gruß

chinamul
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Beitragvon Pscipio » Di 16.01.07 16:55

Ich glaube nicht, dass man hier die Victoria-Theorie ausschliessen kann, denn der Palmzweig, gekoppelt mit den Flügeln (die bei Cunetio nicht erwähnt werden), scheint mir doch ziemlich stark auf Victoria hinzudeuten. Ausserdem hat diese Darstellung hier keine grosse Ähnlichkeit mit der Nemesis, wie wir sie von Denaren des Claudius und des Hadrian kennen und selbst auf gut ausgeprägten Münzen (siehe angehängtes Bild) findet sich kein Beweis, dass die Gottheit ihr Gewand mit der Hand berührt. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann gibt es diese Rückseite nur bei den gallischen Kaisern und hat kein sonstiges Vorbild. Daher und aufgrund der Attribute ziehe ich Identifizierung als Victoria mit Fragezeichen derjenigen als Nemesis vor, zumal die Siegesgöttin generell ein beliebtes Motiv bei der gallischen Prägestätte war.

Wie chinamul, dessen Posting ich soeben sehe, sagt: es ist manchmal nicht eindeutig, um wen es sich handelt. Aber vielleicht sollten wir dafür dankbar sein, liefert es uns doch Rätsel und Diskussionsstoff. Wenn wir alles wüssten, wäre das Münzsammeln sicher weniger spannend.

Gruss, Pscipio
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Beitragvon Peter43 » Fr 15.06.07 22:27

Diana Nemorensis

Römische Republik, P. Accoleius Lariscolus, gens Accoleia
AR - Denar, 3.90g, 19.7mm
Rom, 43 v.Chr.
Av.: P. ACCOLEIVS LARISCOLVS
Archaisierende Büste der Diana Nemorensis, drapiert, n.r.
Rv.: Dreifache archaisierende Kultstatue der Diana Nemorensis (Diana, Hecate, Selene) frontal stehend, auf ihren Schultern eine Stange, ihre Hände karyatidenartig erhoben; dahinter Hain mit 5 Zypressen; die li Figur hält in der äußeren Hand einen Bogen, die re Mohn.
Ref.: Crawford 486/1; Sydenham 1148; Accoleia 1
SS+, feine Tönung, Bankierszeichen auf dem Rev., das das Bild jedoch kaum stört

Der Ordnung halber gehören diese Anmerkungen aber auch in diesen Thread!

Von dieser Münze findet man fast immer nur falsche Beschreibungen. So wird die Büste auf der Vs. oft als Acca Larentia bezeichnet. Noch mehr Fehler finden sich bei der Beschreibung der Rs. (nach Alföldi):
(1) So werden die 3 Figuren auch als Nymphae Querquetulanae bezeichnet. Man erkennt aber deutlich, daß es sich bei den abgebildeten Bäumen im Hintergrund um Zypressen handelt, nicht aber um Eichen, wie man sie bei Eichennymphen erwarten würde.
(2) Es handelt sich danach bei den Bäumen natürlich auch nicht um Pappeln.
(3) Die Figuren halten auch keinen Tragebalken, auf dem sich die Bäume befinden, sondern es handelt sich eher um eine Stange, die die Figuren ursprünglich auf ihren Schultern trugen, um ihre Zusammengehörigkeit zu unterstreichen. Dies findet man z.B. beim Standbild der Dioskuren in Sparta. Die Bäume befinden sich dann in einem Hain im Hintergrund. Diese Fehlinterpretation ist verständlich durch die Veränderungen, die die Stempelschneider im Laufe dieser Ausgabe vorgenommen haben. So sehen die 3 Figuren hier aus wie Karyatiden und die unteren Teile der Bäume sind weggefallen. Auf den frühen Ausgaben dieses Typs konnte man sie jedoch noch gut erkennen.
(4) Der Gegenstand, den die linke Figur (Diana) in der Hand hält, ist natürlich ein Bogen und kein Mohn. Bei der Pflanze der re Figur (Selene) wird es sich um Mohn gehandelt haben, obwohl die Pflanze in späteren Ausgaben immer mehr einer bourbonischen Lilie ähnelte.

Mit freundlichem Gruß
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accoleius_Cr486.1.jpg
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Sonderreich von Palmyra

Beitragvon aretas2007 » Mo 25.06.07 17:22

Hallo allerseits, Gratulation zu diesem Threat. Er ist definitiv einer der besten in diesem Forum zu antiken Münzen. Ich muss gestehen, wegen diesem habe ich mich auch angemeldet. Über die anderen Threads und die dortigen Beiträge kann man ja durchaus streiten...

Naja, jedenfalls wollte ich noch einen kleinen Beitrag zum Palmyrenischen Sonderreich und seiner Münzprägung bringen. Sehr lesens-/empfehlenswert ist folgender Aufsatz:

Thorsten Fleck, Das Sonderreich von Palmyra im Spiegel der römischen Münzprägung, in: Geldgeschichtliche Nachrichten 199, Sept. 2000, S. 245-252.

Dort werden im Prinzip alle hier im Thread angesprochenen Fragen ebenfalls angeschnitten und geklärt. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass hier manche Mitglieder Passagen aus diesem Aufsatz zum Besten gegeben haben, ohne auf diesen hinzuweisen ;)

Gruß, Marco
aretas2007
 
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Beitragvon Peter43 » Di 26.06.07 21:51

Digamma oder Stigma?

Anläßlich einer Recherche bin ich wieder einmal auf das leidige Problem gestoßen, ob das griechische Zahlzeichen für die Zahl 6 Digamma oder Stigma heißt. Und da ich hier im Forum bereits mehrfach die falsche Bezeichnung 'Stigma' gelesen habe, soll hier eine Klarstellung erfolgen.

Als Beispiel nehme ich diese Münze aus meiner Sammlung:
Gratian, 367-383 n.Cr., Sohn des Valentinianus I.
AE - Follis (AE 2), 4.9g, 24mm
Lugdunum, 9. Aug. 378 - 25. Aug. 383, 2. Offizina
Av.: DN GRATIA - NVS PF AVG
Büste, drapiert und cürassiert, mit Perlendiadem, n.r.
Rv.: REPARATIO - REI PVB
Kaiser in Militärkleidung, frontal stehend, Kopf n.l., hält in der li Hand Victoria
auf Kugel und hilft mit der re Hand einer weiblichen Figur auf, die drapiert und
mit Mauerkrone li vor ihm kniet.
im Abschnitt LVGS
im re Feld Digamma
Ref.: RIC IX, Lgdunum 28(a); C.30
SS, hübsche blau-grüne Patina mit etwas anhängender spanischer Erde

Es geht um das Serienzeichen im re. Feld. Das Digamma war das 6. Zeichen im griechischen Alphabet und wurde deshalb als Zeichen für die Zahl 6 benutzt. Es hatte als Majuskel (Großbuchstabe) die Form eines F. Man muß nun den Gebrauch als Zahl und den als Buchstaben unterscheiden. Als Buchstabe kam das Digamma im klassischen Griechisch, dem Attischen, nicht mehr vor. Als in Athen 403 v. Chr. das milesische Alphabet eingeführt wurde, schaffte man das überflüssig gewordene Digamma einfach ab.

Es konnte aber nachgewiesen werden, daß es vor Homer noch benutzt worden war. So wurde das Digamma von Richard Bentley (1662–1742) wiederentdeckt, als er versuchte, die Metrik in Homers Epen zu rekonstruieren. Worte, die ursprünglich mit Digamma begannen, kommen bei Homer teilweise an Stellen vor, an denen ein konsonantisch anlautendes Wort zu erwarten wäre. Zu Homers Zeiten wurde das Digamma wohl nicht mehr gesprochen, wirkte aber in mündlich überlieferten Versen teilweise noch nach.

Das Digamma stammte vom phönizischen 'waw' ab und wurde wie 'w' gesprochen. Die Römer hatten für diesen Buchstaben keine Verwendung. Der Laut 'w' wurde bei ihnen bekanntlich durch 'v' wiedergegeben hatten. Sie nahmen ihn, um damit den Laut 'f' zu schreiben. So steckt in unserem F immer noch das alte griechische Digamma!

Als Minuskel (Kleinbuchstabe) schrieb man die Zahl 6, das Digamma, in der Regel wie das Schluß-Sigma, also als nach re offenen Halbbogen, an dem unten ein Haken hängt. Dieses Zeichen hat aber mit dem Sigma (= 200) nichts zu tun. Das Problem entstand erst im Mittelalter, als die Anzahl von Ligaturen zunahm. So gab es eine Ligatur für ST, die Stigma genannt wurde. Dieses Stigma gab es in verschiedenen Versionen, leider auch in einer, die wie das Schluß-Sigma aussah. Die Verwirrung war vollkommen! So nennen die heutigen Griechen die Zahl 6 Stigma! Wir sollten das aber nicht tun, weil in der Antike diese Ligatur nicht bekannt war. Es handelt sich also um ein modernes Mißverständnis. In Sophocles' 'Lexikon des Byzantinischen Griechisch', das das antike Griechisch bis ca. 1000 n.Chr. behandelt, wird das Stigma nicht erwähnt, weder als Ligatur noch als Zahl! Es taucht erst in späteren mittelalterlichen Manuskripten auf.

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Digamma
http://en.wikipedia.org/wiki/Stigma_(letter)
http://www.forumancientcoins.com/board/ ... #msg124317

Mit freundlichem Gruß
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gratian_lugdunum_28(a).jpg
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Beitragvon Peter43 » Mo 30.07.07 00:06

Das 'Horn' des Elagabal

Vorbemerkung:
Dies soll und kann keine Entscheidung sein im Streit um die Bedeutung des 'Horn' des Elagabal. Dazu bin ich nicht der Fachmann. Aber die Argumente die Wolfram Weiser bringt, sind allgemeingültig und deshalb wert, hier aufgeführt zu werden!

Wie viele wissen, hat Elke Krengel in Zusammenarbeit mit Veterinärärzten das sog. 'Horn' des Elagabal als Stierpenis interpretiert. Viele sind zu ihrer Meinung übergelaufen und beschimpfen leider Gegner in oft unflätiger Weise. Deshalb möchte ich hier einmal die Gegenmeinung von Wolfram Weiser darstellen.

Im Zentrum seiner Argumentation steht folgender Satz:
"Die Vergrößerung schludrig gravierter Stempel aus Massenemissionen stellt dem nicht professionellen Betrachter unerwartete Fallen." Ich möchte diesen Satz etwas abändern, indem ich 'dem unkritischen Betrachter' sage. Dann klingt er nicht so hart und behält doch seine Aussage.

Hier sind seine, meiner Meinung nach, überzeugenden Einwände:
1. Produkte damaliger Massenproduktion sind nicht als hyperkorrekte, heute beliebig vergrößerbare Bildquelle verwertbar. Es gab keine Mikroskope, sondern nur den mehr oder weniger normalsichtigen Betrachter. Abweichungen kommen häufig vor. Der damalige Betrachter wußte trotzdem Bescheid. Jetzt Details herauszunehmen und zu vergrößern ist nicht zulässig. Weiser spricht von 'zu vernachlässigenden Ausreißern'.

2. Die Kontextfalle. Es ist nicht zulässig, Phänomene isoliert und unhistorisch zu betrachten. Eine Interpretation, die nicht in das gültige historische Bild paßt, ist verloren.

3. Die Gewichtungsfalle. Wichtige neue Aussagen werden auch auf Münzen klar und adäquat ausgedrückt. Das gilt sowohl für Nero, der sich die Strahlenkrone aufsetzt, für Commodus mit der Herkuleskeule und dem Löwenfell, wie für Constantin mit dem Christogramm. Niemals aber ist eine Neuerung nur in einem Detail eingeführt worden, das der Normalsichtige kaum erkennen kann.

4. Die Positivitätsfalle. Kein Kaiser hätte es gewagt, sich ein Negativum anzustecken, um es erst dadurch positiv zu bewerten. Gerade die römische Münzprägung war äußerst konservativ. Selbst Themen der östlichen Münzprägung, wie z.B. Attis, waren tabu und Unappetitlichkeiten hatten keinen Platz.

Weiter gibt es für den Penis keine Parallele. Wollte man die Stärke des Stieres zeigen, nahm man seine Hörner und nicht das Gemächt. Zudem gibt es das 'Horn' nur auf den kleinen Denaren, nicht aber auf den Sesterzen, obwohl auf denen viel leichter Details gezeigt werden konnten. Weiter muß man sich einmal vorstellen, wie die Penisse gwonnen werden mußten! Nach der Opferung mußten diese dem Opferstier entfernt und 1-2 Wochen getrocknet werden, bevor man sie als 'Schmuck' benutzen konnte. Versuche zeigen, daß die Trocknung zu Schrumpfungen auf 5-12cm führen. Das beeindruckendste Bild in Krengels Arbeit aber ist eine Computersimulation. Es gibt tatsächlich nicht eine einzige Plastik mit dem Penis oder mit Ansätzen dazu!

Ebenso gibt es auch in der Literatur nicht eine einzige Andeutung, obwohl die antiken Autoren an Elagabal nicht ein gutes Haar ließen und sich den Penis nicht hätten entgehen lassen. Hätte ein römischer Kaiser sich einen Penis auf den Kopf binden können?, fragt Weiser, und antwortet: Natürlich nicht!

Und: Der Autorin fehlt schlicht der Sinn für die zeitlose Ekelhaftigkeit ihrer Idee. Was heute bei der Love Parade in Berlin möglich ist, war damals ein Ding der Unmöglichkeit.

Quellen:
Elke Krengel: Das sogenannte "Horn" des Elagabal - eine Umdeutung als Ergebnis fachübergreifender Forschung, in: XII. Internationaler Numismatischer Kongreß. Vortragszusammenfassungen (Berlin 1997) 89, Nr. 121; die mit Spannung erwartete Publikation jetzt in JNG 47 (1997) 53-72, bes. 64-69.

Wolfram Weiser, Elagabal mit Stierpenis-Hütchen" - Animalphallokrat oder Weichteil-Wolpertinger?, in: GN 196 (2000), S. 53-56.

Leonhard Schumacher, Think bigger! - Interkulturelle Kontakte zwischen Südäthiopien, Syrien und Rom in 'MACELLUM - Culinaria Archaeologica'
http://www.archaeologie-sachbuch.de/Fle ... acher1.htm

Die Bilder zeigen
1. Elagabal RIC 88
2. Elagabal RIC 146, 'Horn' auch auf Rev.!

Mit freundlichem Gruß
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elagabal_88.jpg
elagabal_146.jpg
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Beitragvon curtislclay » Mo 30.07.07 00:52

Das "Horn" wird auch auf Sesterzen, Dupondii, Assen, und Aurei abgebildet, nicht nur auf Denaren. Siehe meinen Forvm-Beitrag, Rubrik Roman Coins, A new sestertius obv. die of Elagabalus with "horn".

Ich glaube auch nicht an den Stierpenis, aber was soll denn nach Weiser das "Horn" darstellen?

Peter, könntest du mir eine Kopie von Weisers Aufsatz schicken?
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Beitragvon Peter43 » Mo 30.07.07 01:24

Schon getan!
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Beitragvon Homer J. Simpson » Di 31.07.07 18:11

Mit einem Stierpenis von 5-12 cm (!) auf dem Kopf hätte Elagabal in Rom wahrscheinlich irgend so was Ähnliches wie "Schrumpelstilzchen" als neuen Spitznamen bekommen.

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Vacuna?

Beitragvon Peter43 » Do 04.10.07 22:09

Vacuna?

Römische Republik, M. Plaetorius Cestianus, gens Plaetoria
AR - Denar, 18.52mm, 3.86g
Rom, 67 v.Chr.
Av.: Drapierte Büste einer geflügelten Göttin, n.r., mit durch Federbusch
geschmücktem Helm, Lotusblüte und Getreideähren auf der Stirn, Bogen und
Köcher über der re Schulter, Cornucopiae unter dem Kinn
dahinter CESTIANVS, davor S.C
Rv.: im Abschnitt M PLAE, dann TORIVS F AED CVR
Adler mit gespreizten Flügeln auf Blitzbündel n.r. stehen, den Kopf n.l. gewendet
Ref.: Crawford 409/1; Sydenham 809; BMCRR 3596; Plaetoria 4
SS+, getönt
Pedigree:
ex M&M AG Auktion 38, Basel 6./7.12.1968, coll. August Voirol, Lot 181
Plaetorius Cestianus war ein Freund des Cicero!

Die auf der Vs. abgebildete Göttin wird fälschlicherweise of als Vacuna bezeichnet. Vacuna ist eine sabinische Göttin und identisch mit der römischen Victoria. Sie hatte ein altes Heiligtum (Vacunae nemis) nahe der Villa des Hadrian bei Tibur, dem heutigen Tivoli. Die Römer allerdings leiteten ihren Namen von Va-cuus ab und meinten, daß sie eine Gottheit war, der das Landvolk Opfer darbrachte, wenn die Ernte auf den Feldern vorbei war und die Felder sozusagen leer waren (Schol. ad Horat. Epist. I.10.49; Ovid Fast.VI.307; Plin. H.N. III.17). Vom Scholiast des Horaz hören wir auch, daß einige sie mit Diana, Ceres, Venus oder Minerva identifizierten. Ihr Fest, die Vacunalien, fanden im Dezember statt.
Heute wird ihr Name etymologisch von *vacu- (= lacus, mit Wechsel von l>v, wie umbrisch 'vaper' = lat. lapis) abgeleitet und sie als 'dea del lago' bestimmt. Ihr sabinisches Kultzentrum befand sich vermutlich bei den schwefelhaltigen Quellen Aquae Cutiliae (Evans: The cults of the Sabine Territory, 1939)

Die traditionelle Identifikation der weiblichen Büste auf der Vs. dieser Münze als Vacuna ist unmöglich, schreibt Crawford und zitiert die Arbeit von J.P.Morel, MEFR 1962, S.25-29. Eine Identifizierung als Isis, nach der Arbeit von A.Alföldi, S 1954, S.30/31, ist vielleicht korrekt. Aber zusammenfassend gesagt ist die Identifizierung des Vs.-Typs immer noch unsicher, da die weibliche Figur Attribute der Isis, Ceres, Minerva, Apollo, Diana und Victoria trägt, eine richtige 'Multi-Kulti'-Göttin!

Quellen:
Der Kleine Pauly
Smith, Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology (online)
Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon

Mit freundlichem Gruß
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Beitragvon zacharias » Mi 14.11.07 22:15

ja, eine sogenannte panthea.

alles gute, zacharias
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