Indische Fürstenstaaten

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KarlAntonMartini
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Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » So 09.01.22 19:05

Unter der British Raj behielten zahlreiche indische Fürstenstaaten das Münzregal. Teilweise wurden nach 1858 die englischen Herrscher auch namentlich benannt. Die East India Company hatte sich seit dem 17. Jahrhundert zunächst in einigen Küstenstandorten niedergelassen, um sich dann unter Ausnutzung der innerindischen Streitigkeiten und Kriege immer mehr Territorien zu sichern. Die anderen europäischen Mächte, insbesondere Frankreich wurden dabei verdrängt. Die Fürstenstaaten prägten Münzen nach eigenen Währungssystemen, die in einem stets schwankenden Verhältnis zu der ab 1835 einheitlich für ganz Indien von der EIC geprägten Rupie standen. Dieser Zustand hielt bis 1947 an. Die größeren Staaten schafften sich im Lauf des 19. Jahrhunderts moderne Prägemaschinen an, viele kleinere Münzstände prägten aber bis zur indischen Union nach der klassischen Hammerschlagsmethode. Die Ausführung der Stempel ist in der Regel von geringer Qualität und der Brauch, daß die Stempel meist größer waren als der Schrötling und so immer nur ein zufälliger Teil des Stempels auf der Münze zu finden ist, macht die Bestimmung nicht einfach. Dazu kommt eine große Vielfalt an Schriftarten und Zeitrechnungen. Aber das macht das Gebiet der indischen Münzen so spannend.

Ich werde eine Reihe der Münzstände in alphabetischer Reihenfolge vorstellen.

Diese beginnt mit Alwar, einem kleinen Staat (1900 ca. 700.000 Ew.) im heutigen Rajasthan. Eine Rupie von Bakhtawar Singh (1791-1815) im Namen Schah Alams II. (1759-1806), geprägt in Rajgarh, 11,4 g. Das Prägedatum ist AH 1146, die Zahl 46 ist auf dem unteren Bild rechts oben zu finden, in AD entspricht das 1804. Möglich ist auch, daß die 46 das Regierungsjahr von Schah Alam II. bezeichnen, dann kommt man auf 1805. (KM 10) -
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Bakhtawar Singh war erst der zweite Herrscher des 1770 aus dem sich auflösenden Mughal-Reich hervorgegangenen Fürstentums. 1803 schloß er sich eng an die EIC an. Nach seinem Tod ließ sich seine favorisierte Konkubine verbrennen.
Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » Sa 15.01.22 15:45

Awadh oder auch Oudh genannt, lag an der Grenze zu Nepal und war 1720 aus dem Moghul-Reich hervorgegangen. Es regierte eine aus dem Iran stammende schiitische Dynastie, die zwar rationalistisch aber prachtliebend und verschwenderisch war. Schon bald geriet das Land unter den Einfluß der EIC, 1816 wurde es offiziell britisches Protektorat. In der Folge wurden die Nabobs zu Gebietsabtretungen gezwungen, dafür mit dem Königstitel entschädigt. 1859 verleibten sich die Briten das Land vollständig ein, daraus wurde die Provinz Agra & Oudh, nach 1947 der Bundesstaat Uttar Pradesh. Hier eine Rupie des dritten Königs, eher eine britische Marionette, Muhammed Ali Shah (1837-1842), AH 1254 (1838), 10,5 g., KM 316. Prägetechnisch besonders ist daran, daß die Münze zwar traditionell mit dem Hammer, aber im Ring geschlagen wurde. Die Vorderseite zeigt das Staatswappen: zwei geflügelte Nixen tragen die Königskrone über einem Fisch. Dazwischen die Zahl 1 für das Regierungsjahr des Königs. Auf der Rückseite in der Mitte die Jahreszahl 1254. - Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von Erdnussbier » Sa 15.01.22 19:26

Nur Info: Indien finde ich sehr spannend für mich ist es aber schwierig einen guten Bezug zu dem Thema zu bekommen.
Von daher sind deine Beiträge sehr Willkommen, ich freue mich schon auf weitere.

Grüß Erdnussbier
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » Sa 15.01.22 22:14

Bahawalpur war ein muslimisches Land, das von einer abbasidischen Dynastie regiert wurde. Es lag im heute pakistanischen Teil des Punjab (Fünfstromland, im Namen scheint der alte indogermanische Wortstamm "pan", penta, fünf auf). Es lag im Gebiet widerstreitender Interessen zwischen dem Moghul-Teich und den afghanischen Durranis. Eine kurze Zeit war es von den hinduistischen Marathen besetzt, schließlich erkannten die Durranis 1802 seine Selbständigkeit an. Diese war aber von den expandierenden Sikhs bedroht. So schloß Bahawalpur 1833 einen Schutzvertrag mit der EIC ab. Hier eine Kupfermünze des 6. Nabobs Muhammad Bahadur Khan III. Abbasi (1826-1852), die zwischen 1834 und 1843 geprägt wurde. In Katalogen wird das Nominal als "Fals" angegeben. Diese Bezeichnung ist vom römischen "Follis" über die Byzantiner und Abbasiden zum arabischen Wort "Falus" geworden und bezeichnet generell eine Kupfermünze. Von Hans Herrli in seinem Buch über die Münzen der Sikhs stammt der Versuch einer Bestimmung von Nominalen nordindischer Kupfermünzen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Münzen über 30 g Gewicht seien Annas, 16 - 24 g Takas (2 Paisa), 8,5 -12 g Paisas und 4,5 - 6 g Halbe Paisas. Der Fals hier hat 5,5 g, ist also 1/2 Paisa; Y 1; Valentine II --. Von der Jahreszahl ist nur 125x lesbar. Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » So 16.01.22 12:35

Im Süden des heutigen Unionsstaates Rajasthan lag das kleine Fürstentum Banswara, dessen Name etwa Bambuswaldland bedeutet. Es war 1538 aus einer Erbteilung entstanden und wurde von einer Rajputen-Dynastie beherrscht. Rajputen waren eine Gruppe hinduistischer adeliger Familien, die sehr kriegerisch eingestellt waren. Nachdem das Land in den Marathen-Kriegen unter starken Druck geraten war, schloß es 1818 eine Allianz mit der EIC gegen die Marathen. Der Kleinstaat, der 1901 nur 165.000 Einwohner zählte, gab lange keine eigenen Münzen heraus. Erst der Maharawal Lakshman Singh (1844-1905) ließ entgegen einer britischen Anordnung um 1870 Kupfer- und Silbermünzen prägen. Die Silbermünzen waren wohl nicht für den Umlauf bestimmt und dienten als Donative. Das Kuriose daran ist die verwendete Schrift. Die hatte der regierende Fürst als Geheimschrift selbst entworfen. Offenbar war ihm trotz seiner zwölf Frauen etwas langweilig geworden. Die hier gezeigte Silbermünze mit 2,0 g und 12,5 mm wird allgemein als Viertelrupie bezeichnet; eigentlich wäre sie im Verhältnis zur üblichen Rupie nur ein Sechstel gewesen. Die auf beiden Seiten der Münze gleiche Inschrift wird mit "Samsatraba" übersetzt, ein Name der Göttin Shiva. - KM 21. Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » Mo 17.01.22 22:18

Die oben schon erwähnten Marathen waren eine hinduistische Kriegerkaste, die aus kleinen Anfängen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Indien zu einer Großmacht wurden und das Moghul-Reich bis auf kleinste Reste zerstörten und eroberten. Die ursprüngliche Herrscherdynastie war durch eine Familie von Hausmeiern, die Peshwas ersetzt worden. Nach empfindlichen Verlusten im Kampf gegen die Afghanen teilte der Peshwa nach 1770 das Land auf, es entstand die Marathen-Konföderation. Der Hauptgegner war jetzt die EIC mit der drei Kriege geführt wurden, zunächst waren die Marathen erfolgreich, im dritten Krieg (vor 1818) unterlagen sie. Das Marathenreich wurde mit Unterstützung der Briten in mehrere Länder geteilt, die wichtigsten waren Indore, Malwa, Gwalior, Nagpur, Dhar, Dewas und Jhansi, die als Fürstenstaaten unter dem Protektorat der EIC existierten. Schon nach 1772 de facto und 1805 per Vertrag wurde der Marathenstaat Baroda an die EIC gebunden. Das Land lag im Süden des heutigen Unionsstaates Gujarat und hatte um 1900 ca. zwei Millionen Einwohner. Die regierende Dynastie, die Gaekwars (Schafhirten) nannten sich nach dem Beruf des Großvaters des Staatsgründers. Ich zeige hier eine Rupie des Maharaja Anand Rao (1800-1819), die noch im Namen des Moghuls Muhammed Akbar II. geprägt wurde. Auf der Vorderseite ist vom Namen Muhammed Akbars nur der Titel Shah zu lesen, auch das Prägejahr 1226 (1811) ist nicht vollständig erkennbar, läßt sich aber aus dem Regierungsjahr auf der Rückseite erschließen. Das für Münzen Barodas typische Krummschwert ist hier als Münzzeichen in den Buchstaben S von Julus gerutscht. Rechts über der Zahl 6 ein Buchstabe A in der Nagari-Schrift, der steht für Anand Rao und wurde von der Münzstätte in Baroda für Prägungen dieses Herrsches im Namen Muhammed Akbars II. benutzt. Die Rupie wiegt 11,4 g und wird im KM unter C 27 geführt. - Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » Sa 22.01.22 13:20

Mit dem nächsten Staat, Bharatpur, befinden wir uns wieder im Gebiet des heutigen Rajasthan. Dieser Staat war 1752 aus dem Moghul-Reich heraus entstanden und zu einiger Größe gelangt. Aber 1774 schlug der Moghul zurück und reduzierte das Land auf die Hauptstadt und eine kleine Region in deren Umland. 1805 unterstützte der Raja die Marathen von Holkar gegen die EIC, wechselte aber die Front und schloß sich eng an die EIC an. 1826 wurde das Land britisches Protektorat, der Raja erhielt eine Rangerhöhung zum Maharaja. (Die Übersetzung der indischen Fürstentitel ist nicht sinnvoll. Das Problem der Rangfolge der Fürsten lösten die Briten mit einem System von Salutschüssen. Den wichtigsten Herrschern in Indien standen 21 Salutschüsse bei offiziellen Anlässen zu, dann ging die Hierarchie nach unten weiter. Dem Maharaja von Bharatpur standen 17 Salutschüsse zu. Es gab aber auch Herrscher ohne Anspruch auf Salutschüsse.)
Hier zeige ich eine Kupfermünze des Raja Ranjit Singh (1776-1805), geprägt im Namen von Shah Alam II. (1759-1806) in Akbarabad AH 1208 (?) = 1793. Die Münze wiegt 6,7 g. Im KM (Nr. 02) ist sie als Paisa verzeichnet, das paßt aber nicht zum Gewicht. Ich würde Halber Paisa schreiben. Auf der Vorderseite liest man (von rechts nach links) die arabisch-persischen Buchstaben Mim (der letzte Buchstabe von Alam), Schin und Alif verbunden und Ha, also Shah. Darüber rechts die Jahreszahl AH 1208, die Null ist sehr schlecht zu erkennen, auch die drei Punkte, die zum Buchstaben Schin gehören, sind nur sehr schwach ausgeprägt. Die Rückseite zeigt einen Katar in den Buchstaben Sin gestellt (gehört zum Wort Fulus). Der Katar war ursprünglich ein aus Südindien stammender Dolch, der im Krieg und zur Jagd verwendet wurde. Er entwickelte sich zum Kultgerät und Herrschaftssymbol. Das Bild des Katars kommt auf indischen Münzen häufiger vor, ist aber nicht spezifisch für einen bestimmten Staat. Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » Sa 22.01.22 22:35

Ziemlich genau in der geographischen Mitte Indiens lag der Staat Bhopal, heute in Madhya Pradesh gelegen. Dieser Staat wurde von einem pashtunischen Söldner der Moghuln begründet, der ein kleines Gebiet als Lehen bekam, dieses aber mit Gewalt kräftig ausweitete. Er begründete eine islamische Dynastie. Nach diversen Kriegen mit den Moghuln und den Marathen wurde das Land 1818 britisches Protektorat und hielt sich auch während der indischen Revolten 1857/58, die zur Entmachtung der EIC führten, treu zur britischen Seite. Zwischen 1819 und 1926 wurde das Land hintereinander von vier Frauen regiert, die ihre Sache ganz gut machten. Jedenfalls war Bhopal eine Perle unter den indischen Staaten, was religiöse Toleranz, Infrastruktur und Kunst anbelangte. 1950 wollte sich das überwiegend muslimische Land sich Pakistan anschließen, was aber von der Indischen Union mit Gewalt verhindert wurde.
So kann ich erstmals in diesem Thread die Münze einer Münzherrin vorstellen, ein kupferner Anna von AH 130x = ca. 1887, geprägt in Bhopal unter Sultan Shah Jahan Begum (1868-1901). Das Stück wiegt 30,7 g und steht im KM unter Y 18. Das Obvers zeigt einen deutlichen Prüfhieb, offenbar wurden die großen Kupferstücke gern gefälscht (vermutlich Gußfälschungen mit einer Bleilegierung). Dort die Herrschertitulatur und ein sechseckiger Stern für die Münzstätte Bhopal. Der Stern steht auch auf der Rückseite, einmal im Buchstaben Sin und ganz oben, rechts und links davon das Datum.
Annas in Kupfer wurden nur von wenigen Staaten geprägt, üblicherweise war die Ausbringung in Silber als 1/16el Rupie. (Zur Erinnerung: 1 Rupie =16 Annas, 1 Anna = 4 Pice, 1 Pice = 3 Pies; das galt jedenfalls in großen Teilen Indiens, wobei Rupie nicht gleich Rupie war.) Grüße, KarlAntonMartini
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Re: Indische Fürstenstaaten

Beitrag von KarlAntonMartini » So 23.01.22 13:02

etzt geht es wieder in westlicher Richtung nach Rajasthan, wo Bikanir (heute: Bikaner) liegt, ein Rajputen-Staat, der schon im 15.Jahrhundert unter der Oberhoheit der Moghuln gegründet wurde, gelegen an der Wüste Thar. Anfang des 18. Jahrhunderts lösten sich die Rajas von Bikanir vom Moghul-Reich, gerieten dann aber in ständige Kriege mit den Nachbarn und retteten sich nach dem 3. Marathen-Krieg 1818 unter den Schirm der EIC. Der Staat war zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark verschuldet, dies änderte sich aber in der Jahrhundertmitte, weil er den Briten seine Kameltruppen für Kriegszüge nach Afganistan und gegen die Sikhs vermietete. Noch im 1. Weltkrieg kämpfte der Maharaja mit seiner Kamel-Brigade gegen die Osmanen. Er war hochrangiger britischer Offizier und vertrat das Indische Kaiserreich auf der Versailler Konferenz.
Hier eine Rupie geprägt unter Maharaja Dungar Singh (1872-1887). Benannt ist darauf allerdings sein Vorgänger Sardar Singh und Queen Victoria, die die Rolle der Mughal-Herrscher als Münzherrin übernommen hatte. Die Münze hat die "eingefrorene" Jahreszahl 1916 nach der Samvat-Ära, entsprechend 1859. 11,3 g Gewicht, im KM die Nummer 54. - Wie üblich ist nur ein Teil des Stempels auf dem kleinen Schrötling zu sehen. Es gibt in Indien von den normalen Stempeln Ausprägungen auf größeren, dafür dünneren Schrötlingen, die Nazarana-Rupien oder Nazarana-Paisa. Von dem Stempel dieser Rupie hier gibt es eine Nazarana-Prägung bei Zeno. Dort findet sich auch eine gute umfassende Erklärung des Münzbildes. https://www.zeno.ru/showphoto.php?photo=130043 - Grüße, KarlAntonMartini
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