Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Griechische Münzen des Altertums

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Altamura2
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Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Beitrag von Altamura2 » Mo 19.01.26 11:48

Es gibt da eine Serie von Münztypen aus Karien, die auf dem Revers die Buchstaben 𐊠𐋃𐊫 tragen, manchmal auch nur einen Teil dieser Buchstaben oder auch in anderer Reihenfolge.
Der häufigste Typ davon ist ein Hemiobol mit einem Widderkopf auf dem Avers und dem Kopf eines jungen Mannes auf dem Revers, wie wir ihn hier im Forum auch schon gesehen haben.
.
Kasolaba_klein.jpg
.
Bei meiner Sucherei rund um die Bätylmünzen aus Kaunos (viewtopic.php?f=49&t=73621) bin ich dabei auf einige neue Ansätze gestoßen, die in die Zuweisung dieser Münzen zu einer Prägestätte wieder etwas Bewegung bringen :D . Aber zunächst mal ein Blick auf die Zuordnungsgeschichte, die ähnlich volatil wie die der Bätylmünzen war (und wer weiß, vielleicht immer noch ist :D ).

1890 hat Jan Pieter Six drei Exemplare dieses Typs in "Monnaies grecques, inédites et incertaines (suite)", Numismatic Chronicle 1890, S. 185-259, auf Seite 256 beschrieben und einem Herrscher Audymon von Salamis auf Zypern zugeschrieben, der ca. 415-410 v. Chr. geherrscht haben soll: https://archive.org/details/numismaticc ... 6/mode/2up .
Diese drei Münzen befinden sich heute im British Museum (und sind immer noch so beschrieben wie vor mehr als 100 Jahren):
https://www.britishmuseum.org/collectio ... t/C_G-4213 , https://www.britishmuseum.org/collectio ... 841-B-2238 , https://www.britishmuseum.org/collectio ... t/C_G-4214

Im BMC Troas, Aeolis and Lesbos von 1894 wird ein Exemplar des Typs hier auf Seite 44 unter Nummer 14 Kebren in der Troas zugeordnet: https://www.britishmuseum.org/collectio ... 68-0619-75 . Dies wird aber schon als unsicher betrachtet, verwiesen wird auf den Artikel von Six.

In Babelons Traité wird dieser Typ in Band II-2 von 1901 unter den Nummern 1142 und 1143 beschrieben und auf die Münzen im BM Bezug genommen. Zugeordnet wird nun einem unbestimmten Herrscher auf Zypern.

Im BMC Cyprus von 1904 werden auf Seite 54 unter den Nummern 42-44 die drei Exemplare aus dem Six-Artikel nochmals beschrieben und auf Tafel XI als Nummern 5-7 abgebildet. Sie werden nun Salamis auf Zypern unter dem Herrscher Abdemon zugeschrieben (letzteren aber mit Fragezeichen): https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bd6t5 ... /f211.item , https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bd6t5 ... /f298.item

So ging es dann weiter, bis Hyla A. Troxell 1984 in "Carians in Miniature", in A. Houghton et al. (Hrsg.), "Studies in Honor of Leo Mildenberg", Wetteren 1984, S. 249-257 (leider nicht online verfügbar :| ), diesen Münztyp aufgrund von Fundorten in Halikarnassos in Karien verortete und die Buchstaben auch als karische identifizierte. Da man bei diesem Typ bei gleichbleibender Legende eine stilistische Entwicklung von einem eher archaischen zu einem klassischen Stil feststellen kann (die dann eben auch ihre Zeit braucht), ging Troxell von einer städtischen Prägung und nicht der eines Dynasten aus. Die Fundorte dieser Münzen sind aber vielleicht nicht ganz zuverlässig, das war eher ein "der Sammler hat gesagt dass sein Verkäufer gesagt habe, dass ..." :wink: .

Nachdem nun in den 1990er Jahren die Entzifferung der karischen Schrift weitergekommen war, kam 2009 Koray Konuk in "Kasolaba, a New Mint in Karia?" mit dem Vorschlag, als Prägestätte die Stadt Kasolaba anzusehen (die war zumindest eine Zeitlang Mitglied des Attisch-Delischen Seebunds und taucht in dessen Tributlisten auf): https://www.academia.edu/332819/Kasolab ... t_in_Karia . Nach damaliger Lesart entsprachen die Buchstaben 𐊠𐋃𐊫 auf den Münzen nämlich dem Lautwert "azo", was nicht so recht zu Halikarnassos passen will :? .

Diese Zuschreibung fand dann durchaus Widerhall, wenngleich manchmal auch mit etwas Skepsis. Konuk hat diese Zuordnung teilweise schon selbst mit einem Fragezeichen versehen (z.B. hier: https://www.academia.edu/126359836/Kari ... _Sikkeleri).

In einem jüngeren Artikel von Ignasi-Xavier Adiego, einem der Spezialisten für die karische Sprache, mit dem schönen Titel "A Kingdom for a Carian Letter" :D , in Ignasi-Xavier Adiego et al. (Hrsg.), "Luwic dialects and Anatolian - Inheritance and diffusion", Barcelona 2019, S. 11-50, geht er nochmal dem Lautwert des karischen Buchstabens 𐋃 nach: https://www.academia.edu/41944038/Adieg ... ian_Letter
Das geht jetzt ziemlich tief ins Philologische 8O und man erfährt auch, dass die karische Schrift wohl nicht in ganz Karien auch einheitlich war :? . Adiego kommt schließlich zum Ergebnis, dass das 𐋃 auch den Lautwert l (also L) gehabt haben kann, was aus dem 𐊠𐋃𐊫 ein lautmäßiges "alo" machen würde, was wieder zum (vermutlichen) karischen Namen von Halikarnassos und zu den Fundortangaben bei Troxell passen würde :D .

Dann hab' ich aber entdeckt, dass Koray Konuk letztes Jahr im September auf einem Kongress in Krakau einen Vortrag mit dem Titel "Back to Kasolaba" gehalten hat. Der Konferenzband ist zwar noch nicht erschienen, aber in den Kurzzusammenfassungen kann man (mit Bezug auf den Adiego-Artikel) lesen:
"As a result, a new attribution to Halikarnassos was argued, which, as will be shown, makes little sense. This new attribution did not take into account the new specimens in this group that bear Greek letters, especially those beginning with the letter K. I will try to show that there are now more reasons to support the original attribution to Kasolaba.": https://asia-minor-coinage.confer.uj.ed ... 2bb8f5146f

Konuk meint mit den neu aufgetauchten Münzen solche wie beispielsweise diese mit einem K auf dem Revers:
.
mit K_klein.jpg
(https://www.biddr.com/auctions/navillen ... &l=4056881)

Ein K gibt es in der karischen Schrift aber nicht, so dass diese Legenden griechische sein müssen. Dass im Laufe der Zeit bei einem Münztyp von einer lokalen Schrift auf die griechische umgestellt wurde, gab es auch in anderen Städten, beispielsweise bei den Ringerstateren aus Selge in Pisidien.
Das K passt dann wieder gut zu Kasolaba, da es aber auch Münzen mit KΔ als Legende gibt, bin ich gespannt, wie Konuk das interpretiert :D .

Es gibt aber auch Exemplare eines kleineren Nominals mit EK als Legende, die auf den Satrapen Hekatomnos verweisen, der aber nach bisherigem Stand in Mylasa geprägt hat.
.
Hekatomnos_klein.jpg
(https://www.acsearch.info/search.html?id=13493684)

Dieser Münztyp scheint somit eine recht lange Verwendung gehabt zu haben, es bleibt also spannend :D .

Die wohl gesamte bekannte Menge der hier behandelten Münzen kann man übrigens auf HNO schön sehen: http://hno.huma-num.fr/browse?mint=Kasolaba (wo ich jetzt endlich herausgefunden hab', wie man dort einen Link direkt auf nur eine Münzstätte setzt :D ).

Gruß

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Re: Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Beitrag von Homer J. Simpson » Mo 26.01.26 15:51

Sokrates, der alte Greis,
Sagte oft in tiefen Sorgen:
»Ach, wie viel ist doch verborgen,
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- Wilhelm Busch
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Re: Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Beitrag von Altamura2 » Mo 26.01.26 18:11

Homer J. Simpson hat geschrieben:
Mo 26.01.26 15:51
...
»Ach, wie viel ist doch verborgen,
Was man immer noch nicht weiß.«
...
Zum Glück, würde ich sagen, sonst wäre es irgendwann langweilig :D .

Gruß

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Re: Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Beitrag von Lampsakos » Do 29.01.26 23:12

Ich habe ein Exemplar mit ziemlich perfektem Portrait, eines der filigransten Münzbilder überhaupt (nur beim Widderkopf hat sich der Münzmeister wohl plötzlich krank gemeldet ....? 8O ):

Kasolaba++.jpg
Sehr gut sieht man links auch den entscheidenden karischen Buchstaben 𐋃 .


Diese Münze hat mich so begeistert, daß ich immer bei Gelegenheit mal nachgekauft habe .... mit der Folge, daß ich nun eine ganze Galerie von karischen Jünglingen habe :P

IMG_2025fdfd.jpg

... und karischen Widderköpfen:

IMG_20251119_1214.jpg


Zur Zuweisung:

Es zeigt sich mal wieder, daß auch bei so häufigen Münzen die Fundorte völlig unbekannt sind.
Konuk ist in jedem Fall rechtzugeben mit seiner Entdeckung, daß wir es hier mit einem karischen Buchstaben zu tun haben. Aber ich habe doch meine Zweifel, ob eine sonst praktisch unbekannte Stadt über lange Zeit eine verbreitete Kleinmünze prägt (und sonst nichts). Die verschiedenen Buchstabenkombinationen, die man sieht, deuten doch darauf hin, daß diese im Karischen nicht unbedingt die emittierende Polis anzeigt (da es fraglich ist, ob diese karischen Städtchen überhaupt Poleis waren). Andererseits kann ich auch nicht glauben, daß Halikarnassos, das eine griechische Polis war (wenn auch mit gemischter Bevölkerung, war Teil der dorischen Hexapolis), den eigenen Namen karisch schreibt .... :?

In letzter Zeit sehe ich in Auktionen auch öfter die Zuweisung an Kebren, das jedoch in der Troas liegt. Wohl nur wegen dem ähnlichen Widderkopf, - kann kaum sein, da man dort nicht karisch sprach.
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Re: Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Beitrag von Altamura2 » Fr 30.01.26 09:17

Lampsakos hat geschrieben:
Do 29.01.26 23:12
... Konuk ist in jedem Fall rechtzugeben mit seiner Entdeckung, daß wir es hier mit einem karischen Buchstaben zu tun haben. ...
Das war schon Hyla A. Troxell :D , siehe oben.
Lampsakos hat geschrieben:
Do 29.01.26 23:12
... Die verschiedenen Buchstabenkombinationen, die man sieht, deuten doch darauf hin, daß diese im Karischen nicht unbedingt die emittierende Polis anzeigt ...
Warum? Kannst Du das mal etwas genauer darlegen?
Lampsakos hat geschrieben:
Do 29.01.26 23:12
... die emittierende Polis anzeigt (da es fraglich ist, ob diese karischen Städtchen überhaupt Poleis waren) ...
Meines Wissens gab es damals keine amtliche Definition, was eine Polis ist :D , daher wissen wir das heute bei manchen Orten auch nicht so genau :? .
Ebenso wissen wir nicht, was genau nötig war, um Münzen zu prägen :| (und da meine ich jetzt nicht die materielle Seite, sondern die organisatorisch-politische). Ob Polis oder nicht spielt hier also vermutlich keine so große Rolle.
Lampsakos hat geschrieben:
Do 29.01.26 23:12
... Andererseits kann ich auch nicht glauben, daß Halikarnassos, das eine griechische Polis war (wenn auch mit gemischter Bevölkerung, war Teil der dorischen Hexapolis), den eigenen Namen karisch schreibt .... :? ...
Das ist schon ein Argument, Münzen aus Halikarnassos mit karischer Legende kennt man bislang auch nicht.

Gruß

Altamura

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Re: Nicht mehr Kasolaba? Oder vielleicht doch?

Beitrag von Lampsakos » Fr 30.01.26 13:10

Altamura2 hat geschrieben:
Fr 30.01.26 09:17
Lampsakos hat geschrieben: ↑
Do 29. Jan 2026, 23:12
... Die verschiedenen Buchstabenkombinationen, die man sieht, deuten doch darauf hin, daß diese im Karischen nicht unbedingt die emittierende Polis anzeigt ...

Warum? Kannst Du das mal etwas genauer darlegen?
nu ja, im Griechischen haben wir 100e münzprägende Poleis, die jeweils durch Buchstaben (oder Parasema) eindeutig identifizierbar sind. Wenn das im karischen Bereich weniger eindeutig ist, mag es eben daran liegen, daß dieses griechische Modell nicht ohne weiteres übertragbar ist. Wir hatten diese Frage ja schon bei Kaunos diskutiert: wer ist der Emittent, der "Münzherr"? Alternativ käme ein lokaler Dynast in Frage, ein "Fürst" oder gar König, oder ein Clan, ein Stammesverband, oder in Kaunos vielleicht ein Heiligtum. Dann wären natürlich auch die Beschriftungen anders zu deuten.

Altamura2 hat geschrieben:
Fr 30.01.26 09:17
Meines Wissens gab es damals keine amtliche Definition, was eine Polis ist :D , daher wissen wir das heute bei manchen Orten auch nicht so genau
Die Polis ist nun mal eine einzigartige griechische "Erfindung", die mit Institutionen, u.a. der Agora, und einer "politischen Lebensweise" einhergeht. Die Münzprägung gehört dazu, insofern die damit gegebene Monetarisierung ja auf einen Wandel der wirtschaftlich-politischen Organisation (also nicht mehr eine "redistributive Ökonomie") verweist. Daher ist es ja eine so hochinteressante wie schwierige Frage, inwieweit die Karer an dieser Entwicklung teilhatten.

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