Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Peter43
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 27.02.26 10:41

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » Fr 27.02.26 17:27

Peter43 hat geschrieben:
Do 19.02.26 11:35
...
In Sparta war das Prägen von Gold- und Silbermünzen verboten.
...
Deshalb wurden diese Bronzemünzen erst geprägt, als die Römer Griechenland erobert hatten.
...
Das ist ein Mythos, der mit der Realität nicht ganz übereinstimmt :? (insofern aber gut in diesen Mythologiethread passt :D ).

Die ersten Münzen aus Sparta sind Tetradrachmen vom Alexandertyp und wurden etwa 267-265 v. Chr. unter König Areus I geprägt. Sie sind extremst selten, hier ein Exemplar aus der BnF: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b85700415 und hier eines von der ANS: https://numismatics.org/collection/1962.140.8 .

Unter König Kleomenes III wurden etwa 226-222 v. Chr. ebenfalls Tetradrachmen geprägt, die etwas häufiger vorkommen als diejenigen von Areus I:
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8570042k
https://numismatics.org/collection/1944.100.38863 (noch falsch zugeschrieben)
https://www.acsearch.info/search.html?id=206189

Kleomenes III wird auch eine Bronzeprägung zugeschrieben:
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b85699834
https://www.acsearch.info/search.html?id=7386952

Eine Übersicht über die Münzprägung von Sparta sieht man hier: https://greekcoinage.org/iris/results?q ... edaemon%22

Da wurde also durchaus bereits vor den Römern in Silber und Bronze geprägt. Nicht viel, aber immerhin :D .

Gruß

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 27.02.26 18:22

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Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » So 08.03.26 10:49

Die Artemis Brauronia

Ich dachte mir, es wäre mal wieder Zeit, eine weniger bekannte Gottheit vorzustellen. Dabei kam heraus, daß sie mit einem großen Sagenkreis verbunden ist

Münze:
Syrien, Seleucis und Pieria, Laodicea ad Mare, Trebonianus Gallus, 251-253
AE 29, 15.07g, 28.87mm, 165°
Av.: ΑΥΤΟΚ Κ Γ ΟΥΙΒ ΤΡΕΒ ΓΑΛΛΟϹ ϹΕΒ
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n. r.
Rv.: [CO]L LAOD M - ETROPOLEOS
im li. und re. Feld Δ - Ε
Artemis Brauronia mit Modius, zwischen 2 Hirschen frontal stehend, Kopf n. r., hält
in der erhobenen re. Hand Axt und im li. Arm Rundschild,
Ref.: BMC 114; RPC IX 1854; Paris 1244; SNG Righetti 2124; Lindgren I, 2108; Mabbott 2579
Laodikeia_ad_mare_treb_gallus_BMC114.jpg
Zu dieser Münze:
Nach einem Bericht des Pausanias wurde das ursprüngliche Kultbild der Göttin (ein hölzernes Xoanon) während der Perserkriege im 5. Jh. von den Persern unter Xerxes als Kriegsbeute aus dem Heiligtum von Brauron in Attika geraubt und in deren Hauptstadt Susa gebracht. Ende des 4. Jh. soll Seleukos I. Nikator diese Statue den syrischen Laodikäern geschenkt haben. Laut Legende habe es sich dabei um die Taurische Artemis gehandelt, die Iphigenie usprünglich aus Tauris (der heutigen Krim) mitgebracht habn soll. Ob es sich bei der Abbildung auf der Münze um dieses Standbild handelt, ist aber ungewiß.

Brauron:
Brauronia (Βραυρωνία) ist eine Epiklese der Artemis, die sie von ihrem Kult in Brauron erhalten hat. Brauron ist eine Stadt an der Ostküste von Attika, 70km von Athen entfernt, die ihren Namen von einem Heros Brauron hat (Stephen von Byzanz). In der alten Zeit politischer Selbständigkeit muß der Machtbereich von Brauron ziemlich ausgedehnt gewesen sein. Als Kleisthenes nach der Tyrannenherrschaft des Peisistratos seine große Demen- und Phylenreform in Attika einführte, wurde Brauron zum Demos Philaidai. Es kann gut sein, daß diese Neuregelung auch gegen den Rest eines politischen Übergewichtes von Brauron gerichtet war. Aus dem hohen Altertum ist nur noch der auch von den Athenern als Staatskult weitergepflegte Dienst der Artemis Brauronia übrig geblieben.

Ihr alter Tempel ist einer der ältesten Kultstätten Attikas und lag im späteren Demos Philaidai. Er muß von dem der Artemis Tauropolos unterschieden werden (so bereits Strabo), der in Halai Araphenides, ca. 10km nördlich von Brauron lag. Es gab also 2 unterschiedliche, aber dicht benachbarte Kultstätten. Das Problem, das wir haben, besteht darin, daß sich hier verschiedene Mythologien überlagert haben, die wir entflechten müssen. Die engen Beziehungen dieser beiden Kultstätten und ihre Legenden, die zu allerlei Verwechslungen geführt haben, hängen wahrscheinlich mit der angenommenen einstigen Ausdehnung des brauronischen Gebietes auch über Halai und Araphen hinaus zusammen.

(1) Die Artemis Brauronia in Philaidai:
Der Kult der Brauronia geht vermutlich auf den Kult einer Artemis Iphigenia im Demos Philaidai zurük. Iphigenia war eine Geburtsgöttin, die mit der Hekate verbunden wurde. Aus den zahlreichen Inschriften geht hervor, daß ihr die Gewänder der Frauen geweiht wurden, die bei der Geburt gestorben waren, der Artemis aber die Gewänder der Frauen, deren Geburt glücklich verlaufen war. Deshalb trug sie auch den Nebennamen Χιτώνη, unter dem sie besonders in Milet verehrt wurde.
Tempel der Artemis in Brauron.jpg
Der Tempel der Artemis Brauronia in Brauron

Das größte Gebäude des Heiligtums ist die Stoa der Arktoi (oder Вärinnenhalle), die nach vorne offen war und die Form des Buchstaben Pi aufweist, wohl weil ursprüngliche Planungen wegen Geldmangels revidiert werden mußten. Sie enthielt die Schlafräume der jungen Mädchen, das Parthenon.

In Brauron wurden die Mädchen auf ihre Rolle als Frauen vorbereitet. Sie verbrachten dort ihre Zeit mit den damals notwendigen Tätigkeiten wie Tanz, Wettlaufen und Webkunst. Es gibt einen Beschluß aus Athen aus dem 4. Jh., daß alle Mädchen arktoi (Bärinnen) in Brauron sein mußten. Arkteia war der Name eines Initiationsrituals für Mädchen vor der Pubertät, an dem die arktoi teilnahmen. Die Mädchen blieben im Dienst der Göttin, bis sie das Brautalter erreicht hatten, das damals bei 12 Jahren lag, und mußten an den Brauronia teilnehmen.

Die Brauronia (Βραυρώνια) waren ein Fest, das hauptsächlich von Frauen gefeiert wurde (Herodot). Dabei fanden auch rhapsodische (Gesangs-) Wettkämpfe statt (Hesych), die sich später Peisistratos als Vorbild für seine Panathenaien genommen hat. Es war ein penteterisches Fest (also alle 4 Jahre, wobei das 1. Jahr mitgezählt wurde) und wurde von zehn ἱεροποιοί, Oberaufsehern für die heiligen Bräuche, überwacht. Die Mädchen, die in safranfarbene Kleider gehüllt waren, mußten dabei ein feierliches Opfer darbringen. Ihr Name ἄρκτοι (Bärinnen) ging auf eine alte Sage zurück. Danach hatten die Einwohner der hier gelegenen Siedlung einen Bären erlegt, der ein Mädchen getötet hatte. Da der Bär ein Tier der Artemis war, verpflichtete die Göttin die Einwohner als Sühne zu ihrem Kult.

An das Fest der Brauronia knüpft sich auch die Sage, daß einmal Tyrrhener oder Pelasger aus Lemnos das Fest überfallen hätten und attische Frauen, die nach Brauron zu Besuch gekommen waren, geraubt hätten. Dabei sei auch das Kultbild entführt worden (Herodot; Plutarch).

Später trug man auch die bekannte Agamemnonsage hierher und eine lokale Tradition erzählte, daß sich die Flotte der Griechen zum Auslaufen nach Troja nicht in Aulis, sondern in Brauron versammelt habe. Hier habe man auch die Iphigeneia geopfert und Artemis habe eine Bärin (eine andere Ätiologie für den Brauch der ἀρκτεία) untergeschoben und Iphigeneia zur Göttin gemacht. Iphigeneia sei später von Tauris nach Brauron zurückgekehrt und habe der Artemis gedient. Im alten Heiligtum der Artemis Brauronia wird das sog. Grab der Iphigeneia gezeigt. Dabei handelt es sich um eine Art Grotte und wahrscheinlich war es ein Leergrab (Kenotaph).
sog. Grab der Iphigenie.jpg
Sog. Grab der Iphigeneia in Brauron

Im Artemistempel von Brauron haben sich neben Votivtafeln viele Statuen von kleinen Kindern gefunden, von Mädchen und Jungen. Am berühmtesten ist die Marmorstatue „das Mädchen mit dem Kaninchen“ aus dem 4. Jh. v.Chr. Es trägt einen langen, gefalteten Chiton, der hoch unter der Brust gegürtet ist, und ein Himation, das von der linken Hand gehalten wird. Es lächelt unschuldig und hat mit dem Himation ein Nest für sein Kaninchen gebildet.
Brauron2.jpg
Мädchen mit Kaninchen“, Archaeological Museum of Brauron (Wikimedia)

(2) Die Artemis Tauropolos in Halai:
Aber auch der Kult der Tauropolos hat die Epiklesis Brauronia für sich in Anspruch genommen. Ursprünglich war es die Stätte eines Stierkults (Euripides; Strabo; Kallimachos) und bewahrte die Erinnerung an alte Menschenopfer, wie wir sie aus Taurien kennen. Es wurden Sühnerituale abgehalten, bei denen in einem symbolischen Akt ein Mann seinen Nacken beugen und dem Schwert darbieten mußte, bis Blut floß. Über den Charakter und die Ereignisse des Festes der Tauropolia, das zu Ehren der Göttin gefeiert wurde, wissen wir durch Euripides und dann durch die Komödie Epitrepontes (Schiedsgericht) des Menander. Sie berichten über nächtliche Prozessionen, ausgelassene dionysische Zeremonien und Pyrrhische Tänze.

Die bedeutendste Umgestaltung erfuhr dieser Kult, als die Tauropolos mit der Παρθένος Ταυρική (Taurische Jungfrau) identifiziert wurde, dem Kultbild, das Orestes und Iphigeneia aus dem Land der Taurer mitgebracht hatten. Die Namensähnlichkeit von Tauropolos mit Taurien und die Menschenopfer mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Diesen Mythos hat zuerst Euripides dichterisch gestaltet und es wird mit Recht vermutet, daß zu seiner Zeit das alte Kultbild der Artemis Tauropolos noch vorhanden gewesen sein muß. Die Erzählung des Pausanias, daß diese Statue durch die Perser entführt worden sei, ist wohl eine spätere Erfindung, um die Ansprüche verschiedener Städte auf das echte taurische Bild abzuwehren.

Der Tempel der Artemis Tauropolos ist hauptsächlich aus literarischen Quellen bekannt. Euripides hat Orestes als Gründer genannt. Er soll die hölzerne Kultstatue (Xoanon) der Göttin von Tauris nach Halai an die Ostküste Attikas gebracht haben, um dort den Tempel zu errichten. Dieser Tempel wurde 1925 wiederentdeckt. Er stand direkt am Meer. Das Heiligtum der Artemis Tauropolos war die wichtigste Kultstätte und zugleich das Zentrum des Demos von Halai Araphenides. Seine Nutzung ist seit dem 7. Jh. v. Chr. belegt.

(3) Das Brauroneion auf der Akropolis in Athen:
Von Brauron wurde der Kult der Brauronia auch nach Athen selbst übertragen. Das Brauroneion auf der Akropolis wurde als Filialheiligtum während der Herrschaft des Tyrannen Peisistratos geweiht, der selbst aus Brauron stammte. Man nimmt an, daß es 430 v. Chr. in Zusammenhang mit den Propyläen erbaut wurde. Es war kein Tempel, sondern bestand aus einer Halle (Stoa) mit einem Innenhof und stand direkt neben der Chalkothek, einem Gebäude zur Aufbewahrung metallener Weihegeschenke. Von beiden sind heute nur noch die Grundmauern zu sehen. In einem der Flügel wurde das hölzerne Standbild der Göttin aufbewahrt. 346 v. Chr. wurde ein zweites Standbild geweiht, daß ein Werk des Praxiteles gewesen sein soll (Pausanias). Daß die Brauronia später auch auf der Akropolis von Athen im Heiligtum der Brauronia gefeiert wurden, ist zwar unbezeugt, aber höchst wahrscheinlich. Allerdings werden es nicht die ausschweifenden Dionysosfeste gewesen sein, wie sie von der Tauropolos bezeugt sind.

Quellen:
(1) Pausanias, Reisen durch Griechenland
(2) Strabo, Geographika
(3) Euripides, Iphigenie bei den Taurern
(4) Euripides, Iphigenie in Aulis
(5) Menander, Schiedsgericht
(6) Nonnos, Dionysiaka
(7) Plutarch, Quaestiones Graecae
(8) Plutarch, Mulierum virtutes
(9) Johann Wolfgang von Goethe, Iphigenie auf Tauris

Literatur:
(1) Vollmer, Mythologie
(2) Der Kleine Pauly
(3) Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen II, Die Heroengeschichten, dtv
(4) RE: Brauronia 1
(5) RE: Brauronia 2

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) Ministry of Education and Religious Affairs, Culture and Sports (Athen)

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Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » So 08.03.26 10:53

Exkurs: Iphigeneia

Weil Iphigeneia in der Mythologie der Artemis Brauronia eine so bedeutende Rolle spielt, habe ich mich entschlossen, ihre Mythologie in einem Exkurs zusammenzufassen. Er erlaubt auch einen tiefen Einblick in die Entwicklung einer griechischen Mythologie, an der auch die großen Tragiker ihren Anteil haben.

Die Herkunft der Iphigeneia:
Agamemnon und Klytaimnestra hatten eine Tochter Iphianassa, die Schwester der Chrysothemis und der Laodike (Ilias). Diesen Töchtern fügten die Kyprien noch die Iphigeneia hinzu, welche auch bei Sophokles noch von Iphianassa unterschieden wurde. Bei Euripides aber tritt Iphigeneia bereits an die Stelle der Iphianassa, so wie bei den Tragikern Elektra an die Stelle der Laodike trat. Tzetzes nannte sie abgekürzt auch Iphis, griech. Kraft, Stärke.

Iphigeneia in Aulis
Da die verschiedenen Tragödien sich in den Darstellungen erheblich unterscheiden, stelle ich hier eine Art von Zusammenschnitt vor. Als die griechische Flotte bei Aulis versammelt war, um nach Troja auszulaufen, wurde sie durch eine Windstille daran gehindert. Diese Windstille hatte Artemis gesandt, weil sie erzürnt darüber war, daß Agamemnon oder Menelaos eine Hirschkuh getötet hatte, die ihr heilig war. Kalchas, der offizielle Seher der Griechen, erklärte ihnen, daß Artemis nur dadurch besänftigt werden könnte, wenn man ihr die Iphigeneia opferte. Als Agamemnon sich dem widersetzte, gingen Odysseus und Diomedes zu Klytaimnestra und holten Iphigeneia unter dem Vorwand, sie mit Achilleus zu vermählen, in das griechische Lager. Als sie bereits auf dem Opfertisch lag, erbarmte sich Artemis der Jungfrau und vertauschte sie mit einer Hirschkuh. Iphigeneeia selbst aber entführte sie in einer Wolke nach Tauris, der heutigen Krim, und machte sie dort zu ihrer Priesterin (Euripides; Sophokles; Ovid, u.v.a)
(1) Wall_painting_-_sacrifice_of_Iphigenia_-_Pompeii.jpg
Das Bild zeigt die „Opferung der Iphigenie“ aus der Casa del Poeta Tragico in Pompeji, und befindet sich heute im Museo Archeologico Nazionale in Neapel. Dieses Fresko aus dem 1. Jh. n. Chr. soll dem vielgerühmten Bild des großen Malers Timanthes von Kythnos (2. Hälfte des 5. Jh. v.Chr.) nachempfunden sein,

Es zeigt die sich wehrende Iphigeneia, die von Odysseus und Menelaos zum Opferaltar geschleppt wird, re. daneben den Seher Kalchas, li. den verhüllten Agamemnon. Bereits Timanthes hatte Agamemnon verhüllt dargestellt, weil er die Häßlichkeit des höchsten Grades der Verzweiflung nicht zeigen wollte, wie Lessing meinte.

Manche behaupten, Iphigeneia sei nicht in Aulis sondern in Brauron geopfert worden und nicht ein Hirsch, sondern ein Bär sei an ihrer statt getötet worden (Antoninus Liberalis; Tzetzes)

Iphigeneia in Tauris:
In Taurien versah Iphigeneia viele Jahre den grausamen Dienst der Artemis, indem sie alle Fremden, die an der Küste Schiffbruch erlitten hatten, der Göttin opferte, bis sie endlich mit Orestes, seinem Freund Pylades und dem geraubten Artemisbild nach Griechenland fliehen konnte.

Orestes hatte den Mord an seinem Vater Agamemnon gerächt, indem er seine Mutter Klytaimnestra und ihren Liebhaber Aigisthos getötet hatte. Um der Verfolgung durch die Erinnyen zu entkommen, hatte Apollo ihm aufgetragen, die hölzerne Statue der Artemis aus Tauros zu holen, die dort vom Himmel gefallen sei. In Taurien wurden er und sein Freund Pylades von den Einheimischen gefangen genommen und zu Iphigeneia gebracht, die sie wie alle Fremden opfern sollte. Iphigeneia erkannte ihren Bruder Orestes nicht, aber bot ihm an, ihn freizulassen, wenn er einen Brief von ihr nach Griechenland bringe. Orestes lehnte das ab und schlug seinen Freund Pylades als Boten vor. Der Brief aber enthüllte die Verwandtschaft zwischen Orestes und Iphigeneia. Zu Dritt konnten sie vor König Thoas aus Tauros fliehen und nahmen dabei das Artemisbild mit. In Griechenland angekommen wurde Orestes wie sein Vater Agamemnon König in Mykene.

Sophokles hat die Flucht der Iphigeneia in seinem „Chryses“, dessen Inhalt von Hyginus überliefert ist, eigentümlich umgewandelt. Iphigeneia und Orestes kommen mit dem geraubten Artemisbild nach Sminthe in der Troas zum Apollopriester Chryses, einem Sohn des Agamemnon und Enkel des homerischen Chryses. König Thoas ist ihnen gefolgt und verlangt von Chryses ihre Auslieferung. Aber der ältere Chryses offenbart, daß Iphigeneia und Orestes ebenfalls Kinder des Agamemnon seien und damit Geschwister des Chryses. Daraufhin töten sie Thoas. Orestes und Iphigeneia kommen mit dem Artemisbild glücklich nach Mykene.

Nach Tzetzes waren Iphigeneia und Chryses Kinder des Agamemnon und der Chryseis. Auf der Rückfahrt der Griechen von Troja starb Chryses in Chrysopolis in Bithynien, nach dem die Einwohner dann ihre Stadt nannten (Stephan von Byzanz). Iphigeneia wurde von Tauroskythen geraubt und in Taurien zur Priesterin der Artemis oder der Selene gemacht.

Das weitere Schicksal der Iphigeneia:
Das Bild der Taurischen Artemis brachten Iphigeneia und Orestes nach Sparta, wo es im Tempel der Artemis Orthia oder Orthosia stand (Pausanias). Nach Servius war Orestes König in Sparta und heiratete als Sohn des Menelaos und der Helena die Iphigeneia. Auch nach Argos sei sie gekommen, wo sich ein ebensolches Bildnis befand. Gestorben sei sie in Megara wo sie ein Heroon besaß (Pausanias).

Die Athener behaupteten, sie sei mit Orestes nach Halai Araphenides gekommen bei Brauron an der Ostküste von Attika, und hätte dort einen Tempel der Artemis Taurike oder Tauropolos gestiftet. Dort sei das taurische Standbild aufgestellt worden und sie habe Priesterdienste für die Artemis geleistet. Dort sei sie auch gestorben und begraben worden. Als Weihgeschenke brachte man ihr die Gewänder der bei der Geburt gestorbenen Frauen. In Brauron befand sich ein leeres Grab.

Von Brauron aus wurde Iphigeneia in die attische Genealogie eingereiht, indem man sie zur Tochter des Theseus machte. Nach Stesichoros zeugte Theseus sie mit der geraubten Helena. Nach der Geburt in Argos übergab Helena sie der bereits mit Agamemnon verheirateten Klytaimnestra, die sie wie ihr eigenes Kind aufzog. Wegen ihrer glücklichen Entbindung errichtete Helena ihr in Argos einen Tempel.

Hesiod erzählt, daß Iphigeneia nicht gestorben sei, sondern nach dem Willen der Artemis zur Hekate geworden sei.

Ursprünglich war Iphigeneia der Beiname (Epiklese) der Artemis, war also die Artemis selbst (Pausanias; Hesych). Als uralte Mondgöttin wurde sie in Sparta unter dem Namen Orthia oder Orthosia, in Brauron auch als Aithiopia verehrt (Kallimachos; Tzetzes). Aber auch an anderen Orten, die sie in ihrem Mythos berührt hatte. Wurde sie verehrt. Viele wollten an ihr Anteil haben.

Ursprünglich hatte Artemis Iphigeneia oder Orthia einen wild aufgeregten, mit Menschenopfern verbundenen Kult und weist damit in eine Zeit, in der die humane Sitte noch nicht mildernd auf sie eingewirkt hatte. Als sie dann als eine eigene mythologische Figur von der Göttin abgetrennt wurde, wurde sie einerseits zur Jungfrau, die man der Göttin opferte, oder andererseits eine ihr dienende Priesterin, die ihr Menschenopfer schlachtete (Roscher).

Die „Iphigenie“ von Goethe
Zur „Iphigenie“ von Goethe habe ich eine ganz persönliche, allerdings eher unangenehme Beziehung. Sie war nämlich beim Abitur mein Thema in der mündlichen Deutschprüfung. Leider hatte ich mich auf moderne Literatur vorbereitet und so wurde die Prüfung zu einem furchtbaren Desaster und ich konnte am Ende froh sein, daß mich die Prüfer nicht durchfallen ließen. Vielleicht hatten sie auch Mitleid mit mir.

Die meisten Deutschen kennen Iphigenie überhaupt nur durch das Drama „Iphigenie auf Tauris“ (1787) von Johann Wolfgang von Goethe. Dieses Werk ist zwar an die Tragödie „Iphigenie bei den Taurern“ des Euripides angelehnt, unterscheidet sich aber erheblich von der antiken Mythologie. Goethe hat sie benutzt, um seine eigenen Ideen zu veranschaulichen.
(2) Anselm_Feuerbach_Iphigenie_1871_Staatsgalerie_Stuttgart.jpg
Anselm Feuerbach „Iphigenie“ (1871), Staatsgalerie Stuttgart, gemalt unter dem Einfluß von Goethes „Iphigenie“, bekannt unter „Das Land der Griechen mit der Seele suchend“.

Das zentrale Thema seines Dramas ist der Konflikt zwischen Pflicht und persönlichem Wunsch und der Suche nach Identität. Iphigenie steht vor der Herausforderung, ihre Loyalität gegenüber der Göttin und ihre Sehnsucht nach ihrer Familie in Einklang zu bringen. Das Werk wird geprägt durch die Frage nach dem moralischen Handeln. Iphigenie ist eine typische Vertreterin und Heldin des klassischen Humanitätsideals. Letztlich verkörpert sie das Ideal der Klassik: Das richtige Verhalten erfordert keine besonderen tiefschürfenden Überlegungen. Allein die innere Verpflichtung zu Menschlichkeit und Wahrheit weisen in diesem Seelendrama den Weg (Burckhardt). Dadurch, daß sie ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt, wird sie zu einem mündigen Menschen und nur durch ihre Menschlichkeit kann sie den verhängnisvollen Fluch der Götter durchbrechen, der auf ihrer Familie lastet. Goethes „Iphigenie“ ist ein bedeutendes Werk der deutschen Klassik und verkörpert die Ideale von Humanität und moralischer Verantwortung.

Anmerkung:
Die Kyprien sind eine epische Dichtung aus dem sog. „Epischen Zyklus", der die nicht von Homer in der Ilias und der Odyssee erzählten Ereignisse vor dem Trojanischen Krieg behandelt. Das Epos selbst ist nicht überliefert, aber es gibt Zusammenfassungen und Zitate. Als Verfasser wird oft Stasinos genannt, der als Schwiegersohn Homers gilt. Genannt werden aber auch Hegesias und Hegesinos. Es stammt wohl aus der Zeit kurz vor 500 v. Chr.

Quellen:
(1) Homer, Ilias
(2) Hesiod, Theogonie
(3) Sophokles, Iphigenie in Aulis
(4) Euripides, Iphigenie in Aulis
(5) Euripides, Iphigenie bei den Taurern
(6) Pausanias, Reisen durch Griechenland
(7) Tzetzes ad Lykophron
(8) Kyprien
(9) Hesychios, Lexikon
(10) Johann Wolfgang von Goethe, Iphigenie auf Tauris

Literatur:
(1) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(2) Benjamin Hederich, Gründliches mythologishes Lexikon
(3) Der Kleine Pauly
(4) Sigurd Burckhardt: Die Stimme der Wahrheit und der Menschlichkeit. Goethes „Iphigenie“, 1956

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) theoi.com

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 16.03.26 10:05

Die römische Minerva

Die Münze:
C. Clovius, gens Clovia
AE - Orichalcium-Dupondius, 14.87g, 27mm, 0°
geprägt für Julius Cäsar, 45 v. Chr., norditalienische Münzstätte (wahrscheinlich Mailand)
Av.: Büste der Victoria, drapiert, geflügelt, n. r., Haar hochgesteckt[, mit Ohrring]
davor CAESAR.DIC.TER.
Rv.: Minerva, mit korinthischem Helm, n. l. gehend, hält tropaeum über der re. Schulter, sowie
Speer und Schild, verziert mit Gorgoneion; hinter ihren Füßen eine Schlange, die sich links
vor ihr erhebt.
davor C.CLOVI, dahinter PRAEF
Ref.: Crawford 476/1a; Sydenham 1025; C. 7; RPC I, 601/1; CRI 62; Julia 17; BMCRR 4125
attraktive gelb-olive Patina (sog. Flußpatina)
Pedigree:
ex. Glendining, lot 45, 25,6.1997
ex CNG
clovius_Cr476.1a.jpg
Zu dieser Münze:
Eine außergewöhnliche Ausgabe: Eine der ersten Orichalcum-Münzen, die in Rom ausgegeben wurden. C. Clovius, einer der sechs Praefecti Urbi, die von Caesar eingesetzt wurden, bevor dieser nach Spanien aufbrach, um gegen die Söhne des Pompeius zu kämpfen, war später Gouverneur von Gallia cisalpina. Wahrscheinlich ist dieser Typ nach Caesars überwältigendem Sieg bei Munda am 17. März 45 geprägt worden, vermutlich in einer norditalienischen Münzstätte, vielleicht in Mailand. Es handelt sich um ein typisches Geschenk nach einem Sieg. Die Wahl des Metalls sollte wohl zeigen, daß mit Caesar eine neue Zeit angebrochen war. Die Darstellungen auf der Münze unterstreichen Caesars militärische Fähigkeiten. Diese AE-Ausgabe war nach vierzig Jahren die erste und blieb die einzige bis zur Augusteischen Münzordnung 19-18 v. Chr.
Die sog. 'Tiber-Patina' ist eigentlich gar keine Patina. Sie bildet sich nicht im Wasser, sondern im sauerstofflosen Schlamm von Flußmündungen.

Etymologie:
In alten Inschriften wird die Göttin Menerva genannt, so auch in Falerii. In Etrurien kommen die Varianten Menrva, Meneruva und Menerava vor. Arnobius erklärt sie als Göttin des Gedächtnisses, was zur Inschrift von Caso Cantovios paßt, die Ende des 19. Jh. bei der Trockenlegung der Fucino-Ebene gefunden wurde und in Marsisch, einer ausgestorbenen Variante des umbrisch-oskischen geschrieben ist. Dabei handelt es sich um eine Weihinschrift aus dem 3. Samnitenkrieg (298-290 v. Chr.), in der sie als menurbid (= sentia) erwähnt wird. Man nimmt heute an, daß ihr Name italisch ist und mit der indogermanischen Wurzel *man-, griech. menis, lat. mens (Verstand, Geist), moneo (warnen, mahnen), engl. mind (Verstand) zusammengehört.

Herkunft des Minervakultes:
Der Urspung ihres Kultes ist nicht ganz klar. Gegen Etrurien spricht ihr italischer Name. Aber Falerii, ca. 55 km nördlich von Rom, hat eine Vermittlerrolle zwischen italischer und etruskischer Kultur gespielt, so daß vieles dafür spricht, daß der Minervakult aus Falerii stammt und von dort aus sowohl nach Etrurien als auch nach Rom gelangte, wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Zuwanderung faliskischer Handwerker. Seit dem 3. Jh. v. Chr. erfuhr ihr Kult, wie auch die anderen Kulte, eine gründliche Hellenisierung. Ihre Gleichsetzung mit Athena scheint in Etrurien erfolgt zu sein, wo der griechische Einfluß immer größer war. Von daher stammt dann auch die Übernahme der Göttertrias Zeus-Hera-Athena als Juppiter-Hera-Minerva (Roscher). Jedenfalls gehörte sie nicht zu den di indigetes, den altrömischen Göttern, erschien nicht in der ältesten Festtafel, hatte keine eigenen Priester und wurde von den Arvalbrüdern nur im Zusammenhang mit der Kapitolinischen Trias angerufen.

Der römische Minervakult:
Ebenso hat es die römische Minerva in der bildenden Kunst nie zn einem eigenen Typus gebracht, sondern die Darstellungsformen der griechischen Athena sind ohne weiteres und ohne besondere Modifikationen auf sie übertragen worden (Wissowa). Das führt zu dem Problem, daß z. B. Hederich kaum zu gebrauchen ist, weil bei ihm nicht zwischen der römischen Minerva und der griechischen Athena unterschieden wird. Das gilt aber auch für antike Schriftsteller, insbesondere Varro, der von einer Identität von Minerva und Athena ausgeht.

Zunächst war sie eine Schutzherrin der Handwerker und des Gewerbes. Später übernahm sie Elemente der griechischen Athena, wie Weisheit, Kriegführung, die Kunst des Schiffbaus, und seit Augustus ist sie auch die Göttin, die die Geschicke des Staates lenkt und den Sieg verleiht.

Ihr ältester Tempel stand auf dem Aventin, ein zweiter, der der Minerva medica geweiht war, auf dem Esquilin. So ist sie von einer Schutzgöttin der Ärzte selbst zu einer Heilgöttin aufgestiegen. Ein dritter stand auf dem Caelius. Dieser ist für die Geschichte der Minervaverehrung besonders interessant, hieß er doch „Tempel der Minerva Capta“. Hier wird Minerva als Gefangene bezeichnet, weil ihr Kultbild nach der Zerstörung Faleriis 241 v. Chr. von dort geraubt worden war und ihr dann in Rom ein sacellum errichtet wurde.

Das Hauptfest des Tempels auf dem Aventin war die Quinquatrus (später auch Quinquatria) und wurde am 19. März insbesondere von Handwerkern und ihren Zünften gefeiert. Die Quinquatrus gehörte eigentlich dem Marskult, war aber gewissermaßen für Minerva annektiert worden (Mommsen). Und obwohl Augustus nach der Restauration des Aventintempels ihren Stiftungstag auf den 19. Juni verlegte (Res gestae), wurde der alte Festtag beibehalten und im späteren Bauernkalender war ihr sogar der ganze Monat März heilig. Als Teilnehmer des Festes zählt Ovid in seinen Fasti auf: Walker, Färber, Schuster, Zimmerleute, Ärzte, Schulmeister (Schüler bekamen ein paar freie Tage), Gravierer, Maler, Bildhauer und Trompeter. Später fanden dabei auch Gladiatorenspiele und Gesangs- und Rednerwettkämpfe statt (Cassius Dio)

Bereits zahlreiche Vorstellungen der Republik gehen auf griechische zurück: Pompeius weihte der Minerva Chalcidica auf dem Marsfeld ein Heiligtum, in dem er seine Kriegserfolge feierte, sah in ihr also die Athena Nike. Dort steht heute die Kirche S. Maria sopra Minerva. Varro rief sie als Schutzherrin des Ölbaums an. Cicero berichtete, daß im Tempel der Vesta sich ein Palladium (Bildnis der Athena) befände, das aus Troja nach Rom gebracht worden sei. Er verehrte sie als Custos urbis, was der Städteschützerin Athena Polias entsprach. Augustus will vor der Schlacht von Philippi von Minerva vor drohender Lebensgefahr gewarnt worden sein, und hat deshalb nicht nur ihren Tempel auf dem Aventin restauriert, sondern baute auch neben der Curia Iulia ein Heiligtum der Minerva Chalcidium (Res gestae), bekannt als Atrium Minervae.

Domitian hatte ein besonderes Verhältnis zu Minerva und soll sich als „Sohn der Minerva“ bezeichnet haben. Er begann mit dem Bau des Forum Transitorium, das aber erst 97 n. Chr. von Nerva beendet werden konnte. Den Mittelpunkt dieses Forums, das unter dem Namen Nervaforum bekannt ist, bildete ein dritter Minervatempel.

Der nur noch teilweise erhaltene Relieffries zeigt Szenen, die Minerva als Beschützerin verschiedener gewerblicher Tätigkeiten, besonders des Spinnens und Webens, und als Führerin der Musen darstellen. Darunter befindet sich auch die Mythologie der Arachne, die Minerva im Weben herausforderte, und als Minerva unterlag, von ihr aus Verärgerung in eine Spinne verwandelt wurde. Die Zuspitzung auf diese weiblichen Kunstfertigkeiten ist typisch griechisch und der römischen Auffassung fremd (Roscher).

Danach ist von neuen Kultstätten für Minerva nichts bekannt.

Die folgende Radierung Piranesis zeigt die Überreste des Minervatempels auf dem Nervaforum vom Ende des 18. Jh. Man erkennt den Relieffries mit den Szenen der Minerva. Die Veduten Piranesis bestimmten für Generationen das Bild der Stadt Rom.
Piranesi_Teil_des_Nervaforums_1748.jpg
Giovanni Battista Piranesi (1720-1778), „Teil des Nerva-Forums“, ca. 1748, heute im Metropolitan Museum of Arts, New York (Wikimedia)

Quellen:
(1) Cicero, de natura deorum
(2) Cicero, pro Scauro
(3) Varro, Antiquitates
(4) Ovid, Fasti
(5) Ovid, Metamorphosen
(6) Cassius Dio, Römische Geschichte
(7) Augustus, Res gestae (Monumentum Ancyranum)

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Ludwig Preller, Römische Mythologie
(4) Der Kleine Pauly
(5) Eve D’Ambra: Private Lifes, Imperial Virtues. The Frieze of the Forum Transitorium in Rome, Princeton 1993.
(6) Kira Kathleen Jones, Filius Minervae: A Study of Domitian's Relationship with Minerva, Emory University 2011

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) Theoria Romana
(4) RE: Chalcidicum

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 27.03.26 11:05

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » Fr 27.03.26 12:30

Peter43 hat geschrieben:
Mo 16.03.26 10:05
... Eine außergewöhnliche Ausgabe: Dies ist das erste Mal, daß in Rom eine Orichalcum-Münze ausgegeben wurde. ...
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht :D . So eindeutig, wie Du das hier schreibst, ist das nämlich nicht :| .

Es ist nicht gesichert, dass die Clovius-Münzen in Rom geprägt wurden, und es ist auch nicht sicher, ob nicht die Oppius-Münzen (das sind diese hier: https://numismatics.org/crro/results?q= ... t%3Aoppius , ebenfalls aus Messing) auch in Rom, aber ein Jahr früher geprägt wurden.
Siehe dazu Marta Barbato, "The Coins of Clovius and Oppius (RRC 476/1 and 550/1-3): New Evidence from Find-spots", NC 175, 2015, S. 103-116:
https://www.academia.edu/20944105/The_C ... Find_spots , dort wird dann jede Menge weitere Literatur zitiert.

Gruß

Altamura
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 02.04.26 09:34

Die Minerva des Domitian

Wenn man über Minerva spricht, gehört Domitian unbedingt ein eigenes Kapitel. Kein römischer Kaiser vor oder nach ihm hat Minerva so verehrt wie er und in seinen Bauprojekten, seiner Literatur und auf seinen Münzen spielt sie eine bedeutende Rolle. Philostratos berichtet, Domitian habe sich selbst als ihren Sohn betrachtet, was heute aber für unglaubwürdig gehalten wird.

(1) Münzen:
Für alle sichtbar, drückte sich seine Minervaverehrung in seiner Münzprägung aus. Als der Brand von 80 n. Chr. die senatorische Münzstätte beschädigt hatte, übernahm die kaiserliche Münzstätte die Produkton römischer Münzen. Das bedeutet, daß Domitian selbst für die Schaffung einer neuen Serie von Rückseiten verantwortlich war. Nur wenige Jahre nach seinem Regierungsantritt ließ er 4 Darstellungstypen der Göttin anfertigen, die in der Folgezeit das dominierende Münzmotiv seiner Silberprägungen wurden. 2 von ihnen möchte ich hier vorstellen:

Münze #1 (Typ 4):
Domitian, 81-96
AR - Denar, 3.45g, 19.78mm, 180°
Rom, 85 n. Chr.
Av.: IMP CAES DOMIT AVG - GERM P M TR P IIII
belorbeerter Kopf n. r., auf der li. Schulter Medusenhaupt mit Flügeln und Schlangen
Rv.: IMP VIIII COS XI CENS POT P P
Minerva, mit attischem Helm, drapiert, steht n. l., hält Speer in der re. Hand und stützt die li. Hand auf die Hüfte
Ref.: RIC II, 65 var., unrecorded in RIC; C.176 var.; BMC 80 (not ill.); Paris 83 pl.XCIII; RSC 180a
S! EF, exquisite obv. and very elegant reverse
domitian_65var.jpg
Zu dieser Münze:
Auf diesen seltenen frühen Denaren trägt Domitian auf seiner Schulter das Medusenhaupt mit Schlangen, ein Zeichen seiner Minervaverehrung.

Münze #2 (Typ 2):
Domitian, 81-96
AR - Denar, 3.34g, 19.01mm, 180°
Rom, 92
Av.: IMP CAES DOMIT AVG - GERM P M TR P XI
belorbeerter Kopf n. r.
Rv.: IMP XXI COS XVI - CENS P P P
drapierte und behelmte Minerva, mit Aegis und Schlangenumhang, auf Columna rostrata n. r.
schreitend, hält in der erhobenen re. Hand Wurfspieß und in der li. Hand großen Rundschild; vor ihrem li.
Fuß sitzt eine Eule, auf dem Säulenschaft li. eine knieende und re. eine stehende Figur
Ref.: RIC II, 167a; C.274; BMC 189
Pedigree:
ex Freeman & Sear
domitian_167(a).jpg
Zu dieser Münze:
Es handelt sich um den oberen Teil einer columna rostrata, einer Ehrensäule, die mit den in der Schlacht erbeuteten Schiffsschnäbeln (rostra) geschmückt ist. Die Figuren auf dem Relief an der Säule könnten li. Jupiter sitzend und re. eine knieende anbetende Figur sein,

(2) Das Forum Transitorium:
Das Forum Transitorium war das dritte der vier Kaiserforen in Rom. Es wurde von Domitian begonnen, aber erst nach seinem Tod von Nerva 97 n. Chr. vollendet, weswegen es auch Nervaforum heißt. Den Namen Forum Transitorium (Durchgangsforum) erhielt es, weil es sich zwischen dem Augustusforum und Vespasians Tempel der Pax befand. Im Nordosten befand sich ein der Minerva geweihter Tempel, der 1606 unter Papst Paul V. abgerissen und als Baumaterial für den Brunnen Acqua Paola auf dem Gianicolo und die Capella Borghese in Santa Maria Maggiore verwendet wurde. Im Südosten war das Forum von einer Säulenhalle umgeben, von der jedoch nur noch 2 korinthische Säulen und eine Wand erhalten sind. An dieser befinden sich die Reste eines Frieses, der die Tugenden der römischen Frauen schildert, und in der Attika darüber ein großes Relief mit der Darstellung der Minerva. Heute ist das Forum durch die Überbauung mit der Via dei Fori Imperiali zweigeteilt.
Forum des Domitian.jpg
Das Forum Transitorium (Wikimedia)
Fries.jpg
Der Fries und das Relief der Minerva vom Forum Transitorium (Wikimedia)

Das Thema auf dem Fries war ungewöhnlich. Während die Foren von Julius Caesar, Trajan und Augustus Bilder militärischer Triumphe und kaiserlicher Herrschaft zeigten, zeigte der Fries des Domitian Minerva Ergane (Minerva die Handwerkerin) und Frauen bei weiblichen Hausarbeiten wie Spinnen und Weben, die mit Minerva in Verbindung stehen. In der Mitte des Frieses befindet sich eine Darstellung des Mythos von Arachne, die von Minerva wegen ihrer Hybris in eine Spinne verwandelt worden war. Näheres findet man in einem Exkurs über Arachne, der noch folgt

Üblicherweise war die Darstellung dieser Tugenden dem privaten Bereich vorbehalten. Aber Domitian hatte Bilder ausgesucht, die seine Programme moralischer und religiöser Reformen widerspiegelten. Er betonte die „Mores maiorum (Sitten der Vorfahren)“ und knüpfte damit an augusteische Themen wie Frömmigkeit, Ehetreue und kulturelle Erneuerung an. Martial, der zur Zeit des Domitians gelebt hat, nannte Domitian den Grund für Roms Keuschheit.

(3) Die Legio I Minervia:
Die Legio I Minervia wurde 82 n. Chr. von Domitian für einen Feldzug gegen die Chatten aufgestellt. Minerva war hier nicht nur Kriegsgöttin, sondern seine persönliche Schutzpatronin. Zunächst war die Legio I in Bonna (Bonn) stationiert, nahm aber an Feldzügen im gesamten römischen Reich teil. Nach der Niederschlagung des Aufstands des Saturninus erhielt sie den Ehrennamen Legio I Flavia Minervia Pia Fideis Domitiana (dem Domitian treu ergeben). Als Domitian nach seinem Tod der damnatio memoriae verfiel, wurden die Bestandteile Flavia und Domitiana entfernt.

Sie erhielt von verschiedenen Kaisern unterschiedliche Ehrennamen und unterstand zuletzt den Kaisern des gallischen Sonderreiches. Nachdem Bonna 353 von einfallenden Franken zerstört worden war, gibt es keine sicheren Berichte mehr über die Legio I Minervia.

Münze #3 (Wildwinds):
Septimius Severus, 193-211
AR - Denar, 2.79g
Rom,193
Av.: IMP.CAE.L.SEP.SEV. - PERT.AVG
Belorbeerte Kopf n. r.
Rv.: LEG – I - MI-N
im Abschnitt TR P COS
Legionsadler zwischen 2 Standarten
Ref.: RIC IV/1, 4; BMCR pg. 2, C. 259
nicht häufig
Pedigree:
ex CNG Auction 61, 25.9.2002
ex coll. Marc Melcher
Sept_Severus-RIC_0004.jpg
Zu dieser Münze:
Der Denar wurde 193 unter Septimius Severus geprägt, um die Legio I. Minervia zu feiern, die den Befehlshaber des pannonischen Heeres in seinem Kampf um den Purpur unterstützt hatte.

(4) Die Albaner Spiele:
Domitian besaß einen riesigen Landsitz am Albaner See, dort wo heute der Palast des Papstes in Castelgandolfo steht, und wo die sommerlichen Temperaturen angenehmer waren als in Rom. Das war das Albanum Domitiani, mit einem wunderschönen Blick über den See bis nach Ostia. Dorthin hat Domitian die jährlichen Feiern der Minerva, die Quinquatria, verlegt. Er gründete dafür ein Priesterkollegium, aus dem durch Losentscheid Amtsträger ausgewählt wurden, um prächtige Jagden und dramatische Spiele sowie Wettbewerbe von Rednern und Dichtern zu veranstalten. Dadurch, daß er diese Spiele auf seinem eigenen Landgut und nicht in Rom feierte, konnte er seine persönliche Beziehung zu Minerva unterstreichen. Zudem wäre eine Feier in Rom offizieller gewesen und hätte nicht diesen persönlichen Charakter gehabt, auf den Domitian immer Wert gelegt hat. Für ihn war Minerva eben nicht die Staatsgöttin, die zusammen mit Jupiter und Juno auf dem Kapitol saß, sondern eine Göttin, die eine besondere Beziehung zu ihm pflegte.

(5) Der Sohn der Minerva:
Die persönliche Beziehung Domitians zu Minerva ging soweit, daß Philostratus schreibt, daß er sich für den Sohn der Minerva (filius Minervae) halte. Er berichtete von einem Vorfall, bei dem Domitian einen Mann aus Tarrent bestrafen ließ, weil der ihn am Ende eines Gebetes nicht als Sohn der Minerva bezeichnet hatte. Dies läßt sich nicht beweisen, würde aber gut zum künstlerischen Programm Domitians passen. Es gibt Kameen in der Bibliotheque national in Paris, auf denen Minerva einen kleinen Überbiß und ein nach oben gerichtetes Kinn besitzt, was typische Merkmale für das Portrait Domitians sind. Selbst die Art der Stirnlocken findet sich.

Hier wird Domitian selbst zu einer Minerva des kaiserlichen Roms. Indem er Minerva in all ihren Aspekten (Militär, Zivilisation und Moral) in sich aufnimmt, hatte er die Mittel und die Macht, Rom nach den Chaosjahren der späten julisch-claudischen Dynastie zu seiner alten augusteischen Stärke zurückzuführen. Er sah sich als Wiedererbauer und Neugründer Roms. Minerva war ein Symbol für Macht, Frömmigkeit und göttliches Recht (Jones).

So wie auch im Fall Neros wird unser Bild von Domitian durch feindselige antike Quellen bestimmt, die nach seiner Ermordung verfaßt wurden. In ihnen wird er als Tyrann und paranoider Herrscher geschildert, der wahllos tötete und sich in seinen Palast zurückzog, als er Verschwörungen befürchtete. Seine damnatio memoriae wurde niemals aufgehoben. Aber so wie im Fall Neros beginnt die Wissenschaft langsam, auch ihn objektiver zu sehen.

Quellen:
(1) Sueton, Kaiserbiographien
(2) Cassius Dio, Römische Geschichte
(2) Martial, Epigramme
(3) Historia Augusta
(4) Eutropius, Brevarium ab urbe condita
(5) Ovid, Metamorphosen

Literatur:
(1) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(2) Der Kleine Pauly
(3) Eve d'Ambra, Private Lives.Imperial Virtues: The Frieze of the Forum Transitorium in Rome.
(4) Kira Kathleen Jones, Filius Minervae: A Study of Domitian's Relationship with Minerva, Emory univer-sity, 2011

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 02.04.26 09:35

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Lucius Aelius » Do 02.04.26 12:05

Peter43 hat geschrieben:
Do 02.04.26 09:34

Als der Brand von 80 n. Chr. die senatorische Münzstätte beschädigt hatte, übernahm die kaiserliche Münzstätte die Produkton römischer Münzen.
Kleine Korrektur: Es gab keine senatorische Münzstätte. Das Münzrecht lag ausschließlich beim Kaiser.
Gruss
Lucius Aelius

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Lucius Aelius » Do 02.04.26 12:33

Peter43 hat geschrieben:
Do 02.04.26 09:34
Die interessante Rev.-Legende steht für Minerva Fautrix, Minerva die Beschützerin (von lat. faveo, gnädig sein). Diese Bezeichnung gibt es nur auf dieser Münze des Postumus und ehrt die Legio I Minerva.
Das ist lediglich nur eine von mehreren Deutungen. Und noch nicht mal die überzeugenste, denn 1.) warum ist kein direkter Bezug zur legio ersichtlich (bspw. durch einen Legendenzusatz LEG wie bei den zeitnahen Legionsantoniniani des Gallienus), 2.) warum soll nur eine legio durch Münzen geehrt worden sein und 3.) gibt es irgendein Äquivalent, wonach eine legio mittels Darstellung einer Gottheit gewürdigt wurde?
Gruss
Lucius Aelius

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 02.04.26 14:29

Hallo Lucius Aelius!

Um einer längeren Diskussion aus dem Weg zu gehen, habe ich die Münze gegen eine andere ausgewechselt.

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 04.04.26 09:14

Exkurs: Arachne

Die Mythologie um Arachne ist spät entstanden und stammt aus einer hellenistischen Vorlage (Pauly). Nach einer kurzen Andeutung in Vergils Georgica (4, 246), wird sie uns von Ovid in seinen Metamorphosen (6, 5-145) erzählt. Nach Plinius war Arachne die Erfinderin der Spinnerei, des Webens nnd der Vogel- und Fischnetze. Die hellenistischen Ausschmückungen erkennt man noch an der detaillierten Beschreibung der Gewebe, wie wir sehen werden.

Mythologie (nach Ovid):
Arachne (Αράχνη, Wz. αρκ = flechten, später poetisch „Spinne“) war die Tochter des Idmon, eines Purpurfärbers aus Kolophon in Lydien, und lebte in Hypaipa am Berge Tmolos. Obwohl sie von niederer Abkunft war, hatte sie durch ihre Webkunst großen Ruhm erlangt, so daß sogar die Nymphen des Tmolos und die Najaden des Paktolos kamen, um ihre Kunst zu bewundern, die sie von Pallas gelernt haben mußte. Aber das verneinte sie, hielt sich selbst für unübertrefflich und forderte die Göttin zum Wettstreit heraus.

Pallas, das ist Minerva, hörte von ihrer Prahlerei, verkleidete sich als alte Frau, warnte das Mädchen vor ihrem Hochmut und forderte sie auf, die Göttin für ihre frevelhaften Worte um Gnade zu bitten, die sie ihr gewähren würde. Aber Arachne wurde zornig, verbat sich solche Ratschläge von einer alten Frau, und verlangte, die Göttin müßte schon selbst kommen und sich mit ihr zu messen. Da fiel die Verkleidung ab, Pallas stand vor ihr, sprach: „Sie kam!“ und nahm die Herusforderung an.

Und schon standen sie nebeneinander, jede an ihrem Webstuhl. Pallas webte die olympischen Götter in all ihrer Pracht, in der Mitte Jupiter, sich selbst aber im Moment des Triumphes über Neptun als sie den Athenern zum Staunen der Götter den Ölbaum schenkte, mit Schild und Speer, auf dem Haupt den Helm und auf der Brust die Aegis. Mit der Göttin des Sieges beendete sie ihr Bild. Doch zur Warnung webte sie in die Ecken Verwandlungen von Sterblichen, die sich gegen die Götter erhoben hatten, so das Schicksal der Arachne vorwegnehmend. Da fanden sich Haemus und Rhodope, die in Berge verwandelt wurden, weil sie sich Jupiter und Juno genannt hatten, die Pygmäenmutter Saturnia, die zum Kranich, und Antigone, die zur Störchin wurde.

Auch Arachne webte göttliche Motive. Aber um den Stolz der Göttin zu kränken webte sie Szenen verbotener Liebesaffären: Europa, die durch Jupiter als Stier getäuscht worden war, Asteria, die sich als Wachtel ins Meer stürzte, um sich vor Jupiter zu retten, Leda mit dem Schwan, Antiope, die Tochter des Nyctaeus, die dem Jupiter Zwillinge gebar, Jupiter, wie er in der Gestalt des Amphitryon Alkmene verführte, als goldener Regen Danae schwängerte, als Feuer die Aigina, als Hirte die Mnemosyne oder als Schlange mit Proserpina, der Tochter der Deo, den unterirdischen Dionysus zeugte, Sie zeigte auch Neptun, der als Stier die Aeolustochter bestieg, in der Gestalt des Enipeus dem Aloeus die Söhne zeugte, als Widder die Theophane und als Hengst die Demeter vergewaltigte, der als Vogel die Medusa im Tempel der Pallas vergewaltigte, weswegen Pallas zur Strafe die Haare der Medusa in Schlangen verwandelte, und als Delphin die Melantho entführte. Und allen Frauengestalten gab Arachne ihr eigenes Gesicht. Und da waren Phoebus, der als Hirte Isse, die Tochter des Macareus, betörte, Bacchus, der als Weintraube verwandelt Erigone täuschte, und Saturn, der als Hengst den Chiron zeugte.

Dies Werk der Arachne war so vollkommen, daß selbst Pallas und der Neid es nicht tadeln konnten. Darüber erzürnt zerriß Pallas das Gewebe, „die Schande des Himmels“, wie Ovid schreibt, und stach Arachne mit dem Webschiffchen viermal in die Stirn. Verzweifelt versuchte Arachne sich zu erhängen, aber Pallas erfaßte Mitleid und rettete sie. Zur Strafe für ihre Hybris aber besprengte Pallas sie mit dem Saft des Eisenhuts und verwandelte so Arachne in eine Spinne. Sie und alle ihre Nachkommen sollten an der Decke hängen und Netze weben.

Kunstgeschichte:
In der Antike war Arachne ein sehr seltenes Motiv. Bekannt ist es eigentlich nur vom Fries am Tempel der Minerva des Domitian auf dem Forum Transitorium.

Im Barock wurde dies Thema wieder aufgenommen. Bilder zur Mythologie der Arachne gibt es von Jacopo Tintoretto (1518/1519-1594), Peter Paul Rubens (1577-1640), Diego Velasquez (1599-1660), Rene-Antoine Houasse (1645-1710) und anderen.
René-Antoine_Houasse_-_Minerve_et_Arachne_(Versailles).jpg
Rene-Antoine Houasse (1645-1710), „Minerva und Arachne (1706)“, heute im Nationalmuseum der Schlösser von Versailles und Trianon (Wikimedia). Dargestellt ist die dramatische Szene, in der Minerva mit ihrem Webschiffchen auf Arachne losgeht.

Die Spinnentiere wurden 1801 von Jean-Baptiste de Lamarck in seinem „Systeme des animaux sans verte-bres“ als eigene Klasse von den Insekten getrennt, zu denen sie Linne noch gestellt hatte, und Arachnida genannt.

Die Sage von Arachne ist die typische Geschichte menschlicher Hybris, die von den Göttern streng bestraft wird. Hybris ist das Thema vieler antiker Mythologien: von Tantalus, der die Götter versuchte, von Sisyphus, dem frevelhafter Trickser, der dem Tod entkommen wollte, von Aias dem Lokrer, der nach dem Fall Trojas Kassandra im Tempel der Athena vergewaltigte und damit prahlte, er könne den Göttern trotzen, vom Stolz der Niobe, die sieben Söhne und sieben Töchter hatte und sich für größer als Leto hielt, weil die nur die Zwillinge Apollo und Artemis hatte, und vielen anderen. Dieses Thema hat Goethe in seinem Gedicht „Grenzen der Menschheit“ behandelt: „Denn mit Göttern soll sich nicht messen irgendein Mensch“.

Aber so, wie viele antike Mythologien einen historischen Hintergrund haben, was sie ja von Märchen unterscheidet, gibt es den auch bei der Mythologie von Arachne. Ranke-Graves schreibt, die Sage suggeriere, daß die Menschen das Weben den Spinnen abgeschaut haben und daß die Weberei ursprünglich in Kleinasien perfektioniert wurde. Laut seiner Deutung reflektiert die Erzählung die Handelskonkurrenz zwischen den Athenern und den lydo-karischen Seemächten, die kretischen Ursprungs waren. Nach Ranke-Graves zeigen zahlreiche Siegel mit Spinnenemblem, die im kretischen Milatos - der Mutterstadt des karischen Miletos, des größten Exporteurs gefärbter Wollstoffe in der alten Welt - gefunden wurden, daß dort zu Anfang des zweiten Jahrtausends vor Christus eine umfangreiche Textilindustrie betrieben wurde. Eine Zeit lang beherrschten die Milesier den gewinnbringenden Handel im Schwarzen Meer. Sie unterhielten auch Lagerhäuser im ägyptischen Naukratos.

Quellen:
(1) Vergil, Georgica
(2) Ovid, Metamorphosen
(3) Plinius, Historia naturae

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
(4) Der Kleine Pauly

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 04.04.26 09:15

Der Gürtel der Hippolyte

Es gibt viele Münzen, deren Preis außerhalb meines Budgets liegt, das ich für meine Sammlung zur Verfügung habe. Trotzdem möchte ich über die Mythologie schreiben, die einige auf ihrer Rückseite darstellen. Dazu gehört auch die folgende Münze aus dem Münzkabinett der Staatlichen Museen, Berlin):

Die Münze (Staatliche Museen, Berlin):
Thrakien, Perinthos (Herakleia), Elagabal, 218-222
AE 42, 39.02g, 180°
Av.: ΑΥΤ Κ Μ ΑΥΡ CΕΥΗ - ΑΝΤΩΝΕΙΝΟC ΑΥΓ
Büste, cürassiert, von vorne gesehen, belorbeert, n. r., auf der Brust Gorgoneion und an der li.
Schulter die Aegis
Rv.: ΠΕΡΙΝΘΙΩ - N.ΔΙC.ΝΕΩΚΟΡΩΝ
Hippolyte auf einem zusammenbrechenden Pferd nach r. sitzend, den Kopf zurückgewandt zu
Herakles, der sie mit der Linken am Schopf gepackt hat und mit der erhobenen Keule zum
Schlag ausholt. Hippolyte, in der erhobenen Linken eine Pelta haltend, versucht mit der r.
Hand sich von Herakles zu befreien.
im Abschnitt die ihr entfallene Bipennis
Ref.: Imhoof-Blumer, Die Amazonen auf griechischen Münzen, Nomisma 2, 1908 16 Nr. 2 Taf.
2,16 (diese Münze); Schönert, Die Münzprägung von Perinthos (1965) 227 Nr. 721,1 Taf. 44
(diese Münze, Medaillon); H. Voegtli, Bilder der Heldenepen in der kaiserzeitlichen
griechischen Münzprägung (1977), 35.
Pedigree:
ex Imhoof-Blumer (1900)
Perinth_Elagabal.jpg
Zu dieser Münze:
In der Bauplastik und der Vasenmalerei wurde diese Heraklestat gerne dargestellt, doch in der Münzprägung ist sie recht selten. Nach Hans Voegtli liegt das daran, daß das Thema zwar für die große Kunst und die Vasenmalerei gut geeignet ist, einen Stempelschneider jedoch vor große Probleme stellt und sein ganzes Können erfordert. Deshalb sind Münzen mit diesem Thema außerordentlich selten.

Mythologie:
Herakles hatte in einem Anfall von Wahnsinn, mit dem ihn seine Feindin Hera geschlagen hatte, seine eigenen Söhne erschlagen. Zur Sühne für diese Untat hatte das Orakel von Delphi ihn dazu verurteilt, sich 12 Jahre in den Dienst von Eurystheus, dem König von Mykene zu stellen. In dieser Zeit hatte er 10 Arbeiten zu erfüllen, die alle als unerfüllbar galten. Da Eurystheus zwei von ihnen dann nicht als erfüllt anerkannte, wurden es insgesamt 12 Arbeiten. Diese wurden um 600 v. Chr. von dem griechischen Dichter Peisander zu einem festen Zyklus zusammengefaßt, dem Kanon der 12 Arbeiten des Herakles. Der Gürtel der Hippolyte ist in diesem Kanon die neunte Arbeit.

Hippolyte (Ιππολύτη) war die Königin der Amazonen, eines Volkes, das nur aus kriegerischen Frauen bestand. Von ihren Kindern ließen sie nur die Mädchen aufwachsen. Ihre Söhne wurden den Vätern zurückgegeben oder sogar getötet. Ihr Reich lag in Pontos am Schwarzen Meer am Fluß Thermodon, dem heutigen Terme Cayi bei Samsun, und war durch seine Sümpfe und die umgebenden Gebirge ein nur schwer zugängliches Gebiet. Hippolyte, die Tochter des Ares und der Amazonenkönigin Otrere, war die tapferste der Amazonen und hatte von ihrem Vater Ares dessen Wehrgehenk (zoster), einen besonderen Gürtel, geschenkt bekommen als Symbol ihrer Macht und Königswürde.

Eyrystheus hatte eine Tochter Admete, die sich diesen Gürtel wünschte, und Eurystheus gab Herakles die Aufgabe, seiner Tochter diesen Gürtel zu besorgen.

Herakles sammelte seine Helden, darunter Theseus und Telamon, den Heros der Salaminier und Aigineten, und schiffte sich ein. Diese Fahrt ähnelte der Argonautenfahrt und nach Pindar hätten auch alle Argonauten daran teilgenommen. Mit seiner Schar landete Herakles bei Themiskyra an der Mündung des Thermodon. Von den Amazonen wurden sie freundlich aufgenommen. Als Herakles ihnen erzählte, mit welcher Absicht sie gekommen wären, war Hippolyte bereit, ihm den Gürtel zu schenken.
(1) Apulischer Glockenkrater.jpg
Apulischer Glockenkrater, ca. 360-340 v. Chr., heute im Antikenmuseum der Universität Leipzig

Die Szene auf diesem Glockenkrater, der dem sog. Epitaph-Maler zugeshrieben wird, ist kunsthistorisch besonders interessant, da sie im Gegensatz zu den anderen bekannten Darstellungen keinen Kampf zeigt, sondern die friedliche Übergabe des Gürtels durch die Amazonenkönigin Hippolyte an Herakles (Apollonios Rhodios; Diodorus Siculus)

Das aber war nicht im Sinne von Hera, der Feindin des Herakles, die sich genötigt fühlte einzugreifen. In der Gestalt einer Amazone wiegelte sie das Frauenvolk auf, indem sie erzählte, Herakles sei nur gekommen, um Hippolyte zu entführen. Dadurch kam es zu einer Schlacht zwischen Herakles und seiner Schar und den Amazonen. Herakles tötete die Königin und nahm der toten Hippolyte den Gürtel ab. Theseus habe als Belohnung für seine Hilfe die Amazone Antiope zum Geschenk bekommen, Telamon die Hesione.

Diese Schilderung entspricht der herakleischen Mythologie, wie sie von Apollonios Rhodios, Diodorus Siculus oder Apollodor berichtet wird.

Daneben gibt es die theseische Mythologie (von Theseus und seinen Abenteuern), die die ältere ist, z. B. von Kleidemos, Istros, Isokrates in seinem Panathenaikos und römischen Autoren, z. B. Properz, die die attische Mythologie ohne Verbindung zur herakleischen erzählen. Danach nahm Theseus die Hippolyte gefangen und schenkte den Gürtel dem Herakles. Hippolyte aber habe er in seine Heimat nach Athen geführt, wo er König war, sie dort geheiratet und von ihr seinen Sohn Hippolytos bekommen. Das gehört aber alles zur Mythologie des Theseus und des Hippolytos. Den Gürtel bewahrte man dann in Mykene auf oder im Heiligtum der Hera in Argos, in dem Admete als Priesterin diente.

Aber die Rückkehr der Helden aus dem Land der Amazonen verlief nicht so reibungslos, wie erhofft. Dies kennen wir ja auch von vielen anderen Fahrten in der antiken Mythologie. Es gibt von ihr mehrere Erzählungen.

Eine ältere wird von Homer in seiner Ilias erzählt. Danach war Herakles bei König Laomedon in Troja gelandet, und hatte die Hesione vor dem Meeresungeheuer gerettet, das Poseidon den Trojanern geschickt hattte. Poseidon hatte nämlich zusammen mit Apollo die Mauern von Troja erbaut, wofür Laomedon ihnen als Lohn die Pferde des Zeus versprochen hatte. Doch Laomedon prellte sie um ihren Lohn, weswegen Apollo den Trojanern die Pest sandte und Poseidon ein Meeresungeheuer. Das Orakel riet den Trojanern, Hesione, die Tochter des Laomedon, zu opfern. Wieder versprach Laomedon dem Retter seiner Tochter die göttlichen Pferde. Diese Aufgabe übernahm nun Herakles. Er tötete das Ungeheuer, aber erneut verweigerte Laomedon ihm den verdienten Lohn. So kam es zum ersten trojanischen Krieg. Herakles tötete Laomedon und alle seine Söhne bis auf Priamos und zerstörte Troja. Hesione übergab er als Ehrengeschenk dem Telamon.

Weiter wird dann erzählt, daß sich wieder Hera einschaltete. Als Herakles Troja verließ, ließ sie Hypnos den Zeus in tiefen Schlaf versenken und schickte einen mächtigen Sturm, der Herakles zur Insel Kos trieb, wobei er fünf seiner sechs Schiffe verlor. Die ausführlichste Version findet sich als Lokalsage von Antimacheia auf Kos in Plutarchs Moralia:

Bei der Landung am Kap Laketer konnte Herakles aus seinem Schiff nur die Männer und die Waffen retten. Als er dem Hirten Antagoras und seiner Schafherde begegnete, bat er um einen Widder. Aber Antagoras forderte ihn zum Ringen auf, das bald in einen blutigen Kampf überging, als die Meroper, die Einwohner von Kos, ihm zu Hilfe kamen. Herakles und seine Gefährten unterlagen zunächst und Herakles floh zu einer thrakischen Sklavin, wo er sich in Frauenkleidern versteckte. Dann gelang es ihm jedoch, die Meroper zu besiegen, und er heiratete in bunten Frauenkleidern Chalkipe, die Tochter des Königs, Seitdem tragen die Heraklespriester von Antimacheia bei den Opfern Frauengewänder. Homer erzählt das Ende der Geschichte: Zeus erwachte aus seinem Schlaf und wollte Hypnos für sein Vergehen bestrafen, so daß sich dieser zu seiner Mutter Nyx flüchten mußte. Hera aber hängte er an einem goldenen Seil auf, so daß keiner der Götter sie lösen konnte (Kerenyi). Seinen Sohn Herakles führte er von Kos heim nach Argos.

Kunstgeschichte:
(1) Aus der Antike gibt es nur wenige Vasenbilder, die Herakles und Hippolyte zeigen. Dies ist das Bild auf einer attischen Amphore von ca. 530 v.Chr., die einem Maler der Bateman Gruppe zugeschrieben wird und die sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York befindet. Es zeigt den Kampf zwischen Herakles und der Amazonenkönigin Hippolyte.
(2) Attische Amphore Bateman Group.jpg
Anmerkung: Unter der Bateman Gruppe versteht man eine Gruppe von 5 Amphoren, die im Besitz des britischen Sammlers John Bateman (1839-1910) waren.

(2) Im Barock ist dieses Thema wieder aufgenommen worden. Der Niederländer Nikolaus Knüpfer (1609-1655) hat in einem dramatischen Bild den Augenblick festgehalten, in dem Herakles der Hippolyte den Gürtel wegnimmt. Dieses Bild lief lange unter der Bezeichnung „Absalom verhindert die Flucht der Tamar“. Erst 2005 wurde seine Bedeutung erkannt. Wann genau das Bild gemalt wurde, ist nicht bekannt. Vielleicht zwischen 1640 und 1650. Es befindet sich in der Eremitage in St. Petersburg.
(3) Nikolas Knüpfer 1640-1650.jpg

(3) Ein weiteres Bild „Herakles bringt König Eurystheus den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte“ stammt von Daniel Sarrabat (1666-748). Es hängt heute in der Sammlung des Hotel d'Europe in Lyon.
(4) Daniel Sarrabat.jpg

Bedeutung des Gürtels in der Mythologie:
In der griechischen Mythologie von Hippolyte war der Gürtel (ζωστηρ, zoster, eigentlich das Wehrgehenk ihres Vaters Ares) das Symbol ihrer königlichen Macht und ihrer Würde. Nachdem Herakles ihn der Hippolyte genommen hatte, hatte er damit auch die Gewalt über die Amazonen erlangt.

In der nordischen Mythologie besaß Thor, der Donnergott, den Kraftgürtel Megingiard. Sobald er den anlegte, verdoppelte sich seine Kraft und machte ihn im Kampf gegen die Riesen unbesiegbar.

Der Gürtel wird oft mit Weiblichkeit und der Macht der Verführung in Verbindung gebracht. So ist es kein Wunder, daß Aphrodite, die Göttin der Liebe, einen wunderbaren Gürtel (κεστὸς ἱμάς, kestos, gesticktes Band) besaß, den sie von Hephaistos erhalten hatte, und in dem alle Reize der Verführung, wie Liebe, Verlangen und schmeichelnde Worte, enthalten waren. Wer ihn trug, war unwidertehlich. Selbst Hera lieh ihn sich aus, um Zeus zu betören.

Seine Rolle im Märchen, beim tapferen Schneiderlein und natürlich bei Schneewittchen, sollte allen bekannt sein. Aber auch beim treuen Heinrich im „Froschkönig“ spielen Bänder (Gürtel) eine Rolle.

Bei den Römern war das cingulum militare das wichtigste Erkennungszeichen des Soldaten. Es zeigte, daß man „im Dienst des Kaisers“ stand. Ihm den Gürtel wegzunehmen, kam einer unehrenhaften Entlassung gleich.

Quellen:
(1) Homer, Ilias
(2) Apollonios Rhodios, Argonautika
(3) Hyginus, Fabulae
(4) Diodorus Siculus, Bibliotheca historica
(5) Apollodor, Chronika
(6) Pausanias, Reisen durch Griechenland
(7) Plutarch, Moralia
(8) Properz, Elegien

Literatur:
(1) Benjamn Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Der Kleine Pauly
(4) Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
(5) Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) theoi.com

Liebe Grüße
Jochen
Zuletzt geändert von Peter43 am Do 16.04.26 15:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Ampelos (Di 07.04.26 22:00)
Omnes vulnerant, ultima necat.

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