Die herrschende Meinung und ihre Ungereimtheiten
Nach der herrschen Auffassung, vertreten z. B. von The Roman Imperial Coinage, Band IX (im Folgenden kurz RIC IX), markieren die Solidus-Prägungen RIC IX Treveri 49 (maßgeblich definiert durch den Rückseiten-Typus VICTORIA AVGG und zwei Kaisern unterschiedlicher Größe) den Beginn der vierten Prägeperiode ab dem 9. August 378 – dem Tag der Schlacht von Adrianopel und dem Tod Valens’.
Der deutliche Größenunterschied auf der Rückseite wird als ikonographische Reaktion auf die neue politische Lage nach Valens’ Tod interpretiert, wobei der große Kaiser Gratian und der kleine Kaiser Valentinian II. darstelle.
Diese Deutung ergibt verschiedene Ungereimtheiten:
- Das Dasein von RIC 49a (Valens auf der Vorderseite). Die herrschende Meinung erklärt dies damit, daß man die vorhandenen Valens-Prägestempel einfach „aufgebraucht“ habe. Schwierigkeit: Diese Erklärung ist bei näherer Betrachtung fernliegend. Was sollte die Münze dem Kaiser Gratian mitteilen? Wir haben zwar die Rückseite angepaßt, aber wir wollten in einigen Fällen nicht dich auf die Vorderseite prägen, weil wir noch so schöne Valens-Prägestempel hatten? Die Weiterverwendung eines toten Kaisers auf der Vorderseite bei gleichzeitiger Anpassung der Rückseite bleibt jedenfalls widersprüchlich.
- Der Zeitpunkt der Einführung der neuen Ikonographie. Die herrschende Meinung sieht den Größenunterschied als direkte Reaktion auf Valens’ Tod und die dadurch veränderte Rangordnung (Gratian als Senior). Schwierigkeit: Es war absehbar, daß der Osten nicht lange ohne Augustus bleiben würde. Warum sollte man gerade in dieser unsicheren Übergangsphase eine stark westlich geprägte Ikonographie (Gratian dominant, Valentinian II. als Kind) einführen, die potentiell herausfordernd auf den Osten wirken konnte?
- Die Beibehaltung der Rückseitengestaltung nach Theodosius’ Erhebung. Die herrschende Meinung erklärt die Fortsetzung der Rückseitenprägung damit, daß sich die Bildsprache „eingespielt“ habe und nun allgemein die westliche Rangordnung (Senior-Augusti vs. Junior) ausdrücke. Schwierigkeit: Nach der Erhebung Theodosius’ I. zum Augustus im Osten im Januar 379 hatte sich die Gesamtkonstellation erneut grundlegend verändert. Die Beibehaltung einer „Gratian groß – Valentinian II. klein“-Darstellung über mehrere Jahre wirkt dann nicht folgerichtig und ist schwer begründbar.
Ich habe eine Deutung, die keine dieser Schwierigkeiten aufweist.
Gratian wollte seinen kleinen Halbbruder Valentinian II. (geboren 371, bereits 375 zum Mit-Augustus erhoben) bewußt im Westen als künftigen Herrscher etablieren und beim Volk bekannt machen.
Bereits ab 375 wurde Valentinian II. auf die Vorderseiten der Münzen geprägt und dort erkennbar als Kind dargestellt. Damit wurde er der Bevölkerung überhaupt erst als neuer Mitkaiser vorgestellt und als Kind bekannt.
Ab etwa 378 (vermutlich noch zu Lebzeiten Valens’, jedenfalls ohne Kenntnis seines Todes) führte Gratian auf den Solidi eine neue Rückseiten-Ikonographie ein: Auf der Rückseite (VICTORIA AVGG) werden weiterhin zwei Kaiser dargestellt, von denen nun aber einer deutlich kleiner ist. Der Kleine ist Valentinian II.: Er ist körperlich klein dargestellt, also ein Kind. Seine körperliche Darstellung als Kind paßt zu seiner bisherigen Darstellung auf den Vorderseiten.
Diese Rückseiten-Darstellung war die Fortsetzung der Einführungskampagne von 375. Erst nachdem die Menschen Valentinian II. als Kind verinnerlicht hatten, konnte man davon ausgehen, daß sie ihn auch auf der Rückseite in dem kleinen Kaiser erkannten.
Entscheidend aber war Folgendes: Valentinian II. war im Herbst 371 geboren, was bedeutet, daß er Ende 378 sieben Jahre alt wurde. In der römischen Kultur und im römischen Recht war das Alter von 7 Jahren der Meilenstein, an dem ein Kind die infantia (Unfähigkeit, rechtlich zu sprechen bzw. zu handeln) hinter sich ließ und in die pueritia eintrat. Dies war im Römischen Reich ein äußerst üblicher Zeitpunkt für das öffentliche „Debüt“ junger Angehöriger der Elite. Valentinian II. sollte durch Präsenz und dargestellte Funktion im Bewußtsein der Bevölkerung als späterer legitimer Nachfolger verankert werden. Die Verknüpfung der neuen Rückseite mit dem Erreichen der pueritia durch Valentinian II. verleiht dem Beginn dieser Prägungen gerade um das Jahr 378 einen handfesten Grund.
Die Rückseite war hinsichtlich der Identität des großen Kaisers zweideutig.
- Gebildete Betrachter (und die östliche Reichsverwaltung) verstanden die Rückseite wie auch bisher immer gemeint als die Ost- und Westkaiser, die gemeinsam die Weltkugel halten. Wenn Gratian statt seiner selbst nun für den Westen den kleinen Valentinian II. darstellt, dann ist das seine Sache und ja nicht ganz unsympathisch.
- Einfache Leute im Westen konnten die Darstellung leicht auf Gratian (groß) und Valentinian II. (klein) beziehen, ein Mißverständnis, welches Gratian als möglichen Nebeneffekt vermutlich gerne in Kauf nahm.
Mit dieser Deutung der Rückseite erklärt sich zwanglos das Dasein von RIC 49a.
Daß Valens dann kurz nach Einführung dieser Ikonographie starb, ist Zufall. Sein Tod und seine Ersetzung durch Theodosius I. gaben keinerlei Anlaß, diese neue Gestaltung zu ändern (deswegen ja die ganzen weiteren RIC 49-Prägungen mit einem kleinen Kaiser hinten).
Zusammenfassung:
Der Anlaß der Solidus-Prägungen mit den unterschiedlich großen Kaisern auf der Rückseite (RIC IX Treveri 49) war der 7. Geburtstag von Valentinian II. und damit sein Eintritt in die pueritia. Die Schlacht von Adrianopel und der Tod von Valens fallen damit zeitlich fast zusammen, haben aber ursächlich damit nichts zu tun.
Meinungen dazu?
Anlaß und Beginn der RIC IX Treveri 49-Solidus-Prägungen
Moderator: Homer J. Simpson
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