alexander20 hat geschrieben:Hallo Chandragupta,
auch von mir vielen Dank für Deine Ausführungen über ein Sammlerleben in der DDR. Vor einiger Zeit konnte ich ein Werk von Rudolf Laser "Die römischen und frühbyzantinischen Fundmünzen auf dem Gebiet der DDR" (Akademie Verlag Berlin, 1980) erwerben und war doch sehr erstaunt, was so alles dort gefunden wurde. Aber zurück zu Deinen spannenden Ausführungen. Die haben mich neugierig gemacht und ich habe noch ein paar Fragen.
Gab es in der DDR Münzsammlervereine, offfizielle und/oder inoffizielle?
Gab es offiziellen Münzhandel?
Gab es Kontakte zwischen westdeutschen und ostdeutschen Sammlern?
Gab es - etwa im Rahmen eines Geschichtsstudiums- auch Vorlesungen oder Übungen zum Fach Numismatik an ostdeutschen Universitäten?
Ich danke Dir schon jetzt für Deine Bemühungen und bitte um Verzeihung für meine gezeigte Unwissenheit in diesem Bereich, aber als ein im tiefem Süddeutschland Aufgewachsener, der auch keine verwandschaftlichen Beziehungen in die DDR hatte, war mein Interessse für die DDR nicht gerade groß.
Ganz schön viel Fragen auf einen Haufen!
Aber ehe wir letzten Zeitzeugen so langsam wegsterben

vielleicht ein paar kurze Antworten dazu von jemandem, der die Sammlerszene in der DDR zumindest in derem letzten Jahrzehnt doch sehr gut noch aus eigener Anschauung kennt.
Ja, es gab offizielle Sammlergruppen. Da es in der DDR keine "Vereine" im westlichen Sinne geben durfte, sondern allenfalls "gesellschaftliche Massenorganisationen", gab es auch nur
eine Organisation, die für Sammler aller Art(!) eine Heimstatt bot: der "Kulturbund der DDR". Dort gab es einen "Zentralen Fachausschuß Numismatik" (du mußt jetzt tapfer sein - es kommt im folgenden noch viel solches stalinistisches "Parteideutsch"

), und diesem waren alle lokalen "Fachgruppen Numismatik" untergeordnet (es gab sie in allen Groß- und Mittelstädten).
Diese "Fachgruppen Numismatik" umfaßten jedoch nur eher die (zahlenmäßig ja bekanntlich größte Gruppe der) "Neuzeitsammler"; aber auch alle Antikensammler waren dort "formal" organisiert - mußten dort organisiert sein, um sich nicht "verdächtig" zu machen.
Es gab zwar auch einzelne "Individualisten" unter den Sammlern, die nicht "organisiert" (also kein Mitglied im "Kulturbund") waren - aber für die war es recht problematisch, weil es da in der DDR absolut krude Gesetze zum "Kulturgut" gab (naja, die BRD bewegt sich nicht nur bzgl. Polizei- und Spitzelstaat, sondern auch diesbezüglich langsam aber sicher

auf den östlichen Vorgängerstaat zu - siehe meinen Thread hier zum aktuellen Kulturgutschutzgesetz der BRD...); und insbesondere das "Edelmetallgesetz der DDR" hatte es in sich! Das verbot nämlich de facto jeden Besitz edelmetallhaltiger Münzen (also mit bzw. aus Silber und Gold) für Privatleute. Die konnten bei Hausdurchsuchungen jederzeit eingezogen werden, wenn ihr Besitz nicht zuvor offiziell bei der "Staatsbank der DDR" registriert worden war. Dazu mußte man sie ihr zunächst "zum Ankauf anbieten" (man bekam dafür ein paar symbolische Ostmark).
Bei "organisierten" Sammlern wurden bei dieser Prozedur jedoch dahingehend Ausnahmen gemacht, daß die "Staatsbank" dann regelmäßig den Ankauf ablehnte und stattdessen eine Besitzgenehmigung "zu numismatischen Forschungszwecken" erteilte. Später entfiel dann für organisierte Sammler der "Anmeldezwang" ganz. Nun kannst Du Dir sicher vorstellen, vieviele Leute in der Sammlerszene deshalb
NICHT "organisiert" waren. De facto nahe null. Reiner Selbstschutz gegen Staatswillkür!
Über die lokalen Gruppen hinaus gab's auch noch "Zentrale Fachgruppen" oder "Arbeitskreise" für Spezialsammler. Einer davon war - ich erwähne jetzt extra mal den kompletten Namen

- der
"Zentrale Arbeitskreis Antike Münzen beim Zentralen Fachausschuß Numismatik im Kulturbund der Deutschen Demokratischen Republik", in dem de facto alle Antikensammler der DDR parallel zu ihren Ortsgruppen organisiert waren.
Wir trafen uns zwischen 6- bis 9-mal jährlich an verschiedenen Orten zu Vorträgen etc. Schwerpunkt war Ostberlin. Der Nachfolger davon existiert noch heute:
http://www.fam-online.de
Es gab sogar einen offiziellen Münzhandel ("Staatlicher Kunsthandel der DDR"), und dort gab's auch antike Münzen. Filialen gab's in allen größeren Städten, nicht nur in Berlin, Dresden, Leipzig, Meiningen, sondern AFAIRC auch in Rostock, Magdeburg und so. Antike Münzen gab's aber de facto nur in den erstgenannten 4 Städten. Und selten. Aber manchmal gab's da totale Schnäppchen, denn die Händler hatten von Antike fast keine Ahnung. Mein erster Ankauf Anno 1978 war z.B. eine erlesene(!) kleine Sammlung Gallisches Reich - mit allen Raritäten, die's so gab: Marius, Laelian, seltene Postumus-Reverse ... das Stück für 30,- ... 50,- Ostmark, je nach Erhaltung (der Laelian war der billigste - 20,- Ostmark

). Ich habe damals mein ganzes Geld, das ich als Student hatte, dort gelassen, mußte dann aber später ein paar Stücke leider weiterverkaufen, um nicht zu verhungern (das Monatsstipendium war 180,- Ostmark). Aber die "Bombenstücke" aus diesem "Lot" habe ich heute noch...
Der "Staatliche Kunsthandel" organisierte auch Auktionen. Diese waren die wichtigsten Quellen für unser Hobby. Die Preise waren aber wie gesagt z.T. fantastisch hoch. Und wenn es pro Auktion mal mehr als 20 Antiken gab, galt die als mit Antiken "gut bestückt"...
Interessant war jedoch an der Preisstruktur in der DDR, daß da die Häufigkeitsverhältnisse von 1945(!) "eingefroren" waren. Es kamen auch aus den Ostblockländern keine Münzen nach! Wegen der knallharten Exportgesetze der anderen Länder...
Im Gegenteil: Alles, was bei Münzen (auch Antiken) halbwegs von Wert war, wurde vom "Staatlichen Kunsthandel" (der ja Teil des Schalck-Golodkowski-Imperiums "KoKo" war!) gegen "harte Devisen" in den Westen verkloppt,
verließ also die DDR. Es blieb demnach nur der "Schrott" im Lande. Deshalb z.B. die Tatsache, daß es Münzen von Macrianus/Quietus nicht gab. Wo sollten die denn auch herkommen? 99% der heute marktgängigen Stücke sind ja erst ab den 60er Jahren in Syrien gefunden worden...
Dafür waren nun wieder die heutzutage zu Phantasiepreisen gehandelten Frührömermünzen in der DDR recht häufig und damit preiswert zu haben. Wenn ich geahnt hätte, daß 1990 die DM kommt, ich hätte Anfang der 80er mein Geld nur in Caesar-Porträtdenaren angelegt.

Sowas kam in der DDR weniger als ein Antoninian des Florianus und nur 20...30% eines Macrianus/Quietus oder nur ca. 50% eines Antoninian Aurelian&Vaballathus aus Antiochia. Vergleiche das mal mit heute...
Kontakte zwischen ost- und westdeutschen Sammlern auf privater Ebene waren zumindest unerwünscht. Für Kontakte von Privaten zu westlichen Vereinen gab's sogar den StGB-Paragraphen "illegale Verbindungsaufnahme" mit "Feindorganisationen", der da ggf. zur Anwendung kam.
Numismatik wurde im Geschichtsstudium de facto kaum behandelt.
An westliche Fachliteratur ranzukommen war EXTREM schwer. Dazu schrieb ich ja schon was. Das ging nur, wenn man dafür eine Genehmigung hatte, also i.w.S.
beruflich damit befaßt war.
Allerstrengstens(!) verboten - und bei Bedarf mit heftigen Strafen belegt - war der Besitz von Katalogen, die westliche
Preise nannten. Jedoch wurden auch hier bei organisierten Sammlern bestimmte Ausnahmen gemacht. Den Seaby Katalog "Roman Coins an their Values" bekam man, wenn man 1...2 Jahre Mitglied im "Arbeitskreis Antike Münzen" war (s.o.), für ca. 400,- Ostmark "unter der Hand" und "im Vertrauen" vom Leiter(!) der Gruppe "zugeschoben". Man sollte aber keinen "Wind darüber" machen und das Buch nicht weiterverkaufen, weil eben Preise drin stehen und das in der DDR nicht gehandelt werden darf.
Ab Mitte der 80er wurde das leicht(!) gelockert, und ab ca. 1986/1987 konnte man sogar in Bibliotheken problemlos (zumindest im Lesesaal) den "Kankelfitz" ausgeliehen bekommen - Anfang der 80er konnte man für dessen Besitz wie gesagt noch bestraft werden (meist lief's dabei auf den "Einzug" von Teilen nicht "angemeldeter" Sammlungen hinaus, wenn für Schalck-Golodkowski was "von Wert" darin enthalten war).
War schon eine verrückte Zeit, damals...
