Salus mit Schlangenfütterung

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cojobo
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Salus mit Schlangenfütterung

Beitrag von cojobo » Di 16.02.10 18:17

Hallo,
und hier die nächste dumme Frage.
Dass in der Antike die Schlange als Symbol für Heil und Heilung gilt, ist ja an sich schon erstaunlich genug. Noch seltsamer finde ich, dass sie ständig gefüttert wird. Die Kombination "Salus füttert Schlange" gehört sicher zu den häufigen Reversdarstellungen, wie hier auf einem Denar des Hadrian. Da wir selber Schlangen halten, ist uns die Vorstellung, eine Schlange von einem Teller essen zu lassen, wirklich sehr befremdlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Antike die Ernährungsgewohnheiten von Schlangen gänzlich unbekannt waren. Gibt es in der antiken Mythologie irgendeine Deutung dieser Szene?
Wie immer mit Dank für jeden Hinweis
cojobo
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Peter43
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Beitrag von Peter43 » Di 16.02.10 19:16

Schlangen waren in der Antike heilig und galten als unsterblich. Dieser Glaube wird zurückgeführt auf ihre Häutungen, die als Tod und Wiederauferstehung interpretiert wurden. Ihr Kult, der eng mit Asklepios verbunden war, war besonders in Thrakien weit verbreitet. Dort wurden sie in eigenen Tempeln gehalten. Die auf dem Denar abgebildete Szene ist eigentlich keine Fütterungsszene, sondern eine Opferszene. Deshalb ähnelt sie ikonographisch den Opferszenen, in denen eine Gottheit eine Opferschale, Patera, über einen Altar hält. Die kleinen Kugeln auf der Patera sind, nach dem was wir wissen, kleine Kuchen aus (Gersten-)Mehl und Milch.

Wofür ich keine Erklärung habe ist, daß Salus und Hygieia, ihr griechisches Pendant, in der Regel n.r. stehen, während bei den üblichen Opferszenen die Gottheiten immer n.l. stehen.

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von cojobo » Di 16.02.10 19:44

Hallo Peter43,
danke für die Erklärung; das mit der Opferszene finde ich einleuchtend.
Zu Deiner Nachbemerkung: Ich habe auch eine "Schlangenfütterung" nach links (Sesterz der Crispina). Hier sieht die Szene übrigens tatsächlich wie ein Futterangebot aus, denn die Schlange hat ja sogar das Maul geöffnet.
Beste Grüße
cojobo
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Beitrag von Peter43 » Di 16.02.10 20:30

Die sitzenden Gottheiten wiederum sind in der Regel n.l. gerichtet. Mir fallen spontan keine ein, die n.r. gerichtet sind. Und so ist eine n.l. stehende Salus/Hygieia ebenfalls extrem selten.

Die Szene mit der Schlangenfütterung muß man auch als ikonographischen Topos sehen. Es handelt sich dabei um ein festgelegtes Bild, und jeder konnte sofort sehen, wer gemeint war. Ähnliche Bilder waren doch überall üblich. Z. B. zeigt das Motiv des gefallenen Reiters bei den FEL TEMP REPARATIO Typen auch immer dasselbe Bild, nämlich wie der Reiter mit dem Speer erstochen wird. Es gab doch auch noch andere Tötungsarten: Man konnte ihm das Schwert in den Bauch stechen oder ihm den Kopf abschlagen. Ebensogut konnte er mit dem Pfeil erschossen werden oder man konnte ihn erschlagen. Aber dieses Bild war festgelegt und wurde nicht mehr groß verändert, weil es nur so seinen Zweck erfüllen konnte.

Oder um ein friedlicheres Beispiel zu bringen: Auch der Horusknabe sitzt immer auf dem Schoß der Isis und wird gestillt. Sicherlich war das nicht die einzige Beschäftigung der Isis mit dem Horusknaben!

Mit freundlichem Gruß
Zuletzt geändert von Peter43 am Mi 17.02.10 11:45, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von gallienvs » Mi 17.02.10 11:16

Hallo,
zum Thema nach rechts bzw. links hin stehende opfernde Salus hätte ich ein Beispiel des Gallienus aus Viminacium.
MIR 824o
Ist übrigens absolut keine Seltenheit.
Göbl kennt weit über 100 Exemplare der nach links stehenden Salus mit Schlange.
gruß gallienvs
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inferus
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Beitrag von inferus » Mi 17.02.10 11:54

Ich möchte gerne noch eine Ausführung zu der Thematik der Schlangen in der Antike machen. Gemeinhin werden sie mit "heilig und unsterblich" und mit Asklepeios apostrophiert. Das ist in der Sache richtig, doch ich glaube, dass beantwortet noch nicht das „Warum“ der Schlange geopfert wird.Ich glaube es geht häufig darum die Schlange mit Hilfe der Opfergaben "zu füttern" um diese zu besänftigen. Ich habe allerdings auf die Schnelle nur eine Stelle bei Hesiod gefunden.

Des besseren Verständnisses habe ich die Stelle aus Hesiod mit angefügt. Verzeihung für den längeren Text. Zur Sache würde der letzte Absatz reichen. (Hes.Theo.270-295 übers. Von Louise und Klaus Hallof, Weimar 1994. Bibl.der Antike,Hesiod)

Keto gebar dem Phorkys zwei Greisinnen, jung zwar im Antlitz,
doch seit Geburt schon grau; die auf Erden wandelnden Menschen
wie die unsterblichen Götter nennen sie deshalb die Graien:
schöngewandet Pemphredo, in Safrankleidern Enyo;
dann die Gorgonen, behaust bei den singenden Hesperiden
jenseits des wilden Okeanos, fast an der Grenze zum Dunkel:
Sthenno sowie Euryale und Medusa. Schreckliches traf sie,
da sie als einzige sterblich; unsterblich, ohne zu altern
aber die zwei. Die eine besuchte der Dunkelgelockte
mitten unter den Blumen des Frühlings auf schmeichelnder Wiese.
Als ihr Perseus das Haupt vom Rumpfe abschlug,
entsprangen Pegasos draus, das Roß, und der mächtige Riese Chrysaor;
dem war der Name, weil es am Quell des Okeanosstromes
aufsprang; ihm, weil ein goldenes Schwert er trug in den Händen.
Jenes schwang sich empor, verließ die Erde, der Schafe
Mutter, und kam zu den Ewigen; Zeus' Paläste bewohnt es
und bringt Donner und Blitz zu Zeus, dem sinnenden Herrscher.
Doch mit dem hehren Kind des Okeanos, mit Kallirhoe,
zeugte Chrysaor gemeinsam Geryoneus; dreiköpfig war er.
Diesen erschlug auf Erytheias rings umfloßner Insel
Herakles' Stärke inmitten schleppendfüßiger Rinder,
als er die breitgestirnten Rinder zum heiligen Tiryns
fortgetrieben, nachdem er Okeanos' Strömung durchwatet
und Eurytion, den Hirten, und Orthos auf dämmriger Weide
jenseits des weitberühmten Okeanosstromes getötet.

Keto gebar noch ein anderes Untier, unwiderstehlich,
gleichend keinem der ewigen Götter und sterblichen Menschen,
in dem gewölbten Berg: die Echidna, göttlich und gräßlich,
halb ein Weib mit glänzenden Augen und herrlichen Wangen,
halb ein Untier jedoch, eine Schlange, schrecklich und riesig,
schimmernd und gierig nach Blut, im Schlund der heiligen Erde.
Dort, im gehöhlten Fels am Grunde, liegt ihre Grotte
weit entfernt den unsterblichen Göttern und sterblichen Menschen,
wo ihr die Götter gewährt, ihr berühmtes Haus zu bewohnen.
Unter der Erde, im Land Arimoia, verbarg sich das schlimme
Weib, die Echidna, ohne Alter und Tod alle Tage.
Zuletzt geändert von inferus am Mi 17.02.10 11:56, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von Peter43 » Mi 17.02.10 11:55

Ich hatte spontan an Provinzialmünzen gedacht und dabei natürlich an Thrakien und Moesien. Da hat Hygieia in der Regel die Schlange im re Arm und füttert sie aus einer Patera in der li Hand. Und sie steht grundsätzlich n.r.! Ich kenne im Augenblick nur einen Typ aus Markianopolis, auf dem sie n.l. steht. Man muß natürlich auch unterscheiden zwischen der römischen Salus und der griechischen Hygieia.

Mit freundlichem Gruß
Omnes vulnerant, ultima necat.

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Beitrag von Peter43 » Mi 17.02.10 12:04

Hallo infernus!

Vielen Dank für Deinen Beitrag. Das mit der Besänftigung ist eine interessante Idee.

Es stimmt, die Schlange hat in der Antike verschiedene Bedeutungen: Da ist einmal die heilige, unsterbliche Schlange im Umkreis des Asklepios, die von Heilung suchenden Pilgern angebetet wurde, und da ist die andere, unheimliche Schlange, die in Erdlöchern lebt und daher zum Umkreis der chthonischen Gottheiten gehört. Neben Echidna gehört zu ihnen auch Erichthonios, der erste König von Athen, der als Schlange dargestellt wird oder zumindest Schlangenfüße hat. Und dazu gehören die schlangenfüßigen Giganten, mit denen sich die Olympier schlagen.

Mit freundlichem Gruß
Omnes vulnerant, ultima necat.

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