Historisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 01.07.19 08:31

Glückwunsch!

Jochen
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Mynter » Mo 01.07.19 16:29

Herzlichen Glückwunsch auch von mir ! Ich habe gleich mal rumgeschaut und sofort ein versandpatiniertes Teil für 350 Euro gefunden, eben tauchte dann auch ein Exemplar für 185 Pfund auf. Kann das als Beleg dafür gelten, dass dieses Münzen nicht selten sind ?
Mein Jagdfieber ist auf jeden Fall geweckt !
Vielleicht lässt sich die Nennung des lokalen Repräsentanten aus dem Staatsdenken in den Polleis heraus erklären ? Ich habe den Eindruck, in der Pollis war der direkte Bezug zur Autorität vor Ort wichtig, daher vielleicht auch die ganzen Stadtgötter ? Varus soll doch ein harter Knochen gewesen sein, der von einer Kreuzigung nur dan abbliess, wenn kein Holz da war. Stadtgottheit und Nennung des Varus auf derselben Seite könnte nahelegen, eine direkte Verbindung zwischen beiden herzustellen. Nur so eine Idee, diejenigen unter Euch, die etwas von der Materie verstehen, mögen mich korrigieren.
Zuletzt geändert von Mynter am Mo 01.07.19 20:07, insgesamt 1-mal geändert.
Grüsse, Mynter

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von quinctilius » Mo 01.07.19 17:20

Mynter hat geschrieben: Ich habe gleich mal rumgeschaut und sofort ein versandpatiniertes Teil für 350 Euro gefunden, eben tauchte dann auch ein Exemplar für 185 Pfund auf. Kann das als Beleg dafür gelten, dass dieses Münzen nicht selten sind ?
sie sind auf jeden Fall nicht mehr so selten wie früher. Während des Krieges in Syrien (und auch jetzt noch) wurde/wird fleißig
gegraben und gesondelt. Das hat sich auch am Markt bemerkbar gemacht.
Freut mich, dass Dein Jagdfieber geweckt wurde :-) Ich hab schon 7 Stück davon jetzt - so langsam hab ich genug.
Es gibt übrigens auch Bronzen von Varus aus Berytus - mit Legionsadlern, sehr anschaulich, wenn man seine weitere persönliche Entwicklung betrachtet ;-)

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Mynter » Mo 01.07.19 18:53

quinctilius hat geschrieben:
Mynter hat geschrieben: Ich habe gleich mal rumgeschaut und sofort ein versandpatiniertes Teil für 350 Euro gefunden, eben tauchte dann auch ein Exemplar für 185 Pfund auf. Kann das als Beleg dafür gelten, dass dieses Münzen nicht selten sind ?
sie sind auf jeden Fall nicht mehr so selten wie früher. Während des Krieges in Syrien (und auch jetzt noch) wurde/wird fleißig
gegraben und gesondelt. Das hat sich auch am Markt bemerkbar gemacht.
Freut mich, dass Dein Jagdfieber geweckt wurde :-) Ich hab schon 7 Stück davon jetzt - so langsam hab ich genug.
Es gibt übrigens auch Bronzen von Varus aus Berytus - mit Legionsadlern, sehr anschaulich, wenn man seine weitere persönliche Entwicklung betrachtet ;-)

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Danke für den Tip. Bei Vcoins fanden sich gleich drei Stück, zwei schrottig und teuer, das dritte schrottig und billig. Die Legionsadler erscheinen ja schon fast als ein Omen .
Grüsse, Mynter

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von quinctilius » Mo 01.07.19 19:34

Mynter hat geschrieben:Die Legionsadler erscheinen ja schon fast als ein Omen .
die beziehen sich auf die syrischen Legionen, deren Oberkommandierender er war.
Ich hab es aber auch immer wie ein Omen wahrgenommen ;-)

Hier ein Exemplar aus meiner Sammlung.

Ich würde das schrottige, billige bei Vcoins in Erwägung ziehen.
Man sieht die nur selten und evtl. kannst Du durch geschickte Reinigung noch was rausholen.

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Mynter » Mo 01.07.19 20:09

quinctilius hat geschrieben:
Mynter hat geschrieben:Die Legionsadler erscheinen ja schon fast als ein Omen .
die beziehen sich auf die syrischen Legionen, deren Oberkommandierender er war.
Ich hab es aber auch immer wie ein Omen wahrgenommen ;-)

Hier ein Exemplar aus meiner Sammlung.

Ich würde das schrottige, billige bei Vcoins in Erwägung ziehen.
Man sieht die nur selten und evtl. kannst Du durch geschickte Reinigung noch was rausholen.

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Ein Prachtstück ! Leider bin ich kein guter Handwerker, ich fürchte, ich würde da noch mehr kaputtmachen.
Grüsse, Mynter

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 04.10.19 11:06

Der Faustkampf in der Antike

Die folgende Münze hat mich dazu veranlaßt, mich etwas mit dem Boxen in der Antíke zu beschäftigen.

Die Münze:
Ionien, Smyrna, 75-50 v.Chr.
AE 15, 3.24g, 14-99mm, 0°
Av.: Belorbeerter Kopf des Apollo n.r.
Rv.: li. IATPOΔΩPOΣ, re. ΣMYPNAIΩN, beide von oben nach unten
Hand in Caestus, re. Palmzweig
Ref.: SNG Copenhagen 1216; BMC 52
fast SS, schwarzgrüne Patina

Anmerkung:
(1) Der Name des ausgebenden Magistrats ist etwas unsicher. Eine Alternative wäre Metrodoros. Am wahrscheinlichsten aber ist Iatrodoros.
(2) Caestus (als Plural mit langem u gesprochen) waren die Kampfriemen der Faustkämpfer. Wahrscheinlich waren sie identisch mit den griech. μυρμεκιδες (Plural zu μυρμεξ). Der Palmzweig auf der Rs. ist ein Hinweis auf einen Wettkampf.

Geschichte der Caestus:
Caestus waren in der ersten Zeit Lederriemen, die mehrmals um die Fingerknöchel gewunden wurde, und Bandagen um das Handgelenk und den Unterarm des Faustkämpfers. In römischer Zeit war es ein halbrunder, gefütterter Lederhandschuh, der die Fingerenden und den Daumen frei ließ. In drer Kaiserzeit war der Boxhand-chuh mit Metall beschwert (Pauly). Der Caestus hatte seinen Zweck weniger darin, die Hand des Kämpfers zu schützen, als vielmehr seine Schläge wirkungsvoller zu machen. Die getrockneteten, ungegerbten Lederriemen zerschnitten die Haut wie Messer.

Der antike Faustkampf:
Pygme (lat. pugilatus, von daher Pugilist als heute ungebräuchlicher Ausdruck für Boxer) war der griechische Name für den Boxkampf. Er stammt von πυγμη = Faust, und war auch der Name für ein Längenmaß von 18 Fingerbreit, gemessen vom Ellbogen bis zu den Fingerknöcheln der geballten Faust, also so etwas wie eine Elle. Von hier haben auch die Pygmäen ihren Namen bekommen, die ja gerade eine Elle groß gewesen sein sollen. Beschreibungen des Faustkampfs finden sich bei Theokrit, der selbst Augenzeuge war, ausführlich in der Argonautika des Apollonios Rhodos (II, 1-98) und in Vergils Aeneis (V, 425-467). Dabei handelte es sich um altgriechische bzw. hellenistische Kämpfe.

Bei diesen war mehr erlaubt als heute. Vor allem wurde gegen empfindliche Körperteile geschlagen, z.B. Zähne, Ohren und Nase. Die Kämpfer durften hochspringen und von oben zuschlagen. Wichtig war auch die Fußarbeit. So gab es z.B. Fußtritte gegen das Schienbein. Es gab keine Einteilung in Gewichtsklassen und oftmals führte der Kampf zu schweren Verletzungen. Es gab keine Runden mit Ruhepausen dazwischen, sondern der Kampf ging ununterbrochen weiter bis zum Sieg des einen Boxers. Das konnt mehrere Stunden dauern, besonders wenn die Kämpfer gleich stark waren. Deswegen waren Schläge gegen den Hals sehr beliebt.

Der Kampf wurde beendet, wenn der Unterlegene seine Hand erhob und den Zeigefinger ausstreckte. Dann hatte der Sieger aufzuhören, sonst schritt ein Schiedsrichter ein und schlug ihn mit einem Stock. Endete ein Kampf tödlich, wurde der Täter bestraft.

Sokrates kritisierte die unverhältnismäßig starken Schultern bei den dünnen Beinen der Boxer, was dem griech. Schönheitsideal der Harmonia widersprach. (Xen. symp. 2, 14). Wir müssen dabei auch an das Zitat des Juvenal denken: "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper (mens sana in corpore sano)", welches tatsächlich aber heißt "Beten sollte man darum, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei".

Der Boxkampf bei Homer:
Im 23. Gesang der Ilias, also ziemlich am Ende des trojanischen Krieges, beschreibt Homer einen Boxkampf zwischen Epeios, der später das Trojamische Pferd baut, und Euryalos, einem Argonauten. Dieser Boxkampf fand statt während der Leichenspiele zu Ehren des gefallenen Patroklos. Der Preis für den Sieger war der Maulesel des Patroklos, der Verlierer erhielt einen Becher. Hier spielt der Boxkampf eine symbolische Rolle, es ist ein ritualer Akt. Dadurch, daß die Gewalt bestimmten Regeln unterworfen wird, soll gezeigt werden, daß auch die gesellschaftliche Gewalt kanalisiert werden muß. Damit sollte die Ausbreitung der Gewalt verhindert werden.

Wie alt der Faustkampf wirklich ist, läßt sich nicht genau bestimmen. Bereits 3000 v.Chr. gab es in Ägypten Faustkämpfe zur Unterhaltung von Zuschauern. Aber auch in Mesopotamien oder Kreta wurden ähnliche Kämpfe ausgetragen. In den darauffolgenden zwei Jahrtausenden breitete sich das Boxen im gesamten ägäischen Raum aus. 688 v.Chr. wurde der Faustkampf bei den 23. Olympischen Spielen der Antike eingeführt (Pausanias).

Die Römer haben das Boxen aus Etrurien übernommen. Es entsprach dem hellenistischen Boxen. Vorgeführt wurde es vor allem bei Gladiatorenkämpfen. Dabei wurden die Lederriemen auch mit Metalldornen besetzt. In den Gladiatorenschulen, z.B. in Capua, wurde das Boxen trainiert. Durch die Weiterentwicklung der Kampftechniken kamen nun auch Defensiv- und Kontertaktiken zur Anwendung,

In der griechischen Antike war dieser Sport wegen seiner Gefährlichkeit besonders hoch angesehen. Allerdings lehnten die Spartaner (wie auch die Römer) die Beteiligung bei Boxkämpfen ab und rechtfertigen sie nur zur Ausbildung der Krieger (Tacitus, Annalen, 14, 20). Dazu paßt gut, daß von den Dioskuren Polydeikes (lat. Pollux) als Boxkämpfer weniger hoch angesehen war als Kastor der Reiter.

Der berühmteste Faustkämpfer der Antike mit glaubhaft überlieferten 1200-1400 Siegen war Theogenes von Thasos, Sohn des Timoxenos, der bei den olympischen Spielen 480 v.Chr. gegen Euthymos von Lokroi gewann. Pausanias überliefert, Theogenes habe nur an dem Wettkampf teilgenommen, um Euthymos zu verletzen, und sei deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Theogenes trat in den folgenden Olympischen Spielen nicht mehr im Faustkampf an. Andere berühmte Faustkämpfer waren Pythagoras von Magnesia und Diagoras von Rhodes.

Einige Anmerkungen zum modernen Boxen:
Das moderne Boxen stammt aus England. Dort fanden bereits im 17. und 18. Jahrhundert regelmäßig Preiskämpfe statt, auf die die Zuschauer wetteten. 1867, etwa 100 Jahre nach Einführung der ersten Regeln, wurden sie von einem Bekannten des Marquess of Queensberry so verändert, daß daraus die ersten Boxregeln für das Boxen mit Handschuhen, die sog. Queensbury-Regeln, hervorgingen, die im Prinzip noch heute gelten. Der erste offizielle Boxweltmeister nach den neuen Regeln wurde am 7. September 1882 John L. Sullivan. Er kämpfte aber auch noch teilweise bare-knuckle, letztmals 1889 gegen Jack Kilraine (Wikipedia). 1904 wurde der Boxsport bei den 3. Olympischen Spielen der Neuzeit in St. Louis über 1500 Jahre nach dem Ende der antiken Olympischen Spiele 393 n.Chr. wieder als olympische Sportart aufgenommen.

Kunstgeschichte:
Ich habe 2 Bilder hinzugefügt:
(1) Der Faustkämpfer vom Quirinal, auch Thermenboxer genannt, aus der Zeit des
Hellenismus, 3.-2. Jhdt. v.Chr., gefunden 1885 auf dem Quirinal in Rom und
heute im Palazzo Massimo alle Terme. Es zeigt den Boxer nach einem Kampf
erschüpft auf einem Felsen sitzend. Das Gesicht, umrahmt von perfekt frisiertem
Haar, ist zerschundenes Fleisch: ein entstelltes Antlitz mit einem zugeschwollen-
en Auge und klaffenden Platzwunden. Heute wird diskutiert, ob es sich bei ihm
um den bebrykischen König Amykos handelt, der während der Argonautenfahrt
von Polyneikes besiegt und getötet worden war. Bis auf den Felsen handelt es sich
bei dieser beeindruckenden Skulptur um eines der seltenen griech. Bronze-
originale. Insgesamt sind nur 7(!) erhalten. Die römischen Kopien waren immer
aus Marmor, den die Römer über alles liebten.

(2) Attische schwarzfigurige Halsamphore, 510-500 v.Chr., aus Vulci (Etrurien),
zugeschrieben der sog. Gruppe von Kopenhagen (ein Notname, da der Künstler
unbekannt ist), heute in der Staatlichen Antikensammlung, Berlin. Abgebildet ist
die Seite A:
Der rechte Boxer geht zu Boden und gibt mit ausgestreckter Hand und Finger das
Zeichen zur Aufgabe. Sein Gegner dringt trotzdem weiter auf ihn ein und wird
deshalb vom Kampfrichter mit einer langen Gerte geschlagen.

Quellen:
(1) Homer, Ilias 23
(2) Homer, Odyssee 8, 120-130
(3) Theokrit
(4) Xenophon, Symposion
(5) Apollonius Rhodos, Argonautika
(6) Vergil, Aeneis
(7) Valerius Flaccus
(8) Pausanias, Reisebeschreibungen V 8, 7
(9) Juvenal, Satiren
(10) Tacitus, Annalen

Literatur:
(1) Rudolf Münsterberg, Die Beamtennamen auf den griechischen Münzen,
1911-1927 (auch online)
(2) Der kleine Stowasser, Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, 1960
(3) Gemoll, Griechisch-deutschen Schul- und Handwörterbuch, 1959
(3) Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, 1979
(4) Duden, Wortfriedhof, 2012

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Luigi Moretti, Liste der Sieger der Olympischen Spiele der Antike
(3) Über die Bedeutung des Boxkampfes in der Ilias von Homer, bei
"Betker.wordpress.com"

Mit freundlichem Gruß
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smyrna_SNGcop1216.jpg
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von alex456 » Fr 04.10.19 17:41

Danke für den interessanten Beitrag!

Gruß
Alex

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Homer J. Simpson » Fr 04.10.19 18:04

Absolut!

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » Sa 05.10.19 08:19

Sehr interessant, besten Dank! :D

Zwei kleine Ergänzungen:

Das Standardwerk zu den griechischen Münzen aus Smyrna ist trotz seines Alters immer noch J. G. Milne, "The Autonomous Coinage of Smyrna", NC 1923, 1927, und 1928. Dort ist die Variante mit IATPOΔΩPOΣ (die ich auch für die wahrscheinlichere halte) die Nummer 405. Zur Verwendung dieses Motivs auf den Münzen sagt Milne aber leider nichts :? .

Beim Faustkämpfer vom Quirinal hast Du die Abbildung einer modernen Kopie erwischt, deshalb sieht der auch wie frisch aus der Gußform und neu patiniert aus.
Bilder des Originals sieht man beispielsweise hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Boxer_at_Rest

Gruß

Altamura

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 05.10.19 11:50

Herzlichen Dank für die Kommentare. Insbesondere Dank an Altamura für die Hinweise und den Link. Ich werde sie einarbeiten.

Jochen
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 01.11.19 15:49

Sauroktonos revisited

Liebe Freunde der antiken Mythologie!

Der wichtigste Typ für Nikopolis ad Istrum ist zweifellos der Apollo Sauroktonos, der "Eidechsentöter", ein, wie man heute sagt, "Alleinstellungsmerkmal" von Nikopolis. Zwar gibt es diesen Typ auch von Philippopolis (aber selten und nur später) und 1x von Prusa ad Olympum, aber diese sind wohl eher aus Nikopolis entlehnt (Pick in AMNG). Deshalb wird angenommen, daß Nikopolis zumindestens eine Kopie dieser berühmten Statue des Praxiteles besessen hat. Gemeinsam ist allen die Darstellung des mit gekreuzten Beinen n.r. stehenden Apollo, der sich mit der ausgestreckten Rechten auf einen Baumstumpf stützt, auf dem eine Eidechse nach oben kriecht. Interessant ist dabei, daß bei den ersten 3 Kaisern Apollo keinen Pfeil in der Hand hält. Und selbst unter Severus, bei dem zuerst Apollo mit Pfeil erscheint, genauso viele Typen auch ohne Pfeil vorkommen! Eine Beobachtung, die mich schon früh verwundert hat, da sie nicht richtig zum Eidechsentöter paßt.

Der Apollo Sauroktonos gehört schon seit langem zu einem meiner Lieblingstypen sowohl in der Kunstgeschichte, als auch in der Numismatik. Während meiner Beschäftigung mit ihm habe ich einen seltenen Typ für Commodus aufklären können und habe zeigen können, daß ein Typ für Severus tatsächlich einen Zweig an der Hüfte hält.

Hier sind 2 Beispiele für frühe Münzen aus Nikopolis:

1. Münze:
Antoninus Pius, 138-161
AE 20, 5.85g, 20.28mm, 180°
geprägt unter dem Statthalter M. Antonius Zenon, ca. 145 (Pick)
Av.: AVT AI ADRIA - ANTWNEINOC
Bloßer Kopf n.r.
Rv.: HGE ZHNWNOC - NEIKOPOL
Apollo Sauroktonos, nackt, mit gekreuzten Beinen n.r. stehend, stützt sich mit
der vorgestreckten Linken auf Baumstumpf, auf dem eine Eidechse nach oben
kriecht; re. Hand an der Hüfte
Ref.: a) AMNG I/1, 1225 var. (Kopf belorbeert)
b) Varbanov 2111 var. (= AMNG 1225)
c) Hristova/Hoeft/Jekov (2018) No. 8.6.7.1 (diese Münze)
d) RPC online temp no. 4328
Selten, fast SS, schwarze Patina

Anm.:
Dies ist die früheste und eleganteste Darstellung des Apollo Sauroktonos auf einer Münze, allerdings ohne einen Pfeil.

2. Münze:
Commodus, 177-192
AE 22, 6.83g, 22.15mm, 105°
Av.: [M ANTΩ]NEIN - OC KOMOΔ[OC]
Büste, cürassiert, belorbeert, n.r.
Rv.: NEIK[OΠOΛI - ΠP]OC ICTP.
Apollo Sauroktonos, nackt, mit gekreuzten Beinen n.r. stehend, stützt sich mit
der vorgestreckten Linken auf einen Baumstumpf, auf dem eine Eidechse nach
oben kriecht, und hält in der re. Hand einen (Oliven-)Zweig; li. hinter ihm auf
dem Boden sein Bogen und der Köcher.
Ref.: a) nicht in AMNG
b) nicht in Varbanov
c) Hristova/Hoeft/Jekov (2018) No. 8.10.7.2 (diese Münze)
d) cf. Gorny&Mosch, Auktion 212, Lot 2321 corr. (Massiv bearbeitet und dann
als Artemis mißinterpretiert!)
Extrem selten (R9, nur 2 Ex. bekannt!), S+, dunkelgrüne Patina, korrodiert

Anm.:
Obwohl korrodiert ist dies ein schönes und interessantes Beispiel für die Münzprägung von Nikopolis zur Zeit des Commodus!

Die Darstellungen für Severus mit dem Pfeil in der erhobenen Hand stimmen nicht überein mit der Armhaltung der überlieferten Statuen im Louvre und im Vatikan und auch nicht mit der Bronzestatue von Cleveland, von der behauptet wird, sie sei das Original. Bei allen befindet sich der re. Arm in Hüfthöhe! Hier ist die Aufstellung der 30 Typen, die bisher von Nikopolis bekannt sind:

Sauroktonos-Typen aus Nikopolis, nach Hristova/Hoeft/Jekov (2018):
1. Antoninus Pius
--- 8.6.7.1-4 4 Hand an der Hüfte, ohne Objekt
2. Marcus Aurelius
--- 8.7.7.1 1 Hand an der Hüfte, ohne Objekt
3. Commodus
--- 8.10.7.1 1 Hand an der Hüfte, ohne Objekt
--- 8.10.7.2-4 3 Hand an der Hüfte mit Zweig
4. Severus
--- 8.14.7.12-13 2 Hand an der Brust/Hüfte, ohne Objekt
--- 8.14.7.14-15 2 Hand erhoben, mit Pfeil?
--- 8.14.7.16 1 Hand erhoben mit Zweig
--- 8.14.7.17 1 Hand an der Hüfte mit Zweig
--- 8.14.7.18-20 3 Hand erhoben mit Pfeil
5. Caracalla
--- 8.18.7.1 1 Hand herabhängend mit Zweig
--- 8.18.7.2-3 2 Hand erhoben mit Pfeil
--- 8.18.7.4 1 Hand herabhängend mit Zweig
6. Plautilla
--- 8.21.7.1 1 Hand erhoben mit Pfeil
7. Geta
--- 8.22.7.1 1 Hand erhoben mit Pfeil
--- 8.22.7.2 1 Hand an der Hüfte, ohne Objekt
8. Macrinus
--- 8.23.7.1 1 Hand erhoben mit Pfeil
--- 8.23.7.2 1 Hand an der Hüfte mit Zweig
--- 8.23.7.3 1 ???
9. Diadumenian
--- 8.25.7.1 1 Hand herabhängend mit Zweig
10. Elagabal
--- 8.26.7.11 1 Hand herabhängend mit Zweig
11. Gordian III. -

Bis auf Gordian III. haben alle Kaiser Münzen mit dem Bild des Apollo Sauroktonos geprägt, von den Kaiserinnen nur Plautilla. Insgesamt sind es bisher 30 Typen. Sie ordnen sich nach der Armhaltung in folgende Gruppen::

(1) re. Hand an der Hüfte
a. Hand ohne Objekt 10
b. mit Zweig in der Hand 3
c. mit Zweig zum Baumstamm 1
(2) re. Hand in Schulterhöhe zurückgezogen
a. mit Zweig in der Hand 2
b. mt Pfeil in der Hand 8
(3) re. Hand herabhängend
a. mit Zweig in der Hand 4
(4) unklar 2

Demnach sind alle Münzdarstellungen mit erhobenem Arm (Gruppe 2) und auch die mit herabhängendem Arm (Gruppe 3) irregulär, weil sie nicht mit den erhaltenen Marmorkopien übereinstimmen. Sondern wir diese aus, bleiben nur noch 14 Typen, von denen nicht eine einzige einen Pfeil zeigt. Das stimmt gut mit den erhaltenen Marmorstatuen und mit der Bronzestatue aus Cleveland überein, die ebenfalls keinen Pfeil in der Hand zeigen. Die Beschreibung mit dem Pfeil geht allein auf Plinius d. Ä. zurück, der schreibt: (Nat. Hist. 34, 70): "Fecit et puberem Apollinem subrepenti lacerate comminus sagitta insidiantem quem sauroctonon vocant" (= Er schuf auch einen jugendlichen Apollo, der einer herankriechenden Eidechse mit einem Pfeil ganz aus der Nähe nachstellt; diesen nennt man Sauroktonos, den Eidechsentöter)

Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der Kunstgeschichte, der kurz danach (1763) zum Aufseher der römischen Altertümer ernannt wurde, identifizierte 1756 die von Plinius beschriebene Statue in der damals zur Sammlung Borghese gehörigen Kopie als Apollo Sauroktonos. Sie befindet sich heute im Louvre, nachdem Camillo Filippo Ludovico Borghese einen Teil der berühmten Sammlung 1807 an seinen Schwager Napoleon Bonaparte verkauft hatte.

Wenn aber soviele Tatsachen, insbesondere die "evidence of the coins (Pat Lawrence)" wie oben gezeigt, gegen einen Pfeil sprechen, dann muß man auch in Erwägung ziehen, daß sich Plinius vielleicht geirrt haben kann. Insbesondere sollte man bedenken, daß die Einwohner von Nikopolis diese Statue gekannt haben werden und sie mit den Münzdarstellungen vergleichen konnten!

Die Interpretation dieser Statue hat immer Probleme gemacht. Daß die Eidechse eine Anspielung auf den Python darstellen soll, ist unglaubwürdig. Es würde den denkwürdigen Kampf Apollos gegen den Drachen herabwürdigen, sogar lächerlich machen, bestenfalls ironisieren. Die Eidechse hat immer Schwierigkeiten gemacht. Ich hatte bereits einmal einen Artikel über den Sauroktonos veröffentlicht (Münzen und antike Mythologie, 2011) und darin den offensichtlichen Gegensatz beschrieben zwischen dem jugendlichen, verspielten Typ des Apollo und dem gleichzeitig gnadenlosen Mörder an einem unschuldigen kleinen Tier, ein Gegensatz, der für Apollo charakteristisch ist. Nun gibt es aber eine neue Interpretation, die ich euch nicht vorenthalten will.

Aufmerksam wurde ich auf sie durch den Artikel "Apollo Sauroktonos hat keine Eidechse getötet!" von Roman Collector in CoinTalk vom 8. September 2019. Diese Interpretation geht zurück auf Irving Lavin, "The Fable of Apollo Sauroktonos and the Beauty of Apollo Medicus", der die bedeutende Arbeit von Renate Preisshofen, “Der Apollon Sauroktonos des Praxiteles, 2002" in Erinnerung ruft. Wenn aber Apollo keinen Pfeil in der Hand hat und die Eidechse nicht töten will, worum handelt es sich dann?

Wie Schlangen häuten sich auch Eidechsen. Die Alten glaubten, daß die so "neugeborenen" Eidechsen nach der Häutung blind seien und erst durch die Strahlen der Sonne ihr Augenlicht wiederbekommen würden. Und da kommt Apollo ins Spiel. Als Sonnengott und als Apollo Medicus konnte nur er das Augenlicht erneuern. Hyginus schreibt, daß Apollo, der Vater des Asklepios, als erster die Augenheilkunde betrieb. Apollo will die Eidechse nicht töten, sondern seine leuchtenden Sonnenstrahlen heilen sie und geben ihr das Augenlicht zurück. Und deshalb sucht die Eidechse hier auch kein Versteck auf, wie sie es üblicherweise in dieseer Situation tun würde, sondern sie kriecht nach oben, der Sonne entgegen. Eine Darstellung, die sich sogar in St. Peter in Rom findet:

Und damit ist Apollo hier nicht der erbarmungslose Killer, sondern der mildtätige Jüngling. Dargestellt ist also nicht Apollo Sauroktonos, der Eidechsentöter, sondern Apollo Medicus, der wohltätige Heiler. Ein interessanter Gedanke. Und eine gute Möglichkeit, endlich den Knoten der Interpretation, nicht zu durchschlagen, sondern zu lösen!

Angehängt habe ich:
(1) ein Bild der Statue des Sauroktonos aus dem Louvre (von Wikipedia)
(2) das Detail eines Bronzereliefs von Gianlorenzo Bernini: "Eidechse kriecht der Sonne entgegen" auf einer Säule des Baldachins in St. Peter, Rom,, ca. 1625

Literatur:
(1) Plinius d.Ä., Naturae Historia
(2) Hyginus, Fabulae
(3) Behrend Pick, Die antiken Münzen Nord-Griechenlands, Vol. 1: Dacien und Moesien, 1898
(4) Patricia Lawrence, Apollo Sauroktonos: The Evidence of the Coins". Online unter
http://www.forumancientcoins.com/ayiyor ... rcoins.htm.
(5) Renate Preisshofen, Der Apollon Sauroktonos des Praxiteles, in "Antike Plastik 28 (2002): 41–115"
(6) Hans-Joachim Hoeft, Münzen und antike Mythologie - Reise in ein fernes Land, 2011
(7) Irving Lavin, The Fable of Apollo Sauroktonos and the Beauty of Apollo Medicus, Institute for Advanced Study. Online unter https://publications.ias.edu/sites/defa ... Beauty.pdf
(8) Roman Collector, Apollo Sauroktonos: No Lizards Were killed in the Making of These Coins, Cointalk, 8. September 2019

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Omnes vulnerant, ultima necat.

alex456

Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von alex456 » Fr 01.11.19 18:53

Der Münztyp war mir zwar bekannt. Vom Hintergrund hatte ich aber bisher keinen Schimmer.
Vielen Dank für diesen wirklich sehr interessanten Beitrag!

Gruß
Alex
Zuletzt geändert von alex456 am Sa 02.11.19 11:08, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Mynter » Sa 02.11.19 06:22

Sehr interessante Lektuere. Vielen Dank.
Grüsse, Mynter

Perinawa
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Perinawa » So 03.11.19 09:32

Schon über 50 Seiten, und immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Danke Jochen.

Grüsse
Rainer
Manche Antworten sind zwar nicht nützlich, aber weniger schädlich als manche nützlichen.

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