Republik - eine kleine Zeitreise

Kaiser, Dynastien und Münzstätten

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kiko217
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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von kiko217 » Mi 13.01.21 21:22

Dann mach ich mal den Lückenfüller und stelle hier meinen Elefanten aus dem Bürgerkrieg vor. Er hat ein sattes Gewicht von 4,1 g. Der Münztyp ist schön anzusehen und historisch wichtig - was will man mehr?

Wir warten dann alle auf deine Elefanten, Rainer!

Bis die Tage

Kiko
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Pinneberg
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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von Pinneberg » Mi 13.01.21 23:02

Ein schönes Stück, gerade der Revers ist schön zentriert! Generell scheinen diese Münzen - angesichts der mobilen Münze- recht sorgsam ausgeprägt worden zu sein, besonders das Reversmotiv.

Hier der Link zu dem Stück, dass ich 2019 kaufen wollte, welches der Händler aber tatsächlich leider gar nicht mehr auf Lager hatte (fiel ihm erst auf, nachdem die Auslandsüberweisung schon draußen war haha).

https://www.acsearch.info/search.html?id=3703227

Edit: Preis war damals 635 CHF, was ich fair finde.
Grüße, Pinneberg

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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von Perinawa » Do 14.01.21 06:09

@Kiko: Ein tolles Stück, meinen nicht ganz neidlosen Glückwunsch.
Pinneberg hat geschrieben:
Mi 13.01.21 23:02
https://www.acsearch.info/search.html?id=3703227

Edit: Preis war damals 635 CHF, was ich fair finde.
Dafür hätte ich den sofort genommen. Selbst in Euro.
kiko217 hat geschrieben:
Mi 13.01.21 21:22
Wir warten dann alle auf deine Elefanten, Rainer!
Bevor wir weiter fanteln, grab' ich noch 'ne olle Kamelle aus. :D

Grüsse
Rainer
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Perinawa
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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von Perinawa » Do 14.01.21 16:52

Die folgende Münze hatte ich schon vor fast neun Jahren vorgestellt. Jetzt habe ich sie wieder in die Hand genommen, und mich noch eingehender damit beschäftigt. Zwar ist der Denar des Acilius Glabrio (RRC 442) einer der häufigsten Prägungen der Republik, wird aber seit vielen Jahren immer wieder kontrovers diskutiert - insbesondere über die Deutung der Darstellung herrscht grosse Uneinigkeit, aber auch die genaue Datierung macht der Wissenschaft Schwierigkeiten.

P1210209.jpg

Die Datierung:

Die Emission wird von Crawford im Jahre 49 v. Chr. angesiedelt und als erste unter Caesars Autorität in der stadtrömischen Münzstätte entstandene Prägung angesehen; diese Ansicht wurde auch von Mattingly akzeptiert. M. Harlan setzt die Emission jedoch im Jahr zuvor, 50 v. Chr., an, und interpretiert sie als im Auftrag der Senatspartei entstanden. Weiterhin stellt er fest, daß der enorme Umfang der Emission des Acilius - wenn er wirklich im Jahre 50 prägte - auf intensive Kriegsvorbereitungen von optimatisch-pompeianischer Seite hindeuten würde, die im übrigen nicht überliefert sind. Dieser Datierung steht allerdings der Schatzfund von Brandosa in Mittelitalien (nördlich von Rom) 1955 entgegen, der als späteste Prägungen insgesamt neun Exemplare zweier sicher in das Jahr 49 datierbarer pompeianischer Denartypen (RRC 440 und 444) enthielt, aber keinen einzigen Denar des Acilius (RRC 442).

Da Acilius Glabrio als Münzmeister für das Jahr 48 v.Chr. ausgeschlossen werden kann, gilt es als sicher, dass er das Amt 49 v.Chr. zusammen mit Q. Sicinius und C. Coponius innehatte. Und aus den o.g. Fundumständen ergibt sich ja weiterhin, dass die Prägung nicht schon Anfang 49 v.Chr. geschehen konnte.

B. Woytek vermutet daher m.E. zu Recht, dass sie, wie schon Crawford fesgestellt hat, erst später in 49 v.Chr. geprägt wurde. Der regulär gewählte IIIVir Acilius Glabrio verliess nicht wie die anderen beiden Münzmeister Rom im Januar, sondern blieb in der Hauptstadt und stellte im Laufe des Jahres seine Dienste Caesar zur Verfügung. Die finanzielle Situation in Rom war desolat; vor allem fehlte es an Bargeld. Als einziger Münztyp wurde zuletzt Anfang Januar 49 der Denar des Q. Sicinius (RRC 440) geprägt, jedoch kann man annehmen, dass ein Grossteil dieser Münzen von den Optimaten am 18. Januar 49 bei ihrer Flucht aus Rom mitgenommen wurde. Darüber hinaus liess Caesar im April den römischen Staatsschatz, den seine Gegner bei ihrer überstürzten Flucht aus Rom zurückgelassen hatten, per Beschluss durch den in der Hauptstadt zurückgebliebenen Rumpfsenats überantworten und übernahm ihn daraufhin aus dem Saturntempel. Es gab in Rom in der ersten Hälfte des Jahres 49 keinen Kredit mehr. Ausserdem war wenig Bargeld im Umlauf, da in der schwierigen politischen Situation alle ihre Mittel horteten und nicht aus der Hand geben wollten; man konnte deshalb seine Außenstände nicht eintreiben und kaum Geld aufnehmen, kurz: der Geldmarkt lag am Boden. Als Caesar im Dezember von seinem Spanienfeldzug nach Rom zurückkehrte, herrschte also eine Krisensituation auf dem Geldmarkt, auf die er mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen reagierte. Dennoch ist anzunehmen, dass der Prägebeginn von RCC 442 früher erfolgte. Erstens traten am 5. Dezember 49 bereits die neuen Münzmeister für das folgende Jahr ihr Amt an, und die gewaltigen ausgeprägten Menge des Acilius-Denars lassen zweitens trotz der hohen Leistungsfähigkeit der stadtrömischen Münze auch keinen Prägezeitraum von nur wenigen Tagen zu.

Schlussendlich würde ich einen Prägebeginn nicht lange nach Caesars Abreise nach Spanien im April 49 annehmen, der sich sicherlich einige Wochen bis Monate hingezogen hat.



Die Darstellung:

Bei den in Rede stehenden Prägungen handelt es sich um Denare, die auf dem Avers einen belorbeerten Saluskopf n. r. (Leg. SALVTIS), auf dem Revers eine Darstellung der eine Schlange fütternden Valetudo (Leg. M/. ACILIVS III VIR VALETV) zeigen.

Die gängige Deutung verweist auf Plinius. (n. h. 29,12), wo berichtet wird, daß der erste Arzt in Rom, der Grieche Archagathos, seine 'taberna' in compito Acilio hatte; daher die Verbindung Salus/Valetudo mit den Acilii, denn es war nicht unüblich, dass der Münzmeister bei der Wahl seines Münzmotivs auf seine Abstammung verwies. Diese Interpretation wird jedoch von Woytek mit der Begründung angezweifelt, weil aufgrund der Erzählung des Plinius, daß Archagathos bald als carnifex verschrien und die ärztliche Kunst durch sein Wirken den Römern verhaßt war, die gens Acilia ausgerechnet die Erinnerung an den Arzt hochhalten sollte. Auch Crawford ist mit der gängigen Deutung nicht ganz einig, und merkt an, daß Salus im caesarischen Sinne auch als Ausdruck der Hoffnung auf einen heilbringenden Sieg zu verstehen sei.

Da M. Harlan die Prägung ins Jahr 50 v.Chr. legen will, bringt er eine ganz andere Interpretation ins Gespräch: Für die Senatspartei könnte im Jahre 50 die Beschwörung von valetudo, womit im Gegensatz zu salus fast immer konkret der Gesundheitszustand einer Person gemeint ist, insofern geboten gewesen sein, als Pompeius ja in diesem Jahr schwer erkrankt war: Er zog sich zur Ausheilung seines Leidens nach Campanien zurück, und in den Städten ganz Italiens wurden Gelübde für seine Genesung abgelegt, eine Ehre, die bis dahin noch niemandem zuteil geworden war. Acilius setzte nach der Meinung Harlans die Personifikation der Valetudo im Jahr 50 auf seine Münzen, während Pompeius leidend war bzw. nachdem er seine Krankheit überwunden hatte. Mattingly äusserte einen ähnlichen Verdacht, aber er ging wie Harlan davon aus, dass die Münzen ins Jahr 50 v.Chr. zu datieren sind, was jedoch durch den bereits genannten Fund von Brandosa nahezu ausgeschlossen werden kann.

Diese Fakten machen es jedoch ausserordentlich schwierig, den Prägezeitraum und den Anlass bzw. die Deutung der Darstellung in Einklang zu bringen. Woytek schliesst sich bei der Deutung der Meinung Harlans an, vermutet allerdings, dass der Reversdarstellung der Valetudo ursprünglich eine andere Vorderseite zugedacht war, die tatsächlich Pompeius bezeichnen sollte. Diese Kombination wäre aber spätestens seit der faktischen Machtübernahme Caesars im April 49 undenkbar gewesen, so dass die Vorderseite nunmehr gegen die "neutrale" Darstellung der Salus ausgetauscht wurde.

Hier möchte ich mich der für mich etwas holprig wirkenden Erklärung Woyteks allerdings nicht anschliessen. Anscheinend setzt er ja voraus, dass die Münzstempel bereits in grossen Mengen gefertigt waren, und nur die Stempel der Vorderseite ersetzt wurden, was ich jedoch bezweifele. Da Acilius Glabrio über den Januar hinaus in Rom blieb, musste ihm klar sein, dass er damit als Sympathisant Caesars und gleichzeitig als Gegner der Optimaten galt. Ein Münzmotiv zu Gunsten des Pompeius hätte demnach keinen Sinn ergeben.

Dazu kommt noch folgendes: Die Darstellung der Valetudo (griech.: Hygieia) zeigt höchstwahrscheinlich eine Statue, die damals im Tempel der Concordia aufgestellt war. Sie war Teil einer Statuengruppe der Hygieia und des Äskulap, geschaffen von Nikeratos (Liber XXXIV, 80). Von letzterem weiss man, dass er zwischen 276 und 263 v. Chr. in Pergamon gearbeitet hat. Angeblich ist das Statuenpaar aus dem Osten nach Rom entführt worden, wo es einen würdigen Platz im Concordiatempel erhielt.

Eine Kopie dieser Statuengruppe hat es sogar bis ins Rheinland geschafft: Im Militärcamp Alteburg bei Köln fand man 1875 das Fragment einer ca. einen Meter grossen Statue der Hygieia aus Kalkstein; vom dazugehörigen Äskulap leider nur die Basis, die aber verloren ging. Die Hygieia ist heute im RGM Köln ausgestellt. Im folgenden link hatte ich sie eingehender vorgestellt: viewtopic.php?p=366120#p366120

valetudo_I.jpg
valetudo_II.jpg


Interessant ist ebenfalls, dass eine ähnliche Legende auf einer Münze des Augustus des Jahres 16 v.Chr. auftaucht: PRO VALETVDINE CAESARIS SPQR (RIC 369). Damals brach Augustus zu einer Reise nach Gallien und Spanien auf, und unmittelbar nach seiner Abreise wurden nach Cassius Dio (54,19,7) Gelübde für seine glückliche Rückkehr dargebracht - nach Aussage der Münzen jedoch auch für seine salus (RIC 356f.). Valetudo und salus des Augustus spielten also eine zentrale Rolle in der kaiserlich-staatlichen Münzpropaganda anläßlich seiner Reise in den Westen des Reichs.

Wie ich meine, ist die Deutungsmöglichkeit der Valetudo-Darstellung zu vielfältig, als dass man sie entweder nur mit der Abstammung des Münzmeisters oder ersatzweise mit der Gesundung des Pompeius erklären kann.

Und so wird sie weiterhin kontrovers zu diskutieren sein...

Grüsse
Rainer
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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von kiko217 » Do 14.01.21 17:46

Boh, Rainer, das nenne ich mal eine ausführliche Würdigung einer republikanischen Münze! Ich wünschte, ich wüsste so viel und könnte so ausführlich schreiben. Zwar habe ich auch den Harlan und auch den Woytek, aber es geht bei mir manchmal hier rein und da raus, und ich muss mein weniges Wissen immer wieder auffrischen. Vielen Dank für die vergnügliche Belehrung!

Kiko

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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von Perinawa » Do 14.01.21 19:32

kiko217 hat geschrieben:
Do 14.01.21 17:46
Ich wünschte, ich wüsste so viel und könnte so ausführlich schreiben.
Das ist ansich nur eine Zusammenfassung Woyteks (nebst meiner persönlichen Einschätzung); er lässt sich über mehrere Seiten über die Münze aus. Übrigens vermerkt der Battenberg zu dieser Münze "Neudatierung: 50". Endweder geht Albert von der Richtigkeit der These Harlans aus, oder er hat Woytek missverstanden. Ich war bisher davon ausgegangen, dass sich die Neudatierungen im Battenberg auf Woytek's Arbeit beziehen.
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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von kiko217 » Do 14.01.21 22:58

Ich kann dazu nur grundsätzlich sagen, dass ich Woteks Thesen im Allgemeinen für glaubwürdiger halte als Harlans. Nichtsdestoweniger kann man auch Harlan gut lesen - er schießt nur ab und zu etwas über das Ziel hinaus.

Kiko

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Re: Republik - eine kleine Zeitreise

Beitrag von Perinawa » Fr 15.01.21 06:18

Bei Woytek merkt man, dass er wirklich alles bis ins kleinste Detail recherchiert und durchdacht hat; gleichzeitig weist er aber immer wieder darauf hin, dass nicht alle seine Thesen unumstössliche Wahrheiten darstellen.

Und da halte ich es mal philosophisch: Unumstössliche Wahrheiten gibt es nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig. :wink:
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