Julisch-Claudische Dynastie

Kaiser, Dynastien und Münzstätten

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richard55-47
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von richard55-47 » Do 30.06.22 19:00

Superschön. Da kann man nur neidisch sein. :)
do ut des.

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Lucius Aelius
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Do 07.07.22 22:00

Für diesen Kameraden hätte man seiner Zeit eine halbe Tagesportion Erbsenbrei bekommen; heutzutage könnten sich drei Personen beim Italiener lecker beköstigen lassen, wäre das Geld nicht für diese Kupferscheibe ausgegeben worden.

As RIC 35, BMC 49, C 1

Avers: bloßer Kopf des Germanicus n.l.
GERMANICVS CAESAR TIBERII AVGVSTI FILIVS DIVI AVGVSTI NEPOS
Germanicus Caesar, Sohn von Tiberius, des Erhabenen, Enkel des vergötterten Augustus

Revers: Großes SENATVS • CONSVLTO
CAIVS CAESAR AVGVSTVS GERMANICVS PONTIFEX MAXIMVS TRIBVNICIA POTESTATE



a.jpg
b.jpg



Kaiser Tiberius entschied in der zweiten Jahreshälfte 16 n.Chr., die germanischen Völker ihren inneren Streitigkeiten zu überlassen anstatt sie unter hohen römischen Verlusten in ihren Wäldern und Sümpfen zu bekämpfen. Seinen Feldherrn und Adoptivsohn Germanicus rief er nach Rom, ehrte ihn am 26. Mai 17 n.Chr. mit einem Triumph über die Germanen und bestimmte ihn zum Amtskollegen für das Konsulat des folgenden Jahres. Anschließend schickte ihn der Kaiser im Herbst 17 n.Chr. in politischer Mission nach dem Osten. 19 n.Chr. besuchte Germanicus Alexandria und erregte damit den Unwillen des Kaisers, denn das Betreten der Provinz Ägypten war ohne seine Genehmigung untersagt. Germanicus kehrte nach Syrien zurück, wo er plötzlich erkrankte und am 10. Okt. 19 n.Chr. unter ungeklärten Umständen starb. Rasch kam das Gerücht auf, der mit ihm verfeindete syrische Statthalter Cnaeus Calpurnius Piso habe den Caesar vergiftet.

Als Piso und seine Ehefrau Munatia Plancina nach Rom zurückkehrten, schlug ihnendie Unfreundlichkeit der Bürger entgegen. In der Kurie hielt Tiberius eine objektive Rede und schlug vor, den Prozess innerhalb des Senats abzuhalten (Anklageerhebung wohl Ende Nov. 20 n.Chr., Prozessende 10. Dez. 20 n.Chr.). Die Bürger draußen und die Senatoren im Raum verhielten sich gegenüber Piso feindlich. Tiberius und Piso lehnten im Gericht die Herausgabe der privaten Briefe ab. Weil sich für Plancina deren mächtige Freundin Livia Drusilla beim Kaiser einsetzte und ihr Freispruch somit absehbar war, distanzierte sie sich während des Prozesses von ihrem Gatten Piso, der daraufhin jegliche Hoffnung verlor und Selbstmord beging (nach Eck 7./8. Dez. 20 n.Chr.). Nachdem aber Livia 29 n.Chr. verstorben war, besaß Munatia Plancina keine einflussreiche Beschützerin mehr und musste im Jahre 33 n.Chr. eine von Tiberius befohlene Wiederaufnahme der Anklage über sich ergehen lassen. Vor dem Urteilsspruch beging sie Selbstmord. Dass ihre Familie zur Zeit der Regierung des Tiberius nur noch wenig geachtet war, dürfen wir aus der äußerst negativen Charakterisierung ihres Großvaters durch ihren Zeitgenossen, dem Historiker Velleius Paterculus schlussfolgern.

Agrippina traf mit der Asche des Germanicus fast zum gleichen Zeitpunkt (Ende Nov./Anfang Dez. 19 n.Chr.) wie Martina in Brundisium ein (vgl. Krüpe, „Niemand stirbt so kunstvoll“: Der Tod des Germanicus, in: Ruffing [Hrg.], Germanicus: Rom, Germanien und die Chatten, S. 304); hier ermordete man Martina, die eigentlich die Taten von Piso und Plancina beweisen sollte. Hatten Piso und Plancina sie getötet, damit nie der Beweis einer Vergiftung entdeckt werden konnte oder hatten Tiberius und die Augusta den Mordbefehl gegeben, um die beiden von jeglicher Schuld reinwaschen zu können? Oder stiftete der neue syrische Statthalter Sentius, mit oder ohne Tiberius Befehl, die Mordtat an, um seine eigene Position abzusichern und den Kaiser zu verteidigen? Wenn man bedenkt, dass Piso zu jenem Zeitpunkt noch nicht vor Gericht gegangen war, hatten er und seine Frau ein logisches Motiv, Martina zu töten, damit die beiden beim Prozess nicht im Stich gelassen würden. Tacitus ließ hier die Lösung frei.

Agrippina wurde vom Volke einschließlich Senatoren, Konsulen, Soldaten und Rittern willkommen geheißen. Unter dieser Bedingung war das Ende des Prozesses schon entschieden worden, bevor Piso als Beklagter in Rom ankam. Während der Beisetzung Germanicus (Anfang Feb. 20 n.Chr.) schlugen die Emotionen der Bürger empor. Um die Bürger zu beruhigen, publizierte Tiberius Mitte März 20 n.Chr. eine Rede über die Zurückhaltung der Gefühle, um der öffentlichen Trauer ein Ende zu setzen. „Nicht ohne Grund spricht Werner Eck … von einer ,Trauerhysterie‘, die weite Teile Italiens und vor allem die Hauptstadt ergriffen habe … Schon lange vor Eintreffen der sterblichen Überreste des Germanicus war Rom in kollektiver Trauer versunken“ (Krüpe, ebd., S. 292), vgl. auch Lebek, Welttrauer um Germanicus, in: Antike und Abendland, Bd. 36; Hartmann, Germanicus und Lady Di: zur öffentlichen Verarbeitung zweier Todesfälle. Diana, nach 2.000 Jahren das weibliche Pendant zu Germanicus :lol: :roll: Die „Welttrauer um Germanicus“ (Tacitus, Annales 2, 83) nutzte der Kaiser auch zur Durchsetzung seiner eigenen Interessen. Nicht mehr die Unterwerfung der Germanen bis zur Elbe, wie sie Germanicus und Augustus vorgeschwebt hatte, sondern begrenzte Schutz- und Racheoperationen wurden nachträglich durch Tiberius für verbindlich und erreicht erklärt (vgl. die tabula Siarensis); nach Dreyer (Arminus und der Untergang des Varus, S. 152) spielten die postumen Ehrungen für Germanicus eine entscheidende Rolle bei der öffentlichen Durchsetzung der neuen (tiberischen) Germanenpolitik, welche (wie oben bereits erwähnt) schon 16 n.Chr. ihre Verlautbarung gefunden hatte.

Der Piso-Prozess war „nicht nur das herausragende Ereignis des Jahres 20 n.Chr., sondern überhaupt einer der wichtigsten politischen Prozesse tiberischer Zeit" (Lebek, Das Senatus Consultum de Cn. Pisone Patre und Tacitus, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Bd. 128).

http://eda-bea.es/pub/record_card_1.php?rec=948
Gruss
Lucius Aelius

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von kiko217 » Fr 08.07.22 19:02

Danke für deinen lehrreichen Beitrag!

Kiko

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