Historisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

Moderator: Homer J. Simpson

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Beitrag von Peter43 » Sa 29.08.09 23:24

Hallo Iustus!

Hier sind die wichtigsten:
- Michael Grant, Die römischen Kaiser
- Chris Sarre, Die römischen Kaiser
- Alexander Demandt, Die Spätantike, Teil 6
- http://www.roman-emperors.org/gallval.htm
- http://de.wikipedia.org/wiki/Kataphrakt
- Alföldy, M.R., Zu den Militärreformen des Kaisers Gallienus, Basel, 1957
- Thorsten Hübner, Mittel der Krisenbewältigung - militärische Reformen: Die Reformen des
Kaisers Gallienus, Studienarbeit
- H.-G. Pflaum, Zur Reform des Kaisers Gallienus, Historia Bd.25 (1976), S.109-117
Internet durchsucht nach
- Gallienus Militärreform
- Gallienus Kavallerireform

Am wichtigsten war die Studienarbeit von Thomas Hübner.

Mit freundlichem Gruß
Omnes vulnerant, ultima necat.

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Peter43
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Beitrag von Peter43 » Mo 07.09.09 18:44

Olbia, die Glückliche

Ursprünglich hatte ich nur vor, eine Münze aus Olbia im Kontext vorzustellen. Dann habe ich mich aber entschlossen, einen ganzen Artikel über Olbia zu schreiben. Der Anstoß kam von der Borysthenes-Rede des Dion von Prusa, die ich allen Interessierten wärmstens empfehle. So sind es jetzt mehrere Münzen aus Olbia, die ich hier vorstelle, samt einer Geschichte dieser griechischen Stadt in Sarmatien am nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres, vom Rande der antiken Kultur sozusagen.

1. Münze:
Sarmatien, Olbia, 5.-4.Jh. v.Chr.
AE, 1.01g, max. 21.2mm
Springender Delphin mit Rückenfinnen und hervortetendem Auge
SNG BM 367; SGCV 1684 var.
SS
Eine der frühesten Münzen aus Olbia. Waren zunächst wahrscheinlich Votivgaben für Apollo Delphinios.

2. Münze:
Thracien, Olbia, c.300-260 v.Chr.
AE 21, 12.40g
Av.: Bärtiger und gehörnter Kopf des Flußgotts Borysthenes, n.l.
Rv.: OLBIO
Kampfaxt (Szepter?) und Bogentasche
im li. Feld LE
SNG BM Blacksea 496; SNG Copenhagen 85 var. (Monogramm); Karyshkovsky cf.41
SS, gut zentriert, braune Patina
Borysthenes war der antike Name des Dnjepr und auch der Stadt Olbia. Zusammen mit dem Bug fließt der Dnjepr durch denselben Liman in das Schwarze Meer. Im Latein des 4.Jh. wurde der Fluß Danapris genannt, was der Ursprung des heutigen Namens ist (Ukrainisch Dnipro). Der Redner und Philosoph Dion aus Prusa malt in seiner 'Borysthenischen Rede' ein faszinierendes Bild der Stadt Olbia und einer menschlichen Gesellschaft, die von Stoischen und Platonischen Ideen durchdrungen ist.
Später wurde der Dnjepr zu einem der bedeutendsten Flüsse der Wikinger/Waräger, die an seinem Ufer Kiew gründeten.

3. Münze:
Thracien, Olbia, Koson, ca. 40-29 v.Chr.
AV - Stater, 8.39g, 20.4mm
Av.: Der Römische Consul L. Junius Brutus, in Toga, n.l. gegend, begleitet von zwei
Liktorenträgern, die ihre Fasces über der r. Schulter tragen.
im l. Feld BA
im Abschnitt KOSWN
Rv.: Adler mit geöffneten Schwingen steht auf Szepter n.l., hält in der r. klaue Kranz
Iliescu 1; RPC I, 1701; BMC Thrace p.208, 2; BMCRR II p.474, 48
FDC
Die Vs. ist inspiriert vom berühmten Denar Crawford 433/1 des M.J.Brutus 54 v.Chr., die Rs. ist kopiert vom Denar Crawford 398/1 des Q. Pomponius Rufus 73 v.Chr.
Ich kann und will hier nicht auf diese Münze im Einzelnen eingehen. Nur das: Die Rs. mit dem Adler wiederholt sich auf Münzen aus Olbia, was zur heutigen Meinung geführt hat, daß diese Münze in Olbia geprägt worden ist. Siehe dazu die nächste Münze von Severus Alexander!

4. Münze:
Sarmatien, Olbia, Severus Alexander, 222-235
AE 23, 7.24g
Av.: AVT KM AVR CEOV ALEZAN - DROC (AV von AVR und V A ligiert)
Kopf, belorbeert, n.r.
Rv.: OL[BIOPOL]ITWN
Adler mit ausgebreiteten Flügeln auf Blitzbündel frontal stehen, Kopf mit Kranz im
Schnabel n.l. gewendet, zwischen den Füßen I, re neben dem Kopf Delta
Ref.: SNG Copenhagen 114; SNG Stancomb 949-950; Zograph Tf. 34, 19
Selten, SS+, Rs. etwas exzentrisch
Pedigree:
London Coin Auction#?, Lot 259
Eine ähnliche Münze bei M&M Auktion 15, 12.Okt.2004. Dort wird das I zwischen den Füßen fälschlicherweise als Altar bezeichnet.
Die Rs. hat viel Ähnlichkeit mit der Rs. des berühmten Kosonstaters, ja diese Ähnlichkeit spricht dafür, daß der Kosonstater aus Olbia stammt.

Die griechischen Städte an der Nordküste des Schwarzen Meeres entstanden im Zuge der um die Mitte des 7.Jh. v.Chr. einsetzenden und sich dann im 6.Jh. ausweitenden Kolonisierung vor allem von Milet. Die milesische Kolonie Olbia, die Glückliche, war eines der bedeutendsten Zentren in der Gegend und spielte eine wichtige Rolle in der Geschichte des Nordpontos. Gelegen war es in der heutigen Ukraine, am re Ufer des Hypanis (Bug) und bei der Mündung des Borysthenes (Dnjepr, ukrainisch Dnipro), die zusammen in den Dnipro-Bug-Liman münden, einer Art von Haff. Es war eine blühende Handelsstadt und die bedeutendste Getreidestadt des 5.Jh. v.Chr. Es war gleichzeitig der Ausgangspunkt für die Flußschiffahrt ins Innere des Landes und wichtig für die beiderseitigen Einflüsse von Griechen und 'Barbaren'. Ursprünglich wurde eine Siedlung auf der Halbinsel Berezan (benannt nach Borysthenes) gegründet, dann Olbia auf dem 40km nördlich gelegenen Festland. Berezan war zunächst der Hafen von Olbia, so wie Piräus der Hafen von Athen ist, und das Emporion (Handelsplatz) von Olbia. Im 5.Jh. schuf sich Olbia einen eigenen Hafen.

Die Hauptgötter waren Apollon Ietros, über den wir nicht viel wissen, und dann Apollon Delphinios. Dessen Kult versah das Kollegium der Molpoi, dessen Anführer nicht nur Oberpriester, sondern auch städtischer Eponym war. Noch in der ersten Hälfte des 6.Jh. entstand eine lokale Währung in Form von gegossenen Pfeilspitzen, und dann ab 550 die berühmten olbischen Münzen in Form von kleinen gegossenen Bronzedelphinen, die zunächst wohl als Opfergaben für Apollo dienten. Olbia breitete sich schnell aus, insbesondere durch agrarische Siedlungen im Hinterland, der Chora von Olbia, und an den Ufern des Limans.

Die Blütezeit Olbias war sicherlich das 5.-3.Jh. v.Chr. Zu Beginn des Jahrhunderts hatte sich das Skythenreich gefestigt und erfolgreich den Feldzug des Perserkönigs Dareios abgewehrt. Im Anschluß daran unterwarfen jetzt die Skythen die ackerbauende Stämme des Waldsteppengebietes und kamen 496 sogar bis zur thrakischen Chersones. Dies hatte natürlich auch einen starken Einfluß auf Olbia, das sich gegen die Skythen wehrte. Die Chora schrumpfte, Olbia umgab sich mit Befestigungsanlagen, die noch Herodot gesehen hat. 480 schlossen Skythen und Thraker einen Friedensvertrag uind es trat eine Beruhigung ein. Olbia begab sich unter das Protektorat der Königsskythen, offenbar gegen Tributzahlungen. Olbia selbst wurde von einem Tyrannen regiert und es wurden Münzen mit Symbolen der Polis geprägt. Dies war eine Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Bevölkerung nahm zu, die Handelstätigkeit vergrößerte sich. Apollon Delphinios erhielt einen großen Tempel. Beschriftete Täfelchen mit dem Namen des Dionysos belegen, daß Olbia eines der frühesten Zentren der Orphiker war und daß dabei Dionysos eine prominente Rolle spielte.

Im 4.Jh. v.Chr. kam es zu tiefgreifenden Umwälzungemn: Es gelang Olbia offenbar, sich von dem skyhischen Protektorat und von der Tyrannis zu befreien. Der Kult des Zeus Eleutherios wurde gegründet, von dem mehrere Weihinschriften erhalten sind. In dieser Zeit wurde
auch die Chora wieder restauriert. Die neue Souveränität zeigte sich unter anderem im massiven Ausbau der Wallanlagen. Ein wichtiges Ereignis war die erfolglose Belagerung der Stadt durch Zopyrion, den Statthalter Alexander des Großen. Dazu hatten die Olbiopoliten ihre Sklaven freigelassen, Fremden das Bürgerrecht gewährt, Schulden erlassen und konnten so den Feind überwältigen. Dieser Erfolg führte zur letzten und größten Blüte Olbias. Der ungeheure wirtschaftliche Aufschwung veranlaßte auch den Zustrom von 'Barbaren' in die Stadt. Auf der Agora entstand eine große Stoa, im Süden das Ensemble des Gymnasions, und das beeindruckende Wassersystem wurde weiter ausgebaut.

Mitte des 3.Jh. ging diese Blüte zu Ende. Die Siedlungen der Chora wurden von nomadisierenden Barbaren zerstört, die Beziehungen zu den friedliebenden ackerbautreibenden Stämmen wurde unterbrochen. Die Staatsfinanzen waren zerrüttet, es kam zu einer Nahrungsknappheit, die die Stadt durch öffentliche Getreideeinkäufe (Sitonie) und unentgeltliche Brotverteilung (Sitometrie) bekämpfte. Die Geldentwertung und
die Einführung von billigen Kupfermünzen scheint diese Situation noch verschlimmert zu haben. In der Mitte des 2.Jh. stabilisierte sich die Lage wieder etwas, was durch die Prägung von Silbermünzen zum Ausdruck kommt. Wahrscheinlich war dies König Pharnakes von Pontos zu verdanken, der den Poleis an der Schwarzmeerküste militärische Hilfe leistete. Doch nach der Mitte des Jahrhunderts wurde Olbia wieder so stark von lokalen Barbarenstämmen bedrängt, daß es sich an die umwohnenden Mixhellenen, wahrscheinlich hellenisierte Skythenstämme, um Hilfe wenden mußte. Olbia verlor wieder seine Unabhängigkeit. Der Protektor war diesmal Skiluros, der Skythenherrscher auf der Krim. Der benutzte die olbische Flotte nicht nur für seinen eigenen Export, sondern auch zum Kampf gegen die Piraten, was Olbia zugute kam. Nach dem Tod des Skiluros wurde dessen Sohn von Mithridates Eupator geschlagen und Olbia kam zum Pontischen Reich. Da Mithridates aber mit seinem Krieg gegen Rom beschäftigt war, überließ er Olbia seinem Schicksal. 55 v.Chr. wurde Olbia von den Geten unter König Burebista erobert und niedergebrannt. Allerdings existierte es verkleinert weiter, weil die Skythen es als Handelsplatz brauchten.

Olbia war nun eine kleine Siedlung. Auf der zerstörten Fläche wurde nun Vieh gehalten. Da suchte Olbia Schutz bei den Römern. Es sandte Gesandschaften nach Moesien. Unter Tiberius begannen reiche Olbiopoliten mit Gebäudeweihungen an den Kaiser. Seit der Regierung des Claudius (41-54 n.Chr.) gibt es wieder eine Münzprägung. Nero schließlich verlegte eine Auxiliartruppe nach Olbia. Neue Stadtmauern wurden errichtet. In der Chora entstanden befestigte Dörfer. Die Stadt erhielt aber wieder ein barbarisches Protektorat, diesmal der sarmatischen Aorser, deren König Pharzoios bis in die Zeit des Domitian Goldmünzen in Olbia prägen ließ. Unter Trajan wurde das Münzsystem auf das römische umgestellt. Unter Hadrian wurde Olbia civitas foederata, und der Kaiser beauftragte den bosporanischen König Kotys II. mit dem Schutz Olbias. Unter Antoninus Pius fand ein Feldzug der römischen Armee in Moesien gegen die Tauroskyten statt, die ständig Olbia bedroht hatten. Die römischen Soldaten, darunter viele Thraker, brachten die Verehrung des thrakischen Reitergottes nach Olbia.

Einen letzten Aufschwung erlebte Olbia unter den Severern. Unter Severus wurde Olbia in die Provinz Moesia inferior aufgenommen. Der Handel, besonders mit den anderen Schwarzmeerstädten und Milet, blühte auf. 198 wurden Thermen gebaut und neue Tempel, u.a. für Serapis und Isis. Der Kult des Apollo Delphinios verschwand und wurde durch Apollon Prostates, den Beschützer der Stadt, ersetzt. Eigene Priester hatte der Zeus Olbios und zu einer bemerkenswerten Blüte kam im 2.-3.Jh. der Achilleuskult. Wie Achill mit den Skythen zusammenhängt, wird immer noch diskutiert. Vielleicht ist es einer der Gründermythen, mit denen die Griechen einen Anspruch auf das Land erhoben, das sie besiedeln wollten.

Nach dem Tod des Severus Alexander 235 n.Chr. hörte die Münzprägung auf und Olbias endgültiger Niedergang begann. Somit ist die abgebildete Silbermünze eine der letzten geprägten Münzen. Bis in die Zeit des Diokletians bestand noch eine römische Garnison in der Stadt, die half, die ersten Gotenangriffe zu überstehen. Aber der zweite Gotensturm 269/70 besiegelte den Untergang der Stadt. Auch das Leben auf Berezan und in den Dörfern der olbischen Chora erlosch. Das war das Ende von Olbia, der Glücklichen, nach fast tausendjähriger Geschichte am Rand der antiken Welt.

Da Olbia später nie überbaut wurde, gehört es zu den am besten erforschten antiken Orten der Schwarzmeerküste. Bis heute bringt jede Grabungssaison spektakuläre Neufunde, insbesondere epigraphischer Art. Erwähnenswert sind die Unterwasserforschungen der jüngsten Zeit (s. marine Transgression der nördlichen Schwarzmeerküste). Aber was zwei Weltkriege und die russische Revolution nur kurz unterbrechen konnte, ist heute durch die finanzielle Notlage der Ukraine bedroht. Das schlimmste aber sind die Raubgräber, die in größtem Stil und gut organisiert Olbia plündern, 2000/2001 allein 1800qm der Polis und 10000qm der Nekropole. Damit sind einzigartige Kenntnisse der Wissenschaft für immer entzogen. Eine Tragödie, die wegen der Bedeutung Olbias die gesamte Altertumswissenschaft betrifft (Balbina Bäbler)

Hinzugefügt habe ich eine Karte des Schwarzmeergebietes, damit man sich ein Bild von der Lage Olbias machen kann.

Quellen:
- Balbina Bäbler, Der Schauplatz des Borysthenitikos; das antike Olbia, in Dion von Prusa,
Menschliche Gemeinschaft und göttliche Ordnung: Die Borysthenes-Rede, 2003 WBG
Darmstadt
- Wikipedia

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
Ancient_Greek_Colonies_of_N_Black_Sea.JPG
olbia_SGCV1684var.jpg
olbia_SNGblacksea496.jpg
koson_iliescu1.jpg
olbia_sev_alexander_SNGstancomb249.jpg
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Beitrag von Peter43 » Mo 28.09.09 20:01

Der antike Leistenschnitt

Ich weiß inzwischen, daß viele kein Interesse an Details haben, aber ich muß sagen, daß ihnen leider vieles entgeht, was man wissen sollte. So setze ich mich jetzt über sie hinweg, und möchte etwas über den antiken Leistenschnitt erzählen. Eigentlich müßte dieser Artikel unter dem Motto 'Künstlerisch interessante Münzen' laufen!

Der berühmteste griechische Bildhauer der Antike war wohl Polykleitos. Die einzige Statue, die uns erhalten geblieben ist, ist der Doryphoros, und das auch nur in einer römischen Kopie. Alle anderen Werke kennen wir aus Beschreibungen antiker Schriftsteller. Polykleitos hatte ein Schönheitssystem erfunden, den berühmten 'Kanon', der später von Michelangelo und anderen Renaissancekünstlern wieder aufgenommen wurde. U.a. stammt von ihm die Körperstellung mit Stand- und Spielbein. Doch seine Beschreibung des menschlichen Körpers ist nicht immer korrekt, sondern aus ästhetischen Gründen in einigen Punkten idealisiert und der wirklichen Anatomie widersprechend.

Und jetzt wird es anatomisch: Der Übergang der Muskelfasern des schrägen Bauchmuskels, musculus obliquus abdominis, in seine Sehnenfasern geschieht in einer vertikalen Linie parallel des Randes des geraden Bauchmuskels, musculus rectus abdominis. Zwei Fingerbreit nach innen und ein wenig oberhalb des vorderen oberen Darmbeinstachels, spina iliaca anterior superior, wendet sich diese Übergangslinie fast rechteckig nach außen. Diese Stelle wird 'Muskelecke' genannt und kann bei einem muskulösen Körper deutlich gesehen werden. Dieser Punkt liegt direkt auf der linea spino-umbilicalis, einer Verbindungslinie zwischen dem Nabel und dem vorderen oberen Darmbeinstachel und korrespondiert mit demm berühmten MacBurneyschen Punkt, der eine wichtige Rolle bei der Diagnose einer Appendicitis (Blinddarmentzündung) spielt, weil er in diesem Fall sehr druckschmerzhaft ist.

Das untere (kaudale) Ende der Aponeurose des schrägen Bauchmuskels verbindet sich mit der Faszie des Oberschenkkels, der fascia lata, in der Leistenbeuge. An dieser Stelle verstärkt sich die Aponeurose zu einem bandförmigen Strang, dem Leistenband, ligamentum inguinale, das sich vom vorderen oberen Darmbeinstachel zum Schambeinhügel, tuberculum pubicum, erstreckt

Zur Erläuterung dieser anatomischen Verhältnisse habe ich hier ein Bild aus dem Anatomieatlas (1. Bild). Man erkennt die Muskelecke, auf die der grüne Pfeil zeigt, und den schwarzen Pfeil, der auf den vorderen oberen Darmbeinstachel zeigt. Man sieht deutlich, daß es sich dabei um 2 verschiedene Punkte handelt. Und hier als Beispiel ein antikes Standbild, den Thermenherrscher, der diese Anatomie korrekt wiedergibt (2. Bild, siehe Pfeile!).

Dies aber fanden die antiken griechischen Bildhauer nun gar nicht schön, sondern unästhetisch, und haben in der Nachfolge von Polykleitos die Muskelecke nur sehr undeutlich markiert und sie zusammengelegt mit dem vorderen oberen Darmbeinstachel, der spina iliaca anterior superior, so daß das Leistenband, ligamentum inguinale an diesem zusammengelegten Punkt zu beginnen scheint. Dies nennt man den 'antiken Leistenschnitt', und er unterscheidet sich deutlich von den tatsächlichen natürlichen Verhältnissen.

Das 3. Bild zeigt nun den berühmten Doryphoros des Poykleitos, den Speerträger. Man sieht, daß bei ihm nur eine Linie von der Seite nach medial zur Leiste zieht (siehe Pfeil). Dieselben Verhältnisse liegen vor bei der Darstellung des Zeus auf der Rs. dieser Münze aus Nikopolis (4. Bild). Wir finden hier keine Muskelecke und keine zwei getrennten anatomischen Punkte, wie es eigentlich korrekt sein müßte. Wir müssen also konstatieren, daß die griechischen Bildwerke doch nicht so natürlich sind, wie sie oft gesehen werden. Es sind idealisierte Menschen!

Quelle:
Voss/Herrlinger, Taschenbuch der Anatomie, Band I, S.136

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
Bild_1_anatomische_Verhältnisse_an _der_Leiste.jpg
Bild_2_Thermenherrscher.jpg
Bild_3_ Polykleitos_Doryphoros.jpg
Bild_4_nikopolis_diadumenian_AMNG1830.jpg
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Beitrag von Peter43 » So 11.10.09 00:00

Hallo!

Ich stelle heute zwar keine Münze vor, aber ich glaube trotzdem, daß dieser Artikel in diesen Thread gehört. Ich möchte hier nämlich eine Liste der Sprachen vorstellen, die im Römischen Reich zwischen 100 v.Chr. und 395 n.Chr. gesprochen wurden. Diese Liste stammt aus "Die Sprachen im Römischen Reich der Kaiserzeit (Bonner Kolloquium 1974, Beihefte der Bonner Jahrbücher Jahrbücher Band 40, Rheinland-Verlag GmbH, Köln 1980)". Ich hoffe, daß einige von euch genausoviel Spaß beim Durchmustern der Liste haben, wie ich es hatte!

- Ägyptisch (als Mittel- und Neu-Ägyptisch, Früh-, Mittel- und Spät-Demotisch; Alt-Koptisch und Koptisch)
- Albanisch (1) ( Eine alte illyrische Sprache an der Adria)
- Albanisch (2) ( Eine Sprachfamilie aus dem Kaukasus, nicht mit (1) verwandt; die Hauptsprache war Arranisch, das allein 26 Untersprachen gehabt haben soll, keine
Dialekte!)
- Arabisch (in den Typen Nabatäisch, Palmyranisch: einer Arabisch-West-Aramäischen Hybridsprache, Shafaitisch(?), Tamudisch)
- Aramäisch (im Ostteil des Reiches die übliche Handels- und Verwaltungssprache, lange Zeit genauso wichtig wie Griechisch und Lateinisch
- Armenisch
- Babylonisch (Akkadisch)
- Baskisch
- Dakisch (mit dem Thrakischen verwandt; mit den verwandten Sprachen Getisch, Moesisch, Triballisch)
- Etruskisch
- Garamantisch (in Nordwest-Afrika)
- Germanisch (ob dies zu dieser Zeit wirklich besonders unterschiedene Sprachen waren ist nicht bekannt)
- Griechisch (die Attisch-Ionische Koine als Standardsprache; daneben regionale Dialekte wie: Attisch, Sorisch, Epirotisch, Ionisch, Lakonisch, Makedonisch, Messenisch)
- Hebräisch
- Hethitisch-Luwische RFesidualsprachen (Isaurisch, Karisch, Lydisch, Lykisch, Pamphylisch, Pisidisch, Sidetisch)
- Iberisch (19 (auf der iberischen Halbinsel)
- Iberisch (2) (im Kaukasus, nicht mit (1) verwandt; antike Schriftsteller berichten von 70-300 verschiedenen Sprachen an den östlichen Grenzen des Reiches, von denen wir heute nichts mehr wissen)
- Illyrisch
- Iranisch
- Istrisch
- Italische Sprachen (im engeren Sinn: Umbrisch, Oskisch, und Sabellische Zwischendialekte wie Marsisch, Paelignisch und andere)
- Keltisch (Kelto-Iberisch auf der iberischen Halbinsel; Gallisch und Narbonensisch im westlich kontinentalen Europa, die Britischen Sprachen: Bretonisch, Kornisch, Kymrisch, und die Goidelischen Sprachen: Irisch, Manx und Schottisch-Gälisch; Lepontisch in Norditalien; in den Alpen: Norisch, Pannonisch-Dalmatisch, Vindelisch; Galatisch in Kleinasien)
- Lasisch (im Kaukasus)
- Lateinisch (Standardlateinisch, 'sermo castrense' und andere Spezialidiome)
- Liburnisch
- Libysch (Numidisch: im Osten das Tunesisch-Algerisch Massylische, und das westliche Masaesylische)
- Ligurisch
- Messapisch
- Mingrelisch (im Kaukasus)
- Päonisch (Phrygisch?)
- Parthisch
- Phönikisch (als noch lebend genannt!)
- Phrygisch
- Punisch (vom Phönikischen abgeleitete Sprache in Karthago)
- Rätisch
- Sarmatisch
- Skytisch
- Syrisch
- Thrakisch
- Venetisch

Eine erstaunliche Liste. Leider kennen wir von vielen dieser Sprachen nur noch den Namen und haben sonst keine Informationen mehr über sie. Was mich am meisten verwundert, ist die ungeheure Anzahl von Sprachen, die es im Kaukasus gab. Das ist ja heute auch noch so ähnlich und mit ein Grund dafür, daß der Kaukasus ein ewiger Unruheherd ist.

Mit freundlichem Gruß
Jochen
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Beitrag von Peter43 » Mi 28.10.09 13:20

Die 'Bavarian Collection'

Am 18. März 1993 wurde von Numismatic Fine Arts eine Sammlung unter dem Namen 'The Bavarian Collection' versteigert, die fast 3500 Münzen enthielt und auf 352 Lots aufgeteilt war. Diese Sammlung war von einem anonymen deutschen Sammler in den Jahren von 1890 bis 1930 zusammengetragen worden. Das Hauptinteresse dieses Sammlers waren die römischen Billon- und Bronzemünzen des 3. und 4. Jh. Aus dem Auktionskatalog: "Diese Riesensammlung ist unglaublicherweise über ein halbes Jahrhundert fast ungestört geblieben, und jedes Stück befindet sich noch immer in seinem Originalumschlag mit seinem Originalkärtchen." Ich hatte von dieser Sammlung bereits früh in meiner Sammlerkarriere erfahren, und zwar durch den Artikel "A Coin from the ''Bavarian Collection'" von Dough Smith in seiner überragenden Website http//doughsmith.ancients.info, die ich allen wärmstens ans Herz lege. Nun ist es mir vor kurzem gelungen, einige Münzen aus dieser Sammlung zu erwerben, von denen ich hier zwei vorstellen möchte. Und natürlich bin ich den Hintergründen nachgegangen und möchte hier über meine Ergebnisse berichten.

Münze #1:
Fausta, Augusta 324-326, 2. Frau des Constantin I.
AE 3, 3.85g, 19.26mm
Trier, 326, 1. Offizin
Av.: FLAV MAX - FAVSTA AVG
Büste, drapiert, mit Halskette, n.r.; Haar in 5 Wellen und kleinem Knoten im Nacken
Rv.: SALVS REI - PVBLICAE
Fausta, in langem Gewand und verschleiert, n.l. stehend, hält zwei Säuglinge an der
Brust.
im Abschnitt STR liegende Mondsichel mit Punkt in der Höhlung
Ref.: RIC VII, Trier 483; C.6
fast SS, leichte Rauhheit
Pedigree:
ex Marc Breitsprecher (Ancient Imports)
ex coll. Victor Failmezger (plate coin)
ex Numismatic Fine Arts Auction 3/93, Lot 1919
ex old Bavarian coll. #473, erworben 1919(?)

Münze #2:
Constantin II., 317-340
AE 3, 2.81g
Aquileia, 321, 3. Offizin
Av.: CONSTANTINVS IVN NOB C
Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n.l.
Rv.: CAESARVM NOSTRORVM
Lorbeerkranz mit Inschrift VOT / X
im Abschnitt Punkt AQT Punkt
Ref.: RIC VII, Aquileia 95; C.39
R1!, S+/fast SS, fast schwarze Patina
Pedigree:
ex Marc Breitsprecher (Ancient Imports)
ex coll. Victor Failmezger
ex Numismatic Fine Arts Auction 3/93, Lot 2150
ex old Bavarian coll. #4159
ex A. Riechmann/Halle #1623

Diese Sammlung ist jetzt weniger numismatisch im engeren Sinn bedeutend, obwohl Failmezger erwähnt, er habe sofort 31 Münzen gefunden, die er noch nicht hatte, sondern mehr als ein geschichtliches Dokument. Das interessante ist, daß sämtliche Kärtchen mit den Aufzeichnungen des unbekannten Sammlers erhalten geblieben sind. Daraus geht hervor, daß er die Münzen nach Offizinen gesammelt und möglichst auf Vollständigkeit geachtet hat. Dabei hat er von jeder Varietät das am besten erhaltene Exemplar erworben, das er finden oder finanziell ermöglichen konnte. Aber er hat auch weniger perfekte Exemplare gekauft, wenn er damit Lücken vermeiden konnte. Er war ein sehr penibler Sammler, was auch aus den Beschriftungen auf seinen Kärtchen hervorgeht.

Leider ist bis heute seine Identität unbekannt. Failmezger hat die Kärtchen zusammengesetzt und herausbekommen, daß sie aus geschäftlichen Visitenkarten geschnitten worden sind. Der Text lautet:
Telefon 7071 MÜNCHEN Telefon 7071
Mailingerstrasse 1a.
Hoflieferant Sr. Kgl. Hoheit Prinz Alfons von Bayern
Militäreffecten
Michael Kastl
Davon befindet sich auf meinen Kärtchen einmal das Michae und das andere Mal CHEN und darunter 'strasse 1a.' Die Straße befindet sich in der Innenstadt von München. Ob der Sammler aber tatsächlich der genannte Michael Kastl ist, ist nicht bekannt. Es ist natürlich auch möglich, daß der Sammler diese Karten nur zum Zerschneiden benutzt hat. Er kann nicht sehr arm gewesen sein; denn selbst in den schwierigen Zeiten nach dem 1. Weltkrieg hat er Münzen gekauft. Oder er hat lieber auf seine tägliche Versorgung verzichtet, als darauf, seine begrenzten Mittel für Münzen auszugeben. Dough Smith schreibt am Schluß: "Ich glaube, ich hätte mich sehr gefreut, diesen bayerischen Sammler zu treffen."

Eine seiner Bezugsquellen, von denen wir wissen, war die Münzhandlung Albert Riechmann in Halle. Diese Münzhandlung wurde bereits 1910 gegründet und 1912 nach dem Einstieg von Richard Gaettens zu einem bedeutenden Auktionshaus und Verlag ausgebaut, mit mehreren Bibliotheksräumen mit 10000 Bänden, großem Auktionssaal und einer Stahlschrankanlage für 40000 Münzen. Hier erschienen auch heute noch wichtige wissenschaftliche Kataloge. Die Weltwirtschaftskrise zwang die Firma zu Notverkäufen und 1941 wurde der Firmensitz in Halle endgültig aufgegeben.

Victor Failmezger hat sich der Bearbeitung dieser Sammlung angenommen. Er hat alle Sammler, die im Besitz von Münzen dieser Sammlung sind, aufgerufen, sich an ihn zu wenden. Dabei geht es insbesondere um die NFA Lot-Nummern 1054-1405. Man kann sich wenden an The Celator oder direkt an Victor Failmezger, 1203 Quaker Hill Drive, Alexandria, VA 22314; telephone (703) 823-2634.

Ich habe neben den Münzen jeweils die zugehörigen Kärtchen und Umschläge abgebildet. Da sind mir einige Aufzeichnungen noch unklar. Bahrf. scheint die Slg. Bahrfeld zu bedeuten. Aber wer oder was ist Well? Und was bedeutet MC 1719? Über jede Meinung würde ich mich freuen.

Quellen:
- Numismatic Fine Arts Auction XXXI, A Mail Bid, 18.3.1993
- Dough Smith, A Coin from the 'Bavarian Collection',
online unter //doughsmith.ancients.info
- Victor Failmezger, Readers asked to help reconstruct the Bavarian Collection,
The Celator, Januar 1994
- Riechmann gründete erste Münzhandlung,
aus Sonntags Nachrichten, Halle, 13.9.2009 (online)

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
fausta_trier_483.jpg
Bavarian_#3_klein.jpg
constantinII_aquileia_95.jpg
Bavarian_#2_klein.jpg
Zuletzt geändert von Peter43 am Mi 28.10.09 15:13, insgesamt 1-mal geändert.
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curtislclay
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Wohnort: Chicago, IL, USA
Danksagung erhalten: 20 Mal

Beitrag von curtislclay » Mi 28.10.09 15:04

Bahrf: wohl Max von Bahrfeldt, Münzen Constantins d. Gr. und seiner Zeit aus dem Münzfunde von Köln a. Rh. 1895, Halle 1923.

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Beitrag von Peter43 » Mi 28.10.09 16:06

Vielen Dank! Und hat jemand schon mal von Well in Zusammenhang mit römischen Münzen gehört?

Im amerikanischen Forum hat Curtis Clay eruiert, daß es sich wahrscheinlich handelt um J. Berman&Sohn, Verzeichnis der Münz- und Medaillen-Sammlung des ... Herrn Leopold Welzl von Wellenheim, Wien 1844.

Dank an Curtis
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Beitrag von Peter43 » Fr 30.10.09 20:53

Die Artemis Pergaia

Diesen Artikel über Artemis Pergaia aus dem amerikanischen Forum möchte ich euch nicht vorenthalten.

Perge liegt 12km östlich des heutigen Antalya und gehörte zusammen mit Aspendos und Side zu den bedeutenderen Städten Pamphyliens. Es war berühmt nicht zuletzt wegen seiner Hauptgöttin, der Artemis Pergaia. Es wird angenommen, dass Perge von den Achäern die ca. 1000 v. Chr. gegründet wurde. Auch der Hl. Barnabas und Paulus besuchten zu beginn des Christentums Perge. Paulus hielt hier seine erste Predigt. Perge wurde zu einem wichtigen Zentrum des Christentums.

Perge ist ein Glücksfall für die Archäologen. Wenn eine Stadt aufgegeben und niemals wieder besiedelt wurde, diente es üblicherweise als Steinbruch für die benachbarte neue Stadt. Aber in Perge haben Erdbeben die Gebäude niedergelegt und Erdreich, das die Flüsse anspülten und das von den Hügeln kam, hat alles schnell bedeckt. So wurden nur wenig Beutestücke in Antalya verbaut und wir können heute wieder die breiten Prachtstraßen des antiken Perge entlangschlendern, die Reliefs des Theaters betrachten und uns an den gut erhaltenen Statuen erfreuen, die sich im Museum von Antalya befinden.

Leider konnte bis heute der Ort des wichtigsten Heiligtums, des Tempels der Artemis Pergaia, nicht gefunden werden und gibt den Archäologen Rätsel auf, denn das Heiligtum der Artemis - in der Antike eine berühmte Pilgerstätte und ein Asylon - war nach dem Zeugnis antiker Schreiber auf einem Hügel außerhalb der Stadt in exponierter und wundervoller Position gelegen. Die fremdartige Erscheinung der Artemis von Perge, auch bekannt von Marmorstelen und Votivreliefs im Museum in Antalya, ist dargestellt auf Münzen des 2.Jh. n.Chr. Auf einem dekorierten Steinblock sitzt nur der Kopf der Göttin mit Kalathos auf einer Mondsichel. Zweifellos war hier wie auch in Ephesos der griechische Artemiskult verbunden mit einer viel älteren Lokalgottheit. Diese vor-hellenische Göttin wurde in pamphylischem Dialekt Vanassa Preiia genannt. Vanassa ist pamphylisch 'die Herrin'.

In Rom wurde der Tempel 79 v.Chr. bekannt durch Ciceros flammende Rede gegen Verres, 'In C. Verrem'. Der berüchtigte Verres, Legat und Quaestor in Kilikien hatte den weltberühmten Tempel 80 v.Chr. geplündert und sich schamlos bereichert durch den Raub der Statuen, der Weihegeschenke und der Schätze der Tempel von Perge und Aspendos. M.T.Cicero beschreibt dies alles in seinen Untersuchungen von Verres' Schandtaten für seine Anklage. Hier wird die Statue beschrieben als verborgen in einem mit Gold bedeckten Schrein. Wir sehen, daß die Beschreibung dieser Statue nicht einheitlich ist.

Das Kultbild, das auf den Münzen von Perge dargestellt ist, stand im Tempel auf der Akropolis der Stadt. Der Körper der Statue war ein rechteckiger Block, der auf einer breiteren Basis stand. Auf seiner Spitze saß der menschliche Kopf der Göttin mit Kalathos und verhüllt mit einem Schleier. (z.B. SNG PFPS 221ff.). Der 'Körper' war reich verziert mit Reliefs, änderte sich aber später zu einer stelenartigen konischen Gestalt. Gewöhnlich war das Kultbild flankiert von 2 Sphingen auf einer Rundbasis, das Pediment des ionischen Naiskos oder Tempels ist meistens geschmückt mit einem Adler mit geöffneten Schwingen (Price-Trell 189, Fig. 34, Nr.101, Nr.28)

Erskine schreibt: Der Kult durfte nur von Priesterinnen ausgeübt werden, die seit drei Generationen aus einer Familie aus Perge stammten, und zwar von Vater- als auch Mutterseite.

Ihr Kult wurde bis ins 5.Jh. n.Chr. aufrechterhalten. So mächtig war die Stellung der Göttin, daß ihre Statue sogar vor der neu entstandenen christlichen Kirche stehenblieb. "Daß das Relief der Artemis Pergaia mit Strahlenbüschelkrone auf ihrem Kopf vor dem Tempel einer Religion, die die Anbetung der Götzenbilder streng verbietet, nicht angerührt worden ist, kann nur dadurch erklärt werden, daß sie mit der auf ihrem Kopf einen Heiligenschein tragenden Maria gleichgesetzt wurde."

Ich habe hinzugefügt
(1) Das Bild einer Münze aus Pogla, auf der man deutlich die 3 Bänder der Figurenreliefs sehen kann und darüber eine szenische Darstellung (SNG von Aulock 5147)
(2) Eine Rekonstruktion des Schreins, bei der an Stelle der Figurenreliefs Kassetten zu sehen sind, in die man Votivgaben legen konnte.
(3) Eine Säule mit der Darstellung der Artemis Pergaia ganz oben unter dem Kapitell.
(4) Das Bild einer Münze aus Perge, die Artemis Pergaia etwa so zeigt, wie sie auf der Säule zu sehen ist.

Mit freundlichem Gruß
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pogla_caracalla_SNGaulock5147.jpg
Baetyl_Pergaean_Artemis.jpg
Perge Säule mit Artemisrelief.jpg
perge_titus_RPC1514.jpg
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Beitrag von Peter43 » Mo 02.11.09 22:37

Die Revolte des Poemenius

Im RIC Band VIII finden sich unter Trier S.164/5 mit der Überschrift 'Revolt of Poemenius' einige bemerkenswerte Münzen des Constantius II. RIC 328-337, alle selten. Eine habe ich kürzlich erwerben können und möchte sie hier mit der dazugehörigen Hintergrundinformation vorstellen.

Constantius II., 337-361
AE - Doppel-Centenionalis, 4.73g, 23mm
Trier, 1. Offizin, (Zeit der Revolte des Poemenius)
Av.: DN CONSTANTIVS P F AVG
Büste, drapiert und cürassiert, mit Perlendiadem, n.r.
Rv.: SALVS AVG NOSTRI
Großes Chi-Rho, flankiert von A und Omega
im Abschnitt TRP Stern
Ref.: RIC VIII, Trier 332; LRBC 67
Nicht häufig, fast SS, Schrötlingsausbruch bei 2h
Photo der Münze vom Händler

Das besondere an dieser Münze ist, daß es das Portrait des Constantius II. mit der berühmten Rs. mit dem großen Chi-Rho des Magnentius verbindet. Wie kann man das erklären? Warum sollte Constantius Münzen prägen mit der Rs. seines Feindes?

Poemenius wird nur an einer einzigen Stelle erwähnt, von Ammianus Marcellinus im 6. Kapitel von Buch 15:
"4. Nach Proculus wurde Poemenius verurteilt und hingerichtet; derjenige, der - wie wir oben erwähnt haben - nachdem die Treverer ihre Tore gegen Caesar Decentius geschlossen hatten, gewählt worden war, um diese Leute zu verteidigen. Nach ihm wurden Asclepiodotus, Luto und Maudio, alles hohe Beamte, hingerichtet, und viele andere noch; die unerbittliche Grausamkeit der Zeit suchte mit Begierde nach diesen und ähnlichen Strafen."
Leider sind die ersten 13. Bücher des Ammian verloren. Deshalb wissen wir nicht, was er weiter oben erwähnt hat! Dies spielte sich im Jahre 355 n.Chr. ab und Kent leitete daraus einen Aufstand des Poemenius gegen Magnentius ab.

Wie sah die historische Situation zu dieser Zeit aus?

Magnentius wurde um 303 n.Chr. geboren, evtl. in Amiens und war als Laete barbarischer Herkunft. Er soll der Sohn eines britannischen Vaters und einer fränkischen Mutter gewesen sein. Am 18. Jan. 350 ließ er sich in Autun zum Augustus ausrufen und wurde im Westen und in Africa anerkannt. Er hat rasch Trier in seine Macht gebracht, die damals wichtigste Stadt im Nordwesten. Dann ernannte er seinen Bruder (oder Vetter) Decentius zum Caesar (Sommer 350 oder Ende 350/Anfang 351), um Gallien durch eine starke Hand zu sichern. Versuche des Magnentius, Constantius II. in Verhandlungen, auch durch eine gegenseitige Doppelhochzeit, zur Anerkennung seiner Herrschaft zu bewegen, blieben erfolglos. Militärisch war Magnentius dem Constantius unterlegen. In der katastrophalen Schlacht von Mursa am 28. Sept. 351 wurde er von den Truppen des Constantius, die aus dem Osten heranrückten, geschlagen; dies war eine der vernichtendsten Schlachten des späteren Reiches, das seine Widerstandskraft gegen die anstürmenden Feinde entscheidend schwächte. Magnentius mußte sich zurückziehen und verlor ein Jahr später auch Italien. Es ist möglich, daß Constantius die Alamannen anstiftete, in Gallien einzufallen, um den Feind zu schwächen. Jedenfalls verwüsteten sie das Land und im August 352 wurde Decentius vom Alamannenfürsten Chnodomar geschlagen und floh nach Trier, wo ihm die Tore verschlossen wurden. Im Juli 353 zog auch Constantius nach Gallien und schlug Magnentius bei Lyon. Der beging daraufhin Selbstmord (10. Aug. 353), nachdem er vorher seine Familie getötet hatte. Wenige Tage später folgte ihm Decentius in Sens. Constantius war wieder Alleinherrscher im Römischen Reich.

(1) Kent:
Kent geht numismatisch vor und untersucht die Abfolge der Legenden im Verhältnis zu den historischen Ereignissen.
Nur eine zufällige Bemerkung des Historikers Ammianus Marcellinus enthält den Bericht über eine wichtige Episode der Regierungszeit des Magnentius, die Revolte von Trier. Bei seinem Bericht über die Vernichtung der Aufständischen des erfolglosen und kurzlebigen Usurpators Silvanus 355 n.Chr., bezieht er sich insbesondere auf die Hinrichtung des Poemenius. Dieser war von den Trierern zu ihrer Verteidigung gewählt worden, nachdem sie dem Decentius ihre Tore verschlossen hatten. Da Trier eine bedeutende Münzstätte war, sollte man erwarten, daß diese Vorgänge sich auch bei den Prägungen widerspiegeln. Und das ist auch der Fall. Kent behauptet nun, daß 2 von Constantius' Ausgaben mit diesem Ereignis zusammenhängen. Die Solidi mit VICTORIA AVG NOSTRI und die Billonmünzen mit SALVS AVG NOSTRI. Beide haben keine Parallele in den Ausgaben des Constantius selbst, weisen aber durch die Verwendung von AVG NOSTRI und das große Chi-Rho direkt auf Magnentius. Diese Auffassung wird inzwischen allgemein akzeptiert und kann als sicher angesehen werden, schreibt er im RIC.

Ich kann hier nicht in alle Details gehen, weil das diesen Beitrag zu lang machen würde. Historiker hatten angenommen, daß Magnentius Trier bereits früh während seiner Regierung verloren hätte, doch dies ist unwahrscheinlich und die Prägung zeigt, daß es so nicht sein kann. Kent unterscheidet bei Magnentius 4 verschiedene Prägeperioden, die jeweils durch historische Ereignis bedingt sind. Nach der entscheidenden Schlacht von Mursa zog sich Magnentius nach Italien zurück. Im September 352 besetzen Constantius und Gallus Italien und Magnentius war auf Gallien beschränkt. Hier prägten 4 Münzstätten den letzten Typ ihrer Herrschaft: SALVS DD NN AVG ET CAES, die es in Rom und Aquileia nicht gab. Da Trier an dieser Emission teilhatte, kann die Revolte des Poemenius nur in der Zeit kurz vor Constantius' Feldzug nach Gallien im Sommer 353 stattgefunden haben. Ohne Zweifel war sie durch ihn angestachelt worden, wie auch der Einfall der Alamannen über den Rhein.
Die außergewöhnlichen Ausgaben mit dem Portrait des Constantius und den Rs. des Magnentius können nicht vor 350 geprägt worden sein wegen der Anspielung auf nur einen Herrscher. Wir haben so den numismatischen Beweis dafür, daß die Revolte in Trier im allerletzten Monat der Herrschaft des Magnentius stattgefunden haben muß. Diese Münzen sind also während der Revolte in Trier für Constantius geprägt worden.

Bastien, dessen Arbeit mir nicht vorliegt, verweist auf das Gewicht der Billonmünze, das schlecht zwischen Magnentius letzte und Constantius' früheste gallische Prägung paßt. Kent führt dies irreguläre Gewicht auf die außergewöhnlichen Umstände zurück, meint dann aber in Zusammenhang mit Ammians Bemerkung, daß wir auch annehmen können, daß Decentius Trier genommen habe, und daß dann diese Stücke zwischen der 2. und 3. Phase von Magnentius' Prägungen lägen. Auch nach dem Tode des Magnentius habe sein Meistergraveur noch für Constantius weitergearbeitet.

(2) Gilles:
Gilles ist ebenfalls der Überzeugung, daß die von Kent beschriebenen Münzen SALVS DD NN AVG ET CAES und SALVS AVG NOSTRI, da sie aus keiner anderen Münzstätte bekannt sind, überzeugend auf den Abfall der Stadt Trier von Magnentius bzw. Decentius bezogen werden müssen. Da wir über den Ausgang der Belagerung Triers durch Decentius nichts wissen, sind wir angewiesen auf numismatische und archäologische Quellen. Da Poemenius nach Ammian den Aufstand gegen Magnentius und Decentius überlebt haben muß, nahm man an, daß Trier nicht mehr in die Hände des Decentius bzw. Magnentius gefallen war. Bestärkt wurde dies durch die Abfolge der Trierer Münz-Emissionen.

Allerdings bleibt tatsächlich unklar, in welcher Reihenfolge wir die Trierer Emissionen ansetzen müssen. Liegen die auf den Namen des Constantius geprägten Großbronzen vor oder nach den letzten beiden Trierer Emissionen auf Magnentius und Decentius, oder liegen sie vielleicht zwischen den letzten Emissionen der Usurpatoren, d.h. zwischen der 1. und 2. Reduktion. Davon aber hängt die Datierung des Trierer Abfalls ab und ob Trier nach dem Aufstand des Poemenius wieder an Magnentius bzw. Decentius zurückfiel.

Gilles untersucht nun die um das Jahr 353 endende Münzreihe der Trierer Bronze-Emissionen aus metrologischer Sicht. Er stellt Listen von Schatzfunden und Münzreihen der 50er Jahre des 4.Jh. auf. Dabei ergibt sich, daß besonders die Schatzfunde aus Villen des Trierer Landes mit den Prägungen des Poemenius enden. Die letzten Trierer Prägungen des Magnentius und Decentius fehlen völlig. Sie finden sich nur in den Funden bei denen auch jüngere Prägungen des Constantius vorliegen. Dies hätte zur Folge, daß die beiden letzten Trierer Emissionen des Magnentius und Decentius erst nach den sog. Poemeniusmünzen geschlagen wurden.

Zusammenhängend läßt sich festhalten, daß aus numismatischer Sicht mehr daraufhin deutet, daß der Aufstand in Trier gegen Decentius niedergeschlagen wurde. Münzschätze und Zerstörungsschichten lassen erkennen, daß bei der Erhebung der Usurpatoren auch das Umfeld der Stadt stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, wahrscheinlich von den Truppen des Decentius bei der Überwindung der Stadtmauer. Es läßt sich vorstellen, daß Poemenius selbst dem Gemetzel in der Stadt entkommen konnte. Ob er und die Trierer nun den Aufstand aus eigenem Antrieb unternahmen, oder auf Geheiß des Constantius, bleibt offen. Günstig war die Gelegenheit sicherlich, da Decentius durch die Niederlage gegen Chnodomar geschwächt war. Nach der vermuteten Rückeroberung Triers durch Decentius scheint die Münzprägung wieder für einige Wochen aufgenommen worden zu sein, diesmal mit noch weiter reduzierten Maiorinen, bis sie im August 353 endgültig eingestellt wurde, als Magnentius und Decentius von Constantius in die Enge getrieben, Selbstmord begingen.

(3) Holt:
Walter Holt bringt einen umfassenden Überblick über die historischen und politischen Verhältnisse im Rom des 4.Jh. Er schildert die Zeit von der Erhebung des Magnentius zum Augustus in Autun und den Tod des Constans, das Schicksal des Nepotianus in Rom, die vergeblichen Versuche des Magnentius, sich mit Constantius zu einigen, über die Schlacht von Mursa, bis zu seinem Selbstmord in Lyons. Übrigens war die einzige Überlebende seine Frau Justina, die 368 Valentinian I. heiratete.
Holt schreibt, da es keine anderen schriftlichen Quellen und insbesondere keine archäologischen Erkenntnisse gäbe, bliebe nur die Numismatik. Dabei folgt er bei der Interpretation der Vorgänge in Trier den Ausführungen Kents. Als Decentius nach seiner Niederlage gegen Chnodemar Zuflucht in Trier suchte, fand er jedoch die Stadttore verschlossen unter der Führerschaft des Poemenius, der sich gegen ihn erhoben hatte. Decentius mußte sich daraufhin nach Amiens und Paris zurückziehen. Unmittelbar darauf begann Trier Münzen zu prägen im Namen des Constantius und - was noch wichtiger war - stoppte die Ausgabe von Münzen für Magnentius und Decentius.

Leider ist die einzige antike Quelle für diese dramatischen Ereignisse eine einzelne Zeile bei Ammianus Marcellinus. Poemenius hielt Trier erfolgreich gegen Decentius bis zum Ende der Revolte, was bewiesen wird dadurch, daß er 2 Jahre später noch lebte. Er wurde erst 355 hingerichtet, da er wohl in den Aufstand des Silvanus verwickelt war. Amm.Marc. xv.6.4. Hätte Decentius Trier zurückerobert, hätte er sicherlich dien Aufstand niedergeschlagen und Poemenius hinrichten lassen. Dann aber hätte er sich nicht nach Amiens und Paris zurückziehen müssen.

Insbesondere kann die Ausgabe mit dem großen Chi-Rho erst nach der Erhebung des Decentius zum Caesar 351 geprägt worden sein. Daß sie nicht in Aquileia oder Rom vorkommt, spricht dafür, daß sie erst nach dem Rückzug des Magnentius aus Italien geprägt wurde.Bastien meint, daß sie erst im Frühjahr 353 geprägt wurde, gerade mal 8 Monate vor dem Ende seiner Herrschaft und der Münzprägung.

Die 'Poemenius-Münzen' sind deshalb außergewöhnlich, weil sie auf der Vs. das Portrait des Constantius und auf der Rs. Motive des Magnentius zeigen. Das AVG auf der Rs. von SALVS AVG NOSTRI verweist auf einen Einzelherrscher, kann aber nicht Magnentius bedeuten, weil Magnentius zuerst starb und es keinen Hinweis gibt, daß Decentius den Augustus-Titel annahm. So bleibt auch auf der Rs. nur Constantius übrig.

Hätte Constantius die 'Poemenius-Münzen' nach dem Fall des Magnentius prägen lassen, warum hätte er dann das Chi-Rho gewählt, das weder bei ihm noch bei Gallus vorkommt. Und da diese Ausgabe nur in Trier vorkommt, werden wir zwingend zur Revolte des Poemenius gezogen.

Auch Horte sprechen dafür. Es gibt Horte mit Magnentius Chi-Rho-Typen und nur wenig Constantiustypen. Es gibt andererseits keine Horte mit Constantius-Chi-Rho-Typen und nur einigen Magnentius-Typen. Das zeigt, daß die Constantius-Typen den Magnentius-Typen folgten. Ihre Datierung kann dann so vorgenommen werden: Beide Usurpatoren waren am 18. August 353 tot. Da diese Münzen sehr selten sind, kann ihre Prägezeit nur kurz gewesen sein, aber lang genug, um verschiedene Stempel zu benötigen. Vermutlich also länger als einige wenige Tage aber kürzer als einige Monate. Nehmen wir die Zeit, die Decentius brauchte, um nach Amiens und dann nach Sens zu gelangen, was wohl zwischen 2 und 6 Wochen gedauert haben wird, dann kommen wir auf eine Zeit der Revolte von Anfang Juli bis zum späten August.

Die Revolte des Poemenius war eine kurzlebige aber außerordentlich erfolgreiche Episode in der turbulenten Geschichte des zerfallenen Römischen Reiches im 4.Jh. Sie hat uns faszinierende Münzen gegeben und eine wundervolle Story. Nur wenige Stücke sprechen so direkt zu uns und sind Zeugen eines so exakten Ereignisses und seiner Zeit wie diese. Leider wissen wir nichts mehr über den Charakter dieses bemerkenswerten Mannes. Alles was von ihm geblieben ist, ist ein Satz in einem sehr alten und mehrheitlich verloren gegangenen Buch und seinem Vermächnis einer kleinen Zahl außergewöhnlicher Münzen

(4) Overbeck/Overbeck:
Nun gibt es seit 2001 eine Arbeit, die alle bisher dargestellten Erklärungen grundsätzlich in Zweifel zieht. Leider ist sie von Holt nicht berücksichtigt worden, wohl weil sie nur auf Deutsch erschienen ist. Overbeck/Overbeck gehen dabei aus von dem, was uns als einzigem aus der Antike überliefert wird, und das ist der Text bei Ammianus Marcellinus. ad defendam plebem electus heißt es dort. Alle sind sich dabei einig, daß Poemenius von den Trierern ausgewählt wurde, um das Volk zu verteidigen. Gemeint ist dabei eine Position, die mit umfassenden Befugnissen im militärischen und administrativen Bereich die wichtigste Rolle in Trier hätte spielen können. Aber ist diese Vorstellung korrekt?

Bereits der Zeitpunkt der Revolte ist umstritten. Piganiol (L'Empire Chretien, Paris 1947) möchte die Revolte früh ansetzen, Kent/Bastien/Gilles glauben, sie müsse spät liegen. Ein Beweis konnte bisher nicht erbracht werden. Gilles bespricht zwar detailliert seine Münzreihen, aber seine Darstellung bleibt auch richtig ohne seine Prämisse von den 'Poemenius-Münzen'. Eine Festlegung der Ereignisse auf wenige Wochen, bedeutet eine Überstrapazierung des Quellenwertes dieser Fundmünzen.

Nun zu Ammian. Was müssen wir unter defendere verstehen? In Arbeiten über Gallien, in denen Poemenius zitiert wird, wird dieser Begriff militärisch, juristisch oder in einem generellen Sinn verstanden, aber niemals näher begründet. Wir gehen dabei davon aus, daß Ammian, der zusammen mit Ursinicus nach der Niederschlagung des Silvanus-Aufstandes nach Trier gekommen war, Einsicht in alle Akten und Untersuchungsberichte hatte, und als ein sehr korrekter und zuverlässiger Zeuge gilt.

Es steht fest, daß die Tore verschlossen wurden bevor Poemenius ernannt wurde. Also hat nicht er die Schließung der Tore veranlaßt, was regelmäßig übersehen wird, aber sehr wichtig ist. Seine Ernennung kommt also erst nach dem Abfall der Trierer von Decentius.

eligere heißt bei Ammian nie Wahl durch viele, hier also die Trierer, sondern es ist der übliche Begriff der Ernennung zu einem Amt durch den Kaiser oder seinen Stellvertreter.

Unter plebs wird bei Ammian gewöhnlich eine Gruppe von Menschen verstanden, die unter irgendeinem Aspekt - religiös, militärisch oder wie hier ethnisch - zusammengehören. Politisch-sozial wird es von ihm nur für die plebs in Rom gebraucht. Es sollte hier am zutreffendsten mit civitas = Einwohner übersetzt werden.

Was man bei defendere am ehesten ausschließen kann, ist seine militärische Bedeutung. Wenn defendere mit dem Akkusativobjekt verbunden ist, sind es in der Regel Dinge, nicht Personen, die verteidigt werden. Deshalb macht es Mühe, dieses Zitat so aufzufassen, daß einem einzigen Menschen die Verteidigung der gesamten Einwohnerschaft übertragen wurde. Für die zweite, die juristische Deutung gibt es bei Ammian genügend Beispiele. Dabei darf aber nicht an das Amt des defensor plebis gedacht werden, weil dieses Amt erst später unter Valentinian I. eingerichtet wurde. Es handelt sich hier also lediglich um die gerichtliche Vertretung der Stadt. Mit Seeck sehen wir mit gutem Grund in Poemenius einen Mann, der keine andere Pflicht hatte, als die Bürger seiner Stadt, die den Caesar Decentius beleidigt hatten, gegen ein Strafgericht desselben als Redner zu verteidigen.

Dazu gibt es Parallelen bei Ammian in einem anderen Fall: Die Verteidigung der Stadt Aquileia, die zu Constantius hielten und ihre Tore gegen Julian geschlossen hatten. Hier kam es zu einem ähnlichen Prozeß, bei dem ein Verteidiger der Stadt bestimmt wurde. Die Formulierungen sind sehr ähnlich. Der Vorwurf war ebenfalls das crimen laesae maiestatis.

Akzeptiert man diese Überlegungen, dann
(1) muß Trier nach der Rebellion wieder in die Hand des Decentius/Magnentius gefallen sein.
(2) Poemenius kann nicht aktiv an der Rebellion beteiligt, geschweige ihr Anführer gewesen sein.
(3) Ob er überhaupt ein Einwohner von Trier war, läßt sich nicht entscheiden.

Diese Argumentsweise ist überwiegend sprachwissenschaftlich, etwas was Kent/Bastien/Gilles und die anderen vernachlässigt haben. Aber auch rein numismatisch sind Kents Schlüsse nicht zwingend. Zwar sind die beiden Münztypen nur in Trier geprägt, selten und außergewöhnlich. Doch erklären kann man das auch als 1. Emission nach der Einnahme der Stadt durch Constantius. Trier mit einer der bedeutendsten Münzstätten hat offensichtlich den Prägebetrieb möglichst schnell wieder aufgenommen, noch bevor die einheitliche Organisation mit gleichartigen Münzentwürfen wiederhergestellt war. Die ungewöhnliche Trierer Münzprägung feiert den Sieger Constantius und erklärt sich aus der Situation der Münzstätte direkt nach dem Ende der Kampfhandlungen. Das hohe Gewicht der Goldmünzen sowie der Billonmünzen läßt sogar an Donative für die siegreiche Truppen denken.

Hinzugefügt habe ich noch ein Bild der Porta Nigra, die heute zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört-

Quellen (zeitlich geordnet):
1) Ammianus Marcellinus, Res Gestae (online)
2) J.P.C.Kent,”The Revolt of Trier Against Magnentius”,Numismatic Chronicle 9
(1959), S. 105-108
3) J.P.C.Kent, RIC VIII, S.136/137, 1981
4) P. Bastien (QT 12/1983), "Decence, Poemenius. Problemes de chronologie,
pp.177-190 (QT = Quaderni Ticinesi) (konnte ich leider nicht einsehen!)
5) K.-J.Gilles, Die Aufstände des Poemenius (353) und des Silvanus (355) und ihre
Auswirkungen auf die Trierer Münzprägung, Trierer Zeitschrift 52, 1989, S.377-
386
6) Mechtild Overbeck/Bernhard Overbeck: Die Revolte des Poemenius zu Trier.
Dichtung und Wahrheit, in P. Barcelo-V.Rosenberger (Hrsg.), Humanitas.
Festschrift für Gunther Gottlieb, München 2001, S.235-246
7) Holt, Walter C. “The Revolt of Poemenius at Trier,” The Celator 18.5 (May 2004),
pp. 23-30,
8 ) CNG
9) Dietmar Kienast, Römische Kaisertabellen

Mit freundlichem Gruß
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constantiusii_trier_332.jpg
Trier_Porta_nigra.jpg
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Beitrag von Peter43 » Mo 09.11.09 21:37

Curtis Clay hat auf den Artikel von Overbeck/Overbeck folgendes geantwortet (Fehler in der Übersetzung bitte ich zu entschuldigen):

Ich finde Seecks Erklärung für die Rolle des Poemenius, der Overbeck/Overbeck folgen, ganz überzeugend: er verteidigte die Einwohner von Trier in einem Prozeß, der unter Decentius stattfand, nachdem Trier die Tore gegen Decentius geschlossen hatte, aber dann durch den Caesar zurückerobert worden war. Ammianus hätte sich ganz anders ausgedrückt, wenn er gemeint hätte, daß Poemenius tatsächlich die Revolte von Trier gegen Decentius selbst angestiftet und geführt hätte.

Overbeck/Overbeck jedoch scheinen dann aber das wichtigste Ergebnis ihrer Untersuchung vergessen zu haben: Es gab einen Aufstand in Trier während der Regierungszeit des Magnentius nachdem Decentius Caesar geworden war, den die Kaiser niederschlugen vor dem Ende ihrer Regierungszeit.

Es scheint für mich immer noch wahrscheinlich, daß die Christogramm-Münzen des Constantius II. während dieser Revolte geprägt worden sind und nicht erst nach der endgültigen Niederlage von Magnentius und Decentius.

Erstens weil die Schatzfunde, die Gilles erwähnt, mit den Christogramm-Münzen des Constantius II. enden, aber ohne irgendwelche Christogramm-Münzen des Magnentius oder Decentius. Allerdings muß der Aufstand stattgefunden haben nach der Einführung des Christogramm-Münzen-Typs durch Magnentius. Es ist plausibel, daß die Aufständischen weiter den Standardtyp des Magnentius und Decentius auch nach ihrem Aufstand für Constantius II. weitergeprägt haben; aber nicht, daß Magnentius und Decentius für ihre eigenen Münzen einen Typ übernommen haben sollen, der von den Aufständischen erfunden worden war!

Zweitens, wegen des hohen Gewichts der Christogramm-Münzen des Constantius II., das sie wohl zwischen die beiden Hauptausgaben des Magnentius/Decentius zu plazieren scheint. Es scheint wahrscheinlich, daß die Aufständischen, als sie ihre Münze einrichteten, ungefähr dem gerade üblichen Gewichtsstandard gefolgt waren. Aber hätte Trier nach der Ausschaltung von Magnentius und Decentius Münzen für Constantius II. geprägt unter Benutzung des alten Rückseitentyps der Usurpatoren und dazu noch den üblichen augenblicklichen Gewichtsstandard erheblich angehoben, wie Overbeck/Overbeck es behaupten?

Gibt es eigentlich keine Sammler, die an diesem aufregenden Kapitel Trierer Geschichte interessiert sind? Ich gestehe, daß ich mich manchmal doch wundere!

Mit freundlichem Gruß
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Homer J. Simpson » Sa 13.03.10 20:18

Das ist eine sehr interessante Diskussion, die zeigt, wie wichtig ein paar Leute sind, die die dicken Bücher lesen, die richtig tief in die Materie einsteigen. Die wissen, bei welchem Schriftsteller "defendere" was bedeutet, daß hier "eligere" weniger wählen als ernennen heißt, wer "plebs" ist etc. Beeindruckend.

Wesentlich kürzer werde ich mich jetzt fassen, Dünnbuchleser, der ich bin. Aber ich habe mal wieder eine schöne Münze mit einem interessanten historischen Bezug erworben, die ich für würdig halte, in diesem Thread zu erscheinen.

As, Hadrian, 122 n.Chr.
Vs. IMP CAESAR TRAIANU - S HADRIANUS AUG
Belorbeerte Büste nach re. mit leichter Drapierung der li. Schulter
Rs. PONT MAX TR POT COS III / S - C, im Abschnitt BRITANNIA
Britannia fast frontal, leicht nach li. gewandt, sitzend, Kopf auf die rechte Hand gestützt; den rechten Fuß stellt sie auf einen Stein, in der Linken hält sie ein langes Zepter oder einen Speer, daneben lehnt an ihrem Sitz (einem Felsen?) ein großer Schild
Durchmesser 25,5 mm, 8,80 g, Stempelachse 6 Uhr
RIC 577b (R²) <aber auf acsearch immerhin drei Exemplare, also nicht extrem selten>

Die Münze ist schwierig zu fotografieren wegen der unruhigen Oberfläche, aber nicht schlecht erhalten. Die Rückseite ist interessant, da sie Britannia in "halber Trauerhaltung" zeigt; mit dem Kopf auf die Hand gestützt, aber bewaffnet und auf einer Sitzgelegenheit, nicht auf dem Boden sitzend. Sie scheint Wache zu halten, was auch gut zum Anlaß der Münze paßt: 122 machte Hadrian eine Inspektionsreise nach Britannien und initiierte dort den Bau des Hadrianswalls, um die römische Provinz Britannien von den Barbarenstämmen im Norden abzugrenzen und vor deren Einfällen zu schützen.

Viele Grüße,

Homer
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hadr-brit-a.JPG
hadr-brit-b.JPG
Wo is'n des Hirn? --- Do, wo's hiig'hört! --- Des glaab' i ned!

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von chinamul » So 14.03.10 12:31

Auch der Nachfolger des Hadrian hat eine Britannia-Münze geprägt. Diese Stücke sind offenbar sehr gesucht.

ANTONINUS PIUS 138 – 161
Æ As Rom 154/155
Av.: ANTONINVS AVG PIVS P P TR P XVIII - Belorbeerter Kopf rechts
Rv.: BRITANNIA COS IIII S C (im Abschnitt) - Britannia nach links auf Fels sitzend; die Rechte zum Gesicht führend, die Linke auf den Fels gelegt; vor ihr am Boden stehend ein ovaler Schild und ein Adlerzepter bzw. eine Standarte
RIC 934; C. 117
9,53 g

Gruß

chinamul
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a.p. ric 934.jpg
Nil tam difficile est, quin quaerendo investigari possit

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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » So 14.03.10 14:57

Britannia ist dargestellt als Trauernde. Ich glaube nicht, daß sie hier für die Römer Wache am Hadrianswall hält.

Mit freundlichem Gruß
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Homer J. Simpson
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Homer J. Simpson » So 14.03.10 16:04

Relativ gesehen ist das As des Antoninus (der ja weiter nördlich den kurzlebigen Antoninuswall bauen ließ) die häufigste Britannia-Münze. Allerdings auch selten so schön erhalten wie Chinamuls Exemplar.
Seine früheren (IMPERATOR II = 143/144) Sesterzen sind deutlich seltener, ich habe leider nur ein schlecht erhaltenes Exemplar. Hier sieht man, daß die Britannia (kenntlich an ihrem Schild mit dem spitzen Stachelbuckel) nicht in Trauerhaltung dasitzt, sondern würdevoll-entspannt ein Tropaeum hält.

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Peter43
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Re: Historisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » So 14.03.10 19:58

Stimmt, hier sitzt sie sehr lässig, fast wie Securitas.

Mit freundlichem Gruß
Omnes vulnerant, ultima necat.

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