Ein paar der interessanten von mir 2025 erstandenen Münzen hab' ich letztes Jahr ja schon in Einzelbeiträgen vorgestellt. Eine ist mir dann aber noch eingefallen, die mich wegen ihres interessanten Gegenstempels angesprochen hat

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Av: Kopf des Helios von vorne, leicht nach rechts gewandt, rechteckiger Gegenstempel mit Chimäre
Rv: Rose mit Knospentrieb nach rechts, im Feld links Kerykeion?, oben Magistratenname AINHT[ΩP]
AR, 15 mm, 2,18 g, ca. 180-160 v. Chr., Referenz ist BMC S. 248, 203 var.
Es handelt sich hier um eine sogenannte
pseudo-rhodische Prägung, die zwar wie aus Rhodos stammend aussieht, es aber gar nicht ist

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Am Ende des dritten und in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. wurden in verschiedenen Städten in Griechenland und Kleinasien Nachahmungen von rhodischen Drachmen hergestellt. Teilweise geschah dies wohl, um militärische Aktionen zu finanzieren (wobei diese Nachprägungen teilweise auf beiden Seiten eines Konflikts erstellt wurden

), teilweise aber auch aus anderen Gründen. Ähnlich wie die Athener Tetradrachmen oder die silbernen Alexandermünzen waren Drachmen aus Rhodos in dieser Zeit weit verbreitet, bekannt und wurden gerne akzeptiert

, so dass sie daher auch imitiert wurden

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In Eva Apostolou, "Les drachmes rhodiennes et pseudo-rhodiennes de la fin du IIIe siècle et du IIe siècle av. J.-C.", Revue Numismatique 150, 1995, S. 7-19, und Alain Bresson, "Drachmes rhodiennes et imitations : une politique économique de Rhodes ?", Revue des Études Anciennes 98, 1996, S. 65-77, wird jeweils ein Überblick über die rhodische Münzprägung im späten dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. und deren Imitationen gegeben:
https://www.persee.fr/doc/numi_0484-894 ... 6_150_2041 ,
https://www.persee.fr/doc/rea_0035-2004 ... _98_1_4645
Apostolou vertritt eher die These, dass die Änderungen in der rhodischen Münzprägung dieser Zeit aus handelspolitischen Interessen, insbesondere internationalen, entstanden sind. Bresson sieht deren Ursachen in militärischen Notwendigkeiten, insbesonder der Bezahlung von Söldnern.
In einer Vielzahl von Artikeln hat sich Richard Ashton mit den pseudo-rhodischen Münzen beschäftigt, die wesentlichen dieser Arbeiten findet man bei Apostolou erwähnt. Insgesamt ist das Thema in meinen Augen aber nach wie vor recht unübersichtlich, es gibt auch keine geschlossene und detaillierte Darstellung davon

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Eine erste Erwähnung des auf der Münze hier auf dem Avers angebrachten
rechteckigen Gegenstempels mit einer Chimäre nach rechts findet sich in E. S. G. Robinson, "Coins from Lycia and Pamphylia", The Journal of Hellenic Studies, Vol. 34, 1914, S. 36-46:
https://archive.org/details/in.ernet.dl ... 5/mode/2up
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Auf Seite 41 wird unter Nummer 33 eine (pseudo-?)rhodische Münze mit dem Magistratennamen Iason und dem Chimärengegenstempel beschrieben. Robinson verortet den Gegenstempel nach Lykien, da es dort als eine der ersten Münzen des lykischen Bundes eine Bronze mit einem Herakleskopf auf dem Avers und einer Chimäre auf dem Revers gibt, siehe z.B. hier:
https://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb417803636 .
Auch die Trägermünze soll aus Lykien stammen, da der Name Iason typisch lykisch sei. Robinson datiert diese Münze kurz nach der Befreiung Lykiens von Rhodos 168 v. Chr. Verwiesen wird auch auf BMC S. 248, Nummer 203, die denselben Chimärengegenstempel (allerdings als Löwe beschrieben

) und ebenfalls den Magistratennamen Iason trägt:
https://www.britishmuseum.org/collectio ... 94-0402-85
In Louis Robert, "Monnaies hellénistiques I. Une monnaie de Rhodes contremarquée", RN 1977, S. 7-47, wird auf Seite 29-34 auf die pseudo-rhodischen Münzen mit dem Chimärengegenstempel detailliert eingegangen:
https://www.persee.fr/doc/numi_0484-894 ... _6_19_1759
Robert datiert die Chimärengegenstempel wie auch die Bronzemünze mit Herakleskopf und Chimäre in die Zeit unter rhodischer Herrschaft zwischen 186 und 166 v. Chr., als es in Lykien mehrere Aufstände gegen Rhodos gegeben hat. Die Aufständischen hätten die Chimäre als ihr lykisches Symbol angesehen und für eine eigene (Über-)Prägung verwendet.
In Richard Ashton, "Pseudo-Rhodian Drachms and the Beginning of the Lycian League Coinage", NC 147, 1987, S. 8-25, geht es hauptsächlich um pseudo-rhodische Drachmen der Magistraten Mousaios und Iason, deren Prägung Ashton in Lykien oder Karien verortet und in die späten 180er- oder 170er-Jahre v. Chr. datiert. In beiden Gruppen gibt es jedoch auch Exemplare mit dem Chimärengegenstempel, dessen Aufbringung Ashton um den Beginn der Prägungen des Lykischen Bunds herum ansetzt.
Aufgegriffen werden die Chimärengegenstempel wieder durch Marie-Christine Marcellesi in "Le «trésor» du temple du Létôon de Xanthos (1975-2002). Les monnaies rhodiennes et la circulation monétaire en Lycie à la basse époque hellénistique", Revue numismatique 163, 2007, S. 45-90:
http://www.persee.fr/web/revues/home/pr ... 6_163_2824
Der vielleicht wichtigste Satz

darin lautet "Des contremarques reprenant le type de la Chimère ont été appliquées sur des imitations rhodiennes, mais celles-ci sont difficiles à dater, et plus encore les contremarques.", also etwa "Gegenstempel mit dem Motiv der Chimäre wurden auf rhodischen Imitationen aufgebracht, doch diese sind schwer zu datieren, und noch schwieriger ist es, die Gegenstempel zu datieren."

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Die Chimäre ist ein feuerspeiendes Mischwesen aus einem Löwen mit einem Ziegenkopf auf dem Rücken und einer Schlange als Schwanz (
https://de.wikipedia.org/wiki/Chim%C3%A4ra). Sie lebte am Ort Chimaira bei Olympos in Lykien, an dem sich noch heute aus dem Boden aufsteigende Gase über dem Boden entzünden (
https://de.wikipedia.org/wiki/Chimaira_(Lykien) ). Erlegt wurde die Chimäre schließlich vom Heros Bellerophon auf seinem geflügelten Pferd Pegasos.
Chimären findet man aber auch auf nicht-lykischen Münzen, spontan fallen mir da solche aus Sikyon und aus Leukas ein.
Auch Darstellungen gibt es andernorts, berühmt ist beispielsweise die Bronzeskulptur aus Arezzo in Italien (
https://de.wikipedia.org/wiki/Chim%C3%A4re_von_Arezzo). Vorletztes Jahr auf Rhodos hab' ich auch selbst eine gesehen

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Gruß
Altamura