Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Peter43
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 29.12.25 22:51

Feronia

Münze:
Römische Republik, Augustus, 43 v. Chr. - 14 n. Chr.
AR – Denar, 3.97g
          geprägt von P. Petronius Turpilianus
          Rom, 19 v. Chr.
Av.: TVRPILIANVS IIIVIR FERON
         drapierte Büste der Feronia n. r., mit Perlenhalsband
und Stephane, die (nach Borghesi) mit gschlossenen
Granatapfelblüten geschmückt ist.
Rv.: CAESAR AVGVSTVS SIGN RECE
        Bärtiger parthischer Krieger n.r. kniend, hält in der
        vorgestreckten re. Hand römisches Feldzeichen, an
        dem ein Vexillum mit einem X hängt, und hält die
        li. Hand ausgestreckt unter dem li. Knie
Ref.: RIC I, 288 (S); BMCRE I, 14; RSC I, 484; SNG France 130;
Hunter I, 4; SRCV I, 1603
selten, fast VZ
Augustus_288.jpg
Zu dieser Münze:
(1) Diese Münze gehört zu einer ganzen Reihe von Münzen, die Augustus prägen ließ, um die Rückgabe der Feldzeichen zu feiern, die Crassus 59 v. Chr. in der vernichtenden Schlacht von Carrhae gegen die Parther verloren hatte. Auf diplomatischem Weg erhielt Augustus sie 20 v.Chr. durch einen Vertrag mit Phraates IV. zurück. Darauf war er sehr stolz, und dieser Tag, der 12. Mai, war bis ins 4. Jh. Staatsfeiertag.
(2) Die Darstellung der Feronia auf dieser Münze verweist auf die sabinische Herkunft der gens Petronia, spielt möglicherweise aber auch auf die Ähnlichkeit ihres Namens mit dem lateinischen Wort „feriundo“ für „prägen“ an. Die Legende auf der Vorderseite hätte dann auch die die zweite Bedeutung: „triumvir [monetalis] für Prägen [von Münzen]“. Solche Wortspiele waren bei den Römern beliebt.

Die verschiedenen Kultorte:
Die Göttin gehört zwar zum römischen Staatskult, jedoch ihre Herkunft und sogar ihre Funktion sind unklar. Ursprünglich scheint Feronia eine Gottheit der Sabiner gewesen zu sein, wurde aber von mehreren Volksstämmen als Gottheit verehrt. Ihr Heiligtum lag zwischen den Siedlungsräumen von Etruskern, Latinern, Sabinern und Faliskern. Verehrt wurde sie also in ganz Mittelitalien außer den oskischen Gebieten und dem eigentlichen Latium.

Bereits Varro hat ihre Herkunft von den Sabinern hergeleitet, dem heute wohl in der Mehrheit wieder zugestimmt wird. Die Antwort auf diese Frage hängt ganz entscheidend von dem Ort ihres Hauptheiligtums ab. Die Zentren waren Trebula Mutuesca im Sabinergebiet, von wo auch die Familie der Petronier stammte, und Capena in Etrurien, was aber auch dicht an der Grenze zum Gebiet der Sabiner liegt. Es gab auch Heiligtümer im sabinischen Amiternum, bei den Vestinern, Umbrern, im volskischen Terracina und im von Etruskern wenig berührten Picenum. Im stark etruskisierten Campanien sind keine Tempel bekannt (Pauly). Damit ist die Herkunft von den Etuskern aus dem Spiel, wie noch Wilhelm Schulze 1904 nach der Untersuchung römischer Eigennamen der Meinung war.

(1) Die berühmteste Kultstätte der Feronia war das bei Trebula Mutuesca im Sabinischen gelegene und von Sabinern wie Latinern hoch geehrte fanum Feroniae, bei dem an den Festtagen der besuchteste Markt von ganz Italien abgehalten wurde. Dort wurden ihr Blumen und Erstlingsfrüchte dargebracht. Neben ihr wurde vor allem Mars verehrt. Auch ist ihr der picus Feronius, wie dem Mars der picus Martius, geweiht, Spechte, die beide für die Vogelschau wichtig sind (Festus). Darauf, daß Feronia in Verbindung zu einer männlichen Gottheit stand, weist die Erwähnung einer flaminica hin, da diese stets den Dienst bei einer weiblichen Gottheit versah, wenn ihr Gemahl dies bei einer männlichen tat.

(2) Diesem Heiligtum der Göttin stand an Ansehen das nicht weit westlich davon bei Capena am Fuß des Soracte in Etrurien gelegene am nächsten. Als man noch den etruskischen Ursprung der Feronia annahm, hielt man es für das bedeutendste. Der Soracte (ital. Monte Soratte) ist ein alleinstehender Berg von 691 Meter Höhe im Tibertal, der bereits aus großer Entfernung sichtbar ist. Er liegt 52 km nördlich von Rom in der Region  Latium und gehört zu den Sabiner Bergen.
(1) Monte_Soratte_visto_da_Civita_Castellana.JPG
Der Soracte gesehen von Civita Castellana (Wikimedia)

Horaz besingt den im Winter schneebedeckten Berg im Carmen an seinen Freund Thaliarchus:
Vides ut alta stet nive candidum Soracte nec iam sustineant onus silvae laborantes geluque flumina constiterint acuto.
(Siehst Du, daß vom Schnee weiß der Soracte aufragt und die ächzenden Wälder die Last schon nicht mehr tragen können und die Flüsse vom scharfen Eis erstarrt sind?Carmina 1, 9)

Dort lag das berühmte Heiligtum des lucus Feroniae (Hain der Feronia), in dem die Göttin schon im 7.Jh., zur Zeit des mythologischen Königs Tullus Hostilius verehrt wurde. Besonders von Sabinern scheint dieses Heiligtum besucht worden zu sein. Jedes Jahr wurde dort ein großes Waldfest gefeiert, und ein Markt abgehalten, der durch seine Lage in der Nähe des schiffbaren Tibers begünstigt war. Im Lauf der Zeit erlangte das Heiligtum von Feronia großen Wohlstand und weitreichende Bedeutung. Im Jahr 211 v. Chr. wurde es von Hannibal auf seinem Rückzug von Rom geplündert und der reiche Tempelschatz geraubt. Zur Zeit Sullas wurde dort die Stadt Feronia gegründet, wo Augustus dann Veteranen ansiedelte und sie Colonia Iulia Felix Lucoferonia nannte. Heute befindet sich dort eine archäologische Ausgrabungsstätte.
(2) Lucus_Feroniae.jpg
Lucus Feroniae

Von den Einzelheiten des Kultes wissen wir nichts. Die Angabe Strabons, daß die Geweihten der Göttin mit bloßen Füßen unverletzt über glühende Kohlen gelaufen seien, ist offenbar eine Verwechslung mit dem benachbarten Kult des gewöhnlich als Apollo Soranus (etruskisch Suri)  bezeichneten Gottes vom Soracte.

(3) Beim volskischen Terracina in der Gegend der pontinischen Sümpfe waren ihr ein Hain, eine Quelle und ein Tempel geweiht. Die Quelle heißt noch jetzt Ferronia. In ihrem Tempel wurde die Freilassung von Sklaven vorgenommen. Diese ließen sich auf einer Steinbank mit der Inschrift “bene meriti servi sedeant, surgant liberi” (= Als verdiente Sklaven sollen sie sich setzen, als Freie sollen sie aufstehen) nieder. Dann wurde ihnen wohl das Haar abgeschnitten und der pilleus (die Freiheitsmütze) aufgesetzt, so daß sie als Freie aufstanden. Diese Art der Freilassung weist auf die Beziehung zu Freigelassenen auch in Rom hin, ohne sie zu erklären, könnte aber darauf deuten, daß der Feronia-Kult nach Rom aus Terracina kam (Pauly). Eine ähnliche Sitte mag auch in dem Heiligtum am Soracte bestanden haben, da hierher die römischen libertinae ihre Geschenke zu bringen pflegten.

Es wird erzählt. daß der Hain einst zufällig in Brand geraten sei. Als man aber die Bildsäulen der Götter daraus habe entfernen wollen, sei er plötzlich wieder grün ge-worden.

So wie Feronia in Trebula Mutuesca zusammen mit Mars verehrte wurde und am Soracte mit Apollo verknüpft war, so war sie in Tarracina mit Juppiter Anxurus verbunden. Servius bezeichnet sie dort sogar als Iuno virgo quae Feronia dicebatur (Jungfrau Juno, die Feronia genannt wurde).

(4) Aus Praeneste stammt die Sage von Erulus (oder Hirulus), dessen Mutter nach Vergil Feronia gewesen sein soll. Aber Praeneste stand unter starkem etruskischen Einfluß, und eine Verehrung der Feronia läßt sich nicht nachweisen. So kann die Erzählung von Erulus, dem seine Mutter ein dreifaches Leben gegeben hatte, und die eigentlich von Varro stammt, auf eine lokale Tradition zurückgehen.

(5) Sonst ist ihr Kult auch nachweisbar im sabellischen Gebiet, zu Aquileia, zu Aveja Vestina, zu Septempeda, sowie zu Tuficum und Pisaurum in Umbrien. In Etrurien lag an der Küste zwischen Luna und Pisa ein fanum Feroniae. Auch auf der Ostküste von Sardinien zwischen der Mündung des Caedris und Olbia fand sich eine Φηρωνία πόλις, wie Ptolemaios berichtet.

(6) In Rom, wohin sie mit den Sabinern gekommen zu sein scheint (Varro), wurde ihr Mitte November auf dem Marsfeld ein Fest gefeiert, Der Feiertag ihres Heiligtums war der 14. November. Er bestand schon im 3. Jh., denn 217 opferten die libertae /diee Freigelassenen) den Erlös einer Geldsammlung; freie Frauen gleichzeitig der Iuno Regina auf dem Aventin (Liv.). Freigelassene standen folglich zu ihr auch hier in näherer Beziehung.

In der Area Sacra di Largo Argentina (bei Romfans als Katzenforum bekannt), in der Tempel aus der Zeit der Republik ausgegraben worden sind, findet sich auch der Tempel der Feronia. Es ist der Tempel C, der dritte und vermutlich der älteste der dort gefundenen 4 Tempel. Er stammt aus dem 4.-3. Jh. v. Chr. Die Bezeichnung C stammt aus der Zeit, als man über die Tempel noch wenig wußte. Leider gibt es außer dem Fundament, den Stufen und einem kleinen Mauerfragment nicht viel zu sehen.
(3) Largo_di_Torre_Argentina_Temple_C_2.jpg
Tempel der Feronia in Rom

(7) Seltsam mutet an, daß Dionysios von Spartanern erzählt, die vor Lykurgos geflohen waren und in der Gegend von Tarracina gelandet seien. Sie hätten den Namen der Göttin von άπο τής πελαγία φορήσεως (lat. a vectione pelagia, = von den über das Meer Getragenen) abgeleitet und ihn Ihr beigelegt, eine typische ätiologische Volksetymologie. Griechisch sei derselbe auch durch Ανθοφόρος (Blütenträgerin), Φιλοστέφανος (Kranzliebhaberin) oder Φερσεφόνη (Persephone) übersetzt worden, so daß sie in ihr wohl eine Frühlings- und Erdgöttin gesehen haben.

Funktion:
Die Funktion der Feronia zu bestimmen ist nicht leicht, weil sie an so vielen verschiedenen Orten und von verschiedenen Volksstämmen verehrt wurde und dort von anderen lokalen Gottheiten überlagert worden ist. Man muß also versuchen, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Ihren Namen hat sie wohl von fero (= bringen), vom Bringen der Erntegaben. Mannhardt führt Feronia auf far zurück, der ältesten Getreideart Italiens. Etymologisch ist dies zwar nicht haltbar, kommt aber wohl dem Wesen dieser Gottheit am nächsten. Wie die Ceres scheint sie eine Getreidegöttin gewesen zu sein und wie ihr werden auch der Feronia die Erstlingsfrüchte gebracht. Aus dem Tausch und dem Verkauf des neuen Getreides hat sich dann der Markt an ihrem Festtag entwickelt. Ihr Festtag in Rom Mitte November wäre dann die Feier zur Einleitung der Aussaat des Getreides gewesen. Die Feier am Soracte deutet Mannhardt als symbolische Darstellung des Rettens des Getreides durch die Hitze des Hochsommers hindurch bis zur neuen Aussaat..

Mit diesen Getreidefesten ließe sich auch ihre Beziehung zur Freilassung von Sklaven erklären. An Erntefesten genossen die Sklaven von altersher viele Frei-heiten und wurden geradezu als frei betrachtet, wie es z. B. an den Saturnalien üblich war. Servius hat sie direkt als eine Göttin der Freiheit bezeichnet.

Ausgrabungen bei Capena brachten Terrakottafiguren von Rindern und Nachbildungen von Körperteilen zutage. Das spricht dafür, daß sie hier auch als Hüterin der Gesundheit und Schutzgöttin nicht nur der Getreideernte, sondern auch der Viehzucht gesehen wurde.

In Aquileia, das im Gegensatz zu allen anderen Feronia-Heiligtümern nicht in Mittelitalien liegt, scheint sie als Quellgottheit verehrt worden zu sein, wobei man vermutet, daß dabei die .Verwechslung von lacus (See) mit lucus (Hain) zugrunde liegt. Aber auch in Rom scheint sie als Quellgöttin aufgefaßt worden zu sein, ähnlich der Iuturna, die von denjenigen Handwerkern verehrt wurde, die mit dem Wasserbau befaßt waren. Dazu würde natürlich ihre Verehrung in Hainen und den dort oft vorkommenden Quellen gut passen und würde auch die Bezeichnung als nympha Campaniae erklären, wie Servius sie genannt hat.

Kunstgeschichte:
In der Kunst ist Feronia nur auf Münzen der sabinischen Familie Petronia, die vielleicht aus Trebula Mutuesca stammte, nachweisbar

Anmerkung:
Nach praenestinischer Sage war Erulus (oder Herilus), der König von Praeneste, der Sohn der Feronia. Als Evander (griech. Euandros), der Sohn des Königs Echemos aus Tegea und der Timandra (oder des Mercur und der Nymphe Carmenta) wegen des Mordes an seinem Vater die Heimat verlassen mußte, führte er eine Kolonie von Arcadiern von Pallantium nach Latium. Es kam zum Krieg mit Erulus und Evander mußte den Erulus 3x töten, bis er ihn besiegt hatte, weil Feronia ihm drei Leben gegeben hatte. Dann baute er am Tiber eine Stadt, die er nach seiner Vaterstadt Palatium nannte. Dort wurde später Rom gegündet und im Mons Palatinus findet sich noch ein Anklang des alten Namens (Vergil, Aeneis)

Quellen:
(1) Dionysios von Halikarnassos, Geschichte Roms
(2) Livius, ab urbe condita
(3) Horaz, Carmina; Satiren
(4) Strabo, Geographika
(5) Plinius, Naturalis Historia
(6) Tacitus, Historien
(7) Vergil, Aeneis
(8) Varro, Antiquitates Rerum Divinarum
(9) Servius ad Vergil
(10) Festus, Zur Bedeutung der Wörter

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Joseph Hilarius Eckhel, Doctrina Numorum Veterum
(3) Bartolomeo Borghesi, Oeuvres completes
(4) Ludwig Preller, Römische Mythologie
(5) Wilhelm Mannhardt, Wald- und Feldkulte
(6) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(7) Wilhelm Schulze, Zur Geschichte römischer Eigennamen, 1904
(8) Der Kleine Pauly

Online-Quellen:
(1) Wikipedia, Lucus Feroniae
(2) RE. Feronia 2

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 05.01.26 21:18

Fides

Münze #1:
Elagabal, 218-222
AR - Antoninian, 5.07g, 22.46mm, 0°
       Rom, undatiert
Av.: IMP CAES ANTONINVS AVG
       Büste,  drapiert,  mit Strahlenkrone,  n. r.
Rv.:  FIDE-S EXERCITVS
       Fides, reich drapiert, thront n. l., hält mit der Linken ein Feldzeichen,
das hinter ihr steht, und in der vorgestreckten Rechten einen Vogel
(Adler?); vor ihr ein weiteres Feldzeichen.
Ref.: RIC IV/2, 67; BMC 128; C. 28
elagabal_67.jpg
Jede Sicherheit und Stetigkeit im privaten und öffentlichen Leben beruht auf Zuverlässigkeit und Vertrauen. Dafür stand die römische fides(Vertrauen, Treue, Glauben), auf die die Römer besonders stolz waren. Als Personifikation der Treue und des Eides, die ihnen besonders heilig war, gehörte sie zu den frühesten Personifikationen abstrakter Begriffe der Römer. Da ihre Eigenschaften die Vorbedingungen jeder menschlichen Gesellschaft sind, wurde sie zu den ältesten Göttern gezählt. Sie wurde cana genannt (Vergil), von canus, a) weiß, grau; b) alt, ehrwürdig, und galt sogar für älter als  Juppiter  (Silius Italicus)

So ist es verständlich, daß sie eine der frühesten Gottheiten war, denen in Rom ein Tempel errichtet wurde. Aber daß es bereits Aeneas war, oder nach Agathokles Rhoma, eine mythische Enkelin des Aeneas, die ihr einen Tempel auf dem Palatin erbaut haben, ist wohl mehr als zweifelhaft. Numa Pompilius, der fromme zweite König von Rom, selbst ein Sabiner, der viele religiöse Bräuche in Rom einführte, soll zu ihren Ehren jährliche Festspiele begründet haben. Varro hält sie deshalb für eine Gottheit sabinischen Ursprungs.

Der Kult der Fides:
Es gibt verschiedene Schilderungen davon, wie der Kult ausgesehen hat. Übereinstimmend fand sich folgendes:

Alljährlich fuhren die drei flamines maiores in einem besonders überdachten, gewölbten Wagen, der von zwei weißen Pferden gezogen wurde, zum Tempel der Fides. Dort sollten sie mit bedecktem Haupt die Gottesdienste leiten. Beim Opfer war ihre rechte Hand in ein weißes Tuch gehüllt (Livius), wie auch die rechte Hand der Fides selbst in eine weiße Binde gewickelt war (albo  velata  panno,  Horaz). Fides galt nach allgemeiner Anschauung als ganz besonders heilig und unverletzlich. Sie wurde virgo (Jungfrau), casta (keusch) und sancta  (heilig)  genannt. Bei ihrem Gottesdienst durfte kein Opfertier geschlachtet oder überhaupt Blut vergossen  werden.

Für die in weiße Binden gewickelte Hände gibt es verschiedene  Erklärungen:
Livius schreibt, daß Treue und Glauben festzuhalten sind und Treue rein und unbefleckt bleiben muß. Die weißen Hände sind ein Sinnbild für die absolute Hingabe zu Fides und Vertrauen.
Albrecht Dieterich (1866-1908) ist der Meinung, daß sie das Heilige vor Befleckung schützen sollen. Dann fragt sich aber, warum das nur bei Fides sein soll. Oder geht es dabei nur  um  die  Schwurhand?

Ihre Priester trugen weiße Kleidung und zeigten damit die Reinheit dieser Tugend oder die Verbindung der Fides zu den höchsten Göttern des Himmels, Juppiter und Dius Fidius. Wissowa war sogar der Meinung, Fides sei aus dem Kult des Dius Fidius (= Iuppiter) hervorgegangen.

Der Tempel der Fides:
Man muß also annehmen, daß ihr Kult älter ist als ihr Tempel, denn historisch war es erst der Konsul Aulus Atilius Caiatinus, der ihr 254 v. Chr. den Tempel baute und einweihte, der auf dem Kapitol nahe dem Juppitertempel stand und dessen Stiftungstag der 1. Oktober war (Cicero). Er ist mehrmals eingestürzt und 115 v. Chr. hat ihn M. Aemilius Scaurus restauriert und erneut eingeweiht.

Hier fanden häufig Senatssitzungen statt und hier unterzeichnete und verwahrte der römische Senat Verträge mit anderen Staaten und vertraute sie damit dem Schutz der Fides an. An seinen Wänden waren völkerrechtliche Verträge und Militärdiplome untergebracht. Sie wurde auch unter dem Namen Fides Publica Populi Romaniverehrt, was etwa „allgemeine Vertrauenswürdigkeit des römischen Volkes“ heißt. Sie spielte eine große Rolle im internationalen Verkehr und ihr vertrauten sich die Unterworfenen an, so daß auch auswärtige Völker die römische Fides besonders verehrten.

Nach Varro leitete sich der Name der Fetialen von Fides ab. Die Fetialen waren ein Priesterkollegium im antiken Rom, das vor allem in früher Zeit für die völkerrechtlichen Beziehungen Roms nach Außen (ius fetiale) und ihre zeremonialen Begleitungen zuständig war. Es war zu Beginn auch für völkerrechtliche Richterfragen zuständig und bestand aus 20 Priestern, einer Priesterschaft, die der Überlieferung nach von Numa Pompilius, Tullius Hostilius, oder Ancus Marcus eingesetzt worden war. Ihre ursprüngliche Aufgabe war wohl, ungerechte Kriege gegen Bundesgenossen zu verhindern. Später gingen ihre Aufgaben an den Senat über. Dies waren die geschichtlichen Anfänge unseres Völkerrechts, daß also einen religiösen Ursprung hatte und heute wieder mit den Füßen getreten wird und zum Recht des Stärkeren zu verkommen droht.

Der berühmte Grundsatz “pacta sunt servanda (Verträge müssen eingehalten werden)” stammt allerdings nicht aus dem römischen Recht, sondern entwickelte sich erst im Mittelalter. Und dieser Satz wird eingeschränkt durch die Bedingung "rebus sic stantibus (wenn die Umstände gleich geblieben sind)".

Abbildungen:
Abgebildet wurde Fides überwiegend auf Münzen. Ihr erstes Bild findet sich auf einem Denar des A. Licinius Nerva, der zwischen 48 v.  Chr. und 44 v.  Chr. Münzmeister war.

Münze #2 (Wildwinds):
Römische Republik, A. Licinius Nerva, gens Licinia
AR - Denar, 3.79g
        Rom, 47 v.Chr.
Av.: Kopf der Fides, mit Halskette und Ohrring, belorbeert, n. r.
       davor FIDES, dahinter NERVA
Rv.: Reiter n. r. galoppierend, nackten Gefangenen mit Schild und Schwert am Haar
hinter sich herziehend
       darunter  [A.]LICINIVS
Ref.: Crawford 454/1; Licinia 24a; Sear CRI, 30
licinia24a.jpg
In der Kaiserzeit trtt Fides öfter auf. Spezialisiert wurde sie als Fides Legionum, Fides militum, Fides exercitum u.  ä. Abgebildet wurde sie oft zwischen zwei Standarten stehend und jede mit einer Hand anfassend. Dies ist nicht nur ein Bild für die Treue der Soldaten zu ihrem Kaiser, sondern auch ein Zeichen für die Eintracht der Soldaten untereinander.

Münze #3:
Macrinus, 217-218
AR - Antoninian, 4.93g, 21mm, 0°
       Rom
Av.: IMP C M OPEL SEV MACRINVS AVG
      drapierte Büste, bärtig, mit Strahlenkrone, n, r.
Rv.: FIDES MILITVM
      Fides, drapiert, belorbeert, n. r. stehend, an jeder Seite 2 Feldzeichen, hält mit jeder
Hand das innere von ihnen
Ref.: RIC IV/2, 69(f); C. 27; BMC 13
selten
macrinus_69_2.jpg
Sonst wird sie auch durch zwei ineinandergeschlungene Hände dargestellt, die Liebe und Vertrauen andeuten sollen, manchmal mit Getreideähren dazwischen oder einem aufgerichtetem Caduceus, das den Nutzen anzeigen soll, der durch  Treue und Glauben entsteht.

In der späteren Zeit nehmen die Bilder der Fides in demselben Maße an Häufigkeit zu, wie die Tugend selbst seltener wurde (Wissowa). Ihr griechisches Äquivalent ist Pistis (Πίστις).

Anmerkung:
Tiberius Catius Asconius Silius Italicus (um 25 n. Chr. - um 100 n. Chr.) war ein römischer Politiker und Dichter. Er verfaßte die "Punica", ein Epos in 17 Büchern. Sein Werk ist eines der bedeutendsten Werke der nachklassischen Lateinischen Literatur. Ihm wurde lange vorgeworfen, ein Epigone Vergils und Ovids zu sein. Erst jetzt wird sein Werk in der Forschung gewürdigt (Wikipedia).

Quellen:
(1) Livius, ab urbe condita
(2) Cicero, de natura deorum
(3) Dionysius von Halicarnassus
(4) Vergil, Aeneis
(5) Servius ad Aen.
(6) Horaz, Oden
(7) Plutarch, Numa Pompilius
(8) Varro, Antiquitates rerum humanarum et divinarum

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Der Kleine Pauly
(4) Albrecht Dieterich, Studien zur Religionsgeschichte des späteren Altertums
(5) RE: Dius Fidius

Liebe Grüße
Jochen
Zuletzt geändert von Peter43 am Mo 12.01.26 22:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 12.01.26 21:41

Exkurs: Dius Fidius

Der römische Gott Dius Fidius war mir bisher unbekannt. Kennengelernt habe ich ihn erst durch meine Arbeit am Artikel über Fides.

Wesen des Dius Fidius:
In der antiken römischen Religion war Dius Fidius (oder Semo Sancus) ein Gott der Eide, der Einhaltung von Verträgen und der göttlichen Garantie gegen ihren Bruch. Damit steht er in enger Verbindung zu Juppiter. Sein  Name ist wohl mit Fides verwandt.

Wissowa stellte die Hypothese auf, daß Dius Fidius das Genie des Juppiter sei. In der Religion der italischen Völker gab es eine unbeschränkte Zahl von niederen Gottheiten, die als Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen tätig waren. Der bedeutendste von ihnen sei der Genius Iovis gewesen. Und da Iuppiter als oberster Himmelsgott auch ein Gott des Rechts und der Treue war, so war es auch sein Genius, und dieser wurde in Rom Dius Fidius genannt. Die Griechen nannten diese römische Gottheit entsprechend Ζευς Πίστιος.

Fowler aber wies daraufhin daß in den Iguvinischen Tafeln nicht von einem Genius Iovis (Genius des Juppiter) die Rede ist, sondern von einem Genius Iovius (juppiterähnlichem Genius). Die Vorstellung, daß eine Gottheit einen eigenen Genius habe, sei auch erst in der Kaiserzeit belegt, wo sie für die Kaiser üblich war.

Der Gott war zeitweise sicherlich nicht nur ein Aspekt des Juppiters, sondern eine eigenständige Entität, die in Rom eine Zeit lang als Semo Sancus Dius Fidius bekannt war. Wissowa argumentiert, daß Juppiter und Dius Fidius sich die Verantwortung für die Wahrung der Treue teilten. Die wichtigsten Eide wurden bei Juppiter, dem Gott der Fides Publica Populi Romani als Iuppiter Lapis, geschworen. Dius Fidius schützte die Treue in privaten Angelegenheiten, was aus der Schwurformel me Dius Fidius hervorging.

Dies kann später wirklich so gewesen sein. Aber in der Frühzeit war Dius Fidius nicht auf private Treue beschränkt. Angelegenheiten von öffentlichem Interesse, wie der erste internationale Vertrag Roms unter Tarquinius Superbus mit Gabii, wurden in seinem Heiligtum aufbewahrt und seiner Jurisdiktion unterstellt (Dionysios).

Das Heiligtum des Sancus war ohne Dach, da es als unpassend und wirkungslos galt, Eide nicht unter freiem Himmel zu schwören. Dies war auch eine Erinnerung an das nahe Verhältnis zum Himmelsgott. Auch der Kapitolinische Tempel besaß eine Dachöffnung. Wer zu Hause schwören wollte, mußte dazu in das Compluvium seines Hauses treten (Varro). Der Romanist O. Sacchi stützt auf diese Rituale seine Ansicht, daß der Eid von Dius Fidius älter war als der für Juppiter Lapis oder Juppiter Feretrius und seinen Ursprung in prähistorischen Ritualen hatte, als sich der Tempel im Freien befand und durch natürliche Wahrzeichen wie die höchsten Bäume in der Nähe definiert wurde.

Etymologie und Herkunft:
Seine Herkunft ist nicht gesichert. Der Kult des Dius Fidius soll von den Sabinern nach Rom eingeführt worden sein und sein Hauptheiligtum auf dem Quirinal, gegenüber dem Tempel des Quirinus, soll Titius Tatius, der König der Sabiner, der zusammen mit Romulus Rom regiert hat, gestiftet haben. Dort habe auch ein Standbild der Gaia Caecilia oder der Tanaquil gestanden, mit einer Spindel und Sandalen. Dieser Tempel hat auch noch in der Kaiserzeit bestanden. Der Festtag war der 5. Juni (Ovid). An diesem Tag habe Sp. Postumius Regillensis 466 v. Chr. dieses Heiligtum geweiht (Dionysios). Ein zweites Heiligtum gab es noch auf der Tiberinsel. Die alten Grammatiker, aber auch noch Ovid und Cato hielten ihn für den sabinischen Gott Sancus oder den Heros Semus Sancus, dem er durch die Verschmelzung der Namen als Semo Sancus Dius Fidius verbunden wurde.

Die Autonomie von Semo Sancus von Juppiter und die Tatsache, daß Dius Fidius ein alternatives Theonym (Göttername) ist, das Semo Sancus (und nicht Juppiter) bezeichnet, wird auch durch den Namen des entsprechenden umbrischen Gottes Fisus Sancius gezeigt, der die beiden Bestandteile von Sancus und Dius Fidius verbindet: Im Umbrischen und Sabinischen ist Fisus das genaue Korrespondent von Fidius, wie z. B. sabinisch  Clausus  von  lateinisch  Claudius.

Theodor Mommsen, William Warde Fowler und Georges Dumézil lehnten diese sabinische Tradition ab, teilweise aus linguistischen Gründen, da der Theonym lateinisch ist und es in der Nähe von Rom keine Erwähnung oder Belege für einen sabinischen Semo gibt, während die Semones im Carmen Arvale lateinisch belegt sind. Ihrer Ansicht nach war Sancus eine Gottheit, die von allen alten italischen Völkern, ob osko-umbrisch oder lateinisch-faliskisch, verehrt wurde.

Der Kult dieses Gottes war auch nicht auf Rom beschränkt. Auf den Iguvinischen Tafeln findet sich ein Fise Sansie (= Fidius Sancus), und in Velitrae ist ein Tempel und ein sacellum bei Marino bezeugt.

Varro gibt an, daß sein Lehrer Aelius Stilo diesen Gott Diovis filium nannte, Er identifizierte ihn im Sabinischen als Sancus und im Griechischen als Herkules, den Sohn des Juppiter. Aber im Sabinischen waren die Buchstaben d und l austauschbar, so daß es auch Diovis fidium geheißen haben kann. Anderseits hat Hercules archaische Eigenschaften bewahrt, so daß es Analogien mit Juppiter gibt.

Das Fidei Simulacrum
Eine wichtige Rolle bei der Diskussion über Dius Fidius hat immer das sog. Fidei Simulacrum gespielt. Deshalb will ich es hier anführen. 1984 hat Karl August Wirth die Berichte darüber einer grundlegenden Untersuchung unterzogen.

Es handelt sich dabei um ein Grabrelief aus dem 1.Jh. v. Chr., das sich heute in der Galleria Lapidarium der Vatikanischen Museen befindet. Bekannt wurde es seit dem 15. Jh. und häufig beschrieben.
08-0831-1.jpg
Das Relief zeigt in einer flachen geschlossenen Nische drei Halbfiguren, die eines bartlosen Mannes li. und einer Matrone re.; beiden wenden sich einander zu und reichen sich die rechten Hände; oberhalb dieser „dextrarium iunctio“ ist ein Knabe wiedergegeben. Diese Darstellung ist typisch für das Grabrelief für Freigelassene in der ausgehenden republikanischen und augusteischen Zeit. Die eigentliche Grabinschrift ist nicht mehr vorhanden. Durch Beischriften wird der Mann als Honos, die Frau als Veritas, der Knabe als Amor und die ganze Gruppe als Fidei Simulacrum bezeichnet.

Jahrhundertelang wurden diese Inschriften für antik gehalten. Aber das hat sich jetzt als Irrtum herausgestellt. Und seitdem stellt sich erneut die Frage nach der Datierung dieser Inschriften.

Statt dem tatsächlichen F. Sim. steht auf der Abbildung 1521 bei Maz(z)ochius „FIDII SIMV-LACRVM“. Dieses Versehen hatte zur Folge, daß man, der „Literaturkenntnis“ vertrauend, diese Abbildung für die Darstellung des römischen Schwurgottes Dius Fidius Semo Sancus hielt und das Bildwerk als ein Zeugnis antiken Götterkultes würdigte. So kam es, daß dies als Wiedergabe des Schwurgottes eingeschätzte Bildwerk meist nur noch als Argument diente, mittels dessen Mythographen ihre eigenen Ansichten in der Diskussion bekräftigten. Wirth spricht von „Papier-Archäologie“!

Anmerkungen:
(1)  Die Iguvinischen Tafeln sind sieben Bronzetafeln, die in Iguvium (heute Gubbio) in Italien 1444 entdeckt worden sind. Sie sind in Umbrisch geschrieben und die ältesten stammen aus dem 3. Jh. v. Chr. Ihr Inhalt besteht aus religiosen Inschriften, die uns Kenntnisse über die religiösen Praktiken des vorrömischen Mittelitaliens  vermittteln.
(2)  Die Semonen waren in der römischen Mythologie Halbgötter, die nicht zu den Menschen, aber auch nicht zu den himmlischen Göttern zählten. Die bekanntesten waren Priapos, Pan und Vertumnus. Ihre Bedeutung war bereits den Alten nicht ganz klar (Preller).
(3)  Tanaquil, aus Tarquinia in Etrurien, war die Frau des Tarquinius Priscus. Hochgebildet und in der Deutung von Vorzeichen bewandert, verschaffte sie ihm den Thron in Rom und nach dessen Ermordung ihrem Schwiegersohn Tullius Priscus. Sie gilt als Vorbild weiblicher  Tugend  (Pauly).
(4)  Gaia Caecilia war eine römische Göttin des Feuers, des Herdes und der Frauen. Da es auch der lateinische Name der etruskischen Tanaquil war, wurden beide miteinander  verknüpft.
(5)  Das Compluvium (von lat. cum = mit und pluvia = Regen) war eine rechteckige Öffnung in der Mitte des Atriums eines römischen Hauses. Es diente zur Belichtung und zum Einlassen des Regenwassers, das in eine Vertiefung, das Impluvium, floß, und von dort aus in eine Zisterne, wo es gesammelt wurde.

Quellen:
(1) Sextus PompeiusFestus, De verborum significatu
(s) Ovid, Fasti
(3) Dionysios von Halikarnassos, Römische Frühgeschichte
(4) Livius, Ab urbe condita
(5) Varro, De gente populi Romani
(6) Lactanz, Institutiones Divinae
(7) Cicero, De natura deorum; Briefe an einen Freund
(8) Macrobius, Saturnalia

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Ludwig Preller, Römische Mythologie
(4) William Smith, Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology
(5) William Warde Fowler, The Roman Festival, 1899
(6) Karl-August Wirth, Fidei Simulacrum, in RDK III, 1984

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikisource
(3) RE: Dius Fidius

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 15.01.26 15:31

Pistis

In meiner eigenen Sammlung habe ich leider keine Münze für Pistis. Deshalb muß ich auf die folgende von Wildwinds  zurückgreifen.

Münze (Wildwinds):
Bruttium, Lokroi Epizephyrioi, ca. 282-280 v. Chr., Zeit des Königs Pyrrhos
AR – Stater, 7.14g
Av.: Belorbeerter Kopf des Zeus n. l.
        darunter Monogramm  E
Rv.: im li. und re. Feld PΩMA – ΠIΣTIΣ
        darunter ΛOKPΩN
       Roma auf einem Kürass(?) n. r. sitzend, hält in der li. Hand Parazonium lehnt
mit der Rechten auf einem Schild an ihrer Seite und wir von Pistis gekrönt,
die vor ihr steht.
Ref.:SNG ANS 531; SNG Lloyd 645; Rutter HN 2347; Jameson 449; de Nanteuil 232
(diese Münze)
Pedigree:
ex Dr. Busso Peus, Auction 409, Lot 22, April 2013
SNGANS_531.jpg
Zu dieser Münze:
Bei der Darstellung auf diesem Stater handelt es sich wohl um die älteste Darstellung der Roma auf einer Münze.

Mythologie:
In der griechischen Mythologie war Pistis die Personifikation von Treue, Vertrauen und Zuverlässigkeit. Sie wird bereits bei Hesiod erwähnt und bei Theognis wurde sie μεγάλη Θεός (Große Göttin) genannt. In den Orphischen Hymnen wurde sie neben Δίκη (Göttin der Gerechtigkeit) angerufen. In Athen gab es ein Heiligtum für sie, so daß sie kultisch verehrt worden sein muß. Ihr römisches Äquivalent war die Fides. Aber der Pistis fehlte immer die staatstragende Bedeutung der römischen Fides.

Bei den gefundenen Statuen läßt sich nie genau entscheiden, ob es sich um Pistis oder doch eher um die römische Fides handelt. Die Abbildung auf dieser Münze der epizephyrischen Lokrer, wo Pistis die Roma bekränzt, ist ein typisches Beispiel: Sicherlich handelt es sich hier um eine Darstellung der römischen Fides. Das geht schon aus dem historischen Hintergrund hervor, vor dem diese Münze geprägt worden ist. Nach ihrem Sieg über Pyrrhos integrierten die Römer auch Bruttium und Lokris in ihr Herrschaftsgebiet. Die Lokrer hatten allen Grund, auf die Treue der Römer zu vertrauen. Zugute kam ihnen, daß Pistis auch Fachausdruck für die von den Behörden garantierte Sicherheit von Personen war, die Asyl erhalten hatten.

Pistis in der Rhetorik:
Natürlich beschäftigten sich die griechischen Philosophen mit dem Begriff der Pistis. Durch ihre Diskussionen entwickelte sich eine enge Verbindung zwischen Pistis, Glaube und Überzeugung. Verstärkt wurde dieses Verständnis von Pistis dadurch, daß sie als rhetorische Technik aufgefaßt wurde und so etwas wie "Beweis" bedeuten konnte. Damit war sie das Element, das durch Enthymeme zu enem wahren Urteil führte und somit eine Aussage "bewies". Am nachhaltigsten hatte sich Aristoteles mit diesem Begriff auseinandergesetzt. In seiner “Rhetorik”, die auch heute noch als grundlegend gilt, ist sie das wichtigste Überzeugungsmittel. Hier bedeutet Pistis die Methode, durch die beim Zuhörer Glaubwürdigkeit erreicht wird (z. B. durch das Argument oder die Person des Redners). Pistis wurde als überzeugende Rede verstanden, die sich auf „Affekt und Wirkung statt auf die Darstellung der Wahrheit“ konzentrierte

Platons Liniengleichnis:
Plato allerdings hatte ihr einen anderen ontologischen Platz zugewiesen. Bei ihm stand der νοῦς, die Vernunft, an der Spitze der seienden Dinge. In der Politeia beschreibt Plato die verschiedenen Arten der Erkenntnis und ordnet sie in einer Hierarchie von der unsichersten Vermutung bis zur sichersten Vernunfterkenntnis. Dazu verwendet er eine Linie, an der er die unterschiedlichen Stufen aufträgt. Je höher man kommt, desto mehr nimmt die Gewßheit zu, bis sich ganz oben die höchsten Ideen finden.
Liniengleichnis_1.jpg
Liniengleichnis (Quelle: Digiseminar)

Und in diesem System hat die Pistis ihre alte Bedeutung verloren. Platon ordnet sie dem Bereich der bloßen Meinung (griech. doxa) zu, wo sie die auf der sinnlichen Wahrnehmung beruhenden Erkenntnisform bezeichnet. Da nach Plato die sinnliche Erfahrung (Empirie) kein sicheres Wissen liefert, steht Pistis im Gegensatz zu der durch die Vernunft ermöglichten Wahrheitserkenntnis. Das erinnert stark an unser “Glauben ist nicht wissen”.

Pistis im Christentum:
Die größte Rolle aber spielt Pistis dann im Christentum. Im Neuen Testament wird Pistis üblicherweise mit „Glaube“ übersetzt. Unter diesem christlichen Begriff wird eine positive Überzeugung verstanden, die voraussetzt, daß der Zuhörer mit dem Inhalt vertraut ist und ihm uneingeschränkt zustimmen kann. Aus Glaube wird „der Glaube“, der einzige, der Gültigkeit besitzt, und in dem man stark sein muß. Man erkennt, daß sich diese Vorstellung aus dem aristotelischen Begriff entwickelt hat.

Pistis ist eines der häufigsten Wörter des NT, denn der Glaube ist ja die Grundlage der christlichen Religion, die deshalb auch mit Christlicher Glaube bezeichnet wird. Die wohl berühmtesten Worte von Paulus sind „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen (1. Korinther 13, 13). Man könnte sie als Kurzfassung des christlichen Glaubens bezeichnen.

Diese Formel findet sich noch einmal in einem Brief des Neuplatonikers Porphyrios (um 233-305/308) in einem Brief an seine Frau Marcella. Dort schreibt er von „Glaube, Wahrheit, Liebe, Hoffnung“, was die Worte des Paulus nachahmt. Er war ein scharfer Gegner des Christentums, der damit gegen die paulinische Auffassung polemisieren wollte. Er versuchte die Lehren Platons mit denen des Aristoteles zu verbinden und hatte starken Einfluß auf die Kirchenväter und besonders den lateinischen Westen (Wikipedia).
.
Aber auch im NT hat Pistis unterschiedliche Bedeutungen. Einerseits ist sie die absolute Hingabe und der absolute Gehorsam gegenüber Christus. Im Galaterbrief aber meint Pistis die Glaubwürdigkeit und Treue zu einer anderen Person. Da ist sie die Tugend der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit, mit der man sich auf einen anderen verlassen kann (Barclay).

Quellen:
(1) Hesiod, Theogenie
(2) Theognis, Fragmente
(3) Orphische Hymnen
(4) Platon, Politeia
(5)  Aristoteles,  Rhetorik
(6) Neues Testament (NT)
(7) Porphyrios, An Marcella

Literatur:
(1) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon  der griechischen und römischen Mythologie
(2) Der Kleine Pauly
(3) John M. G. Barclay, Paulus und die Gabe, 2017

Online-Quellen:
(1) Wikipedia

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Di 20.01.26 22:08

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » Mi 21.01.26 10:28

Peter43 hat geschrieben:
Do 15.01.26 15:31
Pistis
Das ist jetzt mal ein interessantes Thema :D , von Pistis hatte ich noch nie gehört. Leider hast Du die Münze dabei etwas vernachlässigt :? .
Peter43 hat geschrieben:
Do 15.01.26 15:31
... Roma auf einem Waffenhaufen n. r. sitzend ...
Einen Waffenhaufen seh' ich da keinen, den finde ich auch in keiner Beschreibung :| .
Peter43 hat geschrieben:
Do 15.01.26 15:31
... de Nanteuil 323 ...
... ex Dr. Busso Peus, Auction 49, Lot 22, Mai 2009 ...
Es ist de Nanteuil 232, auch wenn Peus das anders sieht: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bd6t5 ... k/f99.item , https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bd6t5 ... 4/f43.item
die Peus-Auktion ist die Nummer 409 vom 25.04.2013 (aber die Losnummer stimmt :D ): https://www.acsearch.info/search.html?id=1558101
Peter43 hat geschrieben:
Do 15.01.26 15:31
... Bruttium, Lokroi Epizephyrioi, ca. 275-270 v. Chr., Zeit des Königs Pyrrhos ...
Die Datierung sieht man heute wohl auch eher bei 282-280 v. Chr., siehe beispielsweise Daniele Castrizio und Andrea Filocamo, "Agatocle e l’archivio locrese di Zeus Olimpio – Un approccio numismatico", Revue Belge de Numismatique CLX, 2014, S. 217-278, ab Seite 225: https://www.academia.edu/35797049/Agato ... umismatico

Gruß

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mi 21.01.26 13:22

Die Beschreibung habe ich von Wildwinds übernommen, die von Peus stammen soll. Vielleicht sind es ja 2 verschiedene Auktionen?´Unter Roma erkennt man einen Cuirass. Damit sind z.B. alle Beschreibungen, die von einem Thron sprechen hinfällig.

Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » Mi 21.01.26 15:03

Peter43 hat geschrieben:
Mi 21.01.26 13:22
... Die Beschreibung habe ich von Wildwinds übernommen, die von Peus stammen soll. ...
Tja, das kann passieren, wenn man von jemandem abschreibt, der das auch nur abgeschrieben hat 8) .
Peter43 hat geschrieben:
Mi 21.01.26 13:22
... Unter Roma erkennt man einen Cuirass. ...
Ich glaube, Du meinst die senkrechten Strukturen dicht über dem Boden unterhalb der Knie und Waden der Roma, richtig?
Das sollen in meinen Augen aber wohl eher die Falten des Untergewands sein. Unter dem Oberschenkel der Roma sieht man dann diese geschwungene Seitenwand des Throns (keine Ahnung, ob es dafür einen Fachbegriff gibt :| ).

Eine analoge Darstellungsweise gibt es aber z.B. auf Tetradrachmen aus Pergamon: https://www.acsearch.info/search.html?id=15610246 , https://ikmk.smb.museum/object?lang=de& ... 57&view=rs , https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b ... k=665239;2
Da sitzt die Dame dann doch sehr eindeutig auf einem Thron :D . Ein Kürass ganz vorne neben den Waden wäre auch eine ziemlich unbequeme Sitzgelegenheit :? .
Peter43 hat geschrieben:
Mi 21.01.26 13:22
... Damit sind z.B. alle Beschreibungen, die von einem Thron sprechen hinfällig. ...
Ich glaube eher, dass Deine Theorie hier hinfällig ist :D .

Interessant an diesem Münztyp ist aber noch etwas anderes, das ich jetzt erst beim Herumsuchen gefunden habe. Es handelt sich hier um eine der ersten, wenn nicht die erste sicher identifizierbare Darstellung der Roma auf Münzen, siehe beispielsweise hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Roma_(per ... conography . Da waren also nicht die Römer selbst auf eigenen Münzen die Ersten 8O .

Gruß

Altamura

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mi 21.01.26 17:18

Herzlichen Dank für die ausführlichen Recherchen. Da habe ich ja erstmal viel zum Nachlesen.

Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Lucius Aelius » Do 22.01.26 08:39

Altamura2 hat geschrieben:
Mi 21.01.26 15:03

Peter43 hat geschrieben:
Mi 21.01.26 13:22
... Damit sind z.B. alle Beschreibungen, die von einem Thron sprechen hinfällig. ...
Ich glaube eher, dass Deine Theorie hier hinfällig ist :D .
Das denke ich auch.

Ganz sicher ein Thron, vgl. die geschwungene Form bspw. bei einem Commodus-Sesterzen, die exakt der Linienführung wie bei der Münze von Peter43 entspricht:

Original
commodus.jpg



mit Schild wie bei Peter43
commodus2.jpg
Gruss
Lucius Aelius

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 22.01.26 09:51

Obwohl ich bei acsearch.info bei Heritage "pile of arms" gefunden habe und bei CNG "cuirass", habe ich mich überzeugen lassen.

Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 30.01.26 11:20

Virtus

Münze #1:
Gordianus III. Pius, 238-244
AR - Antoninian, 4.84g, 22mm, 180°
        Rom, 1. Emission, Ende Juli 238 - Ende Juli 239
Av.: IMP CAES M ANT GORDIANVS AVG
      Büste, bartlos, drapiert und cürassiert, mit Strahlenkrone, n. r.
Rv.: VIRTVS - AVG
      Virtus, behelmt, in kurzer Tunika mit bloßer re. Brust, frontal stehend, n. l. blickend
stützt sich mit der erhobenen li. Hand auf Speer und hält in der re. Hand großen
Schild der auf dem Boden steht
Ref.: RIC IV/3, 6; C. 381
gordianIII_6.jpg
Zu dieser Münze:
Dies ist die gewöhnliche, amazonenhafte Darstellung der Virtus. Es gibt sie aber auch matronenhaft auf einem Thron sitzend, was ihre Ehrwürdigkeit unterstreichen soll.

Etymologie:
Virtus, von lat. vir (Mann): 1) Mannhaftigkeit, Tüchtigkeit (griech. andreia); 2) Kraft, Stärke; 3) Tapferkeit, Mut; 4) Tüchtigkeit, Tugend (griech. arete); 5) personifiziert: Göttin der Tugend. Trotz der männlichen Endung auf -us und ihrer Abstammung von vir ist sie weiblichen Geschlechts, wie es auch bei senectus (= Greisenalter, von senex, Greis) und iuventus (= Jugendalter, von iuvenis, Jüngling) der Fall ist. Bei diesem sprachlichen Phänomen stimmen genus und sexus nicht überein. Bereits Ovid machte sich in seiner Ars amatoria darüber lustig, daß Virtus, obwohl sie den Wortstamm vir = Mann im Namen hat, grammmatisch Femininum ist und als Frau dargestellt wird. Insbesondere diejenigen verstehen das nicht, die im Deutschen das generische Masculinum abschaffen wollen. Aber genauso gibt es im Deutschen auch ein generisches Femininum, z. B. bei Tieren wie "die Katze", "die Kröte", "die Schlange" oder "die Taube", bei dem auch immer das männliche Tier mitgemeint ist.

Das sollte man auch bei den Abbildungen auf Münzen bedenken. Um zu zeigen, daß es sich um die weibliche Virtus handelt, ist eine ihrer Brüste entblößt, was auf stark abgenutzten Münzen manchmal nur schlecht zu sehen ist. Da weibliche Gottheiten auf Münzen in der Regel nie ganz nackt dargestellt werden, ist eine nackte Figur immer Mars. Auf die Umschrift auf der Münze kann man sich nicht verlassen. Sie heißt oft „Virtus“, aber auf der Münze kann auch Mars dargestellt sein.

In der Reihe der römischen Personifikationen ist die Virtus eine der ältesten und bedeutsamsten. Sie steht damit in einer Reihe mit Pietas, Concordia und Fides. Verbunden war sie eng mit Honos, dem Gott der Ehre. Beide haben einen militärischen Charakter. So wie Honos mit Juppiter verbunden ist, so Virtus mit Victoria und Mars. Die Verbindung beider Gottheiten besteht darin, daß man über die Virtus zum Honos gelangt,  über die Tapferkeit zur Ehre.

Durch diese enge Verbindung überschneidet sich auch die  Geschichte ihres Kultes.

Die erste Kultstätte der Virtus verdankt ihre Entstehung einem Gelübde, das M. Claudius Marcellus (nach Poseidonius „das Schwert Roms“) im Römisch-gallischen Krieg in der Schlacht bei Clastidium 222 v. Chr. leistete und im 2. Punischen Krieg nach der Eroberung von Syrakus 212 v.Chr., wobei Archimedes erschlagen wurde, erneuerte. Marcellus hatte geplant, den Honostempel des Fabius zu erneuern und durch die Hinzufügung der Virtus zu erweitern.

Aber die Pontifices traten ihm mit der Begründung in den Weg, daß man, wenn in diesem Tempel ein Wunder geschehe, man nicht mehr entscheiden könne, welcher Gottheit das Dankopfer gebracht werden müsse (Valerius Maximus).

So entschloß er sich, der Virtus ein eigenes Heiligtum neben den Honostempel zu stellen, das 205 von seinem Sohn geweiht wurde (Livius). Dieser Tempel war so gebaut, daß, wer in den Tempel des Honos gehen wollte, erst durch den Tempel der Virtus gehen mußte (Symmachus). Finanziert wurde der Tempel mit der Beute aus der Eroberung von Syrakus.

Ein weiterer Tempel für Honos und Virtus wurde von Scipio Aemilianus nach dessen Eroberung Numantias im Jahr 133 v. Chr. vor der Porta Collina erbaut (Plutarch).

Als diese Tempel sehr baufällig waren, ließ Vespasian sie erneuern. Cornelius Pinas malte den einen aus uud Actius Priscus den anderen (Plinius), wobei Priscus den alten Vorstellungen näher kam.

Ein dritter Tempel wurde von Gaius Marius mit der Beute aus dem Sieg über die Kimbern errichtet. Er stand am Ort des späteren Titusbogens. Er soll etwas niedriger gewesen sein, damit ihn nicht die Auguren wieder abbrechen lassen würden (Vitruv). Aber er war mit einem Peripteros besonders schön, ein Werk des Quintus Mucius, und muß ziemlich geräumig gewesen sein; denn dort fand die entscheidende Sitzung des Senats über die Rückberufung Ciceros aus der Verbannung statt (Cicero).

Nach Cassius Dio hatte Augustus Interesse am Virtuskult und reorganisierte ihre Verehrung. Der Tempel der Virtus und des Honos war der Ausgangpunkt der jährlich am 15. Juli stattfindenden Parade der Ritter (transvectio equitum)

In der Kaiserzeit verlor der Kult der dea Virtus allmählich an Bedeutung. Aber im 4. Jh. sind noch Spiele zu Ehren des Honos und der Virtus belegt.

Darstellungen:
Wir hatten schon erwähnt, daß die typische Darstellung der Virtus der Amazonentyp war, im Chiton, eine Brust freilassend und in Jagdstiefeln. Bis zum Ausgang des Altertums erschien sie sehr oft auf Münzen, wobei die Abbildungen oft weniger die Göttin zeigten als andere Darstellungen, wie den Kaiser zu Fuß von Victoria bekränzt oder zu Pferde auf der Löwenjagd oder auf die Feinde losstürmend, Mars mit Waffen oder Tropaeum, Hercules mit Keule, Roma oder Soldaten mit Tropaeum.

Diskutiert werden Darstellungen von Triumphzügen, bei denen der Kaiser von Virtus begleitet wird. Ein typisches Beispiel dafür ist die folgende Münze aus Nikopolis ad Istrum:

Münze #2:
Moesia inferior, Nikopolis ad Istrum, Macrinus, 217-218
AE 27, 13.14g, 27.36mm, 0°
geprägt unter dem Statthalter Marcus Claudius Agrippa
Av.: AV K OΠΠEΛ CE - VH MAKRINOC
       Büste, belorbeert, n r.
Rv.: VΠ - AΓ - PI - (ΠΠ)A
       im Abschnitt übereinander NIKOPOLITΩN / ΠPOC IC
      Kaiser mit erhobener re. Hand und Zepter im li. Arm, steht in Quadriga n. r., hinter
ihm steht Nike, die ihn bekränzt; Quadriga wird von der behelmten Virtus geführt,
die ein Feldzeichen mit Banner über der li. Schulter trägt und nach li. zurückblickt;
dahinter Tragegestell (ferculum) mit einem Tropaion mit je einem sitzenden
Gefangenen auf jeder Seite, das von Soldaten getragen wird, deren Köpfe man hinter
den Pferden sieht.
Ref.: a) AMNG I/1, 1713 (2 Ex., Mandl, Philippopolis)
       b) Varbanov 3407 (Nike falsch beschrieben als Diadumenian)
       c)  Hristova/Hoeft/Jekov  (2013)  No.8.23.34.3
nikopolis_23_macrinus_HrHJ(2013)8.23.34.03_#2.jpg
Bereits Wissowa hatte gefordert, daß die Frage, ob es Virtus oder ein einfacher Soldat sei, der die Quadriga führt, dringend einer erneuerten Untrsuchung auf breitester Basis bedürfe. Meiner Vorstellung widerspricht es, wenn eine Triumphalquadriga, auf der der Kaiser von Nike gekrönt wird, von einem einfachen Soldaten geführt werden soll!

Digression (Abschweifung):
Virtuell“ (möglich, gedacht) stammt ebenfalls von lat. virtus ab. Ich habe mich gefragt, wie es dann dazu kommen konnte, daß es von Tüchtigkeit zum Gegensatz zu real wird. Entlehnt wurde es im 19. Jh. vom gleichbedeutenden französischen virtuel, das auf das mittellat. virtualis zurückgeht. Dies war eine gelehrte scholastische Bildung zum lat. „virtus“ mit der Bedeutung „als Kraft vorhanden, aber dann ohne Wirksamkeit" (DWDS). So kam es zum Gegensatz zu real.

Quellen:
(1) Ovid, Ars amatoria
(2) Dio Cassius, Römisxhe Geschichte
(3) Titus Livius, ab urbe condita
(4) Plinius, Historia naturae
(5) Plutarch, Parallelbiographien
(6) Vitruv, Baukunst
(7) Cicero, de natura deorum
(8) Ciceroo, Pro Sestio
(9) Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Der Kleine Pauly
(4) Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL)
(5) Der Kleine Stowasser, Lateinisch-Deutsches Schulwörterbuch

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)

Liebe Grüße
Jochen
Zuletzt geändert von Peter43 am Sa 31.01.26 21:26, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Fr 30.01.26 11:21

Exkurs:  Die  griechische  Arete

Im Griechischen gibt es zwei Begriffe, die für die römische virtus stehen: (1) andreia (ἀνδρεια), = Mannhaftigkeit, Tapferkeit, Mut (von ἀνήρ = Mann), und (2) arete (ἀρετή), = Tüchtigkeit, Tugend. Hier wollen wir uns mit der Arete beschäftigen, weil sie der umfassendere Begriff ist, wie es auch bei der virtus der Fall ist.

Arete (griech. ἀρετή), war die Personifikation der in kriegerischem und ethischen Sinn verstandenen Tugend, der Tüchtigkeit, und darin verwandt der Idee der Athene. Etymologisch stammt sie ab von ἀρέσκω = „taugen“.

Ihr Bild soll sich auf dem Schild des Achilles befunden haben, doch das ist fingiert. In der Ilias jedenfalls kommt sie bei der Beschreibung des Schildes (18. Gesang, 478-608) nicht vor.

Von Asklepiades von Samos (um 300 v. Chr.) gibt es ein Epigramm, erhalten in der Anthologia Palatina, in dem Arete am Grab des Telamoniers Aias sitzt und darum trauert, daß bei dem Streit des Aias mit Odysseus um die Waffen des Achilleus die Apate, die Göttin des Betrugs, über sie gesiegt hatte.

In der Suda, die früher einem mythischen Dichter Sui-das zugeschrieben worden war, findet sich die rein allegorische Genealogie, daß Zeus Soter mit seiner Schwester Praxidike einen Sohn Ktesios und die Töchter Homonoia und Arete gezeugt hat, die nach ihrer Mutter Praxidikai genannt wurden.

In einer verlorenen Schrift des Sophisten Prodikos von Keos (470/460 - nach 399 v. Chr.) findet sich die bekannte Allegorie von Herakles am Scheideweg. Überliefert wurde sie uns von Xenophon in seinenMemorabilien:

Als der junge Herakles noch nicht wußte, welchen Lebensweg er wählen solle, erschienen ihm zwei Frauen. Die eine schlicht gekleidet und bescheiden zu Boden blickend, die andere herausgeputzt in kostbarer Kleidung. Diese sprach Herakles an und versprach ihm, daß er auf keine Freude verzichten müsste und von Schmerz verschont bliebe, wenn er ihr folgte. Sie werde Glückseligkeit (Εὐδαιμονία) genannt. Daraufhin erklärte die andere, die Verkörperung der Tugend (Aρετή), die Götter ließen den Menschen nichts ohne Mühe und Fleiß zukommen. Aber ihr Lohn seien Ehre und Bewunderung. Nach längerem Wortstreit der Frauen, entschied sich Herakles für den Weg der Tugend.

Diese Allegorie erscheint schon auf etruskischen Spiegeln, wobei aber die etruskische Menrva (Minerva) an die Stelle der Arete getreten ist. Später wurden beide Frauen als Athena und Aphrodite aufgefaßt.

Der Mythos von Herakles am Scheideweg diente als Inspiration für zahlreiche Gemälde, insbesondere der Renaiassance, des Barocks und des Klassizismus'. Es gibt Gemälde von Annibale Caracci, Sebastiano Ricci und Andrea Appiani.
Tischbein_Hercules am Scheideweg.jpg
Ausgesucht habe ich das Gemälde "Herakles am Scheideweg", 1779, von Johann Heinrich Tischbein (1722-1789), heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Ich weiß nicht, von wem die Beschreibung bei Wikipedia ist. Aber nach meinem Verständnis ist sie falsch. Wikipedia hält die linke, kaum bekleidete Figur für die Tugend und die rechte, behelmt und in Rüstung, für die Lasterhaftigkeit. Aber es ist die rechte Figur, die der Athena gleicht und auf den schwierigen Weg nach oben weist, während die linke dem Herakles ohne Verdienst den Ehrenkranz reicht und unter ihr die Eroten spielen, was auf Müßiggang und Laster hinweist.

Aber zu einer wirklichen Persönlichkeit hat es die Arete trotz dieser gelegentlichen Personifizierung nicht gebracht, im Gegensatz zur Virtus. In der griechischen Geistesgeschichte allerdings spielte die Arete eine wichtige Rolle, wobei sie im Laufe der Zeiten entscheidende Bedeutungsverschiebungen erfuhr:

(1)  In der Ethik des homerischen Adels (bis ca. 700 v. Chr.) bezeichnete ἀρετή die Tauglichkeit eines Helden für die Anforderungen und typischen Tätigkeiten seines Standes, wie Sportwettkämpfe, der kriegerische Zweikampf oder die Jagd. Selbst schönes und stattliches Aussehen gehörte dazu. Wer gewaltige Waffentaten (ἀρεταί) vollbrachte, konnte sogar unsterblichen  Ruhm  erwerben.

(2)  In der Archaischen Zeit (700-500 v. Chr.) war im Krieg nicht mehr der adelige Einzelkämpfer entscheidend, sondern das war jetzt die geschlossene Reihe der Hopliten. Die gestiegene militärische Bedeutung des einfachen Mannes brachte ihm auch mehr politische Rechte. Nicht mehr die Tapferkeit des Einzelnen, sondern das, was den Bürger tauglich für die Polis machte, war nun die Arete. Und dazu gehörte jetzt auch die Klugheit in der Staatsverwaltung (σοφία), die Rücksichtnahme auf die Mitbürger (σοφροσύνη) und vor allem Gerechtigkeit gegen die Mitbürger (δικαιοσύνη). Doch auch diese Bürgertugenden waren immer noch stark von der Religion und dem geheiligten νόμος bestimmt und wurden von den Göttern vorgeschrieben. Zum göttlichen Symbol für ein wohlgeordnetes Gemeinwesen wird bei Solon (ca. 640-um 560 v. Chr.) die Eunomie, die gerechte gesetzliche Ordnung.

(3)  Als die Demokratisierung fortschritt, stiegen die Anforderungen an den Bürger der Polis. Es reichte nicht mehr aus, kompetent zu sein, sondern er mußte seine Mitbürger in der Versammlung von seiner richtigen Meinung überzeugen, er mußte auch in der Rhetorik geübt sein. Vom 5. Jh. an begannen sog. Sophisten als “Lehrer der Weisheit” gegen Geld Rhetorik zu lehren. Dabei kam es ihnen oft nicht auf die Wahrheit an, sondern nur darauf, den Gegner im Rededuell zu besiegen. Sie begannen die geheiligten Gesetze (νόμοι) und den Götterglauben insgesamt in Frage zu stellen, und behaupteten, es gäbe keine strafenden Götter. Die wahre Tugend sei, sich so viele Vorteile wie möglich zu verschaffen. Dadurch verloren die bürgerlichen Tugenden ihr Fundament und der Polis drohte das soziale Chaos.

(4)  Mit Sokrates bekam der Begriff ἀρετή dann seine eigentliche, ethische Dimension. Erst wenn der Einzelne Einsicht gewonnen hatte über das Gute und die Tugenden und dann nicht mehr aus äußerem Zwang handelte, sondern aus dieser Einsicht heraus, besaß er ἀρετή.

Auf dem nächsten Photo ist die Arete als persönliche Eigenschaft  dargestellt.
Arete Celsus Ephesos.JPG
Arete, Celsus-Bibliothek, Ephesos (eigenes  Bild, 2011)

Im Untergeschoß der Celsusbibliothek in Ephesos sind in Wandnischen vier Frauenstatuen aufgestellt. Nach den Inschriften auf den Sockeln verkörpern sie die Haupttugenden des Celsus. Es sind die Sophia (Weisheit), die Ennoia (Einsicht), die Episteme (Bildung) und die Arete (Tüchtigkeit), hier als Arete Kelsou, die persönliche Arete des Celsus, eine der wichtigsten Charaktereigenschaften eines römischen Bürgers.

Julius Celsus, der Namensgeber, war Suffektconsul in Ephesos und die berühmte Bibliothek wurde zwischen 117 und 126 n. Chr. von seiner Familie als öffentliche Bibliothek und als Denkmal und Mauseoleum für Julius  Celsus gebaut

Für die Arete wurde eine weibliche Statue aus hellenistischer Zeit wiederverwendet. Der extra eingesetzte Kopf wurde aus einem antoninischen Porträt adaptiert. Die Darstellungsweise ist luxuriös mit einem feinen Gewand und einem Schlangenarmband, wie es eine Ehrenstatue auszeichnet.

Quellen:
(1) Homer, Ilias
(2) Xenophon, Memorabilien
(3) Plato
(4) Suda
(5) Die Vorsokratiker

Literatur:
(1) Heinrich Wilhelm Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(2) Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) RE: Arete

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 07.02.26 12:21

Lykurgos, der mythische Gesetzgeber Spartas

Den Griechen war immer bewußt, daß die Spartaner etwas besonderes waren. So waren sie z. B. das einzige griechische Volk, das von 2 Köigen regiert wurde. Deshalb wird es Zeit, sich einmal mit den Spartaner zu beschäftigen. Gelegenheit dazu gibt mir die folgende Münze, die Lykurgos abbildet, den mythischen  Gesetzgeber Spartas.

Münze:
Peloponnesos, Lakonia, Sparta, 146-132 v. Chr.
AE 22, 6.07g, 21.85mm, 225°
Av.: Kopf des Lykurgos n. r., bärtig, mit Taenia
Rv.: Λ-A / Φ-I,
Keule mit Kerykeion, alles in einem Kranz
Ref.: BCD Peloponnesos 908.1
Laconia_BCD908_1.jpg
Zu dieser Münze:
Diese Münze wurde geprägt, nachdem Rom 146 v. Chr. den Achaiischen Bund besiegt hatte und Griechenland unter römische Oberherrschaft gekommen war. Sparta, als Verbündeter Roms, besaß eine gewisse Autonomie. Münzen aus Sparta sind generell nicht häufig.

Lykurg oder Lykurgos (altgriechisch) Λυκοῦργος, Lykourgos) gilt nach antiken Vorstellungen als Gesetzgeber oder Verfassungsstifter von Sparta, dem grundlegende juristische, soziale und politische Einrichtungen Spartas zugeschrieben werden (sog. Lykurgische Reformen). Schon in der antiken Überlieferung gibt es widersprüchliche Darstellungen zu Lykurg. Antike Quellen stellten die Historizität Lykurgs nicht infrage Nach heutigem Forschungsstand ist er wahrscheinlich keine historische, sondern eine mythische Person.

Lebenslauf:
Eine Beschreibung des Lebenslaufs des Lykurgos finden wir in den Parallelbiographien des Plutarch. Dort behandelt er ihn zusammen mit Numa Pompilius, dem mythischen zweiten König von Rom. Diese Wahl ist gut getroffen, weil beide ihrem jungen Staat grundlegende Gesetze gegeben haben. Allerdings beginnt Plutarch seine Darstellung mit dem warnenden Hinweis, daß man über Lykurg nichts sagen kann, was nicht umstritten wäre. Über alles liegen die verschiedensten Darstellungen vor und am wenigsten Übereinstimmung herrscht über die Zeit, in der er gelebt hat. So hat Plutarch in seiner Biographie die wahrscheinlichsten und allgemein akzeptierten Auffassungen ausgewählt. Wie weit diese auseinandergehen, sieht man daran, daß bei Herodot im 5. Jh. Lykurg noch nicht klar mit der Verfassung Spartas verknüpft war und bei Timaios gab es sogar die Ansicht, es habe zwei verschiedene Männer namens Lykurgos gegeben.

Abbildungen von Lykurg sind nicht bekannt. Im Museo Pio-Clementino der Vatikanischen Museen steht eine Statue unter dem Namen “sogenannter Lykurgus oder Lysias” aus der Zeit um 150 n. Chr. Das ist die römische Kopie eines unbekannten griechischen Originals, hat aber mit Lykurg selbst tatsächlich nichts zu tun.

In der Antike wurde Lykurgos in die Zeit zwischen dem 11. Jh. (so z. B. Xenophon) und dem 8. Jh. v. Chr. versetzt. Heute nimmt man an, daß seine Reformen in die Zeit zwischen 885 und 775 v.Chr. fallen. Er stammte aus dem königlichen Geschlecht der Eurypontiden und war Vormund des minderjährigen Königs Charilaos, seines Neffen. Er selbst war nie König.

Lykurgos wurde in eine wilde, gesetzlose Zeit geboren. Sein Vater und sein Bruder wurden ermordet. Seine Schwägerin habe ihm vorgeschlagen, das Kind zu töten und selbst König zu werden. Das aber habe er abgelehnt. Daß er als Sohn eines spartanischen Königs auf seine eigenen Ansprüchen auf die Krone verzichtete und sich für seinen jungen Neffen aufopferte, wurde von seinen Landsleuten hoch bewundert und führte dazu, daß sie unumschränktes Zutrauen zu ihm faßten und sich allen seinen Einrichtungen bedingungslos unterwarfen. Trotzdem wurde er fortwährend verleumdet und bedroht, so daß er sich schließlich entschloß, Sparta zu verlassen.

Er verließ sein Vaterland und reiste nach Ionien, Ägypten und Kreta (so auch Strabo), um die dortigen Verfassungen zu studieren. Daß er auch Libyen, Iberien und sogar Indien besucht haben soll, wie einige meinen, hält Plutarch allerdings für unwahrscheinlich. Während seiner Abwesenheit sei Lykurg in Sparta sehr vermißt worden. Nach seiner Rückkehr habe er sofort mit der Einrichtung einer neuen politischen Ordnung begonnen.

Lebensende:
Um seiner Verfassung dauernde Geltung zu verschaffen, gab er vor, den Rat des Orakels in Delphi einholen zu müssen. Vorher aber habe er eine Volksversammlung einberufen mitsamt König, Geronten und allen anderen Beamten und allen den Eid abgenommen, die Verfassung bis zu seiner Rückkehr nicht ändern zu wollen. In Delphi befragte er das Orakel und dies antwortete ihm, daß seine Gesetze ausgezeichnet seien und sein Volk berühmt und glücklich machen würden. Um seine Landsleute nicht von ihrem Eid zu lösen, habe er daraufhin, anstatt nach Sparta zurückzukehren, sein Leben durch Nahrungsverweigerung beendet. So wollte er die Spartaner zwingen, seine Gesetze für immer einzuhalten. Er soll sogar befohlen haben, seine Asche ins Meer zu streuen, damit seine sterblichen Überreste nicht nach Sparta gebracht werden konnten und die Spartaner glauben möchten, sie seien nicht mehr an ihren Eid gebunden.

Es gibt auch die Version, daß Lykurgs Leichnam von seinen Gastfreunden auf Kreta verbrannt und die Asche im Meer verstreut worden sei. Nach anderen sei er in Kirrha, Elis oder in der Umgebung von Pergamon gestorben. Ebenfalls nicht historisch ist, daß Lykurg einen Sohn Antioros gehabt habe, der kinderlos gestorben sei.

Beratungen mit dem Orakel in Delphi:
So wie Numa Pompilius sich von der Nymphe Egeria beraten ließ, so stand Lykurgos bei der Ausarbeitung seiner neuen Gesetze im engen Austausch mit der Pythia in Delphi und bestellte sie auch zur authentischen Auslegerin seiner Gesetze.

Das folgende Bild zeigt das Gemälde „Lykurg befragt die Pythia“, 1835/45, von Eugene Delacroix (1798-1863), heute im Museum of Art der Universität von Michigan.
(1) EugeneDelacroix-LycurgusConsultingthePythia-.jpg

Die Reformen des Lykurgos:
Den von der Pythia erhaltenen Rat hat Lykurg dazu genutzt, die spartanische Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Der Staat der Spartaner war zu dieser Zeit sehr zerrüttet und stand vor dem Abgrund des Verderbens. Die verschiedenen Parteien waren erbittert zrstritten: die beiden Königsfamilien der Agiaden und der Eurypontiden, die eingewanderten Dorer und die alten achäischen Einwohner. Dazu kamen große äußere und innere Gefahren, wie der Messenische Krieg, die drohende Vormachtstellung Athens und die Folgen des Gesetzes der Erbteilung.

Lykurgos gelang es, eine Aussöhnung zu vermitteln und ein Vertragsverhältnis herzustellen, das für alle Seiten vorteilhaft war.

Dazu mußte er aber tief in die Struktur des Staates und in das alte Sozialwesen eingreifen und quasi einen ganz neuen Staat schaffen. Er veränderte alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von der Erziehung bis zur Ehe, um die Schaffung eines Militärstaates mit furchtlosen Kriegern zu fördern. Lykurgs Intervention sei von König Charilaos zunächst als Staatsstreich aufgefaßt worden. Er habe sich dann jedoch überzeugen lassen, Lykurgs Pläne zu unterstützen.

Es handelte sich dabei nicht nur um den Umbau staatlichen Strukturen, sondern um tiefe Eingriffe in das persönliche Leben jedes einzelnen Bürgers. Um die gesellschaftlichen Streitereien, durch die die Existenz des Staates bedroht war, zu beenden, ging es dabei um die Abschaffung von unterschiedlichen Interessen und die Vereinheitlichung der bürgerlichen Ziele. Dazu diente ihm die Erziehung aller Bürger zu Kriegern. Träge Weichlichkeit, der Hang zu sinnlichen Vergnügungen und übermäßiger, die Sitten verderbender Luxus sollte aus dem Herzen jedes Spartaners verbannt werden. So verbot er den Gebrauch des aus Gold oder Silber geprägten Geldes, das jetzt nur noch aus Eisen bestand.

Verpflichtend wurden dagegen Arbeitsamkeit, Unerschütterlichkeit in der Bekämpfung von Gefahren und Eifer für die Förderung des gemeinen Wohls. Er traf im Allgemeinen solche Anordnungen, durch die der Körper gestärkt und zum Ertragen jeglicher Beschwerde fähig gemacht wurde.

Die wichtigsten Reformen, die den Streit zwischen Volk und Königtum beenden sollten, waren die Einführung des Doppelkönigtums aus je einem Vertreter der beiden Königshäuser der Agiaden und der Eurypontiden, der Rat der Alten (Gerusia) und die Volksversammlung, eigentlich einer Heeresversammlung (Apella), da jeder Bürger ein Krieger war. Dazu gehörten eine rigorose Bodenreform und insbesondere eine neue Lebensordnung und Jugenderziehung (Agoge) sowohl für männliche als auch weibliche Jugendliche. Die Männer mußten bis zum 30. Lebensjahr Militärdienst leisten, so daß eine Eheschließung und Kinderzeugung vorher nicht möglich war. Die Erziehung der Kinder wurde vom Staat übernommen. Berühmt und berüchtigt waren die Männermahlgemeinschaften (Syssitia) mit der berühmten spartanischen „Schwarzen Suppe (μέλας ζωμός)“, einer Blutsuppe (αἱματία, haimatia), vor der die anderen Griechen sich ekelten, die aber der körperlichen Stärkung dienen sollte. In manchen Gegenden Deutschlands als "Schwarzsauer" bekannt.

Die Einführung der Ephoren, der 5 Aufsichtsbeamten, die die Einhaltung der Gesetze überwachten und die in Sparta eine bedeutende Macht besaßen, fand aber erst 130 Jahre nach Lykurg statt und gehörte damit nicht zu seinen Reformen.

Einige Grundsätze, die nach Plutarch von der Pythia stammten, waren in den kleinen Rhetren (Gesetzen) zusammengefaßt. Er zählt vier Rhetren auf. Über einige würden wir uns heute wundern:
(1) Man soll keine geschriebenen Gesetze gebrauchen.
(2) Beim Hausbau soll man keine anderen Werkzeuge als Säge und Beil benutzen.
(3) Mam darf nicht immer dieselben Feinde bekriegen.
(4) Die 4. Rhetra ist textlich sehr verdorben und steht stark in der Diskussiom. Sie ist eine Anweisung des Gottes an den Staatsgründer und befiehlt „nach der Gründung eines gemeinsamen Heiligtums für Zeus und Athene, nach der Einrichtung von Phylen (Stämmen) und Oben (Dorfbezirken), sowie nach Einsetzung eines Rates von dreißig Mitgliedern einschließlich der Könige, von Vollmond zu Vollmond eine Volksversammlung abzuhalten“. Am Schluß scheint zu stehen „dem Volke aber soll die ausschlaggebende Gewalt zustehen‘. Dann aber ist der darauf folgende Satz, „wenn aber das Volk den schiefen Weg wählt, so sollen Gerusie und Könige vom Beschluß zurücktreten‘, ein späterer Zusatz, der der Gerusie dieselbe Befugnis wie dem Volke verleiht.

Ein Hinweis auf die Zeit, in der die Rhetren entstanden sind, liefert die 1. Rhetra. Sie paßt am besten in die Zeit, in der man eifrig den Vorzug der ungeschriebenen Gesetze vor den geschriebenen diskutierte. Das führt in den Beginn des 4. Jh., in dem auch der Gegensatz der beiden führenden griechischen Staaten hervortrat. In dieser Zeit tauchten die Rhetren zuerst in der Überlieferung auf. Jedenfalls ist der Glaube an die Echtheit und das Alter der Rhetren durch alle diese Ausführungen stark erschüttert.

Das folgende Bild zeigt das Gemälde “Lycurgus gibt den Spartanern die Gesetze” von Jacopo Palma (1480-1528) oder Bonifazio de' Piti (1478-1553) = Bonifazio Veronese
(2) Lycurgus_Giving_Law_to_the_People,_Jacopo_Palma_or_Bonifazio_de'_Pitati.jpg

Sparta aber wurde mit den Reformen des Lykurgos zu einem mächtigen Stadtstaat mit strengen Gesetzen und großen Kriegern, wobei König Leonidas, der sich bei den Thermopylen opferte, das leuchtendste Beispiel war. Sparta wurde dafür bewundert, aber auch gefürchtet.

Kultureller Höhepunkt:
Zu dieser Zeit war Sparta aber nicht nur der bekannte Militärstaat, sondern auch das kulturelle Zentrum Griechenlands. So war es ein Zentrum der Poesie. Am berühmtesten waren der Elegiendichter Tyrtaios und der Chorlyriker Alkman, beide um 700 v. Chr.

Tyrtaios wirkte zur Zeit des 2. Messenischen Krieges und seine Kampflieder hatten zum Ziel, das Heer zu Höchstleistungen zu bringen. Sein Marschlied der Hopliten (Embaterion) wurde zum Klang der Doppelflöten beim Vorrücken der Phalanx gesungen. Es ist im Versmaß der Anapäste ("kurz kurz lang" mit der Betonung auf der 3. Silbe) verfaßt, deren Rhythmus einen vorwärtsdrängenden Charakter hat, der in der deutschen Übersetzung aber nicht rüberkommt:

ἄγετ', ὦ Σπάρτας εὐάνδρου
κοῦροι πατέρων πολιατᾶν,
λαιᾷ μὲν ἴτυν προβάλεσθε,
δόρυ δ' εὐτόλμως ἄνσχεσθε,
μὴ φειδόμενοι τᾶς ζωᾶςキ
οὐ γὰρ πάτριον τᾷ Σπάρτᾳ.

Auf, ihr Söhne des männerreichen Sparta,
Kinder von Bürgervätern!
Mit der Linken streckt den Schild vor,
schwingt mutig den Speer,
und schont euer Leben nicht;
denn das ist nicht väterliche Sitte in Sparta.

Alkman auf der anderen Seite ist einer der ätesten im alexandrinischen Kanon der neun Lyriker. Die meisten Lieder, die er alle auf Dorisch schrieb, stammen aus Hymnen (Partheneia), die bei den Initiationsriten der jungen Mädchen aufgeführt wurden, und drücken oft homoerotische Gefühle aus. Sie sind voll von tiefgreifenden Naturbetrachtungen und für die damalige griechische Lyrik ungewöhnlich. 1960 wurden weitere Fragmente im ägyptischen Papyros Oxyrhynchus gefunden. Als Beispiel habe ich hier das Frg. 26 über das Alter (in der Übersetzung von Manfred Hausmann) ausgesucht:

Nicht mehr, ihr Mädchen, die ihr so erregend und süß euer Lied singt,
Wollen die Füße mich tragen, O daß ich ein Eisvogel wäre,
Der überm Schaum der sich wälzenden See auf den Schwingen des Weibchens
Furchtlosen Herzens sich wiegt, der geheiligte, meerdunkle Vogel.

Göttliche Verehrung:
Lykurgos ist eine Figur der Mythologie und war ursprünglich vielleicht ein Gott. Bereits Herodot spricht von einem Orakelspruch, in dem die Pythia Lykurg gottähnlich nannte.

Aus der engen Verbindung der Lykurgischen Gesetzgebung zu Delphi hat man geschlossen, daß die Spartaner ursprünglich dem Apollo Lykurgos oder Lykios die Ordnung ihres Staates zugeschrieben haben, wobei der oberste Priester als Verkörperung des Gottes angesehen und selbst Lykurgos genannt wurde. Wilamowitz-Möllendorf dagegen hält den peloponnesischen Hauptgott Zeus Lykaios für die Gottheit, auf welche der von den Spartanern verehrte Heros Lykurgos zurückzuführen sei und der habe dann seinen Namen für den Gesetzgeber hergegeben.

Von Pausanias wissen wir, daß Lykurgos in Sparta einen Tempel hatte, in dem ihm jährlich Opfer gebracht wurden und daß er in desem Kult auch als θεός (Gott) bezeichnet wurde.

Die Berufung auf Lykurgos diente bei Auseinandersetzungen in Sparta gern als Kampfmittel, Der Mythos Lykurgos ist wohl entstanden, um die Einzigartigkeit der spartanischen Verfassung zu erklären, die sich so deutlich von denen der anderen griechischen Stadtstaaten unterschied. Eine sich allmählich ändernde gesellschaftliche Entwicklung, die es wahrscheinlich gegeben hatte, konnte man sich zu dieser Zeit nicht vorstellen.

Historische Würdigung:
(1) Die Meinung Platons gegenüber Lykurgos ist zwiespältig. Einerseits bewunderte er ihn und sah in ihm den göttlichen Gesetzgeber, dessen Gesetze für politische Stabiliät sorgten. Andererseits warf er ihm die einseitige Ausrichtung des Staates auf den Krieg und militärische Tapferkeit vor. Für Platon war Tapferkeit zwar eine Tugend, aber ohne die Einbeziehung von Besonnenheit und Gerechtigkeit unvollsändig. Trotzdem flossen viele Elemente der Lykurgischen Ordnung in Platons Vorstellung vom Idealstaat. Die strenge staatliche Erziehung, auch mit den gemeinschaftlichen Mahlzeiten, diente ihm als Inspiration für seinen Idealstaat.

(2) Im „Contrat Social“ von Jean Jacques Rousseau tritt Lykurgos als Idealherrscher auf, der die Spartaner durch seine totalitären Beherrschungsmethoden zu einer homogenen Bürgerschaft umformte, indem er Teilgesellschaften abschaffte und so der Gesamtwille dem Gemeinwillen entsprach.

(3) Friedrich Schiller, der von Haus aus ja Historiker war, widmete 1789 eine Vorlesung dem Thema „Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon“. Darin nannte er die Verfassung des Lykurgs zwar „ein vollendetes Kunstwerk“, übte aber auch deutliche Kritik an seinem Verständnis vom Verhältnis von Staat und Individuum.

Zusammenfassend muß man sagen, daß die Einrichtungen des Lykurgs für das Zeitalter in dem er lebte, zweckmäßig und lobenswert waren und er bei der Nachwelt großen Dank verdient, daß er aus halbwilden Barbaren, wie es die Spartaner damals waren, zivilisierte Menschen machte. Aber daß man ihn in Zeiten der Demokratie noch als wahren philosophischen Gesetzgeber preist und zur Nachahmung empfiehlt, geht nicht mehr. So sind die Reformen des Lykurgos heute nur noch das Vorbild für diktatorische Regime, die ja auch für Bienen- und Ameisenstaaten schwärmen.

Anmerkung:
Rhetrai (Ῥῆτραι), siehe Rhetor (Redner): (1) Wort, Rede; (2) Verabredung, Vertrag, Beschluß, Gesetz. So nennt Plutarch in seinen Lebensbeschreibungen eine Reihe kurzer Weisungen in Prosa, die er als Aussprüche des delphischen Gottes und als Grundgesetze des spartanischen Staates ansieht. Das Wort ῥήτρα kommt schon bei Homer vor und hat sich nur in den Dialekten erhalten. In Sparta ist dieses Wort immer nur für „Gesetz oder Gesetzesantrag“ gebraucht worden.

Quellen:
(1) Herodot, Historien
(2) Plutarch, Doppelbiographien
(3) Strabo, Geographika
(4) Plato, Nomoi
(5) Plato, Politeia
(6) Hugo Stadtmüller, Eclogae Poetarum Graecorum, Teubner

Literatur:
(1) Winfried Schmitz, Die Rhetren und die Entstehung des spartanischen Kosmos. Lykurg real!
(2) Friedrich Schiller, Die Gesetzgebung des Lykurgus und des Solon, in: Thalia-Dritter Band, Heft 11 (1790)
(3) Jean Jacques Rousseau, Contrat Social
(4) Karl Christ, Sparta
(5) Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) RE: Die Rhetrai
(3) zeno.org

Liebe Grüße, und ich hoffe, daß die meisten Freude an meinen Artikeln haben
Jochen
Zuletzt geändert von Peter43 am Do 19.02.26 14:05, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 19.02.26 11:35

Lakedaimon, der Namensgeber der Lakedaimonier

Münze #1:
Lakonien, Sparta, 48-35 v. Chr.
AE 19, 4.06g, 18.50mm, 135°
Av.: Büste des Lakedaimon, drapiert und diademiert, n. r.
Rv.: Adler mit geschlossenen Flügeln n. r. stehend
im oberen Feld l. und r. Λ - A
im unteren Feld l.und r. N- I
Ref.: BCD Peloponnesos 896; HGC 5, 630
selten
Pedigree:
ex Savoca Numismatik 220th Monthly Silver Auction, Los 41, 30.6.24
ex Numismatik Naumann Auction 107, Lot 155, 6.9.21 (coll. Francis Jarman)
Sparta_BCD_Peloponnesos896_aufgehellt.jpg
Zu dieser Münze:
In Sparta hatte Lykurgos das Prägen von Gold- und Silbermünzen verboten. Im Gegensatz zu Athen führte es auch kaum Handel, weil es fürchtete, daß dadurch unerwünschte, fremde Ideen eingeführt werden könnten. Diese Bronzemünzen wurden geprägt, als die Römer Griechenland erobert hatten. Sie gelten alle als selten.

Mythologie:
Lakedaimon ist der mythische Eponym (Namensgeber) von Lakedaimon, dem alten Namen von Sparta, weswegen die Spartaner auch Lakedaimonier genannt werden.

Er war aber nicht der erste König von Lakonien, der Landschaft, in der Sparta liegt. Als dieser gilt Lelex, ein Ureinwohner Lakoniens im 15. Jh. v. Chr., nach dem es früher auch Lelegia hieß. Lelex war der Vater des Myles, was Müller heißt, der in der Antike als Erfinder der Mühle galt, und des Polykaon, des ersten mythischen Königs von Messenien, des Nachbarlandes von Lakonien. Ein Enkel des Lelex war Eurotas, König von Lakonien und Namensgeber des Eurotas, des bedeutendsten Flusses in Lakonien, den er gebändigt hatte, wodurch Lakonien erst bewohnbar wurde (Pausanias). Auf ihn folgte dann Lakedaimon, der zum Stammvater vieler mythologischer Gestalten wurde, wie Leda, die Dioskuren Polydeukes und Kastor, Helena, Klytaimnestra, Orestes, Iphigeneia und Elektra.

Lakedaimon (griech. Λακεδαίμων) war der Sohn des Zeus und der Taygete, der Nymphe des Berges Amyklayos. Als Tochter des Atlas und der Okeanide Pleione, einer Tochter des Okeanos und der Tethys, war sie eine der sieben Pleiaden. Als Zeus der Taygete nachstellte, verwandelte Artemis sie zu ihrem Schutz zeitweise in eine Hirschkuh, weswegen sie ihr aus Dankbarkeit die Kerynitische Hirschkuh weihte, die später in der Heraklessage eine Rolle spielte, als Herakles sie in der dritten seiner zwölf Aufgaben zu Eurystheus nach Mykene bringen mußte. Trotzdem mußte sich Taygete gegen ihren Willen dem Zeus hingeben und gebar ihm den Lakedaimon und wurde so zur Stammutter eines großen Volkes. Es wird aber auch erzählt, daß sie sich aus Scham über die Entehrung auf dem Amyklayos erhängt habe, der dann nach ihr Taygetos genannt wurde.

Lakedaimon heiratete Sparte, die Tochter des Eurotas und der Charis (lat. Grazie) Kleta, einer der beiden spartanischen Chariten, und wurde der Vater des Amyklas, des Gründers von Amyklai, der Asine und der Eurydike (nicht zu verwechseln mit Eurydike, der Geliebten des Orpheus), die die Gemahlin des Akrisios wurde, durch ihn Mutter der Danae und damit zur Großmutter des Perseus.

Da Eurotas keine männlichen Nachkommen hatte, folgte Lakedaimon ihm als König auf den Thron. Seine mythische Lebenszeit wird in das 14. Jh. gelegt. Er gründete eine neue Hauptstadt, die er nach seiner Frau Sparta nannte. Sein Reich, das heutige Lakonien, nannte er nach sich selbst Lakedaimon und so wurde er zum Stammvater der Lakedaimonier, wie die Spartaner früher hießen.

Die nächste, extrem seltene, Münze zeigt Sparte:

Münze #2 (BMC Peloponnesus):
geprägt unter dem Magistrat Eyrykleos
Av. Kopf der Sparte n. l.
dahinter ΣΠAPTH
Rv.: Λ – A
Die beiden Dioskuren auf dem Pferderücken, n. r. sprengend
darunter EΠI EYPYKΛE / OΣ (ΛE ligiert)
Ref.: BMC Peloponnesus 127, 62; Mionnet II, 221, 55 <
BMC Peloponnesos 127, 62.jpg

Das nächste Bild zeigt auf dem Mosaik aus dem Haus des Aion in Paphos (Zypern) den Flußgott Eurotas und die Stadtgöttin Sparte (Lakedaimonia) mit Mauerkrone (Wikimedia)
Paphos_Haus_des_Aion_-_Leda_3_Eurotas_klein.jpg

In Sparta gab es nur zwei Chariten: Kleta und Phaenne (Schall und Schimmer). Für diese gründete Lakedaimon das Heiligtum am Bach Tiasa zwischen Sparta und Amyklai (Pausanias).

Die Spartaner verehrten ihn als Heros und errichteten ihm zwischen Sparta und Therapne ein Heroon (Pausanias). Nach seinem Tod wurde sein Sohn Amyklas sein Nachfolger.

Wie so oft in der antiken Mythologie gibt es auch für die Entstehung des Namens Eurotas noch eine andere Erklärung. Nach Plutarch war Himeros ein Sohn des Lakedaimon und der Taygete. Dieser hatte sich an seiner Schwester Kleodike vergangen und stürzte sich aus Reue über seinen Frevel in den Fluß Marathon, der nach ihm Himeros und später Eurotas genannt wurde.

Lakonische Antworten:
Neben seinen militärischen Fähigkeiten und seiner strengen Erziehung ist Sparta auch berühmt für seine Wortkargheit. Diese kurze, prägnante Ausdrucksweise war schon im Altertum als stilus laconicus (nach Art der Spartaner) bekannt, ein Ausdruck, von dem es im 17. Jh. ins Deutsche entlehnt wurde (DWDS). Es stand im Gegensatz zur Redegewandtheit der Athener, die eher Spaß hatten an geistreichen rhetorischen Wendungen. Bereits Herodot hat Beispiele angeführt:

Kurz vor der Schlacht bei den Thermopylen (480 v.Chr.) drohte ein persischer Bote den Spartanern, daß das persische Heer des Xerxes so riesig sei, daß seine Pfeile die Sonne verdunkeln würden. Der Heerführer Dienekes habe gelassen geantwortet: „Gut, dann kämpfen wir eben im Schatten“. Diese Antwort wird manchmal auch dem Leonidas zugeschrieben.

Xerxes habe damals den Leonidas aufgefordert, ihm seine Waffen auszuhändigen. Leonidas habe geantwortet: „Komm und hole sie dir (μολὼν λαβέ).“ (Plutarch). Dies ist heute das Motto des 1. griechischen Armeecorps.

Als ein junger Spartaner sich bei seiner Mutter beschwerte, daß sein Schwert (xiphos) zu kurz sei, antwortete sie, “Dann mach einen Schritt nach vorne.“

Als die Spartaner im Peloponnesischen Krieg 410 v. Chr. bei Kyzikos eine vernichtende Niederlage erlitten hatten, wobei auch ihr Feldherr Mindaros ums Leben gekommen war,
fingen die Athener einen Schlachtbericht der Spartaner ab, den sie in ihre Heimatstadt geschickt hatten: „Boote verloren, Mindaros tot, Männer haben Hunger. Wissen nicht, was tun.“ (Xenophon)

Als Philipp II. von Makedonien dabei war, sich Griechenland zu unterwerfen, soll er eine Drohbotschaft nach Sparta gesandt haben: „Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden.“ Die Antwort der Spartaner war: „Wenn!“ (Plutarch)

Polykratidas war als Gesandter bei Dareios III., um über persische Hilfe gegen die makedonische Vorherrschaft in Griechenland zu verhandeln. Als er gefragt wurde, ob er in offiziellem Auftrag oder privat gekommen sei, antwortete er: „Wenn wir Erfolg haben, offiziell, wenn nicht, privat.“ (Plutarch). Man sieht, die Spartaner waren auch ehrlich!

Quellen:
(1) Herodot, Polyhymnia
(2) Xenophon, Hellenika
(3) Pausanias, Periegesis
(4) Apollodoros, Bibliotheke
(5) Stephanos von Byzanz, Ethnika
(6) Hyginus, Fabulae
(7) Plutarch, de fluviis
(8) Plutarch, Über Geschwätzigkeit
(9) Plutarch, Moralia

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Der Kleine Pauly
(4) Karl Kerenyi, Griechische Mythologie
(5) Robert von Ranke Graves, Griechische Mythologie

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)

Liebe Grüße
Jochen
Zuletzt geändert von Peter43 am Fr 27.02.26 18:20, insgesamt 2-mal geändert.
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didius (Fr 27.02.26 10:49)
Omnes vulnerant, ultima necat.

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