Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Peter43
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 16.04.26 12:48

Die Ställe des Augeias

Die nächste Münze stammt aus der Auction 347 von Fritz Rudolf Künker.

Die Münze (Künker):
Ägypten, Alexandria, Antoninus Pius, 138-161 n. Chr.
AE - Drachme, 24.05g, 34mm, 180°
142/143 (Jahr 6)
Av.: [ΑΥΤ Κ] Τ ΑΙΛ ΑΔΡ ΑΝΤΩΝΙΝΟϹ ϹΕΒ - [ΕΥϹ]
Belorbeerter Kopf n. r.
Rv.: Herakles steht n. r. an einer Quelle und füllt ein Gefäß, unten Harke, li. Keule
(Herakles reinigt den Augiasstall)
im Feld L ς (= Jahr 6)
Ref.: Dattari/Savio Suppl. Pl. 16, 61 (diese Münze); Geissen -; Kampmann/Ganschow -; RPC IV/4, 631
Pedigree:
ex coll. Günther Schlüter, Berlin, 1996
ex Lagerliste Bickelmann 33, 1975, Nr. 191
ex coll. Giovanni Dattari
Antoninus_Pius_Dattari_Savio_Suppl_Pl.16_61.jpg
Mythologie:
Der Vater des Augeias (deutsch Augias) war nach einigen Helios, nach anderen Phorbas oder Poseidon. Seine Mutter war nach einigen Naupidame, die Tochter des Aphidamas, nach anderen Hyrmine, die Tochter des Neleus, oder Iphiboe. Pausanias meinte, sein Vater sei Eleos, König von Elis, gewesen, und weil Eleos so ähnlich wie Helios klinge, habe man Helios zu seinem Vater gemacht, um ihn größer erscheinen zu lassen.

Augeias war König in Elis, am westlichen Rand der Peloponnes, und war in seiner Jugend mit den Argonauten nach Kolchis gefahren. Zurückgekommen wandte er sich der Landwirtschaft zu und besaß eine riesige Menge an Rindern und Ziegen. In einem Stall habe er allein 3000 Rinder stehen gehabt. Weil er diese Ställe lange Zeit nicht ausgemistet hatte, bedeckte der Mist nicht nur die Ställe, sondern große Flächen der Täler, so daß es den Bauern unmöglich war, ihre Felder zu bestellen. So befahl Eurystheus dem Herakles, den Mist zu beseitigen. Herakles begab sich zu Augeias und bot ihm an, den Stall in einem einzigen Tag zu säubern, wenn er dafür den zehnten Teil seiner Herde bekäme. Dem stimmte Augeias zu. Da Herakles sich schämte, den Unflat auf seinem Rücken wegzutragen, wie es Eurystheus gehofft hatte, leitete er die beiden großen eleischen Flüsse Peneios und Alpheios zusammen (Apollodor), oder nur den Peneios allein (Diodor), durch die Ställe hindurch oder auch durch das mit Mist bedeckte große Stück Land und schwemmte damit den ganzen Mist hinweg. Als Augeias aber erfuhr, daß Herakles diese Arbeit auf Befehl des Eurystheus habe tun müssen, verweigerte er ihm den ausgemachten Lohn. Es kam zu einer Klage, in der Phyleus, des Augeias eigener Sohn, gegen seinen Vater aussagte. Daraufhin verwies Augeias Herakles und seinen Sohn des Landes. Herakles sann auf Rache und stellte eine Streitmacht auf, mit der er gegen Elis zog. Doch er mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil Augeias Beistand bekam durch Eurytos und Kteatos, die Söhne seines Bruders Aktor. Herakles lauerte diesen beiden auf, als sie zu einem Fest auf dem Isthmus gingen, und machte sie bei Kleonis nieder. Dann wandte er sich wieder mit einem Heer gegen Augeias, tötete ihn und setzte dessen Sohn Phyleus als König in Elis ein. Zur Feier dieses Sieges führte Herakles die Olympischen Spiele zu Ehren seines Vaters Zeus ein.

Später ordnete König Oxylos, der den Herakliden half, die Peloponnes zurückzugewinnen, an, daß dem Augeias als einem Halbgott jährlich ein Fest abgehalten wer-den mußte (Pausanias). Es wird auch erzählt, daß aus seinen Augen Strahlen hervorgegangen seien, weshalb er für den Sohn des Helios gehalten wurde.

Wen er als Gemahlin hatte, ist nicht bekannt. Er habe aber auch noch einen zweiten Sohn, Eurytos und eine Tochter Agamede gehabt, die dann von Poseidon den Diktys bekommen habe (Hygin).

Es wird auch berichtet, daß Eurystheus diese Arbeit des Herakles nicht anerkannte, weil er sie nicht selbst vollbracht hatte, sondern durch zwei Flußgötter habe erledigen lassen.

Die Rinder spielen in dieser Mythologie keine Rolle, außer um die große Menge Mist zu erklären, die entfernt werden mußte. Viehdung wurde von den griechischen Bauern nicht geschätzt. Das Weiden von Vieh auf Brachland war verboten.

Kunstgeschichte:
Brommer hat nachgewiesen, daß dieses Abenteuer auf keiner griechischen Vase dargestellt ist. Daß diese Szene auf einer Metope des Zeustempels in Olympia erscheint, erklärt sich nach Pauly aus lokaler Rücksichtnahme: Olympia liegt im Herrschaftsgebiet des Augeias.

Bereits in der Antike entstand das Sprichwort Augiae stabulum purgare (den Augiasstall reinigen), oder Griechisch Αυγειος βουστασια, womit die Reinigung einer unflätigen und besudelten Sache gemeint ist. Es scheint auf ein Adynaton (Ding der Unmöglichkeit) des Volkshumors zurückzugehen (Wilamowitz).
(1) Mosaico_Trabajos_Hércules_(M.A.N._Madrid)_05.jpg
Detail aus dem römischen Mosaik „Die zwölf Arbeiten“ aus Lliria (Valencia/Spanien), zwischen 202 und 250 n. Chr., heute im Museo Arqueologico Nacional in Madrid.

Weitere Bilder habe ich nicht gefunden. Vom Ende des 18. Jh. wird der Ausdruck „den Augiasstall ausmisten“ als Schlagwort in der politischen Karikatur benutzt, besonders dann, wenn es um die Aufdeckung von Korruption oder die Beseitigung von langjährigen Mißständen geht. Er bedeutet dann soviel wie „Saustall“. Hier sind zwei Beispiele:
(2) Thomas_Rowlandson_-_The_Modern_Hercules_Cleansing_the_Augean_Stable_April_23_1805_April_23_1805_-_(MeisterDrucke-1150566).jpg
(1) Thomas Rowlandson (1757-1827), „The modern Hercules, cleansing the Augean stable“, 23.4.1805, colorierte Radierung, Metropolitan Museum of Art.

Rowlandson war ein englischer Maler und Karikaturist. Er war kein Moralist, sondern ließ das Komische für sich selbst sprechen. Die Komik brachte er durch Übertreibungen in seinen Darstellungen hervor. Seine erotisch-pornographischen Bilder finden bis heute Empörte wie auch Liebhaber (Wikipedia).

Samuel Whitbread, aus einer wohlhabenden Brauerfamilie war jener Zeit Führer der englischen Whigs, der Liberalen, und bewunderte Napoleon und seine Reformen. Nachdem Napoleon 1814 abdankte, verfiel er in Depressionen und beging Selbstmord. Hier wendet sich seine Kritik gegen den britischen Premierminister William Pitt und Henry Dundas, den Ersten Lord der Admiralität, die er mit seinem Bier überschüttet.
(3) the_augeian_stables-from_news_of_the_day.jpg
(2) Honore Daumier (1808-1879) „Les ecuries d'Augias“, Lithographie , veröffentlicht 3.6.1872 in „Le Charivari“, National Museum of Western Art (NMWA)

Honore Daumier war ein französischer Maler, Bildhauer, Grafiker und Karikaturist, und ein wichtiger Vertreter des Realismus. Bedeutend sind seine politischen und sozialkritischen Karikaturen. Seine Themen waren die lächerlichen Szenen und die Albernheiten der Spießbürger, diie er scharf und oft brutal darstellte (Wikipedia).

Der Druck zeigt einen muskulösen Mann, der an Herkules erinnert, inmitten eines Feldes von Papieren, beschriftet mit „Marches“, „Comptes“, „Marches de L'Empire“, was auf Finanzdokumente und Verträge schließen läßt. Ein chaotisches und korruptes System zu säubern, deutet auf eine herkulische Aufgabe hin.

Quellen:
(1) Homer, Ilias
(2) Apollodor, Bibliotheke
(3) Hyginus, Fabulae
(4) Diodorus Siculus,
(5) Theokrit, Idyll
(6) Pausanias, Periegesis

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Der Kleine Pauly
(4) Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen
(5) Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
(6) Frank Brommer, Herakles, 1953

Internet-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia
(3) theoi.com
(4) RE: Augeias 1

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mi 29.04.26 10:52

Die Molioniden Eurytos und Kteatos

Es macht mir immer eine Riesenfreude, wenn ich plötzlich und unerwartet auf eine Münze stoße, die mich zu einer Mythologie führt, von der ich bisher noch nichts gehört hatte. Dieses Erlebnis bescherte mir die folgende Münze und ich hoffe, daß euch diese Mythologie ebenfalls noch unbekannt ist. Und sie paßt gut zum vorigen Artikel über den Stall des Augeias.

Münze:
Pisidien, Baris, Septimius Severus,193-211
AE 35, 21.92g, 34.92mm, 210°
Av.: ΑΥΤ ΚΑΙ Λ ϹΕΠ ϹΕΟΥΗΡΟϹ ΠΕΡ ϹΕ.
       Büste, drapiert und cürassiert, belorbeert, n. r.
Rv.: ΒΑΡΗ - ΝΩΝ
       Zweiköpfige männliche Figur mit vier Armen n. r. gehend; hält Bogen, Pfeile, Schwert und Keule
Ref.: von Aulock, Pisidiens 253-9; BMC 2;RPC V/3, - (unassigned; ID 74878) 
Baris_BMC2_klein.jpg

Zu dieser Münze:
Diese Münze wurde bereits 1897 von Drexler in Roschers 2. Band seines „Ausführlichen Lexikons der griechischen und römischen Mythologie“ erwähnt und von Julius Friedländer beschrieben. Drexler schreibt am Schluß: „Ist es zu kühn, Kteatos und Eurytos zu erkennen?“. Meine Beschreibung stammt von Head, Hist. Num. p. 590, der die Figur „Gottheit“ nennt.

Herkunft und Familie:
Die Zwillinge Eurytos und Kteatos (Κτέατος) waren zwei Halbgötter und tapfere Männer, die von Herakles heimtückisch getötet wurden. Ihre Mutter war Molione, weshalb sie auch Molioniden genannt wurden.

Von ihrem Vater gibt es zwei Versionen. Nach der ersten Version war ihr Vater Poseidon (Hesiod, Homer, Pindar), und nach Ibykos, in bewußter Erinnerung an die Dioskuren, aus einem silbernen Ei hervorgegangen. Nach der zweiten Version (ausführlich von Pausanias beschrieben) war ihr Vater Aktor, weswegen sie auch Aktorionen genannt wurden. Aktor war der Sohn des Phorbas (nach der eleischen Sage der Sohn des Lapithenkönigs Lapithes) und der Hyrmine. Da Aktor der Bruder des Augeias war, war Augeias der Onkel von Eurytos und Kteatos.

Kteatos und Eurytos waren verheiratet mit Theronike und Theraiphone, den Zwillingstöchtern des Königs Dexamenos von Olenos. Kteatos zeugte den Amphimachos, einen Freier der Helena, der nach Homer als einer der 4 Führer der Eleier mit 10 Schiffen aus Elis nach Troja kam. Er wurde von Hektor getötet. Hektors Versuch, dem Toten den Helm zu stehlen, vereitelte der große Ajas. Poseidon war über den Tod seines Enkels sehr erzürnt und stachelte die Griechen zum Kampf an

Thalpios, der Sohn des Eurytos, freite ebenfalls um Helena. Als einer der Führer der Eleier erschien auch er vor Troja. Nach Quintus von Smyrna soll er einer der Griechen gewesen sein, die sich im hölzernen Pferd versteckt hatten. Sein Grab befand sich in Elis.

Mythologie:
Das erste Mal werden die Zwillinge in der Ilias erwähnt, als Nestor, der König von Pylos, im sog. Botengang des Patroklos (Ilias. XI) von seinen frühen Heldentaten erzählt, die er als Jüngling im Kampf gegen die Epeer, die Einwohner von Elis, bestanden hat. Dabei handelt es sich wohl um ein selbständiges späteres Einschiebsel. Als die Epeer Thryoessa, die pylische Grenzstadt an der Alpheiosfurt, angriffen, waren unter ihnen auch die beiden Molioniden, damals noch unerfahren im Kampf. Und als der junge Nestor zwar wider den Willen seines Vaters dem pylischen Heer folgte, aber durch seine Tapferkeit die Feinde zur Flucht zwang, hätte er die beiden Zwillinge getötet, wenn nicht Poseidon, ihr Vater, sie in einer Wolke entrückt hätte.

Ein zweites Mal begegnete Nestor den Aktorionen bei der Leichenfeier zu Ehren des Amarynkeus, des Königs von Elis, die seine Söhne ihm in Buprasion ausrichteten. Bei allen Wettbewerben ging Nestor als Sieger hervor, nur beim Wagenrennen wurde er von den Zwillingen besiegt, weil sie zu zweit fuhren: der eine hielt die Zügel, der andere bediente die Peitsche. Hier begegnet uns das Problem ihrer Körpergestalt. Sie werden zwar als δίδυμοι (Zwillinge) bezeichnet, aber daß sie zu zweit auf einem Wagen fuhren, wäre ein Verstoß gegen die Regeln gewesen. Also spricht es dafür, daß sie hier bereits als eine Doppelgestalt aufgetreten sind. Nur so wäre die Zulassung auf nur einem Wagen erlaubt gewesen.

Der Kampf gegen Augeias:
Und dann finden wir sie als Neffen des Augeias im Kampf gegen Herakles. Als Herakles nämlich von Augeias um seinen verdienten Lohn betrogen wurde, zog er mit seinem Heer gegen ihn zu Felde. Augeias übertug seinen Neffen Kteatos und Eurytos die Führung in diesem Krieg. Sie besiegten Herakles und verfolgten ihn bis Buprasis. In diesem Kampf tötete Kteatos nicht nur den Dameon (Pausanias), einen Genossen des Herakles, der später im Hippodrom in Olympia zusammen mit seinem Pferd ein berühmtes Denkmal erhielt, sondern nach der Version des Pausanias auch Iphikles, den Zwillingsbruder des Herakles. Apollodor erzählt, daß Herakles auf diesem Feldzug erkrankt war und mit den Aktorionen ein Abkommen getroffen hatte. Als diese aber von seiner Krankheit erfuhren, griffen sie ihn an und töteten viele seiner Krieger, so daß Herakles den Rückzug antreten mußte.

Mnaseas von Patara erzählt, daß Herakles danach die Stymphaliden, die Töchter des Stymphalos, die vorher die Aktorionen gastlich bewirtet hatten, um Labung bat, was diese ihm versagten. Daraufhin habe er sie aus Rache getötet. Diese Episode ist offenbar ohne echten Hintergrund. Roscher sagt, es sei ein alberner Einfall.

Nach Zenodotos habe Herakles im Vertrauen auf seine Kraft den Faustkampf gleichzeitig gegen beide aufgenommen, wurde aber besiegt. Von dieser Niederlage des Herakles leiteten die Griechen die Redensart ab ούδεν Ηρακλής προς δύο (nichts vermag Herakles gegen zwei“).

Der Meuchelmord an den Zwillingen:
Da Herakles im offenen Kampf gegen die beiden Zwillinge nichts ausrichten konnte, benutzte er die Zeit, wo die Korinther den isthmischen Festfrieden ausgerufen hatten. Er legte sich bei Kleonai in den Hinterhalt, und als Eurytos und Kteatos als heilige Gesandte (θεωροί) von Elis auf dem Weg zu den Isthmischen Spielen zu Ehren ihres Vaters Poseidon waren, überfiel er sie und erschoß sie mit seinen Pfeilen. Jetzt konnte Herakles endlich gegen Augeias ziehen. Er tötetet ihn und verwüstete Elis. Als König setzte er dessen Sohn Phyleus, der vor Gericht zu ihm gestanden hatte, auf den Thron von Elis. Zur Feier dieses Sieges führte Herakles die Olympischen Spiele zur Ehre seines Vaters Zeus ein.

Die Rache der Molione:
Als Molione erfuhr, wer ihre Zwillinge getötet hatte, brachte sie die Eleier dazu, von den Argivern die Auslieferung des Herakles zu verlangen, weil dieser sich gerade in Tiryns bei Argos befand. Als die Argiver dies ablehnten, wandte sich Molione an die Korinther und verlangte von ihnen, alle Argiver von den Isthmischen Spielen auszuschließen, bis der Mord gesühnt war. Das verweigerten die Korinther ihr jedoch. Daraufhin verfluchte Molione jeden Eleier, der an den Isthmischen Spielen teilnehmen sollte. Dieser Fluch war so gefürchtet, daß kein Eleier bis in die spätere Zeit es wagte, an den Isthmischen Spielen teilzunehmen (Pausanias). An der Stätte, wo sie getötet worden waren, wurde ihnen ein Grabmal errichtet. In Kleonai hatte sich auch ein Kult erhalten, in dem sie als Heroen verehrt wurden.

Die Doppelgestalt der Zwillinge:
Das Auffallendste an den Zwillingen ist ihre Doppelgestalt. Ursprünglich wurden sie als körperlich selbständige Zwillingsbrüder aufgefaßt, so wohl auch bei Homer, wo Nestor sie im Kampf beinahe getötet hätte. Beim Wagenrennen beim Totenfest des Amarynkeus gibt es allerdings schon Zweifel: 2 Personen auf einem Wagen wären nicht erlaubt gewesen. Die spätere Deutung sah sie dann als körperlich verwachsene (διφνεϊς) Brüder, so auch Hesiod, aber in unterschiedlicher Form. Bei Aristarch hatten sie 2 Leiber, waren aber zusammengewachsen. Bei Pherekydes hatten sie nur einen Leib, aber 2 Köpfe, 4 Hände und 4 Füße. Bei Ibykos, der später an derselben Stelle ermordet wurde wie die Zwillinge, hatten sie einen Kopf und einen Leib.

Es sind zwei unterschiedliche Personen von großer Kraft und Stärke gewesen, die ein so enges Verhältnis miteinander hatten, „daß kein Blatt Papier mehr zwischen sie paßte“, wie man heute manchmal sagt. Der nächste Schritt war dann, sie als ein einziges zusammen-gewachsenes Wesen zu sehen. Eine Niederlage gegen ein solches Monster wäre nicht so schmählich gewesen, ein Sieg aber um so größer!

Die Deutung des Mythos:
Die Deutungen des Gesamtmythos von Eurytos und Kteatos, den Molioniden oder Aktorionen, sind sehr unterschiedlich. Es gibt absurde Erklärungen, in denen die beiden als die beiden Mühlsteine beim Getreidemahlen gemeint sein sollen. Nach Pott habe es sich um Wetterphänomene gehandelt: Aktor stelle den Wind als Führer dar und Molione die wandernde Wolke. Eurytos („gut fließend“) und Kteatos weisen dann auf den reichen Besitz hin, der durch genügenden Regen zu reicher Ernte führt. Deshalb werde auch Poseidon als ihr Vater genannt. Preller enthält sich jeder Deutung.

Heute nimmt man, vor allem mit Wilamowitz, Ibykos zum Ausgangspunkt, der sie mit den Dioskuren verglichen und als τούς λευκίππους, die auf einem weißen Pferd reiten, bezeichnet hatte, und von dem auch ihre Geburt aus einem silbernen Ei stammt. Damit stehen die Aktorionen in der Reihe hilfreicher göttlicher Zwillinge, θεοὶ σωτῆρες, die einer hilflosen Person in letzter Stunde unverhofft zur Hilfe kommen. Die gibt es als Tyndariden in Sparta, als Apharetiden in Messenien und als die Antiopesöhne in Boiotien. Und Aktor und Molione selbst kann man als zwei göttliche Kämpfer der Eleier auffassen. Dies sind nämlich zwei alte Epiklesen, deren Bedeutung bereits Homer nicht mehr kannte. Μολίων ist „der mutig in die Schlacht gehende". Das Bild der Aktorionen mit einem Leib, 2 Köpfen und 4 Gliedmaßen erinnert an das uralte rohe spartanische Kultbild der Dioskuren aus 2 parallelen Balken, die durch 2 Querbalken verbunden waren (Plutarch).

Historischer Hintergrund:
Die Mythologie geht zurück auf die Auseinandersetzungen zwischen Elis und dem triphylischen Pylos um die Vorherrschaft über die westliche Peloponnes. Wie die Eleier den Dorern und ihren ätolischen Bundes genossen, so unterliegen im Mythos die eleischen Aktorionen dem Herakles. Der Krieg gegen Nestor ist dabei ein überaus interessanter Einschub. Er ist nach 680, nach dem 1. messenischen Kriege entstanden, beschreibt aber, wie Nestor, der spätere König des triphylischen Pylos, die Eleier besiegt.

Und gerade in der ersten Hälfte des 7. Jhdts. waren auch die Pisaten dauernd siegreich gegen die Eleier. 660 gewannen sie Olympia wieder, das ihnen die Eleier vorher entrissen hatten, so wie Augeias das Viergespann dem Neleus, dem Vater Nestors (Ilias). Es ist ein Stück Zeitgeschichte in der einzigen damals dort verfügbaren Form der epischen Heldensage. Die Aktorionen spielen darin eher eine Nebenrolle. Sie wurden aus dem älteren Sagenbestand beibehalten, sind aber ätolische Eleier geworden. .

Daß die Zwillinge in der älteren Version mit dem Metronymikon (Namen ihrer Mutter) Molioniden bezeichnet wurden, könnte für eine alte Gynäkokratie in Elis sprechen.

Kunstgeschichte:
Aus der spätgeometrischen Zeit (740-700 v.Chr.) gibt es einige archäologische Funde mit ungewöhnlichen Doppelfiguren, die möglicherweise Szenen aus den Aktorionenmythen darstellen. Da dies nur kurzfristige Erscheinungen waren, ist ihre Deutung zweifelhaft. Dafür spricht aber die auffällige Konzentration dieser Fundstücke auf Gebiete, die eng mit unserem Mythos verbunden sind.
Gefäßfragment_aus_dem_argivischen_Heraion.jpg
Zeichnung eines Gefäßfragments aus dem Heraion von Argos mit einer Doppelfigur mit 2 Köpfen und 4 Beinen,, Athen, National Museum, argivisch, spätgeometrisch II (Wikimedia)

Nach Pausanias war der Tod des Kteatos und seines Bruders auch auf dem Thron des Apollo zu Amyklai des Bildhauers Bathykles dargestellt, der auf dem mythischen Grabhügel des Hyakinthos bei Sparta gestanden hat (6. Jh. v.Chr.).

Erst von Albrecht Dürer (1471-1528) gibt es dann wieder den Holzschnitt, „Ercule (Hercules tötet die Molio-niden)“, der um 1496 entstanden ist und als erster Einblattholzschnitt eines mythologischen Motivs von Dürer gilt.
Dürer, Ercules Herkules tötet die Molioniden.jpg
Wir sehen Hercules mit Fellgewand, Keule in der re. Hand und geschultertem Bogen und Köcher. Vor ihm liegen die beiden gepanzerten Zwillinge bereits besiegt am Boden. Die jüngere Frau, die klagend die Hände erhoben hat, wird ihre Mutter sein, die von der Furie hinter ihr zur Rache angetrieben wird.

Es gibt verschiedene Interpretationen: So soll das Bild auch Hercules und Cacus darstellen, aber die beiden Toten sprechen für die Molioniden. Das Blatt stammt aus der Graphiksammlung Joseph Hellers und befindet sich heute in der Staatsbibliothek Bamberg. Der Holzstock, von dem bis ins 18. Jh. Abzüge hergestellt wor-den waren, liegt heute im Britischen Museum.

Quellen:
(1) Homer, Ilias
(2) Hesiod, Theogonie
(2) Apollodor, Bibliotheke
(3) Diodorus Siculus, Bibliotheke
(5) Pindar, Oden
(4) Pausanias, Peregesis
(5) Plutarch, Moralia
(6) Ovid, Metamorphosen

Literatur:
(1) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(2) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(3) Der Kleine Pauly
(4) Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie
(4) Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen

Online-Quellen:
(1) Wikipedia

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 11.05.26 10:05

Exkurs: Chang und Eng

Die berühmtesten Siamesischen Zwillingen der Geschichte waren wohl die Siamesen Chang und Eng, von denen dieses Phänomen auch seinen Namen hat. Sie wurden am 11.5.1811 in Mae Klong/Siam, dem heutigen Thailand, geboren und lebten ihr ganzes Leben miteinander verwachsen, bis sie am 17.1.1874 starben.
ChangandEng.jpg
Chung und Eng Bunker in späteren Jahren (Wikipedia)

1829 wurden sie entdeckt und auf Jahrmärkten ausgestellt, 1839 ließen sie sich in den USA nieder und nahmen den Namen Bunker an. 1841 heirateten sie 2 Schwestern und hatten 21 Kinder. Als Chang dem Alkohol zuneigte (Wkipedia) und die Ehefrauen häufig stritten, führten sie getrennte Haushalte ein, in denen sie sich alle 3 Tage abwechselten. Nachdem sie von 1829 bis 1831 auf Ausstellungstourneen waren, übernahmen sie ihre Geschäfte selbst und waren die nächsten 40 Jahre als Entertainer unterwegs. 1870 besuchten sie auch Deutschland, wo sie von Virchow untersucht wurden, der ihnen eine Trennung vorschlug. Dazu kam es aber nicht, da es damals noch keine medizinische Technik gab, um sie chirurgisch zu trennen. Nach ihrem Tod stellte es sich heraus, daß sie nur oberflächlich verwachsen waren und es heute kein Problem gewesen wäre, sie chirurgisch zu trennen. Allerdings hatten sie einen gemeinsamen Leberkreislauf, was zu ihrer Lebenszeit ein Hindernis für die Trennung gewesen wäre. 1870 erlitt Chang einen Schlaganfall und wurde von Eng versorgt, bis beide 1874 gemeinsam starben.

Beide waren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Chang trank gern Whisky, während Eng abstinent lebte. Aber wenn Chang trank, wurde auch Eng betrunken. Auch von Religion und Politik hatte sie unterschiedliche Meinungen. Chang war römisch-katholisch und unterstützte die Konföderierten, während Eng Baptist war und für die Union eintrat. Ihr Sexualleben erregte Unmut in der Nachbarschaft und einmal wurde ihnen die Einreise nach Frankreich verwehrt, weil man die erotische Wirkung der Zwillinge auf die Damenwelt fürchtete (Spiegel, April 2017).

Insbesondere Mark Twain hat sich intensiv mit ihnen beschäftigt.

Hintergrund:
Siamesische Zwillinge entstehen, wenn sich eine befruchtete Eizelle nach dem 12.–13. Schwangerschaftstag nur unvollständig teilt oder zwei Embryonen verschmelzen. Die Verbindung kann oberflächlich über die Haut oder tiefgehend über lebenswichtige Organe, wie Herz, Leber oder Darm, erfolgen. Die genaue Ursache ist noch nicht vollständig geklärt, und Risikofaktoren sind weitgehend unbekannt

Siamesische Zwillinge sind extrem selten. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 1:60.000 bis 1:200.000 Schwangerschaften, was etwa einem lebensfähigen Paar pro einer Million Lebendgeburten entspricht. Viele sterben bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt.

Um Risiken für Mutter und Kinder zu minimieren, erfolgt die Geburt erfolgt meist durch Kaiserschnitt. Eine operative Trennung ist möglich, wenn beide Zwilling eigene lebenswichtige Organe besitzen und die Verbindung nicht zu komplex ist. Die Trennung wird oft zwischen dem 3. und 12. Lebensmonat geplant, kann aber auch als Notfalloperation notwendig sein. Erfolgsraten liegen bei elektiven Operationen bei etwa 80 %, bei Notfalltrennungen deutlich niedriger.

Siamesische Zwillinge stellen sowohl medizinisch als auch ethisch komplexe Herausforderungen dar, wobei individuelle Entscheidungen über Trennung und Behandlung sorgfältig abgewogen werden müssen.

Im angelsächsischen Sprachraum wird inzwischen nur noch von joined twins gesprochen, um die Assoziation mit dem Kuriositätenkabinett zu vermeiden. Ich finde aber, daß durch die „woke“ Bezeichnung diese beiden bemitleidenswerten Menschen noch nach ihrem Tode ihrer Identität beraubt werden.

Literatur:
(1) Wikipedia
(2) Darin Strauss, Chang und Eng. Die siamesischen Zwillinge, 2000
(3) Rowena Spencer, Conjoined Twins: Developmental Malformations and Clinical Implications, 2003

Liebe Grüße
Jochen
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stmst (Mo 18.05.26 12:22)
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mi 13.05.26 09:50

Mars als Gott der Landwirtschaft

Diese Münze habe ich ausgewählt, weil mir die Getreideähre aufgefallen ist. Und dadurch bin ich auf einen Aspekt des Mars gekommen, der vielen neu sein wird, wie ich hoffe. Es ist die einzige Münze, die ich kenne, auf der Mars mit einer Getreideähre abgebildet ist.

Münze:
Römische Republik, L. Valerius Flaccus, gens Valeria
AR – Denar, 3.93g, 18.18-19.73mm, 135°
          Rom, 108-107 v. Chr.
Av.: Büste der Victoria, geflügelt, drapiert, mit Haarknoten, Perlenhalsband und Ohrring, n. r.
unter dem Kinn Wertzeichen X mit Querbalken (16)
Rv.: L.VALERI / FLACCI
       Mars, nackt, behelmt, mit Schärpe, n. l. gehend, hält Speer in der li, Hand und und tropaeum unter dem li. Arm; 
        li. Apex (Kopfbedeckung der Flamen), re. große Getreideähre
Ref.: Crawford 306/1; Sydenham 565; Valeria 11
ovaler Schrötling, flache Prägung auf der li. Rückseite
L.Valerius Flaccus_Cr306_1.jpg
Die gens Valeria:
Die gens Valeria ist eine der ältesten patrizischen Familien Roms. Sie ist wohl sabinischen Ursprungs und war mit Titius Tatius nach Rom gekommen. Ihre Mitglieder gehörten von Beginn der Republik an zu den am mei-sten verehrten Staatsmännern und Heerführern. Sie bestand später aus zahlreichen Zweigen, zu denen auch plebejische gehörten. Sie spielten eine große Rolle bei der Verteidigung der Republik und waren Wegbereiter der römischen Freiheit, indem sie Gesetze durchsetzten, die die Rechte der Bürger stärkten.

Etymologie:
Die Etymologie des Namens „Mars“ wird lang diskutiert. Manchmal liest man, daß es von einem früheren Mavors abstammen könnte, das mit dem oskischen Mamers verwandt ist. Aber das wäre ohne Analogie. Von Māvors führt kein Weg zu Māmers (Altheim). Der älteste bekannte Name lautet Māmars (um 500 v.Chr.) und scheint die Verdoppelung eines noch älteren Namens zu sein, ähnlich wie das kindliche „Mama“, wodurch man die Bedeutung verstärkt. Die Reihenfolge könnte dann so aussehen (Radke):

Da Māvors ausscheidet, läßt sich Marmar und Māmers durch Reduplikation von Mars erklären, wenn man von smăr- als Reduktionsstufe von smĕr- („zuteilen“) nach den Regeln nominaler Reduplikation ausgeht. Das führt zu den Vokativen Mármár und Mármŏr (wie im Carmen arvale) und zum Nominativ *marmors, der nach den obliquen Kasus *māmortis, *māmorti, ebenso wie der Vokativ Māmŏr zu *māmors ausgeglichen wurde. Māmers ist dann durch die nur innerhalb des Lateinischen bekannte Volkalabschwächung, also von Rom selbst aus verbreitet worden. Mars wäre damit derjenige, der zuteilt.

Mars und die Pflanzen:
Bereits bei der Geburt des Mars spielte die Pflanzenwelt eine bedeutende Rolle. Ovid erzählt, daß Juno, die Göttin der Mutterschaft und der Geburt, erzürnt darüber war, daß Juppiter die Minerva ohne Zutun einer Frau aus seinem Kopf hervorspringen lassen konnte, und sann auf Rache. Sie bat Flora um Hilfe und die erzählte ihr von einer besonderen Blume, die den Frauen helfen konnte, Kinder ohne die Mithilfe eines Mannes zu bekommen. Juno pobierte sie an einer Kuh aus und als die ein Kalb bekam, benutzte sie diese Blume selbst und gebar Mars. Einiges spricht für eine Orchidee, deren Wurzelknollen wie 2 Hoden (griech. Orchis) aussehen, woher sie auch ihren Namen hat.
Orchis simia.jpg
Affen-Knabenkraut (Orchis simia), Kränzlein/Müller, 1904 (Wikimedia)

Mars im Kult:
Wir alle kennen Mars als römischen Kriegsgott. Aber ursprünglich war Mars kein Kriegsgott. Schon immer wurde unterschieden zwischen dem kriegerischen Kult des Mars, der von den Saliern versehen wurde, und einem agrarischen Kult, den die Arvales bedienten.

Die Arvalbrüder („Brüder des Ackers“), deren Abzeichen ein Ährenkranz war, waren ein 12-köpfiges Priesterkollegium aus der ältesten Zeit Roms. Bereits zur Zeit der römischen Republik wurde ihr Sinn kaum noch verstanden und erst durch Augustus wurde ihr Kollegium im Zuge der Restauration alter Sitten wiederbelebt. Der Kult der Arvalbrüder blieb aber immer außerhalb des Pomeriums, der sakralen Grenze der Stadt Rom (Servius; Vitruv), so wie Mars ursprünglich nur außerhalb der Stadt auf dem nach ihm benannten Marsfeld (Campus Martis) verehrt wurde. Er war der Wächter der Grenzen.

Das Carmen arvale, das alte Kultlied, war ein Hymnus auf die Dea Dia und Mars, der dort Marmor heißt. Darin steht er in einer Reihe mit den Saatgöttern und wird aufgerufen, die Ernte zu beschützen und Verderben von ihr fernzuhalten. Er war eine Agrargottheit, die von den Bauern angerufen wurde, um günstige Bedingungen für das Wachstum zu schaffen und die Ernte vor Naturgewalten und Schäden zu bewahren. Er war zuständig für die Fruchtbarkeit, das Wachstum und den Schutz der Felder, wodurch er für das Überleben und die Versorgung der römischen Bevölkerung von zentraler Bedeutung war.

Mars als Frühlingsgott:
Mars war ein Frühlingsgott und seine Feste wurden zu Beginn des Frühjahrs, wenn die Getreidesaat ausgebracht wurde, gefeiert (Roscher). Der erste Monat des Jahres im alten Kalender der Römer war dem Mars geweiht und nach ihm Mensis Martius genannt. Mars wurde bei der rituellen Reinigung der Äcker angerufen. Cato beschreibt die Ambarvalia, die Feldopfer im Früh-jahr zu Ehren des Mars: Die jungen Opfertiere Ferkel, Lamm und Kalb (Suovetaurilia) wurden vor der Schlachtung rund um das Feld getrieben. Diese Rituale hatten nicht nur religiöse, sondern auch soziale Funktionen und spiegelten die Verbundenheit der Menschen mit den natürlichen Zyklen wider.

Am 1. März, dem Beginn des alten römischen Jahres, begann mit den Feriae Marti, den Marsfeiern, eine Periode von Festen zur Feier des Rückkehr des Frühlings und des Beginns der Zeit für die Feldzüge, die bis zum Ende des Monats dauerte. Das bedeutendste waren wohl die Matronalia der Iuno Lucina, die an diesem Tag, der natalis Martis, den Mars geboren haben soll. An diesem Tag sei auch nach der Version von Ovid und Plutarch die Originalancile, der heilige Schutzschild des Mars, vom Himmel gefallen.

Am 14. März. zur Zeit des Frühlingswindes Favonius und wenn die Schwalben wiederkamen (Plinius), fanden auf dem Marsfeld die Equirria statt, Reiterspiele, die bereits Romulus zu Ehren des Mars eingesetzt hatte. Der Höhepunkt war ein Wagenrennen.

Am 17. März wurden das Agonium Martiale gefeiert, ein Frühlingsfest zum Beginn der Landwirtschaft und der Kriegszüge. Es fand gemeinsam mit den Liberalia statt, an dem die jungen Männer die Toga verliehen bekamen.

Auf den 25. April, des zweiten Frühlingsmonats, fielen die Robigalia, ein Fest zu Ehren des Robigus, dem man die Entstehung des Getreiderostes, einer gefürchteten Getreidekrankheit, zuschrieb (lat. robigo = Rost) und den man besänftigen wollte (Varro). Von Tertullian wis-sen wir, daß an diesem Tage auch Mars als Abwehrer dieses Schadens, angerufen wurde. Mommsen vermutet, daß Robigus ursprünglich ein Sonderaspekt (Indigitation) des Mars Silvanus gewesen ist. Dies wird dadurch bestätigt, daß die Flamen des Quirinus, des sabinischen Doppelgängers des Mars, bei dieser Feier eine wichtige Rolle spielten (Ovid)

Wie wurde Mars zum Kriegsgott?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Der zeitliche Zusammenhang mit dem Krieg ist offensichtlich. Der Frühlingsbeginn mit den Festen zu Ehren des Mars war auch der Beginn der Zeit der Kriegszüge. Und wenn Mars im Herbst mit Prozessionen auf dem Marsfeld für den Ernteertrag gefeiert wurde, fiel das mit dem Ende der Kriegszüge zusammen. Im Winter wurde nicht gekämpft.

Als Gott, der die Felder einteilt, war Mars auch gleichzeitig der Beschützer ihrer Grenzen. Im Carmen arvale wird mehrfach triumpe gerufen, die Aufforderung im Dreisprung zu springen. Dieser Ruf, von dem unser Triumph stammt, hatte einen abwehrenden Charakter. So entwickelte sich die Gottesvorstellung dahin, daß Mars zum Synonym der Abwehr und dann des Krieges wurde. In der Redensart Invadunt Martem (= sie began-nen den Krieg) ist er zum Krieg selbst geworden!

Aber auch als Gott des Krieges war Mars nie das römische Äquivalent zu Ares, dem griechischen Kriegsgott. Ares war ein blutdürstiger Schlächter, den die Griechen hassten und für den es auch keinen Kult gab wie für Mars bei den Römern. Mars dagegen war der Gott des gerechten Krieges und hatte als Ziel des Krieges immer auch den Frieden im Auge.

Quellen:
(1) Ovid, Metamorphosen; Fasti
(2) Plutarch, Numa
(3) Varro, Antiquitates
(4) Cato, de agri cultura
(5) Plinius, Naturae Historia
(6) Tertullian, de spectaculis

Literatur:
(1) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(2) Der Kleine Pauly
(3) Franz Altheim, Geschichte der lateinischen Sprache, 1951

Online-Quellen:
(1) Wikipedia
(2) Wikimedia

Ein frohes Pfingstfest
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 23.05.26 12:02

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » So 24.05.26 09:22

Peter43 hat geschrieben:
Mi 13.05.26 09:50
... Es ist die einzige Münze, die ich kenne, die Mars mit der Landwirtschaft verbindet. ...
Wobei die Getreideähre hier mit dem dargestellten Mars so ganz direkt wohl gar nichts zu tun hat, sondern eher auf etwas anderes verweisen soll :? .

Bereits in Ernest Babelon, "Description historique et chronologique des monnaies de la République romaine", 2 Bände, Paris 1885, findet man in Band II auf Seite 511 bei diesem Münztyp den Kommentar:
"Mars casqué portant un trophée se rapporte aussi à quelque succès militaire d'un des ancètres du monétaire. ... l'épi de blé, qui doit faire allusion à quelque distribution gratuite de blé au peuple de Rome, n'a pas encore reçu son application à un fait historiquement connu."
Die Ähre beziehe sich also auf das Thema kostenlose Getreideverteilung.
=> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k ... /f521.item

In H. A. Grueber, "Coins of the Roman Republic in the British Museum, vol. II" (BMCRR), London 1910, heißt es auf Seite 300 in Fußnote 3:
"The types, both obverse and reverse, appear to record three events connected with the Valeria gens—(i.) the successes of L. Valerias Flaccus in the north of Italy against the Gauls in B.C. 194, represented by Victory and Mars ; (ii. ) the colonization of Placentia and Cremona by the triumvir of the same name in B.C. 190, referred to by the corn-stalk ; and (iii.) the appointment of L. Valerius Flaccus, the consul of B.C. 131, as flamen Martialis, illustrated by the cap or apex."
Auch hier wird die Ähre nicht als Anspielung auf einen agrarischen Charakter des Mars interpretiert.
=> https://archive.org/details/in.ernet.dl ... 3/mode/2up

Auch in Andreas Alföldi, "The Main Aspects of Political Propaganda on the Coinage of the Roman Republic", in Carson und Sutherland, "Essays in Roman coinage presented to Harold Mattingly", Oxford 1956, heißt es auf Seite 93:
"The second main theme of the agitation of the populares concerned the agrarian reforms and the corn supply. The most frequently employed symbol of this programme was the corn-ear. It appears as early as the period of the Gracchi, accompanying the monument of one famous friend of the people, L. Minucius (Pl. 26, no. 15; Pl. 27, no. 16). (...) Similar hints must be sought in the corn-ears of the chronologically related types of Cn. Domitius (Pl. 28, no. 5), T. Clodius (Pl. 29, no. 5 rev.), and L. Julius (Pl. 32, no. 6), and in the later ones of L. Valerius Flaccus (Pl. 95, no. 12) and T. Vettius Sabinus (Pl. 43, no. 7)."
Es gab also noch mehr Münzen mit Getreideähre drauf, aber ohne Mars :D .
=> https://archive.org/details/in.gov.ignc ... 7/mode/2up
Peter43 hat geschrieben:
Mi 13.05.26 09:50
... Ares war ein blutdürstiger Schlächter, den die Griechen haßten und für den es auch keinen Kult gab. ...
So formuliert ist das mit dem fehlenden Kult bei den Griechen ja wohl falsch :| , schon im Roscher Band I wird auf Spalte 484 f. eine ganze Menge davon aufgezählt :D => https://archive.org/details/ausfhrliche ... 2/mode/2up . Einen Arestempel gab es beispielsweise in Metropolis in Ionien (um mal den erst in augusteischer Zeit auf Ares umgewidmeten in Athen beiseitezulassen).

Außerdem hat es Ares auch auf eine ganze Menge an griechischen Münzen geschafft, ganz so unbeliebt kann er da nicht gewesen sein :D . Wie bei den meisten Götterdarstellungen auf griechischen Münzen steht der Name zwar meist nicht dabei, da müssten sich aber schon Generationen von Numismatikern geirrt haben, wenn das immer jemand anderes gewesen sein sollte. Und bei den Mamertinern steht der Name dann auch explizit drauf :D :
https://archaeologie.uni-muenster.de/ik ... ?id=ID4432
https://archaeologie.uni-muenster.de/ik ... ?id=ID4378

Gruß

Altamura
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Altamura2 für den Beitrag:
justus (So 24.05.26 10:03)

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Lucius Aelius
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Lucius Aelius » So 24.05.26 23:40

Peter43 hat geschrieben:
Mi 13.05.26 09:50

Es ist die einzige Münze, die ich kenne, auf der Mars mit einer Getreideähre abgebildet ist.
Jetzt kennst du zwei 😉
https://share.google/zndyfhMnQRbDKM2Ck
Gruss
Lucius Aelius

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Mo 25.05.26 09:33

Hallo Lucius Aelius!

Herzlichen Dank für den Hinweis.

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » Mo 25.05.26 09:34

Lucius Aelius hat geschrieben:
So 24.05.26 23:40
... Jetzt kennst du zwei 😉 ...
Dazu gibt es eine schöne Interpretation von Mareile große Beilage (die hieß wirklich so 8O (ist jetzt aber verheiratet und heißt nun Rassiller) => https://www.mannheim24.de/mannheim/mann ... 09687.html ), geht allerdings in eine ganz andere Richtung (der Valerius Flaccus-Denar kommt aber auch vor :D ) => https://ejournals.uni-muenster.de/index ... /3071/3012

Gruß

Altamura
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Lucius Aelius » Mo 25.05.26 13:26

In meinen Augen muss die Priesterkappe nicht zwingend als Zeichen für einen flamen Martialis stehen (auch wenn Vater und Grossvater das nachweislich waren). Diese Form der apex wurden von allen 3 Priestergruppen der Republik getragen. Da nun ein Valerius 209 v.Chr. ein flamen Dialis war stand er im Amt höher wie ein flamen Martialis. Man kann nun fraglos auch argumentieren, dass der Münzausgeber mit der apex nur auf das höchste priesteramt hinweisen wollte, was sein Geschlecht je erreichte. Oder aber, dass viele flamines maiores aus der gens Valeri entstammen.
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Gruss
Lucius Aelius

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