„Wer gut webt – der gut lebt !“
Münzprägung in der Reichsstadt Kaufbeuren und deren wirtschaftlichen Prämissen
In Goldukaten und Goldkronen und im Silbergeld von Talern, Halbtalern, Vierteltalern und Kreuzern baden wie im Trust von Dagobert Duck:
wer träumte nicht davon, heute – und gestern ! Der Goldschimmer und metallische Klang von Gold- und Silbermünzen wirkten magisch auf Kaiser, Könige einst, und ebenso noch heute auf die Münz-Sammler.
Über„unbekannte Münze aus Kaufbeuren (?)“, und nun focussiert auf die Münzstätte der Reichsstadt Kaufbeuren, fragen wir:
Wie kommt diese Stadt Kaufbeuren im Süden des römisch-deutschen Kaiserreichs zu Reichtum und Ehre einer solch umfänglichen Münzproduktion –
Was war ihr wirtschaftliches Fundament in der Zeit der Münzprägung von 1540 bis 1555 !
- Kein Goldesel auf dem Dorfanger produzierte ja das schöne Münzgeld.
Kaufbeuren, die am Wertach-Fluss gelegene Weberstadt im geografischen Wirtschaftsraum Allgäu, Regierungsbezirk Bayerisch-Schwaben,
im Städtezusammenhang von Kempten, Memmingen, Augsburg, Ulm und München. Etwa 40 Kilometer vor den Alpenübergängen und nahe der Römerstrasse Via Claudia Augusta, der alten Handelsverbindung von Italien über Innsbruck, Füssen nach Augsburg (dem römischen Augusta Vindelicorum) gelegen. Und darüber hinaus verbunden mit den Wirtschaftsplätzen der Rheinmetropolen um Köln und den reichen Niederlanden bis hin nach Engeland.
Reichtum generierte im Hoch- und Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit das „blaue !“ Allgäu: blau blühende Leinfelder bringen in der regengesättigten Region vor den Bergen in grossen Mengen den stetig nachwachsenden Rohstoff Flachsfaser hervor für die hier in den Städten angesiedelte bedeutende europäische Textilproduktion.
Rohstoffproduktion von Flachs, die Verarbeitung durch Weberei zu Leinen- und später Barchentprodukten (unter Verwendung von Baumwolle) und die Vermarktung der Produkte durch Handel nach nah und fern, geben der gesamten Region Arbeit, Verdienst, - Reichtum.
Kaufbeuren ist in Hoch- und Spätmittelalter bis in die Neuzeit vorwiegend also eine Weberstadt, daneben Waffenschmiede, Papiermühle ab 1312, Landwirtschaftlicher Markt. In Kaufbeuren siedeln sich einflussreiche Handelsfamilien an, mit Handelsplätzen für den Fernhandel in Bozen nach Italien/Venedig, dem Tor des Orienthandels, bis hin zu den hochentwickelten flämisch-niederländischen Textilzentren. Die Sicherung des Alpenübergangs nach Italien im Hoch- und Spätmittelalter verleiht der gesamten Region eine herausgehobene politisch-strategische Bedeutung, mit einer dichten Städtelandschaft und vielen Burgen- und Kloster- und Kleinherrschaften. Durch die Fürstengeschlechter der Welfen und der schwäbischen Stauferkaiser liegt der Schwerpunkt bis zum ausgehenden Mittelalter im Süden des Reiches.
Der zur Sicherung der Lechgrenzgebiete gegen Bayern hin um 740 gegründete fränkische Königshof nannte sich zuerst „
Buron“. Urkundlich erstmals erwähnt im Jahr 1116, entwickelte sich der Ort aufgrund Lage und wirtschaftlicher Bedeutung schnell um 1215 zur Stadt. Im Jahr 1240 stellt König Konrad IV. für Kaufbeuren die allererste Königsurkunde des Reiches in deutscher Sprache aus. Nach dem Tod des letzten Staufers Konradin im Jahr 1268 fällt die Stadt Beuren an das Reich. Rudolf von Habsburg verleiht der Stadt am 3. Februar 1286 das
Freie Reichsstadt-Privileg nach Ulmer Rechtsvorbild. Die freie Reichsstadt benennt sich aufgrund der wachsenden Wirtschaftskraft und als Handelsort bald nach 1300 von
„Buron“ nach „Kauf-“buron um, auch Kaufbira, Kaufbeiren, Kauffbeuren, Kaufbeuren. Der gespaltene
Wappenschild mit Reichsadler auf der linken Seite und rechts mit dem Balken mit den Sternen, erscheint ikonisch ab dem Jahr 1449.
Die bedeutende Textilproduktion in der Region im 13. bis 15. Jahrhundert machte zunächst die Stadt Ulm zur wirtschaftlich, kulturell und auch politische führenden Stadt des schwäbischen Bundes, mit einer hohen Einwohnerzahl um die 20.000. Die mit Kaufbeuren durch den Wertach-Fluss verbundene Stadt Augsburg, u.a. durch die Handelsfirma der Fugger reich geworden, entwickelte sich dann im 15. und 16. Jahrhundert durch ihr Finanzwesen, Fernhandel, Kunst- und Gewerbeproduktion, mit einer Einwohnerzahl von 30. bis 35.000 zu der, neben Nürnberg, führenden Stadt im Süden des Reiches. Kaufbeuren mit einer Einwohnerzahl um die 3000 bis 3500 Einwohner zählte zu den Mittelstädten.
Die räumliche Nähe von Ulm wie auch Augsburg begünstigte die gute wirtschaftliche Entwicklung Kaufbeurens und beförderte auch den städtebaulichen Ausbau der Stadt. Führende Patrizier wie der einflussreiche Faktor des Fuggerschen Silberbergbaus in Hall Georg von und zu Hörmann nahmen ihren Wohnsitz in Kaufbeuren.
Unter
Kaiser Maximilian I. (reg. 1486 bis 1519) mit seinen ständig wechselnden Aufenthalten zwischen Innsbruck und Augsburg, wurden Kaufbeuren und auch Füssen zum vielfachen Aufenthaltsort des Kaiser: in Kaufbeuren sind wenigstens 13 Aufenthalte schriftlich dokumentiert, im nahen Füssen bis zu 37 Aufenthalte des Kaisers. Der Kaiser erwarb in Kaufbeuren am Hauptplatz des Stadt ein eigenes Patrizier- und kaiserliches Wohnhaus, heute Ort der evangelischen Dreifaltigkeitskirche. Die wirtschaftliche Blüte der Stadt Kaufbeuren setzte sich unter König Ferdinand I. und seinem kaiserlichen Bruder Karl V. fort.
Bereits von Maximilian I. angeregt, verlieh
Kaiser Karl V. der Reichsstadt Kaufbeuren am 10. November 1530 das kaiserliche Reichsprivileg zur Herstellung und Ausmünzung von eigenen Silbermünzen mit dem Konterfei des Kaisers, dabei auch zur Ausprägung von Goldkronen und Goldflorinen für den internationalen Fernhandel nach Italien und Frankreich:
die intensive Münztätigkeit in Kaufbeuren erfolgte dann in den Jahren 1540 bis 1555.
Die wirtschaftliche und kulturelle Blüte der Stadt (mit Künstlern wie Jörg Lederer, Hans Kels, Loy Hering, Jörg Mack, u.a) hielt bis etwa ins Jahr 1580 an. Danach machten sich im Wirtschaftsleben die erfolgten geopolitischen Veränderungen in den Fernhandelsbeziehungen bemerkbar.
Äussere und innere Religionsstreitigkeiten und kriegerische Ereignisse, der Dreissigjährige Krieg mit Pestepidemien, bewirkten grösste Bevölkerungsverluste und wirtschaftliche Stagnation der Reichsstadt Kaufbeuren. Im Jahr der Kipper- und Wipperzeit 1622 bringt die Reichsstadt Kaufbeuren noch die Kupfermünze im Wert von 1 Kreuzer heraus, danach aber keine weiteren Währungsnominale. Es folgen noch Medaillen nach, aus Anlass besonderer Jubiläen und zur Ehrung verdienter Persönlichkeiten der Stadt Kaufbeuren.
„Wer gut webt, der gut lebt !“:
mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls 1785 schmolzen für Kaufbeuren auch noch die Grundlagen wirtschaftlichen Wohlstands generiert durch Handweberei dahin. Noch 1796 lebte die Hälfte des Kaufbeurer Gewerbes von der Weberei, - und verarmte weiter. Am 25. Februar 1802 beendete der Reichsdeputationshauptschluss die Jahrhunderte alte Reichsfreiheit der Stadt Kaufbeuren. Die ehemals freie Stadt Kaufbeuren wurde dem um die schwäbischen und fränkischen Gebiete erweiterten neubayerischen Staat, ab 1806 Königreich Bayern, einverleibt.
Der Strukturwandel in den Produktionsbedingungen überführte Kaufbeuren im frühen 19. Jahrhundert ins industrielle Zeitalter. Die 1839 von Wagenseil, Walch und Heinzelmann in Kaufbeuren gegründete Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei gab bis zu eintausend Webern wieder Arbeit und Brot. Bahnhofs- und Gleisbau schlossen die Stadt am 1. September 1847 an das nationale Bahnnetz an mit Absatzmärkten in der
85 Kilometer entfernten Landeshauptstadt München: für Kaufbeuren und die Region war eine neue Zeit angebrochen:
das Allgäu wandelte sich vom „blauen“ Allgäu als Hotspot der Leinenweberei hin zum „grünen“ Allgäu.
Kaufbeuren als Teil des „grünen Allgäu“, geprägt von der Verarbeitung von Produkten der Weide- und Milchwirtschaft und begehrte Urlaubs- und Touristenregion, Stichwort: historische Städtelandschaft, Berge und Seen, und: „Schloss Neuschwanstein": ein neues Allgäu-Klischee ist geboren.
Die Kreisfreie Stadt Kaufbeuren heute mit seinen über 48.000 Einwohnern ist Industrie- und Bundeswehrstandort, verarbeitendes Gewerbe, Handwerk, Tourismus, Dienstleistungs- und Schulstadt. Tänzelfest.
Moderne Stadt mit einer langen Tradition.