Neben der Zunftmarke der Waagdrager sind mir in Amsterdam keine Marken bekannt, die im Zusammenhang mit der Nutzung der Waage stehen. Das sieht in deutschen Städten anders aus.
Thomas-Michael Kahl hat einen Artikel über die Augsburger Wiegezeichen veröffentlicht aus dem ich in einem Beitrag über diese Augsburger Marken zitiert habe (viewtopic.php?f=45&t=67264&p=590074&hilit=Kahl#p590074)
Ähnliches gilt für Nürnberg. Seit dem 14. Jahrhundert befand sich eine Waage in der Winklergasse, die sog. „Fron-Waag“ (d.h. Herrn-Waag), auch die kleinere oder untere Waage genannt. Dort wurde auch 1497 von Hans Benheim d.Ä. ein Waaggebäude errichtet.
Das Gebäude wurde leider im WWII komplett zerstört, erhalten geblieben ist das sog. Waagrelief, das von dem berühmten Nürnberger Bildhauer Adam Kraft 1497 in Sandstein gehauen wurde.
Kopie
Es bildet die Waage als Symbol für den Handel, aber auch als Sinnbild des gerechten Ausgleichs, ab. Es zierte ursprünglich das historische Gebäude der Alten Stadtwaage. Dort mussten die Kaufleute ihre Waren vor deren Verzollung wiegen lassen. Die Inschrift „dir als ein andern“ bezeugt die Unbestechlichkeit und Objektivität des kommunalen Amtes. Ferner beherbergte das Gebäude der Alten Stadtwaage die „Herrentrinkstube“. Die einheimischen und ausländischen Kaufleute nutzen den Treffpunkt, um Geschäfte untereinander abzuschließen und um sich untereinander informell zu organisieren, bevor Marktregeln für den Nürnberger Handel eingeführt wurden. Daher gilt die Herrentrinkstube auch als Keimzelle der kaufmännischen Selbstverwaltung.
Neben der alten Waage auf der Sebalder Stadtseite wurde 1571 auf der Lorenzer Seite im Kornhaus noch eine weitere Waage eingerichtet: „die neue Waag“. 1572 wurde in Nürnberg ein „Neuer Zoll“ eingeführt und das Kornhaus als Zollhaus betrieben.
Gebert kennt alleine 37 dieser Marken, von denen ich hier drei zeigen möchte.
Nach Gebert sind die Marken o.J. und die mit den Jahreszahlen 1524-67 der Alten Waag, die häufigeren von 1571 und 1572 dagegen der Neuen Waag zuzuschreiben.
Cu-Quittungsmarke des Waagamtes o.J. (Alte Waag) zum Wiegen von Fässern
24 mm, 5,31g
Gebert 179, Slg Erlanger 923, Imhof -
Exemplar der Slg. Herbert J. Erlanger, Auktion Bank Leu / Münzen und Medaillenhandlung Stuttgart, Zürich 1989, Nr. 923.
Ex Slg Merklein, Künker 375, L2061
Cu- Quittungsmarke des Waagamtes 1571 (Neue Waag) zum Wiegen von Fässern
16 mm, 0,78 g
Gebert 190, Slg Erlanger 934, Imhof -, Neumann 6910
Interessant ist, dass die Marken des Neuen Waag deutlich kleiner und viel leichter sind.
Cu-Quittungsmarke des Waagamtes 1571 (Neue Waag) für eine unbekannte Verwendung
17 mm, 0,81 g
Gebert 197, Slg Erlanger 937, Imhof -, Neumann 6909 (dort fälschlicherweise Losungsamt)
Es gibt mehrere Marken, auf deren Revers das abgebildete Symbol sich bisher – wie bei dieser Marke - einer Deutung entzog.
Neben Zunft- und Quittungsmarken gibt es noch eine dritte Art von Zeichen, die in Verbindung mit der Stadtwaage stand. Als in Nürnberg im 17. Jahrhundert für alle Ämter neue Präsenzzeichen gefertigt wurden, erhielt wohl auch die Waagherren des Waagamtes solche:
21 mm, 3,88 g
Gebert 203, Imhof -, Slg. Erl. -, vgl. Stahl 748 (Nr. 2)
Die Zahl gibt es als 1-4. Diese bezieht sich auf das jeweilige Quartal.
Literatur
Alte Waage und Waagrelief
https://www.nuernberg.museum/projects/s ... alte-waage,
https://wp2.ihk-nuernberg.de/antworten/ ... x%5B1%5D/0
Marken
Gebert, Carl Friedrich: Die Marken und Zeichen Nürnbergs, 1901.
Thomas Michael Kahl: Vertrauen ist gut … Kontrolle ist besser…Augsburger Wiegemarken;
Beitrag auf der Website Schwäbischer Münzclub Augsburg
Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund
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MartinH
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund - Hildesheimer Mühlenzeichen
Numis-Student hat weiter oben ein Hildesheimer Mühlenzeichen von 1658 eingestellt (viewtopic.php?f=63&t=72668&start=90#p658945) , daran möchte ich anknüpfen, ein paar weitere Beispiele zeigen und auf den historischen Hintergrund eingehen.
Es mag viele Gründe für die Einführung von Marken geben, ein Grund stand dabei aber im Vordergrund: „Und führet Sie nicht in Versuchung“ – die Angst des Dienstherrn (Magistrat) vor dem Betrug durch die Untergebenen, so wie es Thomas-Michael Kahl in seinem Beitrag über die Augsburger Wiegemarken und Michael Mehl in seinem Artikel über die Hildesheimer Marken geschrieben hat.
Und so hat Hildesheim beginnend am Anfang des 17. Jahrhunderts ein umfangreiches Markensystem entwickelt, welches in dieser Form in keiner anderen Stadt zu finden ist. Die Mühlenzeichen stechen dabei besonders hervor.
In einer Ausgabe des „Leaden Token Telegraph“ bezeichnet David Powell sie als Musterbeispiel für eine „Multi-Dimensionale Serie“, von der es von jeder Jahreszahl 24 verschiedene Marken gab. Dazu kommen Stempelvarianten (vermutlich ohne Bedeutung) und Gegenstempel.
Eine ähnliche Komplexität, aber weniger strukturiert und weitestgehend in Ihrer Funktion unbekannt, haben m.W. ansonsten nur die Fronmarken der Stadt Danzig aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.
Die ersten Marken dieses Systems stammen aus dem Jahre 1601, es folgten Marken in den Jahre 1609, 1626 und die recht häufigen aus dem Jahre 1658. Im Gebrauch waren die Marken bis 1802 (!) und einige von Ihnen erlebten ab 1839 eine Wiederverwendung – gekennzeichnet mit dem Gegenstempel „gekröntes gotisches h“ als Weidezeichen. Dazu später.
Verwendung als Nachweis zur Zahlen der Mahlabgabe (Mühlenzeichen)
Mehl bezieht sich in seinem Artikel „Bargeldloser Zahlungsverkehr“ aus dem Jahre 1973 i.W. auf den Beitrag von Cappe von 1855, aus dem ich zitiere:
„Seit Jahrhunderten bestand für die Altstadt die Einrichtung, daß in einer sogenannten Bude unter dem Rathhause die Zeichen zum Mahlen oder Schroten des Korns auf den städtischen Mühlen, gegen eine Abgabe, gelöset werden mußten. Diese aus verschiedenen Metallen bestehenden Zeichen wurden mit dem zum Mahlen bestimmten Getreide an die von dem Magistrat beeidigten Mühlenknappen abgegeben, und von diesen dann erstere in eine verschlossene Büchse, wozu der Acciseschreiber den Schlüssel führte, geworfen, welche Ende jeden Monats oder Vierteljahres geöffnet, und worauf der Inhalt zur weiteren Berechnung herausgenommen wurde.
Die am 15ten August 1583 zwischen der Alt- und Neustadt Hildesheim geschlossene Vereinbarung (Anm.: Unionsvertrag) führte unter andern auch herbei, daß von Seiten des Altstädter Magistrats ein Bürger der Neustadt als Erheber der Mühlenabgabe in Eid und Pflicht genommen und zur Bequemlichkeit der Bewohner daselbst mit Austheilung der Mühlenzeichen beauftragt wurde. Dieser berechnete sich dann hinsichtlich der nach und nach verausgabten Zeichen mit dem Acciseschreiber der Altstadt. Um aber die Mühlenzeichen der Neustadt von denen der Altstadt gehörig unterscheiden zu können, wählte man für erstere die viereckige, für letztere die runde Form.“
Hildesheim besaß um das Jahr 1600 mindestens 6 Mühlen. Bereits vorher gab es auch andersartige Pb-Mühlenzeichen, bei denen die Mühle explizit genannt wurde (BM = Bischoffsmühle und GM = Godehardsmühle).
Mit der königlich-preussischen Besitznahme der Stadt im Jahre 1802 wurde der Umlauf dieser Zeichen beendet. Nach Dangers wurden viele Zeichen eingeschmolzen.
Auf einigen dieser Zeichen befindet sich als Gegenstempel auch das „Alte Stadtwappen“ und das "Neue Stadtwappen".
Ob im Buck & Bahrfeldt sich noch weitergehende Informationen befinden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Hier einige Beispiele:
Mühlenzeichen der Altstadt für das Mahlen von einem halben Scheffel Roggen, 1601
24 mm, 3,31 g, Kupfer
Cappe 965
Mühlenzeichen der Altstadt für das Mahlen von einem halben Scheffel Roggen, 1626
mit Gegenstempel „Altes Stadtwappen“
23 mm, 1,39 g, Kupfer
Cappe 990
Eine Besonderheit stellen die Zeichen aus dem Jahre 1633 dar, da bei Ihnen nicht das Neue Stadtwappen im Avers sondern das Stiftswappen abgebildet ist. Im dreißigjährigen Krieg geriet das Gleichgewicht zwischen Stift und Stadt aus dem Lot. General Papenheim (Stellvertreter Tillys, des Oberbefehlshabers der Liga-Truppen, und als dessen Nachfolger vorgesehen) belagerte die Stadt erfolgreich 1632 und drängte die Schweden mit der Einnahme in die Defensive. Während der Anwesenheit seiner Truppen wurden die Marken mit dem Stiftswappen herausgegeben. Leider habe ich diese Marke nicht in meiner Sammlung.
Die häufigsten Marken sind die von 1658:
Entnommen aus dem LTT, Jul/Aug 2024.
Natürlich gibt es auch die beiden „als not seen“ bezeichneten Exemplare. Das mit ½ Korn ist bei Cappe als Zeichnung abgebildet, das mit 6 Körnern befindet sich z.B. in meiner Sammlung:
Mühlenzeichen der Altstadt zum Schroten von 2 Malter Getreide fürs Vieh, 1658
25,3 mm, 7,30 g, Pb
Cappe –
Selten sind dagegen die Zeichen mit dem Gegenstempel des „Neuen Stadtwappens“:
Mühlenzeichen der Neustadt zum Mahlen von 6 Scheffeln Roggen, 1658 mit dem Gegenstempel „Neues Stadtwappen“
26 x 26 mm, 6,38 g, Kupfer
Cappe 1051
Über die Bedeutung der Gegenstempel mit dem "Alten Stadtwappen" bzw. dem "Neuen Stadtwappen" habe ich leider nichts gefunden.
Verwendung als Zeichen zum Nachweis der Zahlung des Weidegeldes
Hierzu schreibt Mehl:
„Allen Bürgern, die sich eine oder mehrere Kühe hielte, standen die städtischen Weiden, wie üblich „Almende“ genannt, zur Verfügung. Die Stadt hatte sich außerhalb ihrer Mauern eine Reihe von Wiesen angeeignet und das oftmals unter Missachtung der Rechter der umliegenden Dörfer und Klöster. Sie nahm schließlich die gesamte Brachweide bis zu ihren Pässen hin (d.h. Borsum, Bettmar, Uppen, Itzen) für sich in Anspruch. Seit 1440 gab es drei Weidegenossenschaften, die bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortbestanden: Die Ostertor-, Hagentor- und Dammtorweidegenossenschaft. Seit 1505 ernannte der Rat zwei Weideherren als städtischen Ausschuss für alle Weideangelegenheiten. Eine ganze Reihe von Hirten übernahm die Hut der Tiere. Der vornehmste unter ihnen war der „Wischhirte“, sein nächster Amtsgenosse der „Klaphirte“, der durch „Klappern“ (er benutzte entweder eine Holzrassel oder ein Horn) morgens auf den Straßen der Stadt die Tiere sammelte und dann aus den Stadttoren auf die Weiden trieb.
Nach der Verordnung von 1440 durfte ein Vollbürger zwei Kühe halten, ein Ratmann dagegen drei und der Bürgermeister sogar vier. Ein Weidegeld zahlte man anfangs nicht, seit 1493 jedoch wurde ein Betrag von drei Schillingen eingefordert, um die durch Instandhaltung der Wiesen und Entlohnung der Hirten entstehenden Kosten zu decken. Ob schon in der Zeit, als die anderen Marken (Mühlenzeichen) im Gebrauch waren, auch für die Nutzung der Almende irgendein Zeichen dieser Art Anwendung gefunden hat, ist unbekannt.
Jedenfalls wissen wir, dass seit 1839 die alten messingen Mühlenzeichen, die seit dem preußischem Verbot 1802 in den Schubladen des Rathauses lagen, nunmehr versehen mit einem Gegenstempel, einem mit einer Krone versehenen h, für diesen Zweck genutzt wurden. Gegen Entrichtung des Weidegeldes – für eine Kuh musste man jährlich 18 gute Groschen und 6 Pfennige bezahlen – gab der Stadtkämmerer eine derartige Marke aus, die dann dem Kuhhirten auf der städtischen Weide weiterzureichen war. Dieser kontrollierte die Anzahl der zur Weide geführten Tiere und gab dann die Marken an den Magistrat wieder zurück.
Nach Neumann waren es Weidezeichen der Altstadt unabhängig davon, ob Mühlzeichen der Alt (rund)- oder Neustadt (viereckig) verwendet wurde.
Weidezeichen aus einem Mühlenzeichen der Neustadt zum Mahlen von einem Scheffel Weizen, 1658.
29 x 29 mm, 10,42 g, Messing
Cappe Seite 207 (ohne Nummer), Neumann 8539
Daneben wurden Mühlenzeichen auch als Polizeikontrollmarken durch Abschliff und Gravur auf der Rückseite verwendet.
Literatur
Cappe, Heinrich Philipp: Die Münzen der Stadt und des Bistums Hildesheim, 1855, S. 190ff
https://www.digitale-sammlungen.de/de/v ... 01?page=,1,
Buck und Bahrfeldt: Die Münzen der Stadt Hildesheim, Hildesheim 1937
Liegt mir nicht vor
Mehl, M.: Hildesheimer Heimat-Kalender “Bargeldloser Zahlungsverkehr"; Gerstenberg-Verlag Hild.; 1973, Seite 74ff
Dangers, Willy: Hildesheimer Mühlenzeichen dienten der Steuererhebung, Geldgeschichtliche Nachrichten 1980, Nr. 75, S. 7-8
Powell, David: Leaden Token Telegraphs, 163, Jul/Aug 2024, Page 2,
https://thetokensociety.org.uk/wp-conte ... 07_163.pdf
Sowie 2 umfangreiche Sammlungen mit Hildesheimer Marken
https://www.numisbids.com/sale/3631/category/109864?v=1 (Slg. Popken)
https://www.numisbids.com/sale/10893?se ... esheim&s=b,
Papenheim: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1 ... ndbcontent,
Es mag viele Gründe für die Einführung von Marken geben, ein Grund stand dabei aber im Vordergrund: „Und führet Sie nicht in Versuchung“ – die Angst des Dienstherrn (Magistrat) vor dem Betrug durch die Untergebenen, so wie es Thomas-Michael Kahl in seinem Beitrag über die Augsburger Wiegemarken und Michael Mehl in seinem Artikel über die Hildesheimer Marken geschrieben hat.
Und so hat Hildesheim beginnend am Anfang des 17. Jahrhunderts ein umfangreiches Markensystem entwickelt, welches in dieser Form in keiner anderen Stadt zu finden ist. Die Mühlenzeichen stechen dabei besonders hervor.
In einer Ausgabe des „Leaden Token Telegraph“ bezeichnet David Powell sie als Musterbeispiel für eine „Multi-Dimensionale Serie“, von der es von jeder Jahreszahl 24 verschiedene Marken gab. Dazu kommen Stempelvarianten (vermutlich ohne Bedeutung) und Gegenstempel.
Eine ähnliche Komplexität, aber weniger strukturiert und weitestgehend in Ihrer Funktion unbekannt, haben m.W. ansonsten nur die Fronmarken der Stadt Danzig aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.
Die ersten Marken dieses Systems stammen aus dem Jahre 1601, es folgten Marken in den Jahre 1609, 1626 und die recht häufigen aus dem Jahre 1658. Im Gebrauch waren die Marken bis 1802 (!) und einige von Ihnen erlebten ab 1839 eine Wiederverwendung – gekennzeichnet mit dem Gegenstempel „gekröntes gotisches h“ als Weidezeichen. Dazu später.
Verwendung als Nachweis zur Zahlen der Mahlabgabe (Mühlenzeichen)
Mehl bezieht sich in seinem Artikel „Bargeldloser Zahlungsverkehr“ aus dem Jahre 1973 i.W. auf den Beitrag von Cappe von 1855, aus dem ich zitiere:
„Seit Jahrhunderten bestand für die Altstadt die Einrichtung, daß in einer sogenannten Bude unter dem Rathhause die Zeichen zum Mahlen oder Schroten des Korns auf den städtischen Mühlen, gegen eine Abgabe, gelöset werden mußten. Diese aus verschiedenen Metallen bestehenden Zeichen wurden mit dem zum Mahlen bestimmten Getreide an die von dem Magistrat beeidigten Mühlenknappen abgegeben, und von diesen dann erstere in eine verschlossene Büchse, wozu der Acciseschreiber den Schlüssel führte, geworfen, welche Ende jeden Monats oder Vierteljahres geöffnet, und worauf der Inhalt zur weiteren Berechnung herausgenommen wurde.
Die am 15ten August 1583 zwischen der Alt- und Neustadt Hildesheim geschlossene Vereinbarung (Anm.: Unionsvertrag) führte unter andern auch herbei, daß von Seiten des Altstädter Magistrats ein Bürger der Neustadt als Erheber der Mühlenabgabe in Eid und Pflicht genommen und zur Bequemlichkeit der Bewohner daselbst mit Austheilung der Mühlenzeichen beauftragt wurde. Dieser berechnete sich dann hinsichtlich der nach und nach verausgabten Zeichen mit dem Acciseschreiber der Altstadt. Um aber die Mühlenzeichen der Neustadt von denen der Altstadt gehörig unterscheiden zu können, wählte man für erstere die viereckige, für letztere die runde Form.“
Hildesheim besaß um das Jahr 1600 mindestens 6 Mühlen. Bereits vorher gab es auch andersartige Pb-Mühlenzeichen, bei denen die Mühle explizit genannt wurde (BM = Bischoffsmühle und GM = Godehardsmühle).
Mit der königlich-preussischen Besitznahme der Stadt im Jahre 1802 wurde der Umlauf dieser Zeichen beendet. Nach Dangers wurden viele Zeichen eingeschmolzen.
Auf einigen dieser Zeichen befindet sich als Gegenstempel auch das „Alte Stadtwappen“ und das "Neue Stadtwappen".
Ob im Buck & Bahrfeldt sich noch weitergehende Informationen befinden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Hier einige Beispiele:
Mühlenzeichen der Altstadt für das Mahlen von einem halben Scheffel Roggen, 1601
24 mm, 3,31 g, Kupfer
Cappe 965
Mühlenzeichen der Altstadt für das Mahlen von einem halben Scheffel Roggen, 1626
mit Gegenstempel „Altes Stadtwappen“
23 mm, 1,39 g, Kupfer
Cappe 990
Eine Besonderheit stellen die Zeichen aus dem Jahre 1633 dar, da bei Ihnen nicht das Neue Stadtwappen im Avers sondern das Stiftswappen abgebildet ist. Im dreißigjährigen Krieg geriet das Gleichgewicht zwischen Stift und Stadt aus dem Lot. General Papenheim (Stellvertreter Tillys, des Oberbefehlshabers der Liga-Truppen, und als dessen Nachfolger vorgesehen) belagerte die Stadt erfolgreich 1632 und drängte die Schweden mit der Einnahme in die Defensive. Während der Anwesenheit seiner Truppen wurden die Marken mit dem Stiftswappen herausgegeben. Leider habe ich diese Marke nicht in meiner Sammlung.
Die häufigsten Marken sind die von 1658:
Entnommen aus dem LTT, Jul/Aug 2024.
Natürlich gibt es auch die beiden „als not seen“ bezeichneten Exemplare. Das mit ½ Korn ist bei Cappe als Zeichnung abgebildet, das mit 6 Körnern befindet sich z.B. in meiner Sammlung:
Mühlenzeichen der Altstadt zum Schroten von 2 Malter Getreide fürs Vieh, 1658
25,3 mm, 7,30 g, Pb
Cappe –
Selten sind dagegen die Zeichen mit dem Gegenstempel des „Neuen Stadtwappens“:
Mühlenzeichen der Neustadt zum Mahlen von 6 Scheffeln Roggen, 1658 mit dem Gegenstempel „Neues Stadtwappen“
26 x 26 mm, 6,38 g, Kupfer
Cappe 1051
Über die Bedeutung der Gegenstempel mit dem "Alten Stadtwappen" bzw. dem "Neuen Stadtwappen" habe ich leider nichts gefunden.
Verwendung als Zeichen zum Nachweis der Zahlung des Weidegeldes
Hierzu schreibt Mehl:
„Allen Bürgern, die sich eine oder mehrere Kühe hielte, standen die städtischen Weiden, wie üblich „Almende“ genannt, zur Verfügung. Die Stadt hatte sich außerhalb ihrer Mauern eine Reihe von Wiesen angeeignet und das oftmals unter Missachtung der Rechter der umliegenden Dörfer und Klöster. Sie nahm schließlich die gesamte Brachweide bis zu ihren Pässen hin (d.h. Borsum, Bettmar, Uppen, Itzen) für sich in Anspruch. Seit 1440 gab es drei Weidegenossenschaften, die bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortbestanden: Die Ostertor-, Hagentor- und Dammtorweidegenossenschaft. Seit 1505 ernannte der Rat zwei Weideherren als städtischen Ausschuss für alle Weideangelegenheiten. Eine ganze Reihe von Hirten übernahm die Hut der Tiere. Der vornehmste unter ihnen war der „Wischhirte“, sein nächster Amtsgenosse der „Klaphirte“, der durch „Klappern“ (er benutzte entweder eine Holzrassel oder ein Horn) morgens auf den Straßen der Stadt die Tiere sammelte und dann aus den Stadttoren auf die Weiden trieb.
Nach der Verordnung von 1440 durfte ein Vollbürger zwei Kühe halten, ein Ratmann dagegen drei und der Bürgermeister sogar vier. Ein Weidegeld zahlte man anfangs nicht, seit 1493 jedoch wurde ein Betrag von drei Schillingen eingefordert, um die durch Instandhaltung der Wiesen und Entlohnung der Hirten entstehenden Kosten zu decken. Ob schon in der Zeit, als die anderen Marken (Mühlenzeichen) im Gebrauch waren, auch für die Nutzung der Almende irgendein Zeichen dieser Art Anwendung gefunden hat, ist unbekannt.
Jedenfalls wissen wir, dass seit 1839 die alten messingen Mühlenzeichen, die seit dem preußischem Verbot 1802 in den Schubladen des Rathauses lagen, nunmehr versehen mit einem Gegenstempel, einem mit einer Krone versehenen h, für diesen Zweck genutzt wurden. Gegen Entrichtung des Weidegeldes – für eine Kuh musste man jährlich 18 gute Groschen und 6 Pfennige bezahlen – gab der Stadtkämmerer eine derartige Marke aus, die dann dem Kuhhirten auf der städtischen Weide weiterzureichen war. Dieser kontrollierte die Anzahl der zur Weide geführten Tiere und gab dann die Marken an den Magistrat wieder zurück.
Nach Neumann waren es Weidezeichen der Altstadt unabhängig davon, ob Mühlzeichen der Alt (rund)- oder Neustadt (viereckig) verwendet wurde.
Weidezeichen aus einem Mühlenzeichen der Neustadt zum Mahlen von einem Scheffel Weizen, 1658.
29 x 29 mm, 10,42 g, Messing
Cappe Seite 207 (ohne Nummer), Neumann 8539
Daneben wurden Mühlenzeichen auch als Polizeikontrollmarken durch Abschliff und Gravur auf der Rückseite verwendet.
Literatur
Cappe, Heinrich Philipp: Die Münzen der Stadt und des Bistums Hildesheim, 1855, S. 190ff
https://www.digitale-sammlungen.de/de/v ... 01?page=,1,
Buck und Bahrfeldt: Die Münzen der Stadt Hildesheim, Hildesheim 1937
Liegt mir nicht vor
Mehl, M.: Hildesheimer Heimat-Kalender “Bargeldloser Zahlungsverkehr"; Gerstenberg-Verlag Hild.; 1973, Seite 74ff
Dangers, Willy: Hildesheimer Mühlenzeichen dienten der Steuererhebung, Geldgeschichtliche Nachrichten 1980, Nr. 75, S. 7-8
Powell, David: Leaden Token Telegraphs, 163, Jul/Aug 2024, Page 2,
https://thetokensociety.org.uk/wp-conte ... 07_163.pdf
Sowie 2 umfangreiche Sammlungen mit Hildesheimer Marken
https://www.numisbids.com/sale/3631/category/109864?v=1 (Slg. Popken)
https://www.numisbids.com/sale/10893?se ... esheim&s=b,
Papenheim: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1 ... ndbcontent,
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund - Bergwerksmarke Anton Roll, Phönixhütte
Vor einiger Zeit hatte ich zwei Bergwerksmarken des Anton Roll, die bei Münzhändlern und in Auktionen gerne dem Eisenwerk „Phoenixhütte in Rothenstein bei Kaschau“ zugeordnet werden, erworben:
Bergwerksmarke des Anton Roll 1757 zu 3 Kreuzern
25 mm, 3,81 g
Neumann 28476, Szemán: 2.04.03.02, Prokisch –, Polivka 258
Bergwerksmarke des Anton Roll 1757 zu 1 Kreuzer
19 mm, 1,82 g
Neumann 28478, Szemán: 2.04.01.02, Prokisch 365, Polivka 259
Daneben gibt es auch das 2 Kreuzer Stück und entsprechende Nominale aus dem Jahr 1766, siehe z.B. https://www.ma-shops.de/rittig/item.php?id=260520046.
Die grobschlächtigen Marken zeigen auf der Vorderseite die Initialen des Besitzers des Eisenwerkes, auf der Rückseite ist ein nach rechtsblickender Phoenix abgebildet (Neumann und der oben zitierte MA-Shop schreiben fälschlicherweise Adler), der sich im Wappen der Roll wiederfindet.
Ernst hatte in seinem Beitrag 1885 erschienen Beitrag „Von Bergwerksmünzen“ auch Bergwerksmarken beschrieben und diese grob in 5 Kategorien eingeteilt, von denen nur die ersten 3 für ältere Marken zutreffen:
I. Geldmarken und Berggeld.
II. Lieferungsmarken.
III. Control- und Arbeitsmarken.
IV. Consumvereins- und Wirthschaftsmarken.
V. Adressmarken.
Er ordnete diese Marken dem Eisenwerk des Anton Roll in Rothenstein bei Kaschau zu, was so Eingang in die numismatische Literatur und auch in Beschreibungen von Münzhändlern fand. Tatsächlich handelt es sich, wie nachfolgend beschrieben nicht um ein Eisenwerk. Die Marke fällt in die Kategorie I als Kleingeldersatz. Nach Széman könnte es nicht der einzige Grund für Ihre Verwendung gewesen sein.
Wo liegt Rothenburg bei Kaschau, wer war Anton Roll und um was für ein Werk handelt es sich genau?
Google Maps ist keine Hilfe, dort landet man in Thüringen. Google findet den Ort Červený Kameň im Nordwesten der Slowakei, der früher auf Deutsch Rothenstein hieß aber ca. 400 km entfernt von Kaschau ist. Zöttl (https://www.numisbids.com/sale/10955/lot/222 ) gibt den Ort Červenica an, ein Dorf in 30 km Entfernung von Kaschau, in dem es aber nur Opalminen gibt und der nicht in frage kommt. Die Suche wird durch die unsichere Schreibweise alte deutsche, ungarische und slowakische Namen - erschwert.
Hilfreich war die Dissertation von Attila Széman, der die Marken nach den Bergwerks- bzw. Hüttenstandorten ordnet und ein kleines Kapitel über „Phönixhütte, Rollower Hammer (Fönikszhuta)“ geschrieben hat.
Nach langem Suchen wurde ich in der Stadt Margecany 40 km nordwestlich von Kaschau fündig, auf deren Website auch ein Beitrag über „Rolova Huta“ (laut Wikipedia deutsch Rhollhütte genannt):
Der Ort Phönixhütte befand sich im Tal des Hornád (Hernad), unmittelbar unterhalb von Margecany, am linken Ufer des Flusses. Die Siedlung hieß bis 1919 Fönixhuta, danach Rolova Huta. Seit 1960 gehört sie verwaltungsmäßig zu Margecany. Ein großer Teil des ursprünglichen Ortes wurde in den 1960er Jahren durch den Bau des Ružín-Stausees überflutet, d.h. das sog. „Eisenwerkes“ dürfte heute in einem Stausee liegen.
Die Lage erklärt auch, warum ältere deutsche Quellen häufig nur von einer Hütte „bei Kaschau“ oder „im Hernádtal“ sprechen. Wann der Name Rothenstein benutzt wurde und welche genaue Bedeutung er hatte, habe ich nicht finden können.
Nach der Website reichen die Anfänge der Besiedlung bis ins Jahr 1597 zurück. Eingeladen wurden die Siedler von Anton Roll (1537–1612), der Güter in Bajerov, Žipov und Rolova Huta besaß, zum Zwecke der Verhüttung von Kupfererzen.
Die Roll‑Familie war eine deutschstämmige Unternehmerdynastie, die im 16. und 17. Jahrhundert den Kupferbergbau und die Kupferverhüttung im Gebiet der heutigen Ostslowakei prägte. Ihr herausragender Vertreter war Anton Roll, ein aus Schrobenhausen (Bayern) stammender Reichsfreiherr und Krakauer Bürger. Er war von 1566 an – mit kurzer Unterbrechung (1592–1595) – Pächter des Kupferbergbauunternehmens von Smolník. 1586 errichtete er tatsächlich ein Eisenwerk zwischen Helcmanovce und Göllnitz am Fuß des Rábhybel-Bergs an der Gölnitz. Dieser Hammer, der damals wie später oft als „Göllnitzer Hammer“ bezeichnet wurde, blieb bis etwa 1650 im Besitz der Nachkommen des 1612 verstorbenen Anton Roll. Er baute auch einen Hammer in Stoß und kaufte einen in Wagendrüssel. Er kontrollierte nicht nur das Kupferbergbauunternehmen von Smolník, sondern konnte seine Macht als Pächter auch auf die Zipser Bergbaustädte ausdehnen.
1748 wurde der einflussreiche und ehrgeizige Bergbürger Anton Rhael, wobei Rhael vermutlich nur eine andere Schreibweise für Roll war, der erste Präsident des 1748 gegründeten Oberungarischen Bergbürgerverbandes, ein Zusammenschluss der Bergbürger der Komitate Zips (Szepes) und Gömör zum gemeinsamen Schutz ihrer Interessen. Zu dieser Zeit baute er im Tal des Hornád unterhalb von Margecany Kupfererz ab. Zur Verarbeitung des Erzes ließ er dort die Phoenixhütte errichten, kein Eisenwerk, sondern Kupferhämmer mit drei Schmelzöfen. Die Siedler gründeten eine Ortschaft, die nach dieser Hütte bis zum Jahr 1919 den Namen Fönixhuta (Phönixhütte) trug. Sie war eine selbstständige politische Gemeinde. Das Unternehmen war als Aktiengesellschaft organisiert und verfügte über 400 Aktien, von denen jede einen Wert von 200 Florin hatte. Es handelte sich um die größte Kupferverarbeitungsfabrik der Region mit einer Jahresproduktion von etwa 6.700 Kilogramm reinem Kupfer. Das Kupferbergwerk mit Schmelzofen wurde 1836 vom „Oberungarischen Bergbürgerverband“ erworben.
Marken
Hierzu schreibt Széman in seiner Dissertation: Eine der am häufigsten bekannten Serien privater Bergbaumarken des 18. Jahrhunderts stammt aus Főnikszhuta. Dennoch ist über ihren historischen Hintergrund nur wenig bekannt – die meisten Informationen stammen aus numismatischem Material und Dokumenten über ihr Verbot.
Rhael ließ Kupfermarken prägen und verwenden, die auf der Vorderseite sein Monogramm „AR“ (als Ligatur) und auf der Rückseite eine stilisierte Darstellung des Phönix zeigten, der aus der Asche wiederaufersteht. Die Nominale betrugen 1, 2 und 3 Kreuzer. Bekannt sind Prägungen mit den Jahreszahlen 1757 und 1766.
Das Verbot der Bergbaumarken
Die Wiener Bergbauverwaltung wies das Oberberggericht von Smolnik (Szomolnok) in einem Schreiben vom 19. April 1757 an, dem Bergbürger Rhael zu verbieten, in der Lebensmittelversorgung „Münzen aus Messing“ zu verwenden – und selbst diese nur vorübergehend, da Ihre Majestät selbst bald mit der Prägung von Kupfer-Wechselmünzen beginnen werde. Daher dürften die Lebensmittelhändler künftig keine Versorgungsmarken (d. h. kupferne, münzähnliche Scheine) mehr verwenden oder annehmen – weder die von dem zwischenzeitlich verstorbenen königlichen Scheidemeister (Goldraffineur) Schindler geprägten Münzen noch die seines Sohnes.
(Originalzitat: „… es hätte der Oberamt nach Maasstab der eingeschalten Verordnung vom 19ten April 1757 dem Waldbürger Rhael den Gebrauch eines Zeichens bey seinem Provisorat niemahls anders als von Messing verstatten, noch weniger von der Zeit an, als Ihre Majestät selbst die Scheidmünze von Kupfer schlagen zu lassen angefangen, derley Kupfern einen Kupfergeld ähnliche Provisoraths Zeichen weder durch den verstorbenen königlichen Zementierer Schindler noch dessen Sohn verfertigen lassen…“)
Gemäß dem Höchsterlass vom 19. April 1757 musste Rhael die für ungültig erklärten Marken (verrufene Münze, Pfennige) – die als Zahlungsmittel dienten – an das Berggericht abliefern. Die Messingmarken („Messingene Tantus“) durften jedoch vorerst noch verwendet werden. Das endgültige Verbot trat vermutlich erst in Kraft, als die Kupfer-Wechselmünzen tatsächlich in größerem Umfang ausgegeben wurden. Die Prägung von Kupferkleingeld (Wechselmünzen) begann im Reich – und damit auch in Ungarn – erst 1759 und erreichte 1762 ihren Höhepunkt. Daher könnte Rhael seine Marken bis 1759 weitergenutzt haben.
Material und Herstellung
Vergleicht man das erhaltene numismatische Material, stellt man fest, dass sowohl die Münzen von 1757 als auch die von 1766 eher aus Kupferbestehen – oder zumindest heute als solche eingestuft werden. Die Dokumente bezeichnen sie jedoch als „Messingmünzen“. Da die Kupfermünzen der Zeit nie aus reinem Kupfer bestanden, könnte ein Teil der Főnikszhuta-Jetons einen Zinkanteil enthalten haben, der sie zu Messing machte. Dennoch ist der Zusammenhang zwischen den Főnikszhuta-Marken und den Dokumenten zweifelsfrei.
Aus den Akten geht auch hervor, dass die „Messing-„Tantus“ (Scheine) von dem bereits verstorbenen königlichen Scheidemeister Schindler und seinem Sohn hergestellt wurden. Dies steht im Einklang mit der Machart der Bergbaumarken: Sie wurden mit grob behauenen Stempel und traditioneller Handprägung angefertigt – die leicht gewölbte Form der Walzenprägemaschine ist bei ihnen nicht zu erkennen. Fest steht: Sie wurden nicht in einer Münzstätte geprägt.
Späte Nachforschungen und mögliche Vorwürfe
Interessanterweise forderte die Hofkammer am 23. Februar 1770 das Berggericht auf, zu prüfen, ob Rhael die Bergbaumarken auch nach 1757 in den ihm anvertrauten Betrieben weiterverwendet und sie dem Berggericht von Smolnik tatsächlich abgegeben habe. Hinter dieser spät – mehr als ein Jahrzehnt später – gestellten Anfrage vermutet man eine Anzeige, auch wenn hierzu keine Belege mehr existieren. Möglicherweise liegt der Grund für die beiden verschiedenen Prägungen (1757 und 1766) darin, dass Rhael die 1757er Münzen ablieferte, die 1766 datierten Marken jedoch weiterverwendete. Denn sicher ist: 1766 wurden erneut Marken aus Főnikszhuta geprägt, wie die überlieferten Stücke beweisen.
Hintergründe des Verbots und der Wiederausgabe
Das Verbot deutet indirekt darauf hin, dass die Bergbaumarken von den Bergwerkseigentümern wegen Kleingeldmangels ausgegeben wurden. Da die Kupfer-Wechselmünzen ab 1759 die relative Knappheit an Kleingeld auf staatlicher Ebene lösten, verbot die Hofkammer über das Berggericht von Smolnik konsequent ihre weitere Verwendung. Dass die Marken trotzdem erneut geprägt wurden, beweist, dass ihre Funktion nicht nur im Ausgleich des Kleingeldmangels lag.
Literatur
Ernst, Carl: Von Bergwerksmünzen, II. Bergwerksmarken, In: „Berg- und Hüttenwesen“ Wien, 1885. S. 135-141, Tafel IV, https://viewer.onb.ac.at/13205411/, (Website ist häufiger schwierig zu erreichen)
Széman, Attila / Kiss, Gabor: Bergwerksmünzen Ungarn und Siebenbürgen (1548-1947), S. 176-189 (Besitze ich leider nicht)
Szémann, Attila Gabor, BÁNYAPÉNZEK MAGYARORSZÁGON ÉS TÖRTÉNETI HÁTTERÜK A 16. SZÁZAD KÖZEPÉTŐL A 18. SZÁZAD VÉGÉIG, PhD Thesis, Budapest 2013, https://doktori.btk.elte.hu/hist/szemanattila/diss.pdf
Website der Stadt Margecany: Rolova Huta, https://www.margecany.sk/obec/rolova-huta/.
Heckenast, Gustav: A magyarországi vaskohászat története a feudalizmus korában: A 17. század közepétől a 18. század végéig (Die Geschichte der Eisenhüttenindustrie in Ungarn im Zeitalter des Feudalismus: Von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts), 1991, Budapest (Akadémiai Kiadó). https://real-eod.mtak.hu/15590/1/Akadem ... 005074.pdf, Enthält Informationen zu Anton Roll.
Bergwerksmarke des Anton Roll 1757 zu 3 Kreuzern
25 mm, 3,81 g
Neumann 28476, Szemán: 2.04.03.02, Prokisch –, Polivka 258
Bergwerksmarke des Anton Roll 1757 zu 1 Kreuzer
19 mm, 1,82 g
Neumann 28478, Szemán: 2.04.01.02, Prokisch 365, Polivka 259
Daneben gibt es auch das 2 Kreuzer Stück und entsprechende Nominale aus dem Jahr 1766, siehe z.B. https://www.ma-shops.de/rittig/item.php?id=260520046.
Die grobschlächtigen Marken zeigen auf der Vorderseite die Initialen des Besitzers des Eisenwerkes, auf der Rückseite ist ein nach rechtsblickender Phoenix abgebildet (Neumann und der oben zitierte MA-Shop schreiben fälschlicherweise Adler), der sich im Wappen der Roll wiederfindet.
Ernst hatte in seinem Beitrag 1885 erschienen Beitrag „Von Bergwerksmünzen“ auch Bergwerksmarken beschrieben und diese grob in 5 Kategorien eingeteilt, von denen nur die ersten 3 für ältere Marken zutreffen:
I. Geldmarken und Berggeld.
II. Lieferungsmarken.
III. Control- und Arbeitsmarken.
IV. Consumvereins- und Wirthschaftsmarken.
V. Adressmarken.
Er ordnete diese Marken dem Eisenwerk des Anton Roll in Rothenstein bei Kaschau zu, was so Eingang in die numismatische Literatur und auch in Beschreibungen von Münzhändlern fand. Tatsächlich handelt es sich, wie nachfolgend beschrieben nicht um ein Eisenwerk. Die Marke fällt in die Kategorie I als Kleingeldersatz. Nach Széman könnte es nicht der einzige Grund für Ihre Verwendung gewesen sein.
Wo liegt Rothenburg bei Kaschau, wer war Anton Roll und um was für ein Werk handelt es sich genau?
Google Maps ist keine Hilfe, dort landet man in Thüringen. Google findet den Ort Červený Kameň im Nordwesten der Slowakei, der früher auf Deutsch Rothenstein hieß aber ca. 400 km entfernt von Kaschau ist. Zöttl (https://www.numisbids.com/sale/10955/lot/222 ) gibt den Ort Červenica an, ein Dorf in 30 km Entfernung von Kaschau, in dem es aber nur Opalminen gibt und der nicht in frage kommt. Die Suche wird durch die unsichere Schreibweise alte deutsche, ungarische und slowakische Namen - erschwert.
Hilfreich war die Dissertation von Attila Széman, der die Marken nach den Bergwerks- bzw. Hüttenstandorten ordnet und ein kleines Kapitel über „Phönixhütte, Rollower Hammer (Fönikszhuta)“ geschrieben hat.
Nach langem Suchen wurde ich in der Stadt Margecany 40 km nordwestlich von Kaschau fündig, auf deren Website auch ein Beitrag über „Rolova Huta“ (laut Wikipedia deutsch Rhollhütte genannt):
Der Ort Phönixhütte befand sich im Tal des Hornád (Hernad), unmittelbar unterhalb von Margecany, am linken Ufer des Flusses. Die Siedlung hieß bis 1919 Fönixhuta, danach Rolova Huta. Seit 1960 gehört sie verwaltungsmäßig zu Margecany. Ein großer Teil des ursprünglichen Ortes wurde in den 1960er Jahren durch den Bau des Ružín-Stausees überflutet, d.h. das sog. „Eisenwerkes“ dürfte heute in einem Stausee liegen.
Die Lage erklärt auch, warum ältere deutsche Quellen häufig nur von einer Hütte „bei Kaschau“ oder „im Hernádtal“ sprechen. Wann der Name Rothenstein benutzt wurde und welche genaue Bedeutung er hatte, habe ich nicht finden können.
Nach der Website reichen die Anfänge der Besiedlung bis ins Jahr 1597 zurück. Eingeladen wurden die Siedler von Anton Roll (1537–1612), der Güter in Bajerov, Žipov und Rolova Huta besaß, zum Zwecke der Verhüttung von Kupfererzen.
Die Roll‑Familie war eine deutschstämmige Unternehmerdynastie, die im 16. und 17. Jahrhundert den Kupferbergbau und die Kupferverhüttung im Gebiet der heutigen Ostslowakei prägte. Ihr herausragender Vertreter war Anton Roll, ein aus Schrobenhausen (Bayern) stammender Reichsfreiherr und Krakauer Bürger. Er war von 1566 an – mit kurzer Unterbrechung (1592–1595) – Pächter des Kupferbergbauunternehmens von Smolník. 1586 errichtete er tatsächlich ein Eisenwerk zwischen Helcmanovce und Göllnitz am Fuß des Rábhybel-Bergs an der Gölnitz. Dieser Hammer, der damals wie später oft als „Göllnitzer Hammer“ bezeichnet wurde, blieb bis etwa 1650 im Besitz der Nachkommen des 1612 verstorbenen Anton Roll. Er baute auch einen Hammer in Stoß und kaufte einen in Wagendrüssel. Er kontrollierte nicht nur das Kupferbergbauunternehmen von Smolník, sondern konnte seine Macht als Pächter auch auf die Zipser Bergbaustädte ausdehnen.
1748 wurde der einflussreiche und ehrgeizige Bergbürger Anton Rhael, wobei Rhael vermutlich nur eine andere Schreibweise für Roll war, der erste Präsident des 1748 gegründeten Oberungarischen Bergbürgerverbandes, ein Zusammenschluss der Bergbürger der Komitate Zips (Szepes) und Gömör zum gemeinsamen Schutz ihrer Interessen. Zu dieser Zeit baute er im Tal des Hornád unterhalb von Margecany Kupfererz ab. Zur Verarbeitung des Erzes ließ er dort die Phoenixhütte errichten, kein Eisenwerk, sondern Kupferhämmer mit drei Schmelzöfen. Die Siedler gründeten eine Ortschaft, die nach dieser Hütte bis zum Jahr 1919 den Namen Fönixhuta (Phönixhütte) trug. Sie war eine selbstständige politische Gemeinde. Das Unternehmen war als Aktiengesellschaft organisiert und verfügte über 400 Aktien, von denen jede einen Wert von 200 Florin hatte. Es handelte sich um die größte Kupferverarbeitungsfabrik der Region mit einer Jahresproduktion von etwa 6.700 Kilogramm reinem Kupfer. Das Kupferbergwerk mit Schmelzofen wurde 1836 vom „Oberungarischen Bergbürgerverband“ erworben.
Marken
Hierzu schreibt Széman in seiner Dissertation: Eine der am häufigsten bekannten Serien privater Bergbaumarken des 18. Jahrhunderts stammt aus Főnikszhuta. Dennoch ist über ihren historischen Hintergrund nur wenig bekannt – die meisten Informationen stammen aus numismatischem Material und Dokumenten über ihr Verbot.
Rhael ließ Kupfermarken prägen und verwenden, die auf der Vorderseite sein Monogramm „AR“ (als Ligatur) und auf der Rückseite eine stilisierte Darstellung des Phönix zeigten, der aus der Asche wiederaufersteht. Die Nominale betrugen 1, 2 und 3 Kreuzer. Bekannt sind Prägungen mit den Jahreszahlen 1757 und 1766.
Das Verbot der Bergbaumarken
Die Wiener Bergbauverwaltung wies das Oberberggericht von Smolnik (Szomolnok) in einem Schreiben vom 19. April 1757 an, dem Bergbürger Rhael zu verbieten, in der Lebensmittelversorgung „Münzen aus Messing“ zu verwenden – und selbst diese nur vorübergehend, da Ihre Majestät selbst bald mit der Prägung von Kupfer-Wechselmünzen beginnen werde. Daher dürften die Lebensmittelhändler künftig keine Versorgungsmarken (d. h. kupferne, münzähnliche Scheine) mehr verwenden oder annehmen – weder die von dem zwischenzeitlich verstorbenen königlichen Scheidemeister (Goldraffineur) Schindler geprägten Münzen noch die seines Sohnes.
(Originalzitat: „… es hätte der Oberamt nach Maasstab der eingeschalten Verordnung vom 19ten April 1757 dem Waldbürger Rhael den Gebrauch eines Zeichens bey seinem Provisorat niemahls anders als von Messing verstatten, noch weniger von der Zeit an, als Ihre Majestät selbst die Scheidmünze von Kupfer schlagen zu lassen angefangen, derley Kupfern einen Kupfergeld ähnliche Provisoraths Zeichen weder durch den verstorbenen königlichen Zementierer Schindler noch dessen Sohn verfertigen lassen…“)
Gemäß dem Höchsterlass vom 19. April 1757 musste Rhael die für ungültig erklärten Marken (verrufene Münze, Pfennige) – die als Zahlungsmittel dienten – an das Berggericht abliefern. Die Messingmarken („Messingene Tantus“) durften jedoch vorerst noch verwendet werden. Das endgültige Verbot trat vermutlich erst in Kraft, als die Kupfer-Wechselmünzen tatsächlich in größerem Umfang ausgegeben wurden. Die Prägung von Kupferkleingeld (Wechselmünzen) begann im Reich – und damit auch in Ungarn – erst 1759 und erreichte 1762 ihren Höhepunkt. Daher könnte Rhael seine Marken bis 1759 weitergenutzt haben.
Material und Herstellung
Vergleicht man das erhaltene numismatische Material, stellt man fest, dass sowohl die Münzen von 1757 als auch die von 1766 eher aus Kupferbestehen – oder zumindest heute als solche eingestuft werden. Die Dokumente bezeichnen sie jedoch als „Messingmünzen“. Da die Kupfermünzen der Zeit nie aus reinem Kupfer bestanden, könnte ein Teil der Főnikszhuta-Jetons einen Zinkanteil enthalten haben, der sie zu Messing machte. Dennoch ist der Zusammenhang zwischen den Főnikszhuta-Marken und den Dokumenten zweifelsfrei.
Aus den Akten geht auch hervor, dass die „Messing-„Tantus“ (Scheine) von dem bereits verstorbenen königlichen Scheidemeister Schindler und seinem Sohn hergestellt wurden. Dies steht im Einklang mit der Machart der Bergbaumarken: Sie wurden mit grob behauenen Stempel und traditioneller Handprägung angefertigt – die leicht gewölbte Form der Walzenprägemaschine ist bei ihnen nicht zu erkennen. Fest steht: Sie wurden nicht in einer Münzstätte geprägt.
Späte Nachforschungen und mögliche Vorwürfe
Interessanterweise forderte die Hofkammer am 23. Februar 1770 das Berggericht auf, zu prüfen, ob Rhael die Bergbaumarken auch nach 1757 in den ihm anvertrauten Betrieben weiterverwendet und sie dem Berggericht von Smolnik tatsächlich abgegeben habe. Hinter dieser spät – mehr als ein Jahrzehnt später – gestellten Anfrage vermutet man eine Anzeige, auch wenn hierzu keine Belege mehr existieren. Möglicherweise liegt der Grund für die beiden verschiedenen Prägungen (1757 und 1766) darin, dass Rhael die 1757er Münzen ablieferte, die 1766 datierten Marken jedoch weiterverwendete. Denn sicher ist: 1766 wurden erneut Marken aus Főnikszhuta geprägt, wie die überlieferten Stücke beweisen.
Hintergründe des Verbots und der Wiederausgabe
Das Verbot deutet indirekt darauf hin, dass die Bergbaumarken von den Bergwerkseigentümern wegen Kleingeldmangels ausgegeben wurden. Da die Kupfer-Wechselmünzen ab 1759 die relative Knappheit an Kleingeld auf staatlicher Ebene lösten, verbot die Hofkammer über das Berggericht von Smolnik konsequent ihre weitere Verwendung. Dass die Marken trotzdem erneut geprägt wurden, beweist, dass ihre Funktion nicht nur im Ausgleich des Kleingeldmangels lag.
Literatur
Ernst, Carl: Von Bergwerksmünzen, II. Bergwerksmarken, In: „Berg- und Hüttenwesen“ Wien, 1885. S. 135-141, Tafel IV, https://viewer.onb.ac.at/13205411/, (Website ist häufiger schwierig zu erreichen)
Széman, Attila / Kiss, Gabor: Bergwerksmünzen Ungarn und Siebenbürgen (1548-1947), S. 176-189 (Besitze ich leider nicht)
Szémann, Attila Gabor, BÁNYAPÉNZEK MAGYARORSZÁGON ÉS TÖRTÉNETI HÁTTERÜK A 16. SZÁZAD KÖZEPÉTŐL A 18. SZÁZAD VÉGÉIG, PhD Thesis, Budapest 2013, https://doktori.btk.elte.hu/hist/szemanattila/diss.pdf
Website der Stadt Margecany: Rolova Huta, https://www.margecany.sk/obec/rolova-huta/.
Heckenast, Gustav: A magyarországi vaskohászat története a feudalizmus korában: A 17. század közepétől a 18. század végéig (Die Geschichte der Eisenhüttenindustrie in Ungarn im Zeitalter des Feudalismus: Von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts), 1991, Budapest (Akadémiai Kiadó). https://real-eod.mtak.hu/15590/1/Akadem ... 005074.pdf, Enthält Informationen zu Anton Roll.
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