Mythologisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Larth
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Larth » Do 13.08.26 10:15

Danke für die Nennung von Bedrich Hrozny .
Ich werde mich gleich mit seiner Arbeit beschäftigen.
Wir lernen immer dazu.
Lg Hans

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Peter43
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Do 13.08.26 14:42

Hallo Hans!

Ausgezeichnet. So war es auch gedacht: Die Artikel sollen Anregungen für weitergehende Beschäftigungen geben.

Liebe Grüße
Jochen
Omnes vulnerant, ultima necat.

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Peter43
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 15.08.26 10:59

Polos und Mauerkrone

Heute möchte ich über antike Kopfbedeckungen schreiben, bei denen es sich lohnt, etwas über die Hintergründe zu erfahren.

Sowohl beim Polos, als auch bei der Mauerkrone handelt es sich um Kopfbedeckungen griechischer und römischer Gottheiten. Der Polos ist die älteste und ursprünglich als eine Art Königskrone aus dem Osten gekommen.
(1) Polos_1_Female_head_polos_Louvre_Br1 crete.jpg
Das Bild zeigt einen weiblichen Kopf, der einen Polos trägt. Bronze, 2. Hälfte des 7. Jh. v. Chr,, aus Kreta, heute im Louvre (Wikimedia).

Etymologie:
Polos (griech. πολος) bedeutet im Griechischen soviel wie Drehung Wirbel oder Umwendung. Bezeichnet wird damit
1. der Kreis und der Umkreis,
2. das Kreisen des Himmelsgewölbes, der Himmel und die Weltkugel
3. der Endpunkt der Linie, um die sich der Himmel dreht, der Pol, die Erd- und Himmelachse (Gemoll).

Verwandt ist es mit περιπλομενος, das in der Odyssee von den kreisenden Jahren gesagt wird, und πολευειν, das z. B. in der Antigone des Sophokles für das Umdrehen der Erde durch Pflügen gebraucht wird.

Das Substantiv bedeutet also etwas Rundes, sich Drehendes. Damit wird der Punkt, um den sich etwas dreht, Polos benannt, der Pol in unserem Sinne, dann aber auch die Kreislinie oder wenn es sich um Körper handelt, der Zylinder! Im Prometheus des Aischylos trägt Atlas den himmlischen Polos. Der Himmel wird als Kugelkalotte gedacht, daher wird auch die halbkugelförmige Sonnenuhr im Ionischen Polos genannt.

Damit ist die Bedeutung des Polos klar: Er ist der Zylinderschmuck auf dem Kopf. Typisch für ihn ist seine breite zylindrische Form! Pausanias hat das Wort benutzt zur Beschreibung der Aphrodite von Sikyon, die dem Kanachos zugeschrieben wird, aber nicht mehr erhalten ist. Dort hat er den Polos als Himmelsachse gedeutet, weil es sich um Himmelsgöttinnen gehandelt habe. Das läßt sich aber nicht halten, da selbst bei hohen Formen für diese Benennung die Breite viel zu groß ist.
(2) Polos_2 Svoronos_078_Aphrodite_Polos_Paphos.jpg

Auf einem Hemiobol des Ptolemaios I. aus Paphos/Zypern, ca. 310-305 v.Chr., trägt Aphrodite Paphia einen blumengeschmückten Polos. (Paphos, Svoronos 78, Wildwinds)

Die nächste Drachme habe ich ausgesucht, weil man bei ihr trotz der Verschleierung gut sehen kann, daß der Polos unten offen ist. Er ist kein Behälter wie der Kalathos oder der Modius, sondern eher eine Art Krone. Die Münze ist aus Bruttium, Süditalien, 214/13-211 v. Chr., aus der Zeit des 1. Punischen Krieges nach der Schlacht von Cannae, und zeigt das Portrait der Hera Lakinia.
(3) Polos_3 bruttium_Scheu84.jpg
(Bruttii, Scheu 84, eigene Sammlung).

Der Polos ist kein charakterisierendes Attribut wie etwa der Blitz für Zeus oder das Kerykeion für Hermes. Er ist ein reines Schmuckelement, das vorhanden oder auch nicht vorhanden sein kann. Im Hellenismus wird er manchmal benutzt, um einer Figur ein altertümlich-ehrwürdiges Aussehen zu geben. Männliche Gottheiten tragen ihn selten. Er ist eigentlich ein weiblicher Schmuck (Müller).

Die Mauerkrone:
Die Mauerkrone stammt wie der Polos aus dem hinteren Kleinasien. Zuerst wurde sie von hethitischen Göttinnen in der großen Götterprozession von Jasili Kaja bei Boghaz-köi im 2. Jtsd. getragen. Die Mauerkrone hat sich, zwar zeitlich getrennt, aber sicherlich aus dem Polos entwickelt, wie man auf dem folgendem Bild sehen kann.
(5) Mauerkrone #1 Kybele Encyclopedie methodique - Antiquites.jpg
Kybele, Encyclopédie méthodique, Pl. 1, Fig.1

In den griechischen Kulturkreis kam die Mauerkrone erst spät, nach 500 v.Chr. Die ältesten Darstellungen finden sich im thrakischen Kypsela und bei einer Demeter aus Olbia aus dem 4 Jh. (AMNG I, Taf. X, 1). Sie ist das Symbol der Schutzgottheit einer Stadt. Von den Römern wurde die Mauerkrone als corona muralis noch später übernommen. Eine der schönsten Darstellungen finden wir auf dem Kopf der Stadttyche von Laodikea ad Mare in Syrien (heute Latakia): Wir erkennen Mauern, Stadttor, Türme und Leuchtturm. Es ist eine ganze Stadt!
(6) Mauerkrone_2 laodikeia_ant_pius_SNGcop361var.jpg
Laodikea SNG Copenhagen 361 var., eigene Sammlung

Natürlich war dieser Kopfschmuck nur für Abbildungen und Plastiken gedacht. Aber Mauerkronen finden sich nicht nur bei Tyche. Praktisch jede Gottheit konnte Schutzgottheit einer Stadt sein: Demeter in Olbia, Artemis in Apameia und Abydos, die Nymphe Sinope, die Amazonen in Smyrna und Kyrene oder Dionysos in Teos. Das nächste Bild zeigt eine pseudo-autonome Münze aus Nikopolis ad Istrum mit Nike, Eponym und Schutzgöttin ihrer Stadt.
(7) Mauerkrone32nikopolis_00_pseudoautonom_HrHJ(2013)8.0.48.02_#2.jpg
HrHJ (2023) 8.0.48.2, eigene Sammlung

Anmerkung:
Die Encyclopédie méthodique par ordre des matières ist eine systematisch gegliederte Enzyklopädie in 206 Bänden, die zwischen 1782 und 1832 von Charles-Joseph Panckoucke und Therese-Charlotte Agasse herausgegeben wurde. Es ist die wohl größte Enzyklopädie aus der Zeit der Aufklärung, 5x größer als die berühmte von Diderot und d'Alembert. Die spanische Inquisition versuchte die Übersetzung und Vermarktung dieser Enzyklopädie vergeblich zuverhindern (Wikipedia).

Quellen:
(1) Homer, Odyssee
(2) Aischyles, Prometheus
(3) Sophokles, Antigone
(4) Hesych, Lexikon
(5) Pausanias, Reisen durch Griechenland
(6) Plinius, Naturae Historia
(7) Macrobius, Saturnalia

Literatur:
(1) Der Kleine Pauly
(2) Panckoucke/Agasse, Encyclopédie méthodique par ordre des matières, 1832 (über archive.org)
(3) Kurt Richard Valentin Müller, Der Polos - die griechische Götterkrone, Berlin 1905
(4) Gemoll, Griechisch- Deutsches Schul- und Handwörterbuch
(5) Wikipedia
(6) Wikiwand

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 15.08.26 11:00

Modius und Kalathos

Beschreibung:
Der Kalathos, von griech. καλαθος =Korb, war im antiken Griechenland ein von Frauen benutzter trichterförmiger, geflochtener Weidenkorb, in dem ungesponnene Wolle aufbewahrt wurde. In der Grundform war er am Boden eng und verbreiterte sich dann lilienförmig nach oben (Plinius). Gebraucht wurde er später auch zum Einbringen von Ernteerträgen wie Obst, Weintrauben oder Getreide und für viele andere Zwecke, wie z. B. als Käse- oder Hühnerkorb (Homer), hatte dann oft eine bauchigere Form. Aus Silber war der Korb der Helena (Homer). Verkleinerungsformen waren kalathion und kalathiskos (griech. Wollkörbchen). Das letzte war auch die Bezeichnung für einen Tanz.

Daraus entwickelte sich der Kalathos zur Bezeichnung für den Kopfschmuck vor allem von weiblichen Gottheiten, insbesondere der Demeter, der Hekate und der Artemis, in der späteren Zeit auch zur typischen Kopfbedeckung der Tyche auf Provinzialausgaben. Er war das Symbol für das Spenden von Fruchtbarkeit und Wohlstand. Wie die Menschen diesen Behälter im täglichen Leben genannt haben, wissen wir nicht. Aber von der Kultstatue des Serapis, die ca. 300 v. Chr. im Serapeion in Alexandria aufgestellt wurde, hieß es, sie trage einen Kalathos auf dem Kopf

Das folgende Bild zeigt eine handspinnende Frau mit einem Kalathos neben ihr auf dem Boden.
(1) Kalathos_1 Woman_spinning_MAR_Palermo_NI2149.jpg
Attische rot-figuriger Lekythos, 480-470 v. Chr., zugeschrieben dem Triptolemos-Maler(?). Heute im Museo Archeologico Regionale Antonino Salinas in Palermo (Wikimedia).

Auch das Kernstück des Kapitells bei korinthischen Tempeln wurde Kalathos genannt. Die Karyatiden am Erechtheion tragen auf einem Kopfpolster ein korbähnliches Kapitell, das an einen Kalathos erinnert. Deshalb werden sie auch oft als Korbträgerinnen (Kanephoren) bezeichnet.
Karyatide am Erechtheion Korb-Kapitell.jpg
Ein typischer Kalathos mit Früchten ist auf dieser Münze aus Nikopolis ad Istrum abgebildet. Ein Kalathos kann aber auch Henkel haben.
(2) Kalathos_2 nikopolis_14_sept_severus_HrHJ(2013)8.14.52.11+.jpg
Septimius Severus, HrHJ(2013)8.14.52.11

Die nächste Münze des Commodus aus Markianopolis mit der Abbildung einer typischen Provinzialtyche zeigt deutlich die geflochtene Struktur des Korbes.
(3) Kalathos_3 markianopolis_10_commodus_HrJ(2014)J6.10.38.03_#1.jpg
Markianopolis, Commodus, HrJ(2014)6.10.38.03, Detail

Der Modius
Der Modius ist am einfachsten zu erklären. `'modius' (lat. = zum Maß gehörig) war das römische Standardmaß für Getreide und umfaßte zwischen 8-9 Litern (1/3 der Amphora). Es war ein hölzerner Behälter mit Dauben und Beschlägen, der nach oben zu etwas schmaler wurde, und hatte 3 Füßen.
(4) Modius_1 Bust_Serapis_Chiaramonti.jpg
Die Büste zeigt Serapis mit einem modius. Marmor, aus der römischen Zeit. Heute im Museo Chiaramonti, Vatikanische Museen (Wikimedia)

Wird der Modius auf Münzen dargestellt, ist er ein Symbol für die Getreideversorgung und den Wohlstand. Deshalb ist er z.B. ein typisches Attribut der Annona und der Ceres, aber im späteren Römischen Reich auch von anderen Göttern, die mit Fruchtbarkeit oder der Getreideernte in Verbindung standen, z. B. Demeter oder Serapis, oder des Genius Imperatori, der regelmäßig einen 'modius' auf dem Kopf trägt.

Sowohl 'modius' als auch 'kalathos' bezeichnen also Gefäße von einiger Größe, sei es für Früchte oder für Getreide, sind also von ihrer Funktion her nahe verwandt. Aber wir merken uns, daß der Kalathos unten schmal ist und dann nach oben zu konisch breiter wird!

Kulturgeschichte:
Die Entwicklung dieser Kopfbedeckungen hatte bereits in der Antike eine über 500jährige Geschichte, in der sich Form und Aussehen oft geändert haben. So ist es nicht möglich, vom Aussehen immer auf die Funktion und die Bezeichnung zu schließen, besonders wenn die Darstellung wie auf Münzen nur zweidimensional ist.

In der Kaiserzeit kann man praktisch keinen Unterschied mehr zwischen Polos und Kalathos sehen. Macrobius z. B. konnte mit dem alten Namen Polos nichts mehr anfangen und nannte ihn mehrmals einen Kalathos. Auf einem Wandgemälde trägt Persephone einen sich nach oben verbreiternden Polos, der aussieht wie der Korb zu ihren Füßen. In der hellenistischen Zeit wird der Polos gedeutet als Symbol des Chthonischen, deshalb gehöre er zu Serapis. Damit wird der Polos aber zum charakterisierenden Attribut, das er nie gewesen ist.

In der späteren Zeit überwog bei der Darstellung insbesondere auf Münzen eine Form, die schmaler war als der Kopf und oft einen Wulst am oberen Rand hatte. Ein typisches Beispiel dafür ist die Tyche Euposia auf dieser Münze aus Markianopolis für Caracalla:
(5) später_1 markianopolis_18_caracalla_HrJ(2013)6.18.38.09+.jpg

Markianopolis, Caracalla, HJ(2014)6.18.38.9

Heutzutage wird von Kunsthistorikern das Wort 'polos' eher reserviert für eine Kopfbedeckung bei sehr archaischen Kultbildern mit einer ausgesprochen schlanken und zylindrischen Form, wie sie kein menschlicher Hut oder gebrauchsfähiger Korb hat (Mitteilung von Patricia Lawrence, mit herzlichem Dank für diesen kunsthistorischen Hinweis!).

Ein extremes Beispiel zeigt der nächste Denar für Salonina mit Venus Augusta auf der Rückseite:
(6) später_2 salonina_92.jpg
Salonina, RIC 92

Will man diese Kopfbedeckung bestimmen, sollte man natürlich immer auf den Kontext achten. Zu Juno paßt kein Kalathos und zu Serapis kein Polos! Sonst gilt auch hier der Grundsatz, daß es zur Wissenschaft auch gehört, zu gestehen, daß man etwas nicht weiß!

Der große Winckelmann vermutete im Polos eine Art von Nimbus, andere eine Art Himmel. Visconti sah ihn ähnlich der phrygischen Mütze. Die Bezeichnungen Polos, Kalathos und Modius gingen noch durcheinander. Aber es gab schon die Trennung vom Kopfschmuck des Serapis, der als Symbol der Fruchtbarkeit gesehen wurde, und der den chthonischen Gottheiten eigen war.

Bis in die 80er Jahre des 19.Jh. wurde der Polos mit Berufung auf Hesych als Himmelsachse betrachtet. Erst nach der Entdeckung von Bogazköy kam der Durchbruch mit Furtwängler, der den Polos von den Hethitern herleitete.

Quellen:
(1) Homer, Odyssee
(2) Aischyles, Prometheus
(3) Sophokles, Antigone
(4) Hesych, Lexikon
(5) Kallimachos, Hymnen
(6) Pausanias, Reisen durch Griehenland
(7) Plinius, Naturae Historia
(8) Macrobius, Saturnalia

Literatur:
(1) Der Kleine Pauly
(2) Kurt Richard Valentin Müller, Der Polos - die griechische Götterkrone, Berlin 1905
(3) Gemoll, Griechisch- Deutsches Schul- und Handwörterbuch
(4) Wikipedia
(5) Wikimedia

Liebe Grüße
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » Sa 15.08.26 11:48

Akmoneia: neue Erkenntnisse

Das auf dieser Münze dargestellte Motiv aus Akmoneia in Phrygien stellt schon lange ein großes Rätsel dar. Hier möchte ich euch diese wunderschöne, extrem seltene Münze vorstellen, zu deren mythologischem Hintergrund ich einen Hinweis gefunden habe, der etwas Licht auf die komplexe Darstellung auf der Rückseite werfen kann.

Münze
Phrygien, Akmoneia, Caracalla, 198 - 217
AE 30, 11.09g, 29.91mm, 180°
Av.: AVT K M AVP - ANTΩNEINOC
       Büste, unbärtig, cürassiert, von hinten gesehen, Ägis auf der li. Schulter und Schwertriemen
über dem Rücken, belorbeert, n. r.
Rv.: A - KMONEΩN
        Der Heros Akmon, nackt, in Stiefeln und mit wehender Chlamys, re. Hand mit Peitsche nach
hinten ausgestreckt, galoppiert auf den Dindymoshügel zu, der durch Felsen angedeutet wird
und auf dem 2 Nymphen (Oreiaden), diademiert, n. l. stehen; die hintere hat die re. Hand zu
ihm ausgestreckt und scheint ihm etwas zu reichen, die vordere hält ihren re. Arm gebeugt vor
die Brust und scheint mit ihrer li. Hand einen Teil ihres Gewandes unten ergriffen zu haben.
Unter ihr Flußgott (Sindros?) nach li. gelagert, den re. Arm auf das re. Knie ausgestreckt, den
li. Arm mit langer dünner Pflanze auf den Felsen und ein umgestürztes Gefäß gestützt, aus
dem Wasser n. l. fließt; re. oben ein Adler n. r. fliegend
Ref.: RPC V.2, unassigned; ID 85831 (diese Münze); cf. RPC V.2, unassigned; ID 85831 (ANS,  
andere Darstellung, andere Legende!); cf. Imhoof RSN (1923), S. 311, 344 (Löbbecke, aber
Caracalla bärtig, andere Rev.-Legende und nur eine weibliche Figur); Rs. cf. Septimius
Severus, Imhoof RSN (1923), S.311, 342, Taf. XI, Nr. 13 (nur für die Darstellung)
Man sieht, daß es mit den Referenzen etwas durcheinander geht!
extrem selten (unique?), fast SS, grüne Patina
Pedigree:
ex Bankhaus Hauck & Aufhäuser
ex coll. Alois Wenninger
akmoneia Caracalla RPC V.2 85831 Hoeft.jpg
> RSN = Revue Suisse de Numismatique
> Alois Wenninger baute im Bankhaus Aufhäuser seit 1985 den Bereich "Antike Münzen" auf.
Von 2013 – 2023 war er bei Künker.
> eingestellt bei asiaminorcoins.com

Dieses Rs.-Motiv gibt es in abgewandelter Form mehrfach, was beweist, daß es ein für Akmoneia sehr bedeutendes Motiv war:
(1) für Marcus Aurelius
(2) für Septimius Severus: Imhoof RSN (1923), 342
(3) für Caracalla (1): Imhoof RSN (1923), 343 (AVT M AVP, anderes Portrait, Rs. andere Legende)
(4) für Caracalla (2): Imhoof RSN (1923), 344
      Vs. Brustbild des bärtigen Caracalla mit Lorbeer, Panzer, Mantel und Ägis rechtshin (identisch?)
      Rs. andere Legende und nur eine weibliche Figur
(5) für Caracalla (3): Imhoof RSN (1923), 345
      Vs. andere Legende, sonst wie Nr. 343
(6) für Elagabal: RPC VI temp. 300650
(7) für Severus Alexander RPC VI temp. 30088; falsch beschrieben als “Kaiser speert gefallenen Feind, vor ihm ein anderer Feind”
(8) für Trebonianus Gallus
(9) für Volusian: SNG von Aulock 3380, BMC 107/108, SNG Leypold 1403. Siehe CNG Auc. 81 (5/09), Lot 790 ($400+ fee)

Beschreibung bei CNG:
"Reiter, Peitsche haltend, auf galoppierendem Pferd n. r.; unter dem Pferd Flußgott Sindros n.l. gelagert; re. vor ihm 2 weibliche Figuren (Gottheiten oder Personificationen der Natur) n.l. stehend auf felsigem Untergrund. Die Hauptfigur des Reiters zusammen mit der Personification des Flußgotts und der Anwesenheit der weiblichen Figuren (seien es Personificationen der umgebenden Landschaft oder tatsächliche Individuen) können eine ansonsten unbekannte Gündungsmythologie für Akmoneia darstellen (CNG)

Akmon:
Akmon, Sohn des Manes, Bruder des Doias, Vater des Mygdon, der gegen die Amazonen kämpfte. Eponym der Stadt Akmoneia in Phrygien, ca. 10km südlich von Banaz.
Akmoneia.jpg
Lage von Akmoneia (Akmonia)

Mythologie
Nach Stephanos von Byzanz war Akmon (griech. Amboss, Hammer), der Anführer einer skythischen Colonie, die Saken genannt wurden. Sein Vater sei nach einigen Gomer gewesen, den einige Wissenschaftler heute aus etymologischen Gründen (Gomer, assyr. Gi-mir-ra-a-a, Kimmerer) für einen Kimmerer, also Skythen im Sinne Herodots, halten, der dem Logographen Pherekydes allerdings unbekannt war.

Das erste Land, das sie überfielen, war Armenien. Damit nicht genug, griffen sie Kappadokien an und ließen sich dort im pontischen Kleinasien nieder, das von Thermodon und Iris durchflossen wurde und dort die fruchtbare Ebene von Themiskyra bildete, und gründeten die Stadt Akmonia nach dem Namen ihres Führers. Diese Eroberungen aber reichten Akmon nicht und er brach in Phrygien ein, wo er auch eine Stadt erbaute und ihr seinen Namen gab (unser Akmoneia).

Nach einer anderen Mythologie soll er der Sohn des Manes, des ersten Königs in Phrygien, und der Bruder des Doias gewesen sein, von dem eine Ebene im pontischen Kleinasien bei Themiskyra, und einige Städte der Amazonen ihren Namen bekommen haben sollen. Sein Sohn soll Mygdon gewesen sein, der gegen die Amazonen gekämpft hat.

Nachdem Akmon auf der Höhe seines Ruhmes stand, er hatte sich Phönizien und Syrien einverleibt, erhitzte er sich auf einer Jagd so sehr, daß er starb. Nach seinem Tod wurde er unter dem Namen Hypsistos (der Höchste) unter die Götter versetzt.
In der phönizischen Mythologie soll er der Vater von Uranos und Titäa gewesen sein, der Mutter der Titanen, die Sanchuniathon Gäa nennt, oder von Himmel und Erde, weswegen man ihn für Eliun hält, den höchsten Gott der Phönizier, den die Griechen Hypsistos nannten.

Der Name Akmon begegnet uns in der griechischen Mythologie gleich mehrfach:
In seiner Untersuchung zum Heros eponymos von Akmoneia, Akmon, hat Louis Robert den in den Ethnika genannten ktistes mit einem der Korybanten identifiziert, der in den Dionysiaka des Nonnos einer der hervorragenden Kämpfer im indischen Heer des Dionysos war. Akmon, der nach Deutung Roberts in der Münzprägung seit Septimius Severus als gewappneter Reiterheros dargestellt wurde, sei auch ein Dämon der Berge gewesen. Dieser Charakterzug sei bei Nonnos erhalten geblieben, habe sich aber mit dem namensgleichen idäischen Daktylen vermischt, einem der Schmiededämonen der Magna Mater (Ruth Lindner),

Nonnos
Bei Nonnos wird der Daktyle Akmon mit dem „berg-durchschweifenden“ Korybanten Akmon, dem Sohn des Sokos und der Kombe, identifiziert (Dionysiaka 13, 143-152):

Unsteten Fußes kam, gewandt auf den Sohlen sich drehend,
Akmon, Okythoos Freund, im hellen Schimmer des Helmes;
Unerschütterlich kämpfte er wie sein Name: der Amboss,
Korybantischen Schild erhob er; es hatte Kronion
Oft in dessen Mulde als Kind im Gebirge geschlafen.


Hier verschmilzt Nonnos mehrere mythologische Gestalten namens Akmon, nämlich:
a) den idäischen Daktylen, den archaischen Schmied mit Bezug auf den Amboss (nach der Phoronis)
b) dann den Korybanten, wobei die Korybanten wieder mit den Kureten, den Beschützern des jungen Zeus (d. i. Kronion) identifiziert werden,
c) und schließlich einen anderen Akmon, den Vater des Uranos, der durch ein etymologisches Spiel gelehrter Alexandriner mit akámatos („unermüdlich“) zum „Unerschütterlichen“ und „Unermüdlichen“ wird.

Die Münze:
Schon die alten Numismatiker haben sich intensiv mit der Deutung der Rückseite beschäftigt.

1883 hat Imhoof-Blumer den Berg als den Dindymos im Norden von Akmoneia identifiziert, heute Murat Dagi (2309m hoch). Das war der heilige Berg der Phrygier und der Sitz der Kybele (Rhea, Magna Mater), für die dort nächtliche Feiern stattfanden

Den gelagerten Flußgott, der auf schlecht erhaltenen Münzen auch als Nymphe gedeutet worden war, hat Waddington ohne Zeichen des Zweifels Mäander genannt, aber Imhoof-Blumer hat ihn in seinem "Fluss- und Meergötter", das erst 1923 nach seinem Tode veröffentlicht wurde, nicht mehr erwähnt. Er kommt auch keinesfalls in Frage.

Der wichtigste Fluß in der Nähe von Akmoneia ist der Banaz Cayi, wobei Akmoneia an einem seiner Nebenflüsse liegt. Den Banaz Cayi hatte bereits Barclay Vincent Head mit dem Sandros identifiziert, ebenso William Mitchell Ramsay, der ihn aber fälschlicherweise als Senaros gelesen hatte. Der Banaz Cayi ist ein re. Nebenfluß des Großen Mäander und wird manchmal auch als sein re. Quellfluß betrachtet (Wikipedia). Er entspringt an den Südhängen des Murat Dagi, dem antiken Dindymos.

Der Reiter wurde von Imhoof-Blumer als "Galoppierender Kaiser" bezeichnet, was aber nicht sein kann, weil seine Ikonographie nicht zu einem Kaiser paßt. So ist auch die Peitsche kein kaiserliches Attribut. Der Hinweis auf einen Besuch des Kaisers in Akmoneia geht fehl, weil dies keine Adventus-Szene ist, für die es eine eigene Ikonographie gibt. Heute wird der Reiter allgemein als Akmon gesehen, als der Heros, der die Stadt Akmoneia gegründet hat.

Imhoof-Blumer hielt die beiden weiblichen Figuren zunächst für die Nemeseis von Smyrna, wozu ihn wohl die Zweizahl gebracht hatte, eine Bezeichnung, die er später aber fallen ließ und nur noch von "weiblichen Figuren" sprach. Beide stehen auf Felsen und so liegt es nahe, daß es sich um Bergnymphen (Oreiaden) handelt.

Und nun kommen wir zu meiner Münze:
Von allen Münzen, die die Darstellung dieser Szene zeigen, ist meine Münze die am besten erhaltene vo ihnen, die ich gefunden habe. Ich kenne keine andere, die diese Einzelheiten zeigt! Und das spielt eine große Rolle insbesondere bei der Darstellung der beiden Nymphen.
Detail.jpg
Detail der Münze

Man erkennt hier deutlich, daß die linke, hintere Nymphe ihre re. Hand dem Reiter entgegenstreckt. Das ist die typische Geste, die man benutzt, wenn man jemandem etwas reicht. Und es hat den Anschein, als reiche diese Nymphe dem Reiter ein Objekt (zwischen Hand und Pferdekopf). Pat Lawrence sprach von der "evidence of the coins". Die nehme ich jetzt in Anspruch. Die geometrische Struktur des Objekts spricht für einen artifiziellen Gegenstand. Man könnte annehmen, daß es ein Tempel ist und als Aufforderung, hier eine Stadt zu gründen, gedacht war. Das würde Heads Vorschlag, daß dieser Typus wahrscheinlich irgendeinen Gründungsmythos betrifft, mit einem wichtigen Detail unterstreichen.

Leider habe ich keine anderen Münzen dieses Typs mit diesem Detail gefunden. Die einzige andere Münze, die ich kenne, ist an dieser Stelle geglättet worden und deshalb nicht aussagefähig.

Anmerkungen:
(1) Sanchuniathon war ein phönizischer Historiker, dessen Schriften wir durch den griechischen Schriftsteller Philon von Byblos kennen. Seine "Phönizische Geschichte" ist uns aber überwiegend nur durch Eusebius von Caesarea bekannt, der jedoch wiederum nicht Philon direkt zitiert, sondern nur aus einem Buch des Neoplatonikers Porphyrios. Dies führte dazu, daß man die historische Existenz des Sanchuniathon überhaupt anzweifelte. Nachdem man jetzt aber die Texte, die man in Ugarit gefunden hat, zu lesen beginnt, gilt Sanchuniathon als verläßliche Quelle von Philon. Sanchuniathon soll noch vor dem trojanishen Krieg in Berytos, Tyros oder Sidon gelebt haben (Wikipedia)
(2) Die Phoronis, benannt nach Phoroneus, dem ersten Menschen des pelasgischen Menschengeschlecht, ist ein nur in Fragmenten überliefertes griechisches Epos eines unbekannten Verfassers aus dem 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr.
(3) Saken=Persischer Name für die Skythen (Herodot)

Quellen:
(1) Herodot, Historien
(2) Phoronis fr. 2,3 PEG
(3) Strabon, Geographica
(4) Nonnos, Dionysiaka (Übersetzung von Thassilo von Scheffer)
(5) Vergil, Aeneis 8.425
(6) Ovid, fasti 4.288
(7) Scholion zu Homer, Ilias 3, 189
(8) Stephan von Byzanz, De Urbibus

Literatur:
(1) Wilhelm Heinrich Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(2) Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon
(3) Ruth Lindner, Mythos und Identität: Studien zur Selbstdarstellung kleinasiatischer Städte in der römischen Kaiserzeit, Stuttgart: Steiner 1994
(4) Louis Robert, Nonnos et les monnaies d'Akmoneia de Phrygie, Journal des Savants 1975
(5) Der Kleine Pauly
(6) Gemoll, Deutsch-Griechisches Schul- und Handwörterbuch

Liebe Grüße
Jochen
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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » So 16.08.26 13:43

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Altamura2 » So 16.08.26 15:36

Peter43 hat geschrieben:
Sa 15.08.26 10:59
... Auch die Karyathiden, die Mädchen, die das Gebälk des Erechtheions auf der Akropolis in Athen tragen, tragen Poloi auf ihren Köpfen (Wikipedia). ...
Ich seh' da keine Poloi und finde die auch in keiner Beschreibung dieser Karyatiden (auch nicht auf Wikipedia). Woher stammt das denn 8O ?

Gruß

Altamura

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Re: Mythologisch interessante Münzen

Beitrag von Peter43 » So 16.08.26 17:56

Du hast recht. Die Karyatiden am Erechtheion tragen keinen klassischen Polos, sondern ein korbähnliches Kapitell, das auf eine Kopfpolster liegt. Deshalb werden die die Karyatiden auch oft als Korbträgerinnen (Kanephoren) bezeichnet.
Athen_Erechtheion_BW_2017-10-09_13-58-34.jpg
Jochen
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