Julisch-Claudische Dynastie

Kaiser, Dynastien und Münzstätten

Moderator: Homer J. Simpson

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Homer J. Simpson
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Homer J. Simpson » Di 19.05.20 21:36

Die können natürlich Hilfsmünzstätten in irgendeinem (oder mehreren) Militärlagern gehabt haben und örtlich vorkommendes Metall gemünzt haben; ich glaube, so was wurde für die Caius-und-Lucius-Denare auch schon gemutmaßt. Insgesamt ist es schon erstaunlich, wie wenig wir über die römische Münzprägung und ihre Organisation wissen.

Homer
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Lucius Aelius
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Mi 20.05.20 08:46

antoninus1 hat geschrieben:
Di 19.05.20 16:40
Ich habe hier ein As des Claudius von etwas ungewöhnlichem Stil.
Dieser As dürfte aus dem selben Atelier stammen:
https://www.ebay.de/itm/GVP-Nr-157-CLAU ... SwutZekPZg

antoninus1
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von antoninus1 » Mi 20.05.20 09:59

Stimmt, der ist stilistisch sehr ähnlich.
Gruß,
antoninus1

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Lucius Aelius
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Mi 20.05.20 10:46

Homer J. Simpson hat geschrieben:
Di 19.05.20 20:14
Ich habe so ein Produkt von Tiberius. Nur 22 mm groß, aber 9,2 Gramm schwer. Die Vorderseite entspricht RIC 44, die Rückseite RIC 71-72.

Homer
Ich würde meinen wollen, dass dein Stück in die Reihe jener Asse einzureihen ist, die noch durch andere Kopplungen verschiedenartiger Münzseiten auffällt. Spontan fallen mir dazu zwei Exemplare ein, die Küthmann, Schweizer Münzblätter 13/1953, S. 76 nennt:
Av: Kopf des Agrippa / Rv: großes SC mit Tiberius-Legende ... TR P XXIIII
Av: dto. / Rv: caduceus mit Tiberius-Legende ... TR P XXXVII
Daneben gibt es noch Imitationen mit Kopplungen etwa Av.: Agrippa-Kopf mit der etwas entstellten DIVVS AVGVSTVS PATER-Legende / Rv. Providentia-Altar aus der Zeit des Tiberius

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Lucius Aelius
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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Fr 29.05.20 10:20

Nach langer Suche konnte ich endlich einen preisgünstige Æ-Münze des Tiberius erwerben, deren Erhaltung mir zusagte:
As
Prägezeit: 26. Juni 34 – 25. Juni 35 n.Chr. aus der 3. Æ-Ausgabe (TR P XXXVI-XXXIIX, 34/35-36/37 n.Chr.)
Prägestätte: Rom
RIC 53, BMC 107, C 21
Gewicht: 10,68 g; Durchmesser: 27-28 mm
Avers:
Kopf des Tiberius mit Lorbeerkranz n.l.
TIBERIVS CAESAR DIVI AVGVSTI FILIVS AVGVSTVS IMPERATOR VIII
Tiberius Caesar, Sohn des vergötterten Augustus, der Erhabene, Imperator zum 8. Mal
Revers:
großes SENATVS CONSVLTO, dazwischen geflügelter caduceus (Merkurstab) - - - Nach meinem Dafürhalten steht die Auswahl dieses Reversbildes im Zusammenhang mit dem unten erwähnten Ereignis.
PONTIFEX MAXIMVS TRIBVNICIA POTESTATE XXXVI
Oberster Priester, Amtsgewalt des Volkstribunen zum 26. Mal

1.jpg
2.jpg


Interessant bei diesem Stück ist die Frage, warum es diese großen Lücken zwischen den drei tiberianischen Buntmetall-Emissionen (15-16, 22-23 und 34-37) gegeben hat. Ebenso, warum es am Ende von Tiberius' Regentschaft bis zu Beginn der Herrschaft von Claudius einen gewaltigen Ausstoss an Buntmetallemissionen gab, der dann abrupt für die nächsten 20 Jahre endete, um zu Beginn des Jahres 64 erneut wieder einzusetzen.

Ein bedeutendes Ereignis, welches zeitnah zu diesem Tiberius-Ass stattfand, soll hier kurz erwähnt sein:
Im Jahre 33 n.Chr.spielte sich in Rom eine Finanzkrise ab, zu der keine vergleichbaren Vorgänge aus der Kaiserzeit bekannt sind. Im
sechsten Buch seiner Annalen gibt Tacitus einen kurzen Abriß über den Geldverleih und das Übel des Zinswuchers. Schulden und Kredite gehörten mittlerweile zum römischen Alltag. „Wer Land oder Immobilien kaufen wollte, nahm dazu in der Regel eine Hypothek auf. Viele Römer belasteten außerem ihr vorhandenes Eigentum, um Geld für den Erwerb weiterer Vermögenswerte zur Verfügung zu haben. … Unter Tiberius war die Geldmenge geschrumpft [x] und die Schuldenlast gestiegen, und ein immer größerer Teil der Kreditnehmer hatte Schwierigkeiten, seine Schulden zu bedienen“ (Swarup, Geld, Gier und Zerstörung). „Da es schon zu Zeiten Caesars langjährige Kredite gab, dürfen wir vermuten, daß es zu Zeiten des Tiberius nicht anders war … Dieser Umstand muß betont werden, denn gerade das langjährige Anwachsen der Schulden ist meines Erachtens einer der wichtigsten Punkte in der ganzen Krise. … Selbst bei normalem Zinsfuß, d.h. 12%, dürften sich die Schulden in wenigen Jahren verdoppelt haben“ (Mrozek, Faenus: Studien zu Zinsproblemen zur Zeit des Prinzipats, S. 33). In die Wuchergeschäfte mit hochverzinsten Krediten waren fast alle Senatorenfamilien und viele Ritter ebenso verstrickt wie Freigelassene und Geschäftsleute. So mancher nahm einen Kredit nur aus dem einzigen Grund auf, um ihn zu einem höheren Zinssatz weiterzugeben (bereits Kaiser Augustus hatte einigen Rittern deswegen eine censorische Rüge erteilt) – so mancher Römer war Gläubiger und Schuldner zugleich (vgl. Duncan-Jones, Money and Gouverment in the Roman Empire, 1994). „Der Beginn der Krise trat zu jenem Zeitpunkt ein, da die Schuldner sich plötzlich bewußt wurden, daß sie infolge der wachsenden Zinsen, darunter auch infolge des Zinseszins, nie imstande sein würden, ihre Schulden zu begleichen“. Es setzte eine Klagewelle wegen unzulässiger Kreditgeschäfte ein. „Das Schuldenproblem wurde dem Praetor Gracchus übertragen, welcher dem Senat einen Bericht erstatte, was unter den Senatoren Beunruhigung hervorrief“ (Mrozek, ebd., S. 33 f.). „Die Senatoren, von denen sich viele als Geldverleiher betätigten (,denn keiner war frei von Schuld‘, wie Tacitus anmerkte), saßen damit auf Krediten, die im gegenwärtigen Wirtschaftsklima nicht mehr rentabel waren. Sofort ging eine Abordnung zum Kaiser und bat um Straffreiheit.“ (Swarup, ebd.). „Die Senatoren appellierten an Tiberius, der ihnen dann eine Frist von achtzehn Monaten einräumte, um ihre Verhältnisse [sprich Finanzgeschäfte] gemäß den gesetzlichen Bestimmungen zu regeln“ (Klingenberg, Sozialer Abstieg in der römischen Kaiserzeit, S. 57).
Zu diesen gesetzlichen Bestimmungen gehörte ein altes Edikt, das aber schon lange nicht mehr Beachtung gefunden hatte; darin war für jederman das Verhältnis zwischen verleihbaren Kapital und Grundbesitz festgelegt worden (⅓ Bargeld, ⅔ Immobilien). Es knüpfte an ein Gesetz Caesars an, dass die Hortung von mehr als 60.000 Sesterzen in Silber oder Gold zu Hause verbot, um einer Knappheit des umlaufenden Bargeldes vorzubeugen. Der wirtschaftliche Aufschwung unter Augustus und die damit einhergehende Möglichkeit, sich immens bereichern zu können hatten dazu beigetragen, „daß sich die Grenze von 60.000 Sesterzen nach ungefähr siebzig Jahren [seit Inkrafttreten] als lächerlich niedrig erwies. Es sei an dieser Stelle an die Worte des Senators Gallus Asinius erinnert, der in einer Senatsrede die Meinung äußerte, der jetzige Wohlstand sei nicht mit alten Maßstäben zu messen.Die Leute seien reicher geworden, als es die Fabricii und andere alten Römer gewesen waren“ (Mrozek, ebd., S. 34). Für die Umsetzung der beschlossenen Regelungen hatte der Prätor zu sorgen. „Um das vorgeschriebene Verhältnis von Land zu ausgeliehenem Kapital zu erreichen, kündigten die Gläubiger die Kredite vollständig auf, während der Senatsbeschluss [aber] nur die Ablösung von zwei Dritteln [der laufenden Kredite] vorgesehen hatte. Ein Nebeneffekt der Ablösung war die Vernichtung der Unterlagen, die das Ausmaß dieser Finanzgeschäfte ans Tageslicht gebracht hätten. Die Schuldner konnten die Forderungen jedoch nicht erfüllen, da sie nicht über ausreichend liquides Kapital verfügten. … Daher mußten sie den unangenehmen Weg der Landveräußerung beschreiten“ (Klingenberg, ebd., S. 58). „Das Ergebnis war eine Katastrophe. … Da alle sofort Geld brauchten, stürzten die Preise ins Bodenlose und das Ergebnis war eine handfeste Immobilienkrise“ (Swarup, ebd.).
Aufgrund des rapiden Preisverfalls liefen die Schuldner Gefahr, „alles zu verlieren, da der Verkaufserlös nicht zur Shuldentilgung ausreichte. Zur Lösung der Problemspirale kam es erst, als Tiberius 100 Millionen Sesterzen für zinslose Kredite bereitsstellte. Als Bedingung wurde eine doppelte Sicherheit in Landbesitz gefordert. Aus diesem Grund konnte nicht jeder ein solches Umschuldungsdarlehen beanspruchen“ (Klingenberg, ebd., S. 58 f.).
„Eine Finanzkrise ist kein isoliertes Ereignis. Sie macht die strukturellen Schwächen eines Systems sichtbar. Diese verschwinden nicht einfach, mit zunehmender Komplexität von Wirtschaft und Gesellschaft werden sie immer größer [*]“ (Swarup, ebd.).

[x] Tiberius war an der Krise nicht unschuldig. Seine Sparmaßnahmen und die Majestätsprozesse (der Kaiser ließ das Vermögen der Delinquenten konfiszieren und ihren Besitz zwangsversteigern) entzogen dem Wirtschaftsverkehr Geldmittel und spülten sie in die Staatskasse. Auf der anderen Seite befanden sich große Mengen an Bargeld in den Händen der Kreditverleiher – und fehlten dem Münzumlauf ebenfalls. Inwieweit der Geldabfluss durch den Fernhandel mitverantwortlich war ist umstritten. So oder so wurde ein evidenter Punkt der modernen Geldtheorie nicht mehr berücksichtigt: Es ist eine gesonderte Ausgabe von Geld durch die Gläubiger erforderlich, die eine Rückzahlung der Zinsen durch den Schuldner ermöglicht wird, weil andernfalls dem Schuldner eine vollständige Begleichung seiner Schulden nicht möglich sei.
Zuletzt geändert von Lucius Aelius am Fr 29.05.20 10:40, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Numis-Student » Fr 29.05.20 10:38

Hallo Lucius,

Vielen Dank für die Vorstellung der Münze (ein wirklich gutes Portrait, und wenn Du noch sagst, dass die günstig war... Sehr attraktiv, hätte ich auch gerne genommen) und vor allem vielen Dank für die umfangreiche Hintergrundrecherche !

12% Zinsen 8O

Und dass es ein Gesetz gab, was den Besitz von Bargeld beschränkte, wusste ich auch nicht.

Schöne Grüße
MR

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Fr 29.05.20 10:55

Hallo MR,

12% Zinsen 8O

12% (und höher) sind vor noch nicht allzulanger Zeit auch der übliche Zinssatz beim Dispokredit gewesen, und selbst heute (!) sind bei der Kreditkarte 17-19% effektiver Jahreszins fällig (Ratenzahlung).

Soweit ich weiß, sind die Gesetze zur Lösung der Krise nicht explizit in den historischen Quellen genannt.
Die Zinsregelungen sind ja schon in alten Texten festgeschrieben gewesen, etwa dem Zwölf-Tafel-Gesetz mit 8 1/3 %. Später wurde der Zinssatz halbiert und zeitweise ganz verboten. Unter Alexander Severus waren den Senatoren anfangs Zinsgeschäfte ebenfalls verboten worden.

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Mynter » Fr 29.05.20 12:44

Vielen Dank für die Vorstellung des As mit einem wirklich schönen Portrait (ganz im Gegensatz zu der Fratze, die einem auf dem " Tribute Penny " oft begegnet ), sowie für die spannende Darlegung der wirtschaftlichen Zusammenhänge zu ihrem Entstehungszeitraum.
Grüsse, Mynter

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von alex456 » Fr 29.05.20 13:50

Danke für die ausführliche Darstellung der historischen Hintergründe!

Gruß
Alex

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Redditor Lucis » Fr 29.05.20 17:43

Schöne Bronze und ein sehr interessanter Artikel!
Und es zeigt sich damals wie heute, dass ums Thema Geld immer wieder Probleme entstehen.
Nur ist das Finden einer Lösung 2000 Jahre später vermutlich noch komplizierter und das Gesamtsystem was ja aus vielen unterschiedlichen Puzzleteilen besteht fragiler.


Viele Grüße

Stefan

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Perinawa » Mo 01.06.20 16:43

Lucius Aelius hat geschrieben:
Fr 29.05.20 10:20
Ein bedeutendes Ereignis, welches zeitnah zu diesem Tiberius-Ass stattfand, soll hier kurz erwähnt sein:
Deine kurzen Erwähnungen sind wie gewohnt lehrreich und spannend. Bitte mehr davon.

Grüsse
Rainer
Manche Antworten sind zwar nicht nützlich, aber weniger schädlich als manche nützlichen.

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Di 02.06.20 16:47

Vielen Dank für eure freundliche Resonanz :D

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Lucius Aelius » Mi 03.06.20 22:34

Vielen Römersammlern kennen diesen Münztyp nur zu gut und es ist auch kein Hexenwerk, ihn "relativ" preiswert zu ergattern (dieses Stück hat mich im März bei einem Münzhändler in Marseille 126,- gekostet):
As
(Gedenkprägung für Marcus Agrippa)
Prägestätte: Rom
RIC 116, C 15
Gewicht: 10,34 g; Durchmesser: 24/26 mm
Avers:
Kopf des Agrippa mit corona rostrata (Schiffsschnabelkranz) n.l.
MARCVS • AGRIPPA • LVCIVS • FILIVS • CONSVL • III
Marcus Agrippa, Sohn des Lucius , Konsul zum dritten Mal
Revers:
Bildnis einer Statue des nackten Meeresgottes Neptun mit Umhang n.l. stehend, in der Linken den Dreizack, in der ausgestreckten Rechten einen Delphin haltend
Großes SENATVS CONSVLTO (im Feld)

20200602_192631.jpg
20200602_192513.jpg
Dass bei der Münzbeschreibung keine Prägezeit von mir angegeben wurde hat einen bestimmten Grund:
Küthmann (Die Prägezeit der Agrippa-Asses, in: Schweizer Münzblätter, Heft 16, 1954) möchte entgegen der allgemeinen Auffassung den Prägebeginn der Agrippa-Asse nicht in die Regierugszeit des Caligula legen, sondern schon in die seines Vorgängers Tiberius. Er hat deshalb die leztzten städtischen Duumvirnpaare von Caesaraugusta chronologisch geordnet, um eine von dieser Kolonie verausgabten Agrippa-Münze mit gleicher Bildvorderseite (Bild 1) entsprechend datieren zu können.„Als erstes Collegium setzt Hill Licinianus-Germanus an und läßt Scipio-Montanus folgen. Diesen schließt er Titullus-Montanus an. Richtiger ist die Reihenfolge bei Cohen: 1. Scipio-Montanus, 2. Titullus-Monatnus, 3. Licinianus-Germanus. Von Licinianus und Germanus gibt es nur je einen Dupondius und ein As mit dem bekränzten Kopf des Kaisers Gaius [= Caligula]. Die Reihe Scipio-Montanus enthält das As mit dem Kopfe des Agrippa sowie eines des mit dem des Germanicus und der Umschrift GERMANICVS CAESAR C CAESARIS PATER [Germanicus Caesar, Vater von Caius Caesar] … Wenn also auf dem Germanicus-As von Caesaraugusta Gaius den Augustustitel nicht braucht, wird das … seinen Grund haben. Dieser kann nur sein, daß Gaius zur Prägezeit des Germanicus-Asses noch nicht Augustus war;die Münze ist also noch zu Lebzeiten des Tiberius geschlagen worden. Es war allgemein nicht üblich, daß ein Beamter zwei Jahre hintereinander das Duumvirat bekleidete. … Die Möglichkeit ist daher auszuschließen, daß Montanus zwei Jahre hintereinander Duumvir gewesen wäre, das erste Jahr mit Scipio, das zweite mit Titullus. Vielmehr ist anzunehmen, daß Scipio vor Vollendung seines Amtsjahres durch Tod oder ein anderes Ereignis ausgeschieden war, daß Titullus an seine Stelle rückte, um mit Montanus das Amtsjahr zu Ende zu führen. Nun traten im allgemeinen die städtischen Duumvirn … ihr einjähriges Amt am 1. Juli an. Falls dies auch für Caesaraugusta zutrifft – was wahrscheinlich ist –, so fällt der Amtsbeginn für Scipio und Montanus auf den 1. Juli 36. Ein Jahr später wäre die Münzlegende C CAESARIS PATER undenkbar.“ Folgt man Küthmann, dann muss Scipio im Ende Mai 37 n.Chr. gestorben sein – zwischen dem Eintreffen der Nachricht in Caesaraugusta von Caligulas Kaisererhebung (etwa 10-20 Tage nach siner Inthronisierung am 18. März 37 n.Chr.) und Scipios Tod lagen mehrere Wochen Zeit, in denen Caligula-Asse (C CAESAR AVG GERMANICVS IMP [RPC 371] bzw. C CÆS AVG GERꟿICVS IMP PA R PATRIAE [RPC 375]) noch unter dem Duumvirnpaar Scipio-Montanus geprägt wurden.
„Hierzu paßt der Dupondiustyp von Caesaraugusta:Av. DIVVS AVGVSTVS PATER Kopf des Augustus mit Strahlenkranz, Rv. senkrecht gestelltes Blitzbündel [RPC 376: Scipio - Montanus(Bild 2a),RPC 383 Titullus - Montanus]. Der Typus ist wohlbekannt von den reichsrömischen Consecrationsmünzen; daß diese tiberianisch sind [RIC 83, geprägt 34-37 n.Chr., Bild 2b], ist die geläufige Meinung, die auch durh Hills These nicht ertschüttert wird. Hill weist sie nämlich Caligula zu, auf Grund der von ihm vorgenommen, hier angefochtenen Datierung der Scipio-Montanus-Dupondien. … Abgesehen von der Legende DIVVS AVGVSTVS PATER, die durchaus auf die persönliche Beziehung des Tiberius zu seinem Adoptivvater hinweist, unterscheiden sich die posthumen Augustusmünzen des Tiberius auch sonst von denen des Gaius: die letzteren haben den Augustuskopf mit Strahlenkrone, Inschrift DIVVS AVGVSTVS und S-C“(Küthmann, ebd., in: Schweizer Münzblätter, Heft 16/1954, S. 74 f.).
Mit Hilfe zweier hybrider Münzen versucht Küthmenn seine These zu untermauern. Auf beiden ist vorderseitig den Kopf des Agrippa abgebildet – die Rückseite der einen hat die Legende TI CAES DIVI AVG F AVGVST P M TR POT XXIIII um SC (Dupondius des Tiberius 22/23 n.Chr.), die zweite zeigt den caduceus zwischen SC mit der Umschrift PONTIF MAXIM TRIBVN POTEST XXXVII (As des Tiberius 34/35 n.Chr.)[Anm. 1].
Auch Jameson legte den umstrittenen Beginn der Agrippa-Prägungen in die Zeit des Tiberius (The Date oft the Asses of M. Agrippa, in: Numismatic Chronicle 7, 1966, S. 95-124), ebenso Rodewald, der nach reiflicher Abwegung aller Zeitansätze die Agrippa-Assse in die Spätzeit des Tiberius datiert (Money in the Age of Tiberius, Manchester 1976). Ein weiterer Befürworter ist Mannsperger: Caligula habe auf „allen Prägungen zu Ehren anderer seinen eigenen Namen mit angebracht … Unter Tiberius hätten die Germanicus-Dupondien [RIC 36, BMC Caligula 93, Anm. 2] ein Gegenstück in den Agrippa-Assen, die sich ebenfalls ganz als Prägung eines anderen geben … [und] ihrer ganzen stilistischen Erscheinung nach … besser in die frühtiberische Umgebung [passen]. … Sobald man sich an eine Zusammenschau der tiberischen Prägethematik macht, dann wird sogleich der übermächtige Einfluß des Divus Augustus und seines Hauses, der Divina domus, deutlich: Der neue Augustus, der auf Titel in der Namensformel weitgehend verzichtet, führt als vornehmsten regelmäßigen Bestandteil seiens Namens das Divi Augusti filius. … Wenn als Parallelprägung zur Divus-Augustus-Serie die Agrippa-Asse erscheinen, so ist bei dieser vor allem für das Militär gedachten und in der frühen Kaiserzeit ebenfalls lange nachgeprägten Münze die politische Absicht entscheidend. Wie auf der Kupferprägung von Nemausus wird der Mitregent und Admiral dem Augustus an die Seite gestellt, um die Traditionen der unter beiden siegreichen Legionen zu pflegen. Agrippa ist hier der Mitgründer des Kaisertums, nicht ,der Vater der Frau, die Tiberius liebte‘, wie Mattingly … interpretierte“ (Temporini / Haase [Hrg.], Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt, II/1, 1974 , S. 948, Anm. 74 und S. 946).
Auf Manspergers Ausführungen möchte ich jetzt nur noch kurz eingehen (zu einem späteren Zeitpunkt werde ich mehr dazu schreiben, ebenso zu den gegenteiligen Forschermeinungen von Carter/Metcalf, Mackensen, Mac Dowall, Giard, Nicols):
• Dass Caligula, der auf „allen Prägungen zu Ehren anderer seinen eigenen Namen“ mit aufführen ließ, ausgerechnet bei Agrippa eine Ausnahme gemacht haben soll erscheint umso verwunderlicher, da er „nicht für den Enkel von Agrippa gehalten oder so genannt werden [wollte], weil er sich für dessen geringer Herkunft schämte. Er geriet in heftigen Zorn, wenn einer jenen in Schriften oder Versen in die kaiserliche Familie einreihte“ (Sueton, De vita Caesarum, Caligula, 23). Auf diese Textstelle hat u.a. schon Kühmann hingewiesen. Caligulas Verbot der seit den Tagen des Augustus jährlich abgehaltenen Feiern anlässlich der Siege von Naulochos und Actium (beide von Agrippa errungen) zeugt nicht gerade von Pietät gegenüber dem Großvater mütterlicherseits.
• Eine Reihe inoffizieller Agrippa-Immitationen aus den westlichen Provinzen könnte die These einer „lange nachgeprägten Münze“ stützen. In der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. war hier beinahe jeder zweite römische Soldat stationiert (vier Legionen standen in Untergermanien, fünf in Obergermanien und drei in Hispanien). „In den ersten Jahrzehnten der römischen Besiedlung herrschte in den Provinzen nördlich der Alpen ein chronischer (Klein-) Geldmangel, so dass Münzen sehr lange umlaufen konnten. … Erst als Nero 62 n. Chr. [ Anm. 3 ] die Prägung von Bronzemünzen wieder aufnahm, die in den 40er Jahren unter Claudius eingestellt worden war, verschwinden diese Stücke aus dem Geldumlauf“ (Schinzel, Zu den römischen Münzfunden der Ausgrabung an der Baslerstrasse 15 in Olten, in: Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn 23, 2018, S. 42).

Unbenannt.jpg
Anm. 1: Sellars (The Monetary System oft he Romans, S. 76) lehnt das ab, da er die hybriden Agrippa-Tiberius-Asse als inoffizielle Imitationen ansieht; zudem würden Stempelachse und Legierung eine feste Zuordnung in die Zeit Caligulas gestatten.
Anm. 2: Für den Dupondius RIC 36 versuchte Küthmann indessen eine claudische Entstehungszeit nachzuweisen (Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte 10, 1959/60, S. 47 ff.).
Anm. 3: "zu Beginn des Jahres 64 n.Chr." wäre hier wohl richtiger.

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von Numis-Student » Do 04.06.20 07:49

Hallo Lucius,

Ich möchte mich noch ausdrücklich bei Dir bedanken, diese längeren, aufwendig recherchierten Beiträge sind ein Genuss zum Lesen und eine deutliche Aufwertung des Forums.

Ich habe selbst nur ein billiges Stück aus alten Schülerzeiten für 60€ oder so... Geglättet, evtl. auch etwas überarbeitet... Irgendwann kommt sicher ein schöneres Exemplar, aber das hat keine Priorität.

Schöne Grüße und DANKE
MR

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Re: Julisch-Claudische Dynastie

Beitrag von mike h » Mi 10.06.20 14:57

Hallo Lucius,
einen hübschen Agrippa hast Du da.
Danke für deinen informativen Beitrag.

Ich schreib ja eher weniger... und stelle schon mal "dumme Fragen"

Wie zum Beispiel: Was haltet Ihr von meinem Neuzugang? :wink:
Kamp0012.026AR01.jpg
Martin
130 Köppe /201 (Kampmann)
1.) Ziel erreicht!

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