Grafschaft Edessa

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Albert von Pietengau
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Grafschaft Edessa

Beitrag von Albert von Pietengau » Mi 22.01.14 10:03

Während des Ersten Kreuzzugs verließ Balduin von Boulogne, der Bruder des Anführers Gottfried von Bouillon, im Jahr 1098 den Hauptteil des Kreuzfahrerheeres, das sich südwärts Richtung Antiochia und Jerusalem bewegte, und wandte sich nach Osten auf Edessa zu, wo er den regionalen Herrscher Thoros dazu brachte, ihn als seinen Sohn und Erben zu adoptieren. Thoros war ein bei seinen armenischen Untertanen unbeliebter griechisch-orthodoxer Christ und fiel kurz nach der Adoption Balduins einem Mordanschlag zum Opfer, bei dem nicht geklärt ist, ob und inwieweit Balduin in ihn verwickelt war. Balduin wurde der neue Herrscher mit dem Titel eines Grafen, so wie er in Boulogne bereits genannt worden war.
Im Jahre 1100 wurde Balduin König von Jerusalem, als sein Bruder Gottfried starb. Die Grafschaft Edessa gab er an Balduin von Bourcq weiter, einen nahen Verwandten (Neffen oder Vetter), der bei den Einwohnern der Stadt beliebt war und auch eine armenische Frau nahm.[Quelle = Wikipedia]


Liste der Herrscher von Edessa:

1098 -1100 Balduin von Bouillon bzw. Balduin von Edessa
1100 - 1118 Balduin von Bourcq (Vetter von Balduin I. als Verwalter der Grafschaft)
Zwischenzeitlich (1104 - 1108) Tankret von Tarent, da Balduin von Bourcq von den Seldschuken gefangen genommen wird
1119 - 1131 Joscelin I. von Courtenay bzw. von Edessa
1131 - 1150 Joscelin II. von Edessa (wird von dem Zengiden-Herrscher Nur ad-Din geblendet und bis zu seinem Tod in Aleppo gefangen gehalten)
1159 - 1200 Joscelin III. von Courtenay; Titulargraf von Edessa

Balduin von Bourcq war von 1118-1131 als Balduin II. auch König von Jerusalem. Er schlug sich mit wechselndem Erfolg gegen Seldschuken und Fatimiden.
Dateianhänge
K800_EdessaAv.JPG
Baudouin (Balduin) II du Bourg (1108-1118); AE Follis 1er Typ Metcalf 109; 4,57g
K800_EdessaRv.JPG
Zuletzt geändert von Albert von Pietengau am Mi 29.01.14 11:49, insgesamt 2-mal geändert.
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Albert von Pietengau
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Re: Grafschaft Edessa

Beitrag von Albert von Pietengau » Mi 22.01.14 11:16

Die byzantinischen Münzen Sear 1880 (anonymer AE Follis; wahrschl. Michael VII (1081-1092)) und der hier vorgestellte Sear 1889 (ananym; wahrschl. Nicephorus III (1078-1081) zeigen ein ähnliches am Fuße mit floralen Elementen geschmücktes Kreuz.

Es folgt eine Münze des Armenischen Königreichs von Kilikien, ein Kardez von Hetoum II (1289-1305), der ebenfalls ein derartiges Kreuz - in diesem Fall ein Patriarchenkreuz - aufweist.
Dateianhänge
K800_ByzAv.JPG
Anonym, wahrschl. zur Zeit des Nicephorus III (1078-1081); Sear 1889
K800_ByzRv.JPG
K800_KiliAv.JPG
Kardez; Hetoum II (1289-1305); Bed. 1606 var; 4,5g
K800_KiliRv.JPG
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Marc
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Re: Grafschaft Edessa

Beitrag von Marc » Mi 29.01.14 12:28

Albert von Pietengau hat geschrieben:... und wandte sich nach Osten auf Edessa zu, wo er den regionalen Herrscher Thoros dazu brachte, ihn als seinen Sohn und Erben zu adoptieren. Thoros war ein bei seinen armenischen Untertanen unbeliebter griechisch-orthodoxer Christ und fiel kurz nach der Adoption Balduins einem Mordanschlag zum Opfer, bei dem nicht geklärt ist, ob und inwieweit Balduin in ihn verwickelt war...
Zur unbeliebtheit der griechisch Orthodoxen in Kleinarmenien/Edessa/Antiochia: Es war nur oberflächlich religiös, daran konnte man die Gruppen nur gut unterscheiden. Genauso wie heute in Nordirland (katholisch=alte irische Bevölkerung, protestantisch=schottische Zuwanderer nach Eroberung durch England). Hinter der Stimmung in Edessa stand eine leidvolle Geschichte der Vertreibung aus Machtgier der Ostkaiser:

Das klassische Armenien auch 'Großarmenien' genannt lag ja nördöstlicher und schirmte über Jahrhunderte Byzanz gegen Invasoren ab, deshalb war man mal Verbündeter mal Vasall des byzantinischen Kaisers. So lebten auch viele Armenier im byzantischen Reich und steigen in höchste Ränge auf, werden dafür aber meist griech. Orthodox. In Armenien, später auch in Georgien, herrschten die Bagratiden (nachweisbar ab ca. 300, Fürsten seit 732, Könige seit 885). Im 11. Jahrhundert kam das armenische Königreich stark unter Druck durch Einfälle der Seldschuken. Die Ostkaiser nützten die Chance und eroberten 1045 das geschwächte Armenien, anstatt den alten Verbündeten beizustehen. Sie waren aber nicht stark genug das Land vor Plünderzügen der Seldschuken zu sichern, deshalb floh die Bevölkerung in die alten Reichsgebiete. Kaiser Konstantin (1024–1055) förderte die Ansiedlung der Flüchtlinge insbesondere in Kilikien, Edessa und Antiochia. Schon vor der Eroberung von Großarmenien hatte er den armenier Abul Gharib zum Gouverneur von Kilikien gemacht. Dessen wichtigster armenischer Gefolgsmann Oschin kann sich hier festsetzen, er entstammt dem Haus der Hethumiden, einer der beiden wichtigen Kräfte in Kleinarmenien. Sie sind, bis sie 1226 durch Einheirat zu Königen von Kleinarmenien werden, meist byzanzfreundlich. Die Gegenpartei ist unter den Flüchtlingen, die Rubeniden, eine Nebenlinie der in Großarmenien entmachteten Bagratiden, sie sind meist byzanzfeindlich. In den folgenden Jahrzehnten zeigt sich das sich Byzanz mit Großarmenien übernommen hat, nun fallen die Seltschuken nicht nur in Armenien ein, sondern ziehen durch bis ins byzantinische Kernland. So belagerte Alp Arslan 1071 Edessa, woraufhin das byzantinische Heer loszog und die verheerende Niederlage in der Schlacht bei Manzikert kassierte. Als Folge entstand in Anatolien das römische Sultanat (Rum-Seldschuken). Südlich konnten sich Gouverneure (z. B. Philaretos Brachamios in Sebastia oder Abul Gharib in Kilikien) und größere Stadte (z. B. Edessa) ohne Unterstützung des am Boden liegenden Reiches eine Zeit lang halten. So herrschte seit 1071 in Edessa der armenier Abu-Kab, ihm folgte sein Sohn Vasil. Dann nahm der ehemalige byzantinische Gouverneur Philaretus Brachamius Edessa ein, ihm folgte 1090 sein Offizier Thoros. Jener, von der aus Großarmenien vertrieben Bevölkerungsmehrheit, so verhasste 'giechisierte' Armenier welcher sich gezwungen sah Balduin zu adoptieren um seine Macht zu erhalten. Schon Philaretos Brachamios musste 1079 ein Bündnis mit dem Rubeniden Ruben schließen, welches Ruben erlaubte die Grundlage des Herrschaftsgebietes zu schaffen, welches später Kleinarmenien bilden wird. Letztlich wird der Rubenide Levon 1198 vom Kanzler Kaisers Heinrich VI., dem Mainzer Erzbischof Konrad von Wittelsbach, in Tarsus zum König gekrönt. Da die Rubeniden den Bagratiden entstammen sieht man auf vielen Münzen Kleinarmeniens das Wappen der Bagratiden, einen Löwen mit Kreuz(stab) über dem Rücken. Als die Hethumiden 1226 durch Zwangsheirat der Rubenidenerbin Zabel (Isabel) an die Macht kommen führen sie die 'frankenfreudliche' Politik der Rubeniden fort. Deshalb wird Armenien haufig zu den Kreuzfahrerstaaten dazugezählt.

[Dieses ist allerdings stark vereinfacht dargestellt, sowohl Rubeniden als auch Hethumiden schlossen immer gern auch mal Bübdnisse mit der anderen Seite wenn es der eigenen Macht diente, das würde aber zu einem Roman ausarten]

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Re: Grafschaft Edessa

Beitrag von Albert von Pietengau » Fr 31.01.14 16:09

Danke für den interessanten Beitrag!

Ich bin noch am überlegen, ob man das KR Kleinarmenien in die neu gezimmerte "Kreuzfahrer-Kiste" schmeißen soll. Mit der reizvollen eigenen Schrift und den bilingualen Ausgaben, die Du dann unbedingt aus der "Mottenkiste" hervorkramen musst, lassen sich die variantenreichen Münzen Kleinarmeniens nicht so leicht in eine Schublade stecken. Zusammen mit den normannischen Denaren des KR Sizilien würden sie - wie auch die Kreuzfahrer-Imitationen - einen guten Übergang zu den islamischen Münzen bilden.


Mit den Armeniern würde sich die "Kreuzfahrer-Kiste" nicht nur richtig auffüllen lassen, sondern man würde auch den Gepflogenheiten der Auktionshäuser und Händler folgen, die in der Regel das KR KA unter der Rubrik "Kreuzfahrer" anbieten.

Außerdem floss in Königin Isabella (Zabel) vermischt mit rubenidischem Blut das Blut der Franken (Almarich I.; König von Jerusalem); ganz nebenbei auch noch das Blut der Byzantiner (Maria Komnena)...


Gegen eine Einordnung bei den Kreuzfahrern spricht lediglich, dass die wunderschönen Stücke des KR KA einen eigenen Thread verdient hätten...

Was meint die Community?

Gruß
AvP
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Re: Grafschaft Edessa

Beitrag von Locnar » Fr 31.01.14 16:29

Eure Sache, ich versuche nur auszuführen.

Ich habe mal vor 12 Jahren etwas zu den Thema geschrieben.
@Albert von Pietengau
Ich schicke dir den Entwurf mit den Bilder mal zu



Die Herrscher von Kleinarmenien/Kilikien


1198-1219 Levon I.
1219-1222 Zabel
1222-1225 Zabel u. Philipp
1226-1270 Hetoum
1270-1289 Levon II.
1289-1293 Hetoum II. mit Unterbrechungen bis 1305
1293-1295 Toros
1296-1298 Smpad
1298-1299 Gosdantin
1301-1308 Levon III.
1308-1320 Oshin
1320-1342 Levon IV.
1342-1344 Guy
1344-1365 Gosdantin III. ab 1363 gemeinsam mit Levon d. Usurpator
1365-1373 Gosdantin IV.
1374-1375 Levon V.
Gruß
Locnar

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Re: Grafschaft Edessa

Beitrag von Albert von Pietengau » Fr 31.01.14 17:24

Den Bedoukian habe ich inzwischen. Nun weiß ich endlich wie ein wissenschaftl. Buch über Numismatik aussieht. :D

LG
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Re: Grafschaft Edessa

Beitrag von ischbierra » Fr 31.01.14 18:45

Ich finde, Kleinarmenien sollte einen eigenen Faden bekommen, der Übersichtlichkeit wegen. Im übrigen freue ich mich, daß die Kreuzfahrer mal an die Reihe kommen.
Gruß ischbierra

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