Sammlung Timestheus

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Zwerg
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Zwerg » Mi 02.03.22 21:16

Es gibt bei solchen wissenschaftlichen Diskussionen immer ein Problem:
Man kann es glauben, muß es aber nicht - nicht so euphorisch

Grüße
Klaus
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Timestheus
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » Mi 02.03.22 21:20

Zwerg hat geschrieben:
Mi 02.03.22 21:16
Man kann es glauben, muß es aber nicht - nicht so euphorisch
Ernsthaft - nein natürlich - das ist auch nur ihre Theorie. Sie kann es auch nicht beweisen - sie kann ihre Theorie nur mit Indizien untermauern. Und am Ende liegt die Theorie näher, welche die stichhaltigsten Indizien aufweisen kann. Oder?

Ich lese mich auf jedenfalls noch weiter ein und werde meinen Beitrag um mehr Konjunktive ergänzen "soll".

Auf jedenfalls ist das jetzt etwas interessantes um am Ball - ha ha ein Wortspiel - zu bleiben. Aber auf jedenfalls nochmals Danke dass Du das PDF hervorgekramt hast, das kannte ich nicht und ist auf jedenfalls eine Bereicherung.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Perinawa » Mi 02.03.22 21:21

Zwerg hat geschrieben:
Mi 02.03.22 21:16
Es gibt bei solchen wissenschaftlichen Diskussionen immer ein Problem:
Man kann es glauben, muß es aber nicht - nicht so euphorisch
Und wovon sollten sonst unsere Experten leben, wenn sie nicht hin und wieder neue Thesen aufstellen würden? ;-)

Etwas atemberaubend Neues kommt nur ganz selten auf den Tisch, es sei denn, es ergeben sich aus z.B. neuen Funden und deren Kontexten neue Anhaltspunkte, um eine schon zigmal durchgeschwurbselte Diskussion wieder neu zu entfachen.

PS. Ich bin oft erstaunt, was Numismatiker und Historiker schon im 19. Jh. festgestellt haben, und das ohne Internet & Co. Da kann man nur den Hut ziehen.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Peter43 » Mi 02.03.22 22:21

Perinawa hat geschrieben:
Mi 02.03.22 21:21
Ich bin oft erstaunt, was Numismatiker und Historiker schon im 19. Jh. festgestellt haben, und das ohne Internet & Co. Da kann man nur den Hut ziehen.
Ich hoffe, Du kennst das Zitat:" Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen."

Jochen
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » Do 03.03.22 21:49

Bild

Marcus Aurelius Severus Antoninus Caracalla 211 bis 217 n.Chr.
Denar der römischen Kaiserzeit 216 n.Chr.
Material: Silber
Durchmesser: 20mm
Gewicht: 3,40g
Münzstätte: Rom
Provenienz: Palaio Dr. Gernot Heinrich, Bad Reichenhall
Referenz: RIC IV Caracalla 283c, Rare

Avers:
Zu sehen ist die nach rechts gerichtete Büste des Caracalla mit Lorbeerkranz. Die Inschrift lautet: ANTONINVS PIVS AVG GERM für Antoninus Pius Augustus Germanicus.

Den Siegernamen Germanicus maximus führte Caracalla seit 213 n.Chr. Im Sommer dieses Jahres war er in Germanien über den rätischen Limes gegen die Alemannen zu Felde gezogen und hatte schließlich eine erfolgreiche Schlacht mit ihnen am Mainfluss geschlagen. Sein Verhalten zum Feind war jedoch gekennzeichnet durch Verrat und Brutalität. So hatte er die alemannische Jugend aufgerufen unter seinen Fahnen mitzukämpfen und sie dann grausam ermorden lassen. Anschließende Kämpfe scheinen jedoch weniger günstig verlaufen zu sein, denn er sah sich zu Zahlungen an germanische Gruppen veranlasst. Insgesamt gesehen war sein Vorgehen aber offenbar erfolgreich, denn die Lage an der Nordgrenze blieb für zwei Jahrzehnte stabil.

Von Caracalla sind vier Porträttypen bekannt. Sie unterscheiden sich so deutlich, dass ihr Einsetzen mit Hilfe der datierten Münzen genau bestimmt werden kann. Ein erster Typus entstand 196 n.Chr. Unverkennbar ist das jugendlich-lockenköpfige Porträt dem des jungen Marc Aurel nachgebildet. Der Typus entstand zur gleichen Zeit wie ein Porträttypus des Septimius Severus, dessen Gestaltung sich an den letzten Porträttypus des Marc Aurel anlehnt. Die Porträts von Vater und Sohn sollten die behauptete Abstammung aus dem Hause der Antoninen vor Augen führen, die auch in Caracallas neuem Namen zum Ausdruck kam. Von diesem Typus gab es Neuauflagen mit erwachsener werdenden Proportionen.

Im Jahr 204 n.Chr. wurden für Caracalla und Geta neue Bildnistypen geschaffen. Beide trugen nun das kurzgeschorene Haar, das in der Folge im 3. Jahrhundert n.Chr. zur führenden Frisurenmode wurde. Merkwürdigerweise sind die Typen der beiden Brüder einander so ähnlich, dass man sie nicht zuverlässig auseinanderhalten kann. Für beide gab es verschiedene Neuauflagen, die das Älterwerden durch zunehmenden Bartwuchs anzeigten. Auch die Porträts aus dem Jahr der gemeinsamen Regierung 211/12 n.Chr. entsprechen diesen Typen und zeigen beide mit kurzem Vollbart.

Mit dem Gewinn der Alleinherrschaft 212 n.Chr. gestaltete Caracalla sein Porträt völlig neu. Der Kopf ist scharf zur linken Seite gewendet, und die Stirn des massiven Gesichts so kräftig zusammengezogen, dass der Betrachter schwanken kann, ob er in eine Miene höchster Anstrengung oder höchsten Zornes blickt. Caracalla trägt in diesem Porträt eine kurze Lockenfrisur und einen kurzgelockten Bart. Zu diesem Entwurf gehörte die Erfindung eines neuen kurzen Panzerbüstentypus, in dessen straff zur Seite gezogenem Mantel sich die starke Bewegung des Kopfes spiegelt.

Für die Interpretation dieses merkwürdigen Porträts ist es wichtig zu sehen, dass der Kaiser die extreme Inszenierung seiner selbst schon nach wenigen Jahren wieder zurückgenommen hat. In einem 215 n.Chr. geschaffenen Typus wurden die Haltung des Kopfes und die Mimik des Gesichts beruhigt, und Caracalla trägt wieder das kurze Haar, das nun üblich wurde. In einem vermutlich postumen Typus wurde die heftige Mimik des Typus von 212 n.Chr. wieder aufgenommen − man wüsste gern weshalb.

Die extreme Mimik des Porträttypus von 212 n.Chr. muss auch den Zeitgenossen aufgefallen sein. Das zeigen Bemerkungen in der antiken Literatur, die diese Mimik allerdings der Person zuschreiben. Der Zeitgenosse Dio Cassius berichtet, ein Spaßmacher habe gesagt, Caracalla sehe aus, als sei er wütend, weil er sich leidenschaftlich (thymoeidesteron) zu geben pflegte (Dio 78,11). Und in der spätantiken Historia Augusta heißt es, der Kaiser sei als Kind nett gewesen, später aber sei er ‚restrictior, gravior, vultu etiam truculentior, … im Gesichtsausdruck finster‘ geworden (SHA Caracalla 2,4).

Im Hintergrund der merkwürdigen Stilisierung muss vor allem die offenbar besonders ausgeprägte Neigung Caracallas zum Heer und zum Soldatenleben gestanden haben. Er war angeblich keine gute Führungspersönlichkeit, liebte es aber, das Leben der Soldaten zu teilen und wurde dafür von ihnen geliebt. Auch der schon antike Spitzname Caracalla leitet sich von einem bestimmten Soldatenmantel her, den er gern trug. In diesem Sinne könnte der Bildnistypus Kraft, Energie und Einsatzbereitschaft ausgedrückt haben. Ein Bekenntnis zum Heer wäre 212 n.Chr. sehr passend gewesen, denn nach dem Mord an seinem Bruder soll Caracalla sich dorthin geflüchtet haben, als seine Hauptstütze. Vielfach wird außerdem von Caracallas zunehmender Schwärmerei für Alexander dem Großen berichtet. Er soll sogar Doppelhermen mit seinem Bildnis und dem des legendären Makedonen errichtet haben. Für einen Bezug auf Alexander im Porträt, wie ihn andere römische Kaiser gesucht haben, gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt.

Revers:
Zu sehen ist ein Löwe mit Strahlenkrone (Sonnenlöwe) nach links schreitend mit einem Blitzbündel im Maul. Die Inschrift lautet: P M TR P XVIIII COS IIII P P für Pontifex Maximus Tribunitia Potestas (zum neunzehnten Male) Konsul (zum vierten Male) Pater Patriae.

Der Löwe symbolisiert Mut und Königlichkeit, da er als „König der Tiere“ gilt. In der Antike war der Löwe im gesamten Mittelmeerraum verbreitet. In der griechischen Mythologie erscheinen Löwen in verschiedener Funktion. Der Nemeische Löwe wurde als eine menschenfressende Bestie dargestellt, den zu töten eine der zwölf Aufgaben des Herakles war. In der Geschichte von Androklus, einer der Fabeln des Äsop, zieht der Held, ein entlaufener Sklave, einem Löwen einen Dorn aus der Pfote. Als er später zur Strafe für seine Flucht den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden soll, erkennt ihn das Tier wieder und weigert sich, den Mann zu töten.

Der geflügelte Löwe wird in der Bibel erwähnt (Daniel 7,4 EU) und in der christlichen Ikonographie dem Evangelisten Markus zugeordnet. Auch in zahlreichen anderen antiken Kulturen spielte der Löwe eine Rolle. In Ägypten wurden Pharaonen als Sphingen dargestellt, Löwen mit Menschenkopf. Die berühmteste derartige Darstellung ist der Große Sphinx von Gizeh. Die ägyptische Mythologie kannte auch Dedun, den oberägyptischen Gott des Reichtums.

Gerade in der Mythologie des Ostens symbolisierte der Löwe in Verbindung mit Symbolen der Sonne die Herrschermacht. Das feurige Sternzeichen des Löwen, dessen Energiefluss durch die Sonne geleitet wird und dessen spezifische Eigenschaft für den Menschen das gezielte Streben nach Erkenntnis und Herrschaft ist. Es regiert den Willen zu erleuchten und den Willen zu herrschen.

Mit der Darstellung des Sonnenlöwen auf der Rückseite dieses Denars verbindet Caracalla mit dem den Löwen seine imitatio Alexandri (Alexander der Große war auch als der Löwe von Makedonien bekannt) mit der Strahlenkrone des Sol, des Weltenherrschers und dem unbesiegbaren Sonnengott des Ostens.

Hintergrund:
Die imitatio Alexandri des Caracalla. Es gibt mehrere historische Belege für die früh einsetzende Begeisterung des jungen Caracalla in Bezug auf Alexander des Großen. Unter anderem durch die Hinweise in der Historia Augusta. Einer Provenzialprägung aus dem Jahr 197 n.Chr. aus Kaiserreia auf der der jugendliche Caracalla einen Schild mit Alexanderdarstellung trägt oder einem heute verschollenem Kameo aus dem Camminer Domschatz, welchen den jugendlichen Prinzen gekleidet mit einer bis zu den Knien reichenden Ägis, auf dem Kopf eine Strahlenkrone, die Füße in Stiefeln, zeigt. Die Darstellung erinnert an den Alexander Aigiochos Typus. Nicht zu vergessen, der Besuch am Grab von Alexander des Großen. Entgegen dem Wunsch seines Vaters ließ sein Sohn Caracalla das Alexandergrab wieder öffnen und hinterlegte dort seinen Purpurmantel, seine Ringe und seinen Gürtel sowie andere Wertgegenstände. Er scheint im Übrigen der letzte römische Kaiser gewesen zu sein, der das Grab besucht hat.

Diese Begeisterung für Alexander des Großen war jedoch kein Alleinstellungsmerkmal des Caracalla – er war sicherlich der Kaiser, dessen Begeisterung sich bis in den Alexanderwahn hineinsteigerte. Dennoch erlebte Alexander zu Beginn des dritten Jahrhunderts eine erneute Renaissance, welche auch noch nach dem Tod Caracallas weiter andauerte. Die Kaiser der Zeit selbst ließen das Bild des Alexander wieder lebendig werden, nicht aber allein wegen persönlicher Motive oder Empfindungen, sondern eher als Indiz, das man die Figur Alexanders zu nutzen verstand. Als Zielgruppen standen dabei sicher die Bevölkerung im Osten, wie auch die römischen Truppen im Vordergrund. Dafür spricht auch die Verbreitung der imitatio Alexandri über die verschiedenen Münzprägungen.

Mit Blick auf die stärkste Ausprägung einer imitatio Alexandri unter den römischen Kaisern nennt Cassius Dio Caracalla. Laut den historischen Autoren benutzte Caracalla Waffen und Becher, von denen er glaubte, diese haben einmal Alexander gehört. Aus sorgfältig ausgewählten Männern bildete er im Vorfeld seines Partherfeldzuges eine Truppe, welche er auf makedonische Art bewaffnete und nach dem Beispiel Neros „Phalanx Alexanders“ nannte. Der Kaiser pflegte oft sich in makedonischer Tracht zu zeigen, mit der entsprechenden Kopfbedeckung und den entsprechenden Schuhen. Einen einfachen Soldaten ließ er in den Rang eines Prätors befördern und in den Senat aufnehmen, allein weil sein Name Antigonos und der seines Vaters Philipp war.

Cassius Dio berichtet weiter, dass Caracalla während seines Partherfeldzuges mehrere Elefanten mit sich führte und dies als Teil seiner imitatio Alexandri zu betrachten sei. Es finden sich auch Hinweise, dass er auf dem Feldzug viele Löwen hielt und immer einige um ihm waren, welche er in der Öffentlichkeit zu streicheln pflegte. In den Inschriften und auf Münzen findet sich das Epitheton „Invictus“, seit etwa 213/214 n.Chr. erscheint für Caracalla der Magnus-Titel auf einigen Inschriften. Auch in Bezug seines Verhaltens gegenüber seinen Soldaten mag man das Vorbild Alexander des Großen erkennen. Er teilte alle Strapazen und Belastungen mit ihnen, sogar das Essen. Bei seinem Wunsch, sich bei den Soldaten beliebt zu machen, mag auch hier Alexander als Vorbild eine Rolle gespielt haben.

In den Jahren 212/213 n.Chr. wurde unter Caracalla die constitutio Antoniniana erlassen, durch die alle freien Untertanen das volle römische Bürgerrecht erhielten. Cassius Dio berichtet von fiskalischen Gründen, die für diesen Erlass ausschlaggebend waren. Die meisten der reicheren Bürger in den Provinzen waren jedoch häufig bereits im Besitz des römischen Bürgerrechts und eine gewaltige Mehreinnahme an Steuern ist daher eher unwahrscheinlich. Daher ist auch hier eine von Caracalla intendierte Analogie zur sogenannten Verschmelzungspolitik Alexanders nicht auszuschließen.

Am deutlichsten ist die wachsende Identifizierung mit dem Makedonierkönig jedoch in einem von Cassius Dio überlieferten Brief an den Senat ausgedrückt. Caracalla schreibt an den Senat, dass Alexander der Große in ihm, dem Augustus, wiedergeboren sei, dass er noch einmal in ihm lebe, da sein voriges Leben so kurz gewesen wäre. Damit deutete er das Programm einer Wiederherstellung von Alexanders Weltreich, zumindest einer ruhmreichen Expansion nach Osten an. Für Alexander verwendet er dabei den Titel Augustus des Ostens, für sich selbst nur den Titel Augustus – und so ohne Einschränkung noch über Alexander zu stehen scheint.

Im Jahr 214 n.Chr. begann Caracalla seinen Feldzug in den Osten. Hier scheint seine imitatio Alexandri ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Nach der Ankunft in Thrakien „war er sofort Alexander“, schreibt Herodian (4,8,1) und begann auch hier unverzüglich mit dem Aufstellen von Alexanderstatuen. Bei der nun folgenden Überfahrt nach Asien setzte er nicht wie sonst üblich über den Bosporus über, sondern über den Hellespont, da er beabsichtigte auf den Spuren Alexanders zu folgen. Sein Schiff wollte er in Anlehnung an Alexander selber steuern, kenterte und er musste in höchster Not von dem Prefectus Classis gerettet werden.

Auf dem Festland folgte er erneut Alexanders Beispiel und begab sich nach Ilion, wo er zum Gedenken an den Trojanischen Krieg am Grab des Achilles ein Opfer darbrachte und die Leichenfeier des Patroklos imitierte, indem er seinen Cubicularius Festus dort prunkvoll bestatten ließ. Bemerkenswert ist, dass das Heer hier Geldgeschenke von ihm erhielt. Nach einem Besuch in Pergamon, wo er sich im Tempel des Asklepios einer Kur unterzog (RIC IV Caracalla 251), begab er sich für den Winter nach Nikomedia. Am Saturnalienfest veranstaltete er für die Senatoren dort ein Festmahl, an dem auch Cassius Dio teilnahm.

Seine Reiseroute vom Aufbruch in Nikomedia im April 215 n.Chr. bis zu seiner Ankunft in Antiochia im selben Jahr ist in der literarischen Überlieferung nicht dokumentiert. Es wäre vorstellbar das er versuchte hier den Spuren Alexanders zu folgen. Gesichert ist Caracallas Besuch in Tarsos. Die von ihm mitgeführten Elefanten spiegeln sich im lokalen Kultleben der Stadt wider. Sowohl aus Tarsos wie auch aus Amorion in Phrygien, Nikaia in Bithynien und den thrakischen Städten Serdika und Hadrianopolis, wo Caracalla sich wohl ebenfalls aufgehalten hat, sind Münzen mit Elefantendarstellungen erhalten, die zeigen, wie sehr die Städte bereit waren, Caracalla als neuen Alexander zu empfangen.

Nach dem Aufenthalt in Tarsos begab Caracalla sich ins kilikische Aigeai, um von dort mit dem Schiff nach Syrien überzusetzen. Von Antiochia in Syrien aus reiste er Richtung Süden nach Alexandria in Ägypten, wo er unter den Einwohnern ein furchtbares Blutbad anrichtete, weil sie, wie ihm zugetragen worden war, sich über ihn als neuen Alexander lustig gemacht hätten. Der genaue Verlauf ist jedoch unklar. Cassius Dio berichtet zunächst von der Ermordung der führenden Männer der Stadt, die dem Kaiser zur Begrüßung entgegengekommen waren. Danach wäre das Strafgericht auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt worden. Den Winter 215/16 n.Chr. verbrachte Caracalla dann an einem unbekannten Ort im Osten.

Die Anknüpfung an das Vorbild Alexanders des Großen und an dessen Weltherrschaftsidee bedeutete Konfrontation mit dem Partherreich, dass Caracalla ins Römische Reich eingliedern wollte. Angeblich verfolgte er sein Ziel zunächst auf friedlichem Weg oder versuchte zumindest diesen Anschein zu erwecken. Er soll dem Partherkönig Artabanos IV. ein Heiratsprojekt vorgeschlagen haben. Artabanos sollte ihm seine Tochter zur Frau geben und damit den Weg zu einer künftigen Vereinigung der beiden Reiche ebnen. Dieses Projekt fällt ganz aus dem Rahmen der traditionellen römischen Außenpolitik. Römische Kaiser gingen nie Heiratsverbindungen mit auswärtigen Herrscherhäusern ein. Die Historizität der von Cassius Dio und Herodian mitgeteilten, bei Herodian mit fantastischen Elementen ausgeschmückten Episode ist in der Forschung umstritten. Überwiegend wird angenommen, dass die Überlieferung zumindest einen historischen Kern hat. Auch dabei spielte das Vorbild Alexanders eine Rolle. Der Makedone hatte Stateira, eine Tochter des Perserkönigs Dareios III., geheiratet. Erst als Artabanos den fantastisch anmutenden Vorschlag ablehnte, begann Caracalla im Frühjahr 216 n.Chr. den Feldzug gegen die Parther.

Begünstigt wurden die Römer durch den Umstand, dass bei den Parthern damals ein Bürgerkrieg zwischen den Brüdern Artabanos IV. und Vologaeses VI. herrschte, in welchem allerdings Caracallas Gegner Artabanos deutlich die Oberhand hatte. Die römischen Truppen rückten kampflos bis nach Arbela vor. Dort plünderten sie die Gräber der Könige der Adiabene, einer vom Partherreich abhängigen Dynastie. Danach zog sich Caracalla allerdings wieder nach Edessa zurück.

In diesem historischen Kontext ist die bildliche Darstellung Caracallas zu sehen. Er selbst ließ in seinem Lager und in ganz Rom Statuen des Makedonenkönigs aufstellen, von denen manche auf der einen Seite sein Gesicht und auf der anderen das Alexanders zeigten. Leider ist keiner dieser Statuen erhalten geblieben. Porträtdarstellungen des erwachsenen Caracalla zeigen ihn immer mit grimmiger Miene, den Kopf zur linken Schulter geneigt. Dies wurde häufig als ein Zeichen der Alexandernachahmung gewertet.

Gleichzeitig finden wir auf Münzen nicht nur im Porträt Bezüge zu Alexander des Großen, auch auf den Darstellungen der Rückseiten finden sich Hinweise auf eine Verbindung zum Makedonier, dem Osten und der Weltenherrschaft.

Prägungen dieser Art erschienen nicht nur für kurze Zeit, sondern durchgehend in den beiden letzten Jahren seiner Herrschaft. In meiner Sammlung befindet sich ein Denar mit der Abbildung des Sol Invictus (RIC IV Caracalla 281b). Schon zur Zeit der römischen Republik stand Sol für den Erfolg im Osten des Reiches, Marcus Antonius forcierte mit seinen Prägungen diesen Zusammenhang. Sol Invictus ist der unbesiegte Sonnengott des Ostens, er steht für die Dauerhaftigkeit und ist ein Garant für die Weltenherrschaft.

Und auch der hier vorgestellte Denar des Löwen mit Strahlenkranz und Blitzbündel in seinem Maul steht in dieser Tradition. Das Bild des Sonnenlöwen ist als Symbol für den Weltenherrscher wohl anerkannt und ist somit gleichzeitig ein Verweis auf Alexander.

Der Löwe mit Strahlenkrone ist nicht ausschließlich als Verehrung von Astralgottheiten zu sehen, wie es auf den ersten flüchtigen Blick den Anschein hat – sondern eine weitere Ausprägung der imitatio Alexandri. Die Vorstellung des Alexanders – Sol als Weltenherrscher erklärt auch die in diesem Zusammenhang stehende Büste, die den Kaiser mit der erhogenen Linken zeigt. Eine Münze des Caracalla aus Laodikea (Phrygia), welche den Kaiser mit der Strahlenkrone in einer Elefantenbiga zeigt, belegt, dass sich Alexandermythos und Sonnenkult nicht ausschließen müssen, sondern durchaus ergänzen können. Wie in diesem Fall der Löwe (Alexander) und die Strahlenkrone (Sol) zum Sonnenlöwen werden.

Quellen:
* Wikipedia: Caracalla
* Wikipedia: Sol
* Wikipedia: Pontifex Maximus
* Wikipedia: Tribunizische Gewalt
* Wikipedia: Pater Patriae
* Peter Robert Franke, Ilse Paar: die antiken Münzen der Sammlung Heynen
* Archäologisches Institut Göttingen: Porträttypen römischer Kaiser
* Angela Kühnen: Die imitatio Alexandri als politisches Instrument römischer Feldherren und Kaiser in der Zeit von der ausgehenden Republik bis zum Ende des dritten Jahrhunderts n.Chr.
* Stephan Berrens, Norbert Geske: Sonnenkult und Kaisertum von den Severern bis zu Constantin I. (193-337 n.Chr.)

Blog:
https://roma-aeterna.de/roemische-kaise ... caracalla/



---
Heute darf es ein weiterer Caracalla Denar sein - der erste aus der Serie "fröhlicher Alexander-Gedenk-Feldzug" in den Osten. bei dem Caracalla sich immer mehr in den großen Makedonien König verwandelte. Wie viel davon kalkuliert war um die Menschen im Osten zu gewinnen und wie viel seinem Alexander-Wahn geschuldet ist, lässt sich nicht eindeutig klären. Wir waren nicht dabei. Die Tour startete 214 n.Chr. und endete dann auch wegen durch Erfolglosigkeit - allerdings weitaus unrühmlicher als sein Vorbild. Den nahm wahrscheinlich eine Mücke das Leben - auch nicht ruhmreich - aber immer noch besser als beim erledigen der Notdurft, wie bei unserem Caracalla. Vae me, puto, concacavi me! Aber das war dann doch fast zwei Jahrhunderte vorher...
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » Fr 04.03.22 14:02

Zwerg hat geschrieben:
Mi 02.03.22 20:25
Ich glaub dem aber nicht. Ein Omphalos wird auf Münzen nie rund dargestellt, immer als Kegel o.Ä.
Um nochmals auf die Diskussion zurück zu kommen. Heute ist doch glatt der gleiche Denartyp meines Caracalla in einer Auktion bei HD Rauch.

Bild

Auktionslink: https://www.sixbid.com/de/h-d-rauch/932 ... ticky=true

Auf dem Denar sieht man es - finde ich - deutlich. Das ist keine (runde) Kugel, Weltkugel. Da schaut es sogar aus wie eine "Urne" - unten dünner im Umfang als oben. Aus meiner Sicht passt das dann mit dem Omphalos - bei meinem Exemplar ist der halt etwas zu rund geworden.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von alex789 » Fr 04.03.22 14:58

Sehr schöne Stücke zeigst du da! Glückwunsch!

Grüße
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Peter43 » Fr 04.03.22 21:27

Timestheus hat geschrieben:
Fr 04.03.22 14:02
Aus meiner Sicht passt das dann mit dem Omphalos
Rauch hat aber"zu Füßen ein Globus" geschrieben! Und bei Cohen (302) steht auch "a terre, un globe"!

Man sollte die Abbildungen auf Münzen schon so beschreiben, wie sie aussehen, und nicht so, wie es sich ein Stempelschneider, in den wir nicht hineinsehen können, es sich vielleicht gedacht haben könnte.

Jochen
Zuletzt geändert von Peter43 am Fr 04.03.22 22:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Zwerg » Fr 04.03.22 22:08

Oder man glaubt eben der Theorie von Uschi Kampmann, daß dieser Typ des "Äskulap mit rundem Gegenstand" ursprünglich aus Pergamon kommt, dort einen Omphalos zu Füßen hatte, und dieser Omphalos in Rom jetzt wie ein Globus aussieht, da den Römern das egal war.

Allerdings gibt es auch keine vernünftige Erklärung, was ein Globus zu Füßen des Äskulap bedeuten soll.

Ich habe das jetzt einmal kurz für alle "Nichtleser" zusammengefasst und habe bisher auch keine Meinung.
Außer es ist der abermalige Beweis für die erste Fußball WM unter Caracalla

Grüße
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » Fr 04.03.22 22:15

@Jochen
Ja der von Rauch schaut aber nicht aus wie ein Globus - der ist nicht mal ansatzweise Rund. Der schaut aus wie eine Urne / Ei.

Und wenn Du mal meinen direkt daneben legst - dann ist mir fast klar wieso bei mir das eher rund ist. Bei mir ist wo Aesculapius auf dem Boden steht (der Strich am Boden von links nach rechts) eine Druckstelle. Rechts fehlt bei meinem der Bodenstrich und so wie es ausschaut ein Teil der Kugel - weil platt gedrückt.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von alex789 » Fr 04.03.22 23:31

Falsch gelesen. Hat sich erledigt.

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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » Mi 09.03.22 15:49

Bild

Iulia Domna bis 217 n.Chr.
Denar der römischen Kaiserzeit 203 n.Chr.
Material: Silber
Durchmesser: 18mm
Gewicht: 3,44g
Münzstätte: Rom
Provenienz: Gorny & Mosch, München
Referenz: RIC IV Septimius Severus 574

Avers:
Zu sehen ist die nach rechts gerichtete drapierte Büste der Iulia Domna. Die Inschrift lautet: IVLIA AVGVSTA für Iulia Augusta.

Den Titel Augusta bekam Iulia Domna im Herbst 193 n.Chr. nach dem Sieg ihres Ehemannes und Kaiser Septiumius Severus über Didius Iulianus verliehen. Septimius selbst wurde bereits im April 193 n.Chr. von seinen Truppen als Augustus ausgerufen.

Die Haarpracht und Haarmode der Severer Dynastie. Im Vergleich zu den schrillen Frisuren der flavischen und trajanischen Zeit, die keine hundert Jahre zurücklagen, wirkte das Arrangement der gebildeten syrischen Aristokratentochter Iulia Domna an der Seite des Kaisers Septimius Severus kompliziert, jedoch ein wenig statisch. Wie bei vielen ihrer Vorgängerinnen war die Art und Weise, wie die Haare getragen wurden, Teil des programmatischen kaiserlichen Gesamtkonzepts. Ging es doch darum, eine neue, dauerhafte Dynastie zu etablieren, deren Grundsatz der geregelten Verhältnisse sowohl auf familiärer als auf staatlicher Ebene gelten sollte.

Iulia Domnas vertikal oder horizontal onduliertes Seitenhaar wurde im Bereich des Hinterkopfes von einem überdimensionalen, vertikalen Chignon überdeckt. Gelegentlich trug die Kaiserin auch einen kleineren Haarknoten im Genick, womit sie eine gewisse Solidarität mit ihrer Schwiegertochter Publia Fulvia Plautilla, ihrer Schwester sowie ihren Nichten Iulia Avita Mamaea und Iulia Soaemias Bassiana an den Tag legte. Auch die drei Schwiegertöchter eben jener Iulia Soaemias Bassiana und Gattinnen des Elagabal – Iulia Aquilia Severa, Annia Aurelia Faustina und Iulia Cornelia Paula – bildeten dabei keine Ausnahme.

Dies galt in gleicherweise für Gnaea Seia Herennia Sallustia Barbia Orbiana als Schwiegertochter der Iulia Avita Mamaea und als Gattin an der Seite des Kaisers Severus Alexander. Allerdings zeigte sich das severische Kaiserhaus auch Experimenten gegenüber aufgeschlossen, was die Entwicklung des Scheitelzopfes enorm vorantrieb.

Revers:
Zu sehen ist die Personifikation der Pietas nach links gerichtet stehend. Die Hände erhoben in Orantenhaltung (Gebetshaltung), rechts von ihr ist ein Altar. Die Inschrift lautet: PIETAS PVBLICA für Pietas Publica (Pietas des Volkes).

Unter Pietas verstand man in der Antike das pflichtgerechte Verhalten gegenüber den Göttern und den Menschen. Bereits in republikanischer Zeit wurde der religiöse Begriff durch religio (Frömmigkeit, Verehrung, Religion) ergänzt bzw. ersetzt, sodass er vor allem im menschlichen Zusammenleben zunehmend an Bedeutung gewann. Dabei sind hervorzuheben die Pflichterfüllung gegenüber Eltern, Geschwistern und Verwandte, sowie Verstorbene, aber auch für das Vaterland. Derart als urrömische Tugend angesehen erfolgte rasch ihrer kultischen Personifikation ähnlich der Fides oder des Virtus und auch als Argument der politischen Rhetorik trat sie immer mehr hervor. Besonders hervorgehoben wurde die Pietas des Aeneas bei seiner Flucht aus dem brennenden Troja, da er seinen lahmen Vater auf den Schultern forttrug.

Die Weihe eines eigenen Tempels am forum holitorium (Gemüsemarkt) in Rom erfolgte 181/180 v.Chr. durch Manius Acilius Glabrio auf Basis einer Legende, wonach dort eine Tochter ihren eingekerkerten Vater (oder Mutter) mit ihrer eigenen Milch am Leben erhalten hätte. Als diese Tat bekannt wurde, ließ man den Gefangenen frei und gab beiden lebenslänglichen Unterhalt auf Staatskosten.

Eng verknüpft mit der Pietas ist das Wort pius (fromm, gütig, gerecht, liebevoll), das seit dieser Zeit vermehrt als cognomen (Sippenname) auftritt. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der Kaiser Antoninus Pius. Ergänzend häufig finden sich deshalb auch Münzen mit einer Darstellung der Pietas oder des ihr zugeordneten Storches, der seine Eltern im Alter ernährt. Mit Augustus nahmen sich auch die römischen Kaiser des Begriffs als Pietas Augusta im Sinne einer kaiserlichen Grundtugend an, wo hierbei wieder beide Aspekte, das Menschliche und die Religion bedeutend waren.

Hintergrund:
Pietas im traditionellen lateinischen Gebrauch drückte eine komplexe, hoch geschätzte römische Tugend aus. Ein Mann oder eine Frau mit Pietas respektierte seine Verantwortung gegenüber anderen Menschen, Göttern und Wesenheiten (wie dem Staat) und verstand seinen Platz in der Gesellschaft in Bezug auf andere. Die Pietas Publica drückt die Attribute tugendhaft, pflichtbewusst, loyal, patriotisch und religiös gegenüber dem Volk aus.

Dieser Denar aus dem Jahr 203 n.Chr. ist im historischen Kontext eben mit dieser Pietas Publica sehr interessant. Dazu muss man die Hintergründe etwas beleuchten.

Gaius Fulvius Plautianus war ein römischer Prätorianerpräfekt zur Zeit des Kaisers Septimius Severus. Durch das Vertrauen des Kaisers erlangte er eine außergewöhnliche Machtstellung. Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Plautian, als infolge seines großen Einflusses auf den Kaiser seine Tochter Fulvia Plautilla mit Caracalla, dem älteren der beiden Kaisersöhne, verlobt und im Jahr 202 n.Chr. vermählt wurde, obwohl Caracalla, der Plautian als Rivalen betrachtete und hasste, dies nicht wollte.

Aber nicht nur Caracalla hatte persönliche Differenzen zu seiner zukünftigen Frau und dem Schwiegervater. Auch die Kaiserin, Iulia Domna, war mit ihm verfeindet. Plautian konnte ihren Einfluss am Hof und gegenüber dem Kaiser massiv zurückdrängen. Er behandelte sie respektlos, sammelte angebliches Belastungsmaterial, mit dem er ihr einen unanständigen Lebenswandel nachweisen wollte, und intrigierte beim Kaiser gegen sie. Dadurch wurde sie in die Defensive gedrängt und sah sich zeitweilig zu einer zurückgezogenen Lebensweise gezwungen. Unter diesem historischen Hintergrund muss man den 203 n.Chr. geprägten Denar mit Iulia Domna und der abgebildeten Personifikation der Pietas einordnen.

Caracalla machte mit Hilfe seines ehemaligen Erziehers Euodus allerdings dem Machtstreben des Plautianus ein jähes Ende. Es gelang ihm seinen Vater Septimius Severus davon zu überzeugen, dass Plautianus ein Mordkomplott auf den Kaiser plane. Darauf wurde Plautian am 22. Januar 205 n.Chr. in den Palast zitiert, wo er in Anwesenheit des Kaisers auf Befehl Caracallas getötet wurde, ohne sich zuvor verteidigen zu können. Die Leiche wurde vom Kaiserpalast herunter auf die Straße geworfen und erst später auf Befehl des Kaisers bestattet.

Quellen:
* Wikipedia: Iulia Domna
* Wikipedia: Plautian
* imperium-romanum.com: Pietas
* Numiswiki: Pietas Publica
* Feminae: römische Frisuren der römischen Frauen
* Peter Robert Franke, Ilse Paar: die antiken Münzen der Sammlung Heynen

Blog:
https://roma-aeterna.de/roemische-kaise ... lia_domna/


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Heute möchte ich Euch diesen Denar vorstellen, welcher auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher typischer Pietas Denar vieler Kaiserinnen aussieht. Wenn man aber den historischen Hintergrund betrachtet - wird diese Prägung sehr interessant wie ich finde. Wie oben bereits beschrieben verfolgte Caracallas Schwiegervater Gaius Fulvius Plautianus ehrgeizige Pläne. Seine Tochter verheiratete er mit dem Sohn des Severus - die Kaiserin Iulia Domna versuchte er aus dem Spiel um Macht und Einfluss raus zu nehmen.

Dabei verleumdete er die Kaiserin beim Kaiser selbst aber auch beim Volk von Rom. Die Vorwürfe und Angriffe waren derart schwer, so dass Iulia Domna sich gezwungen sah zeitweise sich deutlich zurück zu ziehen und ihren Ruf zu retten. Interessant sind hier die Prägungen der Jahre 203 und 204 n.Chr. - hier mit Pietas Publica, auf der die Kaiserin beteuert ihren Platz im Gefüge der Macht zu kennen und sich - entgegen der Verleumdungen - nicht zu viel heraus zu nehmen. Ebenso in diesen Jahren sah die Kaiserfamilie sich genötigt eine Pudicitia Serie für Iulia Domna aufzulegen.

Gaius Fulvius Plautianus hatte die Rechnung aber ohne Caracalla und der starken Iulia Domna gemacht. Während die Kaiserin sich selbst aus dem Schussfeld nahm - während die Angriffe des Plautianus weiter gingen - übersah dieser die drohende Intrige des Caracallas hinter seinem Rücken mit der Hilfe des Euodus. Im Jahr 205 n.Chr. nahm das Leben des aufstrebenden Plautianus ein schnelles Ende.

Nach dieser Phase tritt - wie man auf Münzbildern gut erkennen kann - Iulia Domna langsam wieder aus "dem Schatten" hervor und die Bildnisse der Rückseiten zeigen wieder eine deutliche Beteiligung in Puncto Macht der gesamten Kaiserfamilie, einschließlich Iulia Domnas.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » So 20.03.22 22:59

Bild

Münze:
Provinz Bronze der römischen Kaiserzeit 197/211 n.Chr.
Material: AE
Durchmesser: 33mm
Gewicht: 26,20g
Münzstätte: Antiochia ad Pisidiam, Galatien
Provenienz: Savoca Numismatik, München
Referenz: SNG Copenhagen 40, Krzyźanowska obv. XVI-XVII

Avers:
Zu sehen ist die nach rechts gerichtete kürasierte Büste des Caracalla mit Lorbeerkranz. Die Inschrift lautet: IMP CAES M AVR ANTONINVS AVG für Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus Augustus.

Im Frühjahr 197 n.Chr. wurde Caracalla offiziell als designierter Kaiser und Teilhaber der Herrschaft bezeichnet. Im Herbst 197 oder spätestens 198 n.Chr. wurde er zum Augustus erhoben und mit den kaiserlichen Vollmachten ausgestattet. Fortan nannte man ihn Marcus Aurelius Severus Antoninus Augustus.

Von Caracalla sind vier Porträttypen bekannt. Sie unterscheiden sich so deutlich, dass ihr Einsetzen mit Hilfe der datierten Münzen genau bestimmt werden kann. Ein erster Typus entstand 196 n.Chr. Unverkennbar ist das jugendlich-lockenköpfige Porträt dem des jungen Marc Aurel nachgebildet. Der Typus entstand zur gleichen Zeit wie ein Porträttypus des Septimius Severus, dessen Gestaltung sich an den letzten Porträttypus des Marc Aurel anlehnt. Die Porträts von Vater und Sohn sollten die behauptete Abstammung aus dem Hause der Antoninen vor Augen führen, die auch in Caracallas neuem Namen zum Ausdruck kam. Von diesem Typus gab es Neuauflagen mit erwachsener werdenden Proportionen.

Im Jahr 204 n.Chr. wurden für Caracalla und Geta neue Bildnistypen geschaffen. Beide trugen nun das kurzgeschorene Haar, das in der Folge im 3. Jahrhundert n.Chr. zur führenden Frisurenmode wurde. Merkwürdigerweise sind die Typen der beiden Brüder einander so ähnlich, dass man sie nicht zuverlässig auseinanderhalten kann. Für beide gab es verschiedene Neuauflagen, die das Älterwerden durch zunehmenden Bartwuchs anzeigten. Auch die Porträts aus dem Jahr der gemeinsamen Regierung 211/12 n.Chr. entsprechen diesen Typen und zeigen beide mit kurzem Vollbart.

Mit dem Gewinn der Alleinherrschaft 212 n.Chr. gestaltete Caracalla sein Porträt völlig neu. Der Kopf ist scharf zur linken Seite gewendet, und die Stirn des massiven Gesichts so kräftig zusammengezogen, dass der Betrachter schwanken kann, ob er in eine Miene höchster Anstrengung oder höchsten Zornes blickt. Caracalla trägt in diesem Porträt eine kurze Lockenfrisur und einen kurzgelockten Bart. Zu diesem Entwurf gehörte die Erfindung eines neuen kurzen Panzerbüstentypus, in dessen straff zur Seite gezogenem Mantel sich die starke Bewegung des Kopfes spiegelt.

Für die Interpretation dieses merkwürdigen Porträts ist es wichtig zu sehen, dass der Kaiser die extreme Inszenierung seiner selbst schon nach wenigen Jahren wieder zurückgenommen hat. In einem 215 n.Chr. geschaffenen Typus wurden die Haltung des Kopfes und die Mimik des Gesichts beruhigt, und Caracalla trägt wieder das kurze Haar, das nun üblich wurde. In einem vermutlich postumen Typus wurde die heftige Mimik des Typus von 212 n.Chr. wieder aufgenommen − man wüsste gern weshalb.

Die extreme Mimik des Porträttypus von 212 n.Chr. muss auch den Zeitgenossen aufgefallen sein. Das zeigen Bemerkungen in der antiken Literatur, die diese Mimik allerdings der Person zuschreiben. Der Zeitgenosse Dio Cassius berichtet, ein Spaßmacher habe gesagt, Caracalla sehe aus, als sei er wütend, weil er sich leidenschaftlich (thymoeidesteron) zu geben pflegte (Dio 78,11). Und in der spätantiken Historia Augusta heißt es, der Kaiser sei als Kind nett gewesen, später aber sei er ‚restrictior, gravior, vultu etiam truculentior, … im Gesichtsausdruck finster‘ geworden (SHA Caracalla 2,4).

Im Hintergrund der merkwürdigen Stilisierung muss vor allem die offenbar besonders ausgeprägte Neigung Caracallas zum Heer und zum Soldatenleben gestanden haben. Er war angeblich keine gute Führungspersönlichkeit, liebte es aber, das Leben der Soldaten zu teilen und wurde dafür von ihnen geliebt. Auch der schon antike Spitzname Caracalla leitet sich von einem bestimmten Soldatenmantel her, den er gern trug. In diesem Sinne könnte der Bildnistypus Kraft, Energie und Einsatzbereitschaft ausgedrückt haben. Ein Bekenntnis zum Heer wäre 212 n.Chr. sehr passend gewesen, denn nach dem Mord an seinem Bruder soll Caracalla sich dorthin geflüchtet haben, als seine Hauptstütze. Vielfach wird außerdem von Caracallas zunehmender Schwärmerei für Alexander dem Großen berichtet. Er soll sogar Doppelhermen mit seinem Bildnis und dem des legendären Makedonen errichtet haben. Für einen Bezug auf Alexander im Porträt, wie ihn andere römische Kaiser gesucht haben, gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt.

Revers:
Zu sehen ist die nach rechts stehende geflügelte Siegesgöttin Nike. In ihren beiden Händen hält sie einen Stab mit einem kleinem Tropaeum (Siegestrophäe) am Ende. Die Inschrift lautet: VICTORIAE DDD NNN COL ANTI S R für Victoriae Dominorum nostrorum Colonia Antiochia Senatus Romanus (oder Socia Romanorum).

Interessant bei dieser Bronze, ist die Legendeninschrift sowohl was die Titulatur „DDD NNN“ betrifft, aber auch die Interpretation der Buchstaben „S R“. Ich werde im Abschnitt „Hintergrund“ genauer auf die genannten Inschriften und deren möglichen Deutungen eingehen.

Antiochia in Pisidien (lateinisch Antiochia ad Pisidiam) ist eine antike Stadt in Kleinasien in der heutigen Türkei. Sie ist eine von mehreren Städten, die von seleukidischen Herrschern mit Namen Antiochos gegründet und nach ihnen benannt wurden. Das pisidische Antiochia wurde mit Siedlern aus Magnesia auf einem strategisch günstigen Platz in der Nähe des heutigen Yalvaç angelegt. Nach der Gründung der römischen Provinz Galatia wurde die Stadt 25 v.Chr. erneut als Veteranenkolonie mit dem Namen Colonia Caesarea Antiochia gegründet. Über die wichtige Militärstraße via Sebaste war sie mit anderen augusteischen Gründungen in Kleinasien verbunden. Im Zuge der Reichsreform Diokletians wurde Antiochia zur Metropolis der neu gegründeten Provinz Pisidien. Antiochia in Pisidien entwickelte sich schnell zu einer der bedeutendsten römischen Städte in Kleinasien. Bereits im 1. Jahrhundert n.Chr. lassen sich mehrere Senatoren nachweisen, die aus Antiochia stammen. Die Inschrift „COL ANTI“ bezieht sich auf den Namen „Colonia Antiochia“.

Nike ist die Siegesgöttin in der griechischen Mythologie. Ihre römische Entsprechung ist Victoria. Ihre Entwicklung vollzog sich in Rom und Griechenland vollkommen parallel, sodass eine Gleichsetzung von Victoria und Nike problemlos vollzogen werden konnte. Dennoch unterschied man interessanterweise die beiden Gestalten. In Rom wurde fast ausschließlich Victoria verehrt, die als höhere und universellere göttliche Kraft als Nike aufgefasst wurde. Victoria ist die vergöttlichte Personifikation des Sieges in der römischen Mythologie, Schutzgöttin des römischen Kaisers und jungfräuliche Hüterin des Reiches. Mythologische Aspekte der Victoria bzw. Nike hatten auf das römische Verständnis keinerlei Einfluss, da letztere vor allem die hinter einer Personifikation stehende Kraft verehrten. In Griechenland dachte man sich Nike als Tochter des Titanen Pallas und der Okeanos-Tochter Styx. Ihre Geschwister waren Bia (Stärke), Cratos (Gewalt) und Zelos (Eifer). Auf Münzen erscheinen die Siegesgöttinen meist mit Kranz und wie auf dieser Bronze, mit einem Tropaeum (Trophäenzeichen).

Der altgriechische Begriff Tropaion (lateinisch Tropaeum) bezeichnete ursprünglich ein Symbol, das an genau der Stelle aufgestellt wurde, an der die Feinde sich vom Schlachtfeld abgewandt und die Flucht ergriffen hatten. Es bestand aus einem meist hölzernen Pfahl oder Gerüst, an dem Waffen und Rüstung der Unterlegenen in der Weise befestigt wurden, in der sie bei einem Hopliten (Fußsoldaten) positioniert waren. Das Tropaion hatte also eine anthropomorphe Erscheinung. Vermutlich gingen mit der Aufstellung einer solchen „militärischen Vogelscheuche“ auch noch diverse religiöse Riten einher, zum Beispiel die Weihung an eine bestimmte Gottheit.

Zu einem Tropaion gehörten Helm, Schild, Schwert oder Lanze und manchmal die Oberbekleidung des gegnerischen Kämpfers. Dieses Grundschema wurde auch in der Kunst strikt eingehalten und war nur in wenigen Details variabel. Zeitgleich kommen der mit zwei symmetrisch angeordneten Schilden ausgestattete sowie der entwaffnete, nur mit Helm und Rüstung bewehrte Typus hinzu. In römischer Zeit wird dieser Spielraum noch einmal erweitert und es entsteht der so genannte „überladene Typus“, an dessen Armen und Füßen Waffen und Rüstwerk aufgehäuft sind.

Durch den Kontext wurde dieses allgemeine Machtsymbol mit einer expliziteren Bedeutung belegt. Häufig wurden gefesselte Barbaren am Fuße des Tropaion abgebildet, deren Physiognomie und Kleidung den speziellen Anlass für die Darstellung vermittelten. Aber auch die Sieger gesellten sich gerne zu dem Zeichen ihrer Überlegenheit. Eine weitere beliebte Begleitfigur aus römischer Zeit war die geflügelte Siegesgöttin Victoria, die dem Waffenständer den Siegeskranz aufsetzte und ihn so den Göttern weihte, in der Numismatik wird dieser Münztypus victoriatus genannt.

So war das Siegeszeichen auch aus dem bunten Treiben der Triumphzüge, die in Rom nach jedem großen gewonnenen Krieg zu Ehren des Imperators veranstaltet wurden, nicht mehr wegzudenken. Bei den volkreichen Prozessionen gehörten auf riesigen Tragegestellen (fercula) transportierte Tropaia zur Grundausstattung. Nahezu jeder Triumphbogen, jede Siegessäule, jedes Schlachtrelief römischer Zeit trägt dann auch das Bild der „aufgespießten“ feindlichen Waffen. Das wohl wichtigste Monument in diesem Zusammenhang ist das Tropaeum Traiani in Adamklissi, das Kaiser Trajan nach seinem Sieg über die Daker im Jahre 110 n.Chr. errichten ließ. Hier zeigt sich die zentrale Rolle, die das Tropaion in der römischen Triumphalikonographie spielte. Weitere wichtige Darstellungen eines Siegesmales finden sich beispielsweise auf der Trajanssäule und dem Triumphbogen Constantins des Großen. Das Tropaion war zu einem Sinnbild römischen Herrscherdenkens geworden und wurde selbst dann noch auf Münzen geprägt, als das Imperium im Niedergang begriffen war.

Hintergrund:
Als erstes möchte ich gerne auf den vorderen Teil der Rückseitenlegende „VICTORIAE DDD NNN“ eingehen. Ein einfaches DN stünde dabei für Dominus Noster (unser Herr). Die dreifache Nennung der Buchstaben D und N stehen jedoch für drei Herren oder auch drei Herrscher. Ähnlich wie der Nomenklatur der stadtrömischen Münzprägungen mit AVG, AVGG oder auch AVGGG für einen, zwei oder drei Augusti (Duorum Agustorum oder auch Trium Augustorum).

Auf stadtrömischen Prägungen ist es keine Seltenheit, dass der Augusta oder Augustus Titel der Kaiserin bzw. des Kaisers auf der Vorderseite erscheinen und dann erneut auf der Rückseite nach der Gottheit bzw. Personifikation als Erhöhung wiederholt wird. Zum Beispiel auf einem Denar der Iulia Paula, eine der Ehefrauen des Elegabal, mit „IVLIA PAVLA AVG“ auf dem Avers und „CONCORDIA AVGG“ auf dem Revers, um die Eintracht des Kaisers und der Kaiserin deutlich hervorzuheben.

Die Frage, welche ich mir also daher stellte, wieso hatte man sich in Antiochia bei der Prägung dieser Bronze auf der Vorderseite mit der Inschrift „IMP CAES M AVR ANTONINVS AVG“ an die stadtrömische Nomenklatur gehalten, verwendete dann aber auf der Rückseite nicht „VICTORIAE AVGGG“, sondern eben die Legende „VICTORIAE DDD NNN“?

Könnte es sein, dass sich „DDD NNN“ gar nicht auf Septimius Severus, Caracalla und Geta bezogen, sondern auf den Kaiser, hier auf der Münze Caracalla, dem Statthalter und einer vielleicht lokalen verantwortlichen Person? Dann würde man Caracalla auf der Vorderseite als Augustus titulieren und auf der Rückseite auf die drei (verantwortlichen) Herren: Kaiser, Statthalter und Stadtbeamter. Diese Idee erwies sich aber schnell als unsinnig, denn es gibt aus Antiochia eine Prägung des Geta mit „DD NN“ rückseitig (nach Septimius Severus Tod, als Caracalla und Geta kurze Zeit zusammen alleinige Augusti waren) und es gibt ebenso eine spätere Prägung des Caracalla mit einem „D N“ auf dem Revers, als dieser nach 211 n.Chr. die Alleinherrschaft innehatte. Es ist daher unwahrscheinlich, dass einmal Kaiser, Statthalter und Stadtbeamter, dann nur zwei, dann nur ein Verantwortlicher genannt wurden.

Die Anzahl der „D N“ Nennungen musste also die Anzahl der aktiven Herrscher bzw. Augusti entsprechen. Dies erklärte aber dennoch nicht, wieso die Vorderseite die stadtrömische Nomenklatur AVG verwendete, die Rückseite aber nicht AVGG oder wie im Falle dieser hier vorgestellten Bronze AVGGG. Daher hatte ich zwei weitere Möglichkeiten im Sinn.

Die erste, aber auch unwahrscheinlichste, Theorie war, dass die Stadtbeamten aus Antiochia nicht Geta, den Bruder des Caracalla, auf die gleiche Stufe wie Septimius Severus und eben Caracalla heben wollten. Mit AVGGG würde es sich um drei gleichberechtigte Augusti handeln. Zwischen Geta und seinem nur elf Monate älteren Bruder Caracalla kam es schon in früher Jugend zu einer ausgeprägten Rivalität, die sich im weiteren Verlauf ihres Lebens beständig verschärfte und in tödlichen Hass verwandelte. Der Vorrang und Bevorzugung des älteren Bruders wurden in der Kindheit und Jugend der beiden durch Namen und Titel deutlich zum Ausdruck gebracht. Trauten sich die Verantwortlichen in Antiochia nicht auf der Rückseite von den „drei Augusti“ zu sprechen und umschifften das Ganze, indem sie einfach die drei Herren bzw. Herrscher mit der Inschrift ehrten? Auch diese Idee war schnell verworfen – denn wie im vorherigen Absatz schon erwähnt, gibt es eine Geta Bronze um 211 n.Chr. aus Antiochia, welche den jüngeren Bruder auf der Vorderseite mit „IMP CAES P SEPT GETA AVG“ als Augustus tituliert. Die Beamten der Stadt hatten also mitnichten irgendwelche Bedenken in diese Richtungen.

Die zweite Theorie meinerseits war, dass die hier vorgestellte Bronze vor 209 n.Chr. geprägt wurde. In der Zeit davor hatten lediglich Septimius Severus und Caracalla den Titel Augustus, Geta selbst war nur Caesar. Erst 209 n.Chr. erhielt Geta, wie sein älterer Bruder Caracalla, den Titel Augustus. Wie ehrt man aber alle drei männlichen Severer, wenn man nicht von den drei Augusti sprechen kann – indem man sie eben die drei Herren oder eben drei Herrscher tituliert. Da das Porträt auf dieser Bronze einen sehr jungen Caracalla zeigt, wäre eine Prägung vor 209 n.Chr. sehr gut möglich.

Dabei kam mir aber bei meiner weiteren Suche nach Vergleichstücken eine letzte Frage in den Sinn – wenn es sich hier um Ehrungen der kaiserlichen Familie handelt, wieso sind diese ausschließlich auf den Bronzen mit der Nike und VICTORIAE zu finden? Auf allen anderen Bronzen aus Antiocha in der Zeit von Septimius Severus bis zur Herrschaft des Caracalla finden sich die „D N“ Buchstabenkombinationen ausschließlich auf diesem Nike Münzentyp. Alle anderen Typen haben die üblichen Legenden wie „ANTIOCH GENI COL CA“ und weiteren anderen Variationen. Die Nike-Bronzen aus Antiochia erscheinen unter Septimius Severus, Iulia Domna, Caracalla und Geta und enthalten auf der Revers Seite jeweils ein VICTORIAE mit D N, DD NN oder DDD NNN.

Daraus ist zu schließen, dass in Verbindung mit der Siegesgöttin Nike, dem militärischen Symbol des Tropaeum, der Inschrift „VICTORIAE“ und dem nachfolgenden „DDD NNN“ die siegreichen drei Herren bzw. die siegreichen drei Herrscher gemeint sein müssen – völlig abgekoppelt vom eigentlichen Thermus Augustus. Damit dürfte man die Rückseite sinngemäß übersetzen mit:

Der Sieghaftigkeit unserer drei Herren / Herrscher gewidmet – von der Colonia Antiochia

Die Datierung der Münze lässt sich gut eingrenzen. Da es spätere Bronzen des Geta mit „DD NN“ und des Caracalla mit „D N“ gibt – muss die Bronze noch zu Lebzeiten des Septimius Severus geprägt worden sein. Sehr wahrscheinlich zwischen 197 und 211 n.Chr. – denn Geta rückte erst 197/198 n.Chr. als Caesar und damit als aktiver Mitherrscher auf. Septimius Severus selbst verstarb Anfang des Jahres 211 n.Chr.

Über die Buchstabenkombination „S R“ auf den Münzen aus Antiochia gibt es viele mögliche Theorien, welche alle mehr oder weniger schlüssige Argumente für oder gegen sich haben. Die römische Kolonie Antiochia bei Pisidien, eine Stadt im südphrygischen Grenzgebiet, begann in der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus zwischen 203 und 209 n.Chr. damit, auf die Rückseiten ihrer städtischen Münzen die Buchstaben „S R“ zu setzen. Die erstmalige Verwendung der beiden Buchstaben fiel mit der Einführung eines neuen Nominals zusammen. Unter Septimius Severus starteten die Antiochener die Emission eines sesterzgroßen Münze. Außer Antiochia trug nur noch die Nachbarstadt Ikonion die beiden Buchstaben in ihren Münzlegenden.

Wie schon erwähnt, gibt es zahlreiche Deutungen der beiden „mysteriösen“ Buchstaben. Diese reichen von S(pes) R(eipublicae) über S(enatus) R(escripto) zu S(estertius) R(omanus) bis hin zu S(enatus) R(omanus) oder S(ocia) R(omanorum). Einige dieser Erklärungen scheinen aber eher unwahrscheinlich und unlogisch.

Die Personifikation der Spes erscheint auf keiner Münze aus Antiochia, noch gibt es irgendwelche Verbindungen der Stadt zu Spes, noch irgendwelche Verbindungen zwischen den Darstellungen auf den Rückseiten zu Spes, so dass Spes Reipublicae ausgeschlossen werden kann. Die Formulierung „Senatus Rescripto“ ist völlig ohne Parallelüberlieferung, was seinen einfachen Grund darin hat, dass es keine Senatsreskripte gibt. Hätten die Antiochener sich auf einen für sie wichtigen Senatsbeschluss bezogen, so wäre auch von ihnen das allen verständliche SC verwendet worden. Auch Sestertius Romanus erscheint als unlogisch. Denn zum Einem wurde die Münzeinheit Sesterz üblicherweise mit HS abgekürzt. Aber vor allem erscheinen unter Gordianus III. auch viel kleinere, nicht sesterzgroße Münzen aus Antiochia mit den Buchstaben „S R“.

Von vielen Gelehrten wurde und wird die Auffassung vertreten, dass die Buchstaben „S R“ für Senatus Romanus stehen, auch wenn es hier unterschiedliche Erklärungen für die Deutung gibt. Eine ist, dass der römische Senat gemeint sei, welcher die Münzprägung in Antiochia überwacht und kontrolliert habe (J. Vaillant). B. Levick und später K. Harl sahen in den beiden Buchstaben eine Ehrung für den Römischen Senat. Dies ist insofern kritisch, da diese Ehrung des Senates vom Kaiser Septimius Severus als Affront ihm gegenüber hätte verstanden werden können. Unter Septimius Severus hatte Antiochia begonnen die Münzen mit den zwei Buchstaben zu versehen und gerade Severus war für sein gespanntes Verhältnis zum römischen Senat bekannt. Unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen von Antiochia gerade in dieser Zeit und diesem Spannungsverhältnis den Senat ehren hätten wollen.

Eine weitere – unter anderem auch von Krzyzanowska vertretene – Deutung ist, dass mit Senatus Romanus ein städtisches Verfassungsorgan der Colonia Antiochia gemeint war. Wie der Senat in Rom für die Senatus Consulto Prägungen verantwortlich zeichnete, habe der „Römische Senat von Antiochia“ die Senatus Romani Prägungen überwacht. Den Einwand, wieso dieses Gremium erst unter Septimius Severus die Arbeit aufgenommen haben soll, begegnete Krzyzanowska damit, dass unter Severus zu einer Münzreform gekommen sei, bei der Antiochia seine Prägungen dem römischen Sesterz hatte annähern wollen.

Johannes Nolle bringt in seiner Publikation „Colonia und Socia der Römer“ einen neuen Vorschlag zur Auflösung der Buchstaben „S R“ auf den Münzen aus Antiochia. Da die bisherigen Deutungsversuche nicht alle eindeutig überzeugen konnten, möchte er eine weitere Theorie zur Diskussion stellen. So sollen die beiden lateinischen Buchstaben „S R“ einen abgekürzten Stadttitel Antiochias wiedergeben, welcher wahrscheinlich vom Kaiser Septimius Severus selbst vergeben wurde und von Antiochia seitdem mit Stolz auf seinen Münzen geführt wurde. Es soll sich hierbei um einen militärischen Ehrentitel handeln – vielleicht sogar konkret mit den Siegen über die Parther und Sassaniden.

Tatsächlich gibt es einen Ehrentitel, der sich auf die Teil- und Anteilnahme der Städte an der römischen Kriegführung bezieht, mit den Buchstaben „S R“ abgekürzt werden kann und in der Selbstdarstellung der Städte – auch auf den Münzen – eine Rolle spielt. Die Unterstützung römischer Feldzüge im Osten (und anderswo im Reich) wurde insbesondere durch den Titel „Socius bzw. Socia Romanorum’“ ausgedrückt.

Meine persönliche Meinung: ich bevorzuge Krzyzanowska Interpretation mit dem Gegenpart zum stadtrömischen „S C“. Die Erklärung nach dem „Warum“ mit der Einführung eines sesterzähnlichen Nominals scheint mir schlüssig, da exakt zu diesem Zeitpunkt und mit diesen Münzen die Buchstaben „S R“ das erste Mal auftauchen. Die Deutung von Johannes Nolle in Bezug auf einen Ehrentitel klingt an sich für mich schlüssig – hakt aber aus meiner Sicht an zwei Stellen. Zum Einem ist die ganze Machart in Puncto Positionierung und Aussehen der beiden Buchstaben „S R“ auf den Münzen Antiochias den stadtrömischen „S C“ Prägungen viel zu ähnlich, als dass man hier keine deutliche Anlehnung erkennen könnte. Zweitens, wenn Antiochia einen Ehren-Stadt-Titel „Socia Romanorum“ erhalten hatte, wieso wurde dieser nicht in der Legende geführt, wie zum Beispiel mit der verwendeten Abkürzung „COL“ für die Colonia Antiochia? Oder auch Stadttitel wie „Ulpia“, welche andere Provinzstädte ebenso in der Legende aufführten, nicht aber mitten im Münzfeld? Es bleibt spannend, eindeutig sicher gelöst ist das Mysterium „S R“ immer noch nicht.

Über weitere Anregungen in Bezug auf die hier vorgestellte Bronze und auch zum Thema Legendeninschrift „DDD NNN“ oder den Buchstaben „S R“ freue ich mich. Vielleicht finden sich noch weitere Ideen und Interpretationen. Ich freue mich auf Ihren Kommentar hier im Blog oder senden Sie mir einfach eine persönliche Nachricht.

Quellen:
* Wikipedia: Caracalla
* Wikipedia: Nike
* Wikipedia: Victoria
* Wikipedia: Tropaion
* Wikipedia: Antiochia ad Pisidiam, Galatien
* Johannes Nolle: Colonia und Socia der Römer
* Archäologisches Institut Göttingen: Porträttypen römischer Kaiser
* Numismatikforum.de: Legende VICTORIAE DDD NNN COL ANTI (Dank an antoninus1)

Blog:
https://roma-aeterna.de/roemische-kaise ... caracalla/



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So dann möchte ich Euch mal diese schöne und interessante Bronze aus Antiochia vorstellen - und das interessante Details nicht immer nur in den Abbildungen der Protagonisten oder auf den Darstellungen auf den Rückseiten schlummern - sondern auch mal in der Legende. Hier mit dem im anderen Thread bereits besprochenem "DDD NNN" - aber auch in den zwei Buchstaben "S R" - deren Bedeutung immer noch nicht gesichert ist.

Das ist jetzt mal eine Anfangsrecherche - mal sehen was ich noch so alles über die Hintergründe im Laufe der Zeit lesen werde. Wer weitere sachdienliche Hinweise und Vorschläge hat - freue ich mich natürlich.
Zuletzt geändert von Timestheus am Mo 21.03.22 20:43, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von richard55-47 » Mo 21.03.22 09:10

Das ist ein wunderbares Stück. Glückwunsch.
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Re: Sammlung Timestheus

Beitrag von Timestheus » Mo 21.03.22 11:07

richard55-47 hat geschrieben:
Mo 21.03.22 09:10
Glückwunsch
Danke Dir.
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