Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

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didius
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Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mi 06.04.22 20:26

1. Einleitung

2010, als ich noch viel mehr Zeit für numismatische Themen aufwenden konnte, habe ich aus Neugierde und weil’s nicht wirklich teuer war bei Baldwin’s ein Lot von etwa 75 Exemplaren einer indischen Kupferprägung ersteigert, die ich bis dahin nicht kannte.
Bereits damals hatte ich angefangen mich damit zu beschäftigen und weiter zu „forschen“. Die ersten Münzen, deren Bestimmung mir damals gelang, weil sehr gut erhalten und vom Typ wirklich gut von anderen Prägungen dieser Periode zu unterscheiden, waren AE Stater oder AE Panchi von Didda Rani aus der Alleinherrschaft (979 bis 1003 AD), und dann Stücke von Kshemagupta zusammen mit Didda, also aus der Zeit von 950 bis 958 AD. Mit der Bestimmung der weiteren Münzen hatte ich mich dann sehr schwer getan, zum Einen war ich noch nicht so erfahren bei der Internetrecherche, eigene Literatur hatte ich natürlich auch nicht, und zum Anderen würde ich sagen, sind heute dann auch deutlich mehr Informationen im Netz verfügbar. Von diesen beiden Typen also konnte ich damals bereits etwa 35 Münzen aus dem Lot identifizieren. Ein paar wenige, schlechter erhaltene Stücke davon hatte ich dann als Dubletten auch für ein paar Euro verkauft.
Die zum Teil widersprüchlichen Informationen im Netz, die ungewöhnliche und aus meiner Sicht schwer zu deutende Nagari-Schrift, sowie die häufig schlecht erhaltenen und meist nur in Teilen lesbaren Legenden, haben dann das Interesse irgendwann einschlafen lassen. Seither aber schlummerte die Aufarbeitung der Komplexes irgendwie in einer kleinen Schachtel und in meinem Kopf :D .
Dieser Beitrag dient jetzt der Aufarbeitung und soll das kleine Nischengebiet der Numismatik dann auch in unserem Forum nachschlagbar machen.

1.1 Methodik
Zu Anfang möchte ich kurz beschreiben, wie ich das Thema angehe und was euch erwartet.
Die Periode der Münzprägung, die hier betrachtet werden soll, umfasst den Zeitraum von 855 bis 1003 AD. Für diese Periode findet man ganz unterschiedliche Bezeichnungen, die sich an der jeweilig herrschenden Dynastie orientieren. Als Bezeichnungen tauchen hier die Duptala Dynastie, die Utpala Dynastie, die Varman Dynastie und auch die Dynastien von Yashaskara und Parvagupta auf. Hier möchte ich etwas Aufklärung betreiben.
Stück für Stück werde ich dann die Herrscherreihe aufschlüsseln. Dabei gibt es auch die eine oder andere Unschärfe/Unklarheit in den Quellen. Ich werde diesbezüglich MEINE Meinung äußern, dies darf man aber bitte nicht als wissenschaftlich fundierte Feststellung ansehen. In diese Beschreibungen, werde ich von allen Münzen des Komplexes, die jeweils besten, bzw. die mit vollständiger Legende, in den Beitrag einarbeiten, dort wo ich Münzen nicht beisteuern kann, versuche ich Links auf im Netz verfügbare Exemplare einzufügen. Wenn mir interessante Varianten eines Typs auffallen, dann werde ich diese ebenfalls abbilden.
Da ich mit der Aufarbeitung insgesamt noch nicht ganz fertig und außerdem nur ein interessierter Laie bin, möchte ich euch bitten Kommentare, Anmerkungen und Korrekturen bitte im zeitgleich gestarteten Thema viewtopic.php?f=30&t=65256 zu hinterlegen. Die eher nicht perfekte Bildqualität bitte ich ebenfalls schon einmal zu endschuldigen. Die Anmerkungen und Kommentare werde ich dann gerne in meine Darstellung gerne einarbeiten. Auf diese Weise wird die Chronologie ohne Unterbrechung erhalten bleiben und hoffentlich ein schönes Nachschlagewerk entstehen. Da ich, wie bereits gesagt, nicht mehr sooo viel Zeit investieren kann, wird das Projekt insgesamt sicherlich etwas Zeit in Anspruch nehmen, also bitte nicht ungeduldig werden :wink: .
Den Abschluss des Ganzen soll dann noch eine kurze Einordnung dieser Periode in den geschichtlichen Zusammenhang des spätantiken, bzw. mittelalterlichen Kaschmir bilden. Interessant aus meiner Sicht deshalb, da der hier besprochene AE Münztyp bereits im frühen 6. Jahrhundert erstmalig auftaucht und auch in den Folgedynastien noch bis ins 13. Jahrhundert geprägt wurde.

Hier ein erster Vorgeschmack um welchen Münztypus es sich handelt.
Plate_zus_1000.jpg
Kshemagupta zusammen mit Didda Rani (950 - 958 AD)
Die Vorderseite dieses Münztypus stellt jeweils immer die frontal sitzende Ardoksho (Lakshmi) dar. Das rechte Bein „untergefaltet“ und das Linke nach untern hängend (lalitasana). In der rechten Hand ein Diadem und in der Linken eine langstielige Lotusblüte. Alles in allem in der Regel in stark stilisierter Form. Schriftzeichen findet man in der Regel rechts im Feld, oft auch links, aber nicht immer. In seltenen Fällen soll es scheinbar auch Vorkommen ohne Schriftzeichen auf der Vorderseite geben, was ich allerdings bezweifle und eher einer entsprechenden Dezentrierung zuschreibe. (Ich habe jedenfalls bei meinen Recherchen keinen Beleg gefunden.)
Auf der Rückseite ist jeweils immer der König frontal stehend und auch hier in stark stilisierter Form dargestellt, welcher mit seiner echten Hand auf einem zur linken stehenden Altar opfert. In der Linken hält er einen Dreizack, das hinduistische Attribut für den Gott Shiva. Schriftzeichen findet man hier wenn, dann rechts im Feld.

2. Begriffsklärung

Wie bereits geschrieben, tauchen für diese Periode der Münzprägung mehrere Bezeichnungen, bzw. namensgebende Dynastien auf.
  • Duptala Dynastie
Die Bezeichnung Duptala Dynastie konnte ich in den schriftlichen Quellen wirklich nirgendwo finden, aber ich bin ehrlich, ich wollte diese Bezeichnung für meinen kleinen Artikel ursprünglich auch verwenden. Woher kommt also diese Bezeichnung, und wo wird sie verwendet. Die Antwort ist gewissermaßen ganz einfach – das Internet.
Die einzige, größere Quelle für vergleichendes Bildmaterial zu diesen Münzen ist zeno.ru und dort wird durchgängig die Bezeichnung Duptala Dynastie verwendet. Über diesen Weg hat die Bezeichnung im Übrigen auch Einzug hier ins Forum gefunden. Darüber hinaus verwenden einige VCoins-Händler diese Bezeichnung und … das British Museum. Mitchiner hat die Bezeichnung ihn in seinem Werk, Oriental coins and their values: Non-islamic states and Western colonies: A.D. 600-1979 eingeführt/verwendet. Eine Erläuterung dafür ist wohl nicht angeführt.
Das dieser Dynastiename eigentlich falsch sein muss ergibt sich meines Erachtens unter anderem aus der Tatsache, dass es keine Person, keinen Herrscher, etc. diesen Namens in Kaschmir gegeben hat.
  • Utpala Dynastie
Diese Bezeichnung muss als die korrekte angesehen werden und beschreibt nach vorherrschender Meinung den Zeitraum von 855 bis 939 AD. Sie lässt sich aus dem Stammbaum bei der Gründung der Dynastie durch Avantivarman herleiten. Dessen Großvater Utpala und Vater Sukhavarman waren mächtige Minister unter den letzten Königen der Vorgängerdynastie (Karkota Dynastie 625-855 AD) gewesen. Beide konnten ihr eigenes Bestreben nach dem Thron nicht durchsetzen. Nachdem aber der letzte König der Karkota Dynastie vom Thron verdrängt worden war, begründete ihr Enkel, bzw. Sohn Avantivarman die neue Dynastie (utpalakula-n., ‚das Geschlecht des Utpala‘).
  • Varman Dynastie
Diese Bezeichnung findet man nur noch gelegentlich und geht wohl auf das Werk von Alexander Cunningham, Coins Of Mediaeval India From The Seventh Century down to the Muhammadan Conquests (1891) zurück. Dies basiert scheinbar darauf, dass alle männlichen Herrschern dieser Dynastie den Namenszusatz „Varman“ tragen.
Die Varman Dynastie hat es allerdings tatsächlich gegeben, aber zu einer anderen Zeit und in einer gänzlich anderen Region (Königreich Kamarupa 350 – 655 AD, in der Region Brahmaputra, Nordbengalen, Bhutan und dem nördlichen Teil von Bangladesch).
  • Dynastien von Yashaskara und Parvagupta
Manchmal wird die Periode der Utpala Dynastie vereinfacht noch bis zum Beginn der großen Nachfolgerdynastie, der Lohara Dynastie (1003-1172 AD) ausgedehnt. Da aber das Königsgeschlecht der Utpala’s mit dem Tod von Unmattavanti (938/9 AD), bzw. seinem minderjährigen Sohn Suravarman II. (939 AD) ausstarb, hat sich durchgesetzt, die nachfolgende Periode als die Dynastien von Yashaskara und Parvagupta zu bezeichnen.

In meiner Chronologie werde ich also die Utpala Dynastie (855 – 939 AD) und die Dynastien von Yashaskara und Parvagupta (939 – 1003 AD) bearbeiten und mit den dazugehörigen Münzen bebildern.
Zuletzt geändert von didius am Mi 27.04.22 00:31, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mi 06.04.22 21:03

3. Die Utpala Dynastie (855 – 939 AD)

Als Begründer der Dynastie wird nach einhelliger Meinung Avantivarman (855 – 883 AD) gesehen. Die letzten Könige der Karkota Dynastie (625-855 AD) wurden beherrscht von mächtigen Ministern einflussreicher Familien. Avantivarmans Großvater Utpala und sein Vater Sukhavarman waren solch mächtigen Minister, wohl mit eigenen Ambitionen auf den Thron, da aber nicht Mitglied der amtierenden Herrscherfamilie, bzw. des Herrschergeschlechts, augenscheinlich erfolglos.
Nach der Ermordung des letzten einigermaßen stabilen Regenten Cippatajayapida (837/8 – 850 AD) begann eine Zeit heftiger Machtkämpfe unter den herrschenden Ministern, welche versuchten jeweils eigene Regenten des Karakota Geschlechts auf dem Thron zu platzieren. Sukhavarman war schlussendlich damit erfolgreich und setze Utpalapida, einen der letzten übrig gebliebenen Nachfahren aus dem Karakota Geschlecht, auf den Thron.
Nach dem Tod seines Großvaters Utpala im Jahr 853 AD und seines Vaters Sukhavarman im Jahre 855 AD, gelangte Avantivarman wohl durch Unterstützung eines weiteren einflussreichen Ministers (Sura) dann selbst auf den Thron, und verdrängte damit den letzten König der Karkota Dynastie, vom selbigen.
Stammbaum_nach_TW_mit_Münzen_2.jpg
Stammbaum der Utpala Dynastie aus Thereasa Wilke: Erkaufte Herrschaft. Das politische Kräfteverhältnis zur Zeit der Utpala-Dynastie (855–939) in Kaschmir; angereichert mit dem nachweisbaren Münzvorkommen
3.1 Avantivarman (855-883 AD)
Die Münzen des Avantivarman sind trotz seiner langen Regentschaft von 28 Jahren selten und die Lesung der Legenden auf diesen Münzen manchmal unklar bis widersprüchlich. Die oft schlechte Ausprägung und Dezentrierung tun da ihr übriges.
Die Lesung der Schriftzeichen ergibt in manchen Fällen Avanti Varman in anderen wird Aditya Varman angegeben. Es herrscht aber wohl Einigkeit unter den Experten, dass es sich hierbei um ein- und dieselbe Person handelt. Cunningham bildet ein Stück ab, das er mit „Adi“ auf der Vorderseite rechts liest und „njita“ auf der Rückseite. Mitchiner Non-Islamic Coins kennt kein Exemplar für Avantivarman und auf zeno.ru sind drei Exemplare abgebildet.

Nach den wenigen Stücken, die ich finden konnte (Die online verfügbare Abbildung aus dem Cunningham ist nicht brauchbar) sehe ich vier Varianten dieses Typs in der folgenden chronologischen Reihenfolge:

Frühe Ausgabe
Avantivarman_av.jpg
Avantivarman_rv.jpg
AV-Legende - / Sri (langstielige Lotusblüte deutlich zu erkennen)
RV-Legende - / A-va-nti
Anmerkung: Diese Münze ist noch ganz in der Tradition der vorherigen Periode. Dies ist die einzige Münze bei der noch die langstielige Lotusblüte erkennbar ist. Es ist anzunehmen, dass dies eine frühe Prägung für Avantivarman ist.

Mittlere Ausgabe
https://www.zeno.ru/showphoto.php?photo=228008
AV-Legende - / Sri (nur noch Blütenkopf der Lotusblüte zu erkennen)
RV-Legende - / A-va-nti

spätere Ausgaben
https://www.zeno.ru/showphoto.php?photo=286705
AV-Legende - / A-va-nti
RV-Legende - / Va-rma
und vermutlich
Avanti_spät_2.jpg
CoinIndia (vcoins.com SKU:574.03)
https://www.vcoins.com/de/stores/coinin ... fault.aspx
AV-Legende - / A-di-tja
RV-Legende - / Va-rma
Zuletzt geändert von didius am Mo 02.05.22 10:24, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Do 07.04.22 11:47

3.2 Sankaravarman (883-902 AD)
Auf König Avantivarman folgte sein Sohn Sankaravarman, der für seine Herrschaft im Unterschied zu seinem Vater von Kalhana heftig kritisiert wird. Er verbrachte viel Zeit auf Auslandsexpeditionen und eroberte die Königreiche Kangra und Gujrat, presste gleichzeitig aber wohl alles aus seinem Volk heraus und häufte persönliche Reichtümer an. Den plötzlichen Tod von zwanzig bis dreißig Söhnen Sankaravarman‘s zum Ende seiner Herrschaft, führt Kalhana daher auch auf einen Fluch der leidenden Untertanen zurück.
Als er im Jahre 902 an den Folgen einer Verwundung starb, die er sich während ausgedehnter Eroberungsfeldzüge zugezogen hatte, hinterließ er lediglich zwei minderjährige Söhne, Gopalavarman und Samkata, welch ihm nacheinander auf dem Thron nachfolgten.
Sankaravarman_av2.jpg
Sankaravarman_rv2.jpg

AV-Legende - / Sa-mka-(ra)
RV-Legende - / Va-rma

3.3 Gopalavarman (902-904 AD) und Samkata (904 AD)
Von den minderjährigen Söhnen, Gopalavarman und Samkata, folgte zunächst Gopalavarman unter der Vormundschaft der spätere Königin Sugandha auf den Thron. Sugandha war vermutlich die Hauptfrau des Sankaravarman.
Gopalavarman_av2.jpg
Gopalavarman_rv2.jpg
AV-Legende - / Go-pa-la
RV-Legende - / Va-rma

Nach dem Tod Gopalavarman soll auch Samkata noch kurzzeitig den Thron, ebenfalls unter der Vormundschaft seiner Mutter, bestiegen haben, bevor auch er starb.

Hier ist bis heute keine Münzprägung bekannt.

3.3 Sugandha Rani (904-906 AD)
Nach dem schnell aufeinander folgenden Tod der beiden Söhne des Sankaravarman war nach kaum 50 Jahren die Linie des Avantivarman erloschen. Königin Sugandha führte daraufhin wohl mit Unterstützung der mächtigen Eliten des Landes und des Militärs für weitere 2 Jahre das Land als Regentin.

Sugandha war erst die zweite Alleinherrscherin im antiken und frühmittelalterlichen Kaschmir. Zur ersten Regentin Kaschmirs Yashovati aus der ersten Gonanda Dynasty (etwa 1700 bis 1182 vor Chr.) ist nichts weiter bekannt. Für Sugandha aber gibt es erstmalig auch eine physische Evidenz insbesondere durch die Münzprägung. Interessanter Weise wird ihre Macht auch durch die Verwendung des männlichen Beinamen Sri Sugandha Deva für alle sichtbar gemacht.

Um die Linie der Utpalas auch weiterhin als die königliche Linie zu erhalten, unternahm Sunandha im Jahre 906 AD den Versuch Nirjitavarman aus einer Nebenlinie der Utpala Dynastie auf den Thorn zu setzen. Dieser Versuch scheiterte allerdings und das Militär setzte Parthas, den ältesten aber mit etwa 10 Jahren noch minderjährigen Sohn des Nirjitavarman auf den Thron. Sunandha wurde abgesetzt und aus dem Palast gejagt. Sie starb um 914 AD nachdem sie bei, dem gescheiterten Versuch die Macht zurückzugewinnen, gefangen genommen und hingerichtet worden war.
Sugandharani_av2.jpg
Sugandharani_rv2.jpg
AV-Legende Sri / Sugan-da
RV-Legende - / De-va
Zuletzt geändert von didius am Mi 27.04.22 00:33, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mo 11.04.22 12:52

3.4 Parthavarman (906 – 921 AD; 934 - 935 AD)
Der erst zehnjährige Parthavarman, Sohn des bereits oben unter Sughana genannten Nirjitavarman, aus einer Nebenlinie der Dynastie, wurde durch die Tantrins, eingesetzt. Die Tantrins, ein militärischer Verbund von Fußkämpfern, die hier in der Geschichte Kaschmirs erstmalig Erwähnung finden, hatten sich wohl erst kurz vorher etabliert und waren zu einer bedeutenden Macht geworden.
Die Einsetzung Parthavarmans und Vertreibung von Sughanda, war ein strategisch sehr erfolgreicher Schachzug der Tantrins. Auf diesem Wege erreichten sie eine fast grenzenlose Macht über das Reich, sodass Nirjitavarman selbst, wie auch die einflussreichen Minister, fortan damit beschäftigt waren den Tantrins gefällig zu sein um ihre eigenen Machinteressen zu sichern. Minister erkauften sich beim Herrscher ihre Posten damit dieser Bestechungsgelder für die Tantris bezahlen konnte.

Kalhana bemerkt dazu explizit, dass die Könige von diesem Zeitpunkt an in den Diensten der Tantrins standen – anstatt diese in den Diensten der Könige.

Für die folgenden 3 Jahrzehnte der Herrschaft der Utpala Dynastie möchte ich an dieser Stelle kurz auf eine der wichtigsten, schriftlichen Quellen über die Könige des Antiken und frühmittelalterlichen Kaschmirs eingehen. Dies sind die historiograhpischen Erzählungen des oben bereits angesprochenen Kalhana, eines Dichters und Universalgelehrten aus dem 12. Jahrhundert, welcher seine ‚Rajataranginı‘, dem ‚Wellenstrom der Könige‘, in 7826 Versen verteilt auf acht Büchern zwischen 1147 und 1149, zu Zeiten der 2. Lohara Dynastie, niedergeschrieben hat. Kalhana hat sich bei seinen Darstellungen bemüht auf Fakten basierend die Geschifte Kaschmirs zu beschreiben, wobei er mehr und mehr legendenhafte Überlieferungen einbezog, je weiter in die Vergangenheit es zurückgeht. Bis zur Uptala und in Teilen auch zur Karakota Dynastie scheinen die Angaben recht gut den tatsächlichen Gegebenheiten zu entsprechend.

Die verschiedenen Regentschaften von Parthavarman bis Suravarman II werde ich also dieser Quelle entsprechend wiedergeben, da mir hier eine Bewertung nicht zusteht. Auch die Historiker und Kenner der Geschichte Indiens orientieren sich weitgehend an dieser Darstellung und den gegebenen Zeitlinien. Bisher scheinen zumindest keine zusätzlichen Quellen aufgetaucht zu sein, die hier wiedersprechen würden. Münzprägungen konnte ich bei den Recherchen sicher nur für Parthavarman, seinem Bruder Chakravarman und seinem Sohn Unmattavanti nachweisen. Für Nirjitavarman ist dies weiterhin unsicher.

Die folgende Tabelle, gemäß der Chronik des Kalhana, verdeutlicht die Abfolge der Herrscher.

Zeittafel der Utpala Koenige.JPG
Zeittafel der Könige der Utpala-Dynastie nach Kalhana

Parthavarman stand zum Zeitpunkt der Inthronisation unter Vormundschaft seines Vaters. Als er dann Volljährig wurde häuften sich wohl die Zerwürfnisse zwischen ihm und seinem Vater. Im Jahr 921 setzten die Tantrins König Partha schließlich ab und inthronisierten
an seiner statt Nirjitavarman.
Partha_av.jpg
Partha_rv.jpg
.
AV-Legende - / Pa-rta
RV-Legende - / Va -rma

Entsprechend der Chronik des Kalhana hatte Parthavarman später noch eine zweite Regentschaft in den Jahren 934 und 935 AD.

Welcher der Herrschaftsperioden jeweils die vorliegenden Münzen zuzuordnen sind, lässt sich aktuell wohl nicht unterscheiden. Wobei auch hier vielleicht eine eingehende Untersuchung der verschiedenen Symbole, Legendenanordnungen und weiterer Details genaueres sagen könnten.

3.5 Nirjitavarman (921 - 923 AD)
Nirjitavarman, Vater des Parthavarman, der bereits in den Regierungsjahren seines minderjährigen Sohnes die Regierungsgeschäfte als Vormund geführt hatte, ist dann, gestützt durch die Tantrins, ebenfalls noch einmal selbst an die Macht gekommen.

Bei einer Regentschaft von gut 2 Jahren müssten eigentlich Münzen auf uns gekommen sein, solche werden auch immer mal wieder erwähnt bzw. heiß diskutiert. Aber die oft schlechte Erhaltung, die fahrlässige Prägequalität und die Dezentrierung der meisten Münzen, fordern hier bisher eher Phantasie und Interpretation. Ein eindeutig nachgewiesenes Exemplar habe ich nicht finden können.

Das von Cunnigham dem Avantivarman zugeordnete Stück mit der Legende Adi-njita befindet sich heute in der Sammlung des British Museum und wird mittlerweile wohl als A-injita gelesen (Kenneth West, N.I. Bulletin 1978, pp 69-78). Dieses Stück wird heute wohl Nirjitavarman zugeordnet.

Leider ist es dort nur im Bestandskatalog gelistet, aber ohne Abbildung oder weitere Angaben (z.B. bzgl. der lesbaren Schriftzeichen)

https://www.britishmuseum.org/collectio ... 4-0507-380


3.6 Chakravarman (923 – 933 AD; 935 AD; 936 - 937 AD)
Der Chakravarman war einer der Brüder des Parthavarman und wurde als Spielball der Macht ebenfalls durch die Tantrins, obwohl noch ein Kind, als König eingesetzt. Für ihn werden in der ‚Rajatarangini‘ insgesamt drei Herrschaftsperioden angegeben. Als erstes folgte er seinem Vater Nirjitavarman. Nachdem Charkavarman wieder abgesetzt, und durch die 2. Regentschaft seines Bruder Parthavarman verdrängt, dann in 935 erneut kurzzeitig auf den Thron gesetzt und wieder abgesetzt wurde, verbündete er sich mit den Damaras, den Feudalherren und einflussreichen Landbesitzern im Reich und erkämpfte sich im Frühjahr 936 in der endscheidenden Schlacht bei Pampore, in der Nähe der Hauptstadt Srinagar, die Macht zurück. Dies war dann gewissermaßen der Anfang vom Ende der uneingeschränkten Macht der Tantris.
Charka_av2.jpg
Charka_rv2.jpg
.
AV-Legende - / Cha-
RV-Legende - / kra Va (-rma)

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mi 27.04.22 00:40

3.7 Unmattavanti (937 - 939 AD)
Parthavarmans Sohn Unmattavanti folgte seinem Onkel Charkavarman auf dem Thron. Er stand unter Kontrolle eines Ministers Namens Parvagupta. Auf Geheiß von Parvagupta ließ er laut Kalhana seine Brüder zu Tode hungern und seinen Vater ermorden. Kalhana lässt in seinen Schilderungen kein gutes Haar an Unmattavanti und beschuldigte ihn der übelsten Grausamkeiten. Schlussendlich starb er an einer chronischen Krankheit. Gewissermaßen noch auf dem Sterbebett ließ er seinen vermeintlichen Sohn Suravarman II zu seinem Nachfolger krönen. Angeblich wurde ihm dieser aber in einer Intrige des Hofstaats fälschlicher Weise als sein Sohn untergeschoben.

Die Münzen des Unmattavanti sind sehr selten und haben eine sehr untypische und ungewöhnliche Schreibung des Namens. Auf den bisher aufgetauchten Münzen wird tatsächlich ausschließliche der Anfangsbuchstabens „U“ anstatt des vollständigen Namens verwendet. Auf der verlinkten Münze ist ganz deutlich der leere, ungenutzte Platz rechts neben dem Buchstaben zu sehen.
Unmattavanti.jpg
Ganga Numismatics (vcoins.com – SKU:KA-071)
https://www.vcoins.com/de/stores/ganga_ ... fault.aspx

AV-Legende - / Sri
RV-Legende - / U

3.8 Suravarman I (933 - 934 AD), Sumbhuvardahana (935 - 936 AD)
Zwei weitere Herrscher tauchen in der Chronik des Kalhana auf. Suravarman war ein weiterer Sohn des Nirjitavarman und folgte seinem Halbbruder Chakravarman auf den Thron, bevor er dann erneut durch seinen anderen Halbbruder, den früheren Regenten Parthavarman, wieder entmachtet wurde. Sumbhuvardahana wird ebenfalls nur für einen kurzen Zeitraum in der Herrscherliste erwähnt, ohne dass sein Bezug zur Utpala Dynastie eindeutig klar wird.

Auch von diesen Herrschern sollten bei Regierungsperioden von jeweils bis zu einem Jahr eigentlich Münzen auf uns gekommen sein, es sind solche aber bisher nicht bekannt.

Meine Hypothese dazu ist, dass in den ganzen Jahren der inneren Konflikte und Machtkämpfe, bei denen nach Kalhana scheinbar immer gerade der zum König gemacht wurde, der das meiste Geld versprechen/bezahlen konnte, es der Administration herzlich egal war wer da gerade auf dem Thron saß, Hauptsache man hatte ein einträgliches Auskommen. Da hat man sich vielleicht um so etwas „unwichtiges“ wie eine adäquate Münzprägung garnicht gekümmert, kümmern wollen, oder kümmern können, weil schlicht und ergreifend keine Mittel mehr dafür vorhanden waren.

3.8 Suravarman II (939 AD) und das Ende
Suravarman II regierte wohl kaum mehr als ein paar Tage nach dem Tod seines Vaters Unmattavanti, bevor er durch den Oberbefehlshaber des Militärs Kamalvardhana verdrängt wurde, der von seiner Basis in Madavarajya heraus gegen die jetzt vorherrschenden Damaras rebellierte, welche ja unter Chakravarman im Jahre 936 die Macht von den Tantris erlangt hatten. Suravarman II konnte zusammen mit seiner Mutter fliehen.

Kamalvardhana seinerseits berief eine große Versammlung der Brahmins ein, die einen neuen Herrscher bestimmen sollten. Diese Versammlung lief aber für Kamalvardhana wohl nicht ganz so wie erhofft. Die Brahmins verweigerten sowohl ihm, wie auch der Kandidatur der Mutter des Suravarman II die Unterstützung, sondern bestimmten Yasaskara, dem Sohn des Prabhakaradeva statt dessen zum neuen Regenten, und ebnete den Weg zur späteren Herrschaft der mächtigsten Frau des frühmittelalterlichen Kaschmir - Didda Rani.
Zuletzt geändert von didius am Mo 02.05.22 10:20, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mo 02.05.22 10:11

4. Die Dynastien von Yashaskara und Parvvagupta (939 – 1003 AD)

Der nun folgende Zeitraum füllt in Kalhana‘s ‚Rajataranginı‘ das sechste Buch, nachdem die Utpala-Dynastie im fünften Buch behandelt wurde. Kalhana beschreibt diese Zeit als Ka(sh)taka-Dynastie (die tatsächliche Bezeichnung ist in dem mir vorliegenden PDF der Übersetzung von Jogesh Chunder Dutt nicht eindeutig zu entziffern). Auffällig ist, dass diese Bezeichnung auch sonst nirgendwo Verwendung findet. Sie ist mir nur aufgefallen, da sie singulär auf der Seite jatland.com vorkommt und ich dann die Übersetzung als Quelle durchforstet hatte.
Für den Einstieg in diesen Abschnitt, habe ich mich sehr schwer getan, da wenig Informationen dazu aufzutreiben sind, und es keine numismatischen Belege, sprich Münzen, für Yashaskara gibt. Darüber hinaus kann man dies kaum als Dynastie bezeichnen, eher als Versuch eine Solche zu begründen.

4.1 Yashaskara (939-948 AD)
Nachdem die Brahmins, d.h. die religiöse, die Priesterkaste, jenen Yashaskara zum neuen Regenten gewählt hatten und das Ende der Utpala-Dynastie endgültig besiegelten, wurden sie vom Hof verwiesen, sie sollen als Götter verehrt werden, aber sich zukünftig aus den Regierungsgeschäften raushalten. So wie die religiösen, entfernte Yashaskara auch die weltlichen Einflüsse aus dem Regierungsumfeld, entließ Minister und räumte mit der Korruption auf.
Auch zu Yashaskara konnten bisher keine Münzen eindeutig zugewiesen werden. Cunningham führt in seinem Werk zwar eine solche Münze auf (Plate IV, Nr. 8 ), aber diese ist stilistisch eindeutig dem 12. Jahrhundert und damit wohl Jassaka Deva (ab etwa 1181 AD) aus der 2. Lohara-Dynastie zuzuordnen (Kenneth West, N.I. Bulletin 1978, pp 69-78).
YaskaraCunningham_1843.jpg
Cunningham – erste Veröffentlichung 1843 (falsche Jahreszuordnung 960 AD)
https://www.britishmuseum.org/collectio ... BIOG117959

Im BM sind direkt zwei dieser seltenen Münzen im Bestand (und mit Bild veröffentlicht), aber beide eindeutig vom späten Stil und damit falsch zugeordnet.

Auch wenn Yashaskara von Kalhana recht positiv dargestellt wird, beim Bestreben mit den Missständen am Hof aufzuräumen, kann man durchaus nicht leugnen, dass auch seine Wahl als Regent auf diesen aIten Strukturen und Seilschaften beruht. Sein Vater Prabhakaradeva war bereits unter König Sankaravarman (883-902 AD) Schatzmeister und später der Geliebte von Sankaravarman’s Frau und späterer Königin Sugandha (904-906 AD).

4.2 Varnata (948 AD) und Samggramadeva (948-949 AD)
Die exakten Ereignisse dieser kurzen Periode sind ziemlich unklar. In seiner Übersetzung beschreibt Jogesh Chunder Dutt die Wirren zum Ende der Regentschaft von Yashaskara. Dieser erkannte Samggramadeva als seinen Sohn (und Nachfolger) nicht an und bestimmte statt dessen noch auf dem Sterbebett Varnata, welcher der Sohn eines Onkels gewesen sein soll, zum Regenten. Ob Varnata wirklich noch den Thron bestieg bleibt unklar.
Eindeutig ist allerdings, dass Samggramadeva nach Kalhana dann für 6 Monate die Regentschaft übernahm, bevor er von Parvvagupta, einem der Minister, welche ihn an die Macht brachten umgebracht wurde.

Auch aus dieser Zeit sind bis heute keinerlei Münzen überliefert.

Nur um an dieser Stelle auch einmal die schwierige Quellenlage zu verdeutlichen. Alle Informationen aus der Rajatangini sind eine Interpretation der übersetzten Verse des Kalhaná. Ich habe hier beispielhaft einen kurzen Abschnitt aus dem Buch VII (Lohara-Dynastie) gemäß dem Werk von Jogesh Chunder Dutt eingefügt.
Rajatarangini_BuchVII_Bsp.JPG
Jogesh Chunder Dutt – xxxi – Table of Contents – Book VII
Zuletzt geändert von didius am Do 05.05.22 17:53, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Di 03.05.22 13:28

4.3 Parvvagupta (949-950 AD)

Parvvagupta war ein einflussreicher Minister, welcher in 948 AD zusammen mit weiteren 5 Ministern den Samggramadeva unter Vormundschaft dessen Großmutter auf den Thron gesetzt hatte. Innerhalb weniger Monate räumte Parvvagupta laut Kalhana sowohl Samggramadeva‘s Großmutter, wie auch seine Ministerkollegen aus dem Weg, während er sich bei dem minderjährigen König, welcher eher von schlichtem Gemüt gewesen sein soll, einschmeichelte.
In 949 AD stellte er eine Arme zusammen, lies die Hauptstadt belagern und Samggramadeva bei Seite schaffen. Ob seiner aufgebauten Bedrohung und Machtdemonstration, sowie der Beseitigung der verschiedenen Gegenspieler konnte er sich dann selber auf den Thron setzen.
Stammbaum_Parvvagupta_Dynastie_neu2.JPG
Stammbaum der Parvvagupta Dynastie
Auch wenn seine eigene Herrschaft nicht von langer Dauer war, ereignete sich hier einer der wichtigsten Wendepunkte in der Historie des frühmittelalterlichen Kaschmir, da er den Weg für seinen Sohn Kschemagupta ebnete, welcher ihm auf den Thron folgte.

https://www.zeno.ru/showphoto.php?photo=153734

AV-Legende Sri / Pa -rvva
RV-Legende - / Gu-pta

4.4 Kshemagupta (950-958 AD)

Kshemagupta folgte seinem Vater Parvvagupta auf den Thron. Kalhana lässt nicht wirklich ein gutes Haar am neuen König. Er beschreibt ihn als Mensch mit zügellosem Charakter, einen Lüstling und Trinker, ohne wirkliche Herrscher-Ambitionen.
Nach Analyse und Darstellung von Yogendra Mishra auf dem Indian History Congress von 1969, wurde Kshemagupta wurde durch seinen Vater bereits früh mit Didda, einer Tochter des Gouverneurs Singharaja von Lohara und Enkelin mütterlicherseits des mächtigen Hindu-Shahis Bhimadeva, verheiratet. Diese schicksalhafte Verbindung soll bereits um 943 AD erfolgt sein.
Didda war eine ebenso herrschsüchtige und skrupellose, wie in administrativer und außenpolitischer Hinsicht fähige Frau. Kshemagupta stand unter dem vollständigen Einfluss von Didda, was ihm nach Kalhana in der Bevölkerung den demütigenden Spitznamen Diddakshema einbrachte. Es ist außerordentlich bemerkenswert, dass dies nach kurzer Zeit dann bereits Einzug in die Münzprägung fand.
Hier eine seltene Münze aus dem erst Jahr seiner Regentschaft. Auf der Münze wird Kshemagupta alleine genannt.
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Kshemagupta.jpg
Ganga Numismatica (vcoins.com SKU: KA-060)
https://www.vcoins.com/de/stores/ganga_ ... fault.aspx

AV-Legende - / Kshe-ma Gu-
RV-Legende - / pta De-va

Grundsätzlich sind die Münzen des Kshemagupta zusammen mit der Nennung seiner Frau Didda die, die sehr häufig anzutreffen sind. Dies macht eine sehr kurze Prägedauer der ersten Ausgabe wahrscheinlich.
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DiKshema_av.jpg
DiKshema_rv.jpg
AV-Legende Di / Kshe-ma
RV-Legende - / De-va

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Zuletzt geändert von didius am Mi 04.05.22 09:05, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Di 03.05.22 22:04

4.5 Abhimanyugupta (958 - 972 AD)

Als Kshemagupta 958 AD an einem Fieber starb, das er sich bei einer Jagd zugezogen hatte, wurde er von seinem Sohn Abhimanyugupta abgelöst. Dieser regierte, erst 14 Jahre alt, unter der Vormundschaft seiner Mutter Didda und mit Unterstützung eines Ministers Namens Naravahana.
König Abhimanyu wurde mit zunehmendem Alter gelehrt und weise, war aber von Schwindsucht befallen. Noch sehr jung nahm er Shirisha zur Frau und hatte drei Söhne.
Die Münzen des Abhimanyugupta sind recht selten.
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ABhimanyugupta_av.jpg
ABhimanyugupta_rv.jpg
AV-Legende A / bhi-ma-nyu
RV-Legende - / Gu-pta

4.6 Nandigupta (972 - 973 AD)

Nach dem Tod von Abhimanyugupta folgte ihm sein ältester Sohn Nandigupta noch im Kindesalter und unter Vormundschaft seiner Großmutter Didda Rani auf den Thron. Nichts weiter ist über ihn bekannt, außer dass er von Didda umgebracht wurde.
Die Münzen des Nandigupta sind ebenfalls selten.
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Nandigupta_av.jpg
Nandigupta_rv.jpg
AV-Legende Na / ndi Gu-
RV-Legende - / pta (De-va)

4.7 Tribhuvana (973 - 975 AD)

Auch über Tribhuvana ist nichts weiter bekannt. Er folgte seinem ermordeten Bruder Nandigupta ebenfalls im Kindesalter und unter Vormundschaft seiner Großmutter auf den Thron. Auch er wurde von Didda aus dem Weg geräumt.
Die Münzen des Tribhuvana sind ebenfalls selten.
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Tribhuvana_av.jpg
Tribhuvana_rv.jpg
AV-Legende Tri / bhu-va-na
RV-Legende - / Gu-pta

4.8 Bhimagupta (975 - 979 AD)

Mit Bhimagupta bestieg dann auch noch der letzte Nachkomme des Abhimanyu den Thron. Auch er war noch im Kindesalter und unter Vormundschaft seiner Großmutter. Unter Obhut seiner Mutter Shirisha wuchs Bhimagupta zu einem "sensiblen Jungen" heran. Er erkannte die Notwendigkeit von Reformen und die Greultaten seiner Großmutter. Hatte Didda die vorherigen Morde noch verschleiern können, und war bis dahin ihre Verantwortung dafür nur eine Vermutung gewesen, rebellierte sie diesmal ganz offen gegen den König, ließ ihn fesseln, einsperren und zu Tode foltern.

Die Münzen des Bhimagupta sind ebenfalls selten.
Bhimagupta.jpg
Ganga Numismatics (vcoins.com SKU:HM-172)
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AV-Legende Bhi / ma Gu-
RV-Legende - / pta De-va

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mi 04.05.22 14:09

4.9 Didda Rani (980 - 1003 AD)

Mit Didda Rani folgt nun die letzte Herrscherin der von mir betrachteten Periode. Mehr als 50 Jahre bestimmte sie die Geschicke Kaschmirs bevor sie im Alter von etwa 75 Jahre starb und bereits den Weg für die folgende Lohara Dynastie bereitet hatte.
Ich möchte mich der Ausarbeitung dieser langen Regentschaft noch etwas ausführlicher widmen, und werde dies hier zu einem späteren Zeitpunkt einfügen. Allerding nicht, ohne bereits eine Münze dieser Zeit zu zeigen.

Die Münzen der Didda Rani sind sehr häufig, aber nicht immer so gut erhalten und mit quasi vollständiger Inschrift auf beiden Seiten.
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Didda_1_av.jpg
Didda_1_rv.jpg
AV-Legende Sri / Di-dda
RV-Legende - / De-va

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Zuletzt geändert von didius am Di 31.05.22 08:07, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mi 04.05.22 14:47

5. Einordnung der Prägung in den geschichtlichen Zusammenhang

Den Abschluss soll hier dann noch eine kurze Einordnung dieser Periode in den geschichtlichen Zusammenhang des spätantiken, bzw. mittelalterlichen Kaschmir bilden. Interessant aus meiner Sicht deshalb, da der hier besprochene Münztyp bereits im 6. Jahrhundert erstmalig auftaucht und auch in den Folgedynastien noch bis ins 13. Jahrhundert geprägt wurde.
Beginnen möchte ich mit der Zeit des spätantiken Kashmir als Bestandteil des Kushan-Reichs, denn hier befindet sich offensichtlich der Ursprung in der Gestaltung des Münzbildes.
Ich habe mir dazu einen Gold-Dinar des frühen 4ten Jahrhunderts ausgesucht an dem man sehr schön den Ursprung der Gestaltungselemente nachvollziehen kann.

Das ist ein Dinar des Königs Shaka (ca. 305 AD - 335 AD)
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kushan_shaka_gold_dinar.jpg
Sovereign Rarities Ltd. (vcoins.com – SKU:FM21916)
https://www.vcoins.com/de/stores/sovere ... fault.aspx

Auf der Rückseite dieses Münztypus sieht man sehr schön und detailreich die frontal auf einem Thron sitzende Ardoksho (Lakshmi) dargestellt. In der rechten Hand (angeblich) ein Diadem und im linken Arm ein reich gefülltes Füllhorn.
Auf der Vorderseite ist der König frontal stehend dargestellt. Mit seiner linken Hand, und damit auf der rechten Seites des Münzbildes hält er eine mit Bändern verzierte Standarte. Mit der rechten Hand opfert er auf einem zur linken stehenden Altar und im Hintergrund ist eindeutig das göttliche Symbol des Dreizack zu sehen.

Auch mit dem Einfall der iranischen Hunnen, welche nach Göbl in mehreren Wellen verschiedener Stammesgruppen/-verbänden das Kushanreich und damit auch das spätantike Kaschmir überrollten (nach Göbl erst die Kidiariten, dann Alchon-Hunnen, die Hephtaliten und die Nezak-Hunnen).
Zeigen möchte ich dazu einen den Kidiariten zugeordneten Gold-Stater, aus der Zeit nach 400 AD im üblichen stark verwilderten Stil und deutlich reduziertem Goldanteil.
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kushan_kidarites_gold_dinar.jpg
NB-Numismatics (vcoins.com – SKU:IN1777)
Insgesamt wird das Münzbild praktisch beibehalten, wobei es auf der Rückseite dieses Münztypus ein interessantes Detail zu bemerken gibt. Das Füllhorn erfährt eine solch starke Stilisierung, dass es als solches garnicht mehr erkennbar ist. Im Prinzip bleibt nur ein langer geschwungener Strich übrig, an dessen Ende nur noch ein von Punkten umgebener Kreis übrig bleibt. An dieser Stelle wird für den unbedarften Betrachter aus dem Füllhorn, ob gewollt, oder ungewollt, eine langstielige Lotusblüte.

Zur Zeit des Toramana (490-515 AD), bzw. seiner Söhne und Nachfolger Mihirakula (515 AD- 540 AD) und Pravarasena (ca. 537 AD - …), nachweisbar unter Mihirakula, taucht erstmalig das AE Nominal auf, welches dann für einen so langen Zeitraum dem Typus nach weitergeprägt wurde.
Die Herleitung ist durchaus wichtig, wie die zeitgleiche Ausprägung sowohl des Gold, als auch des AE Nominals zeigen.

Zeigen möchte ich dazu außergewöhnlichen Golddinar des Pravarasena um 537 AD.
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Kidarites_Pravasena.JPG
Todywalla Auctions – Auktion 101, Los 30, vom 03.02.2016
https://www.acsearch.info/search.html?id=3562844

Besonders der ausgesprochene Detailreichtum beindruckt bei dieser Münze.
Auf der Vorderseite wandert als kleines Detail am Rande jetzt der Dreizack in den linken Arm des Königs. Der Altar ist jetzt kein Bestandteil der Darstellung mehr.
Auf der Rückseite dieser Münze ist jetzt eindeutig die langstielige Lotusblüte dargestellt, aber mit dem besonderen Detail, das auf der Lotusblüte eindeutig eine Kalasha dargestellt ist, ich würde das einmal mit „Vase des Reichtums/des Wohlstands“ übersetzen. Und damit dem Äquivalent zum Füllhorn. Hier kann man, finde ich sehr anschaulich, den ikonographischen Wandel der eigentlich gleich gebliebenen Aussage, d.h. dem Versprechen des Wohlstands, nachvollziehen, wie er durch Migration, kulturellen und religiösen Wandel hervorgerufen wird.
Ein weiteres, außergewöhnliches Detail ist, dass Lakshmi nicht mehr auf einem Thron sitzt, sondern auf dem Rücken eines Löwen, und das sie jetzt die Beine erstmalig in der für die nächsten sieben Jahrhunderte typischen Haltung zeigt. In sehr seltenen Fällen gibt es diese Darstellung des Löwen tatsächlich auch auf den Bronzemünzen. Bei entsprechender Dezentrierung wird aber klar, dass dies in den folgenden Jahrhunderten nur die absolute Ausnahme war.

Quasi zeitgleich, bzw. unter seinem Vorgänger Mihirakula, taucht dann erstmalig die AE Prägung dieses Münztypus auf.
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india_huns_mihirakula_neu2.jpg
Ganga Numismatics – vcoins.com SKU:PG-030
https://www.vcoins.com/de/stores/ganga_ ... fault.aspx

Auf der Vorderseite steht der König jetzt mit dem Dreizack in der linken Hand, während er rechts über einem Altar opfert.
Auf der Rückseite sitzt Lakshmi dabei noch auf einem Thron.

Eine weitere Münze des Mihirakula, die ich hier zeigen möchte, zeigt auf seinem Revers, dass man sich ikonographisch aber weiterhin nicht so 100%ig einig gewesen sein kann. Bei aller Stilisierung der Darstellung ist hier eindeutig zu erkennen, dass Lakshmi weiterhin ein Füllhorn hält.
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i_hun_tkm0510_32_mihirakula.jpg
Grifterrec.com Iranian Huns, page 1 (rasmir.com)
http://grifterrec.rasmir.com/huns/huns.html

Auf die nun folgenden Jahrhunderte bis zur Utpala-Dynastie werde ich nur kurz und mit einer einzelnen Münze eingehen. Diese Zeit ist numismatisch und historisch gesehen eine große Grauzone.
Bezeichnender Weise wird diese Periode numismatisch häufig mit Toramana II und seine Nachfolger (530 AD – 855 AD) bezeichnet.

Ich habe die im Link gezeigte Münze einmal bewusst ausgewählt, da sie stilistisch ganz dicht an der von mir zu Beginn der Serie gezeigten frühen Prägung des Avantivarman aus der Utpala-Dynastie dran ist.

https://www.zeno.ru/showphoto.php?photo=165160

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Auf zeno.ru ist eine Vielzahl dieser anonymen Prägungen zu sehen.
Zuletzt geändert von didius am Di 31.05.22 08:21, insgesamt 3-mal geändert.

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Re: Kaschmir und die AE Prägungen zwischen 855 und 1003 AD

Beitrag von didius » Mi 04.05.22 21:32

6. Appendix
:wink:

Auch wenn ich nicht glaube, dass dieser Komplex von 75 Münzen wirklich ein zusammenhängender Fund gewesen sein wird (wobei die sehr ähnliche Patina ab den Münzen des Kshemagupta und die besonders gute Erhaltung der späten Münzen zumindest für einen Teil die selbe Quelle vermuten lässt), kommt jetzt zum Schluss noch die kurze statistische Zusammenfassung.
Statistik_02.JPG
Statistische Auswertung

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