Historisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

Moderator: Homer J. Simpson

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chinamul
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Beitrag von chinamul » Sa 11.12.04 21:11

Hallo spider!

Dieser recht seltene Denar wurde geprägt zur Feier der Saecularspiele vom 1. bis 3. Juni des Jahres 88. Sie wurden in Erinnerung an die ersten Spiele dieser Art veranstaltet, die Augustus im Jahre 17 v. Chr. hatte abhalten lassen, also etwa 100 Jahre zuvor.
Die Inschrift auf dem Cippus lautet: LVD / SAEC / FEC (ludos saeculares fecit = er hat die Saecularspiele veranstaltet); links und rechts: COS - XIIII
(RIC 115)
Was nun Deine Münze mit dem Regierungsstil des Domitian zu tun hat, liegt auf der Hand: Er mußte sich beim Volk beliebt machen, und das tat er auch nach dem Motto panem et circenses (Brot und Spiele).

Gruß

chinamul
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spider
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Beitrag von spider » Sa 11.12.04 21:24

Vielen Dank chinamul.
Ich hatte gehofft das die Münze einen bestimmten geschichtlichen Bezug hat.
Neben den "nichtssagenden Minervadenaren"(man möge mir verzeihen)
gibt es ja von Domitianus nicht so sehr viele mit geschichtlichem Hintergrund.

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Peter43
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Beitrag von Peter43 » Sa 11.12.04 21:36

Also, deine Münze ist ein Denar des Domitian, RIC II, 115; BMCR.137; C.70; geprägt in Rom 88 n.Chr; Seltenheit R
Av IMP CAES DOMIT AVG GERM PM TRP VIII
belorbeerter Kopf n.r.
Rv. Säule (cippus) in Eichenkranz, darauf in 3 Zeile LVD/SAEC/FEC, links
davon COS, rechts XIIII
(Anm. in RIC Fehlbeschreibung, hat in der Averslegende PM vergessen!)

Diese Ausgabe feiert die Jahrhundertspiele (LVDOS SAECULARES FECIT, d.h. Jahrhundertspiele hat er ausgerichtet), die Domitian 88 n.Chr. wieder feiern ließ, nachdem die letzten ein Jahrhundert davor 17 v.Chr. von Augustus gefeiert worden waren. Ursprünglich waren für die Jahrhundertspiele die 3 Nächte des 30.Mai, des 31. Mai und des 1. Juni vorgesehen. Sie waren am Anfang den Göttern de Unterwelt gewidmet, besonders DIS PATER und PROSERPINA, und umfaßten Rituale, um die Sicherheit und die Fruchtbarkeit des römischen Volkes zu erhalten, sowie Reinigungsrituale. Ihre alte Bedeutung bestand darin, daß ein 'saeculum' beendet wurde. Dabei handelte es sich um die längste Dauer eines Menschenlebens (100-110 Jahre).

Augustus gab diesen Spielen eine neue Richtung, indem er den Fokus nicht mehr auf das Ende, sondern auf den Beginn eines neuen Saeculums richtete! Er verwandelte sie in vorausschauende Ereignisse, in die Vorboten zukünftiger großer Dinge. Er scheint diese Feiern aber auch angeknüpft zu haben an die legendären Originalfeiern der alten Republik.

Auch Claudius hat diese Feiern abgehalten, obwohl noch keine 100 Jahre vergangen waren. Er benutzte dabei ein ganz anderes Zeitschema, das wahrscheinlich an das Gründungsjahr Roms anknüpfte.

Domitian feierte die Ludi Saeculares 88 n.Chr., benutzte dabei eine andere Berechnung als Augustus oder Claudius, die wir nicht kennen.

Dann gab es noch Spiele von Septimius Severus 204 n.Chr., genau 110 Jahre nach Augustus; so bezog er sich augenscheinlich auf die Berechnungen des Augustus. Die letzten bekannten Ludi feierte Philipp Arabs 246 n.Chr., mit denen er das 1000. Jahr der Gründung Roms feierte.

Domitian gilt im allgemeinen als grausamer und unfähiger Kaiser, der zu recht der Damnatio Memoriae verfiel, die der Senat nach seinem Tod über ihn aussprach. In Wirklichkeit ist sein Bild aber erheblich vielfältiger, widersprüchlicher und bis heute nicht einheitlich. So war er ein effizienter Verwalter, einer der besten, die Rom hatte, besonders was die Ökonomie anging, die Verwaltung der Provinzen und die Militärpolitik, wobei er als Heerführer eher etwas unglücklich agierte. So erkaufte er sich das Wohlwollen des Dakerkönigs Decebal, überließ Nordbritannien den Scoten und Picten, und seine Siege über Chatten und Alamannen (z.B. die Eroberung der Länder westlich des Neckars) waren nicht die riesigen Siege, für die er sie ausgab. Andererseits verheimlichte er nicht die grausamen Seiten seiner despotischen Herrschaft, wie andere vor ihm es gemacht hatten. Dies, seine einsame Persönlichkeit und die ständige Abwesenheit von Rom, führte zu dem harten Urteil der Nachwelt. So ließ z.B. Claudius 35 Senatoren und 350 Ritter hinrichten, und wurde trotzdem nach seinem Tod vom Senat vergöttlicht. Domitian brachte es nur auf 11 hingerichtete Senatoren und wurde verdammt! Und wie üblich in der römische Geschichte haben später christliche Schriftsteller dieses Bild weiter verzerrt!

Mit freundlichen Grüßen
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Beitrag von spider » Sa 11.12.04 21:49

Auch dir Peter43 vielen Dank.
Interessant ist der Vergleich Claudius>Domitianus.
Es muß also etwas vorgefallen sein das der Senat ihn derart bestraft.
Die 11 armen Seelen weden doch wohl nicht Anlass gewesen sein,das Andenken an ihn zu löschen.

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Beitrag von Peter43 » Sa 11.12.04 22:09

@spider:

Vielen Dank! Es gab einen gewaltigen Unterschied. Claudius - wie auch Augustus, der diese Regierungsform erfunden hatte, und andere - taten immer so, als würde der Senat noch die alte Macht haben. Sie stellten Anträge im Senat, ließen ihn beraten, abstimmen usw., wie in der alten Republik. So konnte sich der Senat immer noch vormachen, den Staat zu lenken.Tatsächlich hatte der Senat jedoch alle Macht verloren. Stellten Augustus, Tiberius oder Claudius einen Antrag, mußte der Senat erst mühevoll erforschen, welches Ergebnis der Kaiser erwartete, wenn das nicht bereits vorher bekannt war. Nur wehe, wenn das Ergebnis nicht den Erwartungen des Kaisers entsprach! Machte jedoch ein Kaiser Schluß mit dieser Heuchelei und zeigte dem Senat die tatsächlichen Machtverhältnisse, d.h. behandelte sie als Marionetten, die sie waren, wie es nicht nur Domitian tat, sondern noch beispielhafter Caligula, der sein Pferd Incitatus zum Senator ernannte, um damit die Senatoren zu erniedrigen, dann waren diese natürlich zu tiefst gekränkt und rächten sich nach dem Tod des Kaisers.

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von richard55-47 » Sa 11.12.04 23:02

@ Peter43

Dein Beitrag stellt die damalige Machtverteilung klar dar, nur der Satz "So konnte sich der Senat immer noch vormachen, den Staat zu lenken. " ist falsch. Es muss heißen "So konnte der Kaiser immer noch vormachen, der Senat lenke den Staat.", was aus den dann folgenden Ausführungen auch entnommen werden kann, sonst geben diese keinen Sinn.
Auch halte ich Caligula nicht für den ausgemachten Fiesling als der er gilt. Er wollte die Mitglieder des Senates ursprünglich mehr in die Machtausübung einbinden. Dieser mit der damnatio memoriae versehene Kaiser hatte tatsächlich noch Mechanismen der alten Republik vor Augen. Die Senatoren waren ob dieser seiner Zumutung richtig gehend entsetzt, sie haben sich verweigert. Erst nach diesem vergeblichen Ansinnen und mehrfachem Mordanschlag wurde Caligula zum Zyniker und hat sich keinen Zwang angetan. Da die Caesaren durch die Bank nicht von Skrupeln geplagt wurden, kann dies erst recht nicht von einem zynischen Vertreter dieser Berufsgruppe erwartet werden. Caius Caesar kommt einfach zu schlecht in der allgemeinen Beurteilung weg. Da gibt es schlimmere, hoch geachtete Leute, z. B. den Erfinder der nachrepublikanischen Staatsform, Caius Iulius Caesar, der gegen Gallien einen Angriffskrieg führte und u. a. die Veneter in einem Ausmaß über die Klinge springen ließ, dass in Rom seine Auslieferung wegen Kriegsverbrechens im Senat beantragt worden ist. Natürlich nicht wegen der Rechtslage, sondern zwecks Ausschaltung eines missliebigen Politkonkurrenten.
do ut des.

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Beitrag von spider » Sa 11.12.04 23:19

Zuerst dieses:

Ich liebe dieses Forum

Ich konnte keine Verunglimpfung des Caligula bei Peter43 lesen.
Das durch Vergiftung nicht nur körperliche sondern auch geistige Schäden auftreten dürfte wohl bekannt sein.
Die Beförderung seines Pferdes zum Senator hat doch was.
Humor?Sarkasmus?
Das ist Ansichtssache.

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Beitrag von Peter43 » Sa 11.12.04 23:54

@richard55-47:

Mit dem bemängelten Satz hast Du recht! An dieser Stelle ist er sinnlos! Er gehört etwas weiter nach vorne, was ich bereits korrigiert habe.

Deine Sichtweise von Caligula teile ich auch! Und natürlich ist Caesar, wie auch Alexander, Napoleon und andere 'große Männer' der Geschichte, einer der größten Massenmörder.

Ein ähnliches Verhalten gegenüber dem Senat wie Caligula zeigte übrigens auch Tiberius! Er wollte dem Senat ebenfalls 'republikanische' Funktionen zurückgeben. Aber der Senat war nicht mehr der alte. Sulla, Caesar und Oktavian hatten bereits die alte politische Schicht so dezimiert, und der Senat, der inzwischen aus einer riesigen Anzahl von durch die neuen Herrscher ernannten Senatoren bestand, war dadurch so korrumpiert, daß eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen unmöglich war. Auch Tiberius verachtete deshalb den Senat und zog sich angeekelt auf die Insel Capri zurück.

Außerdem muß man sich auch vorstellen, in welcher Situation sich eine Maus befindet und wie sie sich fühlen muß, der die Katze gewisse 'Freiheiten' gewährt. Und so waren die Machtverhältnisse ja, wenn man sie realistisch sieht.

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von spider » So 12.12.04 11:00

Da wir gerade bei Caligula sind könnten wir bei diesem nicht unumstrittenen Kaiser bleiben.
Gaius Caesar Augustus Germanicus, römischer Kaiser, bekannt als Caligula oder "Stiefelchen" (37 - 41). Sohn des Germanicus und Agrippina der Älteren.
Direkter Nachfahre(Urenkel) des Augustus.
Als Sohn des Oberbefehlshabers über die römischen Truppen am Rhein wuchs er in Heerlagern auf.
Die Senatoren Roms hofften, mit dem jungen und unerfahrenen Regenten eine willfährige Marionette bekommen zu haben. Da irrten sie aber gewaltig da Caligula willens war seine Autorität zu stärken und die des Senats zu schwächen.
Tiberius hatte Caligula durch sparsame Finanzpolitik einen gewaltigen Staatsschatz hinterlassen. Durch die Politik der offenen Hand war das Geld aber nach wenigen Monaten aufgebraucht.
Das Caligula im Verlauf seiner Herrschaft größenwahnsinnig und geisteskrank geworden ist glaube ich nicht.
Das ist aber meine persönliche Meinung.
Sein Ende fand er während eines Theaterbesuches durch die Hand der bestochenen Mitgliedern seiner Leibwache.
Die Münze zeigt Nero und Drusus n.r. reitend.

NERO ET DRVSVS CAESARES

Die Erhaltung ist nicht mehr so toll aber eine bessere hätte ich mir auch nicht leisten können.
Was der Anlass für diese Prägung war,da bitte ich euch wieder um Mithilfe.
Dateianhänge
caligula a.jpg
caligula r.jpg

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Beitrag von Peter43 » So 12.12.04 13:59

@spider:

Bei Nero und Drusus handelt es sich nicht um den späteren Kaiser Nero und den berühmten Feldherrn Drusus, der bis an die Elbe vorstieß und dort beim Fall vom Pferd starb, sondern um die älteren Brüder des Gaius Caligula.

Caligula war der Sohn des berühmten Germanicus und dessen Ehefrau Agrippina (sen.). Germanicus, ältester Sohn des Nero Drusus mit Antonia (Tochter des Marcus Antonius) , wurde auf Geheiß des Augustus von Tiberius adoptiert. Agrippina sen. war eine Enkeltochter des Augustus, eine Tochter des Marcus Agippa mit Julia, der Tochter des Augustus. Diese beiden waren sehr fruchtbar. Sie hatten zusammen 9 Kinder:
Nero Julius Caesar
Drusus Julius Caesar
Tiberius Julius Caesar
einen unbekannten Sohn
Gaius Julius Caesar
Gaius (den späteren Caligula)
Julia Livilla
Drusilla und
Agrippina jun.

Nero Caesar, der älteste Sohn des Germanicus, wurde durch die Intrigen des Sejan, den Tiberius anfangs gewähren ließ, weil er ihn nicht durchschaute, verbannt und beging 30 n.Chr. Selbstmord auf Pontia, einer kleinen Insel vor Formiae bzw. Tarracina.
Der 2. Sohn des Germanicus, Drusus Caesar, wurde 30 n.Chr. durch diesselben Intrigen des Sejan von Tiberius eingekerkert und starb 33.

(Aelius Sejanus), enger Vertrauter des Kaisers Augustus und später auch des Tiberius; wurde unter Tiberius zum Kommandant der kaiserlichen Leibwache; führte in der Abwesenheit des Kaisers ein Schreckensregiment in Rom (Judenverfolgung mit blutigen Massakern); wurde 31 n.Chr. hingerichtet, weil er einen Putsch gegen Tiberius angezettelt hatte, um noch mehr an Macht zu gewinnen.

Als Caligula nach dem Tod des Tiberius Kaiser geworden war, wurden seine beiden Brüder rehabilitiert und durch Denkmäler und Münzausgaben geehrt. So ist Deine Münze historisch hochinteressant. Sie ist demnach ganz eng mit der Verschwörung des Sejan verknüpft! Man sollte, wenn man Caligula beurteilt, auch bedenken, welches Schicksal seine Familie und insbesondere auch seine Brüder erlitten haben. Dies kann nicht ohne tiefen Eindruck auf ihn geblieben sein und wird auch ein Grund für seine spätere Menschenverachtung und seinen Zynismus gewesen sein!

Mit freundlichem Gruß
Zuletzt geändert von Peter43 am Mo 23.05.05 23:48, insgesamt 1-mal geändert.
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chinamul
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Beitrag von chinamul » Mo 13.12.04 01:05

Ich erlaube mir, an dieser passenden Stelle einmal auf den sehr verdienstvollen Thread "Verwandschaftsverhältnisse" von hjk hinzuweisen, in dem er tabellarisch die teilweise sehr komplizierten Genealogien der Kaiserhäuser darstellt (inzwischen abgerutscht bis auf S. 6).

Gruß

chinamul
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Beitrag von Peter43 » Do 16.12.04 00:04

Hier eine weitere Münze, die einen historisch interessanten Hintergrund hat. Es ist der bekannte Denar des Vitellius RIC I, 109. Die Qualität der Münze ist leider nicht sehr gut, aber sie sind nur schwer zu finden!
Und noch eine Bemerkung: Diese Beiträge sind nicht bestimmt für Fachleute, sondern für den durchschnittlichen Sammler, wie ich auch einer bin. Deshalb sind alle Mitglieder mit profunderen Kenntnissen aufgerufen, diesen und ähnliche Beiträge zu ergänzen und natürlich Fehler zu verbessern.

AR - Denar, 3.01g, 18mm, Rom April - Dez. 96
Av. A VITELLIVS GERM IMP AVG TRP
belorbeerter Kopf n. r.
Rv. XV VIR SACR FAC
Dreifuß mit Kessel, darüber Delphin, darunter Rabe
RIC I, 109; C.111; BMCR 39
Selten; S-SS

Ich möchte hier nicht auf Vitellius eingehen, sondern auf die Darstellung der Rückseite. Die Legende XV VIR SACR FAC steht für die 'Quindecim viri sacris faciundis, d.i. soviel wie 'die Fünfzehnmänner zur Ausführung heiliger Handlungen'. Dies war eine Priestergemeinschaft, zuständig für die Betreuung und die Auslegung der Sibyllinischen Bücher.

Die Sibyllinischen Bücher
Die Sage sagt, daß die Sibyllinischen Bücher von einer fremden Frau dem König Tarquinius Priscus oder Superbus 3 bzw. 9 Bücher für 300 Philippeion angeboten worden waren. Nachdem der zögerte, verbrannte sie 2/3 der Bücher und Tarquinius kaufte dann das letzte Drittel für den verlangten Preis. Diese Bücher enthielten keine Weissagungen, sondern genaue Vorschriften für religiöse Rituale. Tarquinius bestinmte zwei Männer, die diese Bücher interpretieren sollten. Nur sie hatten Zugang zu diesen Büchern. Die Bücher wurden im kapitolinischen Tempel niedergelegt. Dort wurden sie im Jahre 83 v.Chr. bei dem großen Feuer auf dem Capitol zerstört. Es wurde sofort nach Ersatz gesucht, den man endlich in Erythrai fand. 76 v.Chr. wurden sie wieder nach Rom gebracht. 12 v.Chr. verbrachte sie Augustus in den Apollotemple auf dem Palatin. Dort blieben sie, bis sie von Stilicho 408 n.Chr. für immer verbrannt wurden.

Die Quindecim Viri Sacris Faciundis
Zunächst waren es noch zwei Männer, die als duumviri (IIviri, Zweimännerkollegiumsmitglied) Einsicht nahmen. Im Laufe der Zeit wurden daraus decemviri (Xviri, Zehnmännerkollegiumsmitglied); seit 367 v.Chr. je fünf Patrizier und Plebejer. Nach 98 v.Chr. und vor 51 v.Chr. erhöhte sich die Zahl auf 15 Mann (XVviri, Fünfzehnmännerkollegiumsmitglied). Der Name des Kollegiums blieb von nun an gleich, obwohl sich meist mehr Personen im Kollegium befanden. Unter Caesar waren es 16 und aus dem Jahre 17 v.Chr. sind 21 bekannt.
Vitellius war selbst Mitglied dieses Kollegiums. Andere berühmte Mitglieder waren M.Porcius Cato (67 v.Chr.), M.Vipsanius Agrippa (38 v.Chr.), C.Iulius Caesar (37 v.Chr.) und der Schriftsteller Tacitus (88 n.Chr.). Nach der Interpretation der Bücher in einer Rede lag es in der Hand der Senatoren, ob die Empfehlungen auch in die Tat umgesetzt wurden. Es ist jedoch bekannt, dass XVviri in Notlagen drastische Appelle an den Senat gerichtet haben. Für fremde Kulte waren die XVviri der alleinige Ansprechpartner in Rom. Dadurch wurden sie nach den regulären pontifices (Priester) der Gottheiten und den Auguren zum drittwichtigsten Priesterkollegium. Eine große Rolle spielten sie bei der Religionskrise während des 2. Punischen Krieges (204 v.Chr.). Sie waren im Dienst bis zur Mitte des 4.Jahrhdts.

Verbindung zu Apollo
Im Zusammenhang mit dem Kult für Apollo erscheinen sie erst 98 v.Chr.
Das Kollegium wurde in späterer Zeit zusätzlich als Quindecimviri antistites Apollinaris sacri bezeichnet. Noch später (63 v.Chr.) wurden ihnen mit Delphin und Dreifuß eigene Zeichen zuerkannt.
Der Delphin war den Griechen heilig. Seine menschenartige Klugheit, seine Hilfeleistungen (Sage von Arion), seine Vorliebe für Musik und schöne Knaben, führte zu fabulösen Vorstellungen. Er gehörte zum Gefolge Poseidons, hatte aber auch Beziehungen zu Apollo, der u.a. auch den Beinamen 'Delphinios' trug.
Der Dreifuß war das Symbol der Weissagung schlechthin. So saß die Pythia in Delphi(!) auf einem Dreifuß, und sie war eine Priesterin des Apoll. In der Regel war der Dreifuß das Untergestell für einen Bronzekessel.
Der Rabe spielte als Weissager eine große Rolle. Er war bekannt für seine Klugheit und ein Begleiter des Apoll. Seine schwarze Farbe soll übrigens eine Strafe für seine Geschwätzigkeit gewesen sein.

Mit freundlichem Gruß
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vitellius_109.jpg
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Beitrag von chinamul » Do 16.12.04 12:34

Peter43 hat geschrieben: Und noch eine Bemerkung: Diese Beiträge sind nicht bestimmt für Fachleute, sondern für den durchschnittlichen Sammler, wie ich auch einer bin.
Wie wahr!!! Laßt uns also nicht nur nach besonders geschichtsträchtigen und seltenen (damit meist teuren) Beispielen suchen, sondern auch mal andere Münzen, die der Sammelneuling vielleicht noch nicht kennt und die vielleicht sogar einigermaßen erschwinglich sind, einstellen und beschreiben. Wenn auf diese Weise der Appetit auf bestimmte Stücke geweckt ist, wird dann der eine oder andere noch nicht so kundige Sammler eventuell bei anstehenden Neuerwerbungen seine Auswahl zielgerichteter treffen können. Außerdem eröffnet sich so eine viel weitere Auswahl von Münzen zum Vorstellen.
@Peter43
Dein Denar ist so schlecht nicht, jedenfalls etwas besser als meiner! Interessant und mir bisher nicht in allen Aspekten bekannt sind Deine Ausführungen zu den Hintergründen der Delphin-Dreifuß-Rabe-Darstellung. Aber so soll es eben in diesem Thread auch sein, daß jeder von uns davon profitieren kann.


Gruß

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Beitrag von Pscipio » Do 16.12.04 15:44

chinamul hat geschrieben:Laßt uns also nicht nur nach besonders geschichtsträchtigen und seltenen (damit meist teuren) Beispielen suchen, sondern auch mal andere Münzen, die der Sammelneuling vielleicht noch nicht kennt und die vielleicht sogar einigermaßen erschwinglich sind, einstellen und beschreiben.
Du sprichst mir aus der Seele chinamul! Obwohl auch die teuren und seltenen Münzen natürlich äusserst interessant sind, wäre es (jedenfalls für mich) genau so anregend, wenn ab und zu auch mal erschwinglichere Stücke vorgestellt würden. Mein Budget ist naturgemäss ziemlich beschränkt, da würde ich mich um so mehr freuen, wenn ich eine Münze erwerben könnte, deren Historie und/oder andere spezielle Attribute hier ausführlich besprochen wurden!

Gruss, Pscipio
Nata vimpi curmi da.

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Beitrag von Peter43 » Sa 18.12.04 18:51

Also, hier eine neue Münze, die sich vom Thema her zwanglos an die Vitellius-Münze anschließt. Sie zeigt auf dem Revers sog. Priestergeräte. Ich habe einen Antoninian von Herennius Etruscus ausgesucht, dem unglücklichen Sohn des Trajan Decius, weil hier 5 verschiedene Geräte zu sehen sind.

Herennius Etruscus 250-251
AR - Antoninian, 4.32g, 21mm, Rom 6. Offizin, Jan.-Dez. 250
Av. Q HER ETR MES DECIVS NOB C
drapierte Büste, Kopf mit Strahlenkrone n.r.
Rv. PIETAS AVGVSTORVM
Priestergerät
RIC IV/3, 143; C.14
Selten; gutes SS, Lüster

Die Priestergeräte von li. nach re.:
1. ASPERGILLUM, ein Weihwedel zum Versprengen von heiligem Wasser.
Das Aspergillum ist auf römischen Münzen als Beizeichen eines
Mitglieds der Kaiserfamilie zu sehen, wenn seine Zugehörigkeit zu
einem Priesterkollegium gefeiert wurde. Dieses Bezeichnung war im
Altertum nicht üblich. Hat sich in der katholischen Kirche bewahrt.
2. SIMPUVIUM, eine kleine Schöpfkelle aus Ton mit einem typisch
hochgezogenen Griff. Dies ist ein Symbol der Pontifices von Rom. War
nicht zum Trinken bestimmt (sonst wäre es ein Culullus!). Wird
fälschlicherweise oft als Simpulum bezeichnet!
3. GUTTURNIUM oder GUTTUS, ein Opferkrug mit Henkel und schmalem
Hals, gedacht für kleine Mengen von Flüssigkeiten.
4. PATERA, eine flache Schale zum Ausgießen von Flüssigkeiten oder zum
Ausstreuen von Getreidekörnern oder Salz ins Feuer oder auf
Opfertiere zu Begin einer Opferhandlung. Ursprünglich ein Symbol für
die VIIviri epulones, später von vielen Kaisern und Gottheiten benutzt
ohne eine eigene besondere Bedeutung.
5. LITUUS, ein knotenloser oben gebogener Stab, Symbol der Auguren
(siehe weiter unten!). Daraus wurde später der christliche Bischofsstab!

Und nun zu den eben erwähnten Priestertypen:

Die Pontifices
Die Bezeichnung pontifex stammt von pons (lat. Pfad, hier nicht in der Bedeutung von Brücke!) und der Nachsilbe -fex, die für jemanden steht, der etwas macht. Somit war der pontifex wohl seit alters her ein Pfadbahner in religiös-spirituellem Sinn. In historisch greifbarer Zeit wurde daraus das Synonym für Priester.
Die pontifices waren in einem collegium zusammengefasst, das im alten Rom als höchste sakrale Behörde galt. Die Zahl der ursprünglichen Mitglieder ist unbekannt. Durch die lex Ogulina (die den Plebejern den Zugang zu den Priesterämtern sicherte und festlegte, daß mehr als die Hälfte der Mitglieder Plebejer sein mußten) des Jahres 300 v.Chr. weiß man von damals neun Mitgliedern. Der Diktator Sulla erhöhte ihre Zahl auf 15 und Caesar fügte nochmals einen Priester auf 16 hinzu.
Die Mitglieder des Kollegiums ergänzten sich durch Kooptation (Hinzuwahl neuer Mitglieder durch die alten Mitglieder). Wurde man zum pontifex ernannt, so übte man diese Tätigkeit lebenslang aus. Seit der lex Domitia des Jahres 103 v.Chr. wurden die Mitglieder durch eine Abstimmung der 17 Tribus gewählt.
Als Amtslokal diente dem Kollegium die Regia, ein an der Ostseite des Forum Romanum gelegenes Gebäude in unmittelbarer Nähe zum Vestatempel.
Dem Gremium stand der Pontifex Maximus als oberster Priester vor. Er galt als Vorgesetzter der anderen Mitglieder und vertrat das Kollegium nach außen. Seit dem 3.Jh.v.Chr. wurde er von den 17 Tribus (somit nicht von allen) gewählt.
Der oberste Priester hatte nicht nur die Aufsicht über alle anderen Mitglieder und die Kulte, sondern er war zugleich der Hüter des Vestakultes. Damit kam ihm zweifaches Disziplinarrecht zu. Einerseits gegenüber seinen Kollegiumsmitgliedern, andererseits gegenüber den Vestalinnen.
Das Amt war hoch angesehen und es bewarben sich nur die vornehmsten Männer. Nur in Ausnahmesituationen konnte jemand Pontifex Maximus werden, der noch nie das Konsulat inne gehabt hatte. Beispiele hierfür sind P.Licinius Crassus 212 v.Chr. und G.Iulius Caesar 63 v.Chr.
Der letzte Pontifex Maximus der Republik war Lepidus. Nach seinem Tod im Jahre 12 v.Chr. ließ sich Augustus zum obersten Priester wählen. Seit diesem Zeitpunkt blieb das Amt mit dem Kaisertitel verbunden. Auch die ersten christlichen Kaiser nahmen den Titel an und erst Kaiser Gratian zog einen Schlußstrich unter das Relikt heidnischer Religion, indem er unter dem Einfluss des Papstes Damasus den Titel ablegte. Dennoch blieb die Würde eines Pontifex Maximus erhalten. Zuerst nur theoretisch, ging der Titel im 5.Jh.n.Chr. auf den Papst über.
Den pontifices oblag die Überwachung und Einhaltung aller religiösen Riten sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich. Bei Problemen, Streitigkeiten oder neu aufgeworfenen Fragen in diesem Bereich dienten sie als Gutachter. Durch die konsequente, konservative und zum Teil pedantische Haltung in Bezug auf die überlieferten Bräuche offenbarte sich damit für die Mitglieder des Kollegiums ein großes Betätigungsfeld.
Man muß sich vor Augen halten, daß bei Gebeten, Gelübden, Opfern und Weihen die korrekte Wortwahl ausschlaggebend dafür war, ob die Handlung als korrekt galt. Bei Formfehlern, sei es in Wort, Bewegung oder Geste, konnte für eine religiöse Handlung bedeuten, daß sie bis zu einem Dutzend Mal wiederholt werden mußte

Die VIIviri epulones
Die Septemviri Epulones waren ein Priesterkollegium mit rein administrativen Aufgaben. Die Kurzform ihrer Bezeichnung lautet: VIIviri. Epulo = Beiname des Jupiter
Ursprünglich handelte es sich um IIIviri (drei Mitglieder) und seit Caesar erscheinen Xviri (zehn Mitglieder). Von ihnen mußte die Hälfte Plebeier sein.
In der Reihenfolge der Wichtigkeit erscheinen sie an vierter Stelle nach den Pontifices, den Auguren und den Quindecimviri.
Das Kollegium wurde 196 v.Chr. zur Entlastung der pontifices eingerichtet. Ihre Tätigkeit umfasste vor allem organisatorische Belange, wie die Ausrichtung des epulum Iovis (Festmahl zu Ehren Iuppiters) bei den ludi plebei (plebejische Spiele) und den ludi Romani (Spiele des römischen Volkes). Im weiteren wurden ihre Kompetenzen auch auf die Ausführung anderer Zeremonien erweitert, z.B. die Ausrichtung eines lectisternium.

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    von Revoar » Mi 11.11.20 11:04 » in Euro-Münzen
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