Historisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Peter43
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Beitrag von Peter43 » So 22.01.06 20:26

Der Wettstreit der Städte

Insbesondere in Kleinasien war es üblich, daß zwischen den Städten ein Wettstreit stattfand um die angesehenste Stellung in der Provinz. Dies ist bei den Städten Griechenlands und anderer Provinzen so nicht der Fall. Man kann es vergleichen mit dem heutigen Wettstreit um die Austragungsorte der Fußballweltmeisterschaft. Dazu kam, daß die kleinasiatischen Städte während der römischen Kaiserzeit an politischer Bedeutung stark abnahmen. Deshalb waren sie bemüht, wenigstens Reste ihrer einstigen Größe zu bewahren oder sogar neue Titel und Würden und damit neuen Glanz hinzuzufügen.

Neben der berühmten Herkunft von einem mythischen Helden gab es in den Städten sportliche Wettkämpfe oder kultische Spiele in großer Anzahl. Ganz besonders begehrt war aber das Recht, einen kaiserlichen Tempel zu unterhalten, eine Neokorie, eigentlich ein Neokoros tou Sebastou, die Nekorie eines Kaisers. Mit diesen prahlten die Städte, zählten sie und vermerkten ihre Anzahl stolz auf ihren Münzen.
Als Beispiel hier ein AE 35 aus Perinthos in Thrakien mit der Inschrift DIC NEOKORWN = zwei Neokorien.
Werbung wurde aber auch gemacht mit anderen berühmten Tempeln und Kultstätten, so z.B. der berühmten Artemis von Ephesos. Durch die Abbildungen berühmter und weniger berühmter Kultstatuen kennen wir überhaupt nur viele Kunstwerke, die uns sonst verloren wären.

Dann kommen wir zur Unzahl der anderen Ehrentitel. Da gab es das Recht, sich MHTROPOLIS zu nennen, die Hauptstadt einer Provinz, wie es auf der 2.Münze Tarsos tut. Hier kommen auch noch andere Titel vor, z.B. das berühmte AMK, was aufgelöst wird zu PRWTH, MEGICTH, KALLICTH = die Erste, die Größte, die Schönste, wobei das A die griechische Zahl 1 ist. Diesen Titel hat Tarsos, wie auch andere Städte, von Caracalla verliehen bekommen auf seinem Zug gegen die Parther 215 n.Chr. Weiterhin kommen auf dieser Münze noch G und B vor. Aufgelöst wird es zu 3 und 2 und bedeutet, die Hauptstadt dreier Provinzen (G), die Inhaberin zweier Neokorien (B). Bestätigt wird diese Interpretation dadurch, daß Tarsos nach dem Erhalt einer dritten Neokorie unter Valerian seine Münzen mit GG kennzeichnete. Alle diese Titel wurden vom Kaiser verliehen und waren eine große Ehre. Natürlich ging es dabei immer um die Anzahl der Besucher und das von ihnen eingenommene Geld.

Die Spitze dieses Wettstreits aber findet man auf der folgenden Münze aus Syedra. Hier findet man die Wörter CEMNHC und ENDOXOTERAC. CEMNHC, von CEMNOC, ist verwandt mit CEBACTOS und heißt 'ehrwürdig, verehrenswert, heilig'. ENDOXOTERAC kommt von ENDOXOC = berühmt und heißt 'noch viel berühmter'! Da die Nachbarstadt sich als 'berühmt' bezeichnete, überbot man sie in Syedra einfach mit der Behauptung 'noch viel berühmter' zu sein! Während aber alle Titel vom Kaiser verliehen wurden und dadurch offiziell waren, sind diese beiden selbstgewählt und daher offiziell bedeutungslos!

Münzen:
1) Severus Alexander, Perinthos, Thrakien, Varbanov 4072 (stempelgleich)
2) Maximinus I., Tarsos, Kilikien, SNG Levante 1092 var.
3) Gallienus, Syedra, Kilikien, SNG Levante 438 (stempelgleich)

Dies kann natürlich nur eine kleine Einführung in die Problematik dieses Städtewettstreits sein und soll Interesse wecken, sich selbst damit zu beschäftigen.

Lit:
Sears, Greek Imperial Coins
Franke, Robert Franke: Kleinasien zur Römerzeit - Griechisches Leben im Spiegel der Münzen, 1968 Verlag C.H.Beck
Der kleine Pauly
Ziegler, R.: Städtisches Prestige und kaiserzeitliche Politik, 1985 Düsseldorf

MfG
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perinthos_severus_alexander_varbanov4085.jpg
tarsos_maximinusI_BMC230.jpg
syedra_gallienus_SNGLevante438.jpg
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Beitrag von Peter43 » Fr 03.02.06 20:05

Die Prozession des Kalathos der Demeter

Titus 79-81
AR - Denar, 3.22g, 18.1mm
Av.: T CAESAR IMP VESPASIANVS
belorbeerte Büste n.r.
Rv.: TRP VIII COS VII
langsame Quadriga n.l., mit rundem, girlandenverziertem, korbähnlichem Wagen aus
dem oben 3 Kornähren herausragen
RIC 206; C.336; BMC 256
S!, SS, hübsch getönt mit bronzenen und irisierenden Blautönen

Mattingly in BMCR II, xlii:
"Die Quadriga mit dem Getreidekorb zeigt die Prozession des Kalathos der Ceres, besungen von Kallimachos in seiner Hymne [an Demeter]; sie war bereits erschienen auf Münzen der Münzmeister des Augustus 17 v.Chr. (vgl. BMC 38 ). Sie ist zweifellos abgeleitet von Alexandria und bezeugt die Bedeutung Ägyptens als der Kornkammer Roms, sogar trotz aller Anstrengungen des Kaisers, die Landwirtschaft in Italien wiederzubeleben."

Kallimachos, Hymnos VI (an Demeter):
Zeile 1: "Kehrt der Korb zurück, Frauen, dann singt dazu den Refrain: 'Demeter, herzlich willkommen, du vielernährende, du vielschefflige!' Kehrt der Korb zurück, dann sollt ihr vom Boden aus zusehen, Uneingeweihte"
Zeile 118: "[Beginnt zu singen], ihr Jungfrauen, und singt den Refrain, ihr Mütter: 'Demeter, herzlich willkommen, du vielernährende, du vielschefflige!' Und so, wie die lichthaarigen Stuten den heiligen Korb heranführen, vier an der Zahl, so wird uns die große Göttin kommen, weithinherrschend, einen lichten Frühling, einen lichten Sommer und Winter bringen und den Herbst, ein Jahr aufs andere wird sie uns schirmen."
(Übersetzung von Markus Asper, Kallimachos Werke, 2004 WBG)

Kallimachos aus Kyrene war ein alexandrinischer Dichter, 'blühte' 280-240 v.Chr., war ein gefeierter Hofdichter und Lehrer einer Generation von Grammatikern und Vorsteher der berühmten Bibliothek von Alexandria, die er später Apollonius und dann Eratosthenes überließ. Er hatte großen Einfluß auf Griechen und Römern. U.a. war er der Erfinder der Paradoxographie. Im letzten Jahrhundert wurden bedeutende Papyrusfunde gemacht, sodaß viele Überlieferungslücken geschlossen werden konnten. In den 'Aitiae' liefert er einen unschätzbarer Beitrag zur antiken Volkskunde. Kallimachos gehört nicht zum eigentlichen Kanon der klassischen Dichter und wird deshalb heute zu Unrecht wenig gelesen.

Was mich interessiert ist, ob es diese Demeterprzession auch in Rom gab! Ich konnte darüber in der mir zur Verfügung stehenden Literatur nichts finden.

Mfg
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titus_206.jpg
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Beitrag von chinamul » Sa 25.02.06 12:27

Der Tempel des Romulus

Unmittelbar neben den Überresten der riesigen Maxentiusbasilika liegt an der Via Sacra die Kirche der Heiligen Cosmas und Damian. Jahrhundertelang wurde in deren antiker Vorhalle (s. Fotos) das Grabmal des Romulus vermutet, des Sohnes des Maxentius. Der Grund dafür mag darin zu suchen sein, daß die Münze, die Maxentius zum Gedenken an seinen früh verstorbenen Sohn (gest. 309 oder 310) prägen ließ, dessen Grabmal als einen Rundbau zeigt, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem oben erwähnten und auf der Münze dargestellten Bau aus der Antike aufweist. Dennoch wird heute bezweifelt, daß der Bau tatsächlich für Romulus errichtet wurde, sondern es wird als eher wahrscheinlich erachtet, daß ein bereits bestehender Tempel zu Ehren des toten Prinzen umgewidmet wurde. Aber spätestens nach der Schlacht an der Milvischen Brücke, in der Maxentius 312 getötet wurde und die die Alleinherrschaft Constantins begründete, wird dieser die Umwidmung wieder rückgängig gemacht haben.
Wenn man also heute diesen Teil der Kirche als Romulustempel bezeichnet, so ist diese Benennung mit großer Skepsis zu betrachten. Numismatiker halten es darüber hinaus für denkbar, daß das auf der Gedenkprägung für Romulus abgebildete Bauwerk gar keinen real existierenden Tempel darstellt, sondern vielmehr die allgemein gebräuchliche, eher schematisierte Form eines Grabmals für Angehörige des Kaiserhauses.
Wie es so häufig in der früheren Geschichtsschreibung zu beobachten ist, verfälschte Constantinus nach seinem Triumph über seinen Widersacher Maxentius dessen Bild mit Hilfe ihm willfähriger Zeitzeugen und Chronisten in seinem Sinne, so daß der auch heute noch als ausschließlich grausam und rücksichtslos gilt. Derjenige, der aus einer Auseinandersetzung als Sieger hervorgegangen war, machte sich in aller Regel auch zum Herrn über die historischen Tatsachen und ließ sie zu seinen Gunsten umschreiben. Die moderne Geschichtswissenschaft steht dabei vor der fast unlösbaren Aufgabe, aus den tendenziösen Berichten antiker, besonders aber christlicher Chronisten die Fakten herauszufiltern.

Die Münze:
ROMULUS (Filius Maxentii; gest. ca. 309)
AE Follis Ostia nach seinem Tode
Av.: DIVO ROMVLO N V FILIO MAXENTIVS AVG - Kopf rechts barhaupt
Rv.: AETERNA MEMORIA - Sechssäuliger Tempel mit Kuppel, darauf mit ausgebreiteten Schwingen nach rechts stehender Adler; rechter Türflügel des Tempels geöffnet - Im Abschnitt: M OST T
RIC 32 (R4) - 7,27 g

Die beiden Fotos des Tempels und einige Informationen verdanke ich Sven Keller "Roma antiqua" (s. den folgenden interessanten Link!). http://www.roma-antiqua.de/pages/rund_A ... p?seite=51

Weitere Quellen:
Harald Küthmann und Bernhard Overbeck, Bauten Roms auf Münzen und Medaillen, München 1973
Dietmar Kienast, Römische Kaisertabelle, WBG Darmstadt 1996

Gruß

chinamul
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romulustemp b.jpg
romulustemp a.jpg
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Beitrag von Peter43 » Sa 25.02.06 14:37

Danke für den Beitrag, Chinamul! Ich war bis jetzt auch - fälschlicherweise - der Meinung, daß es sich bei dem Rundtempel um den auf der Münze abgebildeten Romulustempel handelte. Und der Link zu Roma Antiqua ist für mich als eingefleischten Romliebhaber eine Bereicherung. Nur als Nebenbemerkung: Kennst Du auch das Monumentalwerk von Ferdinand Gregorovius 'Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter'?

MfG
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Beitrag von Peter43 » So 26.02.06 00:37

Die Tyche von Antiochia

Hier möchte ich eine Münze vorstellen, die zu einer kleinen Gruppe von Münzen gehört, die man als 'Anonyme Stadtausgaben von Antiochia' bezeichnet. Sie befinden sich aus mir unbekannten Gründen nicht im RIC. Geprägt wurden sie wahrscheinlich unter Maximinus II. und sie gelten als letzte heidnische Ausgaben.

AE 16, 1.87g
Antiochia, 7. Offizin, ca. 310-312 n.Chr.
Av.: GENIO AN - TIOCHENI
Tyche von Antiochia, verhüllt und mit Mauerkrone, sitzt frontal auf
Felsen, vor ihr schwimmt der Flußgott Orontes
Rv.: APOLLINI - SANCTO
Apollo Musagetes steht n.l., hält re. Patera, li. Lyra
Z im re. Feld
SMA im Abschnitt
Ref.: Vagi 2954

Es gibt mehrere verschiedene Typen, die man im Internet finden kann. Der Grund für ihre Ausgabe ist bis heute nicht ganz klar. Ausgegeben wurden sie zur Zeit der großen Christenverfolgung der östlichen Kaiser Galerius und Maximinus II. Es kann sein, daß sie als Opfergaben für heidnische Tempel gedacht waren, die als Loyalitätsprüfung der Einwohner dienten. So konnte man die überzeugten Christen erkennen und bestrafen, weil die diese Opfergaben ablehnten.

Interessant an diesen kleinen Münzen ist nicht nur der historische Kontext, sondern auch ihre kunsthistorische Bedeutung. Sie zeigen nämlich bedeutende, lokale Kunstwerke der Antike.

Die abgebildete Tyche von Antiochia ist das berühmte Standbild des Eutychides von Sikyon, eines Schülers des Lysipp, ca. 300 v.Chr. Sie stand im Haupttempel von Antiochia und ist auf vielen Münzen aus Antiochia abgebildet. Sie diente auch vielen anderen Tychedarstellungen als Vorbild. Das Bild, das ich beigefügt habe, ist das Bild einer römischen Kopie, die sich heute in den vatikanischen Museen befindet.

Der auf der Rs. abgebildete Apollo Musagetes ist wahrscheinlich eine Abb. einer Statue des Bryaxis, 400-350 v.Chr., jenes berühmten Künstlers, von dem auch die bedeutende Serapisplastik in Alexandria stammte. Die Apolloplastik stand in einem Lorbeerhain von Daphne, einem Vorort von Antochia, der für sein Wasser berühmt war. Hier soll der Sage nach Daphne auf der Flucht vor Apollo in einen Lorbeerbaum verwandelt worden sein. Der Apollo ist leider durch Blitzschlag bereits in der Antike vernichtet worden.

Heute steht über dem antiken Antiochia die moderne Stadt Antakya, sodaß von Antiochia selbst nicht mehr viel übrig geblieben ist.

MfG
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Beitrag von Pscipio » Mo 06.03.06 17:04

Die Nike von Nikopolis ad Istrum

Viele antike Städte hatten ihren mehr oder weniger berühmten Gründer (oder Gründerin), der oftmals eponym, d.h. namensgebend für die Stadt war und als Tyche bzw. Stadtgott fungierte. So kennen wir zum Beispiel Byzas für Byzantion, Doros für Dora und Tomos für Tomis. Bei Nikopolis liegt der Fall etwas anders, denn obwohl schon Behrendt Pick Nike als Tyche anschaute, hatte man trotz der Namensgleichheit lange Zeit keine Beweise dafür. Kürzlich ging mir aber folgende Münze ins Netz:

AE15, Nikopolis ad Istrum, Moesia inferior.
Av: geflügelter weiblicher Kopf mit Mauerkrone nach rechts.
Rev: ΠPOC ICT - TPON, Amphore.
Ø 15 mm, 2.53 g.
Unpubliziert?

Dieses bisher anscheinend unpublizierte Stück untermauert eindrücklich B. Pick's These, denn bei der Göttin kann es sich aufgrund der Mauerkrone nur um die Tyche von Nikopolis handeln, und sie ist geflügelt - es muss sich also um Nike als Stadtgöttin handeln. Steve Minnoch aus dem US-Forum hat mich auf zwei weitere Exemplare aufmerksam gemacht, welche gleichfalls eine geflügelte Tyche aufweisen (siehe Fotos 2 und 3), allerdings von einem anderen VS-Stempel und mit einer anderen Rückseite. Mein Stück ist also nicht die erste bekannt gewordene Münze mit der geflügelten Tyche, aber trotz alledem ein interessanter Fund, zumal sie mit dieser Rückseite unpubliziert zu sein scheint. Und ganz "nebenbei" ist sie auch noch sehr schön erhalten - die grüne Glanzpatina kommt auf dem Foto nur schlecht zur Geltung.

Gruss, Pscipio
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Beitrag von chinamul » Mo 06.03.06 18:12

Hallo Pscipio!

In der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "Geldgeschichtliche Nachrichten" der Gesellschaft für internationale Geldgeschichte (GIG) findet sich ein lesenswerter Aufsatz über die Victoria/Nike, der für Dich nicht nur in diesem Zusammenhang von Interesse sein könnte.

Gruß

chinamul
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Beitrag von Peter43 » So 23.04.06 18:33

Aureolus im Namen des Postumus

Die meisten Usurpatoren haben sich bekanntermaßen zur Regierungszeit des Gallienus erhoben. Dies hier ist eine Münze aus einer der verworrensten Zeiten des Römischen Reiches.

Aureolus im Namen des Postumus
AE - Antoninianus, 19mm, 3.05g
geprägt in Mailand, Aug./Sept. 268
Av.: IMP POSTVMVS AVG
Büste, drapiert und mit Strahlenkrone, n.r.
Rv.: CONCORD EQVIT
Fortuna, drapiert, steht n.l., hält in der li Hand Ruder, das auf Globus
steht, und in der re Hand Patera. Ihr re Fuß steht auf Prora.
im Abschnitt S
RIC V/2, 373; C.19; Schulzki 6b
fast SS(?), gut für diesen Typ

Kienast:
Aureolus war ein Daker niederer Herkunft. Unter Valerian trat er in den Kriegsdienst und wurde unter Gallienus dux equitum. Er besiegte 260 den Usurpator Ingenuus und 261 den Usurpator Macrianus.
ca. 262 1. Erhebung zum Augustus(?): (IMP) CAES M AEL AVREOLVS
Später Versöhnung mit Gallienus(?) und Kampf gegen Postumus
Anf. 268 Übertritt zu Postumus
Aug./Sept.(?) 268 2.(?) Erhebung zum Augustus in Mailand: IMP AVREOLVS AVG
2.H. Sept.(?) 268 Nach der Übergabe von Mailand von den Soldaten des Claudius II. erschlagen

268 n.Chr. hatte Gallienus Aureolus mit dem Kommando über die Legionen in Norditalien betraut, um Rom vor einer Invasion durch Postumus zu schützen, während er selbst gegen die Goten in Osteuropa zu Felde zog. Während der Kaiser mit diesem Krieg beschäftigt war, erklärte sich Aureolus offen für Postumus und gab in Mailand eine Reihe von Münzen im Namen von Postumus heraus. Die meisten beschworen die Eintracht der Kavallerie. Es ist nicht bekannt, welche Haltung Postumus zu diesen Ereignissen einnahm. Jedenfalls war er nicht in der Lage Truppen zur Unterstützung des Aureolus zu schicken, weil er mit dem Usurpator Laelius beschäftigt war. So wurde Aureolus bald von Gallienus in Mailand belagert. Während dieser Belagerung wurde Gallienus ermordet und durch Claudius II. ersetzt. Durch dieses Ereignis ermuntert, versuchte Aureolus Frieden zu schließen. Doch Claudius wies diese Versuche ab und zwang Aureolus zu kapitulieren, was dieser tat in der Hoffnung auf Milde. Doch in dieser Zeit der Umstürze gab es für Claudius keinen Raum für Milde und Aureolus wurde getötet.

Zu dieser Münze habe ich noch einige Fragen und hoffe auf Hilfe (evtl. vonPscipio):
1. Was sagt die neueste Forschung zu dieser Mailänder Ausgabe?
2. Fuß auf Prora bedeutet ikonographisch in der Regel Zugang zum Meer
(siehe Constantinopolis), oder Anspielung auf einen Seesieg. Welche
Bedeutung aber soll es hier haben?

MfG
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Beitrag von chinamul » So 23.04.06 20:03

Hallo Peter47!

Hochinteressant! Jetzt gewinnen doch die beiden Postumi, die schon längere Zeit wenig beachtet in meiner Sammlung schmoren, auch endlich ein Profil. Besten Dank für diesen "Augenöffner"!
Das FIDES EQUIT-Stück dürfte dann wohl ebenfalls in den von Dir aufgezeigten Kontext gehören.

Münze 1:
POSTUMUS 259 – 268
BI Antoninian Mediolanum 268
Av.: IMP POSTVMVS AVG - Geharnischte und drapierte Büste rechts mit Strahlenkrone
Rv.: FIDES EQVIT - Fides nach links sitzend; in der Rechten Patera, in der Linken Feldzeichen
Im Abschnitt: P
RIC 378; C. 60 (3,59 g)

Münze 2:
BI Antoninian Mediolanum 268
Av.: IMP POSTVMVS AVG - Geharnischte und drapierte Büste rechts mit Strahlenkrone
Rv.: CONCORD EQVIT - Fortuna nach links stehend; in der Rechten Patera, in der Linken auf Globus gesetztes Steuerruder; rechter Fuß auf Schiffsbug
Im Abschnitt: S
RIC 373; C. 19 (2,14 g)

Gruß

chinamul
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postumus fides equit.jpg
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Beitrag von Peter43 » So 23.04.06 20:47

Das ist richtig! Die gesamte Mediolanum-Ausgabe soll von Aureolus veranlaßt worden. Das betrifft demnach die Aurei RIC 366-369 und die Antoniniani RIC 370-389. Insgesamt sollen 3 Offizine offen gewesen sein, sodaß im Abschnitt die Buchstaben P, S und T vorkommen können.

MfG
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Beitrag von Pscipio » So 23.04.06 21:08

Das Thema Aureolus ist ein sehr interessantes, gerne steuere ich einige Kommentare bei.

Zur Geschichte:
Mir ist kein ernsthafter Hinweis bekannt, dass sich Aureolus 262 n. Chr. bereits einmal gegen Gallienus erhoben hätte. Zum ersten Mal tritt der Daker Aureolus - ein ehemaliger Hirte und einfacher Soldat - vielmehr erst in dem um etwa 265 n. Chr. anzusetzenden Feldzug des Gallienus gegen Postumus in Erscheinung. Hier befehligte er zusammen mit den späteren Kaisern Claudius II. und Aurelianus die von Gallienus neugeschaffene Schlachtenkavallerie, und zwar gemäss der Historia Augusta so erfolgreich, dass Gallienus den "gallischen" Gegenkaiser zweimal in die Enge treiben konnte. Die HA schreibt aber auch, dass Aureolus die Kriegsführung seines Kaisers fortan sabotierte und Postumus deshalb zweimal die Flucht ermöglichte. Ob es sich dabei um historische Ereignisse oder aber um Erfindungen der HA handelt, mag dahin gestellt bleiben.
Gallienus schien seinem General jedenfalls nichts vorzuwerfen, setzte er ihn doch einige Jahre später als kommandieren General der zur Überwachung des Postumus in Norditalien und Südfrankreich stationierten Armee ein. Aus welchem Grund der General 268 n. Chr. gegen seinen Herrn rebellierte, ist nicht bekannt; er wurde jedoch bald nach seiner Erhebung vom herbeieilenden Kaiser geschlagen und musste nach Mediolanum flüchten, wo er alsbald belagert wurde. Vermutlich fasste Aureolus erst an diesem Punkt den Entschluss, sich für Postumus zu erklären, wohl in der Hoffnung, dass jener ihm zu Hilfe eilen würde - in diesem Kontext sind die Prägungen des Aureolus für Postumus zu sehen, und es wird auch klar, dass es wohl keine Absprachen zwischen den beiden Usurpatoren gegeben hat!
Postumus jedenfalls sah sich ausserstande oder war nicht gewillt, dem Kavalleriegeneral zu Hilfe zu eilen (der Grund für die Inaktivität des Postumus wird allerdings nicht wie von Peter43 erwähnt in der Erhebung des Laelianus zu suchen sein, da diese wohl erst 269 n. Chr. erfolgte. Vielmehr könnten neu aufflammende Germanenkriege eine gute Erklärung liefern, gepaart mit einem bereits früher aufgezeigten Desinteresse des Postumus an einem Feldzug zur Erringung der Alleinherrschaft), so dass sich dieser nach der Ermordung des Gallienus dem neuen Kaiser Claudius II. unterwarf, von dessen Soldaten jedoch bald darauf umgebracht wurde.

Zur numismatischen Hintergrund:
Als erstes ein kleiner Hinweis zum Erkennen dieser "Mailänder" Prägungen: Der Porträtstil unterscheidet sich deutlich von demjenigen regulärer Prägungen für Postumus, es gibt aber noch eine weitaus einfachere Möglichkeit, Münzen des Aureolus als solche zu erkennen, nämlich anhand ihrer Rückseitenlegenden: sie alle enden auf EQVIT oder AEQVIT, und zwar weil Aureolus die Schlachtenkavallerie des Gallienus befehligte; die Münzen beziehen sich also ausdrücklich auf die dem Aureolus unterstellten Truppen!
Zusätzlich lässt sich noch anfügen, dass die Aurei Abschläge von Antoninianstempeln in Gold darstellen (Schulte 164-165). Die in der älteren Forschung zuweilen erwähnten Aurei, die Aureolus als Augustus porträtieren, sind zu ignorieren, denn schon lange ist erwiesen, dass es diese Münzen nie gegeben hat; die diesbezüglichen Berichte früherer Numismatiker dürften auf eine Fälschung oder auf eine bearbeitete Claudius-Münze zurückgehen. Bezüglich Peter43's Frage zur Bedeutung der abgebildeten Prora hege ich die starke Vermutung, dass diese nur als zusätzliches Attribut der Fortuna (siehe Ruder!) anzusehen ist und keine weitere Bedeutung aufweist.

Gruss, Pscipio
Zuletzt geändert von Pscipio am So 23.04.06 22:22, insgesamt 3-mal geändert.
Nata vimpi curmi da.

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Beitrag von Peter43 » So 23.04.06 21:22

Viele Dank, Lars! Auf diese Erläuterungen hatte ich gehofft!

Zur schweren Kavallerie des Gallienus noch eine Ergänzung: Allgemein wird Gallienus ja als eher unfähiger Kaiser angesehen, unter dem das Römische Reich auf einem Tiefpunkt angekommen war. Ich erwähne nur das furchtbare Schicksal seines Vaters Valerian. Die von ihm neugeschaffenen Panzerreiter aber waren die Grundlage für den Wiederaufstieg des Reiches. Von ihnen profitierten alle folgenden Kaiser bis hin zu Constantin.

Mfg
Zuletzt geändert von Peter43 am So 23.04.06 21:29, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitrag von Pscipio » So 23.04.06 21:25

Peter43's Münze ist übrigens ein wahres Prachstück, deren Erhaltung ich als mindestens "fast vorzüglich" ansehen würde! Der zu kleine Schrötling hat ja mit der Erhaltung nichts zu tun, ist ausserdem für diese Prägungen kennzeichnend.

Ein Stück aus meiner Sammlung:

Aureolus für Postumus, 268 n. Chr., Mediolanum.
Av: IMP POSTVMVS AVG, gepanzerte und drapierte Büste mit Strahlenkrone nach rechts.
Rev: CONCORD EQVIT, Fortuna mit Patera und Ruder nach links stehend, zu ihren Füssen Prora.
Ø 17-19 mm, 3.28 g.
Cunetio 2472

Die beiden von Schulte abgebildeten Goldabschläge von Aureolus-Antoninian-Stempeln:

Av: IMP POSTVMVS AVG, gepanzerte und drapierte Büste mit Strahlenkrone nach rechts.
Rev: VIRTVS EQVIT, Mars, mit einer Lanze in der Rechten und einem Schild in der Linken, geht nach rechts.
3.25 g.
Schulte 164, Elmer 611 RIC 369

Av: IMP POSTVMVS AVG, gepanzerte und drapierte Büste mit Strahlenkrone nach rechts.
Rev: VIRTVS AEQVIT, Mars, mit einer Lanze in der Rechten und einem Schild in der Linken, geht nach rechts.
3.84 g.
Schulte 165, Elmer 602, RIC -

Gruss, Pscipio

PS: gerade sehe ich den Zusatz zu Peter43's vorherigen Posting. Dazu möchte ich anfügen, dass Gallienus in meinen Augen einer der fähigsten Kaiser des 3. Jahrhunderts überhaupt war!
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Beitrag von antoninus1 » So 23.04.06 21:42

Junge, Junge,

der Postumus auf der Münze von Lars könnte den ersten Preis in einem Wettbewerb für den bärbeissigsten Ausdruck gewinnen.
Der frisst wohl kleine Kinder zum Frühstück 8O
Gruß,
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Beitrag von Actium » Mi 10.05.06 14:05

Oh, jetzt ist mir glaube ich ein kleines Malheur passiert:

ich wollte unter dem Thema "Historisch interessante Münzen" fragen, wer etwas über den "Aufstand der Münzmeister" unter der Herrschaft Aurelians weiß. Leider kann ich jetzt meinen eigenen Beitrag nicht mehr finden, denn ich habe ihn als "neues Thema" abgeschickt...dann nochmal hier (sorry, ich bin noch recht frisch hier).

Also es gab diesen Aufstand, da sich die Münzmeister und Stempelschneider über die ständige Verringerung des Münzgewichts beklagten, wohl auch über die Qualität des Metalls, das ihnen zur Verarbeitung zugeteilt wurde. Bis sie dann die Faxen dicke hatten...salopp gesagt, wohl streikten.

Wer die dünnen Aurelian-Hostien kennt, weiß, was die Münzmeister damals meinten...

"Aufstand der Münzemeister" unter Aurelian: weiß jemand mehr?

herzliche Grüße...
Actium

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