Historisch interessante Münzen

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Peter43
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Beitrag von Peter43 » Sa 15.03.08 23:02

Eine Caracallamünze aus Nikopolis ad Mestum

Nikopolis am Mestus war eine kleine thrakische Stadt, die nur in der Zeit der Severer Münzen geprägt hat. Bekannt sind Vs. für Caracalla, Geta und Julia Domna. Sie gelten alle als selten. Umso glücklicher bin ich, hier einen Caracalla präsentieren zu können.

Thrakien, Nikopolis ad Mestum, Caracalla, 211-217
AE 28, 15.80g
geprägt 209-212
Av.: AVT KM AVRH - ANTWNINOC
Bärtiger Kopf, belorbeert, n.r.
Rv.: OVL NIKOPOLEW - C PROC / MECTW
Adler mit offenen Flügeln auf girlandengeschmücktem Altar frontal stehend, Kopf n.r.,
im Schnabel Kranz, re und li je ein Feldzeichen, oben jeweils mit einem Kranz.
Ref.: Komnick 31 (V6/R30, 2 Ex.); in dieser Stempelkombination nicht Varbanov (Vs. #4331,
Rs. #4332)
Extrem selten, SS, grüne Patina, Randdefekt

Aufgrund des Imperatorentitels kann diese Münze nicht vor 198 n.Chr. geprägt worden sein. Da das Cognomen CEVHROC fehlt, das Caracalla erst nach dem Tod des Geta (nach Mitte Dezember 211) seinem Namen hinzugefügt hatte, setzt dies die zeitliche Obergrenze. Die Annahme dieses Cognomens muß nach einer Papyrosurkunde vor dem 5.Juni 212 erfolgt sein. Eine weitere Einengung ergibt sich durch das bärtige Portrait. Es ist unwahrscheinlich, daß ein Portrait eines Kaisers, der noch keine 20 Jahre alt ist, mit Bart dargestellt wird (Caracalla wurde 188 in Lugdunum geboren). Auf den imperialen Münzen aus Rom erscheint Caracalla erst ab der Gesamtherrschaft von Severus, Caracalla und Geta (Sept./Okt. 209) mit vollem Bart, wie P.V.Hill gezeigt hat. Damit ergibt sich eine zeitliche Einordnung dieser Münze in den Zeitraum, der von Sept./Okt. 209 bis nach Mitte Dez. 211/vor 5.Juni 212 reicht!

Der Adler tritt nur auf den Münzen des Caracalla auf. Er ist als König der Lüfte das Attribut des Zeus, in dessen Auftrag er auch als Bote auftritt. Diese Machtübertragung wird in der Regel durch Blitzbündel oder Globus ausgedrückt, den der Adler in seinen Klauen hält. Auf den Münzen von Nikopolis aber trägt der Adler einen Kranz im Schnabel, meint also keine göttliche Machtübertragung, sondern steht eher in Verbindung mit dem Kaiserkult. Der Kranz im Adlerschnabel drückt die Sieghaftigkeit des römischen Heeres aus, dessen Oberbefehlshaber der Kaiser ist, dessen Portrait sich auf der Vs. findet. Eine ähnliche Botschaft hat auf imperialen Münzen eine Aquila, die sich zwischen zwei Feldzeichen findet.

Quelle:
Holger Komnick, Die Münzprägung von Nicopolis ad Mestum

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von Peter43 » Sa 03.05.08 01:34

Verschoben in den Mythologiethread!
Zuletzt geändert von Peter43 am Do 15.09.11 00:38, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitrag von Peter43 » Fr 09.05.08 14:02

Überprägung eines Caligula-Asses durch Claudius!

Claudius, 41-50 n.Chr.
AE - As (Überprägung), 28.5mm, 10.3g
geprägt wahrscheinlich 41/41 n.Chr.
Av.: TI CLAVDIVS CAES - ERMANICVS IMP PP
Bloßer Kopf des Claudius n.l.
Rv.: LIBERTAS - AVG
im li und re Feld S - C
Libertas n.r. stehend, mit Pileus in der re Hand und ausgestreckter Linker
Ref.: RIC 113; C.47; RCV 1860
sehr selten, gut S

Propaganda-Überprägung eines As, Caligula RIC 38:
Auf der Vs. ist die Legende verstümmelt zu ERMANICVS. Auf der Rs. ist das große C von SC am re Rand erhalten und die Rücklehne des Throns der Vesta. Die Caligulamünze ist wahrscheinlich kurz nach ihrer Prägung überprägt worden. In Bezug auf den schlechten Stil muß die Münze nach ihrer Entwertung in großer Eile überprägt worden sein, vielleicht durch eine Provinzauthorität und durch einen unerfahrenen Stempelschneider.

Curtis Clay hat zu dieser Münze geschrieben:
Wir wissen von Dio Cassius, daß Claudius, obwohl er seinen Neffen und Vorgänger nicht offiziell verdammte, doch dem Senat erlaubte ihn zu verdammen und Caligulas Bronzemünzen neu zu prägen.
Ich glaube, daß Claudius selbst erhebliche Anstrengungen unternahm, um inoffiziell Caligulas Münzen einzuziehen und für Neuprägungen zu benutzen: das war wahrscheinlich der Hauptzweck der Extramünzstätten für Bronze sowohl wie für Gold- und Silbermünzen, die im ersten Jahr von Claudius' Regierung hauptsächlich in den Provinzen tätig waren, bevor er dem Senat offiziell erlaubte, Caligulas Bronzeprägung zu verdammen.
Im allgeneinen wurden Caligulas Münzen nicht überprägt, sondern eingeschmolzen, und das Metall wurde wiederbenutzt um neue Münzen für Claudius zu prägen. Jedoch gibt es eine kleine Serie von Claudius-Assen von zweitklassigem Stil, die direkt auf Caligula-Assen geprägt wurden zu der auch diese Münze gehört.
Es ist schwierig u entscheiden, ob dies eine offizielle Ausgabe in kleinem Maßstab war, vielleicht ausgeführt in einer Provinzstadt oder in einem militärischen Außenposten, oder vielleicht die inoffizielle Initiative irgendeines Händlers, der nicht belästigt werden wollte durch den Transport der Caligula-Asse zur nächsten offiziellen Münzstätte!

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von Peter43 » Sa 14.06.08 22:03

Britannicus

Münzen, die Britannicus darstellen, sind äußerst selten und sehr teuer. Die einzige Chance gibt es eigentlich nur bei Provinzialmünzen. Die Ansichten darüber, wer auf meiner Münze dargestellt wird, sind nicht einheitlich. Meistens wird Britannicus genannt, aber es kann auch der jugendliche Nero sein. Jedenfalls gibt sie mir Gelegenheit, etwas über Britannicus zu schreiben.

Ionien, Smyrna, Britannicus, Zeit des Claudius, 41-54
AE 16, 3.89g
Geprägt 50-54 unter den Magistraten Philistos (Stephanephoros) und Eikadios (Strategos)
Av.: Jugendliche Büste des Britannicus, barhäuptig und drapiert, n.r.
Rv.: EPI FILICTOV - EIKADIO / C
Nike, n.r. fliegend, hält Tropaion über der li Schulter
Ref.: RPC 2476 (Nero); BMC 283 (Britannicus); KLOSE 233, 37 (Britannicus)
Sehr selten, SS+ (eines der schönsten Exemplare!)

Britannicus wurde als Sohn des Claudius und der Messalina am 12.2.41 n.Chr. geboren und hieß eigentlich Tiberius Claudius Germanicus. Claudius war zu der Zeit gerade seit einem Monat Kaiser. Nachdem Claudius 43 n.Chr. Britannien erobert hatte und den Titel Britannicus abgelehnt hatte, verlieh der Senat diesen Titel seinem Sohn, der von da an Tiberius Claudius Caesar Britannicus hieß. Claudius feierte die Geburt seines Sohnes und dessen Geburtstage nicht auffallend und groß, weil es zu der Zeit andere Nachfolgeregelungen gab.

Es gibt die Geschichte, daß, als Britannicus noch ein Kind war, ein Physiognom gerufen wurde, der seinen Charakter und seine Zukunft lesen sollte. Dieser erklärte, daß Britannicus niemals Kaiser werden würde, sondern ein anderes Kind, daß anwesend sei. Dieses Kind war Titus, dessen Vater Vespasian am Hof des Claudius in Ehren stand, und der oft mit Britannicus zusammen war. Diese Geschichte ist aber wohl erst erfunden worden, als Titus bereits Caesar war.

Das Schicksal des kleinen Britannicus war unsicher, besonders dann, wenn sein Vater Claudius sterben sollte. Messalina hatte eine Lösung für dieses Problem. 48 ließ sie sich von Claudius scheiden und heiratete den designierten Consul Gaius Silius. Er sollte dann Britannicus adoptieren, Claudius ersetzen und dadurch dessen Zukunft und ihre eigene sichern.

Claudius hatte wohl von diesen Plänen Wind bekommen und beide wurden noch vor der Hochzeit hingerichtet. 49 heiratete Claudius seine Nichte Agrippina. Dadurch wurde deren Sohn Lucius Domitius Ahenobarbus, der 4 Jahre älter war als Britannicus, zu dessen Stiefbruder. Claudius adoptierte ihn kurz danach und er erhielt den Namen Nero. Zusammen mit Britannicus wurde er zum Thronfolger erklärt. Aber Britannicus war jetzt nur noch der kleinere Bruder. So entstand zwischen den beiden eine große Konkurrenz. 47 sorgte Agrippina bei einem Reiterspiel dafür, daß Nero den größeren Beifall bekam.

Mit 13 Jahren erhielt Nero die Toga virilis. Dies machte ihn fähig, die Nachfolge des Claudius anzutreten. Tacitus berichtet, daß sich Agrippinas Gegner und die ehemaligen Anhänger der Messalina um Britannicus scharten. Diese beschuldigten Agrippina, sie würde ihren Sohn fördern auf Kosten von Britannicus. Als Britannicus seinen Stiefbruder noch nach Jahren mit dem Geburtsnamen Domitius oder Ahenobarbus ansprach, benutzte Agrippina dies dazu, Britannicus' Erzieher von Claudius hinrichten zu lassen.Aber obwohl die Erziehung des Britannicus vernachlässigt wurde und Agrippina alles tat, um ihren Sohn zum Nachfolger aufzubauen, hatte Britannicus einige unbestreitbare Vorteile. So war er der leibliche Sohn des Herrschers und der Enkel des im Volk immer noch beliebten Germanicus. Andererseits hatte seine Mutter Messalina einen üblen Leumund gehabt. Man kann sich gut vorstellen, welche Intrigen es am kaiserlichen Hof gegeben haben muß.

54 erhielt auch Britannicus die Toga virilis und war als Nachfolger dem Nero wieder ebenbürtig. Es wird berichtet, daß Claudius inzwischen seine Ehe mit Agrippina und die Adoption ihres Sohnes bereute, und überlegte, wie er dieses wieder rückgängig machen konnte. Als er ein neues Testament verfaßte, war klar, daß Agrippina handeln mußte. Im Oktober 54 starb Claudius durch vergiftete Pilze und Agrippina wurde als Täterin beschuldigt. Allerdings gibt es auch die Auffassung, daß die Geschichtsschreiber Agrippina beschuldigten, um Claudius selbst am Aufstieg des Nero unschuldig ersheinen zu lassen.

Nach dem Tod des Claudius beeilte sich Agrippina, die Prätorianergarde auf Nero einschwören zu lassen, während sie Britannicus und seine Schwester Octavia eingesperrt hatte. Zunächst wurde sie als Mutter des neuen Kaisers in hohen Ehren gehalten, doch bald begann sich Nero von ihr zu entfremden. Daraufhin wandte sie ihre Aufmerksamkeit Britannicus zu, der imer noch Anhänger hatte. Die beiden jungen Männer aber setzten ihre Streitereien weiter fort. Nach einem Jahr kam Nero zur Überzeugung, daß er sich des Britannicus für immer entledigen müsse. Er betrachtete ihn als eine fortwährende Bedrohung. Deshalb engagierte er einen bekannten Vergifter, der ihn nach einem ersten vergeblichen Versuch bei einem Essen mit Freunden mit Gift tötete, sodaß er vor den Augen seiner Gefährten starb. Auch Titus war anwesend. Dieser Mord wurde als epileptischer Anfall ausgegeben. Britannicus wurde trotz eines heftigen Unwetters sofort beerdigt, um die verräterischen Spuren des Gifts zu verdecken. Es gab sogar das Gerücht, daß Nero ihn kurz vor seinem Tod noch vergewaltigt habe, weil es als Schande galt, eine Jungfrau zu töten.

Dies war das schreckliche Ende dieses unglücklichen Prinzen.

Aber es gibt noch ein Nachspiel. Diese Ereignisse und ihre Umstände waren noch im Bewußtsein der Flavier. Als sie ihre Dynastie begründeten, konnten sie nicht an Nero anknüpfen, sondern nahmen die Claudier als Vorbild und im Gegensatz zu Nero war Britannicus das Vorbild der Legitimität. Als Titus 79 Kaiser wurde, errichtete er seinem Freund aus der Kindheit eine Statue.

Quellen:
- Sueton, Vita Caesarum
- Tacitus, Annalen
- Cassius Dio, Römische Geschichte
- Donna Hurley, Britannicus in: http://www.roman-emperors.org/britty.htm
- Wikipedia

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von chinamul » Do 17.07.08 17:45

Antonia minor wurde 37 v. Chr. geboren und starb 36 n. Chr. durch Selbstmord. Sie war eine Tochter des Marcus Antonius und der Octavia, der Schwester Octavians, des späteren Kaisers Augustus.
Aus ihrer Ehe mit Nero Claudius Drusus, dem Sohn der Livia aus deren erster Ehe, gingen neben anderen Kindern Germanicus und der spätere Kaiser Claudius hervor.
Schon mit 28 Jahren wurde sie Witwe und mußte sich fortan allein am kaiserlichen Hof behaupten. Im Jahr 31 unterrichtet sie Tiberius über die verbrecherischen Machenschaften des Sejanus, der ursprünglich das volle Vertrauen des Kaisers genossen hatte. Sejanus war für mehrere Morde verantwortlich und wurde schließlich mit seiner Familie auf Befehl des Tiberius hingerichtet.
37 n. Chr. zwang Antonias Enkel Caligula, der gerade erst Kaiser geworden war, sie zum Selbstmord, nachdem er sie zuvor noch zur Augusta erhoben hatte..

Abb. 1: Marcus Antonius und Octavia

Abb. 2: ANTONIA JUNIOR (gest. 39; Neronis Claudii Drusi, Mater Claudii Augusti)
Æ Dupondius Rom unter Claudius
Av.: ANTONIA AVGVSTA - Drapierte Büste rechts mit Zopf
Rv.: TI CLAVDIVS CAESAR AVG P M TR P IMP S C - Verschleierter Claudius nach links stehend, in der Rechten Simpuvium
RIC 92 (Claudius)
11,68 g

Abb. 3: Antonias Gatte Nero Claudius Drusus, Vater ihrer Söhne von Abb. 4

Abb. 4: Antonias Söhne Germanicus und Claudius

Abb. 5: Ihr Enkel und Mörder Caligula

Zu Antonia s. auch diesen Link! http://www.numismatikforum.de/ftopic632 ... tml#209618

Gruß

chinamul
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Beitrag von Peter43 » Sa 16.08.08 13:48

Die Erste Stadt in Bithynien

Hier möchte ich auch wieder einmal eine historisch interessante Münze vorstellen. Dabei ist es diesmal nicht so sehr die Abbildung, sondern die Legende, die eine wichtige Rolle spielt.

Bithyia, Nikaia, Domitian, 81-96 n.Chr.
AE 26, 8.54g
Av.: AYT DOMITIANOS KAISAR SEBA GER
Büste, belorbeert, n.r.
Rv.: TON KTISTH NEIKAIEIS PRWTOI THS EPARX
Kopf des Herakles, bärtig, belorbeert, n.l.
RPC 239; BMC 20
Selten, SS, tief-grüne Patina

Dieses Beitrag heute gehört zum Thema 'Der Wettstreit der Städte'. Darüber hatte ich schon einmal etwas geschrieben, siehe unter http://www.numismatikforum.de/ftopic6900-405.html

Die Hauptstadt von Bithynien war zwar Nicomedia, aber Nicaea erhob ebenfalls Ansprüche auf diesen Titel. Das geht aus dieser Münze hervor, die unter Domitian geprägt wurde. Die Legende heißt in voller Länge NEIKAIEIS PRWTOI THS EPARXIAS, übersetzt "Die Nicaeer, die ersten der Eparchie". Daraus entwickelte sich ein langer Rechtsstreit, der erst von Valens entschieden wurde. Er bestimmte: Sowohl Nicomedia als auch Nicaea dürfen sich als erste Stadt in Bithynien bezeichnen. Aber allein Nicomedia solle den Titel Hauptstadt tragen. Dies war nun leider nur ein leerer Titel und nützte Nicaea in keiner Weise: Als die Provinzen neu geordnet wurden, wurde nicht Nicaea sondern Chalcedon die Hauptstadt des vorderen Pontus. Von Dion von Prusa, der zur Zeit des Domitians lebte, ist eine Rede erhalten, in der er die Einwohner von Nicomedea zur Eintracht mit den Nicaeern aufforderte.
Diese Münze wurde bereits von S.Morell beschrieben in "Numi imp, T.3, Numi Domtiani ex aere, Tab.21, Nr.21" und in Mionnet II. 451. Nr.216.
(Samson/Schoell, Geschichte der griechischen Literatur, 1831)

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von Peter43 » Mi 10.09.08 13:54

Hermes, der Sandalenbinder

Hier geht es wieder um eine interessante Legende. Dazu möchte ich zwei Münzen vorstellen, die auch aus anderen Gründen interessant sind. Dazu gehört natürlich die eigenartige Darstellung auf der Rs., die Hermes zeigt, wie er sich die Sandalen bindet. Dann ist die erste Münze eine Neuentdeckung. Bisher war dieser Typ nämlich nicht für Philipp I. bekannt. Und zum Schluß kommt dann die eigenartige Legende für Philipp II. auf der Vs. der zweiten Münze. Also alles Gründe, diese Münzen hier vorzustellen!

1.Münze:
Moesi inferior, Markianopols, Philipp I. & Otacilia Severa, 244-249
AE 27, 12.28g
geprägt unter dem Statthalter Prastina Messalinus
Av. [AVT M IOVL FI]LIPPOC AVG M WTAK / CEB[HRAC]
Die sich gegenüberstehenden Büsten des Philipp I., drapiert und cürassiert, von hinten gesehen, belorbeert, n.r., und der Otacilia Severa, drapiert und mit Stephane, n.l.
Rv.: VP PRACT MECCALLEINOV MARKIANOPOLEITWN
Hermes, nackt, gebeugt n.l. stehend, nach vorne blickend, den r. Fuß auf einen Widderkopf gestellt, den li. Arm mit der Chlamys auf das re. Knie gestützt; auf dem Boden zwischen seinen Füßen eine Schildkröte, re hinter ihm ein Baumstumpf mit dem Kerykeion davor.
im re. Feld E (für Pentassarion)
nicht in AMNG (rs. wie AMNG I/1 1209); nicht in Hristova/jekov; nicht in Varbanov (engl.); augenscheinlich unpubliziert!
gut S, allgemeine Rauhigkeit
Dieser Typ ist bekannt für Philipp II. mit dem Serapiskopf - siehe nächste Münze - aber bisher noch nicht für Philipp I.!

2. Münze:
Moesia inferior, Markianopolis, Philipp II., Caesar 244-247
AE 29, 13.1g
geprägt unter dem Statthalter Prastina Messalinus
Av.: M IOVLIOC FILIPPOC KAI / CAR AVG
Die sich gegenüberstehenden Büsten des Philipp I., drapiert und cürassiert, von hinten gesehen, belorbeert, n.r., und des Serapis, drapiert ud mit Kalathos, n.l..
Rv.: VP PRACT MECCALLEINOV MARKIANOPOLEITWN (WN ligiert)
Hermes, nackt, gebeugt n.l. stehend, nach vorne blickend, den r. Fuß auf einen Widderkopf gestellt, den li. Arm mit der Chlamys auf das re. Knie gestützt; auf dem zwischen seinen Füßen eine Schildkröte, re hinter ihm ein Baumstumpf mit dem Kerykeion davor.
im r. Feld E (für Pentassarion)
AMNG I/1, 1209, Tf. XVI, 25, Rs., stempelgleich(2 Ex., Philippopopel, Sophia); Hristova/Jekov No.6.44.10.3 8 (stempelgleich, zitiert fälschlicherweise AMNG 1215); Varbanov (engl.) 2107
Selten, fast SS, etwas rauh

Das Standbild:
Die Abbildung auf den Rs. zeigt Hermes den Sandalenbinder. Dieses Standbild gibt es in mehreren Marmorkopien, die alle auf ein verlorengegangenes griechisches Bronzeoriginal zurückgehen. Zugeschrieben wird es gewöhnlich dem griechischen Erzgießer Lysipp, der in der 2.Hälfte des 4.Jh. tätig war und der Hofbildhauer Alexander des Großen war.
Die Identfizierung der Figur als Hermes war nicht leicht. Er trägt hier keins seiner Attribute, weder Flügelhut, noch geflügelte Sandalen, noch das Kerykeion. Sandalen spielen in der griechischen Mythologie eine Rolle bei Theseus, und als der Gemäldeverkäufer Gavin Hamilton 1769 ein Exemplar im Pantanello von Hadrians Villa in Tivoli entdeckte, zögerte er nicht, ihn Cincinnatus oder Theseus zu nennen. Die Sage von Jason kent auch eine verlorene Sandale, und als Augustus Hare dieses Standbild im Ballsaal vo Lansdowne House sah, bezeichnete er sie als 'Jason, sich die Sandalen bindend'. Die endgültige Identifizierung als Hermes geht zurück auf die Identifizierung der Originalbronze als eines Standbildesdes Hermes im Gymnasium und den Thermen des Zeuxippos in Constantinopel. Diese wurde nämich detailliert beschrieben in der Ekphrasis des Gymnasiums von Christodoros von Koptos: Da gab es einen Hermes an der goldenen Wand Er stand und befestigte die Zungen seiner geflügelte Sandalen mit der re Hand, um seinen Lauf fortzusetzen. Sein re. Bein war im Knie gebogen und darauf ruhte seine li. Hand, und dabei war sein Gesicht zum Himmel gewendet, als ob er die Befehle seines Königs und Vaters höre..
Nach dem Stil der Kopien und ihrer hohen Qualität zu urteilen, muß die Originalbronze als eines der Meisterwerke der Antke angesehen werden. Überlebt haben 3 eingermaßen vollständige Kopien:
(1) Das Exemplar im Louvre.
Dies war das erste, das entdeckt wurde. Es wurde publiziert 1594 als Eigentum des Kardinal di Montalto. 1685 wurde es von Ludwig XIV. gekauft und in Versailles aufgestellt, bis es 1792 in den Louvre kam. Hier hat man der Statue eine Pflugschar beigefügt, weil sie ursprünglich für Cincinnatus gehalten wurde, was aber bereits Winckelmann als unmöglich erkannt hatte.
(2) Der Lansdowne Sandalbinder.
Dieser wurde vom Entdecker Hamilton Papst Clemens XIV angeboten, der aber ablehnte, sodaß er dann 1772 an den Earl von Shelburne verkauft wurde. Er steht jetzt in der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen. Dies ist das einzige Exemplar mit erhaltenem Kopf. Bezeichnet wurde die Figur einfach als Athlet!
(3) Der Münchner Sandalbinder.
Er wurde 1780 vom Comte Marefoschi in seinem eigenen Garten an der Villa Hadriana gefunden. Nach seiner Restaurieung wurde er an Maximilia I. von Bayern verkauft. Hier findet sich eine Sandale, nach der die anderen Kopien dann ergänzt wurden. Diese Statue steht heute in der Glyptothek in München, eine Bronzekopie im Stadtmuseum in Stettin.
Daneben gibt es noch angefangene Torsos. Einer steht auf der Akropolis in Athen.

Die Titel des Philipp II. in der Vs.-Legende:
Wenn man die Vs.-Legende de zweiten Münze sorgfältig studiert, stolpert man über die Bezeichnung KAICAR AVG(stus). Also was nun? Caesar oder Augustus? Pick schreibt dazu in einer Fußnote: 'Über den Gebrauch des Namens Augustus bei dem jüngeren Philippus vgl. Mommsen römisches Staatsrecht 2, 1164 Anm. 5; zu den dort angeführten Zeugnissenkommen unsere Münzen von Markianopolis (n. 1209, 1210, 1216), sowe einige von Tomis.

Das habe ich getan und folgendes gefunden:
'Nach dem Wegfall der secundären proconsularischen Gewalt scheint der sekundären tribunizischen Gewalt größere praktische Bedeutung zugekommen zu sein. Die Cäsaren des dritten Jahrhunderts besitzen in der Regel die tribunizische Gewalt nicht: wird aber ein Cäsar mit derselben bekleidet, ohne doch Augustus zu werden, so erlangt er das dem Caesar als solchem fehlende wirkliche Mitregiment und wird in den Gesetzen und Erlassen neben dem Augustus aufgeführt' (S..1164-1165)

Und hier die Fußnote, auf die sich Pick bezieht:
'Nach der wahrscheinlich correcten Titulatur dieser Caesaren, wie sich auf einigen Inschriften der Söhne des Decius (C.I.L. VI, 1100.1102. Henzen 5538) und in dem Edict des Diocletian (C.I.L. III p.824) findet, bezeichnen sie ihren Antheil am Mitregiment durch nichts als durch die althergebrachte "tribunicia potestas". Eine Anzahl anderer Documente freilich hebt das Mitregiment des Caesars noch in anderer Weise hervor und zwar
1. durch vorgesetztes "imp. Caesar"...
2. durch hinzugesetzten Titel "Augustus" (vgl. Borghesis 3, 484)... - Der jüngere Philippus: "nobilissimus Caesar p.f. inv. Aug." (C.I.L III, 5719) und "K(AISAR) SE(BASTOS) auf alexandrinischen Münzen (Eckhel 4, 89)...
3. durch den Proconsultitel...

Ich hoffe, daß dies einige interessieren wird. Ich hätte jetzt natürlich gerne einige alexandrinische Münzen des Philipp II. gesehen, auf denen das erwähnte K SE zu sehen ist.

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von chinamul » Mi 10.09.08 17:52

Peter43 hat geschrieben:Ich hätte jetzt natürlich gerne einige alexandrinische Münzen des Philipp II. gesehen, auf denen das erwähnte K SE zu sehen ist.
Das kannst Du haben!

Gruß

chinamul
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Beitrag von harald » Mi 10.09.08 20:36

Den Ehrentitel bekam Iulia Domna von den Legionären ihres Mannes für besondere Verdienste verliehen.
Vielleicht wißt Ihr noch mehr über die Gründe für diese Ehrung zu berichten.

Denar, Iulia Domna

3,74 Gramm

IULIA AUGUSTA Drapierte Büste rechts
MATRI CASTRORUM Die verschleierte Kaiserin steht links, hält Patera und Schattulle.
Vor ihr brennender Altar und 2 Feldzeichen.

RIC 567

Gruß
Harald
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matri castrorum.JPG

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Beitrag von Peter43 » Mi 10.09.08 21:06

Den Titel MATER CASTRORVM erhielt Domna, weil sie ihren Mann beim Feldzug gegen Pescennius Niger begleitete.

@Chinamul
Vielen Dank! Ich kann auch noch eine Münze aus Tomis beisteuern, AMNG I/1, 3610.

Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von harald » Mi 10.09.08 21:18

Vielen Dank, Peter für die Zusatzinfo.
Da habe ich wieder was dazu gelernt.

Viele Grüße
Harald

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Beitrag von curtislclay » Mi 10.09.08 21:24

Eher, weil sie Anfang 195 den Feldzug gegen die parthischen Anhänger Nigers mitmachte.

Frühester epigraphischer Beleg für den Titel: anscheinend Frühjahr 195. Der Münztyp erschien dann, wie ich aus Stempelkoppelungen auf den Sesterzen und Dupondien schliessen konnte, im Frühjahr 196.

208 wurde der Typ wieder geprägt, offensichtlich weil Julia auch den Feldzug nach Britannien mitmachte.
Zuletzt geändert von curtislclay am Mi 10.09.08 23:19, insgesamt 2-mal geändert.

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Beitrag von Peter43 » Mi 10.09.08 21:59

Danke für die Korrektur!
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Beitrag von harald » Mi 10.09.08 23:16

Von mir ebenfalls ein Dankeschön an Curtis für die interessanten Details.

Gruß
Harald

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Beitrag von Peter43 » Sa 22.11.08 17:24

Die Nomadenstadt Hatra

Bei meinen Recherchen zum Sonnengott Shamash bin ich auf die Stadt Hatra gestoßen. Deshalb hier einmal ein Beitrag zu einem - den meisten wohl unbekannten - Kapitel der römischen Geschichte, der Nomadenstadt Hatra

Mesopotamien, Hatra, Anfang-Mitte des 2.Jh. n.Chr.
AE 23
Av.: HTR DSMS (= Hatra des Shamash, Name der Stadt in aramäisch)
Büste des Sonnengottes Shamash, drapiert, mit Strahlenkrone, n.r.
Rv.: großes umgedrehtes SC, darauf Adler mit geöffneten Flügeln frontal sitzend, Kopf n.l.,
alles in Lorbeerkreis
Ref.: SNG Copenhagen 232; Slocum Series 1, Walker Type A
fast SS, dicke grüe Patina

Am Rande der Steppe und zwischen den Großmächten der damaligen Zeit, dem
Partherreich der Arsakiden und dem Römischen Reich bildet sich im 1.Jh. n.Chr. ein von nomadischen Stämmen getragenes, städtisches Zentrum heraus: Hatra. Diese Stadt entwickelte sich im 2.Jh. zu einer stark umwallten Anlage mit einem zentralen Tempelbereich. Einer ihrer Hauptgötter war der alte Sonnengott Shamash. Die Anlage diese Stadt (auch genannt die runde) diente anderen Städten wie z.B. Bagdad als Vorbild. Bedeutung und Stärke Hatras wird deutlich in den mehrfachen, vergeblichen Versuchen römischer Kaiser, u.a. Trajan 117 und Severus 198, die Stadt zu erobern. In den sechziger Jahren des 2. Jh. nimmt der Herrscher Hatras den Titel König der Araber an. Dessen Bedeutung ist in der Forschung umstritten.
Wohl im Jahre 240 eroberte der Sassanidenkönig Ardaschir I. (oder Shapur I.) die Stadt, die inzwischen ein Verbündeter Roms war und schon einige Jahre vorher durch Ardaschir vergeblich belagert worden war, und ließ sie vollkommen zerstören. Der Legende nach verdankte er seinen Sieg dem Verrat der Tochter des Königs von Hatra, die ihm das Geheimnis des Talismans, unter dessen Schutz die Stadt stand, verriet. Im Koran ist Hatra eine der Städte, die einst groß und mächtig waren und jetzt nach ihrer Zerstörung der Belehrung der Gläubigen dienen sollen.

1985 wurde Hatra in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Es wurde im Irakkrieg beschädigt, was als Versuch angesehen werden muß, den Irakern ihre kulturelle Identität zu nehmen. Aber das kennen wir ja auch aus dem 2. Weltkrieg und dem Krieg auf dem Balkan. Ab 2003 haben in Hatra Arbeiten begonnen, die unter der Leitung der Deutschen-Orient-Gesellschaft stehen. Dabei werden zunächst die Gründe für die Herausbildung der Stadt vor dem Hintergrund der ökonomischen und politischen Interaktion von Nomaden, Sesshaften und Staat diskutiert. Anschließend steht die Frage der Beziehungen zwischen der Stadt, dem König der Araber und den Großmächten, insbesondere dem Arsakidenreich, im Mittelpunkt. Die Funktion Hatras wird dabei als dimorph, als Bindeglied zwischen Nomaden und Staat, beschrieben.

Diese Münze soll geprögt worden sein nach der vergeblichen Belagerung durch Trajan 117 n.Chr. Darauf soll der Adler anspielen, der als Sieger auf dem umgekehrte SC sitzt, dem Symbol für das besiegte Rom. Dann wäre es kein Fehler des Stempelschneiders, wie noch Walker 1968 glaubte. Ihren Sieg üer die Römer haben die Hatrener besonders dem Hatrenischen Feuer zu verdanken. Dies war eine brennende Mischung aus Bitumen und Schwefel, das über die gegen die Mauern anrennenden Angreifer geschüttet wurde.

Quellen:
- Der Kleine Pauly
- Sonnengottdarstellungen in Hatra und Südarabien im Vergleich, Universität Wien, Institut
für Numismatik und Geldgeschichte, Mitteilungsblatt 36/2008, S.18
- http://www.g26.ch/texte_irak_geschichte_10.html
- http://www.roman-empire.net/articles/article-036.html (schöne Bilder!)
weiterführende Literatur:
- Michael Sonmer, Hatra, von Zabern 2003

Mit freundlichem Gruß
Dateianhänge
hatra_SNGcop232.jpg
Hatra_ruins.jpg
Zuletzt geändert von Peter43 am Mi 26.11.08 16:30, insgesamt 1-mal geändert.
Omnes vulnerant, ultima necat.

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