Deutschland und seine jüdischen Mitbürger waren, sind und werden immer eine ganz besondere Angelegenheit sein. Die Medaille aus dem Jahre 1738 zeigt auf, wie Neid,Hetze, Rache und (zumindest postmortal ) unbändiger Hass an dem Juden Oppenheimer "ausgelebt" wurde. Aber auch hier geht es ohne ein wenig geschichtlichen Hintergrund nicht:
Der Tod von Joseph Süß Oppenheimer ( geboren vermutlich Februar oder März 1698 in Heidelberg) gilt in der Geschichtswissenschaft als einer der bekanntesten Justizmorde der deutschen Geschichte. Der folgenschwere Hintergrund setzt sich aus politischen Konflikten und tief sitzendem Antisemitismus zusammen:
1. Politischer Sündenbock: Oppenheimer war der engste Finanzberater und Planer des katholischen Herzogs Carl Alexander von Württemberg. Im lutherisch geprägten Württemberg herrschte ein erbitterter Machtkampf zwischen dem absolutistischen Herzog und den protestantischen Landständen (den Vertretern der Bürger und des Adels). Oppenheimer sanierte die Staatskassen durch moderne, aber unpopuläre Methoden wie die Einführung von Monopolen und Steuern. Als der schützende Herzog am 12. März 1737 plötzlich verstarb, entfuhr den Ständen der Zorn, und Oppenheimer wurde noch am selben Tag verhaftet.
2. Der konstruierte Prozess: Da man den verstorbenen Regenten rechtlich nicht belangen konnte, projizierte die württembergische Führungsschicht den gesamten Hass der Bevölkerung auf Oppenheimer. Es folgte ein politischer Schauprozess, dessen Todesurteil von Beginn an feststand:Die Anschuldigungen: Man warf ihm Hochverrat, die Beraubung staatlicher Kassen, die Schändung der protestantischen Religion sowie sexuelle Beziehungen zu christlichen Frauen vor.Fehlende Beweise: Für die schwerwiegendsten politischen Vorwürfe gab es keine Belege. Das endgültige Urteil nannte keine konkreten Paragrafen oder Verbrechen, sondern sprach vage von „an Herren und Land verübten verdammlichen Misshandlungen“
3. Antisemitismus als Treibstoff: Dass Oppenheimer Jude war, wirkte als massiver Katalysator für den Hass. In zeitgenössischen Schmähschriften und auf Spottmedaillen (wie der oben abgebildeten) wurde er als „Jud Süß“ dämonisiert. Man bot ihm vor der Vollstreckung die Begnadigung an, falls er zum Christentum konvertiere, was er jedoch standhaft ablehnte.
4. Das makabre Spektakel: Am 4. Februar 1738 wurde er auf dem Stuttgarter Galgenberg vor weit über 12.000 Schaulustigen an einem eigens errichteten, 12 Meter hohen Galgen erdrosselt. Wie auf der Münzrückseite symbolisch durch den Vogelbauer angedeutet, wurde sein Leichnam danach in einen rot gestrichenen, eisernen Käfig gesperrt und zur Abschreckung sechs Jahre lang öffentlich hängen gelassen.
P.S.: Wie jedem bekannt sein dürfte ließen es sich die Nationalsozialisten nicht nehmen,den Missbrauch der Lebensgeschichte von Joseph Süß Oppenheimer filmisch zu missbrauchen. Er erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 1940 unter den Nationalsozialisten mit dem berüchtigten Propagandafilm „Jud Süß“ unter der Regie von Veit Harlan. Er gilt bis heute als eines der extremsten und wirkungsmächtigsten Beispiele für staatlich gelenkte, antisemitische filmische Hetze.
Av.: Dessen Brustbild mit Perücke nach links, IUD IOSEPH SÜS 1738 OPPENHEIMER
Rv.: Gerüst auf Mauerwerk mit einem eisernen Galgen, daran befestigt ein Käfig mit dem darin eingesperrten Süß Oppenheimer, umflattert von Raben, AUS DISEM VOGEL-HAUS SCHAUGT SÜS DER SCHELM HERAUS
Oppenheimer wurde vom Henker mit einem Strick erwürgt.
Die Darstellung des Eisengitters bzw. des Vogelkäfigs (zeitgenössisch auch „Vogelbauer“ genannt) auf der Medaille besitzt eine vielschichtige, zutiefst makabre Symbolik:
Die historische Realität als Schandmal: Der Käfig war kein reines Symbol, sondern Realität: Der Leichnam Oppenheimers wurde nach der Erdrosselung in einen rot angestrichenen, mannshohen eisernen Käfig gesperrt. Dieser wurde an einem 12 Meter hohen, mit Blech beschlagenen Galgen aufgehängt. Die Symbolik dahinter war die totale Verweigerung eines christlichen oder jüdischen Begräbnisses. Der Tote sollte buchstäblich den Vögeln zum Fraß und Verderben preisgegeben werden, während das eiserne Korsett verhinderte, dass die Knochen herabfielen und von Verwandten heimlich bestattet werden konnten.
Warnung und Abschreckung (Generalprävention): Der weithin sichtbare Käfig auf dem Hügel vor den Toren Stuttgarts diente als drastisches strafrechtliches Symbol der Abschreckung. Jeder, der an der Stadt vorbeireiste oder sie betrat, sollte sehen, wie das Herzogtum Württemberg mit vermeintlichen Verrätern, korrupten Finanziers und – im Kontext der damaligen Zeit – mit Juden umging, die ihre Befugnisse gegenüber der christlichen Mehrheit überschritten.
Grüße
Udo
Referenz: Slg. Wurster -, Binder 69, Slg. Fieweger 392 (in Silber), ein seltenes, gegossenes Original, gutes sehr schön
Material: Zinnguss, Gewicht: 25,69 g, Durchmesser: 37,5 mm,