Das Wunder von Wörgl

Wie zahlten unsere Vorfahren? Was war überhaupt das Geld wert? Vormünzliche Zahlungsmittel

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mfr
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Das Wunder von Wörgl

Beitrag von mfr » Do 16.09.04 21:43

Das Wunder von Wörgl

Vor 70 Jahren startete das erste Freigeldexperiment/ Von Reinhard Ebner

In den beginnenden 30er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts schrieb eine Tiroler Kleinstadt Wirtschaftsgeschichte. Das kleine Wörgl wurde zum Treffpunkt von Ökonomen und Gelehrten aus aller Herren Länder. Im Sommer 1933 stattete der französische Premier Eduard Daladier höchstpersönlich der Gemeinde einen Besuch ab und sprach danach auf einem Kongress in Nantes von einem "bemerkenswerten Versuch", der Nachahmung verdiene. Der amerikanische Dichter Ezra Pound, der ebenfalls zweimal vor Ort gewesen war, widmete Wörgl und seinem Bürgermeister einige Verse seiner Pisaner Gesänge: "Der Staat braucht nicht borgen, wie Wörgls Bürgermeister nachwies, / der Milch lieferte und dessen Frau Hemden und Lederhosen handelte / und auf dessen Bücherbord das Leben Henry Fords stand / und eine Ausgabe der Göttlichen Komödie und die Gedichte von Heine.

Was die Kleinstadt im Tirolischen, in einer weiten Talsohle nahe dem Zusammenfluss von Inn und Brixen gelegen, ins Interesse der Weltöffentlichkeit rückte, war ein Experiment, das ihr Bürgermeister, der damals 48-jährige Michael Unterguggenberger, ins Leben gerufen hatte: der Freigeldversuch, in Zeitungen bald als das "Wunder von Wörgl" bezeichnet.

Inflationskarussell
Die 20er Jahre waren von zahlreichen monetären Krisen geprägt gewesen, auf eine Inflation im Jahre 1923 folgte 1929 eine Deflation und der so genannte "schwarze Freitag", als sich die Kündigung von 800 Millionen Darlehen an Makler für die amerikanischen Börsen und damit für die Weltwirtschaft wie eine Katastrophe auswirkte. Das große Risiko von Investitionen, verbunden mit den niedrigen Zinssätzen, führte dazu, dass die Menschen, die noch über finanzielle Mittel verfügten, diese privat horteten. Dadurch musste dem Kapitalmarkt immer neues Geld zugeführt werden, was die Inflation, die sich seit 1914 fast permanent auf hohem Niveau befand, weiter anheizte. Durch die ausbleibenden Investitionen war die Situation am Arbeitsmarkt trostlos, den Gemeinde- und Staatskassen wiederum fehlten die Ressourcen für eigene Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
In dieser Situation besann sich Unterguggenberger der Theorien des Ökonomen Silvio Gesells über die Freigeldwirtschaft und begann in Absprache mit dem Gemeinderat eigenes "Freigeld" zu drucken. Die Freiwirte um Gesell forderten als Ersatz der Goldwährung unter Umlaufzwang stehendes Frei- oder Schwundgeld, dessen Kaufkraft stets gleich bleiben sollte. Da das neue Geld weder für Inflation noch Deflation anfällig war, blieb es als Festwährung immer im Verhältnis zum Waren- und Leistungsangebot im Umlauf. Natürlich konnte man im Grunde niemanden dazu zwingen, das erworbene Geld auch tatsächlich auszugeben. Man behalf sich daher, indem man Geld druckte, das beständig an Wert verlor, solange es sich in den Händen einer Person befand.

Durch das Aufkleben gebührenpflichtiger Marken konnte der ursprüngliche Wert wiederhergestellt werden. Anstatt also von ihrem Kapital Nutzen zu ziehen, indem sie es Gewinn bringend investierten, und vor allem anstatt es zu Hause zu horten, wenn sich keine lohnenden Investitionsmöglichkeiten auftaten, konsumierten die Menschen ihren Lohn und ihre Gewinne und spülten das Geld unverzüglich wieder in den allgemeinen Umlauf.
Was einfach klingt, zeitigte erstaunliche Wirkungen: Die Arbeitslosigkeit im Ort konnte innerhalb kürzester Zeit um ein Viertel reduziert werden, die Stadtkasse war beständig voll, was zu einem regelrechten Bauboom führte, und das in der damaligen Wirtschaftssituation fatale Geldhamstern fand ein jähes Ende. Obwohl der herkömmliche Schilling parallel zum Schwundgeld seine Gültigkeit behielt, wurde dieses überall angenommen, auch von Lieferanten außerhalb Wörgls - wohl aus Notwendigkeit, denn dass diese über das "Geld mit Ablaufdatum" nicht allzu erfreut gewesen sein dürften, liegt auf der Hand.
Unter dem Titel "Ein neues Mekka der Volkswirtschaft" beschreibt die Pariser "Illustration" in der Nummer vom 9. September 1933 die Veränderungen ein Jahr nach dem Start des Freigeld-Experimentes: "Die früher für ihren grauenhaften Zustand verschrieenen Straßen gleichen jetzt Autostraden. Die Bürgermeisterei - schön restauriert, fein herausgeputzt, reizendes Chalet mit blühenden Geranien. Eine neue Betonbrücke trägt die stolze Inschrift ,Erbaut mit Freigeld im Jahre 1933'. Überall sieht man die neuen modernen Straßenleuchter wie an der Silvio-Gesell-Straße. Die Arbeiter, die man auf den zahlreichen Bauplätzen trifft, sind samt und sonders fanatische Freigeldler. (. . .) Überall nimmt man die Arbeitsbestätigungsscheine zum gleichen Wert an wie das offizielle Geld. Die Preise sind nicht gestiegen."
Schon bald fand die Wörgler Nothilfe-Aktion Bewunderer und Nachahmer: Kirchbichl beschloss 1933, ein Jahr nach dem Start der Aktion in Wörgl, die Einführung des auch "Arbeitswertschein" genannten Zahlungsmittels, in Kitzbühel, Brixen und Westendorf war das Schwundgeld ebenso bereits beschlossene Sache. Die Wirkung des Experimentes ging jedoch über den direkten geografischen Einflussbereich Wörgls hinaus: Auf Initiative des Geldtheoretikers Irving Fischer kam in zahlreichen Städten und Gemeinden der USA Freigeld heraus, mit dem man der Depression Herr zu werden hoffte - allerdings zu deutlich schlechteren Bedingungen. Bei einem Schwund von 2 Prozent pro Woche wurde das Geld nicht angenommen, das Projekt scheiterte.
In Wörgl dagegen betrug die Wertabnahme nur 1 Prozent im Monat. Im Wortlaut des vom Gemeinderat einstimmig genehmigten Regelwerks: "Die Arbeitsbestätigungen werden mit einer Notabgabe von monatlich 1% des Nennwertes belastet, die der jeweilige Besitzer durch Aufkleben einer entsprechenden Klebemarke zu Monatsbeginn zu tragen hat. Scheine, die bei Weitergabe die Notabgabemarken nicht voll tragen, werden nur um den, den fehlenden Notabgabemarken entsprechend gekürzten Betrag in Zahlung genommen."
Die Bewohner der Gemeinde schienen zufrieden damit und tätigten mit dem Notgeld schon nach kurzer Zeit rund 25 Prozent der Geschäftstransaktionen. Eine Schweizer Delegation, die für die Durchführung ähnlicher Projekte eine Umfrage unter den Wörglern durchführte, stieß größtenteils auf positive Stimmung der Bürger sowie auf wilde Entschlossenheit, dieses auch gegen Widerstände offizieller Stellen fortzuführen. Das Freigeldexperiment scheint genau die Reform gewesen zu sein, nach der die damalige Wirtschaftslage verlangte.

Jähes Ende
Rebellenmut ganz im Sinne Andreas Hofers zeigte vor allem der Präsident des Gewerbeverbandes: "Lieber einsperren lassen als aufhören mit dieser Freigeldaktion", meinte er mit Blick auf die schon bald einsetzenden Bemühungen der Nationalbank, dem eigenwilligen Treiben der Wörgler Einhalt zu gebieten. Nur Geschäftsleute mit größeren Umsätzen freuten sich nicht übermäßig über Schwundgeld in der Kasse, und einige ("Direktor, Apotheker und Bierdepothalter") äußerten den Vorbehalt, dass die zur Aufwertung benötigten Gebührenmarken besser kleben sollten. Eine Problematik, die mit der Einführung der Autobahnvignette auch heute noch nachvollziehbar sein dürfte.
Dem am 31. Juli 1932 erstmals eingesetzten alternativen Zahlungsmittel war jedoch nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Nach Ansicht der Oesterreichischen Nationalbank hatte die Gemeinde Wörgl ihre Befugnisse überschritten, da nur ihr das Geldausgaberecht zustand. Bürgermeister Michael Unterguggenberger argumentierte zwar, dass es sich nicht um Geld, sondern nur um Arbeitswertscheine handle, konnte damit ein Verbot des Notgeldes durch die Bezirkshauptmannschaft Kufstein jedoch nicht verhindern.
Das Verbot wurde beeinsprucht und durchlief sämtliche rechtlichen Instanzen, bis der Verwaltungsgerichtshof in Wien die Beschwerde am 18. November 1933 endgültig abwies. Die bereits ausgegebenen Noten mussten eingezogen werden, das Projekt "Hamstersteuer" war gescheitert. Nach dem Februaraufstand 1934, der zum Verbot aller Linksparteien führte, trat der Sozialdemokrat Unterguggenberger von seinem Amt zurück und erlag schließlich im Jahre 1936 geschwächt vom Asthma, an dem er zeitlebens gelitten hatte, einem Herzversagen.

Gesells weise Voraussicht
Breiten Raum widmet auch Bernd Senf den Theorien der Freiwirtschaftslehre. In einem kürzlich erschienenen Buch erkundet der 1944 geborene Professor für Volkswirtschaftslehre die "Blinden Flecken der Ökonomie" und damit der verschiedenen ökonomischen Theorien, von der die Feudalherrschaft legitimierenden Lehre der Physiokraten über den bürgerlichen Liberalismus und Neoliberalismus bis hin zum Goldenen Kalb des Monetarismus, dem zum gegenwärtigen Zeitpunkt weltweit mit der Argumentation von Sparzwängen die Geldbörsen der Staatsbürger geopfert werden. Trotz des akademischen Autors ist das Buch leicht verständlich geschrieben, persönliche Präferenzen sind zwar spürbar, aber nicht so vorherrschend, dass sie die Sachlichkeit der Analyse beeinträchtigen.
Der Freiwirtschaft, wie sie in Wörgl in der 30er Jahren praktiziert wurde, liegen die Theorien Silvio Gesells, eines Kaufmanns deutsch-argentinischer Abstammung, zu Grunde. Gesell beginnt seine 1916 im Werk "Die Natürliche Wirtschaftsordnung" veröffentlichten Darlegungen mit einer umfassenden Kritik am damaligen - und eigentlich auch gegenwärtigen - Geldsystem.
Geld, so meinte er, könne in seiner Form als Goldkernwährung, d. h. als einer Währung, die weitgehend durch Gold gedeckt sei, seiner Funktion als Tauschmittel nur bedingt nachkommen. Gold sei kein Äquivalent für die Waren, gegen die es eingetauscht wird, sondern es sei diesen überlegen; dadurch sei auch derjenige, der Geld besitze, dem Warenbesitzer gegenüber im Vorteil. Da Geld praktisch unverderblich ist, kann es dem Wirtschaftskreislauf jederzeit entzogen und gehortet werden. Um auf bessere Zinsen zu warten oder um es für Spekulationen zur Verfügung zu haben. Dadurch kommt zur Tauschfunktion des Geldes noch die Funktion als Spekulationsmittel hinzu, die seinem Besitzer ein arbeitsloses Einkommen ermöglicht.
Wird das Geld dem Umlauf in großen Mengen entzogen, wie dies beispielsweise in der Zwischenkriegszeit der Fall war, so lässt auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach. Die Preise müssen gesenkt werden, Erlöse und Gewinne schrumpfen. Um die Zinsforderungen der Kreditgeber zu befriedigen, sind die Produzenten daher gezwungen, die Kosten zu senken, was im Normalfall bedeutet, dass Arbeitnehmer entlassen werden. Unternehmen, die dazu nicht in der Lage sind, steuern dem Konkurs entgegen.
Der aus der besonderen Macht und dem besonderen Wert des Geldes resultierende Zins sei dabei zugleich die Ursache für den die moderne Marktwirtschaft beherrschenden, permanenten Wachstumszwang. Das zinsbedingte Wachstum der Geldvermögen erfordere nämlich auch ein entsprechendes Wachstum des Sozialprodukts, um diese Zinsen zu ermöglichen und zu erwirtschaften.
Gesell plädierte daher für Geld mit Annahme- und Weitergabezwang. Dies sollte durch eine Art "Parkgebühr" auf gehortetes Geld erzielt werden, d. h. durch Geld, das beständig an Wert verliert, solange es vom Umlauf zurückgehalten wird. Dadurch sollte der Zins langfristig betrachtet auf null sinken.
Für den Fall, dass das Problem des gehorteten Geldes nicht gelöst werden könnte, befürchtete Silvio Gesell das Schlimmste, wie er 1918 - kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges - formulierte: "Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich es, heute schon behaupten, dass es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der Technik lässt die Wirtschaft sich bald zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen, und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. (. . .) In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein."
Literatur:
Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise. dtv, München 2001, 303 Seiten.
Quelle: http://www.wienerzeitung.at/frameless/l ... m?ID=11255

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Beitrag von Lutz12 » Fr 17.09.04 00:24

Ein sehr interessanter Beitrag und eine erstaunliche Weitsicht von Silvio Gesell im Jahre 1918. Damals wie heute sind solche Initiativen wie das Freigeld den machtbesessenen Politikern in Ihrem beschränktem Horizont ein Dorn im Auge. Wie anders kann man sonst erklären, dass eine Gesundheitreform mit dem "genial-doofen" Ansatz von 10 € Praxisgebühr als der große Durchbruch gefeiert wird. Andere Beispiele möchte ich nicht zitieren.
Bleibt anzumerken, dass (siehe oben) manchmal Lösungen ganz einfach sind, wenn man sich mit den Problemen tiefgründig beschäftigt, aber wer macht das schon :?:
Gruß Lutz12
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