Wem gehört ein Objekt? (von Ursula Kampmann / IAPN)

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Wem gehört ein Objekt? (von Ursula Kampmann / IAPN)

Beitrag von Wuppi » Di 04.01.05 21:09

IAPN, Ursula Kampmann hat geschrieben:Umdenken in Oxford

Derzeit scheint auf der ganzen Welt die Diskussion geführt zu werden, welche Berechtigung der Handel mit antiken Objekten hat. Die Plünderungen, die am Rande der Kriege in Afghanistan und im Irak geschehen sind, haben den radikalen Archäologen ein weites Auditorium verschafft, das ihrer These, man müsse nur den Handel verbieten, um die Diebstähle zu verhindern, Glauben schenkt. Diese Forderung hat zu Verunsicherung und Mißtrauen auf allen Seiten geführt. Archäologen beleidigen Händler als Hehler und weigern sich, Objekte, die während der letzten 30 Jahre zum ersten Mal im Handel aufgetaucht sind, für ihre wissenschaftlichen Untersuchungen in Betracht zu ziehen. Händler und Sammler sind ihrerseits verbittert über die abweisende Behandlung, die sie von einigen Wissenschaftlern erfahren, und behalten Informationen für sich. Unter dem dogmatischen Trennen in Freund- und Feind-Kategorien leidet die gemeinschaftliche Sache, der Schutz des einzelnen Objekts und die Weitergabe aller Informationen, die es bieten kann. So war es Zeit, daß jenseits aller Politik sich Menschen in Oxford trafen, die ganz ohne Haß und bittere Gefühle fragen wollten: Wie ist das eigentlich mit dem Handel? Wem gehört ein Objekt wirklich? Nur den Staaten, in denen es gefunden wurde? Oder der gesamten Menschheit? Demjenigen, der es zu schützen und zu erhalten versteht? Oder demjenigen, der am lautesten Anspruch darauf erhebt? Die Diskussion, die sich über diese Fragen entspann, war fruchtbar und zeigte, daß das Verständnis auf beiden Seiten noch nicht ganz verschwunden ist.


Im Rahmen der All Souls Lectures fand vom Oktober bis zum November 2004 in Oxford eine Ringvorlesung statt. 8 Referenten beleuchteten das Problem von 8 verschiedenen Seiten, und den Veranstaltern Luke Treadwell, Eleanor Robson und Chris Gosden ist es zu verdanken, daß damit wirklich ein rundes Bild entstand. Als erster sprach Lord Colin Renfrew, Anführer der radikalsten Archäologengruppierung, für die ein guter Sammler nur ein ehemaliger Sammler sein kann. Ihm folgte Lamia Al-Gailani. Sie schilderte mit erschütternden Bildern die Folgen der Plünderungen im Irak während des Krieges. Konstantine Politis berichtete über die Ausgrabungsarbeit vor Ort, über die Kompromisse, die mancher Grabungsleiter eingehen muß, um alle Informationen zu sammeln, die verfügbar sind. Ursula Kampmann vertrat als Mitarbeiterin der IAPN die Interessen des Münzhandels, schilderte aus der Perspektive der Betroffenen die Beeinträchtigungen, die ein Händler heute erfährt, und erläuterte Möglichkeiten und Grenzen einer Zusammenarbeit bei der Wiederbeschaffung gestohlener und geplünderter Objekte (für eine Zusammenfassung der von ihr vorgetragenen Argumente, siehe den beiliegenden Text). David Gaimster schilderte die aktuelle rechtliche Situation im Vereinigten Königreich, wo im Laufe des letzten Jahres ein völlig neues, überarbeitetes Regelwerk entstand. George Ortiz, der bekannte Sammler, berichtete, wie sich im Verlauf der letzten Jahre das Verhältnis zwischen Museen und Sammlern mehr und mehr verschlechtert hat. Paul Roberts schilderte von der Perspektive des Museumskurators die Probleme hinsichtlich der neuen Richtlinien für Ankaufspolitik. Mark O’Neill beendete die Ringvorlesung mit seinen Erfahrungen zur Repatriierung von Objekten, die bis dahin in einem Museum aufbewahrt worden waren.

Abgeschlossen wurde dieser bunte Reigen an Vorträgen durch einen ganztägigen Workshop, in dem Erfahrungen und Meinungen noch einmal ausgetauscht wurden. Überraschend war dabei vor allem die freundliche Atmosphäre, weit entfernt von Polemik und haßerfüllten Tiraden. Lord Renfrew war nicht erschienen und keiner seiner Anhänger war anwesend, so daß sich eine fruchtbare Diskussion fern ab von vorgefaßten Meinungen entwickeln konnte. Zunächst sprach John Boardman, faßte die Thesen der Vorträge von Lord Colin Renfrew und George Ortiz zusammen und antwortete darauf mit einer fulminanten Anklage der Überheblichen unter den Archäologen, die sich heute zu den alleinigen Wächtern von Ethik und Moral zu machen versuchen. Er wies darauf hin, daß Archäologen während einer Ausgrabung den Fundzusammenhang gründlicher zerstörten, als es je einem Plünderer gelingen könnte. Und er beklagte, daß nur ein Bruchteil der ergrabenen Fundstätten in einem angemessenen Zeitraum wissenschaftlich publiziert würden. Seine Rede gipfelte in der Aussage, manche Archäologen würden die einzelnen Seiten des Buches, das sie lesen, verbrennen, ohne andere an ihrem daraus gewonnen Wissen teilhaben zu lassen. John Boardman setzte mit seinem Vortrag ein deutliches Zeichen für die Zusammenarbeit und gegen die Ausgrenzung von Händlern und Sammlern. Der Geist, den dieser brillant gehaltene Vortrag atmete, wirkte weiter auf die Diskussion, die sich den konkreten Sachfragen ohne Tabu näherte. Nach John Boardman sprachen Nicholas Mayhew, Mark Pollard und Chris Gosden. Auch sie faßten jeweils zwei Vorträge der Ringvorlesung zusammen und präsentierten ihre Kommentare und Gedanken.

Nach jedem Vortrag war eine halbe Stunde für die Diskussion reserviert. Diese halbe Stunde reichte kein einziges Mal aus. Lebhaft tauschte man Meinungen aus, die nicht dazu dienten, den Gegner zu "besiegen", sondern in denen jeder einzelne nach Möglichkeiten suchte, Lösungsvorschläge und Ansätze zur Verbesserung der Situation zu finden. Sachlich wurden Gefahren abgewogen und Bedenken geäußert. Es gab niemanden unter den Anwesenden, der die zerstörerischen Plünderungen von Ausgrabungsstätten nicht aufs Schärfste verurteilte. Doch die Gründe für diesen kulturellen Vandalismus wurden nicht einseitig bei den Händlern und Sammlern der westlichen Länder gesucht. Relativ einstimmig wurde zum Beispiel festgestellt, daß die wesentlichen Probleme nicht in den traditionellen "Sammlerländern" lokalisiert werden könnten, sondern dort, wo Objekte gefunden werden. Leider mußte man sich gleichzeitig mit der Unmöglichkeit abfinden, hier helfend einzugreifen. Ratschläge von Seiten der 1. Welt würden in vielen Ländern immer noch als eine Art Einmischung der ehemaligen Kolonialherren empfunden. Die Notwendigkeit, Inventare des Museumsbestandes zu erstellen, wurde genauso festgestellt, wie die praktischen Probleme, die für ein armes Land damit verbunden sind. Die Zerstörung von bedeutenden Plätzen aus ideologischen Gründen wurde beklagt, wie sie in vielen Ländern durch staatliche Stellen erfolgt, die damit ihre eigene Geschichte umschreiben wollen.

Veranstaltungen wie die in Oxford machen Mut. Sie zeigen, daß der Graben zwischen Wissenschaftlern und Handel noch nicht zu tief ist, um nicht doch überwunden zu werden. Die Vorträge, die im Rahmen dieser Veranstaltung gehalten wurden, werden im Verlauf des Herbstes 2005 bei Oxbow Books publiziert. Das Buch kann über oxbow@oxbowbooks.com bestellt werden.
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