Münzwesen 1834

Deutschland vor 1871
Münzi12
Beiträge: 3
Registriert: Mi 03.06.09 18:55

Münzwesen 1834

Beitrag von Münzi12 » Do 04.06.09 12:55

Mir liegt ein Ehevertrag von 1834 aus der Vogtei Lauenbruch - damals zum Königreich Hannover gehörig - vor.
Darin ist von
- "1400 Reichstalern in Gold, die Pistole zu 5 Courant gerechnet" und
-"6000 Reichstalern in neuen Zweidrittelstücken nach dem Achtzehn-
guldenfuß" die Rede.
Kann mir jemand Verstehenshilfen geben?
Im Internet finde ich zwar einzelne Begriffsklärungen,
aber wie sie aufeinander bezogen sind, bekomme ich nicht klar.
Sind Reichstaler und dieselben in Gold identisch, oder sind erstere Silbermünzen? Sind Kurant eine eigene Währung oder bezeichnen sie nur
einen Sammelbegriff für im Umlauf befindliches Münzgeld?

Benutzeravatar
KarlAntonMartini
Moderator
Beiträge: 6793
Registriert: Fr 26.04.02 15:13
Wohnort: Dresden
Hat sich bedankt: 23 Mal
Danksagung erhalten: 45 Mal

Beitrag von KarlAntonMartini » Do 04.06.09 15:08

Hannover hatte eine Silberwährung, dh der Metallwert des Silbers war die relevante Größe. Gold schwankte dazu im Wert und mußte deshalb definiert werden. Eine Pistole war ein mit dem Wert von 5 Talern bezeichnetes Goldstück, aber es war nicht gesetzlich definiert, daß der Tagespreis auch wirklich 5 Taler waren. Deshalb regelt der Vertrag dies ausdrücklich. Die bis 1830 geprägten Pistolen enthielten je 6,032 g Feingold. 1400 Reichstaler entsprach also 1.688,96 g Feingold. - Am 1.7.1834 änderte sich der Prägefuß für die Währungsmünzen aus Silber, danach galt der preußische 14 Taler Fuß, dh aus einer Feinen Mark wurden 14 Taler geprägt. Vorher gab es 2/3el Taler-Stücke, die im Leipziger Fuß (12 Taler oder 18 Gulden aus einer Feinen Mark) geprägt worden waren, die also mehr Silber enthielten, als es nach neuem Fuß der Fall gewesen wäre. Daß es "neue" Stücke sein sollten, bezieht sich auf den nicht durch Abnutzung geminderten Silberwert, das Sollgewicht war 12,992 g (nach dem preuß. Fuß wären das nur 11,136 g gewesen). 6.000 Reichstaler nach der vertraglichen Regelung bedeuteten also 9.000 mal 12,992 g oder 116, 992 kg Feinsilber. So, hoffentlich richtig gerechnet. Grüße, KarlAntonMartini
Tokens forever!

Münzi12
Beiträge: 3
Registriert: Mi 03.06.09 18:55

Beitrag von Münzi12 » Do 04.06.09 15:25

Toll!
Bin ganz begeistert! Vor allem , weil ich zum ersten Mal dabei bin.
Darum herzlichen Dank. Bin offen für weitere Infos zu meinen Fragen

Benutzeravatar
KarlAntonMartini
Moderator
Beiträge: 6793
Registriert: Fr 26.04.02 15:13
Wohnort: Dresden
Hat sich bedankt: 23 Mal
Danksagung erhalten: 45 Mal

Beitrag von KarlAntonMartini » Do 04.06.09 15:34

Um es ein wenig mit Bildern zu unterfüttern: hier der 2/3el Taler: http://www.coinarchives.com/w/lotviewer ... 6&Lot=2144

Und die Pistole: http://www.coinarchives.com/w/lotviewer ... 7&Lot=1116

Juristisch betrachtet, wurde eine sog. Geldsortenschuld vereinbart.

Grüße, KarlAntonMartini
Tokens forever!

*EPI*
Beiträge: 1205
Registriert: Di 11.10.05 09:58
Hat sich bedankt: 1 Mal
Danksagung erhalten: 1 Mal

Beitrag von *EPI* » Do 04.06.09 15:37

Danke für den Beitrag KAM!

Kleine Ergänzung:
Eine feine Mark ist eine Gewichtseinheit: ca. 234g Feinsilber (Kölner Mark)
Courant / Kurantgeld: Eine Kurantmünze ist eine real umlaufende Münze, deren Wert durch das Metall, aus dem sie besteht, gedeckt ist.
Es gab auch Bankgeld (Rechengeld) für den Geschäftsverkehr, das nicht physisch existierte. In HH gab es beispielsweise eine Mark Courant und eine Mark Banco.

Münzi12
Beiträge: 3
Registriert: Mi 03.06.09 18:55

Beitrag von Münzi12 » Do 04.06.09 17:10

Mensch, bist Du Klasse, jetzt auch noch Abbg.!
Kommst Du aus dem Fach?
Ich komme gerade von der Bank:
der heutige Kauf/Verkauspreis für Gold/kg:22.638/21.446,-EUR.
Folglich wäre nach heutigem Stand die damaligen 1400 Rtler38.234,68 EUR. wert. Das ist natürlich eine Milchmädchenrechnung. Man müsste den damaligen Gold-/Silberwert kennen. Hast Du den eventuell auch auf Lager?
Dankesgrüße von
Münzi12

*EPI*
Beiträge: 1205
Registriert: Di 11.10.05 09:58
Hat sich bedankt: 1 Mal
Danksagung erhalten: 1 Mal

Beitrag von *EPI* » Do 04.06.09 17:37

Die Umrechnung von Edelmetallpreisen ist nicht zielführend, da beispielsweise der Gold- und Silberpreis früher nicht soweit auseinderlagen wie heute. Außerdem hast Du heute starke Preisschwankungen (betrachte nur den Goldpreis vor 5 Jahren!).

Ich habe einmal unten stehendes generell zu dieser Problematik geschrieben (nicht alle Punkte treffen auf den Zeitraum 1834 zu.). Natürlich ist die Datenlage 1834 besser als im 17. Jh., aber die Umrechnung beleibt trotzdem schwierig. Du kannst aber Kosten für verschiedene Leistungen vergleichen, beispielsweise den Preis für ein gr. Stadthaus in dieser Region, Löhne etc., um den Vertragswert beurteilen zu können.


Warum ist es schwierig bis unmöglich einen Umrechnungskurs von damals zu heute zu finden?

Wenn Du Geldwerte von damals mit heute vergleichen möchtest, musst Du vergleichbare Warenkörbe bilden und daran haben sich schon viele die Zähne ausgebissen!

1. Was ist in den Warenkörben (Wirtschaftssysteme und Bedürfnisse von heute und damals sind schwer vergleichbar)?

2. Dann brauchst Du Preise aus dieser Zeit und dieser Region (Achtung aber, aufgrund von Silberknappheit oder -überschuss sowie Münzverschlechterung gab es wirksame Deflation und Inflation; Missernten haben das Preisgefüge kurzfristig auch etwas durcheinander gebracht).

3. Es gab keine einheitliche Wirtschaftsgebiete, so dass innerhalb eines Staates ein stark unterschiedliches Preisgefüge für ein und dieselbe Ware bestand (z.B. hervorgerufen durch die Transportproblematik).

4. Bei den Preisangaben von damals ist es manchmal schwierig herauszufinden, welche Währung und damit welcher Wert gemeint ist: Gulden ist nicht gleich Gulden.

5. Es gibt nur unzureichende (langfristige) Informationen (natürlich ist dies auch zeitabhängig) über Waren und Dienstleistungen sowie deren Preise.
Zuletzt geändert von *EPI* am Do 04.06.09 17:55, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Gerhard Schön
Beiträge: 1643
Registriert: Mi 16.02.05 23:09
Wohnort: München
Danksagung erhalten: 10 Mal

Beitrag von Gerhard Schön » Do 04.06.09 17:46

KarlAntonMartini hat geschrieben:Daß es "neue" Stücke sein sollten, bezieht sich auf den nicht durch Abnutzung geminderten Silberwert.
Die "Neuen Zweidrittelstücke" heißen deshalb "neu", weil der Leipziger Fuß von 1690 (18 Gulden für die Mark Feinsilber) längst überholt war, als man Ende des 18. Jahrhunderts in mehreren norddeutschen Staaten daran ging, dieses Nominal als Handelsmünze und zunächst für private Auftraggeber neu herzustellen. Die "Neuen Zweidrittelstücke" sind an der münzrundfüllenden Wertzahl 2/3 und der Angabe von Feingewicht (18 Stück aus der feinen Mark) oder Münzfuß (nach dem Leipziger Fuß) leicht zu erkennen.
Deutscher Münzkatalog, Euro Münzkatalog, Weltmünzkatalog.

  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag
  • 16gute Groschen Hannover 1834
    von westerhoven1896 » Do 12.09.19 18:59 » in Altdeutschland
    12 Antworten
    1474 Zugriffe
    Letzter Beitrag von Gerhard Schön
    Sa 21.09.19 22:45

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste