„Jeder Nagel ist ein toter Soldat mehr“ - Medaillen, Schmuck und Propaganda von 1813 bis 1919

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mimach
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„Jeder Nagel ist ein toter Soldat mehr“ - Medaillen, Schmuck und Propaganda von 1813 bis 1919

Beitrag von mimach » Mo 18.01.21 21:48

Dieser Threat soll sich mit Medaillen, Schmuck und anderen Mittel der Kriegspropaganda in Deutschland zwischen 1813 und 1919 beschäftigen.
Dies Auseinandersetzung soll, wie der Titel des Threats zeigt, auch kritisch erfolgen.
Zuletzt geändert von mimach am Mo 18.01.21 22:56, insgesamt 5-mal geändert.
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mimach
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Re: „Jeder Nagel ist ein toter Soldat mehr“ - Medaillen, Schmuck und Propaganda von 1813 bis 1919

Beitrag von mimach » Mo 18.01.21 21:50

Der TITEL des Threats ist ein Zitat aus einem Jugendbuch und der Grund für diesen ersten, außerhalb der Medaille liegenden Beitrags.
KRIEGSNAGELUNG / DER EISERNE HINDENBURG in Berlin des Kriegsjahres 1915

Als Junge las ich ein kleines Büchlein namens "Stoppelhopser". Es wurde von Ernst Stadtkus geschrieben und schilderte autobiografisch seine Erlebnisse als Kind im Kaiserreich vor und während des 1. Weltkrieges. Die Abenteuer des Dorfjungen Stoppelhopser auf dem brandenburgischen Land sind mir seitdem unvergesslich. Die Klugheit und der Scharfsinn, die in den Geschichten von Ernst Stadtkus stecken, sind mir erst heute als erwachsener Mann bewusst.

So hielt ich vor wenigen Tagen ein Buch über die Medaille im ersten Weltkrieg in der Hand: GOLD GAB ICH FÜR EISEN – Der Erste Weltkrieg im Medium der Medaille. Herausgegeben für das Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin von Bernd Kluge und Bernhard Weisser zur hundertsten Mehrung des Ausbruch des 1. Weltkrieges im Jahre 1914.
In einem Aufsatz stellt Wolfgang Stugeweit verschiedene Werbemittel für den Krieg vor:
Bildpostkarten, Wanderausstellungen, Medaillen und Kriegsnagelungen.

Kriegsnagelungen? Hatte ich nicht schon einmal etwas davon gelesen? Richtig, im "Stoppelhopser".

Im September 1915 wurde unweit der Siegessäule eine 12 Meter hohe Holzfigur des Generalfeldmarschalls von Hindenburg aufgestellt. Dieser „Eiserne Hindenburg“ durfte nun gegen eine Spende mit Nägeln beschlagen werden. Der Erlös aus diesen Benagelungen sollte den Soldaten an der Front zugutekommen.

Aus der Sicht des kleinen Stoppelhopsers der im Herbst 1915 bei seiner großen Schwester in Berlin zu Besuch war blieb diese Erfahrung wie folgt in Erinnerung:

„Heute gehen wir zum eisernen Hindenburg“, sagte Johanna am nächsten Tag. Sie ließ den kleinen Gerhard bei der Nachbarin und zog mit uns los. An einer Stelle, an der schon viele Gaffer standen, machten wir halt. „Unsere liebe gute Kaiserin Auguste Viktoria ist im Lazarett bei den verwundeten Soldaten!“ sagte eine feine Dame zu meiner Schwester. Ein alte Oma, die dabeistand und das hörte, wischte sich die Tränen aus den Augen und schluchzte: „Ja, ja — ich hab’s ja immer gesagt: Ein Unglück kommt selten alleine.“ Der eiserne Hindenburg war auch nur aus Holz. „Der sieht ja aus wie ein Riesennußknacker“, hab ich mich laut gewundert. „Junge, halt den Mund“, hat Johanna geflüstert und mir einen sanften Schubs - gegeben. Ein Mann, der neben uns stand, hat aber gesagt: „Hast recht, Junge. Der Alte kriegt noch allerhand Nüsse zu knacken.“ Rings um den hölzernen Hindenburg waren Treppen aufgebaut. Die Leute stiegen hinauf und schlugen eiserne, bronzene, silberne und goldene Nägel in das Holz hinein. Ein eiserner Nagel kostete eine, ein goldener zwanzig Mark. Ich wollte auch hinaufsteigen und dem hölzernen General einen eisernen Nagel in den Hintern klopfen. Johanna hat mich aber zurückgehalten und hat leise gesagt: „Stoppelhopser, tu das nicht. Jeder Nagel, der da hineingeschlagen wird, ist ein toter Soldat mehr.“ Da hab ich es bleibenlassen.

Weiterführendes:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsnagelungen

Postkarten:
Der Eiserne Hindenburg PK - mit Gerüst.JPG
PK Eiserner Hindenburg - Wohlfahrtspostkarte RV pic.jpg
Wohlfahrtspostkarte: Vom Verkaufserlös sollte je zu Gunsten 1/3 der „Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen“, der „Kriegsammlung der Stadt Berlin“ und des „Luftfahrerdank“ gespendet werden.


Der Eiserne Hindenburg PK - Benagelung Sept. 1915.JPG
PK Eiserner Hindenburg - Erinnerungspostkarte RV pic.jpg
Postkarte „Zur Erinnerung an die Benagelung des Eisernen Hindenburg zu Berlin, September 1915.“
Die Postkarte ist beschrieben.
001 PK Eiserner Hindenburg - Erinnerungspostkarte - Briefmarke.jpg
Der Poststempel ist vom 25.3.1916 „Berlin NW“ und scheint auf die Vorderseite durch. Die Briefmarke trägt ein Wertzeichen von 5 Pfennig und zeigt eine gerüstete und gekrönte Germania. Siehe Germania Briefmarke: https://de.wikipedia.org/wiki/Germania_(Briefmarke)
Zuletzt geändert von mimach am Di 02.02.21 17:23, insgesamt 6-mal geändert.
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Re: „Jeder Nagel ist ein toter Soldat mehr“ - Medaillen, Schmuck und Propaganda von 1813 bis 1919

Beitrag von amuthon » Di 19.01.21 12:55

Vielen Dank für dieses Thema, besonders mit dem kritischen Hintergrund. Auch in Emden hat es eine hölzerne Figur gegeben, genannt der Eiserne Kerl. Ich habe auch einige Postkarten dazu, aber das mit dem Hochladen muss ich mir mal genau anschauen....
Auch nach 1945 wurde in Emden das Stadtwappen aus Holz zum Nageln aufgestellt, um den Wiederaufbau des Rathauses zu finanzieren. Das hatte aber einen positiven Hintergrund....

Es gibt sogar eine Medaille vom Eisernen Kerl....

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Re: „Jeder Nagel ist ein toter Soldat mehr“ - Medaillen, Schmuck und Propaganda von 1813 bis 1919

Beitrag von mimach » Di 19.01.21 17:11

Hallo amuthon,

Danke für deine Antwort. Es freut mich, dass dir die Idee für den Threat gefällt. Bitte beteilige dich gerne.

Der Autor vom Stoppelhopser hat seine Kritik an den Nagelungen sehr gekonnt durch die Mahnung der Schwester an den kleinen Bruder geäußert. „Jeder Nagel, der da hineingeschlagen wird, ist ein toter Soldat mehr“ ist somit fast prophetisch. Die langen Kriegsjahre mit den schier unzählbaren Toten sollten erst noch kommen.
Dem Autor und uns fällt es natürlich leicht aus großer zeitlicher Entfernung die Nagelungen als Kriegswerbung zu erkennen. Den meisten Menschen war es sicher ein Bedürfnis ihre Männer, Väter, Söhne und Brüder an der Front durch diese Art der Spende zu unterstützen. In dem Wikipedia Beitrag werden ja die Motivationen sehr schön aufgelistet.
Dr. Munzel-Everling hat auf Ihrer Homepage Materialien zu Kriegsnagelungen zusammengestellt. Dort findet man auch eine riesige Liste durchgeführter Nagelungen.

http://www.munzel-everling.de/pr_nag.htm

Emden wird in der über 150 Seiten langen Übersicht auch von 2 Bildern begleitet. Vielleicht deine Postkarten?
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Re: „Jeder Nagel ist ein toter Soldat mehr“ - Medaillen, Schmuck und Propaganda von 1813 bis 1919

Beitrag von mimach » Do 21.01.21 19:28

amuthon hat geschrieben:
Di 19.01.21 12:55

Es gibt sogar eine Medaille vom Eisernen Kerl....
Hallo amuthon,

Hast du die Medaille und kannst du sie uns mal bei Gelegenheit vorstellen?

Grüße,
Christian
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Eine „Kriegsdenkmünze“ der Kriegsfürsorge der Stadt Berlin

Beitrag von mimach » Fr 22.01.21 22:04

Diese Medaille wurde im Rahmen der Kriegsfürsorge der Stadt Berlin herausgegeben. Die Beschreibung in Katalogen und Auktionen erfolgt meist nur als „Medaille für opferwillige Hilfeleistung an Ihren Mitbürgern in schwerer Kriegszeit“. Es fehlen jegliche Hintergrundinformationen über die Umstände der Entstehung, über die auf dem Gepräge ablesbaren Fakten hinaus. Schlägt man im Hüsken nach, erhält man unter „04.03 Berlin“ nur eine Katalognummer mit einer vagen Beschreibung: „04.03.01 Medaille für opferwillige Hilfeleistung“.
Grund genug einige Nachforschungen für diese überaus gelungene Eisengussmedaille anzustellen.

Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin, 1919, von Constantin Starck
Material: Eisenguss, versilbert
Gewicht: 99,74 g (dieses Exemplar)
Durchmesser: 60,09 mm (dieses Exemplar)
Prägesanstalt: Oertel Münze Berlin

Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin von Constantin Starck - ab 1919 - AV.jpg
Avers:
Eine weibliche Figur, nach links blickend, steht an einem Opferaltar. Mit der rechten Hand gießt sie Öl auf die Flamme. In der erhobenen linken Hand hält sie ein Füllhorn.
Signaturen: unten rechts neben den Füßen ein verschlungenes Monogramm ‚C St‘ für Constantin Starck und unterhalb der Füße OERTELMÜNZE
Inschrift in vier Zeilen links und rechts verteilt: EDEL SEI DER / MENSCH / HILFREICH / VND GVT

Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin von Constantin Starck - ab 1919 - RV.jpg
Revers:
Zentral die Inschrift in sechs Zeilen: FVER OPFERWILLIGE / HILFELEISTUNG / AN IHREN MITBVERGERN / IN SCHWERER KRIEGSZEIT / DIE / STADT BERLIN
Oberhalb ein Lorbeerkranz mit Schleife
Unterhalb der Berliner Bär umgeben von zwei Rosetten


Zum Medailleur / Signatur
Das Monogramm des Bildhauers Constantin Starck ist ein erster Ansatzpunkt für die Nachforschung. Über Constantin Starck existiert eine exzellente Dissertation von Sabine Hannessen an der Freien Universität Berlin aus dem Jahre 1991. Herausgegeben wurde diese in der Buchreihe Europäische Hochschulschriften Kunstgeschichte, Verlag Peter Lang im Jahr 1993 unter dem Titel: Der Bildhauer Constantin Starck (1866 – 1939) – Leben und Werk. (Näheres über Constantin Starck: siehe Kasten unten.)

Starck war laut Hannessen ein produktiver Bildhauer und teilt sein Werk in zehn Gebiete ein, darunter Büsten, Statuen, Denkmäler, Brunnen und Medaillen. Hannessen erwähnt bis zu 40 ihr bekanntgewordener Medaillen Starcks und beschreibt in Ihrem Katalog 21 davon, teils bebildert. Darunter auch dieses Stück als Kat.Nr.125 mit dem Titel „Hilfeleistung im Krieg, 1916“. Die Jahreszahl ist, wie nachfolgend festgestellt wird nichtzutreffend.

Hannessen interpretiert die Gestaltung der Medaille wie folgt:
Die zarte weibliche Figur auf der Vorderseite symbolisiert die Opferbereitschaft des deutschen Volkes für den Krieg. Zur weiteren Verdeutlichung zitiert Starck in der der Inschrift eine Zeile aus Goethes Gedicht „Das Göttliche“ (1783): ‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.‘

Zu den Signaturen der Medaillen Starcks kommt sie zu folgender Erkenntnis:
Starck gab, wie es in traditioneller Weise für geprägte Medaillen üblich war, seinen Namen immer in lateinischen Großbuchstaben eines kleineren Schriftgrades an. … Bei der Medaille für Hilfeleistung im Krieg, …, findet sich als Ausnahmefall sein dreibuchstabiges ineinander verschlungenes Monogramm, (C/S/T).


Die Entstehung / Zeitliche Einordnung
Die Medaille entstand nicht wie von Hannessen angenommen im Kriegsjahr 1916, sondern im Nachkriegsjahr 1919. Dafür konnten eindeutige Quellen ermittelt werden.

Noch während des letzten Weltkriegjahres kam in der Berliner Stadtverordnetenversammlung am 31. Januar 1918 als 8. Tagesordnungspunkt eine „Vorlage zur Beschlussfassung über die Beschaffung einer Kriegsdenkmünze – Vorlage 35“ durch den Magistrat zu Verhandlung.*1
Laut Protokoll wurde folgendes beschlossen:
Die Versammlung erklärt sich mit der Beschaffung einer Kriegsdenkmünze für solche Berliner Bürger, die sich um die Kriegsfürsorge besonders verdient gemacht haben, einverstanden und stellt hierfür die erforderlichen Mittel bis zur Höhe von 100 000 M aus dem Kriegsvorschußkonto zur Verfügung.

Dass dieser Beschluss umgesetzt wurde ist in dem Verwaltungsbericht des Magistrats zu Berlin für die Rechnungsjahre 1918/20 nachzulesen *2. Dort heißt es:
Die Kunstdeputation erwarb während der Berichtszeit … Eine Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin „Für opferwillige Hilfeleistung an ihren Mitbürgern in schwerer Kriegszeit“ ließ die Deputation nach einem Entwurf von Professor Konstantin Starck in 10 000 Stücken herstellen.

Weitere Hinweise auf den genauen Zeitraum der Medaillenproduktion lassen sich in einer Veröffentlichung des Landesarchivs Berlin finden. Es handelt sich um eine Quellensammlung von 2017: Der Erste Weltkrieg in Dokumenten – Quellensammlung des Landesarchivs Berlin.
Die dort aufgeführten Akten sind auf Anfrage im Lesesaal verfügbar. Wegen der Corona-Pandemie sind die Einrichtungen des Archivs nicht für die Öffentlichkeit verfügbar. Eine schriftliche Nachfrage auf Zusendung einer Kopie blieb bisher unbeantwortet. Dennoch kann man aus den Titeln und wenigen Textpassagen einiges herauslesen.

Aktennummer des Archivs:
- A Rep. 001-02 Nr. 3623 – Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin
Enthält: u.a.: Herstellung.- Lieferung,. – Verteilung 1919 – 1929
- F Rep. 239-03 Nr. 20 – Medaille und Urkunde für Verdienste um die deutsche Kriegsfürsorge während des 1. Weltkriegs vom 15. Dezember 1919
(Es folgt eine detaillierte Beschreibung der hier gezeigten Medaille.)
Urkunde ausgestellt am 15. Dezember 1919 vom Magistrat der Reichshauptstadt Berlin für Frau Margarete Blankenhagen; unterzeichnet von (Dr. Adolf) Wermuth. 1919
- E Rep. 200-24 Nr. 2 – Ordensverleihung an Gustav Böss, Mitteilung über die Verleihung Verdienstkreuzes für Kriegshilfe. – Verleihungsurkunde der Kriegsdenkmünze, 1919

Aus den zur Verfügung stehenden Quellen ist somit zu folgern:
- Die Ausschreibung zur Erstellung einer Kriegsdenkmünze wurde am 31.01.1918 durch die Stadt Berlin beschlossen.
- Die Ausführung der Ausschreibung wurde durch die Kunstdeputation der Stadt Berlin übernommen.
- Die Deputation beauftragte Constantin Starck und die Berliner Medaillen Münze Otto Oertel mit der Produktion von 10.000 Medaillen. (Die tatsächliche Höhe ist wegen fehlender Akteneinsicht nicht bekannt).
- Die Verteilung der Kriegsdenkmünze erfolgte zwischen 1919 und 1929.
- Die ersten Medaillen wurden wahrscheinlich im Dezember 1919 verliehen.
- Eine Verleihung in den Folgejahren ist zumindest für das Jahr 1920 belegt. (Siehe Mitteilungen der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft zu Berlin, Gartenflora 1920)

002 Kriegsfürsorge - Kriegsdenkmünze Verleihungsurkunde - Quelle Landesarchiv Berlin.jpg
Begleiturkunde zur Medaille. Auch hier das Datum 15. Dezember 1919

Kriegsfürsorge - Verleihung der Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin - Gartenflora 1920.jpg
Mitteilung über die Verleihung der Kriegsdenkmünze, 1920




Vorstellung der Varianten:

Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin von Constantin Starck - ab 1919 - Eisen versilbert - Etui Innen.jpg
Variante A – Die Kriegsdenkmünze aus Gusseisen mit versilberter Oberfläche (siehe Abbildung von Avers und Revers). Die Medaille wurde in einem Etui verliehen. Material: Eisen | Gewicht: 99,74 g | Durchmesser 60,09 mm
Bei dem vorliegenden Exemplar besteht das Verleihungsetui aus einem mit schwarzem Kunstleder bezogen Holzrahmen. Das Futteral innen ist weiß.

Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin von Constantin Starck - ab 1919 - Eisen - AV.jpg
Variante B - Ausführung in Eisen. Die Oberflächen wurden vergütet. Material: Eisen | Gewicht: 108,8 g | Durchmesser 60,14 mm
Kriegsdenkmünze der Stadt Berlin von Constantin Starck - ab 1919 - Zinn - AV.jpg
Variante C - Die Kriegsdenkmünze aus mattem Zinkguss. Material: Zink | Gewicht: 87,36 g | Durchmesser: 59,97 mm

Bei den Varianten aus Eisen und Zink gibt es eine Unterscheidung in der Gestaltung der Gussform. Die Signatur ist in Wortlaut und Position auf der Vorderseite der Medaille abweichend.
In den Varianten A und B aus Eisenguss wurde als Signatur des Herstellers als „OERTELMÜNZE“ auf rechts unter den Füßen platziert. Bei der Variante aus Zink lautet die Signatur „OERTEL BERLIN“ und befindet sich unten links unter dem Altar.



Kriegsfürsorge
Während der Kriegsjahre kam es, vor allem bei den Familien von Soldaten, zur absoluten Armut. Die Folgen des Krieges, Tote, Armut, Hunger und Inflation führten zu einer Überforderung der staatlichen Sozialpolitik. Zur Unterstützung der notleidenden Familien, deren „Haupternährer“ sich im Krieg befanden oder gefallen waren, wurde bereits 1914 eine Vielzahl an unterschiedlichen privaten und öffentlichen Initiativen auf den Weg gebracht. Um die Arbeit der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine zu unterstützen und zu koordinieren wurden kommunale Kriegsfürsorgeämter geschaffen.*3 So auch in der Reichshauptstadt Berlin. In der Argumentation für die Kriegshilfe wurden durchaus nicht nur die sozialen Nöte der Soldatenfamilien angesprochen, sondern auch in Richtung Wehrfähigkeit des Volkes und der zukünftigen Soldaten stark militaristisch argumentiert. Dies liest sich einem Zeitungsartikel vom 19.11.1915 über Verhandlungen des Ausschusses der Stadtverordnete-Versammlung mit dem Magistrat der Stadt wird wie folgt:
Der Ausschuß halte dies (die Erhöhung) für außerordentlich wichtig, wobei er nicht verkenne, dass die Finanzlage der Stadt Berlin ernst ist…Aber wir sind es den Kriegern im Feld schuldig, sie von der Sorge um Frauen und Kinder zu befreien. Der Mann im Felde, der von seiner Frau die Nachricht erhält, daß sie nicht wisse, wie sie sich und die Kinder durchbringen soll, muß an seiner Kampfesfreude und Kampfeskraft Einbuße erleiden. Es ist unsere Ehrenpflicht, dafür zu sorgen, daß die Krieger draußen wissen, ihre Familien daheim sind geborgen durch die Opferwilligkeit der Allgemeinheit. Bei den erheblich gestiegenen Preisen auf den gesamten Gebieten der Versorgung haben wir dafür zu sorgen, daß die Familien nicht Not leiden, und auch für die Zukunft zu sorgen, daß nicht bei einer Unterernährung der Kinder ein Geschlecht heranwächst, das minder tatkräftig und minder widerstandsfähig ist als das jetzige. (Beifall.)

In Folge des anhaltenden Krieges weitete sich die Not auf weite Teile der Bevölkerung aus. Trotz der staatlichen und privaten Hilfe kam es zu extremer Lebensmittelknappheit und Unterernährung der Berliner Bevölkerung. Die Kohlrübe wurde zum Hauptnahrungsmittel, die die Kartoffel ersetzte. Im „Kohlrübenwinter“ 1916/1917 führte der Mangel an Grundnahrungsmitteln zu fast einer dreiviertel Million Opfern in der Zivilbevölkerung Berlins. In der Folge kam es immer wieder zu Unruhen die letztendlich im November 1918 zur Revolution führten.*4

Im Verwaltungsbericht des Magistrats zu Berlin für die Rechnungsjahr 1918/20 wird diese Not in kalten Zahlen ausgedrückt:
Die offene Armenpflege erforderte infolge der Geldentwertung und der dadurch verursachten Erhöhung der Lebenshaltungskosten aus städtischen Mitteln einen steigenden Zuschuß. Er belief sich auf 10 121 143 M im Jahre 1918 und auf 15 332 502 M im Jahre 1919. Im Jahre 1920 waren die Aufwendungen noch höher. … Das städtische Obdach wurde infolge zunehmender Arbeitslosigkeit und der Zuwanderung Auswärtiger sehr viel stärker besucht, als in den vorausgegangenen Jahren: 1918 wurden 58 599, 1919 91 256 Männer aufgenommen. Im Jahr 1920 nahm der Besuch noch weiter zu.

Die Kriegsfürsorge wurde durch großzügige Spenden und Taten aus der Bevölkerung unterstützt. Diesen, auch als Liebesgaben bezeichneten, Geld- und Sachspenden und freiwillige Arbeiten, z.B. in den Suppenküchen galt die Kriegsgedenkmünze für verdiente Berliner Bürger.

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Constantin Starck
Constantin Starck - Foto 1917 beim der Arbeit am Portraitrelief seiner Tochter Wera.jpg
Constantin Starck, 1917
bei der Arbeit am Porträtrelief seiner Tochter Wera

Karl Constantin Starck
geb. 1866 in Riga, Livland
verst. 1939 in Berlin, Deutschland
Starck war deutschbaltischer Bildhauer und Medailleur.
Starck studierte von 1885 bis 1887 an der Stuttgarter Kunstakademie (bei Nikolai von Grünewaldt und Karl Donndorf) und von 1887 bis 1891 an der Berliner Kunstakademie (bei Albert Wolff, Fritz Schaper und Ernst Herter), wo er anschließend bis 1898 Meisterschüler bei Reinhold Begas war. Auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1904 wurde Starck mit einer Kleinen Goldmedaille ausgezeichnet. Seine künstlerischen Erfolge und die damit verbundene Anerkennung hatten zur Folgen, dass Stark im Alter von 42 Jahren Mitglied der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin wurde. Am 19. September 1908 erhielt er den akademischen Grad eines Professors. Ab 1923 war er Senator der Akademie. Bis 1910 lehrte er an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin.*5

Stark war ein konservativer, deutsch-nationaler Künstler, dessen Haltung sich durchaus in seinem Werk niederschlug. So gehörten neben Werken die von der klassischen Antike inspiriert waren auch Bildnisse von Hindenburg und eine Reihe idealisierender Kriegsdenkmäler. An den modernen Bewegungen der abstrakten oder sozialkritischen Kunst beteiligte er sich nicht und geriet künstlerisch in den 20er Jahren ins Abseits. Sein letztes großes Werk war das Kriegerdenkmal „Heldenklage“ für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Der Auftrag bedeutete für den seit einigen Jahren im Hintergrund stehenden konservativen Bildhauer einen neuen Aufschwung. Während in den 1930er abstrakt arbeitende Künstler ins Abseits gerieten, so war die Versuchung groß, als ‚Mitläufer‘ die lang entbehrte Anerkennung wiederzuerlangen.

Der Nachruf auf Constantin Starck beschränkte sich auf eine relativ kurze Todesanzeige vom 24. August 1939: Der Bildhauer Constantin Starck ist am 22.8. in Berlin im Alter von 73 Jahren gestorben, einer der Künstler, die Berlins Gesicht durch zahlreiche Plastiken in seinem stilleren, nachdenklicheren Zügen geformt haben.*6

Bis auf die Ausnahme von zwei Eisengussmedaillen, soll es ausschließlich geprägte Medaillen im Werk Starcks gegeben haben. Er arbeitete wohl ausschließlich für die Berliner Prägeanstalt Otto Oertel.*7

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Quellenangabe:
*1 https://digital.zlb.de
*2 https://digital.zlb.de/viewer/image/163 ... /LOG_0005/
*3 Ronja Hochsrat – Sozialpolitik im ersten Weltkrieg, www.grafprojekt.hypotheses.org
*4 Kerstin Bötticher, Der erste Weltkrieg und seine Auswirkungen auf Berlin – eine Einführung, Vorwort zu Der erste Weltkrieg in Dokumenten – Quellensammlung des Landesarchives Berlin
*5 https://de.wikipedia.org/wiki/Constantin_Starck
*6 Sabine Hannessen, Der Bildhauer Constantin Starck (1866-1939) – Leben und Werk, Verlag Peter Lang 1993; S. 37, 40-41
*7 Sabine Hannessen, Der Bildhauer Constantin Starck (1866-1939) – Leben und Werk, Verlag Peter Lang 1993; S. 197
Zuletzt geändert von mimach am Do 11.02.21 18:32, insgesamt 5-mal geändert.
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Re:Eine „Kriegsdenkmünze“ der Kriegsfürsorge der Stadt Berlin - Signaturen Nachtrag

Beitrag von mimach » Mi 10.02.21 11:18

mimach hat geschrieben:
Fr 22.01.21 22:04
Bei den Varianten aus Eisen und Zinn gibt es eine Unterscheidung in der Gestaltung der Gussform. Die Signatur ist in Wortlaut und Position auf der Vorderseite der Medaille abweichend.
In den Varianten A und B aus Eisenguss wurde als Signatur des Herstellers als „OERTELMÜNZE“ auf rechts unter den Füßen platziert. Bei der Variante aus Zinn lautet die Signatur „OERTEL BERLIN“ und befindet sich unten links unter dem Altar.
Zu Verdeutlichung der Varianten hier noch eine Detailaufnahme:
Signatur Varianten - pic.jpg
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