Drei reduzierte Goldstater der Post-Kushan Periode in Kashmir (?)

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didius
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Drei reduzierte Goldstater der Post-Kushan Periode in Kashmir (?)

Beitrag von didius » Fr 20.01.23 08:08

Im Folgenden stelle ich drei Goldstater vor, die einen stark reduzierten Goldanteil haben. Diese Stater weisen im Allgemeinen eine sehr stilisierte Darstellung auf und beziehen sich in ihrer Bildsprache eindeutig auf die Kushan-Periode.
Die Münzen dieses Typus werden praktisch durchgängig den Kidariten und ihren Nachfolgern in Kashmir und dabei zumeist dem 5. Jhd. zugeordnet (nach Mitchiner).

Grundsätzlich ist dies sogar nachvollziehbar, da auf der Vorderseite immer auch der Name/das Monogramm „Kidara“ auftaucht und damit den Bezug zum ersten Kidariten-König Kidara (um 390 AD) nimmt. Was mir immer nicht eingeleuchtet hat, dass man bei diesen verwilderten Münzen verschiedene Herrschernamen und auch anonyme Ausgaben findet. Wenn man also das Reich der Kidariten bis Mitte/Ende 5. Jhd. existierte und alle Nachfolgeausgaben sich an das Ende des 5. Jhd. „quetschten“ erschien mir dies etwas seltsam. Wie in meinem Beitrag zu den AE Prägungen in Kashmir bereits erwähnt kam es mir auch hier so vor, als musste man eine Bezeichnung für etwas finden, an das man keinen richtigen „Pack an“ bekommen hatte. Was bei den AE-Prägungen unter Toramana II und seine Nachfolger (530 AD – 855 AD) läuft, bezeichnet man bei den reduzierten Goldstatern unter Kidariten und ihre Nachfolger.

Historisch gesehen, darf man natürlich nicht außer Acht lassen, dass Beides in eine Zeit extremen Wandels fällt. Die Einfälle der iranischen Hunnen, nämlich der Kidariten brachten den Zusammenbruch des Kushan-Reiches, deren Einfluss wurde dann aber auch bald wieder zurückgedrängt, als die Alchon-Hunnen und dann die Hephtaliten als nächste Wellen über die Region hereinbrachen. Man darf sich die Reiche dabei einfach nicht als Staatsgebilde in festen Grenzen vorstellen, sondern als sich ständig verändernde Einflussbereiche und Machtverhältnisse.

Vor kurzem habe ich dann beim englischen Wikipedia gesehen, dass eben diese Münzen scheinbar auch der Karkota-Dynastie (625-855 AD) zugewiesen werden. Dies widerspricht allerdings den gängigen Zuordnungen der meisten Auktionshäuser und dann auch dem was man bei zeno.ru so findet. Über die Quellenlinks in Wikipedia bin ich dann endlich auf eine vernünftige Erklärung zu den Ungereimtheiten gekommen die mich beschäftigt hatten. Ein Artikel von Joe Cribb* aus dem Jahre 2016 „Early Medieval Kashmir Coinage – A New Hoard and An Anomaly“
Ein lesenswerter und wie ich finde außerordentlich wichtiger Aufsatz, der sich seit Cunningham und Stein erstmalig um neue Erkenntnisse und Aufklärung der offensichtlichen Ungereimtheiten bemüht. Cribb erfuhr wohl in 2011 von der Existenz eines neuen Fundes und darin enthalten ein bis dahin offensichtlich unbekannter Typ (sri megha) und mehrere, bis dahin nur in sehr, sehr wenigen Exemplaren bekannte Typen. Über seine guten Kontakte zu Händlern, Auktionatoren und Sammlern hat er dann in den folgenden Jahren insgesamt 38 von wahrscheinlich 51 Münzen dieses Fundes ansehen und analysieren können.

Ausgehend von diesem Hoard hat Cribb versucht die zeitliche Einordung in Geschichte Kashmirs und die Chronologie der Herrscher herzustellen. Bereits 2010 hatte Cribb die These vorgestellt, dass es zwei separate, aber zeitgleiche Serien von Kashmir-Münzen gibt, welche den Goldemissionen der Kidariten aus Gandhara nachfolgten, eine Auflösung dieser „Anomalie“ war ihm da aber noch nicht möglich.

Vier Herrschernamen tauchen auf den Münzen des Hoard auf: Meghavahana, Pravarasena, Tunjina und Toramana (von dem bisher in Base-Gold keine Münzen bekannt waren). Alle vier Namen tauchen in der Kalhana‘s ‚Rajataranginı‘ als Regenten Kashmirs auf und lassen den Schluss zu, dass es sich tatsächlich um Gepräge Kashmirs handelt. Kalhana nennt allerdings diese Herrscher zum Teil mehrfach in seiner Chronologie, sodass die Münzen aus einer zeitliche Periode irgendwo zwischen 100 und 300 Jahren stammen müssten. Der numismatische Kontext dieser stilistisch sehr ähnlichen und qualitativ hochwertigen Münzen lässt Cribb die Hypothese aufstellen, dass nur 1-2 Designer und nur sehr wenige Stempelschneider an diesen Ausgaben beteiligt gewesen sein können. Dies wiederspricht aber dem angenommenen Zeitraum von bis zu 300 Jahren nach Kalhana.

Lange Rede kurzer Sinn, unter Einbeziehung bekannter Eckdaten, z.B. des als gesichert geltenden Beginns der Utpaladynastie unter Avantivarman (ab 855 AD) als Endpunkt, und der Regierungszeit des Hunnenkönigs Khinkhila (Ende des 4. Jhd.) als Startpunkt, komprimiert Cribb die in der Rajataranginı aufgemachte Zeitspanne (Startpunkt ca. 214 v.Chr.) auf das 5. bis 9. nachchristliche Jahrhundert – und zwar sehr schlüssig. Über datierte chinesische Quellen lassen sich weitere konkrete zeitliche Bezüge zu Personen/Name aus der Rajataranginı herstellen, welche die von Cribb vorgenommene Korrektur der Chronologie eindringlich unterstützen und ihn darüber hinaus zu der Hypothese leiten, dass einige der genannten Könige wohl eher gar nicht existiert haben werden, abgesehen davon, dass eine Regierungszeit von 300 Jahre für den König Ranaditya wohl eher unwahrscheinlich ist.

Folgt man Cribb, dann ist die erste Serie gestützt durch den neuen Hoard-Fund eindeutig Kashmir zuzuweisen. Aber man bekommt die zweite Serie von reduzierten Gold-Statern nicht mehr in die Chronologie eingeordnet, so wie es Cunnigham in seinem Aufsatz von 1894 vorgenommen hatte. Die Zuordnung von Cunnigham basiert dabei auf die Namen Sri Durlabhadeva und Sri Vinayaditya welche bei Kalhana vorkommen. Basierend auf den verschiedenen Fundvorkommen dieser Typen auch weit außerhalb von Kashmir lassen nach Cribb den Schluss zu, dass diese auch dort gar nicht geprägt wurden, sondern im Punjab (Kanauj). Die folgende Tabelle 4 aus Cribbs Arbeit stellt die neue Chronologie der Ausgaben dar, wobei Cribb deutlich macht, dass das nicht alles 100% präzise sein mag, aber dass das Große-Ganze jetzt sehr viel deutlicher wird.
JoeCribb_Table4.JPG
J.Cribb aus Numismatic Digest: Vol. 40 (2016)
<>

Interessant ist dabei jetzt auch die Einordung der beiden Ausgaben Sri Durlabhadeva und Sri Vinayaditya im Namen dieser Beiden Kashmir-Könige der Karkota Dynastie. Diese müssen nach Cribb etwa zeitgleich zu den in Kashmir selbst umlaufenden späteren Toramana II AE Statern ausgegeben worden sein. Stilistisch sieht er außerdem starken Ähnlichkeit zwischen den Ausgaben Sri Durlabhadeva und Sri Yasovarman, sowie Sri Vinayaditya und Sri Vigrahatunga und hält es für durchaus denkbar, dass diese parallel geprägt wurden. Insbesondere, da in der Rajataranginı auch über den Konflikt der mit dem Indischen König Yasovarman (691-739AD) berichtet wird.

Schaut man sich die Ausdehnung des Einflussgebiets der Karkota-Dynastiy an, dann ist es meiner Meinung nach sogar sehr wahrscheinlich, dass er damit recht hat und auch im Punjab für, bzw. in deren Namen geprägt worden ist. Vielleicht hat Yasovarman (und seine Nachfolger) im Namen der Kashmir-Könige prägen lassen um seine Gefolgschaft zu dokumentieren, ohne seinen eigenen Machtanspruch aufzugeben.
Ausdehnung_Karkota.JPG
Maximale Ausdehnung Karkota-Reich circa 750 CE (Wiki)
<>

Kleine Notiz am Rande. Die von mir als Beispiel für die geschichtliche und stilistische Einordung der AE-Prägungen hier viewtopic.php?f=30&t=65255#p562080 gezeigte Münze des Pravarasena ist tatsächlich eine aus dem analysierten Hoard (Cribb, Tab.2, Nr. 7 für Pravarasena).

Und jetzt ganz zum Schluss dann auch noch die drei Münzen, welche mich zu der Recherche und diese Ausführungen motiviert haben. Jetzt auch mit etwas ausführlicherer Beschreibung. Die ist mir doch bei der Ersterstellung im Eifer des Gefechts durchgerutscht ist.

Nummer 1:
Cribb_32_av.jpg
Cribb_42_rv1.jpg
<>
Sri Vinayaditya
Kashmir (?) 7-8 Jhd. / Fig. 32 aus dem Aufsatz von Cribb

Auf der Vorderseite ist der König nach links gewandt stehend In der stark stilisierter Form dargestellt. In dieser dritten und finalen Phase der Prägung gewinnen die Inschriften mehr an Bedeutung, wobei einiges scheinbar noch nicht ganz aufgelöst werden kann. Auf dieser Münze kann man ganz gut das Wort „jayati“ lesen, was zusätzlich hinzugekommen ist. „Kidara“ steht jetzt unterhalb davon und ist hier nicht mehr lesbar.

Der Zusatz „jayati“ auf den Münzen von Sri Vinayaditya und Sri Durlabhadeva bei der vermuteten zeitgleichen Prägung zu Sri Yasovarman und Sri Vigrahatunga, bei denen dieser Zusatz fehlt, ist der Ausgangspunkt für die oben formulierte Hypothese, dass die Ausgabe für, bzw. im Namen der Kashmir-Könige erfolgt ist.

Die Rückseite stellt immer die frontal sitzende Ardoksho (Lakshmi) in stark stilisierter, aber nicht mehr so plumper Form dar. Die Inschriften werden in dieser letzten Phase ausführlicher. Auch hier steht der Herrschername im rechten Feld „Sri Vinaya“ und links „ditya“.


Nummer 2:
Cribb_26_av.jpg
Cribb_26_rv1.jpg
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Sri Pratapa
Punjab 6-7 Jhd. / ähnlich Fig. 26 aus dem Aufsatz von Cribb

Auf der Vorderseite ist der König nach links gewandt stehend dargestellt. In der stark stilisierten Form ist die Verzierung auf dem Mantel nur noch durch 4 Punkte symbolisiert. In der ersten Phase der Prägung des Prapata ist der Kopf noch als solches erkennbar (mit überdimensionaler Nase und 2 Punkten als Mund). Im rechten Feld steht „Kidara“.

Die Rückseite stellt jeweils immer die frontal sitzende Ardoksho (Lakshmi) dar. Auch hier hat eine weitere Simplifizierung stattgefunden. Die Darstellung ähnelt jetzt fast einem Dolch. Auch hier steht das relevante im rechten Feld „Sri Prapata“. Das Sri wird in dieser Phase eher eckig geschrieben und als Besonderheit bei dieser Münze hier, wird der obere Strich des Sri über den gesamten Herrschernamen weitergezogen. Cribb erwähnt, dass dies bei Pratapa auf einigen Münzen vorkommt. In der nachfolgenden Phase der Prägungen ab Yasovarman wird das Standard.

Nummer 3:
Cribb_27_av.jpg
Cribb_27_rv.jpg
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Sri(ja) Pratapa (kursives Sri)
Punjab 6-7 Jhd. / ähnlich Fig. 27 und 28 aus dem Aufsatz von Cribb

Auf der Vorderseite ist der König nach links gewandt stehend dargestellt. Die Darstellung erfährt noch einmal eine weitere Stufe der Vereinfachung und dar Kopf wird eigentlich nur noch durch drei oder vier Punkte symbolisiert. Im rechten Feld steht auch hier weiterhin „Kidara“. Mein Exemplar weist allerdings eine Besonderheit auf, welche ich noch bei keinem anderen Exemplar finden konnte. Es sieht fast so aus, als sei „Kidara“ gespiegelt geschrieben.

Die Rückseite hat ebenfalls noch mal einen weiteren Schritt der Vereinfachung durchgemacht. Auf meiner ist auch im rechten Feld außer dem „Sri“ von der Legende „Sri Prapata“ kaum noch etwas zu erkennen. Das Sri wird in dieser Phase dann wieder mir geschwungenen Zeichen geschrieben.


Quellen:
Joe Cribb, „Early Medieval Kashmir Coinage – A New Hoard and An Anomaly“ aus Numismatic Digest: Vol. 40 (2016)
Joe Chribb, „The Kidarites – the Numismatic Evidence“ aus Coins, Art and Chronology II (2010)
Wikipedia, Wikimedia Commons

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