Warum manchmal bessere Erhaltung weniger Wert bedeutet

Deutschland vor 1871
antisto
Beiträge: 2338
Registriert: So 30.03.08 13:56
Wohnort: Ruhrgebiet SO
Hat sich bedankt: 16 Mal
Danksagung erhalten: 103 Mal

Warum manchmal bessere Erhaltung weniger Wert bedeutet

Beitrag von antisto » Do 24.03.22 20:19

Nicht nur in den USA, sondern auch bei uns geht die Preisspirale für top Erhaltungen immer höher, und manch ein betuchter Sammler und Spekulant zahlt für das numismatisch Besondere, das heißt die möglichst beste Erhaltung, schier astronomische Preise. Jetzt bei der laufenden Künker-Auktion wurde mir das wieder deutlich.
Dabei kann in Ausnahmefällen ausgerechnet die Abnutzung einer Münze das Besondere sein …
Ich habe mich in letzter Zeit näher mit den sog. Pfaffenfeindtalern des „tollen“ Christian von 1622, protestantischer „Bischof“ von Halberstadt und vor allem Abenteurer und Söldneranführer im 30-jährigen Krieg beschäftigt, der damals für seine Münzprägungen den Paderborrner Dom geplündert und das Silber erbeutet hat, und stehe hier im Kontakt mit Gerd Dethlefs, der umfangreiche Stempelstudien zu diesen Münzen veröffentlicht hat.
Ebenso wie manche andere schon damals populären Münzen wie die Wiedertäufertaler oder Sophiendukaten sind diese Spottmünzen schon wenige Jahrzehnte später im großen Umfang nachgeprägt worden. Durch Stempelstudien lassen sich Original und Nachprägung unterscheiden. Allerdings gibt es auch Nachprägungen mit original Stempeln. Diese sind beispielsweise daran erkennbar, dass Korrosionsspuren der alten Stempel auf den neu geprägten Münzen durch Nachbearbeitung, besonders Glättung kaschiert wurden. Aber nicht nur das: Während die Nachprägungen kaum Abrieb aufweisen (und entsprechend höher gehandelt werden), immerhin waren sie schon damals für Sammler bestimmt, zeigen Originale fast durchweg deutliche Umlaufspuren, da mit ihnen die damaligen Söldner bezahlt wurden und die Münzen in den Umlauf gelangten.
Daher ist es hier paradoxerweise wirklich so: Wer einigermaßen sicher gehen will, dass er ein authentisch aus dem Silber des Liborius-Schrein im Paderborner Dom geprägtes Original und damit ein echtes Stück Religionsgeschichte kauft oder ersteigert, sollte neben der Stempelwahl auf die Erhaltung achten. Aber eben genau andersherum als sonst üblich!
AS
Zuletzt geändert von antisto am Mo 04.04.22 00:07, insgesamt 2-mal geändert.
antisto

Benutzeravatar
weidner
Beiträge: 38
Registriert: Fr 29.12.17 20:01
Wohnort: Dresden
Hat sich bedankt: 2 Mal
Danksagung erhalten: 35 Mal

Re: Warum manchmal bessere Erhaltung weniger Wert bedeutet

Beitrag von weidner » Do 24.03.22 21:43

Seit letztem Jahr mühe ich mich stückchenweise durch einen dicken Wälzer mit dem Titel "Der dreißigjährige Krieg - Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma" (im Übrigen sehr lesenswert - auch aus heutiger Sicht auf Kriege) . Dort findet man auf etlichen Seiten auch die Geschehnisse um und mit Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel.
Nach der Lektüre habe ich einen ganz anderen Blick auf diese Münzen und ihren geschichtlichen Hintergrund bekommen.

Gruß
Mario
Immer auf der Suche nach weiteren Varianten der --> Kursächsischen Prägungen zum Reformationsjubiläum 1617

antisto
Beiträge: 2338
Registriert: So 30.03.08 13:56
Wohnort: Ruhrgebiet SO
Hat sich bedankt: 16 Mal
Danksagung erhalten: 103 Mal

Re: Warum manchmal bessere Erhaltung weniger Wert bedeutet

Beitrag von antisto » Fr 01.04.22 10:25

Ich ergänze mal aus eigener Sammlung:
Ein passabel erhaltener originaler Pfaffenfeindtaler von 1622, Dethlefs 1/I, gut 42 mm.
Und ein wirklich miserabel erhaltener und ehemals gehenkelter Wiedertäufertaler Geisberg 17 ex Sammlung Opitz, mit gut 49 mm von imposanter Größe, bei dem man nur spekulieren kann, welche bewegende Geschichte er hatte, aber mir als Original deutlich lieber als gut erhaltene spätere Gefälligkeitsprägungen von Kettler & Co.
Dateianhänge
Pfaffenfeindtaler_1k.JPG
Pfaffenfeindtaler_2.JPG
Wiedertäufer_1.jpg
Wiedertäufer_2.jpg
Zuletzt geändert von antisto am Sa 02.04.22 11:38, insgesamt 1-mal geändert.
antisto

antisto
Beiträge: 2338
Registriert: So 30.03.08 13:56
Wohnort: Ruhrgebiet SO
Hat sich bedankt: 16 Mal
Danksagung erhalten: 103 Mal

Re: Warum manchmal bessere Erhaltung weniger Wert bedeutet

Beitrag von antisto » Sa 02.04.22 11:30

Und um das Sammlerglück an populären Originalen zu vervollkommnen, anbei mein Sophiendukat.
Es dürfte bekannt sein, dass sich hier die deutlich selteneren Prägungen von 1616 von den Nachprägungen der nächsten gut 2 1/2 Jahrhunderte leicht durch die Umschrift unterscheiden lassen: Wenn auf der Revers-Legende (hier das obere Bild) "Kindern" steht, dürfte es ein Original sein, bei "Kind" eine Nachprägung (die erstaunlicherweise gar nicht mal so viel günstiger gehandelt wird als das Original).
Glückliche Fügung, die einem selten vergönnt ist, dass ich diese Münze in durchaus akzeptabler Erhaltung einmal aus einer Grabbelkiste fast "für lau" fischte ... :D
AS
Dateianhänge
Sophiendukat_3.JPG
Sophiendukat_1.JPG
antisto

  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag
  • Was bedeutet Stempelstg.?
    von Idila » » in Römer
    14 Antworten
    825 Zugriffe
    Letzter Beitrag von Homer J. Simpson
  • Dupondius Wert
    von Gorme » » in Römer
    3 Antworten
    255 Zugriffe
    Letzter Beitrag von Gorme
  • noch was wert?
    von Sammler89 » » in Medaillen und Plaketten
    2 Antworten
    303 Zugriffe
    Letzter Beitrag von Arthur Schopenhauer
  • Denare Wert
    von Gorme » » in Römer
    2 Antworten
    189 Zugriffe
    Letzter Beitrag von Gorme
  • Was ist diese Münze wert?
    von bajor69 » » in Römer
    8 Antworten
    586 Zugriffe
    Letzter Beitrag von justus

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste