Silbergehalt bei Brakteaten

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QVINTVS
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Silbergehalt bei Brakteaten

Beitrag von QVINTVS » So 29.03.09 11:13

Grüßt Euch,

gibt es Literatur zum Silbergehalt der Brakteaten? Mich interessiert natürlich Augsburg, sprich die sog. AVGVSTENSES am meisten, aber auch grundsätzlich suche ich Literatur darüber.

Grund: Bei den Vierschlagpfennigen kam es zu einer laufenden Verschlechterung des Feingehalten. Gab es das auch bei Brakteaten? Wenn ja, ließe sich vielleicht darüber eine mögliche relative Chronologie erarbeiten.

Herzlichen Dank
Viele Grüße

QVINTVS

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leodux
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Beitrag von leodux » So 29.03.09 19:03

Hallo Quintvs,

ich weiß nicht, ob das für dich von Interesse ist, aber die Brakteaten Heinrichs des Löwen aus Braunschweig (12. Jahrhundert) hatten laut Walter Kühn einen Feingehalt zwischen 894 und 972. Das kann man für mittelalterliche Produktionsmethoden wohl als Feinsilber bezeichnen, denn höhere Feingehalte waren technisch kaum möglich.
Kühn schreibt weiter "Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Braunschweig während der 50-jährigen Regierungszeit Heinrich des Löwen durch bewußte Verschlechterung der Münzen für den Münzherrn ein größerer Gewinn erzielen sollte."
Und noch ein Zitat: "Es kommt noch hinzu, daß die Herabsetzung des Silbergehaltes für die Brakteatenherstellung unzweckmäßig war. ... Größerer Kupferzusatz verschlechterte die für die Brakteatenprägung erforderlichen metallurgischen Eigenschaften des Silbers."

Aber, wie gesagt, daß gilt für das 12. Jahrhundert.
Die norddeutschen Hohlpfennige des 14. und 15. Jahrhunderts hatten einen teils erheblich niedrigeren Silbergehalt.
Hier mal der Silbergehalt der Brakteaten und Hohlpfennige nach dem lübischen Münzfuß (umgerechnet aus der Tabelle von Wilhelm Jesse):
1255: 946
1304/05: 874
1350: 827
1403: 560
1492: 374
Es ist innerhalb dieser knapp 240 Jahre eine deutliche Verschlechterung des Feingehaltes festzustellen.
Hierbei handelt es sich allerdings meist um Hohlpfennige mit kleinerem Durchmesser. Diese waren, auch durch das vereinfachte Münzbild, vermutlich auch mit schlechtem Silber deutlich einfacher zu prägen als die großformatigen Brakteaten des Hochmittelalters.

Viele Grüße

Peter

Dietemann
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Beitrag von Dietemann » Mo 30.03.09 01:13

Meiner Kenntnis nach wurden Brakteaten (die großen) nicht jedesmal auf neuen Schrötlingen geprägt, sondern zumeist auf alten, die einfach platt gehämmert wurden. Von daher sind Silberverschlechterungen (in der Zeit von 1150 bis 1250) eher nicht zu erwarten. Silbergehalte sind mir allerdings nicht bekannt (außer natürlich die der Münzverordnungen, die aber hier wohl nicht gemeint sind)
Gruß Dietemann

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Beitrag von welfenprinz » Mo 30.03.09 11:12

Hallo Quintvs,

für die norddeutsche Brakteatenprägung um 1195-1225 finden sich im Fd.v.Bokel detaillierte Angaben zu Silbergehalt, Gewicht, Feingehalt nach dem Lübischen Münzfuss . Der Fd.v.Bokel wurde in den Hannoverschen Geschichtsblätter 1932 Band 2, Heft 1/2, veröffentlicht .

Gruss Klaus
Dateianhänge
heinrich.jpg
Fd. von Hohen-Volkfin 866/1000 Feingehalt
loewe-turm.jpg
Fd. von Lehmke 900/1000 Feingehalt
loewe2.jpg
Fd. von Hohen-Volkfin 885/1000 Feingehalt
fd.-v.bokel.jpg
Feingehalt der Brakteaten von Bokel
bokel.jpg
Durchschnittsgewicht nach der Lübischen feinen Mark
Zuletzt geändert von welfenprinz am Sa 22.08.09 11:03, insgesamt 6-mal geändert.
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Salier
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Beitrag von Salier » Di 31.03.09 17:34

Hallo Qvintvs,
Angaben zum Feingehalt findest Du meist in den Beschreibungen zu den Münzfunden. Wie meine verehrten Vorredner bereits geschrieben haben sind die Brakteaten von ca. 1140- 1270. alle aus guten Silber geprägt worden d.h. aus 15-14. lötigem Silber, (937,5/1000, 875/1000). Z.b. betrug bei dem Fund von Gotha der Durschnittsanteil Silber 930 Teile /1000 was einem Feingehalt von 14,88 Lot entspricht. Die Augsburger Brakteaten dürften auch aus 14-15 lötigem Silber geschlagen worden sein.

schöne Grüße
Salier
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QVINTVS
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Beitrag von QVINTVS » Fr 03.04.09 13:20

Herzlichen Dank für Eure Mühe. Damit kann ich jetzt schon mal was anfangen.

Kennt sich jemand mit dem Feingehalt und der Gewichtsentwicklung der Konstanzen Brakteaten aus. Damit meine ich jetzt nicht nur die Konstanzer Brakteaten sondern natürlich das Währungsgebiet.

@Dietemann
Bist Du Dir sicher, dass das eine gängige Praxis war? Bereits geprägte Brakteaten zu überprägen ist sicherlich möglich, aber dabei müsste doch die Qualität der Prägung deutlich leiden. Ohne ein sog. "Anlassen" oder gar tatsächliches "Erhitzen" müsste das Silber reissen und gerade "hohe" Prägungen sind für mich "gefühlsmässig" nicht überprägbar. Die mitteldeutschen Brakteaten, die eher flach waren und keinen deutlichen Wulst besitzen sind dazu doch besser geeignet.

Allen ein schönes Wochenende oder wenigstens ein schöneres als bei mir (Nachtdienst).
Viele Grüße

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Beitrag von leodux » Fr 03.04.09 14:25

Hallo Qvintvs,

zum Konstanzer Pfennig zitiere ich mal Elisabeth Nau, "Münzen und Geld in der Stauferzeit" (aus "Zeit der Staufer"):
"Die Niederländischen und oberschwäbischen Münzsorten wie der Konstanzer Pfennig, der Rottweiler, Breisgauer, Haller verhalten sich zum Kölner wie 3:1 und haben ein Normgewicht von 0,487 g.
...
So werden die Pfennigsorten im wesentlichen noch in der Kreuzzugssteuer von 1276/6, dem Liber Decimationis verrechnet, wenn auch durch die während des Thronstreits um 1200 einsetzende Geldverschlechterung die Dinge schon ins Rutschen gekommen waren.
...und das Normgewicht der Konstanzer Pfennige wurde im Jahr 1240 offiziell auf 0,466 g festgesetzt."

Somit ergibt sich für den Konstanzer Pfennig:
Gewicht vor 1200: 0,487 g (3:1 zum Kölner Pfennig)
dann ab 1200 schleichende Verringerung des Gewichts
und im Jahr 1240 offizielle Abwertung auf 0,466 g
Wobei das eigentlich ein relativ geringer Wertverlust ist.
Der Feingehalt blieb dabei während der gesamten Stauferzeit relativ hoch.

Das von Dietemann erwähnte Überprägen von Brakteaten kam in einigen Münzstätten vor, war aber nicht allgemein übliche Praxis. Man hat damals viel experimentiert, um Arbeitszeit zu sparen. Und das Überprägen von Brakteaten gehörte wohl genauso zu diesen Experimenten, wie das gleichzeitige Prägen mehrerer Brakteaten durch das Übereinanderlegen mehrerer Schrötlinge.

Viele Grüße

Peter

Dietemann
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Beitrag von Dietemann » Fr 03.04.09 15:33

QVINTVS hat geschrieben:@Dietemann
Bist Du Dir sicher, dass das eine gängige Praxis war? Bereits geprägte Brakteaten zu überprägen ist sicherlich möglich, aber dabei müsste doch die Qualität der Prägung deutlich leiden. Ohne ein sog. "Anlassen" oder gar tatsächliches "Erhitzen" müsste das Silber reissen und gerade "hohe" Prägungen sind für mich "gefühlsmässig" nicht überprägbar. Die mitteldeutschen Brakteaten, die eher flach waren und keinen deutlichen Wulst besitzen sind dazu doch besser geeignet.
groß = mitteldeutsch, das war gemeint, die kleinen sind für mich Hohlpfennige (was aber daher kommt, dass ich Neuling bin und geografisch noch einen sehr eingeschränkten Wissensstand habe :( ). Die Brakteaten wurden ja für die Märkte hergestellt und jährlich erneuert, da wäre es ein zu großer Aufwand gewesen, jedesmal neue Schrötlinge herzustellen. Das ist bei ewigen oder Fernhandelspfennigen anders.
Gruß Dietemann

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Beitrag von QVINTVS » So 21.06.09 11:40

Inzwischen habe einen Beitrag von einem Sammlerkollegen erhalten:

Untersuchungen zu Herstellung und Legierungszusammensetzung von Regensburger und anderen süddeutschen Pfennigen des 12. bis 15. Jahrhunderts, Ulrich Zwicker und Hubert Emmerig in
Numismatische Zeitschrift, Band 108/109, Herausg. Österreichische Numismatische Gesellschaft, Wien 2001
Viele Grüße

QVINTVS

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