Für Gorgonenfreunde zählt
Parion (nach Apollonia Pontica) zu den bedeutenden Münzstätten, haben sie doch das Medusenhaupt zum Wahrzeichen ihrer Münzprägung gemacht. Neben den archaischen, etwas sonderbaren Drachmen gehören die Hemidrachmen aus dem 4. Jahrhundert zu den häufigsten Gorgonenmünzen. Ich hatte schon lange vor, mir eine zuzulegen, doch irgendetwas hielt mich immer davon ab: durch die sehr flächige, schematische Gestaltung wirkt das Gorgoneion meistens harmlos, oft sogar eher lächerlich (was natürlich auch anderswo vorkommt). Und erst die andere Seite (normalerweise das Avers): ein sich umwendendes Rind mit ganz unnatürlicher Streckung, wie ausgeklappt als wär's aus Pappmaché ...
Kurz, ich hatte fast schon eine Abneigung gegen den Münztypus entwickelt - so oft mit Interesse das Angebot angeschaut, aber dann den Kopf geschüttelt. Bis ich dann ein Exemplar sah, das mir auf Anhieb gefiel. Da hab ich sofort zugegriffen:
Und ich habe es nicht bereut: die Münze ist - vielleicht nicht auf den ersten Blick deutlich - ziemlich gut erhalten, die flachen und "schrägen" Partien stammen schon vom abgenutzten Stempel. Aber vor allem ist es die leichte Blautönung, die dem flächigen Münzbild dennoch Tiefe gibt. Die Medusa schaut so eher grimmig als albern drein, und sogar das Rind hat einen gewissen Flair. Die 2.500 Jahre in der Erde haben das Münzbild in diesem Fall wohl verbessert!
Allerlei Wissenswertes über die Gorgoneia von Parion bei
Ed Snible. Die Datierung dieses klassischen Typs wird allgemein nur als 400-300 v. Chr. angegeben, genauer geht's wohl nicht.
Es gibt dabei eine Fülle von verschiedenen Darstellungen der Gorgo, diese hier hebt sich heraus durch eine Stephane auf dem Kopf (ungewöhnlich, normalerweise tragen das nur Göttinnen oder hochgestellte Frauen), und darüber ein Monogramm in Form eines E, dessen Bedeutung unklar ist.
Unter dem Rind findet sich meistens ein Beizeichen, hier ein Kranz (der wohl mit dem Stephane-Typ gekoppelt ist).
Standardreferenz: BMC 38-39
Interessanterweise ist meine Münze mit Snibles Paradeexemplar wohl stempelgleich, und dieses wiederum stempelgleich mit Wheaton College Collection of Greek and Roman Coins 232. Na wenn das nichts ist!
[Warum erscheinen eigentlich eingebettete Bilder von anderswo in voller Größe, während die eigenen nur als kleine Vorschau? Kann man das beeinflussen?]
Hier sieht man auch gut, daß es aufgerichtete Schlangen sind, die um die Haare tanzen.
Besonders instruktiv ist nun der unmittelbare Vergleich:
Nebeneinander betrachtet zeigt sich, daß meine Münze mit einem schon stark abgenutzten Stempel geprägt wurde. Dem sind nicht nur die platten Wangen, die Risse um das linke Auge und die Zungenpartie zuzurechnen, sondern sogar auch die eingedrückte, leicht nach rechts verschobene Nase sowie das Stielauge rechts. Bei einer Göttin oder einem "schönen Gesicht" wäre das sehr störend, aber bei einer Gorgo ist es ganz passend, so macht sie einen herrlich abgefetzten Eindruck!
Damit hat offenbar auch die Stempelabnutzung, oft ein Anlaß für Frust, bei meiner Münze zu einem interessanteren Gorgobild beigetragen! Durch passende Beleuchtung kann sie sogar gruselig schauen:
Genau umgekehrt ist es bei der Rinderseite, hier ist meine Münze mit einem deutlich besseren, frischen Stempel geprägt. Dadurch erhält das Viech mehr Kontur und "Leibhaftigkeit":
Sieht auch stempelgleich aus, das kann aber natürlich nicht sein. Bei genauer Betrachtung zeigen sich auch leichte Unterschiede, v. a. beim Pi und Alpha. Also kommt bei meiner, klarerweise einiges später geprägten Münze auf dieser Seite wohl ein Nachfolgestempel zum Einsatz, den der gleiche Münzmeister zugleich mit dem ersten hergestellt hatte.