Neues vom 'Reitersturz'

Alles was so unter den Römern geprägt wurde.

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Peter43
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Neues vom 'Reitersturz'

Beitrag von Peter43 » Fr 06.01.06 17:14

Ich hatte bereits gesagt, daß der Münztyp FEL TEM REPARATIO sich gut für eine Spezialsammlung eignet. Einmal, weil es einer der häufigsten Typen des späteren Reiches ist, besonders in den Lots der sog. Ungereinigten, dann auf Grund der historischen Bezüge, die bis heute nicht 100%ig geklärt sind, nicht zuletzt aber auch wegen der Variationsbreite der Darstellungen.

Die FEL TEMP REPARATIO Serie besteht aus 5 Reverstypen:
1. Kaiser steht auf Schiff, das von Victoria gesteuert wird
2. Soldat speert gefallenen Reiter, sog. 'Reitersturz'
3. Soldat führt Barbaren aus Hütte (Danke, Donolli!)
4. Kaiser steht mit Standarte, vor ihm 2 Gefangene auf dem Boden
5. Phoenix steht auf Globus oder Steinhaufen

Nehmen wir mal den Typ 'Reitersturz', der auch der häufigste ist. Carson/Hill/Kent unterscheidet 4 einzelne Typen:
FH1: Reiter kniet neben Pferd 'kneeling'
FH2: Reiter sitzt neben Pferd 'sitting'
FH3: Reiter liegt auf Pferd und streckt einen Arm zu Soldaten aus 'reaching'
FH4: Reiter liegt auf Pferd und umarmt Hals des Pferdes 'clutching'
RIC unterscheidet nur 3 Typen. bei ihm ist der Typ 'kneeling' nur eine Abart des Typs 'clutching'

Curtis Clay hat aber gerade im amerikanischen Forum geschrieben, daß der Typ 'kneeling' die frühere Darstellung gewesen sei, die später aus kompositorischen Gründen der Übersichtlichkeit aufgegeben worden sei. Als Beispiel ein wunderschönes Revers dieses Typs aus dem amerikanischen Forum.

Nun hat ein Miglied des amerikanischen Forums eine neuen Typ vorgestellt, bei dem der Reiter neben seinem Pferd steht und auf den Soldaten zugeht. Dieser Typ war bis jetzt unbekannt. Ich möchte ihn hier auch vorstellen.

Man sieht, was hier noch alles zu finden ist. Eine Münztyp, bei dem es sich lohnt, zu forschen.

MfG
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Siscia_348_kneeling.jpg
rom_standing.jpg
Zuletzt geändert von Peter43 am Fr 06.01.06 18:41, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitrag von Peter43 » Fr 06.01.06 17:38

Nun gibt es auch verschiedene Varianten für die Kopfbedeckung des gestürzten Reiters. RIC unterschiedet 4 verschiedene:
1. barhäuptig und bartlos
2. barhäuptig und bärtig
3. mit Phrygischer Mütze und bartlos
4. Mit Diadem und bärtig

Typ 4 mit Diadem ist der seltenste. Deshalb bin ich stolz, ihn hier zeigen zu können. Es ist ein AE3 von Constantius II. RIC VIII, Siscia 381 (FH3). Dies ist übrigens auch eine Bestätigung der These von Konrad Kraft, daß es sich bei dem gestürzten Reiter nicht um einen gewöhnlichen Soldaten handelt, sondern um ein Mitglied der sassanidischen Herrscherfamilie, dessen Thronfolger in der Schlacht von Ktesiphon 344 n.Chr. gefangengenommen worden war.

Dann hatte ich bereits betont, daß es bei diesem häufigen Typ immer noch zu Überraschungen kommen kann. Und hier ist eine: Der gestürzte Reiter verliert seinen Hut, der aussieht wie eine Art von Petasus! Es ist ein AE3 von Constantius II. RIC VIII, Siscia 350 (FH3).

Literatur:
- Carson/Hill/Kent: Late Roman Bronze Coinage, Spink 1978
- RIC VIII
- Mattingly: FEl TEMP REPARATIO, Attic Books 1977
- Doug Smith http://dougsmith.ancients.info/ftr.html
- Konrad Kraft, Die Taten der Kaiser Constans und Constantius II., WBG
1978

Mfg
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constantiusII_siscia381.jpg
constantiusII_siscia350.jpg
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Beitrag von donolli » Fr 06.01.06 18:02

hallo Peter43:

es gibt auch noch eine 5. darstellung der rückseitenlegende:


kaiser führt gefangenen aus einer hütte

in der römischen geschichte von heinz bellen habe ich gelesen, dass sich der typ wohl auf den feldzug des constans gegen die salfranken bezieht:

"Der Frankenkrieg der Jahre 341/42 war offenbar durch das Vordringen der Salfranken auf römisches Reichsgebiet verursacht. Constans ging gegen sie vor, doch scheintes relativ schnell zu einer Übereinkunft gekommen zu sein (Hieron. chron. ad an. 341/42). Nach darstellung des betreffenden Münzbildes bestand sie darin, dass der Kaiser den Salfranken Wohnsitze auf römischenTerritorium gewährte (auf der Münze führt er einen Barbaren aus einer Hütte heraus, RIC VIII 258, Nr. 240).Das Siedlungsgebiet war dieToxandria, eine Landschaft südlich des Unterlaufs der Maas (Mosa), wie sich aus einer späteren Erwähnung (Amm. Marc. 17,8,3) ergibt.

cheers donolli

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Beitrag von Peter43 » Fr 06.01.06 18:39

Oh mein Gott! Natürlich, donolli! Und einer der interessantesten mit dem historischen Hintergrund! Ich weiß nicht, warum ich den vergessen habe!

Danke
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Beitrag von donolli » Fr 06.01.06 23:00

die rückseitentypen 2 und 4 nehmen bezug auf die perserfeldzüge des constantius II, wie Peter43 bereits dargelegt hat.


rückseite 1 bringt heinz bellen mit der britannienexpedition des constans im jahre 243 in verbindung:


343 sah Constans sich durch nicht näher bekannte Ereignisse veranlasst, eine Expedition nach Britannien zu unternehmen. Wahrscheinlich hatten die die Picti und die Scotti in größerer Zahl den Hadrianswall überwunden. Vielfach war aber auch die Südostküste(litus Saxonicum) so stark von Einfällen der Saxones betroffen, dass der kaiser persönlichen Handlungsbedarf sah. Jedenfalls lassen sich für beide neuralgischen Stellen Maßnahmen erkennen, die auf Constans zurückgehen sollen. Am Hadrianswall, der weitgehend von regulären Truppen entblößt war, übernahmen Milizen (arcani: Amm. Marc. 28,3,8 ) die Grenzwacht; an der gefährdeten Südostküste trat ein comes litoris Saxonici (vgl. Amm. Marc. 27,8,1) als Verantwortlicher für die Küstenverteidigung in Erscheinung. Der Aufenthalt des Constans in Britannien war kurz, aber erfolgreich (Liban. or. 59,137-141), und so konnte denn das sich darauf beziehende Münzbild die siegreiche Heimkehr des Kaisers darstellen (Schiff von Victoria gesteuert, Constans mit Labarum und Phönix, RIC VIII 257, Nr. 135).

das münzbild mit dem phoenix wird mit der 1100 jahr feier roms in verbindung gebracht:

Von dieser gab es außerdem Stücke, deren Rückseite den Säkularvogel Phönix mit der gleichen Umschrift (FEL TEMP REPARATIO) zeigten (RIC VIII 258, Nr. 143) und damit die ganze Seriein den Zusammenhang der 348 anstehenden 1100-Jahr-Feier Roms stellten.

cheers donolli

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Beitrag von Zwerg » Fr 06.01.06 23:34

Das sind so die Probleme mit den Foren.
Diskussionen, die gerade einmal einige Monate alt sind kennt keiner mehr - nur das Neue ist aktuell. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus - aber wenn man einmal selber gepostet hat, erinnert man sich natürlich.
Bellen zitiert nur Konrad Kraft - und darüber gab es mal eine Proseminararbeit - in Auszügen hier - hast du das wirklich vergessen, Peter?

http://www.numismatikforum.de/ftopic10130

Wie üblich,
noch einen netten Abend
Grüße
Zwerg
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Beitrag von Peter43 » Sa 07.01.06 00:33

Jetzt erinnere ich mich wieder. Aber unterscheidet sich diese Arbeit inhaltlich von seiner Arbeit über die Taten der beiden Kaiser Constans und Constantius II.?

MfG
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Beitrag von Zwerg » Sa 07.01.06 12:10

Nein - natürlich nicht!

Grüße
Zwerg
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Beitrag von Merowech » Mo 09.01.06 15:29

Hallo,

interessantes und spannendes Thema.
Ich würde gerne mal die Münze sehen, auf der Constans einen Saalfranken aus einer Hütte heraus führt. Leider kann ich keine Bilder finden :(

Währe dankbar für einen Link.

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Beitrag von Pscipio » Mo 09.01.06 15:33

Merowech hat geschrieben:Ich würde gerne mal die Münze sehen, auf der Constans einen Saalfranken aus einer Hütte heraus führt.
Etwas in der Art?

http://www.coinarchives.com/a/lotviewer ... 1&Lot=1108
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Hütte.jpg
Nata vimpi curmi da.

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Beitrag von Merowech » Mo 09.01.06 15:44

Vielen Dank Pscipio,

das Rv. kenne ich schon, hätte aber nie an die Geschichte mit den Franken gedacht.
Ich dachte immer: Constans holt ein Kind (evtl. Constantinus II.) unter einem Baum hervor.
So kann man sich täuschen, wieder was dazugelernt.

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Beitrag von Peter43 » Mo 09.01.06 22:28

Die Salfranken (auch Salische Franken, Salier oder Westfranken) existierten seit dem Jahr 420 als eigenständiger Teilstamm der Franken in Tournai (Nordbrabant). Sie sind wahrscheinlich aus den von Constans über den Rhein geführten Franken hervorgegangen. Diese werden auch als Laeten bezeichnet und waren ursprünglich wohl kein Stamm oder Volk, sondern ein zusammengewürfelter Haufen. Das ist aber nicht nur für die Franken so, sondern auch für die Alamannen, und im Prinzip für alle sog. germanischen Völker!

MfG
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Beitrag von Merowech » Di 10.01.06 15:42

Hallo Peter,

also ich kenne da eine andere Geschichte:

Die Salfranken existieren seit dem Jahr 413 als eigenständiger Teilstamm der Franken. Herzog Pharamond überschritt mit Getreuen den Rhein Richtung Westen und setzte sich dort fest und führte damit eine Trennung von den Rheinfranken durch. Pharamond war damit auch der Begründer der Dynastie der Merowinger die schon im Jahr 509 wieder in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet kriegerisch zurückkehrte und das rheinfränkische Gebiet eroberte.

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Beitrag von Peter43 » Di 10.01.06 18:07

Hallo Merowech!

Zitat:
"Der Frankenkrieg der Jahre 341/42 war offenbar durch das Vordringen der Salfranken auf römisches Reichsgebiet verursacht. Constans ging gegen sie vor, doch scheintes relativ schnell zu einer Übereinkunft gekommen zu sein (Hieron. chron. ad an. 341/42). Nach darstellung des betreffenden Münzbildes bestand sie darin, dass der Kaiser den Salfranken Wohnsitze auf römischenTerritorium gewährte (auf der Münze führt er einen Barbaren aus einer Hütte heraus, RIC VIII 258, Nr. 240).Das Siedlungsgebiet war dieToxandria, eine Landschaft südlich des Unterlaufs der Maas (Mosa), wie sich aus einer späteren Erwähnung (Amm. Marc. 17,8,3) ergibt."

Dann stimmt etwas mit der ganzen Datierung der Salfranken nicht!

MfG
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Beitrag von Merowech » Di 10.01.06 19:46

Hallo Peter,

in den Geschichtswerken die ich kenne steht geschrieben, daß Constans die in das Reich eingedrungenen Franken besiegte. Ohne einen Hinweiß darauf, daß es sich um Salfranken handelt.
Es gab übrigens auch noch einen anderen Constans, Sohn von Constantinus III., der hatte ebenfalls "Stress" mit den Salfranken, nur ein Jahundert später.

Ist ja auch egal.

Jedenfalls ist die entsprechende Münze schon etwas seltener. Ich kann sie weder bei Ebay, noch bei Münzauktion.com finden.
Schade. :cry:

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