Der Reiter von Istros
Moderator: Homer J. Simpson
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Der Reiter von Istros
Hallo!
Vor kurzem hatte kc eine Münze aus Istros vorgestellt, die den Thrakischen Reiter zeigte.
http://www.numismatikforum.de/ftopic119 ... tml#205946
Heute kann ich eine ähnliche Münze zeigen:
Thrakien, Istros, Septimius Severus, 193-211
AE 28
Av.: A KL CEPT - CEVHROC P
Kopf, belorbeert, n.r.
Rv.: ICTRIH - NWN
Bärtiger Reiter mit Kalathos reitet ruhig auf einem Pferd n.r.; dieses hat den re Vorderfuß
angehoben und hinter ihm steht ein unten angespitzter Stab auf dem oben ein Vogel n.r.
sitzt.
Ref.: Rs. AMNG I/1, 493; Vs. AMNG I/1, 495, Varbanov (engl.) 614 var. (hat eine ewas
andere Vs.-Legende: AV KL...)
Sehr selten, SS, dunkelgrüne Patina, leichte Rauhigkeit
Hier möchte ich die Erläuterungen zur Ikonographie dieser Münze von Pick anfügen. Einmal, weil die Ikonographie heute in Deutschland eine zu Unrecht vernachlässigte Wissenschaft ist, dann aber auch um zu zeigen, welch wunderschönen Stil Pick schreibt, der auch heute noch vorbildlich ist.
Pick schreibt (AMNG I/1, S.157/8):
"Aber die häufigste Darstellung auf den Kaisermünzen von Istros ist ein ganz neuer Typus, der mit kleinen Verschiedenheiten unter allen Kaisern wiederkehrt: (siehe Beschreibung oben). Auf den kleinen Münzen, die uns zuerst die Darstellung dieses Reiters bringen, erscheint seine Figur allein; auch hat er hier den Kalathos noch nicht. Aber seit Severus ist er der Haupttypus des größten Nominals, der Fünfer. Von da an trägt er überall den Kalathos und hat stets den Stab mit dem Vogel hinter sich; auch der Altar fehlt nur auf einigen Münzen des Severus. Der Gott wird gewöhnlich Serapis genannt, weil dies für einen bärtigen Gott mit dem Kalathos auf dem Haupte in der Tat die nächstliegende Benennung ist. Aber es gilt hier dasselbe, was gegen die gleiche Benennung des bärtigen Reiters auf den Münzen von Odessos mit Recht eingewendet worden ist, daß nämlich ein Serapis zu Pferde unerhört wäre. Und wie der Reiter von Odessos wahrscheinlich kein anderer ist als der bekannte Lokalgott dieser Stadt, der Theos Megas, so werden wir in dem Reiter von Istros ebenfalls einen theos epichorios zu erkennen haben. Beide gehören gewiß zu jenem Kreise von Figuren, für welche die gemeinsame Bezeichnung "thrakischer Reiter" gebräuchlich ist oder Heros, wie sie in lateinischen und griechischen Inschriften zuweilen heißen. Darstellungen dieses Reiters finden sich im ganzen thrakischen Gebiet, besonders auf Votivtafeln; auch in Tomis ist er auf mehreren Reliefs in verschiedener Weise dargestellt, so daß er gewiß auch im benachbarten Istros zu erwarten ist. Die Frage, wie diese 'thrakischen Reiter' zu deuten sind, kann hier nicht untersucht werden. Es genügt zu bemerken, daß keineswegs immer heroisierte Verstorbene darin zu erkennen sind, sondern daß der Reiter oft ein Heros von lokaler Bedeutung ist, dem göttliche Verehrung zuteil wird; daher ist es auch nicht anstößig, daß ein solcher Lokalgott sogar auf die Münzen gesetzt wird. In einer Inschrift von Tomis ist der Heros mit Jupiter identifiziert; mehrfach findet er sich mit Beinamen; wie er in Istros hieß, ist noch nicht bekannt. Seine Darstellung auf den Münzen ist von dem geläufigen Serapistypus gewiß beeinflußt, wie dies auch für den stehenden Theos Megas auf den Kaisermünzen von Odessos gilt. Daraus erklärt sich der Kalathos, der dem thrakischen Heros ursprünglich nicht zukommt. Auf den ersten und einigen der letzten Münzen von Istros hat der Reiter sogar ein Füllhorn in der Hand, das Abzeichen des Gottes von Odessos. Was der Stab mit dem Vogel bedeutet, der auf den meisten Münzen hinter dem Reiter steht, ist schwer zu sagen. Auf den älteren Münzen möchte man ihn für ein Szepter mit Adler halten; die Stütze allein gleicht allerdings mehr einer Fackel, auf die aber der Vogel nicht gehört. Auf den Münzen des Gordian ist die Stütze gleichmäßig dick und stellt sich als Säule oder ein Pfeiler dar.; der Vogel scheint ein Adler zu sein oder vielleicht ein Seeadler wie im Stadtwappen. Jedenfalls ist es ein Symbol des lokalen Kultus, dessen Bedeutung unbekannt ist."
Die Bezeichnung des Reiters als Flußgott Mitras bei Varbanov halte ich für Blödsinn. Es ist wohl eine Vermischung mit dem aus Persien stammenden Erlösergott Mithras. Zwar gibt es Darstellungen des Mithras als Reiter, z.B. aus Trapezunt, aber er trägt nie einen Kalathos, sondern immer eine phrygische Mütze. Zudem ist mir von einem Mithraskult in Thrakien nichts bekannt.
Zum Vergleich habe ich eine Münze mit der Darstellung des Mithras als Reiter von Trapezunt aus meiner Sammlung hinzugefügt.
Ich möchte auch auf die Artikel über den Großen Gott von Odessos und den Thrakischen Reiter im Mythologiethread hinweisen:
http://www.numismatikforum.de/ftopic11926-105.html (Theos Megas)
http://www.numismatikforum.de/ftopic11926-225.html (Heros)
Mit freundlichem Gruß
Vor kurzem hatte kc eine Münze aus Istros vorgestellt, die den Thrakischen Reiter zeigte.
http://www.numismatikforum.de/ftopic119 ... tml#205946
Heute kann ich eine ähnliche Münze zeigen:
Thrakien, Istros, Septimius Severus, 193-211
AE 28
Av.: A KL CEPT - CEVHROC P
Kopf, belorbeert, n.r.
Rv.: ICTRIH - NWN
Bärtiger Reiter mit Kalathos reitet ruhig auf einem Pferd n.r.; dieses hat den re Vorderfuß
angehoben und hinter ihm steht ein unten angespitzter Stab auf dem oben ein Vogel n.r.
sitzt.
Ref.: Rs. AMNG I/1, 493; Vs. AMNG I/1, 495, Varbanov (engl.) 614 var. (hat eine ewas
andere Vs.-Legende: AV KL...)
Sehr selten, SS, dunkelgrüne Patina, leichte Rauhigkeit
Hier möchte ich die Erläuterungen zur Ikonographie dieser Münze von Pick anfügen. Einmal, weil die Ikonographie heute in Deutschland eine zu Unrecht vernachlässigte Wissenschaft ist, dann aber auch um zu zeigen, welch wunderschönen Stil Pick schreibt, der auch heute noch vorbildlich ist.
Pick schreibt (AMNG I/1, S.157/8):
"Aber die häufigste Darstellung auf den Kaisermünzen von Istros ist ein ganz neuer Typus, der mit kleinen Verschiedenheiten unter allen Kaisern wiederkehrt: (siehe Beschreibung oben). Auf den kleinen Münzen, die uns zuerst die Darstellung dieses Reiters bringen, erscheint seine Figur allein; auch hat er hier den Kalathos noch nicht. Aber seit Severus ist er der Haupttypus des größten Nominals, der Fünfer. Von da an trägt er überall den Kalathos und hat stets den Stab mit dem Vogel hinter sich; auch der Altar fehlt nur auf einigen Münzen des Severus. Der Gott wird gewöhnlich Serapis genannt, weil dies für einen bärtigen Gott mit dem Kalathos auf dem Haupte in der Tat die nächstliegende Benennung ist. Aber es gilt hier dasselbe, was gegen die gleiche Benennung des bärtigen Reiters auf den Münzen von Odessos mit Recht eingewendet worden ist, daß nämlich ein Serapis zu Pferde unerhört wäre. Und wie der Reiter von Odessos wahrscheinlich kein anderer ist als der bekannte Lokalgott dieser Stadt, der Theos Megas, so werden wir in dem Reiter von Istros ebenfalls einen theos epichorios zu erkennen haben. Beide gehören gewiß zu jenem Kreise von Figuren, für welche die gemeinsame Bezeichnung "thrakischer Reiter" gebräuchlich ist oder Heros, wie sie in lateinischen und griechischen Inschriften zuweilen heißen. Darstellungen dieses Reiters finden sich im ganzen thrakischen Gebiet, besonders auf Votivtafeln; auch in Tomis ist er auf mehreren Reliefs in verschiedener Weise dargestellt, so daß er gewiß auch im benachbarten Istros zu erwarten ist. Die Frage, wie diese 'thrakischen Reiter' zu deuten sind, kann hier nicht untersucht werden. Es genügt zu bemerken, daß keineswegs immer heroisierte Verstorbene darin zu erkennen sind, sondern daß der Reiter oft ein Heros von lokaler Bedeutung ist, dem göttliche Verehrung zuteil wird; daher ist es auch nicht anstößig, daß ein solcher Lokalgott sogar auf die Münzen gesetzt wird. In einer Inschrift von Tomis ist der Heros mit Jupiter identifiziert; mehrfach findet er sich mit Beinamen; wie er in Istros hieß, ist noch nicht bekannt. Seine Darstellung auf den Münzen ist von dem geläufigen Serapistypus gewiß beeinflußt, wie dies auch für den stehenden Theos Megas auf den Kaisermünzen von Odessos gilt. Daraus erklärt sich der Kalathos, der dem thrakischen Heros ursprünglich nicht zukommt. Auf den ersten und einigen der letzten Münzen von Istros hat der Reiter sogar ein Füllhorn in der Hand, das Abzeichen des Gottes von Odessos. Was der Stab mit dem Vogel bedeutet, der auf den meisten Münzen hinter dem Reiter steht, ist schwer zu sagen. Auf den älteren Münzen möchte man ihn für ein Szepter mit Adler halten; die Stütze allein gleicht allerdings mehr einer Fackel, auf die aber der Vogel nicht gehört. Auf den Münzen des Gordian ist die Stütze gleichmäßig dick und stellt sich als Säule oder ein Pfeiler dar.; der Vogel scheint ein Adler zu sein oder vielleicht ein Seeadler wie im Stadtwappen. Jedenfalls ist es ein Symbol des lokalen Kultus, dessen Bedeutung unbekannt ist."
Die Bezeichnung des Reiters als Flußgott Mitras bei Varbanov halte ich für Blödsinn. Es ist wohl eine Vermischung mit dem aus Persien stammenden Erlösergott Mithras. Zwar gibt es Darstellungen des Mithras als Reiter, z.B. aus Trapezunt, aber er trägt nie einen Kalathos, sondern immer eine phrygische Mütze. Zudem ist mir von einem Mithraskult in Thrakien nichts bekannt.
Zum Vergleich habe ich eine Münze mit der Darstellung des Mithras als Reiter von Trapezunt aus meiner Sammlung hinzugefügt.
Ich möchte auch auf die Artikel über den Großen Gott von Odessos und den Thrakischen Reiter im Mythologiethread hinweisen:
http://www.numismatikforum.de/ftopic11926-105.html (Theos Megas)
http://www.numismatikforum.de/ftopic11926-225.html (Heros)
Mit freundlichem Gruß
Omnes vulnerant, ultima necat.
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Ich habe zuerst auch daran gedacht, mich aber dann Picks Argumenten gebeugt, daß es einen thrakischen Reiter mit Strahlenkrone nicht geben kann. Und Pick ist in seinen Argumenten immer sehr vorsichtig und fügt immer hinzu, daß er nicht sicher ist oder daß es noch eine andere Möglichkeit gibt.
Mit freundlichem Gruß
Mit freundlichem Gruß
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- cepasaccus
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