Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Privat ausgegebene Münzen, Notgeld und Münzersatzmittel

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MartinH
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund -Präsenzzeichen der Fettwarenhändler Middelburg 1684

Beitrag von MartinH » Fr 19.06.26 22:45

An den Zunftmarken der Middelburger Gilden faszinieren mich u.a. die auf den Beruf bezugnehmende Ikonographie (siehe z.B. : viewtopic.php?f=63&t=72668&p=640624&hil ... rg#p640624), wie auch bei dieser Zinnmarke der Zunft der Fettwarenhändler aus dem Jahre 1684:
MVett1.jpg
MVett2.jpg
47 mm, 27,01 g
Wittop Koning 24.3, https://www.loodjes.nl/Middelburg.html (dieses Exemplar)

Auf der Vorderseite zeigt sie eine gekrönte Waage, einen Stock mit Kerzen und 2 Schinken, ein Fass, einen Topf, einen Stapel Käse und ein Glas, dass auf einer Verzierung steht. Ferner ist hier die Zahl 200 zur Personalisierung eingraviert.

Die Rückseite ähnelt der Vorderseite, aber mit Butterfass statt Käse, auf der Verzierung eine Kanne mit Henkel.

Neben den Produkten steht die Waage für eine wesentliche Aufgabe der Zunft – die Verhinderung von Betrug durch Verwendung falscher Gewichte. Von der Marke sind nach Teulings ca. 20 Exemplare bekannt, Wittop-Koning kennt die gravierten Zahlen: 25, 48, 69, 84 , 121, 132, 154, 164, 180, 182, 189, 192, 194 - dazu noch diese 200.

Gilde der Fettwarenhändler

Marie de Man gibt in Ihrer Arbeit über eine bis dato unbekannte Sargträgermarke einen Einblick in die Geschichte dieser Zunft auf der Basis des Privilegienbuches von 1593:

Ursprünglich hieß die Zunft „Gilde der Kerzengießer und Fettwarenhändler“ und gehörte zu den ältesten in Middelburg. Im Jahr 1430 erhielt sie eine neue Satzung und Verordnung, in der u.a. geschrieben steht, dass derjenige, der falsches Gewicht verwendete, eine Strafe zu zahlen hatte, während seine Waagen und Gewichte vor seiner Tür zerschlagen wurden. Verschiedene Waren wie Butter, Käse, Gabelstiele, hölzerne Löffel usw. durften damals nur in „Penningwaarde“ (Münzwert) verkauft werden.

Diese Zunft entwickelte sich zur Kramerzunft, aufgrund der großen Zahl an Mitgliedern wurden sie 1593 aufgeteilt, um unter anderem eine eigenständige Zunft für Fettwarenhändler, Käse- und Milchverkäufer, Töpfer-, Krüge- und Glaswarenhändler sowie Heu-, Reisig- und Besenhändler zu gründen, die „bequem durch Dekan und Beisitzer verwaltet werden“ sollten.

Wer der Zunft beitreten wollte, musste Bürger von Middelburg sein – das verstand sich von selbst. Man zahlte 20 Gulden und 4 Groschen (flämisch) als Eintrittsgeld und außerdem für die „Willkomm“ zwei Stoop Rheinwein oder dessen Wert. Das jährliche Mitgliedsgeld betrug im Jahr 1593 zwei Gulden und 4 Groschen (flämisch).

Die Mitglieder hatten nun das Recht, ihre Läden oder Magazine zu öffnen. Doch durch Verordnung war es verboten, etwas anderes darin zu haben als:
• Butter, Käse, Speck, gekochte und gesalzene Schinken, gekochte Zungen, Talg oder Kreide,
Kerzen, Seife, Wachs, Töpfe, Krüge,
• Raps- und Leinsaatöl, weißes Salz (groß und klein),
• Graupen-, Hafer- und Gerstengraupen, Mostrich, Schwefelhölzchen,
• alle Arten von Heu- und Reisigbesen, Flaschen, Töpfe, Pfannen, allerlei irdene Geschirre und
Glaswaren, Danswijker Flaschen und Futter, Stroh- und Binsenmatten, Honig, Saucen, Essig,
Eier, Hefe, Kleinbier und Sand.

Wer andere Dinge als die genannten verkaufte, wurde bestraft.

Dekan und Beisitzer gingen viermal im Jahr auf Inspektionstour, um alles zu überprüfen. Und wer bei einer solchen Gelegenheit den Dekan oder die Beisitzer „in der Ausübung ihres Amtes behinderte, sei es mit Worten oder Taten“, wurde erneut bestraft.

In Middelburg gab es zwei Markttage: montags und donnerstags. An anderen Tagen war es verboten, etwas auf der Straße zu verkaufen. Die Standplätze auf dem Großen Markt (wo auch der freie Jahresmarkt abgehalten wurde) waren nicht alle gleich vorteilhaft. Daher wurde bestimmt, dass viermal im Jahr über das Aufstellen der Stände auf dem Markt gelost (niederländisch: gecaveld) werden sollte.
Wer zum ersten Mal dabei war, musste seinen Stand an der Nordseite, westlich des Platzes, Ecke Vlasmarkt, aufschlagen. Dieser kleine Laden durfte nicht nach Belieben des Besitzers aufgestellt werden. Die Verordnung gab vor, dass alle Stände gleich hoch sein mussten, „sowohl in den Gestellen als auch in den Vordächern“ – dies wurde so bestimmt, um gegen Wind und Regen geschützt zu sein. Auch war es verboten, sie breiter als 9 Stadtfuß zu machen.

Von Mitte März bis zum Fest der Heiligen Drei Könige (6. Januar), wenn die Glocke sieben schlug, und den Rest des Jahres ab 8 Uhr musste man auf dem Markt anwesend sein. Wer zu diesen Zeiten nicht da war, wurde „ausgerufen“ und durfte an diesem Tag nicht mehr aufbauen.

Ein Punkt großer Sorge waren die Maße und Gewichte. Dekan und Beisitzer – kurz: die ausführende Verwaltung – durften zu jeder Tageszeit die Gewichte in den Läden überprüfen. Sie waren verpflichtet, besonders auf die letzte Eichung der Stadt zu achten. Waren die Waagschalen ungleich, mussten sie in Ordnung gebracht werden, „indem man durch Los an den Schnüren der Schalen Bleilot anbrachte und keineswegs mit losen, eingelegten Waren wie Käse oder dergleichen, wie es früher – und auch noch in späteren Tagen! – oft zu geschehen pflegte.“

Außerdem hatte man nicht die Freiheit, so viel Gewicht im Haus zu haben, wie man wollte. „Um den Betrug zu beheben, der mit dem Recht der Waage begangen wurde“, wurde am 28. März 1538 den Waagenmeistern aufgetragen, darauf zu achten, dass Krämer, Fettwarenhändler und andere, die sich mit Gewichten „abgaben“, kein höheres Gewicht in ihren Häusern hatten oder verwendeten als 22½ Pfund.

Eine Quelle großen Kummers und ständiger Uneinigkeit waren die Hausierer von außerhalb der Stadt, die mit ihren Schiffen ankamen. Der eine oder andere Zunftbruder profitierte dann davon und kaufte zu sehr vorteilhaften Bedingungen die Waren, die sie mitgebracht hatten. Um diese Ungerechtigkeit gegenüber den anderen Mitgliedern der Zunft zu verhindern, wurden Bestimmungen erlassen, dass die Hausierer ihre Waren nicht an Land bringen durften, bevor der Zunftbote alle Zunftbrüder zusammengerufen hatte. So hatte jeder die Möglichkeit, davon zu profitieren.

Marken

Die älteste bekannte Marke der Fettwarenhändler-Zunft stammt aus dem Jahre 1618 und wurde erst 2001 von Chris Teulings beschrieben.

Die Gilde verwendete zwei Arten von Marken: Sargträgermarken (in kleiner Stückzahl) und Präsenzzeichen, deren Anzahl die hohe Anzahl an Mitgliedern widerspiegelt.

1648 wurden die Präsenzeichen aus Kupfer mit einem deutlichen kleineren Durchmesser (35 mm) gefertigt. Die Herstellung war mit 19 Stuiver/Stück recht kostspielig. Dekan Joh. Schoonakker spricht zum ersten Mal in einer Rechnung von 1684 von „tinnen penningen“ (Zinnmarken), die in der Herstellung zunächst nur noch 1 Stuiver/Stück kosteten:

• 1684. Gezahlt an Gillys von der Zunft für das Herstellen der Kupferform, um Medaillen darin
zu gießen: £ 3.6.8.
• 1684. Gezahlt an mich selbst (den genannten Joh. Schoonakker) für das Herstellen von 200
Zinnmarken und das Zeichnen derselben: £ 1.16. Obige Marke mit der gravierten Zahl 200 ist
also das letzte Stück dieser Serie und gibt einen Hinweis auf die Größe der Zunft.
• 1688. Gezahlt an Filips von der Zunft für das Herstellen von 52 Marken für die Zunft: £ 1.9.
• 1688. Gezahlt an Anthony Gerretsen für das Zeichnen von 125 Marken: £ 0.8.

Literatur

De Man, Marie G.A.: Iets over het Vettewariersgilde te Middelburg en over een tot nu toe onbekenden begrafenispenning van dit gilde. Jaarboeg vor Munten- en Penningkunde, 9 (1901), S.3-54: https://jaarboekvoormuntenpenningkunde. ... /1901b.pdf

Wittop Koning, D.A.: DE PENNINGEN DER NOORD-NEDERLANDSE AMBACHTSGILDEN. TWEEDE SUPPLEMENT; JAARBOEK VOOR MUNT- EN PENNINGKUNDE, 77 (1990) S.119-1143.

Teulings, C.D.O.J.: Gildepenningen (13), Bij “vernachte wete”… een onbeschreven Middelburgse Vettewarierspenning, De Muntmeester, 6, 1, (2001) 6-16.
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund - eine Nachbarschaftsmarke aus Leiden

Beitrag von MartinH » Mo 29.06.26 12:30

Kürzlich habe ich auf einer Auktion dieses Exemplar als „unbestimmte Marke“ erworben:
Leiden 1.jpg
32 mm, 24,54 g
vermutlich bisher unediert

Es handelt sich um eine einseitige Bleimarke, die auf der Vorderseite eine Burg mit der Umschrift „D Rosette B . VANSCHEIDENBVRCH Rosette“ zeigt und damit sehr einfach als Nachbarschaftsmarke (Präsenzzeichen) der Nachbarschaft „van Scheidenburg“ zu identifizieren ist. D B steht für "De Buurt"

Allex Kussendrager hat diese Marke mittlerweile auf seine Website eingestellt: https://www.loodjes.nl/Leiden.html.

Ich hatte an anderer Stelle bereits über die Nachbarschaftsmarken (Buurtpenninge) von Den Haag (s’Gravenhage) geschrieben (viewtopic.php?f=63&t=72668&p=645104&hilit=Buurt#p645104).

Die Leidener Nachbarschaftsmarken sind sehr viel seltener, viel einfacher gefertigt (aus Pb), in der Regel nur mäßig erhalten und leider gibt es auch kein zusammenfassendes Werk.

Dagegen ist die Geschichte der Leidener Nachbarschaften sehr gut und umfassend von Kees Walle erforscht worden, eine Zusammenfassung findet man auf der Website der Historischen Vereniging Leyden, aus der ich hier zitieren möchte:

Leidener Nachbarschaften
In Leiden, aber auch an anderen Orten in den nördlichen und südlichen Niederlanden, existierten einst städtische Nachbarschaftskörperschaften – die sogenannten „gebuurten“. Ihr Ursprung ist eng mit weitaus älteren Nachbarschaftsbräuchen verknüpft, wie etwa der Bestattung von Toten, der Wahrung des Nachbarschaftsfriedens und der Ausrichtung von Nachbarschaftsmahlzeiten bei Taufen, Todesfällen, Hochzeiten oder Priesterweihen. Der Begriff „Buurt“ (Nachbarschaft) hatte daher eine umfassendere Bedeutung als heute; gemeint war nicht nur eine kleine geografische Einheit, sondern vor allem die kleinteilige Organisation einer Straße oder eines Baublocks mit einer spezifischen Verhaltens- und Umgangskultur. Die dazugehörigen Bräuche, Pflichten und Rituale wurden in Leiden jahrhundertelang mit dem Verb „buurthouden“ (Nachbarschaft halten) zusammengefasst.

Im 14. und 15. Jahrhundert stand der Leidener Magistrat den kostspieligen Nachbarschaftsmahlzeiten oder „buurthoven“ ablehnend gegenüber, da diese die finanzielle Leistungsfähigkeit vieler Bewohner überstiegen und zu Arbeitsausfällen führten. Infolgedessen waren diese Mahlzeiten bis 1508 verboten. Möglicherweise ist dies der Grund, warum laut Jan van Hout das Statut der vermutlich ältesten Nachbarschaft Prily (1473) nicht als rechtsgültig anerkannt wurde. Warum die Nachbarschaftsorganisationen und ihre Bräuche schließlich doch zugelassen wurden, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich war dies die Folge des Bevölkerungswachstums, einer größeren Bebauungsdichte und der damit einhergehenden Entwicklung einer städtischen (Nachbarschafts-)Kultur. Jedenfalls lassen sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts mehrere dieser Körperschaften nachweisen. Es gibt Anzeichen dafür, dass der Entstehungsprozess um 1520 abgeschlossen war, was spätestens um 1550 definitiv der Fall war. Von diesem Zeitpunkt an – wahrscheinlich aber schon früher – existierten 73 Nachbarschaften, die die Stadt wie ein feinmaschiges Netzwerk umspannten.

Der spezifische Charakter dieser Nachbarschaftskörperschaften darf jedoch nicht mit den größeren Stadtvierteln verwechselt werden, die auf einer rein administrativen Einteilung beruhten. In Leiden waren dies die vom Magistrat eingerichteten „bonnen“. Die Einwohner jedes Bon waren verpflichtet, bei der Brandbekämpfung und dem Eisfreihalten der Stadtgräben zu helfen, während die Bonmeester die Brandsicherheit sowie die Instandhaltung von Brücken und Grachten überwachten. Nach der letzten Stadterweiterung im Jahr 1659 zählte Leiden 27 solcher Bonnen.

Im Gegensatz dazu waren die Nachbarschaften laut Stadtschreiber Jan van Hout auf Initiative der Einwohner entstanden, und der Magistrat hatte ursprünglich nichts damit zu tun. So wählten die Nachbarn ihre eigene Verwaltung. An der Spitze stand ein Kaiser, König, Herzog, Graf oder Herr. Dabei handelte es sich um Scherztitel, vergleichbar mit der Titulatur heutiger Karnevalsvereine. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kamen diese Bezeichnungen aus der Mode, und man sprach allgemein vom „Heer der Gebuurte“ (Herr der Nachbarschaft). Der Vorsteher wurde von einem oder zwei Räten und Schatzmeistern unterstützt. Zudem gab es den Nachbarschaftsknecht, der Dienste für die Verwaltung verrichtete und dafür aus der Nachbarschaftskasse entlohnt wurde. Jede Nachbarschaft hatte einen Namen. Einige hatten religiöse Bezüge (Mozes, Patmos, Samaria), verwiesen auf Wallfahrtsorte (Jeruzalem, St. Jacob de Compostella) oder Heilige (St. Annenrijk, St. Barbarenrijk, St. Joris). Andere führten humorvolle Namen wie Blik in de Aaszak (Blick in den Beutel), Klein van Macht (Klein an Macht) oder Paplepel (Breilöffel). Wieder andere schmückten sich mit Namen wie Rome, Constantinopel, Rode Zee (Rotes Meer) oder Blom van Jericho. Namen mittelalterlicher Prostitutionsviertel wie Billenburg oder Vreugdenrijk erinnerten an die frivolen Aktivitäten, die dort einst stattfanden.

Im Jahr 1593 setzte der Magistrat auf Vorschlag von Jan van Hout der Unabhängigkeit der Nachbarschaften ein Ende. Alle individuellen Reglements wurden abgeschafft und durch eine allgemeine Verordnung ersetzt, die Generale Ordonnantie (Allgemeine Satzung). Seitdem wurden die Vorsteher nicht mehr direkt von den Bewohnern gewählt, sondern vom Magistrat aus einem von den Nachbarn erstellten Dreiervorschlag ernannt. Neu war, dass die Nachbarschaftsverwaltungen mit Aufgaben wie der Fremden- und Einwohnerregistrierung betraut wurden. Zudem mussten sie die Diakone des Armenhauses informieren, um besser zwischen „würdigen Armen“ und „Arbeitsscheuen“ unterscheiden zu können. Diesen Plan hatte Van Hout bereits 1577 in seinem berühmten „Armenbericht“ formuliert. Seine Ideen lehnten sich eng an die Ansichten seines Freundes, des Philologen Justus Lipsius, an, der die Ernennung von Censores empfahl. Diese sollten aus der Bürgerschaft gewählt werden und sich um all das kümmern, was das Gesetz nicht ausdrücklich gebot oder verbot – eine Form reglementierter sozialer Kontrolle. Die Zensoren sollten über zwei Machtmittel verfügen: Geldstrafen und öffentliche Demütigung. In diesem Sinne kann die Reorganisation des Nachbarschaftswesens als Produkt späthumanistischen Denkens über die Staatsverwaltung gesehen werden. Auf diese Weise sicherte sich der Magistrat ein Paket kostenloser Dienstleistungen, wobei die Nachbarschaftsvorsteher als Vermittler zwischen Stadtregierung und Bevölkerung fungierten.

Neben neuen Bestimmungen enthielt die Verordnung von 1593 auch alte Regeln. So war es längst üblich, dass mittellose Einwohner auf Kosten der Nachbarschaft bestattet wurden. Ebenso war es Brauch, beim Mieten oder Kauf eines Hauses einen bestimmten Betrag in die Nachbarschaftskasse zu zahlen. Die Bestimmung, bei Hochzeit oder Tod der Nachbarschaft ein „freiwillig verpflichtendes“ Geschenk zu machen, wurde bereits 1473 im Statut der Nachbarschaft Prily erwähnt. Auch das Strafgeld für das Fernbleiben von einer Beerdigung oder für die Störung des Nachbarschaftsfriedens war bereits lange etabliert.

Die „Keur op de Gebuurten“ hatte verpflichtenden Charakter; kein Leidener konnte sich ihren Bestimmungen entziehen. Von jedem wurde erwartet, „Nachbarschaft zu halten“ – ein Begriff, der bis ins 19. Jahrhundert fortbestand. Dennoch gelang es Van Hout nicht vollständig, das System zu reformieren. Sein Versuch von 1602, die 73 Nachbarschaften zu verkleinern und neu einzuteilen, scheiterte. Zu seinem Zorn wurde sein Entwurf für 176 neue Körperschaften nicht umgesetzt. Der Grund war, dass der Magistrat bei näherer Betrachtung davor zurückschreckte – vermutlich, weil, wie Van Hout selbst andeutete, die reichen Leidener keine Gemeinschaft mit ihren armen Mitbürgern pflegen wollten. Da die Bevölkerung jedoch enorm wuchs, wurde die Aufteilung vieler Nachbarschaften schließlich doch unumgänglich. Zudem machten die Stadterweiterungen des 17. Jahrhunderts Neugründungen nötig, sodass um 1670 in Leiden 212 Nachbarschaften existierten. Als die Einwohnerzahl infolge der Wirtschaftskrise sank, wurden verschiedene Einheiten wieder zusammengelegt. Dennoch zählte Leiden Ende des 18. Jahrhunderts noch 191 Nachbarschaften.

Die Nachbarschaft van Scheidenburg
Leiden 2.jpg
Die #181 ist die Nachbarschaft van Scheidenburg.

Sie umfasste ca. 50 Häuser und wurde am 17.06.1621 durch das Gericht (Magistrat) auf Ersuchen der Nachbarn gegründet und existierte bis 1774. Nach dem Tod des „Buurtheer“ Isac Franchimon melden die Räte von Scheidenburg, dass angesichts der geringen Anzahl von Haushalten in der Nachbarschaft es nicht möglich sei, einen neuen Vorsteher zu wählen. Zudem seien nicht genügend Personen anwesend, um etwaige Verstorbene gebührend zur Erde zu bestellen. Auch sei die Nachbarschaftskasse unzureichend, um die Armenbegräbnisse zu finanzieren, sodass aus diesem Grunde die Nachbarschaft nicht länger separat unterhalten werden könne. Man ersuchte um Anschluss an die Nachbarschaft
't Hertogdom van Marenburg, um so eine gemeinsame Nachbarschaft zu bilden. Das Gericht stimmt zu.

Damit kann die Marke dem Zeitraum 1621-1774 zugeordnet werden. Sie wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hergestellt.


Literatur

Walle, Kees: Buurthouden. De geschiedenis van burengebruiken en buurtorganisaties in Leiden (14e-19e eeuw). Leiden, Uitgeverij Gingko 2005

Über die Nachbarschaft van Scheidenburg: Website der Historischen Vereniging oud Leiden, https://www.oudleiden.nl/werkgroepen/ja ... enburg-181,
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund - Pilgerzeichen Symeon Stylites (Byzanz)

Beitrag von MartinH » Sa 11.07.26 19:25

Die Definition von Marken und Zeichen kann recht weit gefasst werden. Ein Grenzgebiet sind die frühen byzantinischen Pilgerzeichen, die im Gegensatz zu den westlichen mittelalterlichen Pilgerzeichen, als materielle Segensgabe galten, die die Pilger mit nach Hause nehmen konnten und dort auch noch Ihre Wirkung zeigen sollten. Als Beispiel möchte ich ein solches "Eulogia"-Terrakotta - Zeichen von einer Pilgerstätte eines Säuligenheiligen, des Symeon Stylites, aus der Zeit 6-8. Jhdt nach Christus vorstellen:
Stylite_1.jpg
Stylite_2.jpg
24 mm, 5,43 g
Literatur: -

In einen "Tonklumpen" wurde ein Stempel mit dem Bildnis von St. Symeon mit Kreuz auf dem Haupt auf einer säulenartigen Struktur, umgeben von zwei Engeln, mit Leiter zur Rechten und einem Gefäß mit Kreuz zur Linken (Reliquiar), eingeprägt. Der Ton wurde im Anschluss niedrig gebrannt.

Das Auktionshaus ordnete dieses Zeichen Symeon Stylites, der Jüngere, (521-594) zu, dessen Pilgerstätte auf dem Wunderberg in der Türkei nahe der Stadt Samandağ liegt, nur knapp 100 km entfernt von der Pilgerstätte Qalʿat Simʿān des Symeon Stylites, der Ältere, (389-459), die im heutigen Syrien liegt. Ein britischer Antikenhändler ordnete ein gleiches Exemplar der Pilgerstätte von Symeon, der Ältere, zu und CNG spricht i.d.R. nur von Symeon Stylites ohne weiteres Attribut. Weiter unten ist beschrieben, dass eine Zuordnung bei Zeichen ohne konkrete Umschrift fragwürdig bleibt.

Pilgerfahrten als Massenbewegung

Zu einer regelrechten Massenbewegung entwickelte sich das christliche Pilgern erst durch die Investitionen Kaiser Konstantins in Jerusalem, der am Ort des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Christi eine gewaltige Basilika und einen Rundbau, die Anastasis, errichten ließ. Jerusalem, vorher eine verwahrloste römische Garnison, erwachte zu neuer Blüte.

Zu den ersten Pilgern gehörte Konstantins eigene Mutter Helena, die laut Eusebius auf Bitten ihres Sohnes ins Heilige Land reiste, um die von ihm neu errichteten Kirchen an den heiligen Stätten zu weihen, die mit der Geburt, dem Tod und der Himmelfahrt Christi verbunden sind – Bethlehem, Golgatha und der Ölberg. Tausende sollten folgen in einer Massenmobilisierung von Körper und Geist, die ununterbrochen bis zur arabischen Eroberung des Heiligen Landes im 7. Jahrhundert anhalten sollte.

Pilger und Ihre Motivation

Wer waren diese Pilger? Wörtlich waren es die „hoi polloi“ (die breite Masse des einfachen Volkes); sie kamen aus allen Gesellschaftsschichten, aus allen Berufen (einschließlich Arme und Kranke) und aus allen Ecken der christlichen Welt. Theodoret († ca. 453) gibt eine Augenzeugenbeschreibung der vielsprachigen Gruppe, die zu Symeon Stylites dem Älteren († 459) strömte, dem berühmten syrischen Asketen, der fast vier Jahrzehnte auf dieser oder jener Säule in der öden Wildnis nordöstlich von Antiochia verbrachte:

Nicht nur die Bewohner unseres eigenen Landes strömen dorthin, sondern auch Ismaeliten, Perser und Armenier mit ihren Untertanen, [sowie] Georgier, Homeriten und Stämme, die noch weiter im Landesinneren leben. Es kommen auch viele aus dem fernen Westen, darunter aus Spanien, Britannien und Gallien. Und von Italien brauchen wir nicht einmal zu sprechen …“

Naturgemäß waren ihre unmittelbaren Beweggründe unterschiedlich: Die Kranken suchten Heilung, die Büßenden Vergebung, die Verunsicherten Führung – und viele schienen einfach gekommen zu sein, um ihren christlichen Glauben zu bekräftigen und zu vollenden. Letztlich wurden jedoch alle diese frommen Reisenden von derselben grundlegenden Überzeugung angetrieben: dass die Heiligkeit heiliger Menschen, heiliger Gegenstände und heiliger Orte in gewissem Maße durch körperliche Berührung übertragbar sei. Johannes von Damaskus drückt es ausdrücklich aus:

„Also ist dann jener ehrwürdige und wahrhaft verehrungswürdige Baum, an dem Christus sich für uns als Opfer dargebracht hat, selbst zu verehren, weil er durch die Berührung mit dem heiligen Leib und Blut geheiligt worden ist.“

Anders als der moderne Tourist, der kommt, um zu sehen, pilgerte der frühbyzantinische Gläubige, um zu berühren und zu verehren. Diese Praxis wird nirgends deutlicher beschrieben als im Reisebericht der Egeria, einer spanischen Adligen, die um das Jahr 380 eine große Reise ins Heilige Land unternahm. Es ist Donnerstag der Großen Woche; der Ort ist Konstantins Kirche auf Golgatha (Reisebericht, 37,1):

„Vor ihn [den Bischof] wird ein Tisch mit einem Tuch gestellt, die Diakone stehen um ihn herum, und man bringt ihm eine goldene und silberne Schatulle, die das Heilige Kreuzholz enthält. Sie wird geöffnet, und das Kreuzholz sowie die Inschrifttafel werden herausgenommen und auf den Tisch gelegt.

Solange das Heilige Holz auf dem Tisch liegt, sitzt der Bischof mit den Händen an beiden Enden darauf und hält es fest, während die Diakone um ihn herum Wache halten. Sie bewachen es auf diese Weise, weil nun alle Menschen – Katechumenen wie Getaufte – einzeln an den Tisch treten. Sie beugen sich darüber, küssen das Holz und gehen weiter. Einmal (ich weiß nicht, wann) biss jedoch einer ein Stück des Heiligen Holzes ab und stahl es; deshalb stehen die Diakone nun herum und passen auf, damit niemand es wagt, das Gleiche zu tun.“


Den Pilgerstätten gab dieses Bedürfnis die Chance mit Pilgereulogien nicht unerhebliche Einnahmen zu generieren.

Pilgereulogien

Das Pilgersouvenir der Frühbyzantiner die Eulogia oder der „Segen“ – war kein Andenken, das angenehme Erinnerungen wecken sollte wie ein modernes Touristensouvenir, sondern vielmehr ein Stück tragbarer, greifbarer Heiligkeit, die über eigene Kraft verfügte und ihrem Besitzer spirituelle Kraft vermitteln konnte. Wenn es sich um materielle Gaben handelte, bestand dieser „Segen“ in der Regel aus einer kleinen Menge einer alltäglichen Substanz wie Öl, Wasser oder Erde, die durch Berührung mit einer heiligen Person oder einem heiligen Gegenstand geheiligt worden war.

In diesem Zusammenhang sind die Terrakotta Pilgerzeichen (Erdjetons) der Pilgerstätten der Säulenheiligen St. Simeon der Ältere und St. Simeon der Jüngere zu sehen, die nur ca. 100 km voneinander entfernt liegen. Die Pilgerzeichen sind durch Ihr Material Träger des Segens, entsprechen daher funktional den Pilgerfläschchen und Ihre Wirkung wird durch die Abbildung des Heiligen verstärkt. So wird in der Vita von Symeon dem Jüngeren beschrieben, wie Symeon zu einem Pilger mit einem kranken Kind sagt: „Die Kraft Gottes ... ist überall wirksam. Nimm daher diese Eulogie aus meinem Staub, geh fort, und wenn du den Abdruck unseres Bildes betrachtest, sind wir es, den du sehen wirst.“ Symeon bietet dem Priester hier zwei ganz unterschiedliche Arten von Gewissheit, dass die Heilung seines Sohnes letztendlich tatsächlich eintreffen wird. Die eine ist natürlich der „gesegnete“ Staub, den der Priester vermutlich als das typische, hochwirksame Heilmittel des Heiligen erkennen wird. Die andere ist jedoch das Bild des Heiligen, das diesem Staub aufgeprägt ist; irgendwie sollte die Sorge des Priesters dadurch gemildert werden, dass er weiß: Wenn er und sein Sohn nach Hause kommen und diesen Abdruck betrachten, werden sie im Grunde mit einer Vision des Heiligen selbst konfrontiert.

Qalʿat Simʿān: das Heiligtum Symeons d. Ä.

Geboren 389 in Sisan, gestorben 459 in Qal’at Sim’an, ging St. Simeon der Ältere als erster christlicher Säulenheiliger in die Kirchengeschichte ein. Er lebte als Anachoret über mehrere Jahrzehnte auf einer Säule, um durch strenge Askese zu ständiger Gemeinschaft mit Gott zu finden. Simeon galt als Heiliger, der durch konsequente Übung zu Gott gefunden hatte. Das Können und Wissen, über das er infolge dieser Übung verfügte, zeigte sich z. B. in seiner Fähigkeit zu heilen sowie darin, dass er zweimal täglich von der Säule herab lehrte, Fragen beantwortete, Segen erteilte und dergleichen mehr. Kaiser Theodosius II. stieg sogar auf die Säule, um sich von Symeon beraten zu lassen. Auf diese Weise hatte Symeon der Stylit erheblichen Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Für die verfolgten Christen im Perserreich war er ein Symbol der Rettung, denn er trat für die Armen und Unterdrückten ein. Eine seiner Forderungen war eine Zinsbeschränkung auf sechs Prozent. Noch zu seinen Lebzeiten stellten Handwerker im weit entfernten Rom Bilder des Symeon als Schutzzeichen in den Eingang ihrer Werkstätten. Der „zwischen Himmel und Erde lebende Märtyrer“, der aérios martyr, starb 459 in Qal’at Sim’an.

In diesem Heiligtum wurden in der Spätantike nacheinander zwei Arten von Pilgereulogien produziert. Wie die unterschiedlichen Viten für Symeon d. Ä. berichten, teilte der Heilige in der Mitte des 5. Jahrhunderts pures Ḥnānā aus. Das war eine feste Mixtur aus Staub des Stylitenberges, Öl und Wasser, das der Heilige zu Lebzeiten neben reinem Öl an Pilger verteilte und aufgrund seiner Berührung zur Kontaktreliquie geworden war. Eingesetzt wurde es gegen die Gefahren von Wildtieren und Seestürmen auf der Reise und diente auch der Heilung, der Wiederbelebung von versiegten Wasserquellen und der Brotvermehrung. Die relativ feste Substanz benötigte keine Behälter oder wurde in Lederbeutelchen transportiert, die sich nicht erhielten.

Zu späterer Zeit erscheint eine andere Pilgereulogie für den i. J. 459 verstorbenen Symeon d. Ä. Sie findet aber in seinen Viten keine Erwähnung, da es sie zu seinen Lebzeiten noch nicht gab. Sie ist ausschließlich archäologisch überliefert und anhand stratifizierter Kontexte dem 6.–7. Jahrhundert zuzuweisen. Bislang wurden von ihnen insgesamt etwa 250 Exemplare dokumentiert. Es handelt sich dabei um tönerne Gegenstände mit einem Durchmesser von etwa 2,5 cm, die manchmal unter Beimischung von Wachs hergestellt und in einem Fall mit Metall überzogen wurden. Die Kontaktreliquie Ḥnānā blieb Hauptbestandteil der Rezeptur. Die sogenannten Pilgerzeichen sind Tonerdeklumpen, die durch Stempelung hergestellt wurden. Sie werden daher in den Quellen als σφραγίδες/σφραγίδια bezeichnet. Da sie – wenn überhaupt – nur unter niedrigen Temperaturen gebrannt wurden, konnte man sie zerbröseln. Gary Vikan muss darin zugestimmt werden, dass die Zeichen in funktionaler Hinsicht mit den an anderen Pilgerorten verbreiteten Pilgerampullen zu verbinden sind: Obgleich sie nicht wie im Falle der Menasampullen oder den kleinasiatischen Ampullen Flüssigkeiten aufnahmen, umschlossen sie ebenso eine Kontaktreliquie, in diesem Falle das Ḥnānā.

Die Zeichen wurden vornehmlich bei Grabungen am Heiligtum selbst sowie in Dayr Simʿān am Fuße des Stylitenberges aufgefunden, sowie in Dāḥis. Auch wenn ihr eigentlicher Produktionsort mit eventuellen Öfen noch nicht entdeckt wurde, ist dieser zweifellos in direkter Umgebung des Berges zu suchen. In den letzten Jahren wurden 46 Zeichen in den Läden VS01 und VS02 am Eingangstor zum Aufstieg der via sacra vergesellschaftet mit Münzgewichten, Glasarmreifen und Bronzekreuz-Pendanten in einem Kontext vom Ende des 6. Jahrhunderts ausgegraben. Foskolou deutet die Funktion der Läden als »reception rooms«; die Befundsituation spricht aber deutlich dafür, dass in ihnen Zeichen und anderes verkauft wurden.

Auf den Zeichen ist eine große Vielfalt von Bildmotiven zu erkennen. Etwa die Hälfte der Zeichen zeigt Symeon d. Ä., ansonsten ein breites Spektrum biblischer Szenen, besonders die Magierhuldigung sowie Schiffdekore. Einige haben eingeritzte Namen, die – je nach Forschermeinung – entweder auf den Hersteller oder den Pilger zu beziehen sind, ohne dass diese Frage zu klären ist.

Mons admirabilis: das Heiligtum Symeons d. J.

Er war ein syrischer Säulenheiliger des 6. Jahrhunderts (521-594). Im Jahr 547 suchte Symeon den Berg der Wunder am Standort des heutigen Klosters des Symeon Stylites des Jüngeren auf und ließ sich dort auf einer höheren Säule nieder. Seine Priesterweihe erhielt er im Jahr 554 auf dieser Säule sitzend. Nachdem sich zahlreiche Schüler Symeons rund um die Säule niedergelassen hatten, erfolgte schließlich die Gründung des Klosters. 566 bestieg Symeon am gleichen Ort seine dritte Säule. Symeon wurde zum Ziel reger Wallfahrten auch über weite Entfernungen, bis hin nach Georgien. Zahlreiche Krankenheilungen sind überliefert.

Symeon d. J. (gest. 592) übergab eigenhändig Zeichen an Pilger, die in seiner Vita als σφραγίδες angesprochen werden. Gewiss wurden daher auch für dieses Heiligtum solche Gegenstände produziert. Da allerdings auf dem Mons admirabilis selbst keine Funde gemacht wurden, ergibt sich dies lediglich aus den Textquellen und etwa sechs in Sammlungen befindlichen Marken, die durch ihre Beischrift klar auf den jüngeren Symeon zu beziehen sind. Die meisten der schätzungsweise 250 Marken mit einer Stylitendarstellung in ihrem Zentrum sind beischriftenlos und weisen nur eine geringe Variation auf. Sie lassen sich daher kaum einem der beiden Styliten sicher zuweisen: »L’attribution à l’un ou l’autre des Syméon est délicate«.

Ungeachtet dessen übergehen die meisten Forscher das Problem und ordnen die Marken willkürlich zu:

»The majority of stylite eulogiai have been attributed to the shrine of Saint Symeon the Younger. Only a few examples have been identified with the site of his predecessor, Saint Symeon the Elder«

So Bissera Pentcheva, die das mit der angeblichen Bilderskepsis der Miaphysiten begründet – ohne freilich darauf einzugehen, dass Dutzende Zeichen in Qalʿat Simʿān gefunden wurden. Umgekehrt behauptet Ayşe Belgin-Henry, dass gewiss beinahe keines der unbezeichneten Zeichen auf Symeon d. J. zu beziehen sei. Jean-Pierre Sodini unternahm eine systematische Untersuchung des Problems, in der er abschließend folgert, dass man zwar ikonographisch unterschiedliche Zeichengruppen ausmachen könne, dass aber eine eindeutige Zuweisung nicht möglich sei. Die Darstellungen Symeons d. Ä. seien »plus rustique« und jene Symeons d. J. folgten dem Bildformular des Ersteren nicht vollständig. Dem ist grundsätzlich beizupflichten. Beiden gemein sind die zentralen Bildelemente: Säule ohne Kapitell, flankierende Engel mit Palmwedeln in ihren Händen sowie Beifiguren (oft als Mönche gekennzeichnet).

Jüngste Materialanalysen haben ergeben, dass bei den untersuchten Zeichen eine identische Tonzusammensetzung festzustellen ist; mit einem Ton, der offenbar aus der direkten Umgebung von Qalʿat Simʿān stammte. Deshalb vermuten die Ausgräber von Qalʿat Simʿān eine gemeinsame Produktion beider Zeichengruppen in denselben Werkstätten (6.-7. Jh.), doch nicht notwendigerweise mit denselben Stempeln. Während bei den in Qalʿat Simʿān gefundenen Zeichen oft ein Kantharos abgebildet ist, ist dessen Stelle bei jenen des Mons admirabilis von einer Beifigur eingenommen. Zudem erscheint es naheliegend, dass sich aufgrund des zeitlich späteren Produktionsschwerpunkts beim jüngeren Symeon im Vergleich zum älteren einerseits die Variation der Darstellungen eingeengt, andererseits die Qualität der Stempelung verbessert hatte. Aus solchen Überlegungen heraus lassen sich mindestens 50 Zeichen mit einiger Wahrscheinlichkeit Symeon d. J. zuweisen. Es verbleibt dennoch der Eindruck, dass fehlende Beischriften, die Ähnlichkeit der Zeichen und die gleichen Produktionsorte wohl so zu interpretieren sind, dass es für die zeitgenössischen Pilger keinen großen Unterschied machte, von welchem der beiden Stylitenheiligtümern sie ein Zeichen mitnahmen. Aus Sicht der Pilgerzentren jedoch bedeutete jene gleichartige Eulogienvergabe, dass sie sich in der ausgehenden Spätantike auf gleicher Augenhöhe sahen.

Lebenszyklus der Pilgerzeichen

Der Lebenszyklus der bildtragenden Pilgerzeichen scheint relativ kurz gewesen zu sein: Seine Wurzeln lagen im 5. Jahrhundert, seine Blütezeit und Verbreitung im 6. Jahrhundert, und sein Ende kam mit dem Verlust Palästinas, Syriens und Ägyptens an die Araber im 7. Jahrhundert. Allerdings wurden mit der Rückeroberung der Region um Antiochia durch Byzanz im späten 10. Jahrhundert der Wunderberg und sein Pilgerhandel wiederbelebt.

Die vor der arabischen Eroberung verbreiteten Pilgerzeichen-Designs wurden dann bewusst wiederaufgegriffen im Laufe der Jahrhunderte ging jedoch ihr ursprünglicher Sinn verloren.

Zwar sind die Inschriften im Grunde dieselben (hier: „Segen des heiligen Symeon vom Wunderberg, Amen“), und auch das Gesamtdesign mit Säule, Brustbild, Engeln und Begleitfiguren blieb erhalten. Diese mittelbyzantinischen Symeon-„Andenken“ sind jedoch keine echten Eulogien; es handelt sich stattdessen um gegossene Pilgerzeichen, die aufgrund ihres Materials – meist Blei – nicht in der Lage sind, den traditionellen irdischen „Segen“ des Wunderbergs zu vermitteln.

Literatur

Vikan, Gary: Byzantine Pilgrimage Art, 1982; https://archive.org/details/vikan-byzan ... 9/mode/2up

Foskolou, Vicky A.: »Reading« the Images on Pilgrim Mementoes (Eulogies): their Iconography as a Source for the Cult of Saints in the Early Byzantine Period, In: Ariantzi, D. / Eichner, I. (eds): Für Seelenheil und Lebensglück. Das byzantinische Pilgerwesen und seine Wurzeln, Mainz, 2018, S. 315-325; https://www.academia.edu/36794982/_Read ... Mainz_2018

Ritter, Max: Zwischen Glaube und Geld: Zur Ökonomie des byzantinischen Pilgerwesens (4.–12. Jh.), In: Byzanz zwischen Orient und Okzident 14, Mainz 2019 (Dissertation 2017), https://www.academia.edu/42000008/Zwisc ... ns_4_12_Jh_

Boero, Dina / Kuper, Charles: Steps toward a Study of Symeon the Stylite the Younger and His Saint’s Cult, Studies in Late Antiquity,Vol.4,Number 4, 2020, pps.370–407, https://online.ucpress.edu/SLA/article/ ... tylite-the

Wikipedia: Symeon Stylites der Ältere; Symeon Stylites der Jüngere
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Beitrag von ischbierra » So 12.07.26 10:17

Hallo Martin.
vielen Dank für den Beitrag (der Danksagungsbutton funktioniert hier leider nicht). Völlig neues Thema für mich. Im Jahr 2000 stand ich in der KIrchenruine des Älteren vor dem Rest der Säule, geschätzt weniger als einen Meter hoch - offenbar haben die "Mauerspechte" früherer Jahrhunderte ganze Arbeit geleistet. Im Umfeld der Kirche sind noch die Überbleibsel der Pilgerindustrie zu sehen. Wieviel davon nach IS noch zu sehen ist, weiß ich nicht.
Gruß ischbierra
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Beitrag von rati » So 12.07.26 10:51

Hallo MartinH,

ein Thema das ich bisher nicht kannte und sehr interessant finde.
Ich habe da sogenannte Kreuzfahrer Bleitoken, über die nicht viel bekannt ist. Dein Betrag über das Byzantinischen Pilgerzeichen brachte mich auf die Idee ob diese Bleitoken vielleicht in der Dir bekannten Literatur schon einmal erwähnt wurden.
Hier der Link: https://www.zeno.ru/showgallery.php?cat=1291

Gruß rati

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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Beitrag von MartinH » So 12.07.26 14:23

rati hat geschrieben:
So 12.07.26 10:51
.. Dein Betrag über das Byzantinischen Pilgerzeichen brachte mich auf die Idee ob diese Bleitoken vielleicht in der Dir bekannten Literatur schon einmal erwähnt wurden.
Gruß rati
Hallo rati. Ich besitze selber 3 dieser Bleimarken. Diese Bleimarken dienten wohl als lokales Kleingeld, deren Einführung auf Europäische Gewohnheiten zurückging. Meines Wissens gibt es nur sehr wenig Literatur, die Du auch auf der von Dir zitierten Website findest:

- Das Buch von Mitchiner: Jetons, Medalets and Tokens, I: The Medieval Period and Nuremberg, 1988, 704 p (darauf habe ich keinen Zugriff; bei manchen Auktionen wird ein Mitchiner Zitat in der Gegend von #2430 angegeben)

- Ein Artikel von Kool: https://www.academia.edu/5515002/2013_R ... ates_49_54 (Dieser beschreibt Funde von 285 dieser Marken, meine sind aber z.B. nicht darin enthalten).

Ein Artikel in Leaden Tokens Telegraph No. 106, page 5 bezieht sich auf den Artikel von Kool

Viele Grüße
Martin

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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Beitrag von rati » So 12.07.26 15:20

Danke für die Antwort. Hatte gehofft es wären noch andere Quellen vorhanden.

Chippi
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Beitrag von Chippi » So 12.07.26 17:17

Danke für deinen Beitrag! Kann man dieses Stück auch als Pilgerzeichen sehen? Hier: viewtopic.php?f=44&t=73400&p=645381&hil ... en#p645381.

Gruß Chippi
Wurzel hat geschrieben:@ Chippi: Wirklich gute Arbeit! Hiermit wirst du zum Byzantiner ehrenhalber ernannt! ;-)
Münz-Goofy hat geschrieben: Hallo Chippi, wenn du... kannst, wirst Du zusätzlich zum "Ottomanen ehrenhalber" ernannt.

MartinH
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Re: Alte Marken und Zeichen und Ihr Hintergrund

Beitrag von MartinH » So 12.07.26 18:44

Hallo Chippi,

tut mir leid, bei dem Stück (ich hatte Deinen Beitrag dazu gesehen), klingelt bei mir nichts. Bei einem Pilgerzeichen müsste die Ikonographie mit der Pilgerstätte in irgendeiner Art verbunden sein.

Viele Grüße
Martin
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Chippi (So 12.07.26 19:59)

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