Nachdem ich mir unlängst auch eine solche Gorgonenhauptmünze zugelegt habe, hab' ich das Thema wieder aufgegriffen und etwas weiter recherchiert.
loron hat geschrieben: ↑So 14.04.24 21:14
... Ed Snible (der aus cointalk) sprach beim Warschauer Kongress über das Thema. ...
Der Konferenzband ist inzwischen erschienen und online verfügbar, den Artikel von Ed Snible zu seinem Vortrag "Production Characteristics of Archaic Drachms Depicting the Gorgoneion and Problems with their Attribution to Parion" findet man hier

:
https://www.brepolsonline.net/docserver ... D8EC647510
Sonderlich überzeugt hat mich das Werk aber nicht

.
Im Abschnitt "Weights" meint Snible, aus einer Auswertung von 54 bei eBay verkauften Exemplaren drei Nominale ableiten zu können, mit Gewichten um 2,3 g, 3,1 g und 3,9 g. Er hat zwar angeblich eine Datenmenge von 231 Exemplaren der schweren Variante, die hat er aber wohl zur Bestimmung der verschiedenen Nominale nicht verwendet. In seiner weiteren Analyse beschränkt sich Snible auf die schwerere Variante dieses Münztyps.
Im Abschnitt "Dating" wird die schwere Variante nach traditioneller Lesart zwischen 500 und 475 v. Chr. datiert. Argumentiert wird mit dem Vergrabungsdatum des Asyut-Horts von 475 v. Chr., der eine dieser Münzen enthielt.
Snible behauptet, dass es zwischen der schweren und der leichten Serie keine Unterbrechung gegeben habe, da es Stempel gäbe, die für beide Serien verwendet worden seien. Den Nachweis dafür bleibt er leider schuldig

. Es wird auch nicht erklärt, was das denn genau heißen soll, da er die Serien ja nur anhand der Gewichte unterscheidet.
Eine Münze von Apollonia Pontika aus einer Auktion des Kölner Münzekabinetts von 1974, Los 29, sei eine Überprägung auf eine späte Gorgonenhaupt-Incusum-Münze (wobei man selbst suchen muss, welche der zwei Auktionen von 1974 das war

, es war die Nummer 15 vom 24.-26. Oktober1974). Anhand der Abbildung könnte das sein, muss es aber nicht

.
Der Abschnitt "Die (Degradation) Study" ist mir in weiten Teilen nicht nachvollziehbar

. Hier wird anhand von vier Münzen eine Stempelabfolge vorgeschlagen, in Abbildung 3 zu sehen, bei der ich keine Stempelgleichheit zu erkennen vermag. Seine These, dass da immer wieder Stempel nachgeschnitten wurden, sehe ich eher als Rettungsversuch seiner Stempelabfolgen.
Kurios hier auch die Aussage, dass eine Münze mit dem gefälligeren Gorgonenhaupt (seine Abbildung 38.6) die älteste Variante der schweren Serie sein soll. Dieses Exemplar aus der ANS (
https://numismatics.org/collection/1975.218.5) wird dort zwar als eines mit 3,93 g Gewicht beschrieben, gehört aber von der Optik her eindeutig zur leichteren Variante (es wäre auch gegebenenfalls nicht der erste Fehler, der sich in den ANS-Systemen findet

). Hier zeigt sich, dass man vom Gewicht einer einzelnen Münze her allein nicht automatisch auf die Variante schließen kann, da sich die beiden Gewichtsverteilungen ein gutes Stück überlappen (siehe auch weiter unten). Das Aussehen der Münzen muss eben mit betrachtet werden.
Im Abschnitt "Find Spots" wird gegen eine Herkunft dieser Münzen aus Parion argumentiert, da die wenigen Hortfunde, die man davon hat, alle auf der anderen Seite der Propontis lägen, also in Thrakien. Es werden dabei aber auch die Funde der schwereren und der leichteren Varianten gleich behandelt. Dass die Plattnasen (s.u.) thrakische Imitationen sind, würde ich vielleicht noch glauben, die anderen müssen es aber nicht unbedingt sein.
Zur Untermauerung der Thrakien-These werden dann noch drei unveröffentlichte Hortfunde aus der türkischen Provinz Kırklareli nördlich der Propontis aus dem Ärmel gezogen, über die wir aber ansonsten fast nichts erfahren, keinerlei Hinweis, woher er diese Informationen bezogen hat

.
Damit spekuliert Snible ein bisschen herum und landet bei Bizye, dem heutigen Vize, als möglicher Prägestätte, von dem man ja schließlich noch keine Münzprägung aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. kennen würde. Bizye hat nach heutigem Stand erst in römischer Zeit Münzen geprägt, eine münzlose Lücke von drei- oder vierhundert Jahren erscheint mir da doch etwas unplausibel

.
Das Argument der gehäuften Fundorte in Thrakien relativiert sich auch wieder, wenn man mal anschaut, wo denn überall die späteren Gorgoneion-Rind-Hemidrachmen gefunden wurden, auf denen nun das Ethnikon ΠΑΡΙ deutlich draufsteht

:
https://coinhoards.org/maps?q=mint_face ... 0Period%22 (die Hortfunde sind die roten Punkte).
Auch hier haben wir in überwältigender Mehrheit Fundorte in Thrakien, die zeigen, dass Münzen aus Parion in großen Mengen nach Thrakien gelangt sind. Aufgrund der Fundorte alleine kann man also Parion als Prägestätte nicht ausschließen.
Was Snible da zu berichten hat, ist in meinen Augen also alles nicht so ganz stringent, um es mal vorsichtig auszudrücken

.
Ich hab' dann spaßeshalber auf Basis von Auktionen in acsearch.info selbst ein bisschen Statistik betrieben, bin aber zugegebenermaßen etwas grob vorgegangen ("quick and dirty", wie man heutzutage so schön sagt

). Was also hab' ich getan?
Mein
Filterkriterium um diese Münzen zu finden war "(parion parium) drachm* -bull -lion* -lysim* -milet -byzan*". Damit hab' ich Münzen weggefiltert, die nicht dazugehören, auch von den Imitationen sind dann diejenigen nicht erfasst worden, die nicht als Drachme bezeichnet wurden (viele sind dafür zu leicht). Die zeitgenössischen Imitationen betrachte ich also nicht. Damit erhalte ich etwa 1150 Exemplare.
Dann ergänzte ich die Suchkriterien um einen Term "m.n*", um
einzelne Gewichtsklassen herausfiltern zu können. Gebe ich da beispielsweise "3.8*" ein, dann erhalte ich (in der Regel, siehe unten) Exemplare mit einem Gewicht, das mit 3,8 beginnt, also größer oder gleich 3,80 und kleiner als 3,90 ist.
Nur über die Gewichte zu gehen, erschien mir zu kurz gegriffen, da man ja bei den Münzen deutliche stilistische Unterschiede erkennen kann. Daher hab' ich mir die Münzen in
drei stilistische Gruppen eingeteilt.
- "Die Grässlichen" zeichnen sich durch große Glubschaugen, weit aufgerissenen Mund mit weit herausgestreckter schmaler Zunge, abstehende Haare (die hier auch wie Schlangen aussehen) und große Ohren aus. Das Incusum auf dem Revers ist recht wirr, eine Mischung aus schmalen Graten (die eher nicht rechtwinklig zueinander verlaufen) und eher unklaren weiteren Strukturen.
Ein repräsentatives Beispiel dafür wäre dieses:
.
(https://ikmk.smb.museum/object?id=18276519)
.
- "Die Freundlichen" zeichnen sich durch kleinere Augen, weniger aufgerissenen Mund, Haarwellen auf dem Kopf und kleinere Ohren aus (die Komparative jeweis auf die Grässlichen bezogen). Das Incusum auf dem Revers sieht strukturierter aus und ähnelt einer Art Kreuz aus Doppellinien mit einem Punkt in der Mitte und noch wenigen weiteren Strichen. Die Linien verlaufen weitgehend parallel und rechtwinklig zueinander. Ein gutes Beispiel ist dieses:
.
(https://www.corpus-nummorum.eu/types/20010)
.
- "Die Plattnasen" schließlich haben wieder größere Augen, keine erkennbare herausgestreckte Zunge, ebenfalls Haarwellen auf dem Kopf, kaum erkennbare Ohren und passen häufig nur teilweise auf den Schrötling. Charakteristisch ist die nach unten gezogene Nasenspitze und ein insgesamt eher flaches Relief. Das Incusum auf dem Reves ähnelt dem der Freundlichen. Die Plattnasen sehen dann so aus:
.
(https://www.corpus-nummorum.eu/coins/41560)
Dann bin ich losgezogen und hab' mir die Münzen für jede der Gewichtsklassen herausgefiltert und per Augenschein gezählt, wieviel Münzen einer Gewichtsklasse jeweils in meine drei Gruppen fallen. Und hier fängt jetzt das Grobe meiner Vorgehensweise an

:
- Wenn ein und dieselbe Münze in mehreren Auktionen angeboten wurde, dann habe ich die nur einmal gezählt, sofern ich das bemerkt habe. Da ich das aber vermutlich nicht immer bemerkt habe, werden eine Reihe Mehrfachzählungen dabei sein.
- Die Entscheidung, zu welcher stilistischen Gruppe eine Münze gehört, ist in manchen Fällen eher subjektiv, da es auch einige Übergangsformen gibt (z.B. Avers der Grässlichen mit weniger wirrem Revers der Freundlichen). Hier habe ich mich am Avers orientiert. Münzen, bei denen man das Gorgonenhaupt wegen schlechter Erhaltung gar nicht mehr richtig erkennen konnte, hab' ich nicht gezählt.
- Da ich stilklassenweise gezählt habe, könnte es passiert sein, dass ich eine Münze zweimal oder gar nicht berücksichtigt habe.
Insgesamt glaube ich aber, dass diese Fehler die Grundtendenzen meiner Statistik nicht beeinflussen und im Rauschen untergehen

.
Die Ergebnisse meiner Zählung sehen dann so aus (bei den Grässlichen ist die Skalierung der Y-Achse aber eine andere als bei den anderen zwei):
.
.
Für die Grässlichen ergibt sich beim Gewicht ganz klar eine Spitze zwischen 3.9 und 4.0 g.
Die Freundlichen haben ihre Spitze um die 3,4 g und sind auch breiter gestreut (ich hab' mir jetzt erspart, das auszurechnen, das sieht man mit bloßem Auge

).
Die Plattnasen liegen mit dem Gewicht um die 3,2 g und sind ebenfalls etwas breiter gestreut.
Was sagt uns das jetzt?
- Das Gewicht bei Snible von etwa 3,9 g für die Grässlichen stimmt.
- Ob man die Freundlichen und die Plattnasen aufgrund des Gewichts wirklich in zwei Gruppen aufteilen kann, erscheint mir nicht sicher, dazu liegen die Gewichte zu dicht beieinander
. Hier wären weitere Untersuchungen bestimmt interessant (z.B. Metallanalysen, Datierungen von Hortfunden usw.).
- Das Gewicht von etwa 3,1 g bei Snible für die Freundlichen und die Plattnasen zusammen (er trennt die ja nicht) ist zu niedrig, ich komm' da auf etwa 3,3g. Da waren seine insgesamt 54 Exemplare von eBay für eine Statistik halt zu wenige
.
- Ob die deutlich größere Anzahl der Grässlichen gegenüber den anderen zwei Gruppen (605 gegenüber 376) jetzt daran liegt, dass die in letzter Zeit vermehrt auf den Markt gekommen sind, oder ob hier wirklich mehr produziert wurden, müsste man ebenfalls weiter untersuchen. Eine Möglichkeit dazu wäre eine Stempelstudie inklusive Statistikhokuspokus, um die Emissionsgrößen abzuschätzen. Vielleicht kommt da ja von Snible noch etwas, warten wir mal ab
.
In einer Arbeit von Oya Yağız von 2020, die ich dann noch gefunden habe (die Snible mit keinem Wort erwähnt), werden noch zwei Hortfunde von Gorgonenhauptdrachmen aus dem Museum von Tekirdağ untersucht, das ebenfalls in Thrakien im europäischen Teil der Türkei liegt:
https://www.academia.edu/100765804/Teki ... e_Definesi
Interessant ist, dass die zwei Hortfunde in dem Sinne "sortenrein" sind (zumindest was die nur teilweise abgebildeten Münzen zeigen), als der erste ausschließlich die Grässlichen enthält, der zweite nur Plattnasen. Dementsprechend liegt die Gewichtsspitze der 53 Münzen des ersten Horts bei "3.90 g – 3.99 g", die der 65 Münzen des zweiten bei etwa 3,1 g, was beides mit meinen Ergebnissen oben gut zusammenpasst

.
Die Grässlichen werden von Yağız mit 520–510 n. Chr. datiert und in einen Zusammenhang mit dem Feldzug der Perser gegen die Skythen gebracht. Das würde auch teilweise erklären, warum diese Münzen so häufig in Thrakien gefunden wurden. Als Prägezeit der Plattnasen wird das erste Viertel des 5. Jahrhunderts angegeben, ebenfalls im Zusammenhang mit persischen Aktivitäten in Thrakien. (Dazu wird aber gesagt, dass der Vergrabungszeitraum des Asyut-Horts von 475 auf 500 v. Chr. rückverlegt wurde, was ich nirgendwo nachvollziehen kann

.)
Yağız schreibt auch noch etwas zur Geschichte von Parion und seinen langen und vielfältigen Beziehungen nach Thrakien, von einem Ursprung der Gorgonenhauptmünzen in Thrakien ist aber nicht die Rede.
Das ist jetzt ziemlich lang geworden

, ich dachte mir aber, wenn ich dem schon so weit nachgehe und mir die Ergebnisse aufschreibe, dann kann ich es auch gleich hier einstellen

.
Gruß
Altamura