Bezahlen in Gold um 1900

Wie zahlten unsere Vorfahren? Was war überhaupt das Geld wert? Vormünzliche Zahlungsmittel

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cepasaccus
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Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von cepasaccus » Di 12.04.11 21:12

Aufgrund diverser Informationen der letzten Zeit kam bei mir das Thema "Bezahlen in Gold" eben so um diese Zeit herum auf. Ein Kiesel des Anstosses war z. B. eine Aussage, dass 1890 das Bezahlen mit einer Goldmuenze im Deutschen Reich eine echte Sensation war. Und in den USA war das Bezahlen mit einer 2 1/2 Dollar-Goldmuenze im Laden in den 1920ern so bemerkenswert, dass man noch den Enkeln davon erzaehlte.

Zur Situation im Deutschen Reich kann ich noch anmerken, dass silberne 5-Mark-Stuecke wohl haeufig waren und es 5-Mark-Banknoten gab. Die Banknoten vor 1900 sind zwar teuer, koennten aber auch damals haeufig gewesen sein und einfach durch den Umtausch in Edelmetall knapp geworden sein. Neben den Reichsbanknoten gab es noch so zwei Dutzend Banken die ebenfalls Banknoten emitierten. Darueber weiss ich aber fast nichts.

Zur Situation in Grossbritannien ist bemerkenswert, dass Crowns, die dem 5-Mark-Silberstueck entsprechen, nur sporadisch ausgemuenzt wurden, angeblich weil sie im Umlauf nicht beliebt waren. Banknoten wurden nur ueber einen Betrag von 5 Pfund und mehr ausgegeben, was ca. 100 Mark entspricht.

Mein Eindruck ist deshalb, dass im Deutschen Reich die Buerger und noch viel mehr der Staat sich an seinem Gold festgekrallt hat wie er nur konnte und der Umlauf aus Silbergeld (Scheidemuenzen) und Banknoten bestand. Dagegen wurde in Grossbritannien mit Geld bis zur Halve Crown (ca. 2.5 Mark) in Silber, darueber mit Halve Sovereign (ca. 10 Mark) und Sovereign (ca. 20 Mark) in Gold und fuer Grossbetraege dann in Banknoten bezahlt. Vielleicht weil man Goldminen (z. B. in Australien) hatte, die dauerhaft fuer Nachschub sorgten wogegen der Deutsche Staat Jahrzehnte von seinem Frankreichfeldzug zehren musste.

Was ist Euer Kenntnisstand? Wie sah es in der Lateinischen Muenzunion und den USA aus?

valete
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Huehnerbla
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Re: Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von Huehnerbla » Fr 15.04.11 08:38

Hallo,

eine Reichsbanknote hatten die wenigsten Deutschen des Jahres 1890 je zu Gesicht bekommen. Denn Reichsbanknoten hatten einen Nominalwert von 100 Mark aufwärts. Das Einkommen eines Facharbeiters lag seinerzeit bei ca. 30 bis 40 Mark die Woche. Zu den Reichsbanknoten gab es noch Reichskassenscheine zu 5, 10, 20 und 50 Mark. Der Gesamtwert der 1890 umlaufenden Reichskassenscheine war allerdings auf 120 Millionen Mark begrenzt. Allein schon an diesen Zahlen kann man sehen, dass der Gebrauch von Banknoten oder Kassenscheinen der normalen Bevölkerung eher fremd war. Eine ebensolche Rolle spielten auch die Scheine der Privatbanken.
Gruß
Jürgen

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cepasaccus
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Re: Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von cepasaccus » Fr 15.04.11 22:44

Ne, 2.5 Mark pro Person ist nicht viel.

Saenks
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Re: Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von KarlAntonMartini » Sa 16.04.11 13:30

Meine Urgroßeltern hatten bis 1914 soviel Geld zusammengespart, daß es für ein Häuschen gereicht hätte. Der Sparstrumpf war offenbar daheim aufbewahrt worden und voller Goldmünzen. Als treue Untertanen folgten sie dann dem Aufruf Gold gab ich für Eisen... - Sie müssen also als arbeitende Leute mit Goldmünzen entlohnt worden sein. Quelle ist meine Großmutter, Jahrgang 1894. - Die Kampagne "Gold gab ich für Eisen" hätte ja keinen Sinn gemacht, wenn nicht tatsächlich in der Bevölkerung größere Goldmünzenmengen vorhanden gewesen wären.
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Re: Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von fareast_de » Mi 29.06.11 19:52

Die Kaufkraft eines goldenen 20 Markstücks um 1900 kann man durchaus mit dem eines 500 Euroscheins von heute vergleichen. Insofern dürfte es klar sein, daß derartige Münzen nur für die Bezahlung bei "größeren Anschaffungen" dienten und im Alltag eines Arbeiters kaum Verwendung fanden. Immerhin waren 20 M um 1900 gleichzusetzen mit dem Wochenlohn eines ungelernten Arbeiters. Die Mieten waren im Kaufkraftvergleich damals eher noch höher als heute, die Wohnungsknappheit in den Ballungszentren für Leute mit kleinen Einkommen sehr hoch. Auch die allgemeinen Lebenshaltungskosten waren höher als heute. Um 1900 kosteten: 1 kg Schweinefleisch 1,50 M, 1 kg Butter 1,86 M (!), 1 Liter Milch 0,20 M, 1 kg Roggenbrot 0,23 M, 1 kg Zucker 0,65 M (!), 1 kg Kaffee 4,15 M (!), 1 Herrenanzug 10 bis 75 M, 1 Zentner Kohle 1,20 M.
Relativ gut ging es nur Facharbeitern mit Spezialkenntnissen, dem höheren Beamtenstand und erfolgreichen Unternehmern. Auch die sozialen Schranken bestanden in einem Ausmaß, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können. Als Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Reichstag dem SPD Parteiführer August Bebel zum Tod seiner Frau kondolierte, errötete dieser zutiefst und sagte später zu Parteifreunden: " Das war das erste Mal, daß mir ein Angehöriger der herrschenden Klasse die Hand gegeben hat !".
Leider sind dann große Teile des deutschen Volkes in der Hyperinflation von 1923 komplett enteignet worden, vom einfachen Arbeiter mit Sparbuch bis zum wohlhabenden Bürger, der sein Vermögen in "Sichtguthaben" angelegt hatte.

Quelle für die angebenen Lebenshaltungspreise: Archiv für deutsche Postgeschichte, Heft 1/ 1976

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Re: Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von Mynter » So 14.08.11 22:38

Die Tatsache, dass die meissten Reichsgoldmünzen in der Erhaltung ss - ss+ vorliegen und sogar Stücke vorkommen, die unter dem Passiergewicht liegen, also eigentlich hätten eingezogen werden müssen, widerlegt, dass Gold im Zahlungsverkehr keine Rolle spielte. Eine interessante Publikation in diesem Zusammenhang : Zilch : Die Geschichte der kleinen Reichsbanknoten.

Aus der Literatur fällt mir hier auch die Stelle aus Falladas " Der eiserne Gustav " ein, in der der Inhalt der Hackendahlschen Hauptkasse beschrieben wird : Füchse in Rollen und lose. Neun Zehnmarkstücke entwendet der missratene Sohn Erich und verprasst sie im Laufe einer einzigen Nacht. Fallada hätte dies sicher nicht so detailliert beschrieben, wenn dieses Nominale im Geldverkehr keine Rolle gespielt hätten.

Ïch glaube, in England war dies ähnlich. Alte Sovereigns in besser als ss muss man suchen.

Münzen, die in der Tat aus dem Banktresor nicht herauskamen und deshalb heute üblicherweise in vz + bis vz-st vorliegen, sind die skandinavischen Goldmünzen der SMU, sie dienten vorwiegend der Golddeckung der Banknoten, mit Ausnahme des schwedischen Fünfkronenstückes, dass 1881 aktiv zur Bekämpfung der Privatbanknoten geschaffen wurde.
Grüsse, Mynter

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Re: Bezahlen in Gold um 1900

Beitrag von vMadai » So 14.08.11 23:23

Mein Ururgroßvater schenkte seiner Gattin ca.1900 zu Weihnachten eine aus Papier ausgeschnittene Jacke, an die er an Stelle der Knöpfe eine Reihe 10-Mark-Stücke angeklebt hatte. Davon wurde mir noch erzählt.

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