Warum sind Münzen rund?

Wie zahlten unsere Vorfahren? Was war überhaupt das Geld wert? Vormünzliche Zahlungsmittel

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Dietemann
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Warum sind Münzen rund?

Beitrag von Dietemann » So 23.09.07 15:15

Ja warum eigentlich sind Münzen in der Regel rund. Diese Frage hat mir gestern meine Frau gestellt und ich konnte sie nicht beantworten.

Ich weiß, dass es auch viereckige, fünf-, acht- und so weiter eckige gibt, in der modernen Zeit ist alles möglich. Im Mittelalter kenne ich jedoch nur Notgeld, sogenannte Klippen, die viereckig waren. Und vor der Erfindung der Durchschußmaschine war es ja sehr aufwändig, die runde Form der Schrötlinge bzw. Platte herzustellen. In meinem Lexikon unter Münztechnik steht, dass dazu 45 % der Arbeitszeit der Herstellung einer Münze erforderlich war. Warum das Ganze?
Sind runde Münzen fälschungssicherer? Halten die Stempel länger, wenn sie rund sind?

Gruß Dietemann
Zuletzt geändert von Dietemann am Mo 24.09.07 15:13, insgesamt 2-mal geändert.

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petzlaff
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Beitrag von petzlaff » So 23.09.07 18:11

Das ist mit Abstand eine der interessantesten Fragestellungen, die seit langer Zeit hier formuliert wurde. Ich bin gespannt auf die sich darauf aufbauende Diskussion.

Ich möchte mal als erster in der Diskussionsrunde folgendes postulieren:

Münzen sind von Anfang an, zumindest in der antiken "alten Welt" rund ausgeprägt oder gegossen worden. Münzen repräsentierten seit jeher künstlerische Ansprüche. Künstlerische Darstellungen, z.B. der antiken Griechen waren oft (vermutlich aus mythologischen Gesichtspunkten heraus) kreisförmig oder innerhalb eines Kreises dargestellt. Offenbar ist die Kreisdarstellung auf das antike Verständnis der Welt an sich und damit des Ursprungs der Kultur zurückzuführen. Auch andere Kulturkreise, insbesondere die der Ureinwohner Amerikas betrachten kreisförmige Darstellungen als "heilig".

Aus künstlerischer Sicht bietet eine runde Münze die ideale Form, Symbole, Tiere, Portraits etc. platzsparend und ausgewogen in eine Idealform zu bringen.

Ich denke, dass hier der Ursprung der allgemein üblichen Münzform zu suchen ist.

Ich bin gespannt auf die anderen Meinungen.

LG
Stefan
Liebe Grüsse

petzlaff

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Zwerg
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Beitrag von Zwerg » So 23.09.07 21:30

Lieber Petzi - erlaube mir eine Korrektur

Interessanterweise sind Münzen ziemlich zeitgleich sowohl in China als auch in Lydien "erfunden" worden - ein Zufall kann dies wohl nicht sein.

In beiden Kulturen waren die ersten Münzen nicht rund. In China gab es das "Gerätegeld", in Lydien passte man anscheinend die Schrötlinge an das Bild an. Eine kleine Trite mit nur einem Hirschkopf war rund, die Phanes-Statere länglich, die Triten vor Krösus mit nur dem Löwenkopf waren rund, die Gold- und Silbermünzen unter Krösus mit Löwe und Stier dann länglich, dem Bild angepaßt.

In beiden Kulturen wurden Münzen dann rund, auch ziemlich zeitgleich. Eine Erklärung liegt für mich nur im technischen Bereich, der meines Wissens bisher nicht ausreichend geklärt ist.

In diesem Zusammenhang ein "Screenshot" der CD der Constantinausstellung in Trier. Im 3. Jahrhundert wurden in Fälschermünzstätten die Schrötlinge von Stangen "heruntergesägt".

Ich freue mich auf eine Diskussion

Grüße
Zwerg
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petzlaff
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Beitrag von petzlaff » Mo 24.09.07 11:27

Das chinesische "Gerätegeld" würde ich nicht als Münzprägung im heutigen Sinn sondern eher als symbolische Darstellung des Wertes bezogen auf den bezogenen Kulturkreis (Ackerbau) betrachten.

Ähnlich verhält es sich wohl mit (nicht geprägten) Geldzeichen wie dem "Kauri"-Geld und dem polynesischen Steingeld.

Bei den lydischen Münzen möchte ich Zwerg recht geben, aber wie Zwerg auch bemerkt spielt zumindest die kreisförmige Formgebung zu Zwecken der künstlerischen Gestaltung eine sehr frühe Rolle.

LG
Stefan
Liebe Grüsse

petzlaff

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Beitrag von wpmergel » Mo 24.09.07 12:22

Hallo,

irgendwie kann ich dem schöngeistigen Aspekt nicht folgen. Etwas in mir sagt, daß man in Bezug auf die Form pragmatischer gedacht hat. Daß sich trotz etlicher, anderer Versuche die Kreisform gehalten hat, muß m. E. (auch) etwas mit technischen Erwägungen zu tun gehabt haben - leider habe ich keine Ahnung, welche das sein könnten... :oops:
Herzliche Grüße aus Waldeck
Wolfgang M.

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Beitrag von chinamul » Mo 24.09.07 13:59

Da kann man mal sehen, daß mitunter gerade numismatische Laien die diskussionswürdigsten Probleme aufwerfen. Wir sollten Dietemann und besonders seiner Frau dafür dankbar sein, auch wenn ich fürchte, daß selbst unser geballter Sachverstand hierzu letztlich nur Spekulatius wird liefern können.
Das chinesische Gerätegeld verschwindet um 250 v. Chr. aus dem Zahlungsverkehr und wird durch die Rundmünze, zunächst noch mit einem runden , bald aber mit dem quadratischen Loch abgelöst. Diese Form überlebt zwei Jahrtausende bis ins 20. Jahrhundert. Daß der Usurpator Wang Mang kurz nach der Zeitenwende wieder Spatengeld und eine spezielle Form der Messermünze gießen läßt, bleibt eine Episode ohne anhaltende Wirkung,
Es sieht tatsächlich fast so aus, als habe sich die Form der runden Münze in einem Evolutionsprozeß als die geeignetste Geldform herauskristallisiert, genauso wie die Strömungsexperimente im Windkanal heute zu einander immer ähnlicheren Autokarosserien führen. Die Designer haben dann ihre liebe Not, die neuen Modelle noch mit einer markentypischen Anmutung zu versehen.
Ich kenne leider keine Untersuchungen darüber, ob die Münzform der Europäer und der Chinesen einander beinflußt haben. Sollten sie das jedoch nicht getan haben, so wäre das ein starkes Argument für die Annahme, daß, wenn zwei so unterschiedliche Kulturen zu so ähnlichen Ergebnissen gelangt sind, es wirklich keine für den täglichen Umgang vorteilhaftere Form gibt als die flache runde Scheibe.

Gruß

chinamul
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KarlAntonMartini
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Beitrag von KarlAntonMartini » Mo 24.09.07 21:52

Der praktische Ansatz liegt mir auch näher. Wenn der Schrötling rund ist, muß sich der Münzer keinen Kopf über den Ansatz des Stempels machen. Bei einem eckigen Schrötling bräuchte man eine Führung des Stempels, die aber beim Prägen mit dem Hammer lästig sein könnte. Und die Stempel wären auch eckig, vielleicht verteilt sich da der vom Prägehammer ausgeübte Druck nicht so gleichmäßig und die Stempel gehen schneller kaputt? Grüße, KarlAntonMartini
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Dietemann
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Beitrag von Dietemann » Do 27.09.07 16:07

Noch ein paar lustige Antworten auf dieselbe (aber nicht von mir) gestellte Frage:
http://iq.lycos.de/qa/show/441067/Warum ... nzen+rund/

B12
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Beitrag von B12 » Do 27.09.07 18:12

man nehme ein Stück Silber und schlage mit dem Hammer drauf,
das Ergebniss wird rund (zumindest oval) sein :-)

Daniel

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Beitrag von petzlaff » Do 27.09.07 18:23

Vielleicht ja auch deswegen die Kreisform, damit man mehrere Münzen besser zwischen den Fingern stapeln kann. Bei eckigen Münzen ist das nicht ganz so einfach (natürlich in Abhängigkeit der Anzahl der Ecken)

LG
Stefan
Liebe Grüsse

petzlaff

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Beitrag von klaupo » Do 27.09.07 22:57

Es gibt halt so Fragen, die lassen sich einfach nicht schlüssig beantworten ... Mich hat mal ein Kind gefragt: "Warum ist in Löchern nichts drin?" Ich mußte die Antwort schuldig bleiben.

Und dann gibt es da noch die achteckigen Rupien aus Assam. Der Zweck dieser Form ist klar - damit sie nicht vom Tisch rollen! Aber eine Frage habe ich bis heute nicht beantworten können: "Was haben die mit den kleinen Vierecken gemacht, die beim Prägen übrig blieben?" :roll:

Gruß klaupo
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Beitrag von didius » Fr 28.09.07 00:17

Nach Indien exportiert, damit die ihre viereckigen Münzen prägen konnten! :P
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klaupo
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Beitrag von klaupo » Fr 28.09.07 10:55

Genial! :D

Gruß klaupo

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Beitrag von diwidat » Fr 28.09.07 15:37

Für diese Formgebung habe ich auch etwas über. Das ist in der westlichen Welt aber seltener zu finden, obwohl unsere Weltvorstellung auch mal von einer Scheibe ausging (Nebra lässt grüßen).
(die Klippen sind Repliken!)
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Beitrag von Westfale » Fr 28.09.07 22:21

Die Vorstellung ging zwar von einer Scheibe aus, aber auch die Himmelsscheibe von Nebra ist rund.

Die Fragestellung mit den runden Münzen finde ich sehr interessant. Ich bin jetzt nicht der Fachman was Münzen und Münzprägung angeht, genaugesagt habe ich von Münzprägung keine Ahnung.

Ich stelle mir also vor, dass man einen Stempel und einen Hammer hat um aus einem Stück Metall eine Münze zu prägen. Um die Münzen möglichst leicht zu prägen sollte die Kraftanstrengung möglichst gering sein und die Kraftübertragung möglichst effizient. Das bedeutet, dass der Stempel an sich höchstens so groß sein sollte wie der Griff des Stempels. Der Griff ist wahrscheinlich rund, damit er besser in der Hand liegt. Wenn man jetzt runde Münzen prägt, kann man den gesamten Platz ausnutzen, bei eckigen müsste man die Münzen so klein prägen, dass das Gebilde in den runden Griff passt.

Das war jetzt mal meine Theorie zu Thema.

Gruß
Lars

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