Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Wie zahlten unsere Vorfahren? Was war überhaupt das Geld wert? Vormünzliche Zahlungsmittel

Moderator: Locnar

Gansguoter
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Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Gansguoter » Sa 04.05.13 22:43

Guten Abend,

wie wurde in frühmoderner oder mittelalterlicher Zeit neues Geld in Umlauf gebracht?

Heute ist es ja nun so, dass die Banken von der Bundesbank bzw. der EZB Geld erhalten im Tausch gegen Einlagen der Banken bei der Zentralbank.

Aber früher, in Zeiten ohne Zentralbank? Hat der Fürst, der über das Münzregal verfügt, aus den Erträgen seiner Silbermine MÜnzen schlagen lassen und ... ja, und dann? Wie kamen die Münzen in Umlauf? INdem er seine Beamten bezahlt hat, und die haben die neuen Münzen dann wieder ausgegeben? Oder?

Viele Grüße

Gansguoter

klaupo
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von klaupo » So 05.05.13 11:44

Eine gern gepflegte Methode, neues Geld in Umlauf zu setzen, war die Münzverrufung - grob gesagt, umlaufendes Geld für ungültig zu erklären, einzuziehen und gegen das neue Geld einzutauschen. Einen einführenden Einblick in diese gewinnträchtige Praxis findest du hier:

http://www.reppa.de/lex.asp?link=Munzverru.htm

Gruß klaupo

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platinrubel
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von platinrubel » So 05.05.13 13:58

Oh, das ist ein richtig interessantes Thema. Die Münzverrufung wurde ja schon angesprochen.
Im Normalfall gab es eine jährliche Münzverrufung, wo dann das Geld "ausgetauscht" wurde.
Hier waren Markt ode Messetage meist ein zeitlicher Rahmen. Der Grund ist einfach, an diesen Tagen war in den Städten/Marktorten das meiste Geld auf den Beinen...
Aber wie wurde das Geld nun an den Mann gebracht? Banken und Kreditinstitute wie wir sie heute kennen, existierten noch nicht.
Das geschah dann mit Hilfe der Geldwechsler, welche zum vorgegebenen Wechselkurs + einer Gebühr, alte gegen neue Münze tauschten.

Die Geldwechsler "kauften" die neuen münzen defacto ja beim münzherren ein. auch durch staatsaufträge im bereich des handwerks und gewerbes wurde das neu geld in verkehr gebracht und verteilte sich so.
über den mittelalterlichen geldkreislauf gibt es auch viel literatur.

aber viele menschen hatten mit geld auch gar nicht viel zu tun. - nicht weil sie arm waren, sondern weil im mittelalter der tauschhandel noch sehr rege betrieben wurde. ware gegen ware/dienstleistung war üblich, und auch die steuerlast konnte in eiern hühnern oder roggen etc. abgegolten werden.

Gansguoter
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Gansguoter » So 05.05.13 14:21

Wenn ich es richtig sehe, ist die Münzverrufung eine Sache der frühen und hohen Mittelalters (laut Lexikon des Mittelalters ab 10. Jh. nachweisbar; Höhepunkt scheint das 13. Jh. zu sein) und ist eine frühe Form der Besteuerung. In dem Moment, in dem die Herdsteuer eingeführt wurde - spätestens im Spätmittelalter - entfiel die Münzverrufung, ebenso nach Verhandlungen etwa der Städte mit dem Münzherrn.

Bleibt die Frage, wie man sich das im 17. und 18. Jh. vorzustellen hat. Heute geben die Staatsbanken so viel Bargeld aus, wie für den Geldverkehr notwendig sind, und das um Umlauf befindliche Papier- und Münzgeld stellt ja nicht mehr den Wert an sich dar, der durch das Buchgeld abgebildet wird.

WEnn ich es richtig sehe, muss aber doch bis ins 18. Jahrhundert (oder 19. Jh.?), solange es einen Gold- oder Silberstandard gab, das Bargeld auch der tatsächlich existenten Geldmenge entsprochen haben.

ES ist verständlich, dass z. T. neu geschlagene Münzen in Umlauf kamen im Tausch gegen abgegriffene Münzen; die eingezogenen Münzen dürften dann eingeschmolzen und zu neuen geprägt worden sein.

Aber mir scheint es, dass der Landesherr mit dem Berg- und Münzregal über die Möglichkeit verfügte, nach Gutdünken neues Geld in Umlauf zu bringen. Das Silber aus dem Bergwerk gehört ihm, dem Landesherrn, und daraus kann er neue Taler prägen lassen, wenn er denn will. Kam das dann nur über Staatsausgaben in Umlauf? Also: Der Fürst stellt ein Regiment auf, zahlt seine Soldaten mit seinen neuen Talern, und damit geht das Geld in den Umlauf?

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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Numis-Student » Mo 06.05.13 10:51

Hallo,
auch bis in die heutige Zeit gibt es Währungswechsel (Reichsmark zu DM, Ostmark zu Westmark, DM zu Euro...) und auch damals gabe es das, zB wenn ein neuer Münzfuß beschlossen und verwendet wurde.

Ansonsten ging der Hauptteil der frischen Münzen wohl über Soldzahlungen, staatliche Einkäufe für das Heer, etc in Umlauf.

MR

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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Lutz-der-liebe » Fr 10.05.13 16:03

Hallo zusammen,

ein weiterer Weg "neues Geld" in Umlauf zu bringen, war bei Herrschaften ohne eigene (Silber-)Bergwerke verbreitet (z.B. Brandenburg im 17.Jahrhundert):
Man kauft Roh-Silber (Anfangsinvestment) mit schon existierendem Geld.
Dann wird das Silber vermünzt und mit den neuen Münzen wird wieder Silber gekauft. Und wieder von vorn.
Dummerweise funktioniert das nur, wenn die Münzen leicht "unterwertig sind", da ja die Herstellung selbst auch was kostet.
- Man kauft Silber für 100 Taler und prägt daraus (Klein-)Geld im Nominal von (sagen wir mal) 103 Talern.
- Für 100 Taler kauft man wieder neues Silber, von den restlichen 3 Talern werden die Münzangestellten bezahlt und letztlich der Landesherr ("Schlagschatz").
- und von vorn....
Das geht aber nur so lange, wie die Handelspartner die leicht unterwertigen neuen Münzen trotzdem nehmen. Ansonsten kostet die gleiche Menge Silber dann 102 bis 103 Taler von dem neuen Geld.
Dann werden die nächsten Münzen dann noch ein wenig "leichter".... und man bekommt eine schöne, kleine Teuerung....

An dem Problem sind letztlich alle möglichen Münzordnungen gescheitert....

Viele Grüße
Lutz

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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von jot-ka » So 30.06.13 13:49

Hallo,
da habt Ihr aber ein sehr heikles Thema angesprochen.
War der Prägeort auch immer der Emissionsort ?
In Brandenburg (mein Sammelgebiet) ist meiner Meinung nach nur klar,
daß bei den städtischen Prägungen die Münzen auch in der jeweiligen Stadt in den Umlauf gebracht wurden.
Bei allen markgräflichen und kurfürstlichen Prägungen findet man in der Literatur keine Angaben oder Vermutungen
über die Identität von Prägeort und Emissionsort.
Bei den vielen Betrügereien durch Münzmeister und Wardeine könnte ich mir eine strenge Kontrolle
durch den jeweiligen Kurfürsten durchaus vorstellen.
Wurden die Münzen erst zentral gesammelt, gezählt, portioniert und dann definiert über das Land verteilt ?
Das sind nur so Gedanken von mir.
SG, jot-ka

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Gerhard Schön
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Gerhard Schön » So 30.06.13 15:16

jot-ka hat geschrieben:Bei den vielen Betrügereien durch Münzmeister und Wardeine könnte ich mir eine strenge Kontrolle durch den jeweiligen Kurfürsten durchaus vorstellen.
Der Wardein war als Beamter des Landesherrn für die Kontrolle der neu geprägten und sonst im Lande umlaufenden Münzen zuständig.
Gruß,
gs
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Rezo
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Rezo » So 27.10.13 00:25

Interessant ist wie Silbergeld in Umlauf kam, als es noch nicht gemünzt, sondern gewogen wurde (Wägegeld). Dort, wo Silber gefunden wurde, förderten es die Leute, meistens in Erzen. Die mussten zuerst ausgeschmolzen werden. Dann konnte das Silber ganz einfach gegen Güter aus anderen Orten getauscht werden. Mit so und so viel Silber konnte diese oder jene Menge Weizen, Wein, Oliven, Stoff, Holz und so fort gekauft werden. In der Folge wurde Silber entweder zu Schmuck verarbeitet, als Werkstoff eingesetzt oder eben wiederum als Zahlungsmittel eingesetzt. Könige statteten ihre Kaufleute damit aus und schickten sie los, um allerlei Waren zu beschaffen. Nach und nach wurde das Silber von Ort zu Ort, von Besitzer zu Besitzer weitergegeben.

Von einer anderen Art der Geldeinführung las ich vor wenigen Wochen. In manchen Kulturen wurden / werden Schätze als sogenanntes "Hortgeld" von Generation zu Generation vererbt. Mit der Zeit fing man an, mit dem Hortgeld zum Beispiel die Mitgift bei einer Heirat oder Opfer-/Busszahlungen im Interesse der Familie zu begleichen. Das bisher nur als Vermögensspeicher gehortete Geld - das Hortgeld eben - wurde je länger je mehr auch zum Zahlungsmittel. Nachlesen könnt ihr das zum Beispiel hier: http://books.google.ch/books?id=5yJr8u4 ... ld&f=false


Grüsse,
Rezo

Andechser
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von Andechser » So 27.10.13 08:53

Da wird aber vieles einfach vermischt. In Kulturen ohne Münzgeld, also gerade in Hortungskulturen, wurden Edelmetalle oder andere prämonetäre Zahlungsmittel nahezu nie zum Kauf von Lebensmitteln oder ähnlichem eingesetzt. Da ist die Forschung inzwischen deutlich weiter als sie es in den 50 Jahren des letzten Jahrhunderts war. Zu dem Thema empfehle ich dir von David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre.

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KarlAntonMartini
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Re: Wie wurde neues Geld ausgegeben?

Beitrag von KarlAntonMartini » So 27.10.13 09:48

Gansguoter hat geschrieben: WEnn ich es richtig sehe, muss aber doch bis ins 18. Jahrhundert (oder 19. Jh.?), solange es einen Gold- oder Silberstandard gab, das Bargeld auch der tatsächlich existenten Geldmenge entsprochen haben.
Nein, Buchgeld gab es durchaus. Zwar erleichterten manche Arten (Wechsel, Kerbhölzer) den Geldtransport, aber sie stellten auch ein kurzfristiges Kreditmittel dar. Bei den ab dem späten Mittelalter in den großen Handelszentren entstehenden Bankhäusern gab es auch Einlage- und Kreditgeschäft. Auch die Staats- und v.a. Kriegsfinanzierung erfolgte oft mit von privaten Bankhäusern gegebenen Krediten. Grüße KarlAntonMartini
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